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In der Sendung: Na rubu znanosti (Grenzwissenschaften) wurde im kroatischen Fernsehen ein Funkgespräch von der Polizei der Öffentlichkeit präsentiert, welches eine UFO-Sichtung dokumentiert. Daraus hat John D. Sikavica eine fiktive Story entworfen. Eine Gruppe Auserwählter sieht sich im Verlauf ihrer fluchtartigen Reise mit der Tatsache konfrontiert, dass unsere Realität nur eine von vielen ist. In einem spannenden Überlebenskampf ist das Ziel der Hauptprotagonisten herauszufinden, wer sich hinter den beiden konträren Parteien tatsächlich verbirgt, die urplötzlich ihr Leben auf drastische Art und Weise beeinflussen und welches Motiv jene antreibt. Dieser Roman ist nicht nur für Freunde des Genres Science-Fiction, Präastronautik oder der Grenzwissenschaften zu empfehlen, sondern durch seine übersichtliche Länge auch für Leser/innen die gerne etwas Neues entdecken.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Buchbeschreibung:
Dieser Kurzroman ist nicht nur für Freunde des Genres Science-Fiction, Präastronautik oder der Grenzwissenschaften zu empfehlen, sondern durch seine übersichtliche Länge auch für Leser/innen die gerne etwas Neues entdecken. Sie halten hier die überarbeitete Version incl. neuem Cover in Händen.
Über den Autor:
John D. Sikavica lebt auf der Schwäbischen Alb und arbeitet hauptberuflich am Stuttgarter Flughafen. Mit "Phase 7 - Der Schöpfermythos" gab er sein Debut als Autor.
- Prolog -
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Am 13. Dezember 1997 verfolgte ein Amateurfunker auf der kroatischen Insel Pag ein Polizeigespräch. Was er zu hören bekam, ließ ihn erschaudern.
»…sag mir, hinterließ es so eine Art Schweif hinter sich, solange es sich bewegte?«, fragte der erste Polizist.
»Ja, aber auf die Art und Weise als würde man Glut verstreuen.«
»Das haben wir heute gegen 5-6 Uhr auch gesehen, als wir am Standort Vikica waren, aber es war gelb.«
»Das bedeutet also, dass es sich heute schon mehrmals ereignet hat. Als wir es beobachteten, war es in der Nähe des Mondes zu sehen, als es hinabzugleiten begann.«
»Ja, ja, ja. Es besteht aus einem starken Leuchten, welches sich ständig verändert, von einem dunklen Gelb in ein stark-leuchtendes Rot, es gleitet hinab Richtung Erde.«
»Das bedeutet: Ihr seht es noch von da oben?«
»Ja, von hier oben, vom Velebit aus, ist es deutlich zu erkennen«, antwortete er vom Gebirgsmassiv aus.
»Was glaubst Du? Was könnte das sein? Wie eine Feuerkugel schaut es aus, richtig?«
»Na, wie irgendeine glühende Masse.«
»Also von hier, von uns aus gesehen, weiß ich nicht, ob es sich noch mehr als zweihundert Meter über der Erdoberfläche befindet.«
»Es bewegt sich immer weiter nach unten. Dahinter erkenne ich das Blitzen eines Leuchtturms, könnte jetzt aber nicht sagen, auf welchem Inselchen er sich befindet, auf jeden Fall gleitet die Kugel weiter hinab Richtung Erdoberfläche.«
»Es wurde immer kleiner bis nur noch ein kleines grell-rot leuchtendes Kügelchen zu sehen war und jetzt schaut es so aus, als wäre es ins Meer gefallen, es ist verschwunden.«
»Ich bin zu hundert Prozent überzeugt, dass das Ding in unser territoriales Gewässer gefallen ist, es war absolut nah.«
»Also das Teil fiel herunter zwischen uns und der Insel Vir. Von, soll heißen… näher an Povljane dran«, sprach der Polizist, der sich auf der Insel Pag befand.
»Nein, nein ist es nicht. Es ist hinter Vir… zu hundert Prozent dahinter. Wir haben von hier oben aus ´ne bessere Übersicht. Wir können ganz Vir sehen, es ist dahinter«, widersprach der Polizist vom Gebirgsmassiv aus.
»Aber interessant ist: Als es fiel, warum nicht dauerhaft? Sondern… wir haben den ganzen Abschnitt verfolgt, während es hinunterglitt und plötzlich hielt es an.«
Stuttgart im Herbst 2015. Franz Schumacher lag, mit halbgeöffnetem, sabberndem Mund auf seiner abgenutzten, dunkelgrünen Couch. Schnarchend und alkoholisiert verbreitete er einen Mief in seinem kleinen Wohnzimmer, als befände sich eine tote, halbverfaulte Ratte darin. Doch vor seinem inneren, geistigen Auge sah er sich, zumindest in seiner Traumwelt, an einem wunderschönen, menschenleeren Sandstrand. Auf seinem ausgebreiteten Badetuch liegend, beobachtete er die Meeresvögel, wie sie mühelos über dem kristallklaren Wasser ihre Kreise zogen. Alles schien hier so friedlich, so ruhig, keine Spur irgendwelcher Alltagssorgen. Plötzlich meinte Franz von weitem ein leises Surren zu vernehmen. Irritiert erhob er leicht seinen Oberkörper vom Badetuch. Das Surren wurde langsam lauter und verschwand wieder. Ein Blick nach links. Nichts und niemand zu sehen. Nur Sand und das Meer. Plötzlich ein heftiges, lautes Klingeln. Direkt neben seinem rechten Ohr. Er schrak auf und richtete ruckartig seinen Blick nach rechts, erkannte auf einmal einen grinsenden, im Gesicht geschminkten Harlekin, welcher sich zu ihm hinunterbeugte und ihm ein rotes Waffeleis hinhielt. Franz zuckte zusammen, während der Harlekin ihm mit der anderen Hand eine kleine Glocke ans Ohr hielt, diese leicht schwenkte und mit krächzender Stimme zu sprechen begann: »Franz, ich kenne dich. Du kennst mich nicht. Stehe auf, das Läuten verkündet die neue Sicht.«
Des Harlekins Gesicht verzog sich zu einer grässlichen Fratze. Ein ununterbrochenes Klingeln durchdrang Schumachers Ohren. Der Mund des Clowns öffnete sich unnatürlich weit, als würde er den Zitternden mit einem Biss verschlingen wollen. Franz zuckte hoch und riss die Augen auf. Noch benommen vom Restalkohol vernahm er die Konturen seiner Möbel.
Schweißperlen benetzten seine Stirn. Der Traum war zu Ende. Gott sei Dank. Der Harlekin noch in verschwommener Erinnerung aber das Klingeln, das schmerzeinflößende Surren waren noch nicht verschwunden. Es durchdrang seinen kompletten Schädel, sodass er seine Handballen gegen die Schläfen drückte. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Erst als ein Hämmern, und dieses Klopfen aus Richtung Flur hinzukam, dämmerte es ihm. Jemand stand vor der Wohnungstür.
»Aah, verdammt noch mal«, keuchte er.
»Ich komm ja schon, ich komm ja schon. Hör auf zu klingeln«, schrie er nun energisch.
Auf seinem Wohnzimmertisch stand ein Topf mit Spaghettiresten drin, Tomatensauce in und um den Topf verteilt. Selbst auf seinem Unterhemd waren die Spuren seines Nachtmahls noch überdeutlich zu erkennen. Eine umgekippte Flasche Rotwein lag auf dem Boden und ein überquellender Aschenbecher stand, wie ein treuer Partner, daneben. Mit leichtem Linksdrall bemühte er sich in Richtung Tür. Es klingelte nicht mehr, doch pochte es erneut zweimal. Noch drei Schritte. Er sah den Schlüssel stecken. Noch zwei Schritte. Ein kurzer Blick in den Spiegel, welcher an der linken Wand hing. Franz kniff die Augen zusammen. Ein erbärmlicher Anblick. Schwarze Augenringe. Die Haare standen in sämtliche Himmelsrichtungen und sein Unterhemd glich einem verdreckten Lumpen.
Was soll’s, dachte er.
Seit ungefähr drei Monaten hatte kein Bekannter oder Verwandter mehr vorbeigeschaut. Vor fünf Monaten verlor er wie aus heiterem Himmel seinen Job als Pulverbeschichter. Auftragsmangel war die Begründung. Es würde ihnen sehr leidtun, aber Rationalisierung wäre der einzige Weg, die Firma am Leben zu erhalten. Man würde sich für seine Treue und gute Arbeit bedanken und würde ihm auf seinem weiteren Lebensweg alles Gute wünschen.
Danke!
Wie er nun seine Raten bezahlen sollte für einen Kredit in Höhe von 350.000, -€, den er aufnahm, um seiner damaligen Frau das langersehnte Eigenheim am Rande Stuttgarts zu kaufen, das konnte ihm die Chefin leider nicht mitteilen. Aber für alles gäbe es ja eine Lösung. Noch ein Schritt, und das Klopfen würde ein Ende nehmen. Genauso wie seine Ehe vor ungefähr einem Jahr, als sie ihm eröffnete, man hätte sich auseinandergelebt und es würde ihr nicht leicht fallen, sie habe sehr lange hin und her überlegt und abgewogen, sei aber zu der Erkenntnis gelangt, dass eine weitere gemeinsame Zukunft nicht das sei, was sie sich unter einem glücklichen Leben vorstelle. Ihn wollte sie nicht mehr, das Haus mit Sauna und Pool aber wäre eine faire Entschädigung für die Mühe der letzten gemeinsamen Jahre. Dass Putzen und Waschen, Kochen und Talk-Shows schauen, so einträglich sein könnte, wusste er bis zur Scheidung nicht. Aber man lernt eben niemals aus. Die Tür war erreicht und Franz drehte den Hausschlüssel, drückte den Türgriff nach unten und öffnete den Eingang zu seiner angemieteten Zwei-Zimmer-Wohnung. Ein uniformierter Postbote mit schwarzgeränderter Brille und gegelten schwarz glänzenden Haaren blickte ihn an. Neben ihm lag auf dem grauen Fußboden ein circa sechzig Zentimeter großes, quadratisches Paket. Er streckte ihm diese moderne Apparatur entgegen, auf der man nicht mal in nüchterner Verfassung eine halbwegs lesbare Unterschrift zustande bringen konnte.
»Herr Schuhmacher? Ein Paket für Sie. Bitte kurz unterschreiben.«
»Ich hab nichts bestellt«, entgegnete Franz mürrisch.
»Sie müssen nichts bezahlen. Der Absender hat die Rechnung beglichen. Bitte unterschreiben Sie kurz, ich hab noch ´ne anstrengende Tour vor mir.«
Zwei Minuten später schaute Franz mit fragendem Blick auf das Paket, welches er erstmal auf seinem Küchentisch abgestellt hatte.
Der Paketlieferant verließ gerade das vierstöckige Wohnhaus und sprach in sein Headset: »Schumacher, Stuttgart, auf Empfang. Phase 1 kann beginnen.«
Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr.
»11.15 Uhr. Gehe zurück ins Hotel. Melde mich morgen aus Edinburgh, Schottland.«
Er nahm das Headset vom Kopf und verstaute es in seinem Rucksack. Ein zufriedenes, kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich zu seinem Hotel aufmachte, in dem für ihn vorsorglich ein Zimmer für eine Nacht gebucht worden war. Selbiges würde er heute Mittag noch verlassen.
Ian McGregor nahm die Teller und Tassen aus der Geschirrspülmaschine. Er hatte es sich angewöhnt, seiner Frau an freien Tagen im Haushalt zu helfen. Die Gäste, die sich in ihrem Bed & Breakfast einquartiert hatten, verließen nach dem Frühstück, voller Vorfreude, das McGregor-Heim in Richtung Stirling.
Betti, seine Frau, war dabei, die Zimmer im oberen Stockwerk auf Vordermann zu bringen. Heute Mittag würden schon die nächsten Touristen für einen kleinen Zwischenstopp bei ihnen eintreffen. Routiniert sortierte Ian das Geschirr in die Regale. Inzwischen fand er langsam Gefallen an diesem einfachen Leben.
Noch Anfang des Jahres fühlte er sich ausgelaugt und überfordert. Seit über siebenundzwanzig Jahren war er an einer der angesehensten Universitäten Europas als Geschichtsprofessor angestellt. An der »University of Edinburgh«.
Die Arbeit machte ihm Spaß und eigentlich war es das, was er sich immer gewünscht hatte. Seine Betti lernte noch als Student kennen. Dass es ihm gelang, ihr Herz zu erobern, darauf war er heute noch stolz und er liebte sie heute sogar noch mehr als damals als junger Bursche. Tag für Tag bewunderte er ihre roten, langen Haare und wunderte sich, dass trotz ihrer inzwischen vierundfünfzig Jahre, nicht eine einzige graue Strähne zum Vorschein kommen wollte.
Seine beiden quirligen Töchter, die elfjährige Rebecca und achtjährige Amy, machten das Glück perfekt. Auch das typisch schottische Eigenheim, mit der für hier klassischen Steinfassade und dem durchsichtigen Wintergarten, welches er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, würde bei jedem anderen ein Glücksgefühl hervorrufen. Schulden hatte er keine und alles schien, nach außen hin, einfach bestens.
Umso erstaunlicher und auch für ihn unerklärlich sein diagnostiziertes Burnout-Syndrom. Langsam, so glaubte er, begann es wieder aufwärtszugehen. Die Psychologenbesuche wurden auf einmal pro Woche reduziert und eigenmächtig setzte er seine tägliche Dosis Antidepressiva auf ein Mindestmaß herunter. Doch vorletzte Woche fing er an, sich selbst zu hinterfragen.
Wollte er wieder zurück an die Uni? Nicht mehr allzu lange und er wäre sicher wieder einsatzbereit. Aber trotz seinem enormen Interesse an Geschichte und der Liebe zu seinem Beruf stellte sich ihm nun die Frage, ob es das gewesen sein soll?
Große Probleme kannte er bis zu seinem Zusammenbruch nicht. Wollte ihm sein Unterbewusstsein durch diese Krankheit ein Signal senden? Die paar Jährchen bis zur Rente dürften doch keine echte Mühe darstellen.
Diese Frage stellte sich nicht. Die Frage, die ihn nun täglich beschäftigte war, ob es noch etwas gäbe, das ihn genau so faszinieren könnte, wie sein damaliges Interesse am Geschichtsstudium.
»Darling, alles in Ordnung?«
Betti kam soeben zur Küche herein. Die Backen leicht gerötet vom Betten überziehen.
»Ja Liebes, alles Ok«, schwindelte er.
War es das etwa? Diese Fürsorge, dieses abgesicherte Leben. War es möglich, dass er etwa einen Reiz darin verspürte, einmal ein härteres Dasein kennen zu lernen? Ein Leben, in dem eben nicht alles rund lief. Ein Leben, in dem man nicht eben kurz zum nächsten Bankomat läuft, sich ein paar Pfund auszahlen lässt und die Geldscheine für irgendwelche Vorlieben zum Fenster hinauswirft. Sich zu einem Abendessen in einem der hochklassigen Restaurants einfindet oder zu einem Theaterbesuch, natürlich immer passend gekleidet. Wie wäre es, morgens aufzustehen und nicht zu wissen, ob man tagsüber genug zu essen haben würde? Wie wäre es, nicht in so einer Großstadt zu leben, sondern irgendwo in einem kleinen abgelegenen Dorf, eventuell im Süden Europas? Ian spürte, wie ihm warm wurde. Es kribbelte. Die Vorstellung auszusteigen schien höchst interessant. Aber komplett aussteigen? Nein. Das würde er nicht übers Herz bringen. Seine Töchter sollten auch weiterhin einen fürsorglichen Vater um sich haben. Und seine Betti könnte er sowieso nicht allzu lange alleine lassen.
Als er einmal nach London musste, um einen Vortrag zu halten, waren sie nur drei Tage getrennt gewesen und schon am ersten Tag hatte er sie mehrmals angerufen, um ihre Stimme zu hören. Zwei Wochen. Ja, das wäre realistisch. Zwei Wochen weg, aber wohin? Den Norden Europas kannte er gut genug, es sollte etwas Fremdes sein. Ein anderer Kontinent? Nein, dies erschien ihm dann doch als etwas zu extrem. Ok, also Südeuropa. Spanien? Portugal? Italien? Zu viele Touristen. Wo gab es Inseln? Viele Inseln und wenig bewohnt. Griechenland wäre eine Option. Da fiel ihm sein alter Kollege Martin ein.
Martin Frasier erzählte ihm schon seit Jahren von seinen Kroatienurlauben. Inzwischen hatte es sich zu einem alljährlichen Ritual entwickelt, sich nach seinen Urlaubstrips zusammenzusetzen, meist bei den McGregors, manchmal bei den Frasiers, Dias anzuschauen und einen guten Tropfen schottischen Whiskeys zu genießen. Sicher, auch da gab es genügend Touristen-Hochburgen, aber in Ian stiegen Bilder einer kleinen Siedlung, an einem Felshang gelegen, auf.
Was sagte Martin über diesen Ort? Fast ganz verlassen. Weniger als vierzig dauerhaft ansässige Bewohner, die alle schon mit einem Bein im Grab standen. In den Sommermonaten würden zwar täglich Urlauber vorbei schauen und selbstgemachten Käse, Olivenöle und einheimischen Wein kaufen, ein paar Fotos knipsen und dann weiterfahren, aber außerhalb der Saison? Wer würde da dann schon hinkommen? Wie hieß dieser Ort nur noch einmal? Ian glaubte, sich erinnern zu können, dass die Übersetzung dieser Siedlung eine Frucht oder ein Obst war?
»Betti?«, wandt er sich fragenden Blickes an seine Frau.
»Erinnerst du dich an Martins und Lindas Diavortrag über ihren letzten Kroatienurlaub?«
»Sicher Darling, wieso fragst du?«, sie schaute ihn neugierig an.
»Dieser kleine Ort, an dem Felshang, bewohnt nur von ein paar Greisen. Erinnerst du dich eventuell an den Namen?«
Betti schaute ihn fragend an. Wieso kam er denn nur auf Kroatien? Sie wusste, wie empfindlich er die letzten Monate gewesen war und versuchte, äußerst behutsam mit ihm umzugehen, bis er diese schwierige Phase seines Lebens überwunden hätte. Dennoch erstaunte sie seine Frage. Aber warum sorgte sie sich? Ein nervöses Gefühl überkam sie. Bald stünde ihr Hochzeitstag an, plante er etwas? Machte sie sich nur umsonst wieder einmal übertrieben Sorgen?
»Hmm, warte mal, Äpfel, Orangen, Kirschen? Nein. Ich versuche, mir eine Eselsbrücke zu bauen. Melonen. Ja, die Kinder aßen Meloneneis und da meinte Linda, dieser Ort würde so heißen. Genau, aber wieso fragst du?«
Ian murmelte nur gedankenverloren ein: »Nicht so wichtig«, und begab sich in das kleine Nebenzimmer, in dem ihr Computer stand.
Kurz darauf googelte er den Onlineübersetzer Englisch-Kroatisch und tippte den Begriff: »Melonen« ein.
Einen Wimpernschlag später las er: Lubenice.
Richtig. Das war es!
Sein Pulsschlag erhöhte sich und unbewusst knabberte er an seiner Unterlippe, als er weitere Informationen über die Suchmaschine einholte.
Insel Cres. Erreichbar mit einer Fähre von der davor liegenden Insel Krk oder mit einer anderen Fähre von der Halbinsel Istrien aus. Er folgte noch etlichen Links, las noch eine ganze Weile und sah sich in seinen Visionen schon im Südosten Europas.
Flughafen Edinburgh. Gestern noch Paketbote, heute Tourist. Na ja, offiziell Tourist. Inoffiziell der Job seines Lebens. Ein Sechser im Lotto wäre nichts im Vergleich hierzu. Sicher, anfangs würde man sich die ganzen angenehmen Dinge des Lebens gönnen, sich allerhand Zeugs anschaffen. Eine goldene Armbanduhr, ein Haus oder gleich eine Villa, einen Sportwagen, vielleicht ´ne Jacht, vielleicht ´nen kleinen Jet mit Privatpilot oder was auch immer. Doch recht zügig müsste man dann schauen, wie man das gewonnene Geld für sich arbeiten lassen würde, um nicht nach kurzer Glücksphase aufzuwachen und festzustellen, dass man alles verprasst hat. Die vielen Freunde, die man ganz plötzlich um sich herum hätte, wären dann noch plötzlicher sicher wieder weg. Das hier war um ein Vielfaches spannender. Ein monatliches Festgehalt von viertausend Euro, netto, bar auf die Kralle. Spesen, wie zum Beispiel Flüge, Hotelkosten wurden im Vorhinein von seinem neuen Arbeitgeber finanziert und er musste nur seinen Ausweis vorlegen und einchecken. Für wen er hier eigentlich diese Botengänge absolvierte und was wirklich dahinter steckte, wusste er nicht, ehrlich gesagt, es machte ihn zwar neugierig, aber seine innere Stimme sagte ihm: »Besser nicht zu viel wissen!«
Solange das Geld passte und pünktlich abholbereit dalag, würde er ein treuer, pflichtbewusster Bote sein. Des Weiteren hatte ihm seine Kontaktperson, in Stuttgart, im Graf-von-Zeppelin-Hotel einen Umschlag übergeben, mit mehreren hundert Euro darin. Zweihundert Pfund für seinen Schottland-Aufenthalt waren auch dabei. Auf seinem Zimmer lag ein Paket, das er inzwischen an Schuhmacher überbracht hatte; ein Koffer mit passenden Klamotten, ein Headset und ein Rucksack lagen auf dem Bett. Die Postbotenuniform befand sich auf dem Schreibtisch. Diese packte er nach seinem ersten Auftrag in eine blaue Mülltüte und entsorgte sie, wie ihm aufgetragen wurde, in einem Müllcontainer, welcher sich im Hinterhof, zwei S-Bahnhaltestellen weiter, befand. Wenn ihm überhaupt etwas wirklich erstaunlich vorkam, dann eher, dass man ausgerechnet ihn für diesen Job ausgesucht hatte. Bisher verdiente er sein Geld als Fahrer für private Geschäftsleute, B- und C-Promis und ab und an für etwas wohlhabendere Touristen, die sich die Schwabenmetropole, aus was für einem Grund auch immer, etwas näher anschauen wollten. Ein kleines Zubrot mit gelegentlichen Deals in Form von aktuellen Modedrogen lehnte er auch nicht ab.
Lag es vielleicht an seinen Englischkenntnissen? Als Sohn eines kroatischen Gastarbeiters und einer irischen Mutter sprach er drei Sprachen fließend: Deutsch, Kroatisch und eben Englisch.
Blödsinn! Als würden nicht genügend andere die Sprache genau so gut sprechen.
In seine Gedanken vertieft, fand er sich schon bald am Taxistand vor dem Flughafengebäude wieder. Das erste zur Verfügung stehende schwarze Gefährt anpeilend, kramte er mit seiner linken Hand den Adresszettel aus der Hosentasche. Dem grauhaarigen Fahrer gab er schon aus ein paar Schritten Entfernung ein Zeichen, dass er sich bereit machen solle. Sein Magen meldete sich knurrend und er hoffte, die schottische Küche sei etwas besser als ihr Ruf. Denn das Häppchen im Flieger war eindeutig nicht genug gewesen. Der Taxifahrer öffnete den Kofferraum.
»Willkommen in Schottland, Mister. Geben Sie mir die Tasche, ich mach das schon.«
»Danke. Kein Regen heute?«, der Bote schaute zum hellgrauen Himmel hinauf.
»Keine Sorge, der kommt schon noch«, lächelte ihn der Fahrer an. Er kannte schließlich sein schottisches Wetter und die vier Jahreszeiten pro Tag. Im Black Cab sitzend erkundigte sich der Celtic-Glasgow-Fan, wie unschwer an dem am Rückspiegel befestigten Wimpel zu erkennen war, nach dem Zielort.
»In die 109 Craigleith Road, Edinburgh.«
»Aye Aye, Sir. Das erste Mal in Schottland?«
»Yep. Aber nur Gutes gehört und als Halb-Ire fühle ich mich irgendwie schon jetzt fast wie zu Hause«, entgegnete der Lieferant schmunzelnd.
»Ist es weit bis zum B&B?«
»Nein, nicht weit. Keine sieben Meilen. In einer viertel Stunde müssten wir da sein, falls sich niemand vors Auto werfen sollte«, meinte er grinsend. Ein fröhlicher Mensch.
Während der weiteren Fahrt führten sie einen Small talk über Fußball. Celtic hatte natürlich die treuesten und besten Supporter der Welt, und Manuel Neuer und Thomas Müller seien die sympathischsten Deutschen Fußballer, gab der Schotte zu verstehen. Der Bote hörte nach drei Minuten nur noch mit einem Ohr hin und bewunderte während der Fahrt die Häuser im viktorianischen Stil. Es fing an zu nieseln und keine weiteren drei Minuten später, während sie die A8 auf der Glasgow Road entlangfuhren, goss es wie aus Kübeln. Der Regen prasselte lautstark gegen die Windschutzscheibe und die Karosserie. Der Fahrer hatte Recht. Das Wetter schlug hier regelmäßig ganz plötzlich um. Das Taxi verließ die Schnellstraße, indem es nach links auf die Maybury Road abbog. Nach ein paar Wohnblocks hörten die Siedlungen auf und zur Linken lagen weite grüne, leicht hügelige Wiesen und Felder. Kurze Zeit später, als die ersten Häuser wieder aus dem Boden wuchsen, hielten sie sich rechts und befuhren die Queensferry Road. Der Taxifahrer beendete seinen Monolog, um darauf hinzuweisen, dass sie gleich am Ziel wären. Direkt vor dem hellbraunen Haus mit den hohen Fenstern im Obergeschoß, fand sich eine freie Parklücke. Der Bote drückte dem Taxifahrer das Fahrtgeld in die Hand und meinte, er solle ruhig sitzen bleiben, den Koffer würde er selbst ausladen. Die beiden verabschiedeten sich mit einem kräftigen Händedruck. Sekunden später verschwand der Bote zwischen den mannshohen Hecken, die den schmalen Weg zur Haustür wie zwei Wächter einengten.
»Mum, Dad, es hat geklingelt«, rief die kleine Amy.
Betti McGregor fuhr sich noch kurz durch die langen roten Haare, bevor sie sich daran machte, den neuen Gast hereinzubitten. Ein Tourist aus Deutschland, wie ihr schon vor einem Monat telefonisch mitgeteilt wurde, der das Wochenende in Edinburgh verbringen würde. Die Rechnung für das Doppelzimmer, Einzelzimmer boten sie nicht an, wurde direkt nach der Reservierung per Überweisung beglichen. Wieso er sich kein anderes Bed and Breakfast suchte, oder ein günstiges Hotelzimmer buchte, war ihr zwar schleierhaft, konnte ihr aber letztlich egal sein.
»Guten Tag, Sir. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise?«
»Hallo, kann mich nicht beklagen. Bis auf die nervige Warterei in Manchester am Airport. Musste dort umsteigen.«
»Das kann ich mir gut vorstellen, aber nun sind Sie ja da«, erwiderte Betti freundlich.
»Sie kommen aus Deutschland?! Darf ich anmerken, dass ihr Englisch ausgesprochen gut ist?«
»Dürfen Sie. Liegt wohl daran, dass meine Mutter Irin ist«, erwiderte er sichtlich stolz.
»Oh, tatsächlich? Nun, dann gehören Sie ja zur gälischen Familie als Ire.«
»Halbire, bin ein Mischling. Mein Vater ist Kroate und geboren wurde ich in Deutschland.«
»Interessant«, meinte Betti etwas verblüfft, »ich zeige ihnen mal ihr Zimmer, dazu müssen wir nach oben.«
Seinen Rucksack geschultert und den Koffer in der rechten Hand haltend folgte er Betti die engen hölzernen Stufen hinauf. Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, bot sie dem Gast an, mit der Familie einen Begrüßungstee zu genießen. In fünfzehn Minuten im Wintergarten. Dankend nahm der Neuankömmling an und schloss die Tür hinter sich. Er stellte den Koffer ab und schmiss den Rucksack auf das frischbezogene Bett. Sich warf er gleich daneben und blickte zur Decke. Am liebsten hätte er sich ein kurzes Nickerchen gegönnt, sich danach geduscht und anschließend umgeschaut, ob ein vernünftiges Restaurant in der Nähe wäre, doch zuerst die Arbeit. Er schmunzelte bei dem Gedanken. Denn nach harter Arbeit sah das alles nicht aus.
Wo war denn nur der Haken? Fluchs drehte er sich auf dem Bett, so dass er eine sitzende Haltung einnahm und die Füße den Boden berührten. Ein Griff in den rot-schwarzen Rucksack und das Headset war einsatzbereit. Das Mikrofon nun vor seinem Mund, nahm er Kontakt auf: »Bin angekommen! McGregors, Edinburgh. Wie soll´s weitergehen? Päckchen bereit?«, fragte er schelmisch.
Ein leises Knistern drang durch die Kopfhörer, dann ein kurzer Piepton bis schließlich eine klare, kräftige Männerstimme zu ihm durchdrang.
»Sie werden diesmal kein Paket abliefern müssen. Vorerst knüpfen Sie Kontakt zu dem Hausherren. Bemühen sie sich um ein freundliches Auftreten. Es ist wichtig, dass Sie seine Neugierde wecken, erwähnen Sie, dass ihr Vater aus Kroatien stammt.«
»Geht klar. Sie sind der Chef. Aber ich verstehe nicht ganz, was soll denn überhaupt meine Aufgabe sein, wenn ich nichts abzuliefern habe? Und warum sollte es den Alten interessieren, dass ich kroatische Wurzeln habe?«
»Es wird ihn interessieren, das kann ich Ihnen versichern.«
»Gut, Ok. Aber verzeihen Sie, falls ich ihnen auf die Nerven gehen sollte, es geht mich ja nichts an, aber ich wurde doch als, wie mir gesagt wurde, eine Art Lieferant, Paketzusteller, eingestellt, nicht wahr? Warum also kein Paket?«
»Stellen Sie nicht zu viele Fragen und machen Sie sich keine Gedanken. Aber nun gut, eins kann ich vorwegnehmen, Sie werden uns etwas liefern müssen, auf dem Rückweg.«
»Nur zum besseren Verständnis. Gehe ich recht in der Annahme, dass McGregor eine Kontaktperson ist, ich mich ihm zu erkennen geben werde und er mir daraufhin für Sie wiederum etwas mitschickt?« Stolz darauf, dies scheinbar durchschaut zu haben wartete er grinsend auf die Antwort, die etwas auf sich warten ließ.
»Nein, das ist nicht korrekt. Ian McGregor wird das Paket sein das Sie mitbringen werden.«
