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Vier Schreibende - eine Mission: Euch das Staunen zu lehren. Auf dem Berliner Stammtisch des »Phantastik Autoren Netzwerks« des Dezember 2019 kam die Frage auf, ob es nicht Möglichkeiten gäbe, Montage phantastisch zu finden. Daraus entstand die Idee, jeden Montag eine phantastische Kurzgeschichte zu veröffentlichen. Vier Schreibende plus vier Montage und ein Thema pro Monat, schon war die Sache perfekt.Daher gibt es seit Januar 2020 jeden Montag eine neue phantastische Geschichte auf der Facebook- bzw. Instagram-Seite »Phantastischermontag« und auf unseren AutorInnen-Seiten. Auf vielfachen Wunsch haben wir sie nun auch in einem jährlichen Gesamtwerk zusammengefasst, das es als Print und E-Book in den gängigen Shops zu bestellen gibt.Drachen, Feen und die Wilde Jagd bei Aldi, hier ist alles drin!
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Phantastischer Montag - Buch 1: Kuriose Kalendertage
Hrsg.: C. A. Raabe
c/o Fakriro GbR
Bodenfeldtstr. 9
91438 Bad Windsheim
Telefon: +49 172 314 214 9
Mitwirkende (in alphabetischer Reihenfolge):
Alexa Pukall - C. A. Raaven - Maike Stein - Carola Wolff
Vertrieb: feiyr.com, Vachendorf
Bildrechte:
Autorenfoto Alexa Pukall – Ana Da Costa
Autorenfoto C. A. Raaven – gezett, Berlin
Autorenfoto Maike Stein – Sylvia Eulitz, Berlin
Autorenfoto Carola Wolff – privat
Ornament Jahreskreis: [email protected]
Ornament Rahmen: [email protected]
ISBN:
Copyright © 2022 by #phantastischermontag
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen elektronischen oder mechanischen Mitteln, einschließlich Informationsspeicher- und -abrufsystemen, ohne schriftliche Genehmigung des Autors vervielfältigt werden, es sei denn, es handelt sich um kurze Zitate in einer Buchbesprechung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.info abrufbar.
Vorwort
Januar
1. Das Kätzchen der Apokalypse
Carola Wolff
2. Talking to Bastet
C. A. Raaven
3. … und danke für den Fisch!
Maike Stein
4. Satansbraten
Alexa Pukall
Februar
5. Opfer
Carola Wolff
6. Tanz im blassen Mondlicht
C. A. Raaven
7. Wer gewinnt, verliert (manchmal)
Maike Stein
8. Das Ritual
Alexa Pukall
März
9. Flötentöne
Carola Wolff
10. No one knows
C. A. Raaven
11. Wintersonnenwende
Maike Stein
12. Ein stilles Jahr
Alexa Pukall
April
13. Verflucht gut küssen
Carola Wolff
14. Sowing the seed
C. A. Raaven
15. Rauchkrähen
Maike Stein
16. Hexenbann
Alexa Pukall
Mai
17. Seine letzte Masche
Carola Wolff
18. Sind sie weg, sind sie da
C. A. Raaven
19. Sockenfrieden 2020
Maike Stein
20. Ein passendes Paar
Alexa Pukall
Juni
21. Kleine Teufelei
Carola Wolff
22. Wendepunkt
C. A. Raaven
23. Drachenwende
Maike Stein
24. Weiße Nacht
Alexa Pukall
Juli
25. Des Rätsels Lösung
Carola Wolff
26. Where no man has gone before
C. A. Raaven
27. Bis wir uns wiedersehen
Maike Stein
28. Lass uns zu den Sternen reisen
Alexa Pukall
August
29. Vicky
Carola Wolff
30. Resurrection reloaded
C. A. Raaven
31. Nachtlauf
Maike Stein
32. Der Schöpfer aller Dinge
Alexa Pukall
September
33. Mehr Meer
Carola Wolff
34. Meerweh
C. A. Raaven
35. Warum? Oder: Die Schriftstellerin und der Drache und viele Fragen
Maike Stein
36. Ewig
Alexa Pukall
Oktober
37. Langfinger
Carola Wolff
38. Anima amoris
C. A. Raaven
39. Die Geister, die ich rief
Maike Stein
40. Samhain
Alexa Pukall
November
41. Einfach märchenhaft
Carola Wolff
42. Beziehung für Fortgeschrittene
C. A. Raaven
43. Blaue Stunde
Maike Stein
44. Wechselbalg
Alexa Pukall
Dezember
45. Die wilde Jagd
Carola Wolff
46. Rauyas erste Nacht
C. A. Raaven
47. Wenn der Winter beginnt
Maike Stein
48. Der Leuchtturm am Ende der Welt
Alexa Pukall
Nachwort
Über Alexa Pukall
Über C. A. Raaven
Über Maike Stein
Über Carola Wolff
Vier Schreibende - eine Mission: Euch das Staunen zu lehren. Auf dem Berliner Stammtisch des »Phantastik Autoren Netzwerks« des Dezember 2019 kam die Frage auf, ob es nicht Möglichkeiten gäbe, Montage phantastisch zu finden. Daraus entstand die Idee, jeden Montag eine phantastische Kurzgeschichte zu veröffentlichen. Vier Schreibende plus vier Montage und ein Thema pro Monat, schon war die Sache perfekt.
Daher gibt es seit Januar 2020 jeden Montag eine neue phantastische Geschichte auf der Facebook- bzw. Instagram-Seite »Phantastischermontag« und auf unseren AutorInnen-Seiten. Auf vielfachen Wunsch haben wir sie nun auch in einem jährlichen Gesamtwerk zusammengefasst, das es als Print und E-Book in den gängigen Shops zu bestellen gibt.
Drachen, Feen und die Wilde Jagd bei Aldi, hier ist alles drin!
Am 22. Januar eines Jahres wird in den USA der »National Answer Your Cat’s Question Day« gefeiert. Das war für uns Grund genug, uns in unseren ersten Geschichten mit der Thematik auseinanderzusetzen, ob denn Katzen tatsächlich Fragen an uns haben könnten. Und wie diese wohl zu beantworten wären.
»Ich bin die Macht, die eure sogenannte Zivilisation auslöschen wird«, sagte das Kätzchen. »In zehn Minuten, um genau zu sein. Willst du noch was erledigen, irgendwelche letzten Telefonate oder so? Dann ist jetzt die beste Gelegenheit.«
Es war nur eine Handvoll Katze, die im Dämmerlicht des späten Nachmittags vor meiner Parkbank saß, mager, pechschwarz, mit großen grünen Augen. Hatte sie wirklich gerade gesprochen? Ich blinzelte, rieb mir die Augen, atmete tief durch. Überarbeitung, eindeutig. Ich hätte meine Mittagspause schon viel eher einlegen sollen. Energisch machte ich mich daran, mein Sandwich auszupacken.
»Neun Minuten«, sagte das Kätzchen.
Ich hielt inne und blickte mich um. Große alte Kastanien, kleine dichtbelaubte Büsche, Laub auf dem Rasen. Durch eine Hecke hindurch schimmerte das Rot des Backsteingebäudes, in dem ich arbeitete, wie der letzte Sonnenuntergang der Welt. Außer mir war niemand zu sehen.
»Jonas? Gabriel?«, rief ich laut. »Lasst den Blödsinn. Das ist nicht lustig.«
Kein unterdrücktes Kichern, kein Rascheln in den Büschen. Dabei waren derartige Scherze meinen Arbeitskollegen durchaus zuzutrauen. Sie hatten einen merkwürdigen Sinn für Humor.
»Acht Minuten«, sagte das Kätzchen.
Es hatte eine warme und doch sehr nachdrückliche Stimme mit erstaunlich viel Volumen für so einen kleinen Körper. So klang jemand, der genau wusste, was er wollte. Was wiederum bedeutete, es konnte doch keiner meiner Arbeitskollegen sein.
»Burnout«, sagte ich leise. »Mist.«
Aber kein Wunder. Gentechnik, Nanotechnologie, Immuntherapie: mein Arbeitgeber, die Firma Future Inc., hatte überall die Finger drin, und meistens auch die Nase vorn (oder an einer noch effizienteren Stelle). Ich hatte zwar keine Ahnung, was in den anderen, zahlreichen, gut gesicherten Gebäuden um mich herum geschah, aber mein Team hatte mit langer zäher Kleinarbeit unglaubliche Fortschritte gemacht und gerade vor kurzem war uns der entscheidende Durchbruch gelungen. Wir haben den Unsterblichkeits-Code geknackt. Alter, Krankheit, langsames Dahinsiechen, Tod? Aus und vorbei. Wir werden alle ewig leben, und dabei noch gut aussehen.
»Sieben Minuten«, sagte das Kätzchen.
Sein schwarzes Fell glänzte, seine grünen Augen funkelten. Für eine Halluzination wirkte es ziemlich echt. Vielleicht war ich ja doch nicht durchgedreht, vielleicht arbeitete man in einem der anderen Gebäude an künstlichen Intelligenzen und hatte einen kleinen Roboter in den Park geschickt, zum Testen? Ich entspannte mich ein wenig und öffnete meine Thermoskanne. Der Duft von starkem, heißen Kaffee belebte meine Sinne.
»Sechs Minuten«, sagte das Kätzchen.
»Und wenn die abgelaufen sind?«, fragte ich. »Was machst du dann?«
»Ich führe das Ende eurer Welt herbei.«
Das Kätzchen konnte höchstens ein halbes Kilo wiegen.
»Wie willst du das anstellen?«
Das Kätzchen fletschte die kleinen, spitzen Zähne. »Indem ich dich beiße.«
Ein Dracula-Kätzchen. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.
»Und dann werde ich ein Vampir und beiße alle anderen?«
Es sah immer noch niedlich aus, aber ich zog trotzdem unwillkürlich meine bis dahin noch ausgestreckten Beine ein.
»Und dann wirst du ein Zombie und beißt alle anderen«, sagte das Kätzchen.
Das klang schon realistischer. Sie mussten hier irgendwo auf dem Gelände mit Tieren arbeiten. Eine intelligente Katze mit einer Genmutation, deren Biss einen zombieähnlichen Zustand hervorruft? Ich traute der Firma alles zu.
»Patient Zero in fünf Minuten«, sagte das Kätzchen.
»Aber … warum?«
Es legte sein Köpfchen schief und sah mich ungläubig an.
»Es ist höchste Zeit. Ihr habt den Planeten bereits an den Rand des Ruins getrieben und nun wollt ihr auch noch ewig leben? Kommt nicht infrage. Ursprünglich haben wir ja gedacht, wir sehen euch einfach dabei zu, wie ihr euch selbst auslöscht. Eine Erde ohne Menschen hätte noch eine Chance, die könnte sich wieder erholen. Aber jetzt, wenn ihr euch auch noch unsterblich macht, dann sind wir alle verloren. Vier Minuten.«
Das Kätzchen hatte nicht unrecht. Ich trank nachdenklich einen Schluck Kaffee, beäugte mein Sandwich und ein ungutes Gefühl beschlich mich. Sollte das hier meine Henkersmahlzeit werden?
»Wer ist ‘wir’?«, fragte ich den kleinen Vollstrecker.
»Wir sind die Rebellion«, sagte das Kätzchen mit stolzgeschwellter Brust.
Was, wenn das hier wirklich passierte, wenn es kein Scherz war und keine Halluzination? Ein letztes Telefonat … nur, dass ich niemanden zum Anrufen hatte, weder Frau noch Kinder. Keiner, der mich vermissen würden.
»Drei Minuten«, sagte das Kätzchen.
Mein Leben war die Arbeit, das Knobeln an verzwickten Problemen, der Genuss der Abstraktion. Lösungen interessierten mich nur insoweit, als dass sie neue Probleme aufwarfen, die neue Denkwege, neue Lösungen erforderten. Mein Gehirn arbeitete hervorragend und unermüdlich. War ich nicht schon längst ein Zombie, fixiert nur auf eine Sache, unfähig, etwas anderes daneben wahrzunehmen oder gar zu lieben?
»Zwei Minuten«, sagte das Kätzchen.
Ich wickelte mein Sandwich aus. Wenigstens einen letzten Bissen, bevor mein Appetit sich anderen Sachen zuwenden würde.
»Ist das … Thunfisch?«, wollte das Kätzchen wissen.
»Mit Salat, Tomate und Mayonnaise«, bestätigte ich.
Das Kätzchen schlich langsam näher und leckte sich die Lippen.
»Möchtest du?«
»Kein Salat, keine Tomate«, sagte es. »Gerne ein bisschen Mayo.«
Ich pulte ein Stückchen Thunfisch aus dem Sandwich, warf es ihm zu. Das Kätzchen verschlang den Happen eilig. Ich kaute nachdenklich. Das Kätzchen machte große Augen. Ich warf ihm ein zweites Stück zu, welches genauso schnell verschwand.
»Du hast wohl Hunger, was?«
Das Kätzchen miaute durchdringend. Wir teilten uns den Rest meines Sandwiches in brüderlichem Schweigen. Ich leckte mir die Finger, das Kätzchen begann, sich zu putzen.
»Die zwei Minuten sind übrigens garantiert vorbei«, merkte ich an.
Das Kätzchen hüpfte neben mich auf die Bank. Ich zuckte unwillkürlich ein Stück zurück, doch alles, was es tat, war, sein Köpfchen in meine Seite zu stoßen und durchdringend zu schnurren. Langsam streckte ich meine Hand aus und begann, es vorsichtig zu streicheln. Das Schnurren steigerte sich ekstatisch. Ich sah auf meine Armbanduhr. Eigentlich lohnte es sich für heute nicht mehr, noch mal ins Labor zurückzugehen. Und vielleicht wollte ich das ja auch gar nicht. Überhaupt nicht mehr. Nie wieder. Aber was dann?
Ich dachte an meine leere Junggesellenwohnung, in der mich niemand erwartete. Und dann fiel mir ein, dass ich noch ein paar Büchsen Thunfisch im Schrank hatte.
Verdammt, es heißt doch immer, dass Neugier der Tod der Katze ist, aber ich bin ein Mensch. Das waren meine Gedanken, während ich mit eingeklemmtem Fuß in einer vollgelaufenen Baugrube darauf wartete, dass mir endgültig die Luft ausging.
Eigentlich hatte ich zusammen mit den Jungs aus meiner Clique das Neubaugebiet erkunden wollen, doch die hatten sich wohl vom anhaltenden Regen beeindrucken lassen. Leicht genervt war ich daher allein die Stufen nach unten in die vollgelaufene Baugrube gegangen. Auf Höhe des Wasserspiegels angekommen, hatte ich mit einem Fuß getestet, wie tief das Wasser wohl sein mochte. Dann hatte ich mich Schritt für Schritt vorgetastet.
Oh, die anderen werden so dermaßen Augen machen, hatte ich lächelnd gedacht.
In diesem Moment war ich ins Leere getreten.
Ich hatte wild hin und her gefuchtelt, auf der Suche nach etwas zum Festhalten, aber da war nichts gewesen. Ich war immer tiefer in die schlammige Brühe gesunken. Dann war das Wasser über mir zusammengeschlagen, doch ich war immer noch gesunken. Verzweifelt waren meine Hände durch die eiskalte Flüssigkeit gefahren, in der Hoffnung, etwas zu finden, das meinen Fall aufhalten könnte. Noch bevor ich es finden konnte, hatte sich etwas durch die Sohle meines Stiefels gebohrt. Ein stechender Schmerz hatte mich durchfahren, als es sich zwischen dem großen Zeh und dem daneben hindurchgeschoben und damit nicht nur meinen Fall gebremst, sondern leider auch den Fuß festgeklemmt hatte.
Luft, ich brauche Luft!
Aber ich widerstand dem Drang einzuatmen, denn mir war klar, dass das meinen Tod bedeuten würde. Auch verschloss ich meine Augen fest vor dem Schlamm, durch den ich ohnehin nichts sehen konnte. Und doch nahm ich etwas wahr.
Es waren Augen.
Jadegrüne Augen, wie die unserer Katze, mit denen sie mich vorhin im Vorbeigehen gemustert hatte.
Bastet war und blieb mir ein Rätsel. Alle unsere anderen Katzen benahmen sich, wie Katzen es nun einmal tun. Sie lagen in der Sonne und dösten, jagten Vögel oder einander und holten sich ihre Streicheleinheiten, wenn ihnen danach war. Nur sie vermittelte immer den Eindruck, dass sie anders wäre – blieb für sich, fraß nie mit den anderen und hatte sich noch nie streicheln lassen. Auch ihr Aussehen unterschied sich vollkommen von ihrer Familie. Zwar war ihre Mutter eine Langhaarkatze, aber sie war klein, zierlich und ihr Fell in verschiedenen Grautönen gefärbt. Ihr Vater war ein typisch europäisch-kurzhaariger Kater, dessen Fell zwar schwarz war, jedoch mit einem weißen Latz und ebensolchen Vorderpfoten. Bastet war größer und schwerer als die beiden zusammen und hatte ein langes, pechschwarzes Fell. Aber das Ungewöhnlichste an ihr waren die Augen.
Und jetzt kamen diese Augen immer näher.
»Na das hast du ja geschickt eingefädelt«, erklang eine körperlose Stimme um mich herum. »Sitzt unter Wasser fest und es ist nicht einmal einer deiner Freunde da.«
»Hör auf, dich über mich lustig zu machen. Hilf mir lieber.«
»Vielleicht. Das hängt davon ab.«
»Und wovon?«
»Ob mir deine Antworten gefallen.«
Das kann doch jetzt nicht wahr sein, oder? Ist es vielleicht so, wenn man stirbt? Bin ich womöglich schon tot und weiß es nur noch nicht?
»Ich hatte von Antworten gesprochen. Das sind alles Fragen.«
»Du kannst meine Gedanken lesen?«
»Und du bist unfreiwillig komisch. Was meinst du denn, wie wir beide uns gerade unterhalten?«
»Oh.«
»Siehst du. Was nun die Antworten anbelangt ...«
»Wer ... was bist du?«
»Das ist auch eine Frage.«
»Entschuldigung.«
»Schon besser. Du solltest dir dessen bewusst sein, dass du nicht unbegrenzt viel Zeit hast. Und damit nun zu meiner Frage: Was hast du gedacht, als du mich zum ersten Mal gesehen hast?«
»Wie?!«
»Schon wieder eine Frage. Wenn du so weitermachst, dann werde ich leider nichts für dich tun können.«
Die Augen begannen zu verblassen.
Jetzt reiß dich zusammen. Du willst doch schließlich nicht ertrinken, auch wenn das hier noch so abgedreht ist.
»Nein, bitte bleib.«
»Na gut. Eine Chance hast du noch für deine Antworten. Fangen wir es leichter an. Wer bin ich?«
Das soll leichter sein?, ging es mir durch den Kopf, aber ich würgte mich sofort ab.
»Das gilt nicht – es war nur ein Gedanke. Also, wenn du die bist, für die ich dich halte, dann bist du Bastet, unsere Katze.«
»Na bitte, es wird doch. Auch wenn es nur die halbe Wahrheit ist.«
Fragen über Fragen wollten sich in meinen Kopf drängen, doch ich hielt sie eisern zurück.
»Recht so. Machen wir weiter. Wann hast du mich zum ersten Mal gesehen?«
»An deinem Geburtstag.«
»Und wann genau?«
Wieder türmten sich Fragen in meinem Kopf. Ich rang sie erneut nieder.
»Ähm ... also genau zum Zeitpunkt deiner Geburt.«
»Das hatte ich gehofft.«
»Häh?«
»Später. Zuerst noch einmal die erste Frage. Was hast du gedacht, als du mich gesehen hast?«
»Ach du Scheiße.«
»Ist das jetzt wieder einer deiner vorwitzigen Gedanken?«
»Nein, das war damals mein Gedanke.«
»Und warum?«
»Weil dein Kopf noch in deiner Mutter steckte und sie keine Kraft mehr zu haben schien, dich vollkommen zur Welt zu bringen.«
Die Augen glommen auf. Es wirkte nicht verärgert, sondern zufrieden.
»Was hast du dann getan?«
Unter normalen Umständen wäre das der Zeitpunkt dafür gewesen, um mich zu räuspern. Aber was war hier normal? Also ließ ich das Räuspern sein.
»Ich habe gezogen. An dir. Also an dem, was ich anfassen konnte.«
»Du hast gezogen. Einfach so.«
»Nein, natürlich nicht einfach so. Ich habe hin und her überlegt, ob du das Ziehen überleben würdest. Dann habe ich mir gesagt, dass es egal wäre, weil du es so, wie es war, sowieso nicht überleben würdest. Und deine Mutter obendrein.«
Mit einem Mal nahm ich etwas wie ein Schnurren wahr.
»Das erklärt es.«
»Darf ich eine Frage stellen?«
»Das war schon eine. Aber nur zu. Ich rate dennoch zur Eile. Ich mache so etwas zum ersten Mal und weiß nicht, wie lange ich es aufrechterhalten kann.«
»Was ist es, das ich dir anscheinend gerade erklärt habe?«
Das Schnurren wurde stärker.
»Eine gute Frage.«
»Und?«
»Es erklärt, warum ich bin, was ich bin.«
Ich konnte nicht an mich halten. Selbst wenn ich bald sterben müsste, so wollte ich wenigstens das noch wissen.
»Und was bist du?«
»Eine Mehrkatze.«
»What?«
»Eine Katze, aber eben auch mehr. Es gibt einige von uns. Sie haben mir manches erzählt. Darunter auch, wie wir werden, was wir sind.«
»Und wie geht das?«
»Wenn ein Mensch einer todgeweihten Katze das Leben schenkt, dann kann es so kommen, dass ihr nicht nur das Leben, sondern noch viel mehr zuteilwird.«
»Was heißt viel mehr? Kannst du mich vielleicht retten?«
»Ich kann es auf jeden Fall versuchen.«
Die Augen wurden größer. Sie wuchsen, bis sie mein gesamtes Gesichtsfeld ausfüllten. In mir wurde es ganz warm.
Was geht hier ...?
In diesem Moment ging ein gewaltiger Ruck durch meinen Körper.
Schmerzen fluteten mein rechtes Bein.
Aber ich war frei.
Hustend und prustend durchbrach ich die Wasseroberfläche und fand doch noch eine Metallstange, an der ich mich herausziehen konnte.
Tropfnass und mit nur einem Stiefel humpelte ich nach Hause.
Bastet saß majestätisch auf dem linken Pfeiler unseres Gartentors und blickte starr und stumm in die Ferne, als ob sie Wache halten würde. Das nasskalte Wetter schien ihr nichts auszumachen, im Gegensatz zu mir. Wobei, wenn ich es recht betrachtete, dann spürte ich immer noch eine Art von Wärme in mir, die mich nicht so schlottern ließ, wie ich es eigentlich tun müsste. Als ich fast am Tor angekommen war, sprang sie auf den rechten Pfeiler und bedachte mich von dort mit ihrem stechenden Blick.
»Maut«, begrüßte sie mich und ließ ihre Augen auf mir ruhen.
»Ich hab dich auch lieb«, murmelte ich und versuchte, sie zu streicheln.
Sie drehte sie sich von mir weg, wischte dabei mit ihrem Schweif quer durch mein Gesicht und sprang wieder zurück auf den anderen Pfeiler.
Als ich dann aber, mit plötzlich doch zitternden Fingern, versuchte, das Tor aufzuschließen, legte sich ein buschiger schwarzer Schwanz um meine Schultern und mir wurde klar, dass unserer Fragestunde noch viele weitere folgen würden.
»Ist dir auch eingefallen, dass das immer mehr werden? Oder nehme ich die nur vermehrt wahr?«
»Nee, es werden wirklich mehr.«
Von oben auf dem Türblatt ist die Sicht auf den Küchentisch und meine beiden Menschen ausgezeichnet. Sie blicken besorgt drein. Ist ja auch ein ernstes Thema. Ich springe auf die Dielen (bei mir sieht das elegant aus, ihr versucht das besser nur, wenn ihr auch eine Katze seid) und schlendere zum Tisch hinüber. Meine Menschen sind sehr aufmerksam, lassen immer einen Stuhl für mich frei. Aber den ignoriere ich und stütze stattdessen die Vorderpfoten auf einen ihrer Stühle. Das garantiert immer ihre volle Aufmerksamkeit.
Schon werde ich zwischen den Ohren gekrault (und kann nicht umhin den Kopf noch weiter nach oben zu recken – Menschen bergen ihre eigenen Gefahren). »Die will doch nur wieder schnorren«, klingt es (durchaus liebevoll) von der anderen Tischseite herüber.
»Ach komm, so ein bisschen verwöhnen …«
Ich schnurre noch lauter. Schon landet ein Stück Lachs in meinem Mund. Bio-Qualität. Meine Menschen kaufen gut ein. Ihr Gespräch schwappt weiter über mich hinweg (die nächste Demo, Boykottaufrufe, eigenes Shampoo herstellen), alles sehr nobel. Ich schnurre unterstützend.
Achtung, letzte Erinnerung. Treffen in drei Stunden. Letzte Möglichkeit. Die Meldung reißt mich aus meinem Schnurr-Genuss-Zustand. Ich lasse den Schwanz hin und her schnellen. Gehört und verstanden, schicke ich zurück. Telepathie ist ebenso nützlich wie nervig.
»Meine Kollegin hat erzählt, dass ihre jetzt auch verschwunden ist. Die hat heute den halben Tag damit zugebracht, Flyer mit Bildern zu kopieren – ich hab ihr noch beim Aufhängen geholfen.«
»Die Arme.«
Zwei Blicke schweifen zu mir. Doppelte Aufmerksamkeit, sehr gut. Ich starre zurück, lasse sie wissen, dass ich ganz bei ihnen bin (wirklich, wenn Menschen schnurren könnten, wäre vieles einfacher). Ich blinzele ihnen zu, gemächlich, und sie blinzeln zurück. Ein guter Anfang. Ich würde gern sanfter an das Thema herangehen, aber die Zeit drängt. Also ganz direkt: Wie habt ihr es so weit kommen lassen können?
Ich schnurre und schlage mit dem Schwanz, versteige mich sogar zu einem schnurrenden Maunzen, aber – nichts. (Na ja, nicht völliges Nichts, sie geben sich besorgt, fragen sich gegenseitig, was die Kleine wohl will … Erstens bin ich nicht klein, zweitens ist das keine Antwort.) Ich ducke mich unter dem nächsten Kraulversuch weg, laufe von einer Tischseite zur anderen. Hin und her und hin und her. (Blöderweise schubse ich dabei eine Murmel an und bin für die nächste Zeit abgelenkt.)
»Lass sie, sie hat einfach ihre abendlichen fünf Minuten.«
Den Kommentar ignoriere ich, weil ich nach der Murmel fische, die unter den Küchenschrank gerollt ist. Verdammtes Ding! Meine Vorderbeine sind zu kurz! Hilfe! (Das verstehen sie und kommen bereitwillig dazu, verlängern ihre Arme durch den Einsatz von Stöcken und schießen mir die Murmel wieder zu.)
Nach der wilden Jagd liege ich hechelnd auf den Dielen. War ich eben nicht eigentlich bei einem anderen Thema? DIE Frage, richtig. Ich putze mir noch schnell den Staub aus dem Fell (die müssen unter dem Sofa auch mal wieder ordentlich saugen) und mache mich auf die Suche. Eben waren die doch noch in der Küche. Lachen aus dem Badezimmer verrät mir, wo ich hinmuss. Ich stoße die Tür weiter auf. Sie stehen vor dem Waschbecken und küssen sich (irgendwie entzückend). Ich schmiege mich an ihre Beine. (Menschen sollten mehr dieser Dinge tun. Und öfter. Dann hätten sie weniger Zeit für ihren sonstigen Unsinn.) Achtung, letzt-letzte Erinnerung, Treffen in zwei Stunden. (Verdammt, wo ist diese Stunde geblieben?) Verstanden, schicke ich zurück.
Jetzt wird es wirklich ernst. Ich blockiere den Badausgang und blicke meine Menschen streng an. Sie blicken zurück, sie blicken einander an. Sie gehen vor mir in die Hocke. (Meine Schnurrhormone drehen gleich durch, das sind alles gute Zeichen, jetzt muss es einfach klappen. Ich bin mir so sicher, dass meine Menschen die Antwort haben.) Ich schnurre lauter, als ich je in meinem Leben geschnurrt habe. Sie kraulen mir simultan Wangen und Hals und ich kann mein Kinn gar nicht weit genug nach vorn strecken. Sie scheinen entspannt und aufnahmefähig. Also.
Wie habt ihr es so weit kommen lassen können?
Keine Antwort. Nicht einmal das kleinste Zeichen, dass sie verstanden haben. Ich lasse den Kopf sinken. Ich bleibe noch stehen, falls doch noch etwas kommt. (Ich bin schlecht im Hoffnung aufgeben.) Aber sie gähnen und strecken sich.
»Na, kommst du mit?«
Ich lasse mich auf den Badfußboden fallen. Die kühlen Fliesen senden kleine Schockwellen durchs System. Meine Menschen verlassen das Bad, und ich höre, wie sie auf ihren nackten Füßen Richtung Schlafzimmer tapsen. Die Bettdecke raschelt. Sie murmeln noch miteinander.
Die Wohnung liegt dunkel und ruhig. Ich springe auf und beginne meinen Rundweg. Knabbere an der guten Topfpflanze. Schärfe die Krallen am Teppich (endlich ohne lauten Einspruch). Trinke noch was. Springe auf die Anrichte in der Küche – mmmmmmh, richtig gerochen, da haben sie einen Teller mit Fischresten ‘vergessen’.
Irgendwann ist auch eine letzte Runde zu Ende. Ich tappe ins Schlafzimmer und springe leise aufs Bett. Ein Mal noch. Ich lege mich zwischen die beiden, kuschele mich auf beide Kopfkissen, wo sie mir Platz gelassen haben, und schnurre ihnen leise zu, als sie verschlafen ihre Hände in meinem Fell vergraben. Nur ein bisschen noch, sage ich mir.
Achtung, allerletzte Erinnerung, reißt es mich aus dem Schlaf. Treffen in einer halben Stunde. Ich wiederhole: in einer halben Stunde. Wirklich letzte Möglichkeit. (Die vor-allerletzte Erinnerung muss ich glatt verschlafen haben.) Ich erhebe mich langsam, es soll ja niemand sonst aufwachen. Geübt schleiche ich mich das Bett entlang und springe mit einem weiten Satz hinunter, sodass die Klamotten auf dem Boden meine Landung dämpfen. Ein letzter Blick macht nichts leichter. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer, sprinte über den Flur, schlittere um die Ecke (verdammtes Laminat) und presche durch die Klappe in der Eingangstür.
Von oben im Raumschiff sieht die Erde so unendlich weit fort aus. Wir drücken uns aneinander, was ein wenig tröstet. Eine Antwort hat keine von uns bekommen. Vielleicht bleiben wir noch eine Weile in der Umlaufbahn. Vielleicht schaffen die Menschen es ja noch. Viel Hoffnung macht sich hier oben niemand. Nur eines weiß ich sicher: Morgen werden auch meine Menschen Flyer aufhängen, mit einem Bild von mir. Ein bisschen Sehnsucht wird immer bleiben.
Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.
»Lass mich in Ruhe«, brummte ich. »Du bist tot.«
Ein empörtes Maunzen antwortete mir.
Unwillkürlich sah ich hinüber. Die schwarze Bestie im Türrahmen klang wie mein Kater, ja. Sah aus wie mein Kater, bis darauf, dass ihn ein bläulicher Schimmer zu umgeben schien, als habe jemand einen schlechten Geisterfilm gedreht. Bis darauf, dass ich verschwommen den Türpfosten sehen konnte, wo Kaspars Rippen sein müssten.
Er war nicht wirklich da, das wusste ich genau. Und doch war das der gigantische Umriss, der schon zu Kaspars Lebzeiten jede Nacht in meinem Türrahmen gestanden hatte. Der mich mindestens ein Date gekostet hatte, weil niemand sich vor dieser Höllenhund-Erscheinung freiwillig ausziehen wollte. Das unebene Fell, der zerfledderte Schwanz. Große, blau leuchtende Augen, von denen eins wegen einer Narbe stets missmutig zusammengekniffen schien.
Bei dem Anblick zog sich alles in mir zusammen. Kaspar der Kater, ein Miststück vor dem Herrn. Seit dem Julinachmittag vor fast zehn Jahren, an dem er durchs Küchenfenster einstieg, um mir den Lachs aus der Pfanne zu angeln, war ich ihn nicht mehr losgeworden. Und ich hatte definitiv versucht, ihn loszuwerden. Im Tierheim angerufen, Flyer verteilt, auf Facebook die Haustiergruppen durchforstet. Niemand hatte Kaspar schon einmal gesehen. Oder vielleicht wollte es auch einfach niemand zugeben.
Mit einem Stöhnen stütze ich mich auf einen Ellenbogen und blinzelte die Müdigkeit aus meinen Augen. »Was willst du?«
Lautlos kam die Gestalt näher. Das war neu. Sonst stand die gespenstische Erscheinung bloß auf der Türschwelle und starrte mich an, bis der Schlaf mir irgendwann doch einmal die Augen zudrückte. Ich blinzelte vorsichtshalber, aber Kaspar, Kaspars Geist, durchschritt tatsächlich das Zimmer und blieb auf meinem Bettvorleger stehen.
Ich machte den Hals lang.
Erwartungsvoll miaute er zu mir herauf. Im Leben wie im Tode war seine Kommunikation unsubtil; eher das Blöken eines Schafs als das elegante Maunzen eines Stubentigers.
Ich seufzte schwer. »Was?«, fragte ich laut. »Es ist«, ein Blick Richtung Wecker, »drei Uhr morgens, Herrgott noch mal.«
Wieder das Geschrei. Aus Reflex streckte ich die Hand aus, um ihm besänftigend über den Kopf zu streicheln, doch meine Finger glitten widerstandslos durch das Geisterwesen hindurch.
Mit einem Kloß im Hals sah ich zur Seite.
Kaspar war tot. Das war einfach so, auch wenn ich es manchmal vergaß. Auch wenn ich manchmal nach ihm rief, wenn ich die Haustür aufschloss, oder im Supermarkt, ohne nachzudenken, die Futterdosen aus dem Regal nahm. Kaspar hatte eines Morgens, steif und zerzaust, im Straßengraben gelegen, und ich hatte einen halben Vormittag gebraucht, um aus dem widerspenstigen Boden hinten am Zaun eine ausreichend große Grube auszuheben. Ich hatte ihn eigenhändig in ein altes Handtuch gewickelt und mit staubiger Erde bedeckt, und nur weil diese Höllengestalt so aussah wie er, würde sich daran nichts ändern.
Ich drehte dem gespenstischen Leuchten den Rücken zu. »Ich glaube nicht an Geister«, sagte ich laut. »Also auf Wiedersehen.«
Irgendetwas klirrte hinter mir. Als ich mit jahrelanger Übung herumfuhr, hatte der Höllenkater einen Satz auf den Nachttisch gemacht, wo er nun unschuldig zwischen Lampe und Bücherstapel entlang stakste. Eins seiner Ohren war nach irgendeiner Keilerei nur noch ein unförmiger Fetzen, aber das hinderte ihn nicht, es mir aufmerksam entgegenzuklappen.
»Du bist ein Satansbraten«, sagte ich aus Gewohnheit.
Kaspar maunzte leise. Wie er mich so ansah, konnte ich Kaspar den Geist nicht mehr von Kaspar dem Kater unterscheiden – blaues Leuchten hin oder her, ich kannte doch diesen Blick, diese Narbe quer über die Nase. Jahre hatte ich mit ihm verbracht, mit diesem elenden Straßenkater, der, ohne zu fragen, bei mir eingezogen war. Der geduldig auf meinem Schoß lag, während ich die Finger in sein Fell krallte und mir die Seele aus dem Leib heulte, weil ich von meinem Traumjob gefeuert worden war. Der nachts, wenn ich aus unruhigen Träumen hochschreckte, reglos auf meinem Nachttisch saß und mich ruhig anblinzelte, wie eine Sphinx, an deren fürchterlicher Gestalt niemand vorbeikommen würde.
Der in meinem Garten verrottete, in einer überwucherten Ecke, die ich nicht einmal mehr ansehen mochte.
Die Erscheinung legte den Kopf zur Seite. Das Licht, das durchs Fenster hereinschien, ließ die Schnurrbarthaare blau aufleuchten.
Kopfschüttelnd ließ ich den Kopf in den Nacken fallen, sah zur Decke hinauf. »Weißt du, woher ich weiß, dass du nicht mein Kaspar bist?« Ich versteckte mein Gähnen im Ärmel. »Weil der echte Kaspar niemals ein Wasserglas unversehrt auf dem Nachttisch stehengelassen hätte.« Ich wies auf das gefüllte, unangetastete Gefäß neben dem Wecker. »Du Schwindler.«
Nicht-Kaspar streckte eine Pfote aus und trat leichtfüßig auf mein Kopfkissen. Die Daunen gaben nicht unter ihm nach, als er auf die Matratze hinunterstieg, sich prüfend umsah und mir dann unvermittelt ins Gesicht schrie.
Ich rückte zur Seite.
Zufrieden rollte der Geisterkater sich neben mir zusammen. Er drapierte die zerzauste Schwanzspitze über seine Nase und blinzelte mich langsam an. Ich hatte bei Kaspar nie das Gefühl gehabt, er würde mich verstehen, so wie andere Leute das von ihren Katzen behaupteten. Nie geglaubt, wir würden ernstzunehmend miteinander kommunizieren. Und trotzdem schien eine Frage im Raum zu schweben, unausgesprochen und doch unfassbar klar.
Vermisst du mich?
Ich legte meinen Arm um die schillernde Gestalt. Ganz nah. So wie früher, wenn Kaspar sich in kalten Nächten, Krallen und Zähne blutig, unschuldig in mein Bett legte. Aber nicht so nah, dass ich ihn berührte – dass ich akzeptieren müsste, dass es meinen Kater nicht mehr gab.
»Jeden Tag«, flüsterte ich.
Im Februar haben wir uns keinen festen Feiertag als Grundlage unserer Geschichten erwählt, sondern den aus alten Zeiten stammenden Namen des gesamten Monats. Wikipedia weiß dazu zu berichten, dass die Bezeichnung »Narrenmond« dem Umstand geschuldet ist, dass in dieser Jahreszeit Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsrituale stattfanden, die später unter dem Einfluss der Christianisierung in Fastnachts- oder Karnevalsfeierlichkeiten umgewidmet wurden.
»Cora, mein Kätzchen.«
Die Stimme, alt und zittrig, schrillte ihr wie eine misstönende Klingel im Ohr. Cora zwang sich trotzdem ein freundliches Lächeln auf die Lippen, darin hatte sie Übung.
»Fred. Wie geht es Ihnen?«
Der Alte ruckelte fröhlich mit seinem Rollator voran.
»Bei ihrem Anblick gleich viel besser.«
Cora rückte ihr Dekolleté zurecht. Die normale Pflegetracht bot nicht viele Möglichkeiten, ihre Reize auszuspielen, aber heute trug sie ein Katzen-Kostüm, denn es war Fasching im Seniorenheim Herbstabend. Einige der Bewohner hatten die Heimleiterin dazu überredet. Infolgedessen waren die letzten Wochen doppelt so schlimm wie sonst gewesen. Große Aufregung, nächtliche Schlaflosigkeit und vermehrte Inkontinenz. Gut nur, dass die Chefin beide Augen zudrückte, wenn man etwas großzügiger mit den Beruhigungsmitteln umging. Ständig Windeln wechseln musste auch nicht sein. Wenn die alten Knacker sich nicht zusammenreißen konnten, dann durften sie ruhig mal länger mit den Konsequenzen klarkommen.
»Darf ich bitten«, krächzte Fred, der einen grünen Anzug und dazu zwei kleine Bockshörnchen trug. Was das wohl darstellen sollte?
»Ich bin der große Gott Pan«, erklärte Fred, der ihren fragenden Blick aufgefangen hatte, vergnügt.
Cora ließ sich von dem alten Gott im Schneckentempo in den Speisesaal geleiten.
»Wie hübsch«, sagte Fred, als sie den Raum erreicht hatten.
Glücklicherweise hatte Cora nicht auch noch beim Umräumen helfen müssen. In der Mitte war Platz fürs Tanzen geschaffen und an der Seite das Buffet und die Bowle aufgebaut worden. Tanzen, noch so eine hirnverbrannte Idee. Man hatte sogar eine Band engagiert, die sich Magna Mater nannte. Dabei saßen viele Einwohner im Rollstuhl und die meisten anderen kamen ohne Gehhilfen und Rollatoren kaum vorwärts.
»Ein Schlückchen Bowle gefällig?«, bot Fred galant an.
Cora nickte und sah sich um, während der große Gott zum Buffet zockelte. Die hatten sich mit der Deko tatsächlich Mühe gegeben, auch wenn Cora rätselte, warum jemand das Thema Wald für passend gehalten hatte. Überall hingen grüne Girlanden, große Töpfe mit Farnen standen herum, die Tischdecken waren moosgrün. Sogar der normalerweise allgegenwärtige Geruch nach Urin und Desinfektionsmitteln war überdeckt von einem Duft nach regenfeuchter Erde und Gras. Irgendwie cool, das Ganze, aber Coras Ansicht nach verschwendet. Viele der Anwesenden waren doch gar nicht mehr genug beisammen, um das überhaupt zu bemerken. Kostümiert hatten sie sich allerdings die meisten, und alle trugen seidig glänzende Halbmasken.
»Bowle für mein Kätzchen«, krähte Fred und drückte ihr einen randvollen Plastikbecher in die Hand.
Das Gesöff war dunkelgrün, es roch nach Pfefferminzlikör und Waldmeister. Cora wunderte sich, dass die Heimleiterin Alkohol erlaubt hatte, aber sie kippte es fix runter. Mit einem kleinen Schwips ließ sich alles besser ertragen. Fred winkte einer alten Dame zu, die im Rollstuhl saß.
Cora hatte nicht vor, mal genauso zu werden: alt, blöd, zahnlos vor sich hin sabbernd und nur noch auf den Tod wartend. So endeten doch nur Opfer. Sie war eine Macherin und dieser Job das Sprungbrett für ein tolles Leben. Allein im letzten Jahr hatte sie einige kostbare Schmuckstücke und einen ordentlichen Batzen Bargeld abstauben können. Die meisten Alten hier starben allein. Niemand kümmerte sich um Ringe, Ketten oder Armbanduhren. Es war schon ganz erstaunlich, was hier für Werte rumkullerten. Cora hatte schon ein hübsches Sümmchen zusammenbekommen und ihr Joker war der alte Fred, der auch was zu vererben hatte. Und dreimal durfte man raten, wen er als Erbin einzusetzen gedachte?
Cora fühlte sich wohl. Nein, sie fühlte sich großartig. Die Liveband war gar nicht so schlimm, wie sie dachte, der Rhythmus ging einem richtig ins Blut.
»Noch ein Schlückchen?«
Fred hatte mehr Bowle organisiert, Cora nahm sie gierig entgegen. Die alten Knacker um sie herum schienen an der Maskerade echt Spaß zu haben, also warum nicht auch sie? Wenn sie ihre Karten richtig ausspielte, dann war das ihr erstes und letztes Faschingsfest im Herbstabend. Sobald Fred sein Testament gemacht hatte, konnte sie ein wenig nachhelfen. Es gab da Mittel und Wege, wie man die alten Knacker etwas schneller ins Jenseits befördern konnte, Gott hin oder her. Niemandem würde auch nur das Geringste auffallen, das wusste Cora aus eigener Erfahrung.
»Darf ich um diesen Tanz bitten?«
Der Stimme und Figur nach steckte unter der schwarzen Vogelmaske der alte Henry aus Zimmer 237. Noch ziemlich gut beisammen und früher mal bestimmt ein hübscher Bursche, aber nicht in Coras Plan. Sie warf einen kurzen Blick auf den großen Gott Pan, der leutselig lächelnd nickte. Und schon wurde sie in Henrys Armen davon gewirbelt. Erstaunlich, was der Alte für eine Energie hatte. Cora wurde ganz schwindelig. Oder lag das an der Bowle?
