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Phenelope macht dass, was wir alle tun: Sie arbeitet pflichtbewusst, in dem Glauben, ihre Aufgabe sei wichtig und dass sie geschätzt wird. Tag ein tag aus macht sie immer dasselbe. Doch wo bleibt die Anerkennung, Freiheit, Liebe und Freude? Phenelope zeigt uns, dass es andere Wichtigkeiten gibt, als die normal gültigen, und dass jeder die Wahl hat, einen neuen Weg zu gehen. Jeder kann ausbrechen und ein Held sein. Das Leben ist nicht nur arbeiten und konsumieren. Es bietet vor allem die Möglichkeit der Selbstfindung und der persönlichen Weiterentwicklung.
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Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ulrich Wergin
Phenelope, die kleine Ameise
Fabel
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Phenelope, die kleine Ameise
Impressum neobooks
Tief im Wald, dort wo die Bäume am dichtesten stehen, erhob sich einmal ein wunderbarer Ameisenbau. Die Bewohner behaupteten mit Fug und Recht, es sei der Größte und Schönste im ganzen Wald. Ganz früh am Morgen als erste Sonnenstrahlen die Luft erwärmten, duftete es herrlich nach feuchtem Moos. Ein feiner Nebel stieg vom Boden auf und durchsetzte den Wald. Durch den Nebel drang die Sonne und beschien den Bau majestätisch hell. Das war die Zeit, in der Phenelope, die kleine Ameise aus dem Bau krabbelte. Als erstes dehnte und streckte sie ihre Glieder, putzte ausgiebig ihre Fühler und machte sich dann an die Arbeit.
Phenelope war eine gewöhnliche Arbeitsameise. Sie suchte den ganzen Tag im Unterholz nach Tannennadeln. Hatte sie eine besonders schöne Tannennadel gefunden, so lud sie diese auf ihren Rücken und trug sie bis auf die oberste Spitze des Ameisenhaufens. Dort warf sie die Nadel geschickt ab, prüfte ihre Lage, und krabbelte dann wieder hinunter um die nächste Nadel zu holen. Das machte sie den ganzen Tag, immer für Ruhm und Ehre ihres Ameisenstammes. Phenelope war die Fleißigste von allen Arbeitsameisen. Sie gönnte sich nie
eine Pause. Manchmal, aber wirklich nur ganz selten, da stahl sie sich einen Augenblick weg, um vom höchsten Punkt des Ameisenhügels hinunter zu schauen. Von hier oben hatte sie einen herrlichen Blick auf Bäume und Sträucher. Phenelope schaute nur ganz kurz, denn sie war nicht schwindelfrei. Doch die Zeit genügte, um die anderen Arbeitsameisen zu beobachten, wie sie das Essen, das sie von weit her trugen, im Bau verstauten. Manchmal sah sie auch ihren Freund Maximilian. Er lag am liebsten in der Sonne und machte eine Pause. Phenelope wußte, daß das strengstens verboten war. Aber sie dachte nicht lange darüber nach, weil sie Maximilian sehr mochte. Sie bewunderte seinen Mut, denn auf faulenzen lag eine schwere Strafe. So vergaß sie schnell, was sie gesehen hatte. Niemals hätte sie Maximilian verraten können. Er hatte nämlich die schönsten Augen von allen Ameisen. Wenn es Phenelope nicht gut ging, so mußte sie nur in seine Augen schauen und schon war ihr Kummer vergessen.
Eines Tages wurde Phenelope von der Hofameise Amadeus beobachtet, wie sie gleich zwei Tannennadeln den steilen Ameisenbau hinauf trug. Die Hofameise war von ihrem Fleiß so begeistert, daß sie Phenelope bei der abendlichen Besprechung mit der Königin erwähnte.
>>Ich finde<<, sagte Amadeus die Hofameise, >>wir sollten Phenelope zur Belohnung für ihren Fleiß einen ganzen Tag frei geben.<<
>>Einen ganzen Tag?<<, fragte die Königin erstaunt, die am liebsten faul auf einem Eichenblatt lag.
>>Das ist aber eine lange Zeit.<< (Man muß wissen, daß Arbeitsameisen nicht sehr alt werden, und da ist ein Tag, ein großzügiges Geschenk)
>>Du sagtest, sie ist eine gewöhnliche Arbeitsameise!<<
>>Ja, das ist sie.<<
>>Wie kann ich ihr da einen Tag frei geben? Was werden die anderen dazu sagen?<<
>>Werte Königin! Überlegt doch mal! Dieses großzügige Geschenk wird die anderen Arbeitsameisen motivieren genauso fleißig zu arbeiten.<<
Die Königin, die noch immer auf ihrem Eichenblatt lag erhob sich und kam auf Amadeus zu. Sie überlegte kurz und sagte dann:
>>Amadeus, du bist eine schlaue Hofameise.<<
Sie klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und beauftragte ihn, Phenelope auszurichten, daß sie für ihren Fleiß einen ganzen Tag frei bekäme.
>>Was? Einen ganzen Tag frei?<<, fragte Phenelope erstaunt und schaute Amadeus ungläubig an.
>>Was soll ich denn mit einem freien Tag anstellen?<<
>>Du kannst tun was dir gefällt<<, sagte Amadeus.
Doch die kleine Ameise wußte wirklich nicht, was sie mit einem ganzen freien Tag anfangen sollte. Außer Tannennadeln auf den Ameisenbau hinauftragen, hatte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Sie fürchtete sich schon vor dem morgigen Tag, an dem sie nicht mit anderen aufstehen durfte, um mit ihnen gemeinsam arbeiten zu können. Aber das war nun mal der Wunsch der Königin! Und solch einen Wunsch hatte man zu respektieren. Phenelope hatte keine Wahl.
Dann war es so weit! Am nächsten Morgen machten sich alle Arbeitsameisen auf, um im Wald Essen für den Hof und den Stamm zu sammeln. Nur Phenelope blieb liegen. Sie war ganz unruhig und wußte nicht, was sie nun mit ihrer Zeit anfangen sollte.
>>Was soll ich bloß den ganzen Tag machen?<<
>>Nun jammere nicht herum!<<, sagte Maximilian, der gerade aufgestanden war.
>>Du hast gut reden! Du kannst mit den anderen in den Wald gehen.<<
>>Ich wüßte schon, was ich machen würde!<<
>>So, was denn?<<, fragte Phenelope neugierig.
>>Ich würde mir ein paar schöne Stunden machen.<<
Phenelope bekam große Augen.
>>Aber ich weiß nicht wie man sich ein paar schöne Stunden macht!<<
