Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Pferdeäpfel in der Luft" und den Griffel in der Hand, daraus eine Geschichte zu erdichten ist die Herausforderung und das Geheimnis des Schreibens. Und was sind diese Pferdeäpfel? Wir sind es und was uns umgibt: alles, was da frei schwebt, einmalig ist und erdverbunden, Neugier weckt, rätselhaft, hinterfragwürdig und wunderlich erscheint; Fallobst und Scherz, Geschichte und Schmerz. Womit wir bei den Texten in diesem Band sind. Darin begegnen uns Wölfe, Motten und ein Wombat, ein Gaul, ein Selbstmörder und ein Bischof, der so gar nichts Pastorales hat, da tost ein Tobel und die Frau des Autors verschwindet bei der Lorelei im Rhein, da finden wir uns auf einem irischen Bauernhof wieder und werden Zeugen eines Verkehrsunfalles im Sachsenhausen Goethes; da geht die Krimi-Mimi auf Spiekeroog auf Verbrecherjagd und findet Unerwartetes; eine Nappsülze und eine italienische Mama mit Schnorres begegnen sich nicht, dafür wir dem Autor in Lederhosen und als Neandertaler, im Kampf mit dem eigenen Schutzengel und mit Rippenbrüchen in der Oper von Riga; da treffen wir auf einen unglücklichen Sauerampfer und auf erklärliche und unerklärliche Träume und auf Klein-Lucie, die ihre Familie mit Pillen zum Staunen bringt. Alles Pferdeäppel.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jörn Dörfel, Jahrgang 1941, hat zeitlebens Erlebtes, Gesehenes und Begegnungen aufgeschrieben, Schönes, Humoriges, Wunderliches, Kurioses und weniger Erbauliches aus Familie und Beruf festgehalten. Bevorzugte Textsorten waren Briefe und Reiseberichte, später Tagebücher. Doch erst nach seinem Ausscheiden aus dem Beruf nahm er das Schreiben ernsthaft in den Blick, das autobiografische wie das fiktionale. Seither hat er viele Schreibseminare besucht, seine eigene Biografie fast fertig geschrieben und unzählige Geschichten und Storys, Texte und Gedichte verfasst, von denen einige hier versammelt sind. Sie geben – hoffentlich – die Fabulierlust, die den Autor beim Schreiben erfasste, wieder und die Freude darüber, Unbekanntes in sich zu entdecken. Dankbarkeit erfüllte ihn für die Anregungen aus den Schreibgruppen, aber auch das Eingeständnis des Scheiterns bei so manchen Übungen fehlt nicht. Gerade hier ist der Autor dankbar für Denkanstöße und Ideen seiner Leser und Leserinnen.
Vorweg
Teil I
Der Barbier von Savonlinna
Watt’n Wurm
Sturz eines Korsaren
»Du kriegst die Motten!«
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
Ein Tag im Leben einer Nappsülze
Libretto für Wagner
Rainer B.
Tabula rasa
Of mounts and men
Herbst in der Provence
Teil II
Was tun eigentlich die Figuren in einem Buch, wenn es gerade niemand liest?
Vater-Sohn-Bild von Lucian Freud
American Gothic Fairy Tale
Der amerikanische Traum
Holy Shit!
Windsbraut
Der Wolf (1)
Der Wolf (2)
Limericks
Bayern verwechseln Frankfurt mit Wies’n
Lucie und die Stille
Teil III
»Never a dull moment«
Der Zug der Zeit
Beim Barte des Erzählers, oder: Haarig, haarig, ich sage Euch
Der letzte Vorhang
Zwischenwelten
Karsee
Every Cloud has a Silver Lining
Vereinsausflug
Unterwegs sein
Von der Wiege bis zur Bahre
DENÜCRIKE einer Ausstellung
Klickerfest
Teil IV
Bei Tchibo
Berliner und der Apfelwein
Handwäsche
Meine zehn bevorzugten Worte
Als die Morgensonne in einem bestimmten Winkel hereinfiel, …
Ich bin der Größte!
»Du bist, was du trägst«
Thema: Verwandlung und Märchen
»Weihnachten fällt dieses Jahr aus!«
Lebensbilder
Der Neandertaler in mir
Tierischer Lebenslauf
Wir mögen doch bittschön unsere Lebensphasen mit Pflanzen vergleichen
Omi und die Mohnpielen
Beziehungskiste
Übergang / Übergänge
Im Rückspiegel
Die Tonspur meines Lebens
Oase
Teil V
Der Pensionör hat’s schwör
Sauerampfer
Lechts – rinks
Simsalabim
GLEICHJETZT
Was habe ich gemeinsam mit den Kastanien?
Bildnachweis
Wie kommt man zum Schreiben? Der genialische Typ (sehr selten) fängt früh an und macht alles richtig. Leute wie ich fangen früh an und verbuddeln schamhaft alle ihre Notizen und Werke tief in Zettelkästen oder, noch besser, entsorgen sie in Papierkörben. Das war sozusagen meine frühe Phase. Immer war Schreiben für mich Bedürfnis, Arbeit und Frustration. Mit den Jahren kamen Spaß und Anregung hinzu. Von all dem steckt etwas in diesem Buch. Es enthält Texte, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren verfasst habe. Im ersten Teil sind all jene versammelt, die von mir unbedingt geschrieben werden wollten. (Zu dieser Kategorie gehören auch die Gedichte im Nachklapp, dem fünften Teil.)
Dann habe ich eine erkleckliche Anzahl Früchte meiner Bemühungen, unter fachkundiger Anleitung das Handwerk des Schreibens zu lernen, hier versammelt (Teile II – IV). Dabei ist naturgemäß das Autobiografische stark vertreten, aber auch das Fiktionale, das mir mehr und mehr am Herzen liegt – aber beides ist nicht immer zu trennen. Manchmal habe ich beim Schreiben etwas von mir und über mich gelernt, sehr zu meiner eigenen Verblüffung. Zumeist bin ich sehr ernst an die Aufgaben gegangen, zu anderen Malen habe ich still vor mich hin geblödelt, das hat mir dann besonders viel Spaß gemacht.
Was ich in rund zehn Jahren in diversen Schreibwerkstätten der Frankfurter U3L (Universität des Dritten Lebensalters), der Volkshochschule und einer langjährigen Gruppe in Oberursel vor allem gelernt habe, ist, wie Menschen lesen. Sobald einem der Text dem Zaum seiner Zähne entwichen oder dem Schreibwerkzeug entflossen ist, hat sein Autor keinen Einfluss mehr auf die Rezeption seines Werkes. Jeder liest anders. Oder, wie es mal jemand gesagt hat, der Leser ist der andere Autor.
Dabei musste ich, nachdem ich viele Texte in den Gruppen vorgetragen und /oder vervielfältigt vorgelegt hatte, feststellen, dass sie für manche LeserInnen Einschätzungen, Ebenen und Gefühle enthielten, die mir überhaupt nicht bewusst waren und die mich oft positiv überraschten. Andererseits kamen auch Kommentare, die mich ratlos machten. Der Klassiker für mich ist, als eine Zuhörerin am Ende meines mündlich vorgetragenen Textes »Buntes Berlin« sagte: »Zu viel Birke!« Zu Hause las ich noch einmal nach und zählte alle Birken im Text zusammen und kam – auf eine.
Die Nachbesprechungen der Texte in den Schreibgruppen waren aber mit das Beste dieser Veranstaltungen. In der Kritik anderer Texte schärft man seine eigenen Wahrnehmungen, seine Kriterien und seinen Blick für das selbst Verfasste. Gelegentlich stelle ich hier Diskussionsbeiträge und Feedback aus den Gruppen und eigene Anmerkungen an das Ende meiner Texte.
Steht man mit seinen Werken ungeschützt auf dem Präsentierteller der Beurteilung, lernt man ebenfalls viel, nicht zuletzt die Empfindlichkeit, das schnelle Beleidigtsein zu überwinden, wenn man auf eine kritische Resonanz auf das eigene, tief empfundene, ach so gute und wahre Werk stößt. Ich wurde schnell abgehärtet (na ja, ganz so schnell ging es nicht).
Ich liebe es, im Garten der Textsorten mein Unwesen zu treiben, weswegen die Leser hier auch so manches versammelt finden: kurze bis sehr kurze Geschichten, Reflexionen, Reiseschnurren, Satiren, Essays, Texte zu Bildern, ein Porträt, Zeitungsartikel, ein paar Limericks und Gedichte und selbst einen Insel-Krimi. Was man aber nicht in diesem Bändchen finden wird, sind Leserbriefe – als ich in Pension ging, schwor ich mir, ich werde nie einen Leserbrief schreiben, selbst wenn mich irgendetwas noch so sehr ärgert.
Kurz zum Aufbau des Buches: Im ersten Teil ist eine Anzahl von Texten versammelt, die ich aus eigenem Antrieb, das heißt ohne »kreative« Hilfen von außen verfasst habe. Entweder trug ich mich mit der behandelten Thematik lange herum (zum Beispiel in Tabula rasa), oder sie entstanden aus (leidvoller) aktueller Erfahrung (Sturz eines Korsaren, Never a Dull Moment) oder schlicht aus Jux und Tollerei (Traumsage, Libretto für Wagner).
In den Teilen II – IV tummeln sich Geschichten, die in verschiedenen Schreibseminaren entstanden sind. Damit der Leser in etwa weiß, in welchem Zusammenhang die Texte entstanden sind, habe ich einige, zumeist sehr verkürzte, Hinweise auf die Aufgabenstellungen vorangestellt. Wer sich durch die Texte oder die gelegentlich im Anschluss daran angefügten Bemerkungen und Kommentare angeregt oder herausgefordert fühlt, alternative Geschichten zu schreiben, ist herzlich eingeladen und sollte mir diese zukommen lassen.
Die Geschichten im dritten Teil sind jüngsten Datums und in den intensivsten aller Schreibseminare entstanden. Jede einzelne Sitzung wurde in einer 15- bis 20-minütigen ausführlichen Darstellung der anvisierten Problematik und Schreibtechnik (etwa: szenische Darstellung, Dialog, Rückblende, innerer Monolog …) eingeleitet. Dann hatten wir eine halbe Stunde Zeit, unsere Texte dazu zu entwickeln, und schließlich wurden sie im Anschluss daran kommentiert und diskutiert. Das ergab oft noch weitere Tipps für die ausführliche Bearbeitung zu Hause. Eine besonders befriedigende und herausfordernde Veranstaltung war »Schreiben vor Ort«, das wieder nach anderen Regeln arbeitete.
Im vierten Teil habe ich die weiter zurückliegenden, von mir so genannten Viertelstundenquickies zusammengestellt, die ich über mehrere Jahre in der Schreibwerkstatt Oberursel verbrochen habe. Und im fünften und letzten Teil sind einige launige Gedichte versammelt.
Im Tourist Office des Städtchens Savonlinna im finnischen Seengebiet fragte ich nach einem Frisör, denn ich war für eine Schur fällig. Ich wagte das, denn selbst für den Fall, dass mich ein Finne, im Nebenberuf Holzfäller, in die Finger kriegen sollte, könnten die gröbsten Lücken wieder zuwachsen, bis wir in Frankfurt sein würden. Die nette Dame im Infobüro zeigte mir auf einer Stadtkarte eine komplizierte Route, die zu einem Frisör im Hinterhof eines modernen Gebäudequadrats führen sollte. Was mir aber sehr viel besser gefiel, war, dass der besagte Barbier draußen an der Straße eine Ampel habe, die, wenn sie auf Grün stünde, dem Langmähnigen den sofortigen Scherenzugriff versprach.
Bei Tanen Parturi-kampaamo angekommen, wurde mir in gebrochenem Englisch mitgeteilt, ich müsste doch noch zehn Minuten warten. Während Claudia sich anschickte, in den Geschäften des Örtchens etwas zu entdecken, das ihr helfen würde, den Wildwuchs auf ihrem Konto zu beschneiden, wartete ich am Tischchen mit den unverständlichen Zeitungen. Zwei junge Finninnen richteten zwei ältere Finninnen her, während der Meister sich an einem spärlich behaarten Männerkopf zu schaffen machte. Wenn er meinen Kopf später ebenso bearbeiten würde, würde ich viele Haare lassen, doch tat er das immerhin sehr akkurat. Was mich verwunderte, war seine eigene Mähne: etwas wild verwirbelt, mit einer langen Außenwelle über dem Kragen, irgendetwas vom Ende der Sechzigerjahre. Eigentlich nur erklärbar, wenn er der einzige Haarschneider des Städtchens war und seinen Assistentinnen absolut misstraute.
Während er mich mit Wasser einsprühte und dann flink die Schere fliegen ließ, gab er ein paar unverständliche Äußerungen von sich, die mich den Verdacht hegen ließen, er spräche irgendetwas Deutsches. Über ›Lampertheim‹ hinaus waren immerhin noch ›Fabrik‹ und ein Eigenname (?) zu decodieren. Eine Konversation ließ sich darauf nicht aufbauen, auch nicht auf Englisch. Doch wie aus dem Nichts kam der deutliche Satz »Ordnung muss sein!« Das berührte mich einerseits etwas peinlich, ich beantwortete es aber mit anerkenndem Grinsen in der Hoffnung, noch weitere zusammenhängende Äußerungen würden folgen. Ich irrte. Wir verfielen in Schweigen, während dem ich die Fortschritte verfolgte, mit denen Tanen Parturi (der Coiffeur) auf meinem Kopf eine deutsch-ähnliche Ordnung zu schaffen sich bemühte.
Ehe die Stille zu drückend wurde, fragte ich ihn, ob er in Lampertheim gearbeitet habe, was nur ein unverständliches Gemurmel zur Folge hatte und eine adrette Frau mit ponyhafter Frisur erscheinen ließ. Er stellte sie als seine Frau vor. Ich: »Nice to meet you«, denn sie sprach, bedächtig zwar, aber gut verständliches Englisch.
Es war offensichtlich: sie waren beide von tiefem Stolz über ihr Tun erfüllt. Anders war nicht zu erklären, warum sie sich mir – als Deutschem? – unbedingt verständlich machen wollten. Jedenfalls erzählten sie mir mit vollem Ernst – das heißt, sie tat es unter gelegentlicher finnischsprachiger Assistenz ihres Gatten –, dass sie seit ewigen Zeiten von der besagten deutschen Firma, die es seit 150 Jahren in Lampertheim gäbe, Perücken und Toupets bezögen. Sie seien eines der wenigen Kleinunternehmen Finnlands, das sich darin spezialisiert habe. Sehr viele Frisöre kämen zu ihnen, ließen sich von ihnen beraten und ausbilden und kauften bei ihnen die diversen Haarteile für ihre bedürftigen Kunden. Und um die Exzellenz insbesondere der von ihnen vertriebenen Toupets zu illustrieren und seine Expertise in Sachen künstlicher Haarpracht zu demonstrieren, drehte der Chef neben mir eine Pirouette, lupfte kurz sein eigenes Toupet, unter dem eine fortgeschrittene Platte aufblitzte und bedeutete mir mit einem geradezu schelmischen Ausdruck: »Das ist Qualität!« Ich warf eher schüchtern und in der Absicht, zu dem Vortrag meinen Anteil zu leisten, ein, dass ich ja glücklicherweise noch meine eigenen Haare hätte und noch keines ihrer Toupets bedürfe. Das focht sie nicht im mindesten an. Um dem Gespräch eine leichte folkloristische Richtung zu geben, fragte ich, wie es sich mit den Haarteilen verhalte, wenn die Finnen, die diesem Brauch ja bekanntlich ausgiebig frönten, in die Sauna gingen: müssten sie sie vorher ablegen oder im Vorraum auf einen Haken hängen?
Sie nahmen die Frage auf, wie sie nicht gemeint war, und erklärten mir mit sachlicher Akkuratesse den Unterschied zwischen trockener und feuchter Hitze und ihre Wirkung auf künstliche Haarteile. Im ersten Falle müsse man Perücke und Toupet ablegen, im zweiten sei das nicht notwendig. »Are they made from real hair or some artificial stuff«?
»They are made of fibre«, erklärte mir Mrs. Parturi, und ihr Mann zupfte vor meinen Augen ein paar Beispiele aus seiner Jackentasche und klemmte sie in ein kleines rundes Messgerät, auf dem ich bewundernd die Messwerte (vermutlich die Stärke der Faser) zur Kenntnis nehmen sollte. Ich nickte unbestimmt zustimmend, denn ohne Brille konnte ich mir auf diese kurze Entfernung keine Meinung bilden.
Währenddessen war er mit dem Stutzen und Aufräumen auf meinem Schädel doch fertig geworden, und ich zeigte meine Bewunderung für seine Arbeit. Wenn Frankfurt nicht so weit weg wäre, würde ich ja glatt wiederkommen! Das Wort Frankfurt löste einen Schwall schwärmerischer Äußerungen über eine Fachmesse aus, die er und seine Frau mehrmals dort besucht hätten. Auf diesen hätten sie auch viele Japaner getroffen und sich mit ihnen fachsimpelnd ausgetauscht. Wie zur Bestärkung zeigte er mir einschlägige japanische Prospekte zur Förderung und Verbreitung künstlicher Haarteile in 15 verschiedenen Farbtönen. Das fand ich überraschend, denn als Claudia und ich in Japan waren, gab es für uns nur einen: der Japaner hat schwarzes Haar.
Der Barbier und Haarteile-Meister Parturi war nicht mehr zu bremsen, vor allem als ich noch auf die Möglichkeit von Implantaten hinwies. Die seien gar nicht mehr notwendig, denn stattdessen gäbe es dieses hier – und er griff zu einer Dose, in der ich Schnupftabak vermutete. Er schüttete sich ein feines schwarzes Pulver in die Hand, das sich bei näherer Betrachtung als kurze, kleine Fasern herausstellten, die sich geradezu magnetisch an die Handfläche anlegten. Die könne man auf die kahlen Kopfflächen der Herren auftragen und damit den Eindruck vermitteln, es wüchsen dort, zart zwar, aber überzeugend Härchen nach. Auf meine Nachfrage, ob sie eine Haarwäsche überlebten, kam die Antwort, dass sie nur von Shampoonierung zu Shampoonierung hielten. Angeblich würden sie (mir durch kartonierte Bildtafeln mit Beispielen behandelter japanischer Schädel dokumentiert) sich an die noch vorhandenen Härchen anlehnen, sie kräftigen und, ja, auch zum Wachsen verleiten.
Zum Abschied bekam ich neben einer Rechnung über 28 € nicht nur eine Visitenkarte, die den Meister als Coiffeur und Kosmetologen auswies, sowie weitere Orientierungshilfen in Sachen Toupet mit auf den Weg, sondern auch ein Fläschchen »Kräutershampoo« (das Wort kannte Madame tatsächlich auf deutsch) in die Hand gedrückt. Als ich die Ingredienzen dieses »Yrttishampoo« studierte, fand ich acht winzig klein gedruckte, dicht gedrängte Zeilen mit unzähligen Bezeichnungen für Chemikalien, dass mir angst und bange wurde und ich den Verdacht nicht von mir weisen mochte, nach Anwendung dieses Gebräus würden mir die Haare ausfallen. Ich sehe der ersten Verwendung des Shampoos doch mit einer gewissen Beklommenheit entgegen, denn ich hoffe, bei weiteren Besuchen internationaler Coiffeure noch so manches Haarige zu erleben.
Die Krimi-Mimi, nachdem sie jahrelang in ihrem Buchladen denen Inselkrimis empfohlen hatte, die von ihr eine Lektüreempfehlung haben wollten, da sie ihren nächsten Urlaub an der Nordseeküste zu verbringen gedächten, hatte beschlossen, selbst einmal dorthin zu reisen, nicht zuletzt angestachelt von der enttäuschten Reaktion einer Kundin, die nach ihrer Rückkehr meinte, dort sei es so langweilig, außer dass einem Wanderer mal ein Schaf auf den Fuß schisse, passiere dort kein Verbrechen. (Der berühmte erste Satz eines literarischen Textes – aber keine Sorge, es wird besser.) Das wollte sie doch einmal selbst sehen, ein Landstrich Deutschlands ohne Crime? So stand sie jetzt auf Deck der Spiekeroog III, während die Fähre langsam am Kai der Insel festmachte.
Adelheid Mimosa Knellwolf, wie sie zu ihrem Leidwesen mit vollem Namen hieß, eine kleine Frau mit sanfter Stimme und Dutt, der man eher einen Tee- als einen Krimibuchladen zutraute, ging über die kurze Gangway ans gepflasterte Ufer und hob ihren Koffer aus einem der Container, in denen alle großen Gepäckstücke während der Überfahrt transportiert werden, herunter. Man hatte ihr gesagt, es würden genügend Bollerwagen am Hafen zur Verfügung stehen, mit dem sie ihr Gepäck ins Hotel fahren könne. Seltsam, am Telefon hatte es geklungen, als gäbe es mehr als genug.
Sie checkte in der Spiekerooger Leidenschaft ein, ein in ihren Augen selten dämlicher Name für ein Hotel, aber Bilder und Beschreibung hatten sie überzeugt. Wenn hier die Leidenschaft auf ein Gebäude beschränkt bleibt, dann passiert wohl wirklich nicht viel auf der Insel, dachte sie. Am Abendtisch begann sie mit ihren Nachforschungen nach eventuellen Untaten auf der Insel, aber die Bedienungen stammten entweder aus Polen, der Ukraine oder aus Sachsen, die wussten von nichts. Eine ältere Dame aber, die sich als treue Besucherin der Insel herausstellte, meinte vor ein paar Jahren von einem noch jungen Mann gehört zu haben, der auf nicht ganz geklärte Weise ums Leben gekommen sei. Na, das war doch schon mal was, Adelheid würde dem nachgehen.
Im Inselcafé, in dem sie am nächsten Tag unweigerlich landete, fragte sie die Bedienung direkt, was es mit dem Toten von früher auf sich gehabt habe, während die junge Frau ihr eine Rumflockensahnetorte XL über die Ladentheke reichte. Aber auch sie hatte keine Ahnung und musste erst die einzige einheimische Verkäuferin fragen. Es war gerade nicht so viel los im Laden, so konnte diese nachgrübeln. »Ja, da gab’s mal einen Toten im Schwimmbad. Der trieb am Morgen, als es geöffnet wurde, im Wasser rum. Ich glaube, der hatte sich am Abend zuvor einschließen lassen, wahrscheinlich, um das Becken für sich alleine zu haben. Vielleicht hat er dann beim Schwimmen einen Krampf bekommen oder einen Herzschlag, vielleicht ist er auch eingeschlafen, keine Ahnung. In der Regel saufen die jungen Kerle eher im Meer ab.«
Als Adelheid über die Dünen zum Strand ging, überhörte sie die aufgeregte Stimme eines kleinen Buben, der sich nicht einkriegen konnte, dass er gerade einen toten Seehund am Strand gesehen hatte. »Ja, ja, Benny«, sagte der Vater, »wir gehen jetzt zur Polizei und melden das.« »Au, ja!« Adelheid beschleunigte ihre Schritte und sah auch schon den Auflauf von Menschen, die sich am Tatort versammelt hatten. Tatort? Na ja, man wusste ja nichts Genaues. Das Tier lag weitgehend unbeschädigt da, aber hatte es nicht eine Beule da am Kopf? Sie zückte schon ihre Handschuhe, um den Seehund umzudrehen, konnte sich aber gerade noch bremsen. Das musste die Polizei untersuchen, klar. Wie kommen Seehunde um, fragte sie sich. In Kanada werden sie jedes Jahr tausendfach erschlagen und dann zieht man ihnen das Fell ab. Es schauderte sie bei dem Gedanken. Immerhin, dieses Tier hatte noch seine Haut – aber vielleicht war der Täter bei seinem schändlichen Tun überrascht worden?
Nachdenklich ging sie ins Dorf zurück. An einer Straßenecke fuhr ein kleiner Junge auf seinem Fahrrad – »Mama, kuck mal, ohne Hände!« – knapp an ihr vorbei, genau genommen streifte er sie und sie erschrak heftig. »Unverschämter Lümmel«, rief sie, was natürlich einen wilden Aufschrei der empörten Mutter nach sich zog. »Wenn Sie Kinder nicht leiden können, dann machen sie doch Urlaub anderswo!« Adelheid verwünschte die grenzenlose Verwöhnung der Kinder heutzutage und sah diesen kleinen Racker schon zu einem kriminellen Halbstarken heranwachsen, der dann auf dem abgelegenen Damenpad einsame Frauen überfallen würde, um sie auszurauben. Sie konnte nur hoffen, dass er an eine geraten würde, die nicht am Anfang eines Wochenkurses »Wir machen Frauen stark!«, sondern am Ende einer solchen Woche stehen würde. Wo hatte sie den Hinweis noch mal gelesen? Wahrscheinlich im Schaukasten eines jener vielen Heime der evangelischen Kirche oder des Müttergenesungswerks, die die Insel bevölkerten.
Am nächsten Morgen beim Frühstücksbüffet kam sie mit einem netten jungen Mann ins Gespräch, der recht gutes Deutsch mit englischem Einschlag sprach, einem Englisch freilich, das sie nicht in England ansiedelte. Es stellte sich heraus, dass er aus Kanada stammte. Kanada? Ihr Misstrauen war geweckt. Sie verwickelte ihn in ein Gespräch und erfuhr, dass er tatsächlich oft in der freien Natur, in den Wäldern und an den Küsten seines Heimatlandes zubrachte. »Und stimmt es, dass Sie alle zu Hause Waffen haben?« fragte sie. »Ja, fast jeder hat eine Waffe, und viele gehen auch gerne jagen. Ich selbst habe kein Gewehr oder so was.« Das beruhigte sie jedoch keineswegs, denn Seehunde werden ja eher erschlagen als erschossen.
Als Adelheid weiterhin die Menschen nach Verbrechen befragte, die auf der Insel stattgefunden hätten, stieß sie zumeist auf empörte Reaktionen, mindestens aber verständnislose. Im skurrilen Muschelmuseum war man etwas entspannter und erzählte ihr von einem Phänomen, das man seit einigen Tagen beobachtet habe. Auf einem Strandabschnitt nach Westen zu, in der Nähe der alten geziegelten Spundwand, habe man zwei, drei tote Möwen gefunden, die kopfüber im Sand steckten, wie man einen Pfosten gespitzt in den Boden rammt. Man könne sich das überhaupt nicht erklären, habe aber die Tiere sicherheitshalber zur Untersuchung aufs Festland gebracht. Nun müsse man den Befund abwarten. Sie wanderte zur besagten Stelle und, tatsächlich, steckte da wieder eine Möwe im Sand, zusammengesunken wie ein sterbender Strauß. Sie hatte irgendwo gelesen, dass in vielen Teilen der Welt immer mal wieder Wale am Ufer landen und verenden, weil irgendwelche militärischen Unterwassersonare ihre Orientierungsorgane geschädigt hätten. Sie musste jetzt unbedingt herausfinden, ob es hier über der Insel in der letzten Zeit ein paar Manöver der Luftwaffe mit tieffliegenden Tornados gegeben hat.
Interessiert las sie an einem der vielen Mitteilungstafeln im Dorf, dass am Abend im Kursaal ein Vortrag stattfinden sollte zum Thema »Wildtier-Management auf dem nordamerikanischen Kontinent«. Der Vortrag war gut besucht, und wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Referent vorgestellt wurde: es war der junge Kanadier vom Frühstücksbüffet! Einerseits hatte sie einen Verdächtigen weniger, andererseits war sie erleichtert. Immerhin erfuhr sie in der Pause, als sie einen anwesenden Ranger von der Nationalparkbehörde ansprach, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass – zumeist junge – Seehunde tot aufgefunden würden. Meist seien Nahrungsmangel, Entzündung der Nabelschnur, Umweltgifte, Krankheiten, Verletzungen durch Konkurrenzkämpfe, usw. die Ursache. Gejagt würden sie schon lange nicht mehr.
Als man später gemütlich beim Bier zusammenstand, kam die Rede natürlich auch auf die »gepfählten« Möwen zu sprechen. Jemand meinte, sie sähen so aus, als seien sie aus der Höhe hinabgestürzt, wie er es schon vor der Küste im Westen Irlands gesehen habe, dort allerdings seien sie wie die Pfeile ins Meer getaucht und mit kleinen Fischchen im Schnabel wieder herausgekommen. Könnte es sich im Falle der Spiekerooger Möwen möglicherweise um sehschwache, ja blinde Vögel gehandelt haben, vielleicht hätten sie ja auch den grauen Star? Unwahrscheinlich, murmelten die anwesenden ratlosen Biologen. Einer spöttelte, vielleicht hätten ja Wattwürmer die Möwen in den Sand gezogen und nicht wieder losgelassen!
Am nächsten Tag freilich, als die Zeitungen mit der ersten Fähre angeliefert worden waren, waren die Insulaner dann aber doch platt: »Monster-Wattwürmer« titelte es in großen Lettern auf der BILD-Zeitung. »Touristen nächste Opfer auf Spiekeroog?« Nachmittags im Inselcafé, bei einem köstlichen Friesentee mit Kluntjes diskutierte eine Frankfurter Familie angeregt den Artikel, war aber einhellig der Meinung, dass man »dene arme Wörmcher« schwer unrecht tue und es eine andere Erklärung geben müsse, vielleicht hätten sich ja alle Möwen aus Verzweiflung aus den Wolken gestürzt?
So ereignisreich wie deliktfrei verging für die Krimi-Mimi die Woche. Zwar hatte sie bei einem abendlichen Spaziergang durch den Ort beinahe doch noch einen Missetäter dingfest
