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Ein Generationenwechsel bietet neue Chancen – und viele Herausforderungen 1972: Nach dem Skandal rund um die Vergangenheit ihrer Mutter übernimmt Inga die Leitung der Kochschule. Der Fokus der Schule, die jetzt auch Männer besuchen dürfen, liegt nun auf den beruflichen Laufbahnen ihrer Absolventen. Für die junge Witwe Eva ist der Besuch der Schule eine Chance, um sich selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Beim gemeinsamen Lernen kommt sie dem Restauranterben Paul immer näher, Eva sieht endlich wieder mit Zuversicht in die Zukunft. Doch als sich Pauls Familie gegen die junge Liebe stellt, müssen die beiden für ihr Glück kämpfen. Dritter Band der mitreißenden Reihe »Die Kochschule«.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Cover & Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Eva Wyland hatte die Entscheidung, wieder die Schulbank zu drücken, in einem Moment der Verzweiflung getroffen. Doch als sie nun vor der Schule vorfuhr, der Wagen über das Kopfsteinpflaster rollte und sich vor ihr das imposante cremeweiße Schulgebäude auftat, mit seinen Giebeln, Erkern, Gauben und schwarz gerahmten Fenstern, war sie überzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Spaliere mit Rosen umrankten den Eingang, der flankiert war von schmalen Säulen. Sie war noch etwas zu früh dran und allem Anschein nach die erste Auszubildende, die angekommen war. Nachdem sie ihren kleinen Fiat auf dem ausgeschilderten Parkplatz auf der linken Seite des großen Hofes abgestellt hatte, stieg sie aus, schulterte ihre Handtasche und ging langsam auf das Haus zu. Ihren Koffer ließ sie im Wagen, den würde sie später holen.
An diesem Augustmorgen war es bereits so warm, dass sie ihre Strickjacke nicht benötigte. Eva ging zu der Ulme neben dem Haus, zog ihre Zigaretten hervor und steckte sich eine an. Den Kopf leicht zurückgelegt, atmete sie den Rauch aus und beobachtete, wie er sich langsam in den feinen Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fielen, auflöste. Ihr Blick fiel auf das Messingschild, das neben der Haustür angebracht war. Koch- und Restaurantschule Inga Heinthal.
Schon als Kind hatte Eva gern gekocht und es geliebt, feine Confiserieprodukte herzustellen. Vor allem mochte sie es, Torten zu verzieren und sich dabei in Details zu verlieren, sodass ihre Mutter es zu Geburtstagen immer ihr überlassen konnte, sich um den Geburtstagskuchen zu kümmern. Nach ihrem Schulabschluss hatte sie kurz mit dem Gedanken gespielt, eine Confiserieausbildung anzufangen, doch dann hatte sie mit achtzehn ihre Jugendliebe geheiratet, Peter Wyland, der sie von dieser Idee abbrachte. Er würde schon für sie beide sorgen. Und so war sie vom Elternhaus direkt in seine Wohnung gezogen und Hausfrau geworden. Fünf Jahre hatten sie vergeblich versucht, Kinder zu bekommen. Und dann war Peter schwer an Krebs erkrankt und innerhalb weniger Monate verstorben. Der Kampf war verloren gewesen, noch ehe er ihn hatte aufnehmen können.
Mehr als eineinhalb Jahre war sie nun verwitwet und konnte die Wohnung allein und ohne Arbeit nicht mehr halten. Also war sie zurück in ihr Elternhaus gezogen, hatte Trost in der vertrauten Umgebung gesucht. Anfangs hatte die Trauer alles überschattet, aber je länger sie in ihrem ehemaligen Mädchenzimmer lebte, umso mehr spürte sie, dass sie diesem Leben entwachsen war.
Eine gute Freundin, die mittlerweile in Köln lebte, betrieb seit einigen Jahren mit ihrem Ehemann ein Restaurant, und sie war es auch gewesen, die ihr von der Schule erzählt hatte. Sie selbst hatte ihre Ausbildung dort Mitte der Sechzigerjahre abgeschlossen. Eva hatte angefragt und ihre Bewerbung eingereicht, wenige Monate später war die Zusage gekommen, und nun stand sie hier, und alles fühlte sich gut und richtig an. Sie war fünfundzwanzig und konnte ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Ihre Eltern hatten den Entschluss begrüßt und übernahmen die Ausbildungskosten. Allerdings plante Eva bereits, ihnen diese zu erstatten, sobald sie eigenes Geld verdiente.
Ein schicker weißer Benz rollte über den Schotterweg der Allee auf die Schule zu, bremste sanft ab, ehe er durch das Tor fuhr und nach links abbog, um neben Evas Fiat zu parken. Eva rauchte auf und steckte die Zigarette in einen Aschekübel, während sie beobachtete, wie ein junger Mann aus dem Benz stieg. Er ging zum Kofferraum, öffnete die Klappe, hob einen Koffer heraus und sah sich um, bevor er auf Eva zuging. Sie schätzte, dass er ungefähr in ihrem Alter sein müsste, er hatte dunkles Haar und war lässig in eine schwarz-grau karierte Hose und ein weißes Hemd gekleidet. Kurz bevor er bei ihr ankam, nahm er die Sonnenbrille ab und lächelte.
»Wissen Sie, wo ich mich anmelden muss?«, fragte er.
»Ich bin auch neu hier«, antwortete sie. »Mein Koffer steht noch im Auto.«
»Möchten Sie, dass ich ihn für Sie hole?«, fragte er, offenbar in der irrtümlichen Annahme, sie bräuchte Hilfe.
»Nein danke, das kann ich schon selbst.«
»Ich wollte Ihnen keinesfalls zu nahetreten. Haben Sie eine Zigarette für mich? Eigentlich bin ich dabei, es mir abzugewöhnen.«
»Und kaufen dann keine? Habe ich auch schon versucht, und festgestellt, dass ich dann ständig andere danach frage.« Sie lachte und hielt ihm die Schachtel hin. »Eva Wyland«, stellte sie sich vor.
»Paul Thiemann.«
»Thiemann vom Mosel-Restaurant Thiemann?«
»In der Nähe der Burg, genau. Das ist unser Familienbetrieb.« Er nahm einen Zug von seiner Zigarette.
»Aber was machen Sie dann hier, wenn ich fragen darf. In Ihrem Restaurant kann man doch bestimmt auch eine Menge lernen.«
»Meine Eltern halten nicht viel davon, die Kinder im eigenen Betrieb auszubilden. Ich soll hier alles von der Pike auf lernen und in anderen Betrieben Erfahrungen sammeln.«
»Das klingt sehr vernünftig.« Eva schnippte Asche in den Kübel. Ein lauer Wind kam auf, und der Saum ihres blauen geblümten Sommerkleides umspielte ihre Knie. Sie hatte es extra für diesen Tag gekauft, der symbolisch für einen Neuanfang stand.
Zwei Autos näherten sich, und nachdem die beiden Wagen eingeparkt hatten, fuhr ein weißer VW-Käfer auf das Hoftor zu. Bei Näherkommen bemerkte Eva eine Frau hinter dem Steuer, neben ihr ein junger Mann, der noch sehr jung zu sein schien.
»So langsam füllt es sich«, sagte Paul Thiemann.
»Acht Auszubildende sind es, oder?«
»Ja, so stand es in der Broschüre. Vier Männer und vier Frauen.«
Eva zog ihren Schlüssel aus der Handtasche. »Ich hole eben meinen Koffer.«
»Soll ich Ihnen beim Tragen helfen?«
»Nein, ich habe das nicht nur aus Höflichkeit gesagt.« Sie lächelte, um nicht abweisend zu klingen. »Wir brauchen uns auch nicht zu siezen, ich bin Eva. Immerhin wohnen wir die nächsten drei Jahre zusammen.« Erst als die Worte heraus waren, fiel ihr auf, dass das ein wenig doppeldeutig klang, und sie rechnete es ihm hoch an, dass er keinen Witz darüber machte.
»Sehr gern.« Paul begleitete sie zum Auto, bot ihr aber keine Hilfe an, als sie den Koffer aus dem Wagen hob. Ein weiterer Punkt für ihn.
Sie überquerten den Hof, und Eva blieb einen Moment stehen, so beeindruckt war sie von den Ausmaßen der Schule. Der Hof war in großzügigem Halbrund um einen Springbrunnen herum angelegt, in dessen Wasserkaskade sich das Sonnenlicht funkelnd brach. Die cremefarbene Villa wirkte mit ihrem säulenbestandenen Eingang und ihren hübschen Dach- und Giebelformationen, den Erkern und Gauben, äußerst elegant.
»So nobel habe ich bisher noch nie gehaust«, sagte Paul, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
»Ist die Familie adlig?«, fragte Eva.
»Davon stand nichts in der Broschüre, aber ich glaube nicht.«
Eva hörte, wie sich hinter ihr zwei Frauen unterhielten, offenbar Mutter und Tochter. Die Jüngere äußerte die Sorge, mit jemandem auf das Zimmer zu müssen, die sie nicht mochte. Darum hatte sich Eva auch schon Gedanken gemacht, denn immerhin galt es, drei Jahre zusammen auszuhalten. Aber es würde sich schon alles fügen, und Eva hielt sich im Allgemeinen für einen sehr umgänglichen Menschen, der gut mit anderen auskam.
»Ich hoffe, ich gewöhne mich daran, das Zimmer mit jemandem zu teilen«, sagte Paul, der das Gespräch offenbar ebenfalls belauscht hatte. »Noch dazu mit jemand Fremdem. Als Kind war ich immer furchtbar neidisch auf Jungs, die ins Internat durften, aber mittlerweile finde ich die Vorstellung nicht mehr ganz so reizvoll.«
»Es ist sicher eine gute Gelegenheit, Freundschaften zu knüpfen«, antwortete Eva.
»Vorausgesetzt, man versteht sich miteinander.«
»Ich denke, es wird eine wundervolle Zeit.« Eva legte Inbrunst in die Stimme, als müsste sie sich selbst davon überzeugen. Seit dem Tod von Peter zweifelte sie daran, dass es jemals wieder wundervolle Zeiten geben würde. Andererseits war sie noch so jung, irgendetwas musste doch noch auf sie warten.
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie einen weiteren Wagen und sah zum Tor, durch das ein roter Ford auf sie zufuhr. Der Griff ihres Koffers war noch steif und schmerzte beim Tragen. Sie ging die breite Treppe zum Haupteingang hoch und stellte den Koffer ab. Im selben Moment, in dem Paul den Arm zum Gong ausstreckte, wurde die Tür geöffnet, und sie standen einer Frau in Evas Alter gegenüber.
»Guten Morgen, ich bin Mariella Weiß aus dem dritten Jahrgang und heiße euch herzlich willkommen.« Die Frau trat zurück und öffnete die Tür weit, klemmte einen Keil hinein, damit sie nicht zufiel, und ging hinaus, nachdem Eva und Paul eingetreten waren. Offenbar war es ihre Aufgabe, die Neuankömmlinge zu begrüßen.
»Wahnsinn«, stieß Paul hervor, als sie in der Halle standen. Er wandte den Kopf, hob den Blick zur Stuckdecke, an der ein glitzernder Kronleuchter hing.
Auch Eva war beeindruckt. Die Halle war mit weißgrauem Marmor ausgelegt, und eine schön geschwungene Treppe teilte sich am ersten Absatz in zwei Flügel, die in die Beletage sowie den zweiten Stock führte, wo sich je eine Galerie befand. Die Umgebung erinnerte eher an ein Luxushotel als an eine Schule. Es gab eine breite Kommode, neben einer Zierpflanze stand ein bequem und modern aussehender Sessel und daneben ein Tischchen, auf dem Journale ausgelegt waren. An den Wänden entdeckte Eva gerahmte Bilder, auf denen vor allem junge Frauen zu sehen waren – vermutlich die Absolventinnen der Schule. Sie trat näher und betrachtete die Frauen in den Kleidern der Nachkriegszeit, in den schwingenden Röcken der Fünfzigerjahre, in der Mode der Sechziger, dann die ersten Bilder, auf denen auch männliche Absolventen zu sehen waren. Früher einmal hatte es eine einheitliche Uniform gegeben, Eva hatte das bereits in der Broschüre gelesen. Glücklicherweise musste man so etwas heute nicht mehr tragen, dieser Brauch war Mitte der Sechzigerjahre abgeschafft worden.
»Sieh mal, diese Journalistin hier kenne ich sogar«, sagte Paul und zeigte auf das Bild einer jungen Frau, die offenbar vor zwanzig Jahren mal einen Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen hatte. »Sie schreibt für eine große Zeitschrift und hat einmal einen Artikel über unseren Familienbetrieb geschrieben.«
Eva betrachtete die blonde Frau, die mit schüchternem Lächeln in die Kamera blickte. »Einige Absolventinnen haben es wirklich zu etwas gebracht.«
»Hast du schon konkrete Pläne für die Zeit nach dem Abschluss hier?«
»Nein, nicht so richtig. Ich koche gern und kann mir vorstellen, in die Gastronomie zu gehen, aber was ich letzten Endes mache, wenn ich fertig bin, entscheide ich, wenn es so weit ist.«
Paul nickte. »Eine schöne Vorstellung zu wissen, dass einem noch alle möglichen Wege offenstehen.«
»Ist es bei dir nicht auch so? Du weißt zwar schon, wo es dich beruflich hin verschlägt, aber das Leben bietet doch noch so viel mehr.«
Jetzt flog ein Lächeln über seine Züge. »Sehr weise. Und du hast natürlich recht.«
Eva sah sich um und bemerkte eine junge rothaarige Frau, die gerade zur Tür hineinkam, eine schicke Reisetasche trug und so sorgfältig gekleidet war, als sei sie einem Modemagazin entsprungen. Sie stellte den Koffer ab, schob die Sonnenbrille ins Haar und lächelte, als wollte sie sagen: »Hier bin ich.«
Annemarie Moll stellte ihren Koffer ab und schob die Sonnenbrille hoch ins Haar. Sie hätte früher losfahren sollen, sie hasste es, als Letzte alle Blicke auf sich zu ziehen. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, schenkte sie den Anwesenden ein offenes Lächeln und strich sich eine Strähne ihres welligen, schulterlangen Haars hinter das Ohr. Neben der Treppe standen zwei Frauen und unterhielten sich, vielleicht Schwestern oder Freundinnen, so recht war das nicht zu unterscheiden.
Etwas weiter entfernt entdeckte sie einen jungen Mann, der offensichtlich allein gekommen war und ein wenig verloren wirkte. Das blonde Haar hatte er adrett zurückgekämmt, gekleidet war er in helle Chinos und ein dunkelgraues Hemd. Er stand direkt im Licht, das durch das Buntglasfenster in die Halle fiel, als wollte es seine schlichte Kleidung mit Farbtupfern aufpeppen. Ein Paar mittleren Alters unterhielt sich miteinander, während eine junge Frau daneben stand und sich neugierig umschaute, Annemarie ein schüchternes Lächeln schenkte, das diese erwiderte, und den Blick weiterschweifen ließ. Ein junger Mann stand etwas linkisch neben einer Frau, die auf ihn einsprach und den autoritären Eindruck der älteren Schwester machte.
Vor einem der Bilder an der Wand standen ein Mann und eine Frau, die sich offenkundig kannten. Ein Paar? Oder nur Freunde? Oder gar Verwandte? Die Frau mit dem langen goldbraunen Haar erwiderte Annemaries Blick, deutete ein Lächeln an und wandte sich dann wieder dem Mann zu, mit dem sie eine angeregte Unterhaltung führte. Eine junge Frau stand nahe der schön geschwungenen Treppe offenbar neben ihrer Mutter, denn diese redete eifrig auf sie ein, während die Jüngere mit ergebener und leicht genervter Miene nickte.
Offenbar war Annemarie nicht die Letzte, denn gerade kam noch ein junger Mann in Begleitung eines älteren Paars herein – vermutlich seinen Eltern. Er verabschiedete sich an der Tür von ihnen.
»Danke, ihr seht ja jetzt, dass ich angekommen bin.«
»Aber die anderen stehen hier ja auch mit ihren Familien«, widersprach die Mutter.
»Hannelore, lass ihn doch«, wandte der Vater ein.
Annemaries Blick begegnete dem des jungen Mannes, der daraufhin die Augen verdrehte. Sie musste lächeln. Ihre Eltern hatten sie auch begleiten wollen, was Annemarie strikt abgelehnt hatte, schließlich war sie kein kleines Kind mehr.
Die Mutter gab es nach kurzem Diskutieren auf, verabschiedete sich von ihrem Sohn – glücklicherweise ohne peinliche Überschwänglichkeit – und verließ das Haus. Der junge Mann strich sich mit einer linkischen Geste durch das Haar und lächelte Annemarie erneut an, zuckte mit den Schultern, und sie musste lachen. Sie kannte das ja so gut. Dann hob er seinen Koffer hoch und ging durch die Halle, sah sich um. Bisher wirkten alle hier sehr nett.
Die Tür wurde geschlossen, offenbar waren nun alle anwesend. Mariella Weiß, die sie willkommen geheißen hatte, durchquerte die Halle und trat auf eine junge Frau zu, die hinter einem Tisch saß und eine Liste vor sich liegen hatte, sowie mehrere Broschüren und einen Stapel Zettel. Die beiden begannen in gedämpftem Ton eine Unterhaltung, und da Annemarie nicht beim unhöflichen Starren erwischt werden wollte, wandte sie sich ab und sah zur Treppe, die schön geschwungen zwei Etagen nach oben führte, jede mit einer Galerie.
Ihre Aufmerksamkeit wurde von einer Frau mittleren Alters gefesselt, die die Treppe hinunterkam, schick gekleidet in ein Kostüm, das kinnlange blonde Haar modern zu einem Pagenkopf frisiert. Begleitet wurde sie von einer dunkelhaarigen Frau in einer hellen Hose mit taubenblauer Seidenbluse, das Haar zu einem lockeren Knoten aufgesteckt. Die beiden machten einen überaus sympathischen Eindruck. Sie blieben auf dem ersten Treppenabsatz stehen, und das Stimmengemurmel verstummte.
»Einen wunderschönen guten Morgen«, begrüßte die blonde Frau sie. »Mein Name ist Inga Heinthal, ich leite die Schule zusammen mit unserer Direktorin Frau Anita Hesse. Da ich weiß, wie ermüdend lange Ansprachen sind, und jeder, den es interessiert, die Geschichte unserer Schule in der Broschüre nachlesen kann, will ich sie damit gar nicht langweilen. Stattdessen möchte Sie hiermit willkommen heißen und hoffe, Sie verbringen eine schöne und lehrreiche Zeit in unserem Haus.«
Die Umstehenden applaudierten.
»An dem Tisch zu Ihrer Rechten können Sie sich gleich bei Fräulein Baumgartner melden. Dort wird man Sie auch mit Informationen versorgen, und Sie bekommen Ihre Zimmernummern mitgeteilt. Danach haben Sie eine Stunde Zeit, sich in Ihren Räumlichkeiten einzurichten, ehe Sie um zehn Uhr hier erscheinen und von Fräulein Weiß eine Einweisung und Führung durch die Schule erhalten. Sie können sich jetzt in aller Ruhe von Ihrer Familie oder Ihren Freunden verabschieden.«
Annemarie, sowie diejenigen, die ohne Begleitung gekommen waren, machten sich direkt auf den Weg zu dem Tisch, hinter dem die junge Frau aufblickte.
»Annemarie Moll«, stellte Annemarie sich vor.
Fräulein Baumgartner, die sich umgehend als Anja vorstellte – »Wir sind doch alle fast im selben Alter« – sah auf die Liste, hakte den Namen ab und reichte Annemarie eine Broschüre, einen Zettel mit der Hausordnung und einen weiteren mit dem Tagesablauf. »Das ist dein Stundenplan«, erklärte sie. »Die Zimmernummer habe ich darauf notiert. Die Frauenquartiere sind im vorderen Teil des Korridors. Mariella wird euch nachher in den Trakt mit den Schlafräumen bringen. Hier verläuft man sich zu Beginn noch leicht.«
Annemarie bedankte sich und machte Platz für die Frau hinter ihr, die sich als Eva Wyland vorstellte. Der Mann hinter ihr hieß Paul Thiemann, und sie tauschten sich umgehend darüber aus, wer in welches Zimmer kam. »Nummer fünf«, sagte die junge Frau, und Annemarie blickte auf.
»Dann teilen wir uns ein Zimmer«, sagte sie, und die Frau sah sie an. »Annemarie Moll«, stellte sie sich vor.
»Eva Wyland.«
»Paul Thiemann.« Der Mann reichte ihr ebenfalls die Hand.
»Wenn wir hier schon in der Vorstellungsrunde sind«, sagte ein anderer, der gerade seine Unterlagen abgeholt hatte, »mein Name ist Martin Brandis.« Er war es, der seine Eltern an der Tür fortgeschickt hatte.
Der blonde Mann, dessen Auftreten Annemarie als etwas linkisch empfunden hatte, trat ebenfalls hinzu und stellte sich als Stephan Schultz vor. Eine Frau mit blondem Pagenkopf kam etwas schüchtern zu ihnen. »Melanie Voss.«
Mit Sabine Walther und Chris Dorfmann – »Erspart mir bitte die Witze, die kenne ich seit meiner Kindheit« – waren sie komplett. Chris und Paul teilten sich ein Zimmer, wie sich herausstellte, und Paul erklärte – vermutlich nicht zum ersten Mal –, dass er einer der Thiemanns war.
Mariella Weiß kam zu ihnen. »Ich führe euch zu den Zimmern«, erklärte sie munter. »In einer Stunde sehen wir uns dann in der Halle. Seid bitte pünktlich, da legen sie hier viel Wert drauf.« Sie ging ihnen voraus und öffnete eine Tür, die in einen Korridor führte. »Das ist der ehemalige Dienstbotentrakt. Am Ende liegen die Küchen, die zeige ich Ihnen nachher.« Es ging eine Treppe hoch in das zweite Obergeschoss, wo Mariella Weiß eine Tür öffnete. »Die Zimmernummern stehen an den Türen. Die Räume fünf und sechs sind die für den neuen Jahrgang. Der Waschraum befindet sich auf der linken Seite am Ende des Flurs. Die Herren folgen mir bitte.« Sie ging mit den vier jungen Männern weiter, während Annemarie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete.
Sie ging direkt zu dem Bett auf der linken Seite, das weiter von der Tür entfernt stand, während Eva sich ohne viel Aufhebens auf dem anderen Bett niederließ. »Nett ist es hier«, sagte diese und sah sich um.
Das musste Annemarie bestätigen. Der Raum war in den Farben Creme und Taubenblau eingerichtet, die Möbel waren aus Eichenholz. Es gab zwei Kleiderschränke, und als Annemarie einen öffnete, sah sie, wie praktisch dieser aufgeteilt war mit Kleiderstange, Regalfächern und zwei breiten Schubladen. Außerdem gab es einen Schreibtisch an der rechten Wand, und jedes Bett hatte ein Nachttischchen. In der Ecke zwischen linker Wand und Fensterseite stand ein gemütlicher Sessel mit Leselampe.
»Ich glaube, hier werde ich mich wohlfühlen«, sagte Annemarie.
Inga Heinthal ließ sich im Direktorinnenzimmer in der Beletage auf einen der beiden Besuchersessel sinken, während Anita auf dem anderen Platz nahm, ein Bein über das andere schlug und sich eine Zigarette anzündete. Sie hatte vor Kurzem wieder angefangen zu rauchen, nachdem sie jahrelang pausiert hatte – genau genommen ab dem Moment, an dem sie entschieden hatte, Kinder zu bekommen. Jetzt war ihr Sohn sieben Jahre alt, die Tochter fünf, und Anita vermied es tunlichst, in ihrer Gegenwart eine Zigarette anzustecken.
»Sie müssen sich das ja nicht unbedingt zum Vorbild nehmen«, hatte sie erklärt.
Lena Heinrichs hatte die Schule verlassen und war der Liebe wegen nach Hamburg gezogen. Hanne Mohnschau war in den Ruhestand getreten, dafür war nun Petra Weißhaupt als Konditorin eingestellt worden. Volker Brandis, der Bäcker, hatte geheiratet und wohnte mit seiner Ehefrau in der Nähe. Er kam jeden Morgen zum Unterricht und fuhr nachmittags wieder nach Hause. Anita und Arno wohnten ebenfalls in einer eigenen Wohnung und kamen morgens zur Arbeit. Mittags musste einer von ihnen fahren, um die Kinder aus dem Hort und der Schule zu holen, beides in der Nähe. Schwierig würde es erst werden, wenn der Ältere, Andreas, aufs Gymnasium ging. Aber bis dahin war er alt genug, um die Strecke allein mit dem Bus zu bewältigen.
Jetzt gab es in dem Haus so viele leere Räume, und aus einem hatten sie ein Lernzimmer für die Kinder gemacht, aus dem anderen ein Spielzimmer. Eines der früheren Schlafzimmer sowie die beiden ehemaligen Aufenthaltsräume waren für Gäste. Und ein weiteres Zimmer blieb frei, falls Inga doch noch ein weiteres Kind bekommen sollte. Das fünfte war zu einem Arbeitszimmer für ihren Ehemann Josh geworden, und das ehemalige Büro ihrer Mutter im Erdgeschoss – vor zwanzig Jahren ein zweites privates Speisezimmer – war nun Ingas Büro. Es gab nach wie vor eine Haushälterin, aber die kam morgens und ging am späten Nachmittag. Darüber hinaus hielten zwei Zugehfrauen das Haus sauber.
Neben Arno und Volker Brandis gab es eine weitere Lehrköchin. Inga hatte, nachdem ihre Mutter ihr die Schulleitung übertragen hatte, das gesamte Lernsystem umgestellt. Ab dem zweiten Schuljahr lernten die Auszubildenden stundenweise direkt in Gastronomieunternehmen. Auch war es nicht mehr so, dass eine Lehrkraft die Auszubildenden drei Jahre lang betreute, sondern die neue Lehrerin, Sandra Weitzmann, übernahm das erste Jahr, das zweite Jahr unterrichtete Arno, und Anita begleitete den dritten Jahrgang. Sie hatte nach der Geburt ihres ersten Kindes die Meisterprüfung abgelegt.
Es klopfte, und Sandra trat ein. Sie war nun seit zwei Jahren Lehrerin hier, ausgebildete Köchin, die sich mit Mitte zwanzig für den Schuldienst entschieden hatte. Da sie kaum älter war als ihre Auszubildenden, fassten diese zu ihr oft sehr schnell ein besonderes Vertrauen. Sie wedelte leicht mit der Hand, wie sie das immer tat, wenn sie in einen Raum trat, in dem geraucht wurde. »Soll ich die Kinder nachher abholen? Ich muss ohnehin kurz in den Ort.«
»Das wäre lieb«, sagte Anita, »dann muss Arno nicht fahren.«
Sandra lehnte mit dem Rücken an dem Schreibtisch. »Habt ihr den jungen Thiemann gesehen?«
»Ja«, antwortete Anita, »macht einen charmanten Eindruck. Er war mit seinen Eltern hier zum persönlichen Gespräch nach der Zusage.«
Auch das war eine Neuerung, die Inga eingeführt hatte. Sie wollte ihre Auszubildenden kennenlernen, ehe das Schuljahr begann. Ihre Mutter, Edith Waltz, hatte sich stets allen neuen Ideen verschlossen und auf das Altbewährte gesetzt, erst nachdem sie sich aus der Schule zurückgezogen und die Leitung Inga übergeben hatte, wehte hier ein anderer Wind. Ihre Mutter lebte in Hamburg, meldete sich hin und wieder, fragte aber nur selten nach dem Schulbetrieb. Nachdem Inga einen Fonds eingerichtet hatte, in den ein Teil des monatlichen Schulgelds floss, den sie an Opfer des Nationalsozialismus spendete, hatte ihre Mutter eingewandt, dass sie niemandem etwas schuldig sei. Inga sah das anders. Ja, sie selbst trug keine direkte Schuld, aber ihre Familie hatte sich schuldig gemacht, und da sie die Vergangenheit nun einmal nicht ändern konnte, wollte sie zumindest dafür sorgen, dass in Zukunft die Dinge anders gehandhabt wurden.
Frank Roesner hatte ihr damals die Augen über ihre Familie geöffnet, ein Mann halbjüdischer Abstammung, dessen Familie ihre Mutter übel mitgespielt hatte. Edith Waltz war schuld daran, dass seine jüdische Familie deportiert und ermordet worden war, sodass nur er und sein Vater überlebt hatten. Er lebte nun in Köln, wo er eine Apotheke betrieb. Verheiratet war er mit einer ehemaligen Schülerin, die nach ihrem Abschluss eine Ausbildung zur PTA gemacht hatte und mit ihrem Mann zusammen in der Apotheke arbeitete. Hin und wieder tranken sie einen Kaffee zusammen, wenn Inga in Köln war. Die beiden hatten vierjährige Zwillinge – Mädchen und Junge – sowie eine weitere Tochter, die kurz darauf geboren war.
»Ich habe letztens übrigens Roesners getroffen«, sagte Anita in diesem Moment.
»Interessant, dass du das gerade jetzt erwähnst, ich musste eben an sie denken.«
»Wir wissen ja schon länger, dass wir uns ohne Worte verstehen.« Anita drückte die Zigarette aus. »Margarethe erzählte, ihr Bruder würde mit seiner Frau nach Köln ziehen, sodass sie sich bei der Betreuung der Kinder gegenseitig unterstützen könnten. Sie wollen sich das wohl aufteilen.«
Inga sah auf die Uhr. »Gleich beginnt die Führung durch das Haus. Schließt sich jemand von euch an?«
Sandra zuckte mit den Schultern. »Geplant ist es nicht, aber ich kann es machen, wenn du möchtest.«
Kurz überlegte Inga. »Nein, dann lass nur. Es reicht, wenn sie dich gleich kennenlernen. Empfang sie ruhig, wenn sie in die Küche kommen.«
Im zweiten Stock hatte sich nichts verändert, hier befanden sich die Unterrichtsräume und außerdem ein Aufenthaltsraum für die Auszubildenden. Den Küchentrakt hatte Inga vor zwei Jahren von Grund auf modernisieren lassen, vor allem die Hauptküche, die nun über die neuesten Geräte verfügte. Die kalte Küche sowie die Kaffeeküche waren ebenfalls in Teilen renoviert worden.
Inga verließ das Büro, um mit Mariella Weiß auf die Auszubildenden zu warten. Sie nahm zwar an dem Rundgang nicht teil, aber sie zeigte dennoch gern Präsenz. Die Schule auch für junge Männer zu öffnen war die richtige Entscheidung gewesen, es brachte eine neue Dynamik in die teils etwas festgefahrenen Strukturen. Als sie die Treppe hinunterging, sah sie bereits die ersten beiden Frauen in der Halle eintreffen.
Eva war stets überpünktlich, genauso wie offenbar Annemarie, denn sie verließen das Zimmer zeitgleich. Und auch sonst hatten sie bereits in den ersten Minuten einige Gemeinsamkeiten gefunden. Beide kamen gebürtig aus Hennef, und sie hatten festgestellt, dass sie sogar gemeinsame Bekannte hatten. Besser hätte der Start wohl kaum laufen können, und Eva blickte zum ersten Mal seit Langem wieder positiv gestimmt in die Zukunft. Während sie die Treppe hinunterging, sah sie sich die Bilder an, die am Aufgang hingen, Aufnahmen von Köln im Wandel der Jahreszeiten. Die Wände waren cremeweiß gestrichen, und es wurde viel dafür getan, den einstmals wohl eher tristen Dienstbotenbereich stimmungsvoll und ansprechend zu gestalten.
Im Korridor waren Stimmen zu hören sowie jene typischen Geräusche, die beim Hantieren in der Küche entstanden. Jemand sagte etwas, und die anderen lachten. Der Duft würzig gekochter Speisen erinnerte Eva daran, wie hungrig sie eigentlich war, zum Glück knurrte ihr Magen nicht lautstark. Morgens hatte sie nur eine Scheibe Toast herunterbekommen, weil sie so aufgeregt gewesen war auf diesen neuen Lebensabschnitt. Mittagessen gab es um halb eins, das war ja nicht mehr ganz so lange hin.
Sie betraten die Halle, wo Mariella Weiß zusammen mit Frau Heinthal stand. Beide unterbrachen ihr Gespräch, als sie Eva und Annemarie bemerkten, und Frau Heinthal lächelte herzlich.
»Konnten Sie sich schon ein bisschen wohnlich einrichten?«
»Ja«, antwortete Annemarie. »Es ist wirklich sehr hübsch.«
»Das freut mich.« Ehe Eva etwas sagen konnte, kamen Paul, Martin und Melanie in die Halle. »Dann sind wir ja fast vollständig«, sagte Inga Heinthal.
Kurz darauf erschienen Stephan, Sabine und Chris, und nachdem Inga Heinthal noch einige warmherzige Worte zur Begrüßung der Nachzügler gesprochen hatte, verabschiedete sie sich und überließ es Mariella Weiß, sie durch das imposante Haus zu führen. Sie erkundeten die modern eingerichteten Klassenräume, erfuhren, dass jede Etage über die ehemalige Dienstbotentreppe erreichbar war und die Auszubildenden ausschließlich diese benutzen durften.
Von der Treppe, die hoch in die Schlafquartiere führte, ging in jeder Etage eine Tür in den Korridor, wobei sich im ersten Stock die Wohnräume von Inga Heinthal befanden und von den Auszubildenden nur im Notfall betreten werden durften. Im Erdgeschoss durchquerten sie die imposante Halle, und Mariella Weiß zeigte ihnen den Salon, der für Feierlichkeiten genutzt wurde, und die Bibliothek, in der sie darum bat, Bücher, die man mit aufs Zimmer nahm, in die Liste neben der Tür einzutragen.
»Wirklich sehr nett hier«, bemerkte Paul, als sie in der Bibliothek standen.
Das war der Raum in der Tat. Eva hatte noch nie in einem Haus mit eigener Bibliothek gewohnt, aber so hatte sie sich das immer vorgestellt – dieser Duft nach Leder, Holz und Papier. Es gab eine Leseecke mit ledernen Clubsesseln sowie einen großen Kamin, der aber vermutlich nicht mehr genutzt wurde. Der Raum war mit einer modernen Heizung ausgestattet, und die Brandgefahr wäre vermutlich zu groß.
Weiter ging es in die Küchen. Auf dem Weg dorthin zeigte Mariella Weiß ihnen den Speisesaal, der durch eine große Doppelflügeltür mit dem Salon verbunden war. »Bei Feiern wird die Tür geöffnet, so hat man mehr Platz«, erklärte die junge Frau.
Die Hauptküche war ein großzügig angelegter Raum mit modernster Ausstattung. »Hier kochen gerade die Auszubildenden des dritten Jahrgangs«, erklärte Mariella Weiß. »Unter Anleitung von Anita Hesse, unserer Direktorin.«
Frau Hesse hatten sie bereits bei der Begrüßung gesehen, eine attraktive Dunkelhaarige. Sie trug nun eine weiße Schürze und eine Kochmütze. Es duftete wunderbar in der Küche nach Geschmortem, und Eva bemerkte, wie sie allmählich Hunger bekam. Mariella wechselte ein paar Scherzworte mit einem der jungen Männer, dann gingen sie weiter in die angrenzende kalte Küche, wo leicht verderbliche Nahrungsmittel wie Fleisch verarbeitet wurden. Daran grenzte die Kaffeeküche. Hier wurden viele der Süßspeisen zubereitet, und jetzt gerade waren die Auszubildenden dabei, Creme anzurühren.
»Herr Hesse ist Lehrkoch des zweiten Jahrgangs«, erklärte Mariella Weiß und deutete auf einen Mann, den Eva auf Mitte oder Ende vierzig schätzte. »Wie Sie am Namen vermutlich bereits erahnt haben, ist er der Ehemann unserer Frau Direktorin.« Herr Hesse lächelte freundlich, und Eva konnte sich gut vorstellen, wie anziehend er früher auf seine Schülerinnen gewirkt haben musste.
»Ihre Lehrköchin für das erste Jahr stelle ich Ihnen nach dem Mittagessen vor. Außerdem gibt es noch den Bäcker Volker Brandis und eine Konditorin, Frau Weißhaupt, die aber diese Woche krankgemeldet ist.«
Mariella Weiß führte sie aus der Küche hinaus in die Eingangshalle. »Die Hausregeln habt ihr ja erhalten. Eure Freizeit könnt ihr nach Belieben gestalten. Wir schließen in der Woche abends um zehn Uhr die Tür ab, und es wäre gut, wenn ihr bis dahin auch wieder zurück seid, schließlich geht der Unterricht morgens früh los. Sollte aber doch mal der Fall eintreten, dass jemand länger unterwegs sein möchte, sprecht es bitte ab, damit euch jemand einlässt. Am Wochenende wird in der Regel um elf Uhr abgeschlossen. Wenn ihr außerhalb übernachtet, sagt bitte Bescheid, damit sich hier im Haus niemand Sorgen macht. Das gilt natürlich nur für die Auszubildenden, die das Wochenende über hierbleiben.« Die junge Frau sah auf ihre Uhr. »Ihr habt jetzt bis zum Mittagessen um halb eins Zeit zur eigenen Verfügung. Der Gong wird fünf vor halb geschlagen, und da hier großer Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird, wird erwartet, dass ihr euch dann auch hier einfindet. Jeder sollte an seinem Platz sitzen, bevor die Türen geschlossen werden. Es muss zwar keiner hungern, der zu spät kommt, aber einen guten Eindruck macht das nicht. Dann sehen wir uns später. Und wenn ihr Fragen habt, könnt ihr jederzeit mich oder die anderen Auszubildenden ansprechen. Außerdem sind Frau Heinthal oder Frau Hesse immer für euch da.«
Eva sah sich in der Halle um, in die Mariella Weiß sie geführt hatte. Die Treppe ins Obergeschoss machte wirklich was her und vermittelte einen Eindruck davon, wie die Menschen hier früher residiert haben mussten.
»Hat jemand Lust, spazieren zu gehen?«, fragte Paul. »Ich möchte mir mal die Gegend anschauen.«
»Ich komme gern mit«, antwortete Eva. Sabine schloss sich ihnen an, Chris und Annemarie wollten lieber im Garten sitzen, während Stephan, Martin und Melanie die Bibliothek aufsuchten. Sie verabschiedeten sich voneinander, und Eva verließ zusammen mit Paul und Sabine das Haus.
Die Schule lag wirklich schön, eingebettet inmitten der Natur, und mit dem Auto war man trotzdem in einer guten halbe Stunde in der Kölner Innenstadt.
»Mit dir haben wir ja praktisch eine Berühmtheit unter uns«, scherzte Sabine.
Paul lächelte schief. »Wie man es nimmt. Berühmt sind wohl eher meine Eltern.«
Sabines Lächeln hatte etwas Flirtendes, bemerkte Eva. Da konnte jemand es wohl kaum erwarten, mit einem der jungen Männer anzubandeln. Aber wenn es ihr Spaß machte, warum nicht? Unvermittelt dachte sie an sich und Peter, darüber, wie schön es zu Beginn gewesen war, diese frische Verliebtheit. Rasch schob sie diesen Gedanken beiseite, wollte nicht zulassen, dass sie wieder in solche Fahrwasser geriet. Sie wagte einen Neuanfang und wollte nun an nichts anderes mehr denken als daran, wie schön es war, bei herrlichem Sommerwetter mit zwei sympathischen Menschen spazieren zu gehen.
Schon bald drehte sich das Gespräch um das Restaurantgewerbe. Sabines Verwandte waren ebenfalls in der Gastronomie tätig, und so entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen ihr und Paul, der Eva interessiert lauschte.
Als sie nach einem ausgedehnten Spaziergang das Haus betraten, wurde gerade der Mittagsgong angeschlagen.
Eva hatte es eigentlich gar nicht an die große Glocke hängen wollen, dass sie bereits verheiratet gewesen war. Aber es kam dann doch heraus, weil sie nicht als Fräulein, sondern als Frau Wyland angesprochen wurde. Dass sie verwitwet war, entlockte den anderen mitfühlende Blicke, und genau die hatte sie vermeiden wollen. Niemand sollte sie bemitleiden oder gar denken, man müsse sie mit Samthandschuhen anfassen.
»Ich komme damit zurecht«, sagte sie deshalb direkt, als das Thema beim Nachmittagskaffee zur Sprache kam. »Das hier wird mein Neuanfang.«
»Ich möchte mir die Anrede als Fräulein auch verbitten«, sagte Sabine.
»Na ja, du bist halt unverheiratet«, entgegnete Chris und nahm sich noch ein Stück Kuchen.
»Du auch, und ich nenne dich trotzdem nicht Herrlein«, konterte Sabine.
Das brachte die anderen am Tisch zum Lachen. Chris krauste die Stirn, sagte jedoch nichts mehr.
»Dann hast du ja schon einen Haushalt geführt«, nahm Annemarie das Thema wieder auf.
»Kochen kannst du dann vermutlich schon«, fügte Stephan hinzu.
»Man kann ja nicht gleich gut kochen, nur weil man verheiratet war«, entgegnete Sabine. »Meine Mutter feiert bald Silberhochzeit, und sie kocht immer noch schauderhaft.«
Nachdem sie am Vortag in Ruhe hatten ankommen dürfen, ging es heute bereits mit dem Unterricht los, was Eva sehr gefiel. Die grundlegenden Dinge beherrschte sie zwar bereits, aber es noch einmal von professionellen Köchen gezeigt zu bekommen, war doch etwas völlig anderes. In ihrer eigenen Küche damals hatte sie einen modernen Elektroherd gehabt, aber von ihrem Elternhaus aus war ihr das Kochen mit dem Gasherd vertraut, und so fand sie sich schnell ein. Eigentlich kochte sie sogar lieber mit Gas, weil sich die Temperatur feiner regulieren ließ, aber sie hatten damals alles so modern wie möglich gewollt.
»Ich koche ganz gut, aber natürlich nicht auf dem Niveau, wie es hier unterrichtet wird.«
»Wenn man das einfach so könnte, bräuchte auch niemand mehr ins Restaurant zu gehen«, antwortete Paul. »Kommt sonst noch jemand von euch familiär aus der Gastronomie?«
»Meine Tante hat einen Betrieb«, sagte Melanie. »Da habe ich als Schülerin hin und wieder ausgeholfen und irgendwann beschlossen, dass ich in dem Bereich gern selbst arbeiten würde.«
»Mit deiner Tante zusammen?«, fragte Paul.
»Nein, ich möchte lieber wegziehen. Mich reizt es, mal was Neues kennenzulernen. Vielleicht Hamburg oder Berlin.«
»Das wäre mir zu groß«, antwortete Annemarie. »Ich möchte in der Region bleiben, in der Nähe meiner Familie.«
»Das wird eine Umstellung«, räumte Melanie ein, »aber es ist mein sehnlichster Wunsch, und es gibt ja Züge, mit denen ich schnell zu Hause bin. Außerdem möchte ich mir ein Auto zulegen.«
»Ich habe schon eine Stelle in Aussicht«, erklärte Chris. »Ein Freund meiner Eltern betreibt ein Hotel im Allgäu, dort kann ich in die Gastronomie.«
»Direkt als Küchenchef?«, scherzte Stephan.
»Schön wär’s.«
Martin, der bisher geschwiegen hatte, sagte: »Mein Großvater hatte mal eine kleine Wirtschaft, aber die gibt es seit Jahren nicht mehr. Ich denke, mich zieht es auch eher hinaus in die Welt. Die Schweiz reizt mich besonders.«
»In der Schweiz waren wir jedes Jahr, meist in der Gegend um Montreux«, entgegnete Annemarie.
»Alors je suis sûr que tu parles couramment le français«, sagte Paul.
»Mais bien sûr«, antwortete Annemarie.
