Pflicht und Verlangen - Eva-Ruth Landys - E-Book

Pflicht und Verlangen E-Book

Eva-Ruth Landys

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Beschreibung

Die einundzwanzigjährige Tochter eines Paares, das durch eine unerlaubte Heirat einstmals einen gesellschaftlichen Skandal auslöste, wird nach dem Tod ihres Vaters von ihrem weichherzigen, aber schwachen Onkel adoptiert. Zum Zwecke der Sicherung des Vermögens soll sie - wie in ihren Kreisen üblich - bald mit einem möglichst reichen Schwiegersohn verheiratet werden. Doch sie muss rasch erkennen, dass sie in ihrer eifersüchtigen Tante eine ernste Feindin hat, die ihr kein gutes Leben gönnen will. Da lernt sie den gut aussehenden Herrn des Nachbargutes kennen, einen weltoffenen, wissenschaftlich hochinteressierten und sensiblen Marineoffizier, der aber selbst in einer unglücklichen Ehe lebt. Beide versuchen vergeblich der immer stärker werdenden Zuneigung zu widerstehen, um eine Katastrophe zu verhindern, doch...

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Seitenzahl: 665

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Eva-Ruth Landys

Pflicht und Verlangen

Roman

BOOKSPOT VERLAG

Für Bärbel, die beste aller Tanten, die mich unbeirrt ermutigt hat

Vorbemerkung

Die Erläuterungen zu den in Klammern gesetzten Ziffern finden sich am Ende des Romans unter »Anmerkungen«.

Erstes Buch

Kapitel 1

»Sie wird sich hoffentlich gut einfügen. Ihr Vater war ja doch ein sehr eigensinniger Mensch ohne jede Moral und bar jeden Anstands. Wenn man bedenkt, dass er Ihre liebe Schwester Elisa, die immer so gütig und nachgiebig war, zu einer solch skandalösen Verbindung …«

»Aber liebste Lady Millford, natürlich wird sie das. Da habe ich keine Zweifel. Die Erziehung, die das Kind in den sechs Jahren im Institut von Mrs Longbottom bekommen hat, wird ohne Zweifel die möglichen Mängel ihres Charakters geglättet haben. Auch hat sich Mrs Longbottom in ihrem Brief doch eher wohlwollend über das Mädchen geäußert, wenn auch nicht ohne eine feine Andeutung auf gewisse Neigungen, die ich mir noch nicht ganz erklären kann, welche aber sicher unbedeutend sind. Sonst hätte Mrs Longbottom sich gewiss ausführlicher darüber gegeben. Seien Sie ohne Sorge. Es wird schon gut werden.«

Sir Alistair (1) nickte seiner Gattin begütigend zu, die sorgsam die Falten ihres Kleides glatt strich. Etwas, das ihr mit den steilen Falten auf ihrer Stirn ganz und gar nicht gelingen wollte. Lady Millford war von Anfang an gegen diese Idee ihres Gatten gewesen. Sicher, das Glück der Mutterschaft war ihr in ihrer nunmehr dreiunddreißig Jahre währenden Ehe mit Sir Alistair nicht vergönnt gewesen. Aber sich deshalb die Frucht dieser unmöglichen Verbindung ins Haus zu holen? Es war damals wirklich ein Skandal gewesen, der Millford Hall in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte. Keiner hatte zunächst etwas Böses vermutet, als der junge Mr Brandon in Millford Hall eingeführt wurde. Ein Student war er gewesen, der seinen Onkel, den Pfarrer der zu Millford gehörenden Pfarrei, besucht hatte. Er sei auf der Durchreise nach Italien und Griechenland wurde berichtet, wo er Studien des Altertums (wer hatte je von noch nutzloserer Tätigkeit gehört!) unternehmen wollte. Nun ja, man war höflich und interessiert gewesen. Wenn auch Lady Millford partout nicht in den Kopf wollte, warum man auf den jungen Mann so intensiv einging und ihn mehrfach mit seinem Onkel zum Dinner nach Millford Hall einlud. Aber ihre Schwiegermutter war ja schon immer etwas schwach und nachgiebig gewesen. Eine Eigenschaft, die sie unglücklicherweise auch ihrem Sohn, Sir Alistair Millford, dem jetzigen Herrn von Millford Hall, vererbt hatte.

Nun, es kam, wie es kommen musste, oder wie sie es natürlich hatte kommen sehen. Sie erinnerte sich mit einer gewissen Genugtuung daran. Die junge Lady Millford, die jüngere Schwester von Alistair Millford, verliebte sich in diesen nichtsnutzigen Menschen, der weder einen einträglichen Beruf noch ein wirkliches Einkommen vorweisen konnte. Natürlich waren sowohl Lady Millford, die Mutter Sir Alistairs, als auch deren damals schon schwer kranker Gatte, der alte Sir Thomas Millford, Herr über Millford und Lower Woodland, strikt gegen die Verbindung gewesen und hatten dem jungen Mann umgehend den Umgang mit Elisa und jeden weiteren Besuch auf Millford Hall untersagt. Aber kurze Zeit später – sie erschauerte jetzt noch, als sie sich den unglaublichen Skandal erneut in Erinnerung rief – war Elisa tatsächlich mit diesem unsäglichen Menschen durchgebrannt. Natürlich war sein Onkel, Pfarrer Brandon, untröstlich über die unglückliche Entwicklung – und noch untröstlicher darüber, dass er infolgedessen auf eine andere Pfarrstelle versetzt wurde, die weit weniger einträglich war als die große Gemeinde von Millford. Aber es war ja nicht zu vermeiden gewesen, das hatte man ihm aufs Deutlichste erklärt. Schließlich hatte er den jungen Brandon ins Haus gebracht und hätte doch um dessen zügellosen Charakter wissen müssen.

Ach, es war eine schwere Zeit gewesen, dieser Sommer vor zweiundzwanzig Jahren. Bald darauf segnete dann auch der alte Baronet das Zeitliche. Wohl auch infolge des Schocks über das nicht zu verteidigende Vergehen seiner Tochter, für die er doch eine glänzende Partie geplant hatte. Diese Folge hatte für sie selbst immerhin eine positive Wendung gebracht, da sie dadurch zur Herrin auf Millford Hall wurde. Eine Stellung, die sie nunmehr seit einundzwanzig Jahren mit aller Schicklichkeit, notwendigen Strenge und großer Umsicht ausfüllte.

Nur eines hatte sie nicht erreichen können: einen Erben für ihren Gatten, den jetzigen Sir Alistair Millford, Herr über Millford und Lower Woodland, in die Welt zu setzen. All ihre Hoffnungen waren nun schon seit Langem zunichte. Mit fünfundfünfzig Jahren waren die Aussichten, noch ein Kind zu empfangen, dahin und da sich auch ihr Gatte nun seinem dreiundsechzigsten Jahr näherte und anfing zu kränkeln, hatte sie ihm dazu geraten, einen Erben durch Adoption in Erwägung zu ziehen. Eine Idee, die er nach einigem Zögern dankbar aufgegriffen hatte, allerdings nicht so, wie sie es sich erhofft hatte. So hatte ihr ihr Gatte drei Wochen zuvor Folgendes verkündet: Er würde keinesfalls einen ihm gänzlich unbekannten und nicht oder nur entferntest verwandten männlichen Erben in Erwägung ziehen, sondern lieber eine nahe Verwandte. Er wolle deshalb seine Nichte Charlotte zu sich ins Haus holen und als seine Tochter adoptieren. Es müsse doch auf diese Weise gelingen, durch eine Heirat einen fähigen und dazu vielleicht auch begüterten jungen Gentleman zu gewinnen und an Millford Hall zu binden.

Lady Millford war sprachlos vor Empörung gewesen. Charlotte Brandon, die gottlose Frucht der Verbindung Miss Elisas mit Mr Brandon, war nunmehr fast einundzwanzig Jahre alt und dem Institut von Mrs Longbottom längst entwachsen. Zuletzt hatte sie dort als Lehrerin gearbeitet, denn natürlich besaß das Mädchen keinen Penny. Sie hatte dieses Institut und die dort erhaltene ausgezeichnete Erziehung nur der unverständlichen und wie immer viel zu weichherzigen Großzügigkeit ihres Onkels Sir Alistair zu verdanken, der sie nach dem frühen Tod ihrer Eltern dort unterbrachte. Allerdings hatte Lady Millford selbst sich seither jeden Kontakt und jeden Besuch von Charlotte auf Millford Hall verbeten. In den sechs Jahren, die Charlotte im Institut verbrachte, hatten sie – oder vielmehr ihr Gatte – nur einmal einen Brief von dem Mädchen erhalten, den sie aber mit der kurzen Anweisung, jede weitere Korrespondenz mit Sir Alistair und seinem Haushalt zu unterlassen, umgehend zurückschicken ließ. Und nun dies!

Aber letztlich hatte sie zugeben müssen, dass der Plan ihres Gatten auch seine positiven Seiten hatte. Wenn es gelänge, Charlotte in die Gesellschaft einzuführen (schließlich war der Skandal nun doch schon einige Jahre her), könnte sie eine gute Partie machen und mit einer lukrativen Heirat dem Hause Millford wieder zu mehr Glanz verhelfen. Die Gutmütigkeit ihres Gatten gegenüber seinen Pächtern und seine nicht eben glückliche Hand bei den Geschäften in den überseeischen Besitzungen hatten das Vermögen Sir Alistairs doch empfindlich geschmälert. Wenn sie sich auch noch nicht einschränken mussten, was nur ihrer Umsicht in der Haushaltsführung zuzurechnen war, so war doch die Aussicht auf eine Verbindung mit einem ansehnlichen Vermögen von zwanzig- oder dreißigtausend Pfund oder gar einem erklecklichen jährlichen Einkommen verlockend. Summen, die bei entsprechender Verheiratung ihrer Nichte mit einem der infrage kommenden Gentlemen in der Umgebung doch durchaus zu erzielen sein müssten. Und so hatte sie schlussendlich und trotz ihrer moralischen Bedenken im Hinblick auf Charlotte Brandon nachgegeben.

»Nun, mein lieber Mr Millford, mögen Sie recht behalten. Ich jedenfalls erwarte nichts und hoffe das Beste. Ich nehme an, die Kutsche wird zum Tee eintreffen. Ich gedenke den Tee im Blauen Salon einzunehmen und Charlotte dort zu empfangen. Möchten Sie sich mir anschließen oder wünschen Sie das Kind später zu sehen?«

»Meine Liebe, das Empfangen überlasse ich doch lieber der Herrin von Millford. Sie werden das Kind schon recht in Augenschein nehmen. Ich fühle mich heute doch etwas schwach und mein Rücken plagt mich. Ich würde gerne hier noch etwas im Sessel sitzen bleiben.« Sir Alistair wusste durch lange Ehejahre, wann es besser war, sich nicht einzumischen. Er hatte sich in dieser Sache endlich durchgesetzt, aber er durfte seine Fortune nicht überreizen. Sollte sich Lady Millford das Mädchen zunächst einmal allein ansehen und sich ein Bild machen. Die Vorbereitungen für die Einführung einer jungen Frau in die Gesellschaft waren schließlich schon immer die Sache der Frauen gewesen und unterlagen Gesetzmäßigkeiten, zu denen er sich außerstande sah, auch nur das Geringste beizutragen. Er hoffte jedoch inständig, dass sein Wunsch, Charlotte in sein Haus aufzunehmen, doch von Erfolg und Wohlwollen begleitet wurde und dass das Kind den strengen Anforderungen seiner Frau genügen würde. Elisas Verschwinden und die strikte Weigerung seiner Eltern – und auch seiner Gattin –, ihr jemals zu verzeihen, hatte ihn weit mehr bekümmert als er sich anmerken lassen konnte und wollte. Er hatte Elisa sehr geliebt, besonders ihr freundliches und nachgiebiges Wesen, die sanfte Art, in der sie zu sprechen pflegte und ihre schöne Stimme, wenn sie sang und Piano spielte. Eigenschaften, die seiner Gattin leider eher abgingen, obwohl ihm Lady Millford eine gute Frau war und seinen Haushalt umsichtig führte. Umso mehr hatte es ihn betrübt, als er vor nunmehr sechseinhalb Jahren erfahren hatte, dass seine geliebte Schwester und ihr Mann William Brandon in Griechenland einer Typhusepidemie erlegen waren, ohne dass er noch einmal mit ihr gesprochen hatte. Die damals vierzehnjährige Charlotte blieb – zwar mit vielen Büchern und antiken Kunstgegenständen, aber ohne ein gutes Auskommen und weitere Pläne – im elterlichen Haus in Kastri (2) zurück. Er hatte sich umgehend darum gekümmert, dass das Mädchen nach England zurückkehrte, überführte die wenigen Besitztümer der Eltern nach London in die Obhut eines Verwalters und brachte Charlotte im ehrenwerten Institut der Mrs Longbottom in Surrey unter. Leider hatte das Kind unverständlicherweise nie Kontakt aufgenommen, aber er hatte angenommen, dass es sich seiner Herkunft vielleicht schämte. Wie auch immer: solche Dinge überließ er eher seiner Frau. Die traurigen Ereignisse, verbunden mit den unangenehmen und aufreibenden Formalitäten, waren eine große Anstrengung gewesen. Zudem begannen damals auch seine Geschäfte in Übersee schwierig zu werden und erforderten seine ganze Aufmerksamkeit. Nun aber war die Zeit gekommen, dass er sich Charlottes entsann.

Kapitel 2

Charlotte war überrascht gewesen, als der Brief von Mr Norton, dem Anwalt ihres Onkels, im Longbottom Institut eintraf. Sie hatte sich darauf eingestellt, noch eine Zeit lang im Institut zu unterrichten und dann dem einzigen Beruf nachzugehen, der einer Frau in ihrer Lage offenstand, nämlich eine Stellung als Gouvernante in einem herrschaftlichen Haus anzunehmen. Nicht eben eine beglückende Aussicht, aber ihren Neigungen nachzugeben und Musikerin oder Forscherin zu werden stand außer Frage. Zwar gab es solche Frauen, die sie auch glühend bewunderte, wie Caroline Herschel (3), die deutsche Sängerin, Astronomin und Kometenentdeckerin, die in Slough lebte oder Sibylla Merian (4), die berühmte Naturforscherin und ausgezeichnete Künstlerin, deren Ruhm sogar bis zum Zar nach Sankt Petersburg gedrungen war. Aber diese Frauen waren echte Solitäre und sie zahlten einen hohen Preis für ihren unerwünschten Forscherdrang. Caroline Herschel zum Beispiel war nahezu gesellschaftlich geächtet und hätte sie nicht einen Bruder gehabt, der das Amt des königlichen Astronomen innehatte, hätte sie diesen Weg nie gehen können.

Charlotte hatte ihre Eltern gehabt, vor allem ihren Vater William Brandon, den sie über alles geliebt hatte. Er hatte sie mit auf seine Forschungsreisen genommen und teilhaben lassen an seinen Entdeckungen über die versunkene Welt der Griechen und Römer. Er hatte sie Griechisch und Latein gelehrt und ihre natürliche Neugier befeuert, ihrem hungrigen jungen Geist jede Nahrung angeboten, nach der es ihn verlangte. Auch ihre Mutter hatte Charlotte auf ihre Art alles gegeben, was sie besaß. Ihre überbordende Freude an Musik und Literatur war zweifellos das Erbe ihrer Mutter. Und wenn sie auch nicht deren großen Liebreiz und Sanftmut besaß, so war Charlotte dennoch mit einer außerordentlichen Musikalität und der Fähigkeit, ihren Gedanken in Worten und Musik Flügel zu verleihen, gesegnet. Diese von ihren Eltern geförderten Fähigkeiten hatten ihr die Anerkennung, aber auch das Misstrauen von Mrs Longbottom und ihren Kolleginnen beschert. Allzu viel Wissensdurst und musikalisches Talent standen einer jungen Dame nicht an, so wurde ihr bedeutet und Mrs Longbottom sah sich mehr als einmal genötigt, sie zu ermahnen, weder ihre Schülerinnen noch sich selbst mit allzu viel unnützem Bücherstaub und Notenklang zu beschweren. Mrs Longbottom, die auf ihre Art durchaus wohlmeinend war, führte ihr eindrucksvoll eine drohende »Karriere« als nicht zu vermittelnder Blaustrumpf vor Augen, der weder Aussicht auf eine Anstellung in einem angesehenen Hause noch gar auf eine – wenn auch noch so unwahrscheinliche – Heirat hatte. So hatte sie sich denn widerstrebend gebeugt und ihre Studien auf ein paar heimliche Stunden bei Kerzenschein verlegt. Allerdings fühlte sie sich mehr und mehr wie ein Vogel im Käfig, und sie meinte bisweilen nahezu ersticken zu müssen.

Als nun der Brief von Sir Millford sie erreichte, nach sechs Jahren völligen Schweigens, war sie über das Ansinnen ihres Onkels, sie zu adoptieren, zwar mehr als erstaunt, aber auch beglückt, den trüben Aussichten ihres weiteren Fortkommens entfliehen zu können. Doch plagte sie trotz allem die Sorge, ob sie nicht noch in einen weitaus engeren Käfig geriete.

******

Eingezwängt zwischen ihren wenigen Habseligkeiten, saß sie nun in der schlecht gefederten Kutsche, die sie von der Poststation in Wareham zum etliche Meilen entfernten Herrenhaus bringen sollte und schon geraume Zeit über die ausgefahrenen Wege in Dorset dahinrumpelte. Doch weit sei es nun nicht mehr, hatte ihr vor einiger Zeit der Kutscher vom Bock heruntergerufen, und so erwartete sie jeden Moment die Auffahrt von Millford Hall vor sich zu erblicken. Diese Auffahrt war ihr bekannt durch ein von ihrer Mutter angefertigtes Aquarell, das, so lange sie denken konnte, im Haus in Kastri gehangen hatte. Nun lagerte es wohl, wie all die anderen Besitztümer ihrer Eltern, in den Räumen eines Verwalters in London.

Richtig, da zwischen den Erlen und Pappeln in der Nähe des kleinen Weihers blitzten die weißgetünchten Mauern des Pförtnerhäuschens auf. Die Kutsche hielt und Charlotte entwand sich stöhnend und mit eingerosteten Gliedern dem mäßig gepolsterten Interieur des Gefährts. Der zweite Kutschbegleiter hob ihr Gepäck heraus und bugsierte es vor die Tür des Pförtnerhauses. Ein kurzer Gruß und Charlotte stand allein in der sich schnell abkühlenden Dämmerung des Herbsttages.

Kurz zögerte sie, aber dann straffte sie entschlossen die Schultern und griff nach der Kordel der kleinen Glocke neben der Pförtnertür. Diese öffnete sich jedoch, noch bevor sie den Klingelzug betätigen konnte und offenbarte einen gedrungenen Alten mit spärlichem Haarwuchs und munteren Dachsaugen. »Miss Brandon! Endlich! Wir erwarten Sie schon seit zwei Stunden. Lady Millford hoffte, Sie zum Tee begrüßen zu können. Wir sollten uns beeilen, Lady Millford schätzt es nicht zu warten. Ich habe die Kutsche zum Haus schon bereitgestellt. Zum Gehen ist es zu weit.«

»Wie weit ist es denn zum Haupthaus?«, fragte Charlotte, die ein wenig Erleichterung verspürte über die unerwartet freundliche Ansprache.

»Etwa eine halbe Meile, Miss.«

»Nun, ein kurzer Spaziergang würde mir guttun, nach der langen Fahrt, ähm …«

»Thomas, Miss, mein Name ist Thomas. Ich kannte Ihre Mutter schon als kleines Mädchen, müssen Sie wissen. Ich war früher einer der Gärtner, aber jetzt plagt mich ein steifes Bein und deshalb hat mir der Herr die Stelle als Pförtner hier gegeben.«

»Danke, Thomas. Dann würde ich gerne zum Haus gehen. Wenn du das Gepäck versorgen könntest …«, Charlotte lächelte dem Alten zu und machte sich auf den Weg die kiesbestreute Auffahrt hinab. Das Haus lag in einer kleinen Senke, eingerahmt von gefällig angeordneten Gruppen von Büschen und Hecken, die eine gute Organisation des Hauswesens verrieten. Charlotte war einigermaßen beeindruckt. Sie schritt kräftig aus und erreichte in kurzer Zeit die Eingangstür des Haupthauses, das im Stil des Empire renoviert worden war, aber wohl schon aus elisabethanischer Zeit stammte. Die Tür öffnete sich und warmer Kerzenschein flutete in die anbrechende Dämmerung hinaus. Ein tadellos livrierter Bediensteter nahm sie mit ausgesuchter Höflichkeit in Empfang und führte sie durch die große Eingangshalle in einen kleineren Nebenraum, den er als Blauen Salon bezeichnete.

»Wie ich sehe, bist du nun endlich eingetroffen, Charlotte. Ich hatte dich früher erwartet und habe nun mit dem Tee nicht auf dich gewartet. Der Baronet wird dich leider heute Abend nicht mehr begrüßen können. Er ist unpässlich. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Fahrt.« Lady Millfords Stimme war spröde und kühl und bildete einen misstönenden Gegensatz zur gemütlichen Ausstattung des Salons. Charlotte, der bisher nicht angeboten worden war sich zu setzen, stand etwas befangen im Raum. »Es tut mir leid, Tante, die Kutsche hatte bereits in Southampton Verspätung. Ein Pferd hatte ein Eisen verloren und musste ausgetauscht werden.«

»Das ist nicht von Interesse. Schließlich bist du ja nun angekommen. Dein Gepäck wird in deinen Raum gebracht werden. Du wirst dich morgen nach dem Frühstück bereithalten, den Herrn über Millford und Lower Woodland zu begrüßen. Ich hoffe, man hat dir im Longbottom Institut wenigstens beigebracht, wie man sich bei einem solchen Anlass zu benehmen hat.«

»Selbstverständlich, Tante!«, Charlotte ignorierte die schlecht verborgene Ablehnung in den Worten Lady Millfords. Es war ihr ja bewusst gewesen, dass die Weigerung des Hauses Millford, mit ihr in den letzten sechs Jahren Kontakt aufzunehmen, eine Wurzel haben musste und hier wurde eine Quelle der Ablehnung offenbar. Die Frage war, ob nur Lady Millford ihr mit Ablehnung begegnete oder auch Sir Alistair. Immerhin hatte er ihr eine nicht eben billige Ausbildung bezahlt und plante nun, sie als Tochter in sein Haus aufzunehmen.

»Ich würde mich unter diesen Umständen gerne zurückziehen, Tante. Ich bin sehr müde von der Reise und denke, dass es von Vorteil ist, morgen ausgeruht der Begegnung mit meinem Onkel entgegenzusehen.«

»Das mag sein, Charlotte. Ich werde läuten, damit man dich auf dein Zimmer führt. Solltest du noch Hunger verspüren, kannst du dir etwas auf dein Zimmer bringen lassen. Das wäre alles.«

Lady Millford drehte sich um und zog energisch an der Klingel für die Bediensteten. Charlotte betrachtete sie dabei eingehend. Immerhin würde diese spröde Frau in Kürze ihre Adoptivmutter sein. In ihrem blaugrauen, strengen Kleid und der sorgsam gebundenen Haube stand Lady Millford in der strammen Haltung, die Charlotte eher an einen Militär als an eine Frau erinnerte. Kein Zweifel, diese Frau hatte einen starken Willen und einen unbeugsamen Charakter. Es würde über Charlottes Wohlergehen in diesem Hause entscheiden, ob sie deren Anerkennung und Wohlwollen gewinnen konnte.

Doch warum hatte man sie dann hergeholt? Sie hätte sich mit dem, was sie im Institut gelernt hatte, selbst ein zumindest bescheidenes Auskommen schaffen können. Charlotte war nun mehr als gespannt zu erfahren, wie der Baronet zu ihr stand.

Kapitel 3

Nachdem Charlotte sich am nächsten Morgen angekleidet und im Frühstückszimmer allein gegessen hatte, saß sie nun im Kartenzimmer und wartete auf ihren Termin zur Vorstellung.

Sie wartete schon seit geraumer Zeit und schwankte zwischen Unsicherheit und Verärgerung über die offenkundige Feindseligkeit, die in diesem Wartenlassen lag. Sie vermutete stark, dass dies auf Geheiß von Lady Millford so gehandhabt wurde und es war ihr nur zu bewusst, dass ihre Tante sie damit auf den Platz einer rechtlosen Bittstellerin zu befördern versuchte.

Aber, so nahm sich Charlotte vor, vielleicht kann ich wenigstens mit Sir Alistair auskommen. Mutter hat immer gut von ihrem älteren Bruder gesprochen und es sehr bedauert, dass auch er mit ihr gebrochen hatte nach ihrer heimlichen Heirat mit Papa. Er kann kein schlechter Mensch sein.

Ihr Blick schweifte nach draußen über die abfallenden Hügel von Dorset, die bis zum fernen Meer hinunterreichten. Millford war ein fruchtbarer Landstrich. Jetzt im Herbst waren die abgeernteten Getreidefelder graugelb, während Kohl und Rüben noch auf die Ernte warteten. Links vom Haus stand wie eine Mauer der dichte Laubwald von Millford, dem sowohl das Anwesen als auch das Adelsgeschlecht zweifellos ihre Namen verdankten. Der Wald hatte sich bereits mit bunten Herbstfarben geschmückt und Charlotte nahm sich vor, dort einen Spaziergang zu unternehmen, sobald es ihre Pflichten zuließen. Charlotte liebte den Herbst mit seiner klaren Luft und den intensiven Farben. In Surrey hatte sie auch, so oft sie konnte, Spaziergänge auf den zahllosen Wanderpfaden unternommen. Leider hatte sie eher selten ausreiten können, da sie nicht, wie die meisten anderen Mädchen in Longbottom, die Mittel besessen hatte, ein eigenes Pferd in den institutseigenen Stallungen zu unterhalten. Dennoch hatte sie aber dank einer Freundin, die ihr öfter ihr Pferd ausgeliehen hatte, wenigstens die für eine Dame erforderliche Grundgeschicklichkeit im Reiten erlangen können, auch wenn sie inzwischen längst zu der Einsicht gekommen war, dass diese Kunst nicht zu den notwendigen Fähigkeiten einer Gouvernante gehörte. In der neuen Lage, in der sie sich jetzt befand, dachte sie nun aber doch dankbar an ihre liebe Schulfreundin zurück. Der Anblick der reizvollen Landschaft beruhigte sie und ließ sie zufriedener mit ihrer momentanen Situation werden. Da hörte sie hinter sich die Tür aufgehen, gefolgt von Kleiderrascheln und einem verschämten Hüsteln.

»Wenn die Miss jetzt bereit wäre, Lord und Lady Millford lassen bitten, äh … Miss.« Ein junges, recht hübsches Mädchen in sorgfältig gestärkter Schürze knickste unbeholfen.

 »Ja, danke! Selbstverständlich bin ich bereit. Wie heißt du?«

»Emmy, Miss! Ich bin erst seit Kurzem im Hause. Ich bin die Nichte der Köchin, Mrs Sooner.«

»Nun, Emmy, du bist länger im Hause als ich und kennst dich daher schon viel besser aus, nehme ich an.«

Charlotte lächelte. Die kleine Dienstmagd hatte noch sichtlich Mühe mit den Gepflogenheiten in einem herrschaftlichen Hause, aber sie schien willig und darauf bedacht, nichts falsch zu machen. Sie war ein hübsches, junges Ding von etwa fünfzehn Jahren und wirkte fleißig und ehrlich. Sie würden sich sicher gut verstehen, dachte Charlotte. Sichtlich erfreut über die freundlichen Worte der jungen Frau sagte das Mädchen beflissen: »Die Herrschaften warten auf Sie im Arbeitszimmer des Lords, Miss. Ich führe Sie gerne dorthin.«

»Das wäre nett von dir, Emmy. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, im Haus herumgeführt zu werden und bin daher darauf angewiesen, dass mir eine freundliche Seele den Weg zeigt.«

»Sehr wohl, Miss.« Emmy knickste erneut und ging voraus.

Das Haus war groß und die Ausstattung gediegen, wenn auch etwas veraltet, wie Charlotte feststellte. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Besitzer seit einiger Zeit nicht mehr allzu viel Wert auf modische Neuerungen im Interieur legten. Dennoch wirkte alles sehr gepflegt und … steif. Charlotte seufzte. Das Haus passte exakt zu seiner Herrin, Lady Millford. Es gab keinerlei Grund zu irgendeiner Beanstandung, aber dem Haus fehlte es an Lebendigkeit und Wärme. Eine unerbittliche Strenge und Nüchternheit, fern jedes spielerischen oder gar luxuriösen Gedankens, prägte jeden Winkel. Dann jedoch erblickte Charlotte im Vorbeigehen zu ihrer Überraschung doch etwas, das ihr Herz höherschlagen ließ. Als sie eine imposante Tür passierten, die wohl zu den größeren Aufenthaltsräumen führte, erhaschte sie durch den halb geöffneten Türflügel einen Blick auf ein wunderschönes Pianoforte, ein mächtiger Flügel, der zweifellos aus der berühmten Broadwood’schen Fertigung stammte (5). Alt, aber gepflegt! Sie hoffte, dass er noch gestimmt war. Es musste sich um den Flügel ihrer Mutter handeln, dem diese oft nachgetrauert hatte, obwohl sie auch in Kastri ein recht passables Klavier ihr Eigen nennen durften. Charlotte nahm sich fest vor, auch diesem Flügel demnächst ihre Aufwartung zu machen. Ihre Stimmung hob sich merklich und sie rüstete sich für die bevorstehende Audienz.

Lady Millford stand neben ihrem Gatten, der hinter einem sehr großen Schreibtisch aus dunklem Holz Platz genommen hatte. Das Zimmer war groß und mit schweren Teppichen ausgelegt, die Charlotte wie ein Meer vorkamen, das es zu durchpflügen galt, um sich dem Herrn über Millford und Lower Woodland zu nähern. Lady Millford hatte für den heutigen, offenbar für sie recht offiziellen Anlass ein Kleid aus dunkelbraunem Atlas mit Brüsseler Spitze gewählt, in tadellosem Sitz, wenn auch ihre einstmals wohl schlanke Figur nicht mehr ganz die jugendliche Silhouette besaß, die sich die Trägerin des Kleides zu erhoffen schien. Sir Alistair schien älter, als sie ihn sich für einen dreiundsechzigjährigen Mann vorgestellt hatte. Eher von zierlichem Wuchs, ähnelte er in gewisser Weise tatsächlich ihrer verstorbenen Mutter. Einige Züge in seinem ihr bislang fremden Gesicht erinnerten Charlotte stark an sie, wenn sie auch nicht genau sagen konnte, ob es sich dabei eher um die Augen oder den Mund handelte. Überhaupt schien dieser Mund eine unbestimmte Weichheit zu offenbaren.

Es war schließlich aber der durchaus freundliche und neugierige Blick, der Charlotte endlich den Mut gab, sich ohne Scheu in das Teppichmeer zu wagen und die Reise zum fernen Schreibtisch anzutreten. Dort endlich angekommen knickste sie, wie sie es in der gestrengen Schule von Mrs Longbottom gelernt hatte.

»Verehrter Onkel, verehrte Tante, ich schätze mich glücklich, in Ihrem Hause so freundlich empfangen worden zu sein.«

»Mein liebes Kind, auch wir freuen uns, dich endlich kennenlernen zu können«, antwortete Sir Alistair. »Meine Gattin und ich haben uns entschieden, dich nach Millford Hall kommen zu lassen, damit du fortan in diesem Hause als unsere Tochter leben kannst. Wie du weißt, lag uns deine Erziehung am Herzen und so ließ ich dich, auf Anraten meiner lieben Frau, in einem Institut für die Erziehung junger Mädchen unterbringen. Ein Bekannter hat mir das Longbottom Institut empfohlen und ich hoffe, du hast dort eine gute Erziehung genossen. Obwohl ich doch auch verwundert war, nie von dir auch nur eine Zeile erhalten zu haben. Aber vielleicht haben ja junge Mädchen andere Dinge im Kopf. Wie dem auch sei, wir freuen uns jedenfalls, dass du nun hier bei uns bist.«

So ist das also, dachte Charlotte, sie hat ihn nicht informiert, dass mir befohlen wurde, den Kontakt zu unterlassen und ließ ihn in dem Glauben, ich sei leichtfertig und undankbar. Sie scheint einen unbestimmten Hass gegen mich zu hegen, obwohl ich mir das nicht erklären kann. Sie kennt mich doch gar nicht! Ich muss auf der Hut sein und sie nicht weiter gegen mich aufbringen.

»Lieber Onkel, es tut mir leid, Ihnen nicht geschrieben zu haben, aber seien Sie versichert, dass ich Ihnen unendlich dankbar bin für die finanzielle Unterstützung und die gute Erziehung, die Sie mir zukommen ließen nach dem Tod meiner Eltern. Ich hatte jedoch die wohl falsche Vermutung, dass Sie nicht die Zeit hätten, sich neben Ihren zahlreichen Verpflichtungen mit einer unbedeutenden und mittellosen Waise zu befassen. Ich kann Sie nur um Verzeihung bitten für diesen Irrtum, bei dem die Schuld ganz bei mir liegt.«

Charlotte hatte während ihrer Worte die Reaktion von Lady Millford beobachtet und registrierte mit heimlicher Genugtuung, wie diese erleichtert und verblüfft zugleich ihren angehaltenen Atem vorsichtig entweichen ließ und nach einem Wimpernschlag der Verunsicherung Charlotte mit etwas mehr Respekt, aber auch Vorsicht betrachtete. Was führt diese Frau im Schilde?, fragte sie sich. Warum hatte sie zugestimmt, dass ich zur Tochter des Hauses gemacht werde?

»Liebes Kind, sei unbesorgt, wir werden das alles aufholen und uns gut kennenlernen.« Sir Alistair erhob sich mühsam aus seinem Sessel und wanderte langsam um das Ungetüm von einem Schreibmöbel herum, das mehr der Repräsentation als der Arbeit zu dienen schien. Er war nur etwa so groß wie Charlotte selbst und wirkte neben seiner eindrucksvollen Gattin eher unscheinbar. »Du siehst deiner Mutter ähnlich, aber hast auch viel von deinem Vater. Ja, mein Kind, wir kannten ihn! Es war eine unglückliche Geschichte damals und ich bedaure es mehr als du ahnst, dass meine liebe Schwester so ohne ein Wort mit einem mittellosen Mann ihr Zuhause verließ. Aber vielleicht waren meine Eltern auch zu hart in dieser Angelegenheit, wer weiß?«

An dieser Stelle hörte Charlotte, wie Lady Millford scharf die Luft einsog und mit einer gehörigen Portion Empörung wieder von sich gab. Sir Alistair ließ sich davon nicht beirren. Sie ist unversöhnlich, dachte Charlotte, aber da war noch etwas anderes. Doch dem würde sie schon noch auf die Spur kommen.

»Wie du sicher weißt, hat uns die Vorsehung leider keine eigenen Kinder zugedacht«, hub Sir Alistair wieder an, »Nun, da wir alt werden und jede Hoffnung auf eigenes familiäres Glück zunichte gemacht ist, haben wir uns entschlossen, dich an Kindesstatt anzunehmen, da du meine nächste Verwandte bist. Und natürlich habe ich die Hoffnung, vielleicht noch auf meine alten Tage Großvater zu werden. Denn ich sehe, du bist nicht unansehnlich. Ja, sogar ein recht hübsches, junges Ding und, wie mir Mrs Longbottom schriftlich versicherte, intelligent und anstellig. Du wirst uns rechte Freude machen, hoffe ich.«

»Das hoffe ich auch, lieber Onkel, und ich werde mich sehr bemühen, mich Ihrer Freundlichkeit würdig zu erweisen. Ich darf doch auch weiterhin Onkel und Tante sagen, denn Mutter und Vater werden in meinem Herzen immer meine verstorbenen Eltern bleiben«, beeilte sich Charlotte hinterherzuschieben.

Sir Alistair schien wirklich ein offener und weichherziger Mann zu sein und sie begann es jetzt schon zu bedauern, dass es ihr während ihres bisherigen Aufenthalts in England nicht vergönnt gewesen war, ihn kennengelernt zu haben. Dies hatte jedoch der unbeugsame Wille seiner Gattin verhindert, die jetzt aber plötzlich doch nachgegeben hatte, und dafür musste es einen bestimmten Grund geben. Aber Charlotte beschloss, jetzt nicht weiter darüber nachzugrübeln, sondern sich die Dinge entwickeln zu lassen. Und sie entwickelten sich auch augenblicklich!

 »Charlotte, ich hoffe, du bist durch deinen Aufenthalt im Institut auch darauf vorbereitet, in die Gesellschaft eingeführt zu werden«, sagte Lady Millford kühl und keineswegs freundlich. »Du bist bereits fast einundzwanzig und es wird höchste Zeit für dich, dass du debütierst.«

»Wie Sie wünschen, Tante. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, welche Art von Vorbereitung Sie meinen. Sicher habe ich die erforderlichen Formen der Höflichkeit erlernt und bin auch mit den Gesellschaftstänzen vertraut, aber darüber hinaus habe ich mich um die Vorbereitung der Gesellschaftseinführung nicht allzu sehr bemüht, da ein Leben als Gouvernante der mir vorgezeichnete Weg zu sein schien.«

Lady Millford schaffte es erneut, in ein weiteres Atemholen eine ganze Palette von Empfindungen von hilfloser Resignation bis hin zu heroischem Martyrium zu legen, wie Charlotte erstaunt registrierte.

»Dann werde ich die Sache selbst in die Hand nehmen müssen und mit Ihrer Zustimmung, Sir Alistair, einen Ball in ungefähr vier Wochen in unserem Hause veranstalten. Diese vier Wochen werden, so hoffe ich, genügen, um Charlotte so weit vorzubereiten, dass wir es wagen können, sie zumindest einem kleineren Kreise der hiesigen Gesellschaft vorzustellen.«

»Ja, machen Sie nur, meine Liebe. Ich lege das alles in Ihre Hände und bin mir sicher, dass alles zu meiner größten Zufriedenheit geschehen wird. Doch jetzt würde ich mich gerne wieder zurückziehen. Mir ist etwas schwindelig. Arthur soll mir noch meinen Stärkungstrank bringen. Wir sehen uns dann zum Tee, mein Kind, nicht wahr? Ich bin neugierig darauf zu erfahren, wie dein bisheriges Leben verlaufen ist. Besonders die Zeit mit deinen Eltern in Griechenland, wenn es dich nicht zu sehr schmerzt.« Sir Alistair wandte sich zum Gehen und verließ den repräsentativen Arbeitsraum durch eine Tür, die in seine Privatgemächer zu führen schien.

Charlotte hielt sich für entlassen und schickte sich ebenfalls an den Raum zu verlassen, als die scharfe Stimme Lady Millfords sie zurückhielt.

»Ich hoffe, du wirst meinen Mann nicht mit nutzlosem Geschwätz ermüden. Wie du sicher gemerkt hast, ist Sir Alistair nicht bei bester Gesundheit. Jede Aufregung – und besonders die Erinnerung an die skandalöse Verbindung deiner Eltern – würde ihm mit Sicherheit schaden, was du hoffentlich nicht verantworten möchtest. Ich möchte dich daran erinnern, dass es deine vornehmste Pflicht ist, dich dem Hause Millford dankbar zu erweisen und dich nun mit aller Kraft der Aufgabe zu widmen, eine echte Millford zu werden. Haben wir uns verstanden?«

Charlotte blickte Lady Millford einen kurzen Augenblick unverwandt in die Augen.

»Voll und ganz, liebe Tante. Ich werde tun, was von mir erwartet wird.«

Über Lady Millfords Gesicht zog abermals ein Schatten der Verunsicherung. Sie war Widerstand nicht gewohnt, und der Blick dieser jungen Frau verhieß nichts Gutes.

Kapitel 4

Charlotte ging allein zurück. Zum Glück fand sie sich auch an Orten, die sie erst einmal besucht hatte, immer wieder gut zurecht. Eine Fähigkeit, die sie bei den früheren Expeditionen mit ihrem Vater trainiert hatte, und die auch in den steinigen Höhen und Tälern des griechischen Festlands von gutem Nutzen gewesen war. Ihr Vater hatte sie oft seinen kleinen Scout genannt, und Charlotte war stolz auf ihren guten Orientierungssinn. Nun, da sie sich im Hause ihres Onkels allein zurechtfinden musste, weil Lady Millford offenbar nicht gewillt war, ihr eine Führung durch ihr neues Zuhause zu gönnen, versuchte sie sich zu erinnern, an welchen Zimmern sie auf dem Weg ins Arbeitszimmer ihres Onkels vorbeigekommen war. Ein Diener, den sie hätte fragen können, war nicht zu sehen. Sie schienen alle in den anderen Bereichen des Hauses beschäftigt. Vielleicht waren sie aber auch von Lady Millford angewiesen worden, ihr möglichst aus dem Weg zu gehen, was Charlotte ihr ohne Weiteres zutraute.

Millford Hall schien von innen noch größer zu sein, als es gestern in der Dämmerung von außen ausgesehen hatte. Das Haus spiegelte nur zu deutlich das honorige Adelsgeschlecht der Millfords wider, das eine lange Geschichte aufzuweisen hatte. Charlotte hatte sich darüber im Adelskalender in der Bibliothek des Longbottom’schen Instituts ausführlich informiert, sobald ihr der Brief von Mr Norton zugestellt worden war. Die Adoption selbst stand noch aus, und Charlotte fragte sich, wann dieser formelle Akt vorgenommen werden sollte. Vielleicht war der geplante Ball ja auch so etwas wie eine Probe, ein Eignungstest für sie. Sollte sie versagen, konnte man sie immer noch abschieben und ihr auf diskretem Wege eine Stelle als Gouvernante weit weg von Millford besorgen, vielleicht beim weniger angesehenen irischen Adel. Nun, möglicherweise sah so der Plan ihrer Tante aus. Vielleicht rechnete sie damit, dass Charlotte sich blamieren und in der hiesigen Gesellschaft durchfallen würde, um sie auf diese Weise ein für alle Mal loszuwerden. Offenbar hatte sie ihrem Gatten in diesem Punkt nichts entgegensetzen können, obwohl Charlotte den Eindruck gewonnen hatte, dass Sir Alistair zwar ein liebenswerter, aber kein willensstarker Mensch war. Umso bemerkenswerter, dass er sich nach all den Jahren doch gegen seine Frau hatte durchsetzen können, mit seinem Wunsch, Charlotte in sein Haus aufzunehmen. Sie hatte das Gefühl, dass er die Verbannung seiner Schwester bedauerte und er bereit war, den »Skandal«, wie es Lady Millford immer wieder betonte, der Vergangenheit angehören zu lassen. Er schien ehrliche Reue über das Schicksal seiner Schwester zu empfinden.

Charlotte beschloss, sich nicht so leicht den geheimen Plänen Lady Millfords unterzuordnen und ihr Bestes zu geben, was diesen Ball anbetraf. Obwohl sie solchen Festivitäten, wie sie auch gelegentlich in Surrey stattgefunden hatten und zu denen sie als Lehrerin von manchen ihrer Schülerinnen hin und wieder eingeladen worden war, wenig Unterhaltendes hatte abgewinnen können. Erschien es ihr doch im Innersten mehr ein Pferdemarkt zu sein, bei dem die erwachsenen Töchter der Gentry und der Peers sozusagen zur Begutachtung und Wertsteigerung des familiären Vermögens feilgeboten wurden. Charlotte musste sich bei diesem Gedanken das Lachen verbeißen. Mrs Longbottom hätte bestimmt einen ihrer berühmten nervösen Anfälle bekommen, wenn er ihr zu Ohren gekommen wäre. Charlotte verstand ihre Mutter inzwischen gut, die damals aus diesem gesellschaftlichen Korsett ausgebrochen war und – wenn auch um den hohen Preis der Ächtung durch Familie und Gesellschaft – den Mann geheiratet hatte, der ihr Herz erobert hatte. Sie fragte sich allerdings, ob ihre Mutter diesen Schritt wohl jemals bereut hatte. Ihr Bruder jedenfalls bedauerte den Verlust seiner Schwester zutiefst, dessen war sie sich sicher.

Sie war unversehens bei der hohen Tür, die vorhin einen Spalt offen gestanden hatte, angelangt und erinnerte sich an den herrlichen Flügel, der hinter dieser Tür darauf wartete, von einem willigen Musikanten beehrt zu werden. Vorsichtig näherte sie sich und öffnete leise die Tür. Ja, da stand er! Walnussfarben und mit herrlichen bunten Einlegearbeiten verziert, prangte er in einem lichtdurchfluteten Raum, der vermutlich als Aufenthaltsraum bei gesellschaftlichen Anlässen genutzt wurde. Gefällig angeordnete Sitzgruppen lockerten den hohen, mittelgroßen Saal auf und in der Ecke befand sich ein prächtiger, gekachelter Ofen, der auch in der kälteren Jahreszeit Besucher zum Verweilen einladen konnte. Nahe dem Flügel stand ein hoher Vitrinenschrank, der angefüllt war mit Notenblättern und einigen weiteren Instrumenten, wie Flöten und sogar einer Laute. Ja, dies war der geliebte Flügel ihrer Mutter, kein Zweifel. Er war ihr oft beschrieben worden.

Charlotte setzte sich andächtig auf die Klavierbank. Fast vermeinte sie die Anwesenheit ihrer Mutter zu spüren und schluckte, um die aufsteigenden Tränen zu verdrängen. Dann – vorsichtig und in der Furcht, die Stille des Raumes allzu grob zu durchbrechen – schlug sie ein paar Tasten an. Der Klang war wunderbar und dadurch ermutigt, spielte sie die ersten Töne einer kleinen Suite von Purcell (6), hörte jedoch sofort wieder auf, als das Instrument Unschönes von sich gab. Der Flügel war leider völlig verstimmt. Seit dem Fortgang ihrer Mutter aus Millford Hall hatte wohl kaum jemand mehr auf ihm gespielt und noch weniger sich um das edle Instrument gekümmert. Ein Jammer! Die liebevolle und kundige Hand eines guten Klavierstimmers, etwa Mr Hover aus Surrey, würden diesem königlichen Instrument wieder Leben einhauchen können. Wenn es sich ergab, wollte sie ihren Onkel darum bitten. Bei Lady Millford rechnete sie sich kaum Chancen aus, obwohl es ihr möglich schien, im Zuge der Vorbereitung auf den Ball auch ihr Glück bei ihrer Tante zu versuchen. Nur musste es geschickt vorgebracht werden.

Entschlossen erhob sich Charlotte von der Klavierbank und machte sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer. Ihre Tante würde zweifellos zu gegebener Zeit nach ihr rufen lassen. Sie konnte in der Zwischenzeit ihre wenigen Besitztümer auspacken und sich ihrem Koffer mit Büchern widmen. Auch etwas Korrespondenz an zwei liebe Freundinnen und Mrs Longbottom war eine gute Idee und Notwendigkeit.

******

Leider stellte sich in den folgenden Tagen und Wochen heraus, dass die Begrüßung, die Charlotte auf Millford Hall erfahren hatte, durchaus als richtungsweisend für ihren Aufenthalt dort gesehen werden konnte. Tatsächlich war Lady Millford die wahre Herrin des Hauses und ihrem Urteil hatte sich alles zu unterwerfen. Da sie die Dienstboten mit großer Strenge führte, brachten ihr diese ehrfurchtsvollen Respekt, aber keine Wärme entgegen. An Sir Alistair jedoch hing das ganze Haus und alle seine Bewohner, außer vielleicht Lady Millford selbst, mit nachsichtiger Zuneigung. Alle schienen beunruhigt zu sein über die Gebrechlichkeit des Hausherrn, die auch Charlotte immer mehr auffiel. Ihr Onkel wirkte auf eine bedenkliche Weise krank und fragil. Seine Haut wies einen ungesunden bläulichen Schimmer auf und des Öfteren überfielen ihn Anfälle von Kurzatmigkeit ohne einen direkten Anlass. Auch schien er dem Tagesgeschehen und seinen eigentlichen Pflichten als Gutsherr wenig Beachtung zu schenken. Diese Dinge überließ er sehr großzügig seiner Gattin, obwohl Charlotte an der Selbstverständlichkeit, mit der diese die Aufgaben übernahm, deutlich ablesen konnte, dass er es zumindest in gewisser Weise schon immer so gehalten hatte. Sir Alistair war ein herzlicher, nahezu leutseliger Mann, der ihr viel Zuneigung, ja sogar eine gewisse Anhänglichkeit entgegenbrachte. Doch Charlotte hatte den Eindruck, dass diese Zuneigung nicht nur in ihrem eigenen Wesen begründet zu sein schien, sondern darüber hinaus zielte und die schmerzlich vermisste, geliebte Schwester, eben ihre Mutter meinte. Nicht nur einmal machte Sir Alistair seine Nichte darauf aufmerksam, wie sehr sie äußerlich ihrer Mutter glich und ließ dabei seinen Blick wohlwollend auf ihr verweilen.

Natürlich war er auch begierig, über ihr Leben in Griechenland mehr zu erfahren und forderte Charlotte immer wieder dazu auf, darüber zu berichten. Dies waren jedoch die Augenblicke des Tages, die Charlotte am meisten fürchtete. In der Regel war bei diesen nachmittäglichen Unterredungen im Wohnraum der Millfords nämlich Lady Millford zugegen, die ihren Gatten nahezu eifersüchtig zu bewachen schien. Sie hatte Charlotte in einem weiteren Gespräch deutlich mitgeteilt, dass sie auf keinen Fall eine Erwähnung der Umtriebe (sie nannte es »Umtriebe«, und hatte ihrer Stimme dabei ein Höchstmaß von Verachtung beigemischt) ihrer zweifelhaften Herkunftsfamilie in ihrem Hause wünsche. Sir Alistair sei aufgrund seiner schwachen Konstitution auch kaum in der Lage einzuschätzen, was ihm förderlich sei, und daher sehe sie sich gezwungen, in dieser Sache ein striktes Verbot auszusprechen.

Charlotte bezweifelte zwar entschieden, dass ihre Berichte Sir Alistair wirklich geschadet hätten. Ganz im Gegenteil! Sie hatte den Eindruck, dass ihre sanfte, wenn auch deutliche Verweigerung, ihm die gewünschten Auskünfte und Berichte zu geben, ihn betrübte und mehr schadete als half. Jedoch konnte und wollte sie zu diesem Zeitpunkt der klaren Anordnung ihrer Tante nicht zuwiderhandeln. Es war ihr sehr daran gelegen, das Wohlwollen Lady Millfords doch noch zu verdienen. Je mehr Zeit aber ins Land zog, umso mehr resignierte sie hinsichtlich dieses Wunsches. Sie konnte es ihrer Tante einfach nicht recht machen. Ob sie sprach oder schwieg, ob sie stand oder saß, ja selbst ihre bloße Anwesenheit war dieser ein Stein des Anstoßes und Auslöser permanenten Missfallens.

Die Unterweisungen ihrer Tante hinsichtlich ihrer Einführung in die Gesellschaft wurden mehr und mehr zur Tortur für beide Seiten. Lady Millford ging augenscheinlich davon aus, dass allein die Tatsache ihrer nicht standesgemäßen Geburt eine völlige charakterliche Missbildung bei ihrer Nichte hervorgerufen hatte, der auch sechs Jahre beste Erziehung in einer der führenden Schulen für höhere Töchter nichts hatte anhaben können und somit die finanziellen Aufwendungen, die Sir Alistair diesbezüglich erbracht hatte, vergeudetes Geld gewesen waren. So war selbstverständlich ein beträchtlicher Teil der Ausführungen Lady Millfords von missbilligenden Äußerungen über die Herkunft ihrer Nichte und vor allem über die Beschaffenheit – oder vielmehr: die Mangelhaftigkeit – des Charakters ihrer Eltern geprägt. Besonders gegen ihre Schwägerin, Elisa Brandon, hegte Lady Millford einen tief sitzenden Groll, der sich nicht allein mit der fatalen Entscheidung Elisas erklären ließ, dem Mann, den sie liebte, zu folgen, ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Konsequenzen. Auch eine gewisse Nuance der Eifersucht spielte eine Rolle und ließ Lady Millford nichts Positives an ihrer Nichte erkennen. Sie hielt sie, wie sie ihr immer wieder auf die eine oder andere Art zu verstehen gab, für anmaßend, ungeschickt, aufsässig und obendrein nur unter Einsatz äußerster Mittel für einigermaßen akzeptabel, was ihr Aussehen und damit letztlich ihre Fähigkeit, einen angemessenen Ehemann zu finden, anbetraf.

Einige wenige Male hatte Charlotte es gewagt ihr zu widersprechen, besonders, wenn der Charakter ihres Vaters in Zweifel gezogen wurde. Dies war etwas, was sie nur schwer ertragen konnte, da sie vor allem an ihrem Vater mit zärtlicher Liebe gehangen hatte und ihn auch Jahre nach seinem Tod noch immer schmerzlich vermisste. Ihre Einwände hatten jedoch bei Lady Millford nur ihre vorgefasste Einschätzung ihrer Nichte hinsichtlich deren Aufsässigkeit und Verderbtheit verstärkt. So hatte es Charlotte vorgezogen, keinen Widerstand mehr zu leisten und ließ geduldig die weitgehend eigentlich völlig überflüssigen Einweisungen hinsichtlich Benimm, Konversation und Auftritt über sich ergehen. Auf die Dauer spürte sie aber, wie die ständigen Kränkungen sie zu zermürben begannen.

Kapitel 5

Betty, die Zofe Lady Millfords, drehte unermüdlich die Papilloten in Charlottes dunkelbraunes, langes und leider, so hatte die Hausherrin befunden, viel zu glattes Haar und ermahnte die so Gefolterte von Zeit zu Zeit stillzuhalten. Kunstvoll geringelte Hochsteckfrisuren mit Bändern und Federn waren zwar chic und wurden auf Festivitäten erwartet, wie Lady Millford Charlotte kategorisch erklärt hatte, Charlotte fand sie aber übertrieben und lästig. Sie hatte, dachte sie, nun einmal glattes, unspektakulär dunkelbraunes Haar und belächelte insgeheim das Bemühen der Oberschicht, sich der antiken Vorbilder zu bedienen und sie gleichzeitig durch lächerliche Federn und ähnliche Stilbrüche ad absurdum zu führen. Sie bevorzugte den französisch-bürgerlichen (7) Stil, was Lady Millford sicherlich für einen glatten Affront gehalten hätte, wenn Charlotte es gewagt hätte, ihre Vorstellungen mit in die Diskussion zu geben. Charlotte hatte allerdings genug von der Prozedur. Was für ein Aufstand! Sie hätte wirklich eine deutlich schlichtere Frisur bevorzugt, die ungleich besser zu ihren, so fand sie, durchschnittlich hübschen Gesichtszügen gepasst hätte. Doch Mylady hatte befohlen, und Myladys Anordnungen galten im Hause Millford als ehernes Gesetz. Nach endlosen zwei Stunden schien Betty zufrieden zu sein. Sie wies Charlotte an, sich zurückzulehnen und begann, deren Gesicht mit einer Mischung aus Kleie und feinem Sand zu bestreichen.

»Muss das wirklich sein, Betty?«, stöhnte Charlotte.

»Sicher, Miss, wenn Sie hübsch sein wollen und das wollen Sie doch für den Ball, nicht wahr?«

»Ja, sicher«, seufzte Charlotte ergeben, »alles für den Ball und meine Einführung als Festochse!«

»Ich bitte dich, mit etwas mehr Respekt an diesen wichtigen Termin zu denken!« Die Worte ihrer Tante ließen die junge Frau zusammenzucken. Lady Millford war von Charlotte unbemerkt eingetreten und hatte die letzten Worte unglücklicherweise gehört. »Wenn du dich als Festochse siehst, wirst du dich auch wie ein solcher verhalten und uns eine große Blamage bereiten.«

»Verzeihen Sie, Tante, aber ist dieser Aufwand denn wirklich nötig? Ich fühle mich in dieser Aufmachung wirklich nicht wohl und bin es nicht gewohnt, so ein Aufheben von mir zu machen.«

»Das verwundert mich nicht, Charlotte, wenn man deine Herkunft bedenkt. Selbstverständlich hattest du bei deinen Eltern, die vermutlich wie bessere Bauern in dieser griechischen Einöde vegetierten, keine Zeit und auch keinen Anlass, dich um dein Äußeres zu kümmern.

Allerdings hatte ich gehofft, dass du wenigstens am Institut gelernt hast, dich um dein Aussehen zu bemühen.«

»Das habe ich allerdings, Tante. Mir scheint jedoch, wir verstehen Unterschiedliches unter Bemühung.«

Es war gut, dass die Paste auf ihrem Gesicht mittlerweile angetrocknet war, denn sonst hätte Lady Millford sofort bemerkt, dass Charlotte vor Zorn rot geworden war. Mühsam versuchte sie, ihre aufwallenden Empfindungen wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie hatte es satt, diese ständige Stichelei über ihre Eltern und ihre angeblich so schlechte Herkunft ertragen zu müssen. Zwar war ihr Leben in Kastri einfach, aber ungleich interessanter als hier auf Millford Hall gewesen. Ihre Tage waren angefüllt gewesen mit interessanten Gesprächen und Forschungstätigkeit. Mutter hatte Vater geholfen, seine Funde sorgsam zu katalogisieren, eine Tätigkeit, die längst nicht bei allen Forschern so gehandhabt wurde, die sich nur zu oft eher wie die heimischen Grabräuber gebärdeten. Sie hatten Besuch bekommen von Archäologen und Altertumsforschern aus ganz Europa. Von einem Vegetieren konnte beileibe keine Rede sein! Es war zwar durchaus schwierig gewesen, immer wieder einen Geldgeber für die Forschungen ihres Vaters zu finden und sie hatten manches zu ihrem Lebensunterhalt aus eigenem Anbau beigesteuert, aber die anregenden Gespräche bei Tisch hatten sie um ein Vielfaches für die Schlichtheit der Lebensumstände entschädigt. Eher erschien Charlotte ihr Elternhaus von ungleich größerer Kultiviertheit und Humanität geprägt gewesen zu sein als der Millford’sche Haushalt.

Charlotte biss sich auf die Lippen, um ihrer Tante nicht zornige Worte ins Gesicht zu schleudern. Stattdessen griff sie nach dem Baumwolltuch neben der Wasserschüssel, tauchte es in das kühle Waschwasser und rieb sich hastig die Kleie aus dem Gesicht. So abgekühlt, hielt sie es für das Beste, für heute das Feld zu räumen.

»Betty, es tut mir leid, ich habe schreckliche Kopfschmerzen und würde unsere Bemühungen …«, Charlotte gelang es tatsächlich, das Wort ohne den Sarkasmus, der ihr auf der Zunge lag, auszusprechen, »… gerne auf morgen verschieben. Bitte, nimm mir diese Papierdinge aus den Haaren, so schnell es geht! Ich denke, etwas frische Luft wird mir jetzt gut tun.«

»Aber Miss!«, Betty blickte unschlüssig zwischen ihr und Lady Millford hin und her.

»Ich muss schon sagen, ich finde dein Verhalten nicht eben kooperativ«, sagte Lady Millford. »Du scheinst das verantwortungslose und impulsive Wesen deines Vaters leider geerbt zu haben. Ich hatte den Baronet ja gewarnt! Aber er ist nun einmal der Herr des Hauses und ich beuge mich seinem Wunsch und werde mich nicht von dir provozieren lassen.« Sie schwieg einen Augenblick und schaute Charlotte feindselig an, als erwarte sie ein augenblickliches Einknicken ihrer Kontrahentin. Doch Charlotte tat ihr diesmal den Gefallen nicht. Sie war zu aufgebracht und starrte ebenso feindselig zurück.

»Nun, wie du willst! Wir werden morgen unsere Vorbereitungen wieder aufnehmen. Ich erwarte von dir, dass du dich dann mit mehr Hingabe deinen Verpflichtungen widmest, Charlotte. Für heute bist du entschuldigt.«

»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihr Verständnis, Tante«, stieß Charlotte hervor, während sie ungeduldig begann, sich selbst diese elenden französischen Foltermittel aus den Haaren zu entfernen. Der Schmerz, den das Reißen auf ihrer Kopfhaut verursachte, half ihr, sich zu bezähmen.

Lady Millford bedachte Charlotte noch mit einem letzten vernichtenden Blick und verließ dann mit dem Schwung der Entrüstung wie eine Fregatte unter vollen Segeln den Raum.

»Nun beeile dich schon Betty, ich muss hier raus!«, Charlotte war sich nicht sicher, ob sie noch länger ihre Haltung bewahren konnte. Es war einfach zu viel. Die endlosen Vorhaltungen und das rücksichtslose Ignorieren ihres eigenen Wesens und ihrer Vorstellungen seitens Lady Millford hatte sie inzwischen völlig zermürbt. Zum ersten Mal fragte sie sich wirklich, ob sie dem enormen Druck der Prüfungen, denen sie durch diese unnachgiebige Frau unterworfen wurde, standhalten konnte. Wäre es nicht besser, die Segel zu streichen, die Niederlage einzugestehen und zurückzukehren in ihr altes Leben?

Charlotte griff nach ihrem Schultertuch und stürzte auf die Zimmertür zu. Bettys Ruf ignorierend, stürmte sie die hintere Treppe hinunter und beeilte sich, in den Garten hinauszukommen. Sie musste fort von diesem Haus, von dieser Familie, von dieser Frau, die sie so offensichtlich hasste. Der Wald musste ihr Schutz und Zuflucht sein. Sie rannte über die sorgsam geharkten Wege durch die Parkanlage und verließ durch das kleine südliche Tor den Garten des ungeliebten Hauses, dem herbstlichen Wald zu, der sie mit den Armen der knorrigen englischen Eichen zu locken schien. Hastig überquerte sie Wiesen und Weiden und überwand einige Holzgatter, bis sie keuchend den Saum des Waldes erreicht hatte. Dort angekommen lehnte Charlotte sich an einen der Stämme und versuchte, zu Atem und auch wieder zu Verstand zu kommen.

Sicher, es war kopflos von ihr, einfach davonzurennen und ganz bestimmt bestätigte sie damit nur den Vorwurf Lady Millfords, zu impulsiv und verantwortungslos zu sein. Eine Genugtuung für ihre Widersacherin, die sie ihr nicht zugestehen wollte. Charlotte schüttelte unwillig den Kopf. Ihre Lage war beklemmend aussichtslos. Sie konnte nicht einfach gehen. Ihr altes Leben stand ihr in Wirklichkeit nicht mehr offen. Denn würde Mrs Longbottom nach der gescheiterten Adoption und einer entsprechenden Auskunft seitens Lady Millfords noch bereit sein, sie wieder als Lehrerin einzustellen? Sicher nicht! Mrs Longbottom war die Reputation ihres Instituts sicher weitaus wichtiger als Charlottes Probleme, und eine verstoßene Tochter aus gutem Hause war als Lehrerin undenkbar (8). So würde ihr nur eine Bewerbung als Gouvernante bleiben. Aber selbst das war schwierig, da ihr der Makel des gesellschaftlichen Versagens auf Millford Hall ohne Zweifel anhaften würde wie ein Schandmal. Wollte sie nicht völlig mittellos und ohne Verbindungen dastehen, musste sie sich mit Lady Millford zumindest so weit arrangieren, dass ihr ein berufliches Auskommen als Gouvernante möglich wurde. Mit Bitterkeit stellte sie fest, dass sich durch das Angebot ihres Onkels ihre Lage objektiv gesehen weiter verschlechtert hatte. Hätte sie doch als Lehrkraft des Longbottom’schen Instituts gute Aussichten auf eine Stellung in einer der herrschaftlichen Adelsfamilien gehabt, waren ihre jetzigen Möglichkeiten vom nicht vorhandenen Wohlwollen Lady Millfords abhängig.

Charlotte beschloss, einen größeren Spaziergang zu unternehmen und sich ihre Situation in Ruhe zu überlegen. Sie musste einen Weg finden, mit dieser Frau zurechtzukommen!

******

Die Stille des Waldes besänftigte sie. Es gelang ihr, ihre Gedanken zu beruhigen und sich auf die sie umgebende Natur zu konzentrieren. Sicher würde ihr etwas einfallen, wenn sie in Ruhe darüber nachdenken konnte. Zügig kam sie voran und erkundete Stunde um Stunde die verschlungenen Wanderwege, die sie tiefer und tiefer in das ausgedehnte Gehölz führten. Das Gelände stieg in ebenmäßigem Rhythmus auf und ab und eröffnete immer wieder überraschende Lichtungen und verborgene Waldwiesen. Die Wanderung heiterte sie wieder auf. Es war wirklich schön hier. Besonders der alte Eichenbestand war ein wahres Kleinod, konstatierte Charlotte mit in Surrey geschärftem Kennerblick, als sie nun tiefer im Wald Bäume passierte von gewaltigem Stammumfang, wenn auch eher von niedrigem Wuchs. Wie alle typischen englischen Eichen in Meeresnähe wirkten sie einladend und unnahbar zugleich. Einige von den alten Gesellen mochten wohl mehrere hundert Jahre auf dem Buckel haben und Charlotte begann darüber nachzudenken, was diese alten Bäume wohl erzählen würden, wenn sie könnten. Vielleicht hatte das eine oder andere seltene Exemplar, als Eichel an einem Baum hängend, den legendären König Alfred (9) oder wenigstens König Heinrich VIII. vorbeireiten sehen.

Angesichts der kontemplativen Atmosphäre kam sich Charlotte lächerlich vor mit ihren Sorgen. Im Grunde hatte sie doch Glück gehabt mit dem Angebot der Adoption. Immerhin bestand für sie dadurch die Chance, sich über ihre eigentlichen Möglichkeiten hinaus durch eine günstige Vermählung ein angemessenes Heim und Auskommen zu verschaffen. Eine Hoffnung, die sie als Lehrkraft kaum hegen konnte. Die Vorstellung, ihr Leben als oft genug verachtete Gouvernante von mehr oder weniger verzogenen Adelstöchtern zu verbringen, hatte sie niemals wirklich gelockt. Und ihren eigenen Neigungen nachzugeben stand für sie als Frau außer Frage. Einen Mäzen, der sie vielleicht als Musikerin gefördert hätte, hatte sie bedauerlicherweise auch nicht vorzuweisen. So war Millford Hall die beste aller schlechten Möglichkeiten. Sie seufzte unwillkürlich auf. Sicher, mit ihrer Tante war nicht gut auszukommen und es fiel ihr sehr schwer, sich in ihrer Gegenwart zusammenzunehmen, aber sie musste es versuchen. Um ihrer selbst, ihrer Mutter und ihres Onkels willen, der sie ins Herz geschlossen hatte, obwohl er sie erst seit Kurzem kannte. Er schien fast auf sie gewartet zu haben, um eine Last loszuwerden, die ihn wohl schon seit Jahren bedrückte. Und Charlotte ahnte, worin diese Last bestand.

Sie beschloss notgedrungen, sich so gut es irgend ging zu fügen und die Vorstellungen ihrer Tante zu erfüllen. Und wenn dies bedeutete, herausgeputzt wie ein Pfau auf diesem Ball zu erscheinen, dann würde sie dem eben Folge leisten.

Fröstelnd zog Charlotte die Schultern hoch. Es war spät geworden, das bemerkte sie am Lichteinfall zwischen den Bäumen, und sie befand sich noch tief im Wald. Sie wollte nicht von der hereinbrechenden Dunkelheit überrascht werden, denn die Abende wurden nun doch schon empfindlich kalt und das Gelände war ihr noch nicht vertraut. Es war höchste Zeit umzukehren.

Sie orientierte sich kurz und begann dann den Rückweg zum Hauptpfad anzutreten. Es war ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, sich immer und überall Landmarken einzuprägen, dass sie keinerlei Bedenken hatte, ihren Weg nach Millford Hall zurückzufinden. Doch plötzlich war von einigen Yards hinter ihr auf dem schmalen Fußpfad Hufschlag zu hören. Sie erschrak. Dass ihr hier mitten im Wald ein fremder Reiter begegnen musste, und das zu dieser doch schon recht späten Tageszeit, war ihr einigermaßen unangenehm.

Charlotte erwog, sich ins Gebüsch zurückzuziehen, um eine Begegnung zu vermeiden, stellte aber im Umsehen fest, dass der Reiter sie ebenfalls bereits entdeckt haben musste. Es machte also keinen Sinn mehr sich zu verbergen, um dem unbekannten Reiter aus dem Weg zu gehen. Tatsächlich zügelte der Fremde sein Pferd und schloss zu ihr auf.

»Guten Abend, Miss, haben Sie sich verlaufen?«

Der Reiter war ein Mann mittleren Wuchses von etwa zweiunddreißig oder dreiunddreißig Jahren. Offenbar ein Gentleman, wie Charlotte erleichtert an seiner Kleidung und dem edlen Reittier samt Sattelzeug feststellte. Sie sah zu ihm auf und bemerkte seine ehrliche Besorgnis.

»Nein, Sir! Ich weiß gut, wo ich mich aufhalte. Ich bin auf dem Weg nach Millford Hall. Ich denke, es sind noch etwa eineinhalb Meilen in nordwestlicher Richtung von hier und ich müsste in etwa achthundert Yards auf den Hauptpfad stoßen, der auf direktem Wege nach Millford Hall führt. Ich schätze, in einer guten Stunde werde ich den Herrensitz erreicht haben.«

»Da schätzen Sie richtig, Miss …?«

»Brandon, Charlotte Brandon, Sir!«

»Meine liebe Miss Brandon, ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Darf ich mich Ihnen ebenfalls vorstellen? Mein Name ist Captain John Battingfield. Ich bin der Nachbar der Millfords.«

Der Reiter war unterdessen abgestiegen und verbeugte sich korrekt vor Charlotte. »Sind Sie zu Besuch in Millford Hall?«

»Nein, eigentlich wohne ich seit Kurzem dort. Ich bin die Nichte von Sir Alistair. Die Tochter seiner Schwester, um genau zu sein.«

»Miss Elisas Tochter? Na, da soll mich doch …! Verzeihen Sie, Miss Brandon, aber bis zum jetzigen Zeitpunkt wusste keiner, und ich am allerwenigsten, dass Miss Elisa eine Tochter hatte.« Der Captain wirkte ehrlich erstaunt.

Das wundert mich allerdings nicht. Lady Millford hat gründliche Arbeit geleistet, dachte Charlotte nicht ohne Sarkasmus und musterte ihre neue Bekanntschaft nun genauer. Er war ein recht gut aussehender Mann, in dessen dunkles, volles Haar sich bereits vereinzelt die ersten grauen Strähnen mischten. In seinem ebenmäßigen Gesicht blitzten schmale, helle Augen, die Intelligenz und Interesse verrieten. Sie musste sich mit einem leisen Anflug von ungewohnter mädchenhafter Scham auch eingestehen, dass sie durchaus auch seine schön geschwungenen Lippen bemerkt hatte, die von Sensibilität und Zartgefühl zeugten. Von schlankem Wuchs, waren seine Bewegungen von Kraft und Geschick geprägt. Kein schlechter Abschluss für den heutigen, wenig erfreulichen Tag, seine Bekanntschaft zu machen, dachte sich Charlotte mit einer gewissen Koketterie und einem Interesse, das sie selbst am allermeisten erstaunte.

Doch sicher erwartete ihre so unverhofft gemachte neue Bekanntschaft nun, etwas mehr über sie zu erfahren, das erforderte schon die Höflichkeit. So begann sie ihm zu erklären: »Sir, sicher ist Ihnen bekannt, dass meine Mutter und ihr Gatte, Mr William Brandon, vor Jahren in Griechenland verstarben. Als ihr einziges Kind und nunmehr Waise kam ich daraufhin nach England und wurde dank der Güte meines Onkels in einem Institut in Surrey erzogen. Vor Kurzem schickten nun Sir Alistair und seine Frau nach mir und boten mir an, bei ihnen in Millford Hall zu leben.«

»Ja, tatsächlich hat man vom Tod Ihrer Mutter im Ausland gehört, aber eben nicht viel. Schon gar nicht, dass eine Tochter existiert. Ich wundere mich, Sie nicht schon früher kennengelernt zu haben.«

Charlotte zögerte. Jetzt war Vorsicht geboten. Wenn sie sich zu freimütig äußerte, aber eben der Wahrheit entsprechend, konnte das neuen Ärger mit ihrer Tante hervorrufen. Es würde besser sein, wenn sie nicht allzu viel preisgab. »Das ist mit gewissen Umständen verbunden, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Ich denke jedoch, dass Lady Millford Sie gerne in Kenntnis setzen wird, wenn es für Sie von Interesse sein sollte«, sagte sie deshalb unbestimmt und in dem Wunsch, das Thema zu beenden.

Er hatte wohl bemerkt, dass sie sich darüber nicht unterhalten wollte und versicherte nun schnell: »Verzeihen Sie, Miss Brandon, ich wollte nicht neugierig sein. Es wird sicher gute Gründe dafür geben.« Dann wechselte er tatsächlich das Gesprächsthema. »Ich bin übrigens ebenfalls auf dem Weg nach Millford Hall. Ich habe in einer geschäftlichen Angelegenheit mit Ihrem Onkel, Sir Alistair, zu sprechen und würde mich glücklich schätzen, Sie die eineinhalb Meilen – wie Sie übrigens sehr präzise vermuteten – zu begleiten. Bedauerlicherweise ist mein Pferd für eine Dame unpassend aufgesattelt. Ich war einfach nicht darauf gefasst, in Millford Forrest um diese Tageszeit auf so eine reizende Spaziergängerin zu treffen, sonst hätte ich entsprechende Vorsorge getroffen.« Er lächelte freundlich. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir meine mangelnde Voraussicht.«

Charlotte verspürte Erleichterung darüber, dass der Captain sofort begriffen hatte, dass sie das Thema ihrer späten Einführung auf Millford Hall zu vermeiden suchte. Sie lächelte ebenfalls. Er schien ein erfreulich aufmerksamer Zuhörer zu sein und überdies einen feinen Humor zu besitzen, der ihr durchaus gefiel. Trotzdem war sie sich nicht sicher, ob es schicklich war, mit diesem ihr bisher völlig unbekannten Mann allein durch die Gegend zu wandern.

»Ich danke Ihnen für das Angebot, mich zu begleiten, will Sie aber bei Ihrer sicher unaufschiebbaren Besprechung mit meinem Onkel nicht aufhalten. Und es ist sicher kein Schaden, dass es an einem passenden Sattel für mich fehlt. Es wäre fast eine Beleidigung für das edle Tier, wenn ich es zu reiten versuchte, fürchte ich, denn ich bin keine allzu geübte Reiterin. Und Ihr temperamentvolles Tier verdient gewiss eine solche.«

Belustigt über ihre Bemühungen, die Regelungen der Etikette hier mitten im Wald aufrecht zu erhalten, musterte er sie einen kleinen Moment interessiert. »Ich wäre kein Gentleman und würde mir sicher die Missbilligung Ihres Onkels zuziehen, würde ich eine Dame bei anbrechender Dämmerung allein im Wald herumirren lassen. Ich schlage deshalb vor, wir gehen zu Fuß.«

Das Wort »herumirren« hatte eine empfindliche Saite bei Charlotte angeschlagen. Es ärgerte sie, dass der Captain wie fast alle männlichen Wesen offensichtlich davon ausging, dass Frauen per se unfähig seien, sich zu orientieren und immer und in jeder Lage des männlichen Schutzes bedurften.

»Wie Sie ja vorher schon bemerkten, war ich keineswegs in der Situation herumzuirren, Sir. Ich pflege mich nicht zu verlaufen. Mein Vater hat mir allerdings schon früh beigebracht, meinen Weg allein und sicher auch in unwegsamem Gelände zu finden. Eine Fähigkeit, die für einen Archäologen unerlässlich ist, da sich das Ziel seines Interesses nun einmal naturgemäß häufig außerhalb heutiger menschlicher Zivilisation befindet, sonst müsste er ja nicht danach forschen, nicht wahr?«

Er hob eine Augenbraue in sichtlichem Erstaunen über ihre etwas zu engagiert vorgetragene Rede und meinte, sich ein vergnügtes Lachen nur mit Mühe verbeißend: »Ich höre mit Interesse, dass Sie der Profession der Altertumsforschung nachgehen. Es war mir nicht bewusst, dass Millford Forrest von archäologischer Bedeutung ist.«

Charlotte, die nun selbst merkte, dass die Situation eine ungewollte Komik entwickelte, lenkte ein. »Touché!«, sagte sie keck und schenkte ihm ein offenes Lächeln, das ihn zu freuen schien. Zusammen begannen sie weiterzugehen, während Charlotte versöhnlich erklärte: »Selbstverständlich diente mein Spaziergang nur meinem eigenen Vergnügen und selbstverständlich bin ich nicht als Forscherin unterwegs.« Sie seufzte leicht. »Obwohl ich manchmal wirklich wünschte, ich könnte es. Mein Vater forschte bis zu seinem Tod in Griechenland mit besonderem Schwerpunkt im antiken Delphi. Sie kennen sicher das Delphische Orakel aus den mythischen Erzählungen. Aber er studierte auch die hellenischen Schlachten und die Geschichte der Sibyllen, genauer die Sibyllinischen Weissagungen, die eine große Bedeutung in der römischen Geschichte haben. Von erheblichem Ruf war jedoch seine Delphische Forschung.«

»Und Ihr Vater hat Sie auf diese Reisen mitgenommen?«, fragte Battingfield interessiert.

»Ja, oft! Auch meine Mutter, da die Ausgrabungen häufig einige Wochen in Anspruch nahmen. Er hasste es, so lange von seiner Familie getrennt zu sein und so wurde ich in alles einbezogen und hatte sogar das Glück, Griechisch und Latein sozusagen vor Ort und im Wortsinne am vorliegenden Objekterlernen zu können. Ich vermisse das wirklich sehr. Die Bildung, die einer jungen Dame der Gesellschaft zugestanden wird, ist leider nicht eben tiefgehend. Zeigt man mehr Interesse als es für schicklich angesehen wird, zieht man den Unwillen der Lehrpersonen auf sich.« Charlotte seufzte unwillkürlich tiefer auf. Da hatte sie ungewollt einen ihrer wunden Punkte preisgegeben. Seltsam, sie kannte diesen Mann erst seit zehn Minuten und begann bereits, ihr Innenleben vor ihm auszubreiten. Es war sicher mehr Zurückhaltung angebracht.

»Aus Ihnen spricht ja ein gewaltiger Wissensdurst«, erwiderte der Captain. »Das ist sehr erfreulich für eine junge Frau. Ich habe zu meinem Bedauern oft den Eindruck gewonnen, dass die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts sich eher für die neueste Garderobe, Haus und Garten und den gesellschaftlichen Klatsch interessieren. Nun, eventuell und in seltenen Fällen noch für Literatur.«

»Oh, glauben Sie das nicht, Sir! Ich darf Ihnen versichern, dass meine Schülerinnen im Institut – zumindest die begabteren unter ihnen – sich ebenso wie ich für Wissenschaften aller Art interessierten, von Astronomie über Geschichte bis hin zur Biologie. Auch für Kunst, Literatur und Musik, ja diese sogar zu ersinnen und nicht nur wiederzugeben, zeigen weibliche Wesen ebensolches Geschick wie ein Mann.«

In ihrem Eifer hatte sie sich ihm zugewendet und ergänzte nun in einem Tonfall, aus dem Leidenschaft und die ärgerliche Enttäuschung über ihre Erfahrungen in Longbottom sprachen: »Wenn man sie denn nur ließe! Aber es ist nicht erwünscht und man hat mir mehr als einmal deutlich gemacht, dass dies der guten Erziehung mehr schade als nütze. Und womöglich haben meine Kolleginnen und die Institutsleiterin recht damit, da das geweckte Interesse ja nicht befriedigt wird und damit nur Unzufriedenheit hervorruft, was den erhofften Frieden eines zu gründenden Hausstandes der jungen Damen stören mag. Obwohl ich persönlich das zu bezweifeln wage.«

Plötzlich bemerkte sie, was sie gerade in ihrem leidenschaftlichen Engagement von sich gegeben hatte. Es war einfach mit ihr durchgegangen. Am liebsten hätte sie sich jetzt auf die Zunge gebissen. Sie redete sich hier um Kopf und Kragen. Was sollte Captain Battingfield jetzt von ihr denken?

»Verzeihen Sie, Sir! Sie müssen einen schönen Eindruck von mir bekommen.«

»Allerdings, Miss Brandon, ich habe den allerschönsten Eindruck von Ihnen gewonnen«, erwiderte ihr Gegenüber und sah sie mit unverhohlener Neugier an.

Charlotte hielt entsetzt die Luft an und wandte das Gesicht ab. Sie hatte sich in kürzester Zeit unmöglich gemacht. Wenn das ihrer Tante zu Ohren kommen sollte, könnte sie gleich morgen ihre Sachen packen.

»Ich spüre Ihr Unbehagen.« Der Captain war stehen geblieben und hatte sich ihr ganz zugewandt. »Seien Sie versichert, ich bin wirklich außerordentlich erfreut, die Bekanntschaft einer so ungewöhnlich gebildeten jungen Dame und begabten Lehrerin gemacht zu haben. Gehe ich recht in der Annahme, dass dies auch der Grund Ihrer Auseinandersetzung mit Ihrer Tante gewesen ist, die Sie dazu veranlasste, zu dieser späten Stunde einen einsamen Spaziergang im Wald und in zu dünner Bekleidung zu unternehmen?«

»Woher wissen Sie …?«

Battingfield lächelte verschmitzt und zog eine übrig gebliebene Papillote aus ihrem ungeordneten Haar. Zum Glück dämmerte es nun schon, sodass Charlottes heftiges Erröten weniger offensichtlich ausfiel.

»Miss Brandon, ich kenne Ihre Tante seit vielen Jahren, und da ich nun Sie und Ihre Haltung in diesem Punkt kennengelernt habe und dies mit den Indizien«, hier hielt er mit einem süffisanten Lächeln die zerfledderte Papillote hoch, »zusammenzufügen vermag, ist es mir sonnenklar, dass Sie bereits den einen oder anderen Disput mit Lady Millford ausgefochten haben. Sie dürfen meiner ungeteilten Hochachtung versichert sein. Lady Millford besitzt neben anderen edlen Vorzügen einen sehr starken Willen und noch stärkere Vorstellungen von Schicklichkeit.«

Charlotte, eben noch mit Röte und Peinlichkeit übergossen, musste nun doch lachen. »Sie haben mich durchschaut, Captain. Sie sind ein nicht zu täuschender Beobachter, einem Forscher nicht unähnlich. «

»In der Tat wäre das ein interessantes Betätigungsfeld, ich habe früher manche Stunde mit Lupe und Fernrohr verbracht.« Der Captain grinste jungenhaft. »Aber leider bin ich nur ein gewöhnlicher Captain der Marine geworden. Ich habe letztes Jahr meinen Abschied genommen und bin nach Dullham Manor zurückgekehrt. Mein Vater, der Baron of Dullham, verstarb letztes Jahr und ich übernahm seinen Titel und die damit verbundenen Pflichten.«

»Oh, das tut mir leid!«

»Dass ich Ihr Nachbar bin, tut Ihnen leid …?«

»Nein, ich meine, dass Ihr Vater starb letztes Jahr«, gab Charlotte halb belustigt, halb verärgert zurück und begann, weiterzugehen.

»Sicher, ein Todesfall ist immer traurig, doch er war hochbetagt und von schlimmen Schmerzen geplagt. Der Tod war ihm letztlich eine willkommene Erlösung von seinen Leiden.« Charlottes Gesprächspartner hielt einen Augenblick nachdenklich inne, als plagten ihn unschöne Erinnerungen, fuhr dann aber fort: »Ich habe auch während meines Dienstes bei der Marine wenig Zeit in Dullham Manor, beziehungsweise in England, verbracht. Ich war die meiste Zeit auf See.«

Erstaunt stellte Charlotte fest, dass der jetzige Baron of Dullham keinen allzu großen Wert auf seinen Titel zu legen schien. Hätte er sich ihr sonst als einfacher »Captain« Battingfield vorgestellt? Diese Haltung machte ihn in ihren Augen noch sympathischer, als er ihr ohnehin zu sein schien. Charlotte hatte den Dünkel des Hochadels in Longbottom nur allzu oft unangenehm zu spüren bekommen. Nicht wenige der Mädchen hatten sie wegen ihrer zweifelhaften Herkunft gemieden und auch die ablehnende Haltung Lady Millfords war zumindest nicht ganz unverständlich.

Der Captain begann nun, Charlotte von seinen Reisen zu berichten, was bei seiner Zuhörerin auf großes Interesse stieß und so in ein angeregtes Gespräch vertieft verging die Zeit der Wanderung bis Millford Hall wie im Fluge. Fast bedauerte Charlotte es, als die inzwischen erleuchteten Fenster des Herrenhauses zwischen den Bäumen auftauchten. Auch ihr Begleiter war immer langsamer gegangen und schien nicht begierig, das Ziel seiner Reise zu erreichen.

Als sie schließlich eintrafen, öffnete Arthur, der Butler, mit einem Ausruf der Erleichterung: »Miss Brandon! Wir hatten uns schon Sorgen um Sie gemacht und eben habe ich die Stallknechte angewiesen, einen Suchtrupp zusammenzustellen.«

»Um Himmels willen, Arthur! Das war doch nicht nötig. Sei versichert, dass ich nicht so töricht bin, mich mutwillig in Gefahr zu bringen«, antwortete Charlotte betroffen. »Ich fürchte, Lady Millford ist recht zornig auf mich?«

»Das weiß ich nicht, Miss. Sie hat sich zu Ihrem Ausbleiben bislang nicht geäußert.«