Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Gotthold Ephraim Lessings Werk "Philosophische Beiträge" ist eine Sammlung von Aufsätzen und Abhandlungen, die sich mit verschiedenen philosophischen Themen auseinandersetzen. Lessing präsentiert seine Gedanken auf eine klare und prägnante Weise, die den Leser dazu anregt, über komplexe philosophische Fragen nachzudenken. Der literarische Stil ist geprägt von einer tiefen Gelehrsamkeit und einer klaren Argumentationsstruktur, die es auch dem nicht spezialisierten Leser ermöglicht, die komplexen Themen zu verstehen. Diese Sammlung von philosophischen Schriften ist ein wichtiger Beitrag zur Aufklärungsliteratur des 18. Jahrhunderts und zeigt Lessings Talent als Denker und Schriftsteller. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 1802
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Diese Werksammlung mit dem Titel Philosophische Beiträge führt zentrale philosophische Schriften und kleinere Stücke von Gotthold Ephraim Lessing zusammen. Sie verfolgt das Ziel, die Breite und Entwicklung seines Denkens sichtbar zu machen, ohne den Anspruch einer historisch-kritischen Gesamtausgabe zu erheben. Versammelt sind Untersuchungen zur Kunst und Dichtung, religionsphilosophische Abhandlungen, erkenntnistheoretische Skizzen sowie polemische und gesellschaftliche Reflexionen. Neben prägenden Texten wie Laokoon, Hamburgische Dramaturgie und Die Erziehung des Menschengeschlechts stehen pointierte Essays, Dialoge und Parabeln. Die Auswahl zeigt Lessing als Aufklärer, der philosophische Probleme konsequent öffentlich verhandelt und dabei formale Vielfalt als Mittel der Erkenntnis und der Verständigung nutzt.
Die hier vertretenen Textsorten sind bewusst vielgestaltig. Abhandlungen und Essays strukturieren Argumente knapp und präzise; Dialoge wie Gespräche für Freimaurer, Ernst und Falk sowie die Gespräche über die Soldaten und Mönche inszenieren Denken als Gespräch. Parabel und Fabel demonstrieren den heuristischen Wert erzählerischer Verdichtung, etwa in Eine Parabel und den Abhandlungen über die Fabel. Polemische Flugschriften wie Ein Vade mecum für den Hrn. Sam Gotthl. Lange zeigen die Streitkultur der Epoche. Philologische Arbeiten wie Rettungen des Horaz ergänzen Selbstbetrachtungen und Einfälle, die Notat, Einfall und Maxime verbinden. Diese Vielfalt spiegelt Lessings Überzeugung, Form und Erkenntnis seien untrennbar.
Die ästhetischen und poetologischen Schriften bilden ein Zentrum dieser Sammlung. Laokoon verhandelt das Verhältnis der Künste, ohne es auf eine einfache Regel zu reduzieren. Die Hamburgische Dramaturgie prüft am konkreten Theaterbetrieb Prinzipien des Bühnenwerks und schärft Begriffe, die bis heute Grundlagendebatten prägen. Die Abhandlungen über die Fabel bestimmen Nutzen und Bau der lehrhaften Erzählung. Mit den Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele stellt Lessing gängige Affektökonomien des bürgerlichen Theaters zur Diskussion. Über das Lustspiel »Die Juden« reflektiert die eigenen dramatischen Versuche und deren gesellschaftliche Implikationen. Überall wird Erkenntnis aus Beispielen, Vergleichen und historischer Aufmerksamkeit gewonnen.
Ein zweiter Schwerpunkt gilt der Religionsphilosophie. Die Erziehung des Menschengeschlechts entwickelt ein Geschichtsdenken, das Lernprozesse der Menschheit in den Blick nimmt. Das Christentum der Vernunft und Über die Entstehung der geoffenbarten Religion erkunden Voraussetzungen einer vernünftigen Religionspraxis. Die Religion Christi richtet die Aufmerksamkeit auf Maßstäbe des Handelns. In den Schriften des Anti-Goeze zeigt sich Lessings Einsatz für Freiheit der Forschung und für die Unterscheidung zwischen Glaubenswahrheiten und ihrer historischen Vermittlung. Diese Texte verknüpfen kritische Genauigkeit mit der Forderung nach Toleranz und öffnen einen Raum, in dem religiöse Fragen öffentlich, argumentativ und ohne Zwang verhandelt werden.
Erkenntnistheoretische und metaphysische Überlegungen ergänzen das Bild. Über die Wahrheit diskutiert Bedingungen des Für-Wahr-Haltens und zeigt, wie sorgfältig Begriffe geprüft sein müssen. Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott problematisiert die Rede von Realität und Möglichkeit innerhalb überlieferter Systeme. Der Aufsatz Durch Spinoza ist Leibniz nur auf die Spur der vorherbestimmten Harmonie gekommen beleuchtet eine philosophische Konstellation der Neuzeit und macht die produktive Reibung traditionsbildender Denker sichtbar. Daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können erweitert den Horizont des Erfahrbaren als Gedankenexperiment. Diese Texte loten Grenzen und Chancen menschlicher Erkenntnis mit nüchterner Kühnheit aus.
Gesellschaftliche Fragen erscheinen bei Lessing als Prüfstein der Aufklärung. Gespräche für Freimaurer und Ernst und Falk erkunden bürgerliche Tugenden, Verbindlichkeiten und die Bedingungen einer freien Gemeinschaft. Die Gespräche über die Soldaten und Mönche fokussieren auf Institutionen und Rollenbilder, die das öffentliche Leben prägen. Gedanken über die Herrnhuter widmen sich einer religiösen Gemeinschaft und fragen nach innerer Ordnung und äußerer Wirkung. Leben und leben lassen formuliert eine Maxime wechselseitiger Rücksicht, die in vielen Schriften resoniert. Hier verbindet sich begriffliche Schärfe mit praktischer Klugheit: Philosophie wird zur Anleitung, Konflikte zu durchdenken und im Gemeinsinn auszubalancieren.
Lessings Kritik versteht sich als Dienst an der Öffentlichkeit. Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt verteidigt den Maßstab des prüfenden Urteils gegen falsche Erwartungen und persönliches Ressentiment. Ein Vade mecum für den Hrn. Sam Gotthl. Lange zeigt die Experimentierlust polemischer Formen, die Argument, Satire und dokumentarisches Moment mischen. Diese Stücke erhellen eine Medienkultur, in der Zeitschrift, Flugschrift und Theaterzettel verflochten sind. Kritik ist hier nicht Zerstörung, sondern Schule der Unterscheidung. Sie verpflichtet auf Sachlichkeit, fordert Gegenrede heraus und macht aus Streit einen Prozess der Klärung, an dem viele teilnehmen können.
Die Antike ist für Lessing keine Autorität, die nur zitiert wird, sondern ein Arbeitsfeld. Rettungen des Horaz korrigieren Urteile und stellen philologische Genauigkeit über Traditionsroutine. Wie die Alten den Tod gebildet verbindet antiquarische Beobachtung mit ästhetischer Einsicht und richtet den Blick auf Bilder, Zeichen und ihre Lesbarkeit. Auch Laokoon zeigt, wie fruchtbar der dialogische Umgang mit antiken Quellen sein kann, wenn er auf Text und Befund gegründet wird. So entsteht ein Modell historischer Kritik, das weder romantisiert noch entwertet: Vergangenheit wird zum Gegenüber, an dem Gegenwart ihre Begriffe und Maßstäbe schärft.
Erzählende Formen sind bei Lessing nicht schmückend, sondern erkenntnisleitend. Die Abhandlungen über die Fabel analysieren die Bedingungen gelingender Belehrung durch Beispiel und Pointe. Eine Parabel demonstriert, wie eine kurze Erzählung einen Streitpunkt erhellen kann, ohne ihn mit einer fertigen Lehre zu überblenden. Wo Argumente sich verhaken, eröffnet das Bild Raum für Einsicht. Auch kleinere Stücke aus Selbstbetrachtungen und Einfälle bewahren den Charakter des Versuchs: Sie skizzieren Gedanken, die der Leser weiterführen soll. In dieser Poetik des Vorläufigen verbindet sich Prägnanz mit Offenheit und macht den Reiz, aber auch die Verpflichtung des Mitdenkens aus.
Stilistisch verbindet Lessing Klarheit und Beweglichkeit. Er meidet das System, ohne auf Strenge zu verzichten, und testet Annahmen an Beispielen, Gegenargumenten und historischen Konstellationen. Ironie dient ihm als Methode der Distanzierung, nicht als Spielerei auf Kosten des Sachverhalts. Die fortlaufende Form der Hamburgischen Dramaturgie macht die Öffentlichkeit zum Mitleser eines Denkprozesses; die dialogischen Schriften führen Alternativen vor, statt sie nur zu referieren. Dadurch entsteht eine Philosophie in Szenen, die zur Prüfung auffordert. Der Leser begegnet keinem fertigen Lehrgebäude, sondern einem Instrumentarium, das Begriffe schärft und Urteile verantwortbar macht.
Die anhaltende Bedeutung dieser Philosophischen Beiträge liegt in ihrer Verbindung von begrifflicher Präzision, historischer Aufmerksamkeit und praktischer Vernunft. Debatten über die Grenzen der Künste, über Toleranz, über die Bedingungen öffentlicher Rede oder über die Reichweite menschlicher Erkenntnis werden hier so angelegt, dass sie über ihre Zeit hinausweisen. In Literatur-, Kunst- und Theaterwissenschaft, Theologie, Philosophie und Kulturgeschichte sind die hier versammelten Texte anschlussfähig, weil sie methodische Maßstäbe setzen. Zugleich fordern sie eine Haltung: den Mut zur Prüfung, Respekt vor dem Gegenüber und Bereitschaft, Urteile zu revidieren, wenn Gründe dafür sprechen.
Diese Ausgabe empfiehlt sich nicht nur zum chronologischen Durchgang, sondern auch zum thematischen Lesen. Wer ästhetische Fragen verfolgt, beginnt bei Laokoon und der Hamburgischen Dramaturgie; wer religiöse und gesellschaftliche Überlegungen sucht, findet in Die Erziehung des Menschengeschlechts, Anti-Goeze, Ernst und Falk und verwandten Stücken Orientierung. Einzelne Essays wie Über die Wahrheit oder Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt lassen sich als prägnante Einstiegspunkte lesen. So erschließt sich Lessing als Autor, der Denken öffentlich macht: Die Philosophischen Beiträge laden dazu ein, Vernunft zu üben, Freiheit zu schützen und Verständigung zu versuchen.
Gotthold Ephraim Lessing gilt als zentrale Gestalt der deutschsprachigen Aufklärung. Als Kritiker, Dramatiker, Theoretiker und Bibliothekar verband er philologische Genauigkeit mit polemischer Schärfe und einem zutiefst aufklärerischen Ethos von Vernunft, Toleranz und Öffentlichkeit. Seine Schriften umspannen Ästhetik, Poetik, Theologie und politische Gesellschaftslehre und wirken bis heute normbildend. Mit Werken wie Laokoon, der Hamburgischen Dramaturgie oder der religionsphilosophischen Erziehung des Menschengeschlechts prägte er Maßstäbe, die über einzelne Gattungen hinausreichen. Sein Stil steht für argumentative Klarheit, lebendige Anschaulichkeit, prüfende Skepsis und ein Vertrauen auf selbstständiges Denken, das er gegenüber Autoritäten konsequent verteidigte.
Seine akademische Prägung erfolgte in sächsischen Universitätsstädten, besonders in Leipzig, wo er sich früh mit antiker Poetik und moderner Kritik auseinandersetzte. Die intensive Beschäftigung mit Horaz, Aristoteles und den moralischen Debatten der Aufklärung schärfte sein methodisches Interesse an begrifflicher Unterscheidung und historischer Kontextualisierung. Frühschriften wie Abhandlungen über die Fabel und die Rettungen des Horaz zeigen Philologie als Schule des genauen Lesens. Mit Wie die Alten den Tod gebildet erschloss er ikonographische und textliche Traditionen, während Über die Wahrheit seine auffällig nüchterne, argumentorientierte Prosa konturierte, die auf Öffentlichkeit und Prüfung abzielt.
Als Kritiker profilierte sich Lessing in Zeitschriften und Streitschriften, in denen er den Anspruch einer urteilskräftigen Öffentlichkeit formte. Der programmatische Satz Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt markiert seine Auffassung von Kritik als eigenständiger rationaler Praxis. Polemiken wie Ein Vade mecum für den Hrn. Sam Gotthl. Lange zielten ebenso auf sprachliche Präzision wie auf intellektuelle Redlichkeit. In Selbstbetrachtungen und Einfällen erprobt er heuristische Mindestregeln, während Leben und leben lassen ein praktisches, auf Toleranz gegründetes Ethos formuliert. So entwickelte sich sein Stil zwischen skeptischer Prüfung und produktiver Streitlust.
In Hamburg suchte Lessing die Reform des Theaters als öffentlicher Anstalt. Die Hamburgische Dramaturgie verband tagesaktuelle Aufführungsbeobachtung mit poetologischen Grundsätzen und etablierte moderne Dramaturgenarbeit. Seine Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele kritisieren sentimentale Muster und plädieren für Wahrhaftigkeit der Affekte. Mit Über das Lustspiel »Die Juden« reflektiert er die Verbindung von dramatischer Form und bürgerlicher Toleranzidee. Gespräche über die Soldaten und Mönche erproben dabei szenische Dialoge als Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung. Insgesamt entsteht ein dauerhaftes Modell kritischer Öffentlichkeit, in dem Bühne, Kritik und Leserschaft ein sich gegenseitig prüfendes Netzwerk bilden.
Mit Laokoon schuf Lessing eine klassische Theorie der Künste, die die Grenzen von Wort und Bild unterscheidet und dadurch je eigene Ausdrucksgesetze begründet. Auf dieser Grundlage gewinnen Abhandlungen über die Fabel und verwandte Studien ihre Präzision: Bildlichkeit wird nicht dekorativ, sondern erkenntnisleitend verstanden. Philosophische Erkundungen wie Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott sowie Durch Spinoza ist Leibniz nur auf die Spur der vorherbestimmten Harmonie gekommen verankern seine Ästhetik in einer aufgeklärten Metaphysik, die Begriffe historisiert und prüft. Daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können und Eine Parabel zeigen experimentelle Denkformen jenseits trockener Systematik.
Im Feld der Religionsphilosophie suchte Lessing eine vernünftige Vermittlung zwischen geschichtlicher Offenbarung und allgemeiner Moral. Die Erziehung des Menschengeschlechts, Das Christentum der Vernunft, Über die Entstehung der geoffenbarten Religion und Die Religion Christi umreißen eine Entwicklungsperspektive religiöser Einsicht. In Anti-Goeze verteidigte er die Freiheit der Prüfung gegen dogmatische Engführung; Gedanken über die Herrnhuter dokumentieren seine kritische Distanz zu konfessionellen Sonderwegen. Ernst und Falk sowie Gespräche für Freimaurer entfalten im Dialog ein Modell bürgerlicher Geselligkeit, das auf Toleranz, Selbsterziehung und Gemeinsinn setzt und religiöse Fragen mit staatlicher Ordnung und öffentlicher Vernunft vermittelt.
In seinen späteren Jahren arbeitete Lessing als Bibliothekar in Wolfenbüttel und vertiefte die Verbindung von Quellenforschung, öffentlichem Streit und systematischer Reflexion. Viele seiner Einsichten, von der theaterpraktischen Hamburgischen Dramaturgie über Laokoon bis zu den religionsphilosophischen Schriften, wurden zu Bezugspunkten der europäischen Geistesgeschichte. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung von philologischer Sorgfalt, anschaulichem Argument und zivilgesellschaftlichem Anspruch: Kritik als Dienst an Vernunft und Freiheit. In Literaturwissenschaft, Theaterpraxis, Philosophie und Religionsdebatte bleibt er präsent, weil er nicht fertige Systeme liefert, sondern Verfahren des Prüfens und Begründens, die produktiv offen bleiben und neue Generationen zum selbstständigen Denken ermutigen.
Gotthold Ephraim Lessing, 1729 geboren und 1781 gestorben, wirkte in einer Übergangszeit, in der die deutsche Aufklärung ihre öffentlichkeitswirksame Form gewann. Die in der Sammlung Philosophische Beiträge versammelten Schriften stammen überwiegend aus den 1750er bis späten 1770er Jahren und spiegeln zentrale Debatten über Religion, Kunst, Theater und Erkenntnis. Lessing bewegte sich zwischen Hof, Universität, Theater und Presse in Städten wie Berlin, Leipzig, Hamburg und Wolfenbüttel. Seine Texte verbinden praktische Eingriffe in aktuelle Kontroversen mit grundsätzlichen Überlegungen, etwa in Die Erziehung des Menschengeschlechts, Laokoon, der Hamburgischen Dramaturgie und den religionskritischen Interventionen der späten Wolfenbütteler Jahre.
Die politische Landschaft des Heiligen Römischen Reiches stellte ein Flickenteppich aus Fürstentümern, Reichsstädten und Kirchenherrschaften dar. Diese Zersplitterung prägte Zensurpraktiken, Kommunikationswege und Patronage. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) verschärfte Fragen nach Militär, Staatsräson und Bürgerpflicht, die in satirischen und dialogischen Formen reflektiert wurden. Aufklärerische Reformen in Preußen und später in habsburgischen Gebieten förderten administrative Modernisierung, ohne die konfessionellen Spannungen vollständig zu lösen. Vor diesem Hintergrund erkundeten Lessings Texte Spielräume vernünftiger Religionspraxis, bürgerlicher Öffentlichkeit und künstlerischer Autonomie – stets mit Blick auf eine informierte, moralisch urteilsfähige Leserschaft.
Die Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit erfolgte über Leihbibliotheken, Lesegesellschaften und Zeitschriften, besonders im Buchhandelssystem Leipzigs und Berlins. Lessing trug wesentlich zur neuen Rezensionkultur bei. Sein Diktum Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt markiert eine Professionalisierung des Urteils, das sich an nachvollziehbaren Maßstäben orientiert. In der wachsenden Publizistik etablierte sich Kritik als gesellschaftliche Instanz zwischen Gelehrtenrepublik und städtischem Publikum. Diese Infrastruktur erlaubte es Lessing, Interventionen schnell zu verbreiten, Polemiken zu führen und zugleich methodische Überlegungen zu Kriterien von Wahrheit, Wahrscheinlichkeit und ästhetischer Angemessenheit zu formulieren.
Das Theater wurde im 18. Jahrhundert zum Labor bürgerlicher Selbstverständigung. Lessing beriet das Hamburger Nationaltheater (1767–1769) und kommentierte laufende Aufführungen in der Hamburgischen Dramaturgie. Dabei profilierte er die Tragödien- und Komödientheorie gegenüber französischen Vorbildern und förderte das sogenannte rührende oder weinerliche Lustspiel in Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele. Seine kritische Praxis zielte auf Wirkung durch Einfühlung und moralische Bildung, während er institutionell nach einem deutschen Repertoire jenseits der Hofbühnen strebte. So verband sich ästhetische Theorie mit einem Projekt kultureller Nationbildung und publikumsgerechter Reform.
Parallel dazu wuchs das antiquarische und archäologische Wissen, angestoßen durch Sammler, Ausgrabungen und die Verbreitung von Abbildungen antiker Kunst. Lessings Laokoon präzisierte in diesem Klima die historisch argumentierende Unterscheidung der Künste und schärfte den Blick für mediale Grenzen. Der Essay Wie die Alten den Tod gebildet ergänzte diese Forschung, indem er ikonographische Traditionen der Antike philologisch kontrollierte. Der Austausch mit zeitgenössischer Kunstliteratur und die Rezeption antiker Statuen über Kupferstiche und Gipsabgüsse ermöglichten Lessing, ästhetische Normen historisch zu begründen und gegen dogmatische Regelauslegung eine kontextbewusste, funktionsorientierte Betrachtung zu etablieren.
In schul- und bürgerpädagogischen Programmen spielte die Fabel als moralische Kurzform eine große Rolle. Lessings Abhandlungen über die Fabel stehen in dieser Didaktiktradition und reflektieren zugleich deren Grenzen: Sie fragen nach Wahrscheinlichkeit, Zweck und angemessener Verteilung von Lehre und Unterhaltung. Damit rücken sie in das Zentrum einer Aufklärung, die Tugend nicht mittels Autorität, sondern durch einsichtige Beispiele und anschauliche Muster einüben will. Die Fabel dient Lessing als Prüfstein für Formen der Vermittlung, die nicht indoktrinieren, sondern das Urteil des Lesers aktivieren – ein Kernanliegen seiner Kritik an starren poetischen und moralischen Lehrsätzen.
Religionsfragen waren Motor der öffentlichen Debatte. Lessing suchte eine vernünftige, historisch reflektierte Christentumsauslegung, wie Die Religion Christi und Das Christentum der Vernunft zeigen. In Die Erziehung des Menschengeschlechts deutete er religiöse Geschichte als stufenweise Bildung zur Vernunft, ohne eine Konfession zu privilegieren. Über die Entstehung der geoffenbarten Religion knüpfte an zeitgenössische Deismus- und Offenbarungsdiskurse an. Diese Texte entstanden in einem Milieu, das biblische Kritik, Naturrecht und Toleranzforderungen verhandelte, und sie positionieren Religion als moralische Praxis, die sich der Prüfung durch Vernunft, Erfahrung und Geschichtsbewusstsein zu stellen hat.
Die Wolfenbütteler Jahre brachten den Fragmentenstreit, ausgelöst durch Lessings Veröffentlichung anonymer Schriften von Hermann Samuel Reimarus (ab 1774). Die polemischen Antworten des Hamburger Hauptpastors Johann Melchior Goeze führten zu einer intensiven Flugschriftenfehde. Anti-Goeze bündelt Lessings Verteidigung einer historisch-kritischen Bibellektüre gegen dogmatische Verengungen. Zugleich zeigen die Auseinandersetzungen die Grenzen fürstlicher Duldung und die Wirksamkeit städtischer Kanzeln in der Meinungsbildung. Die Kontroverse machte sichtbar, wie eng Pressefreiheit, theologische Gelehrsamkeit und politische Loyalität verbunden waren – und welche Risiken kritische Religionsforschung im Alten Reich einging.
Konfessionelle Frömmigkeitsbewegungen wie der Pietismus und die Herrnhuter Brüdergemeine prägten die religiöse Landschaft. Lessings Gedanken über die Herrnhuter beobachten deren Intensitätsfrömmigkeit mit Sympathie und Skepsis zugleich. Im Umfeld bürgerlicher Geselligkeit gewannen freimaurerische Logen an Bedeutung als Foren überkonfessioneller Kommunikation. Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer nutzt diese Form, um soziale Ordnung, Gemeinsinn und Toleranz zu diskutieren. Die Dialoge verknüpfen eine Ethik der Humanität mit der Idee freiwilliger Bindung und prüfen, inwieweit geheime Gesellschaften die defizitäre Öffentlichkeit der Fürstenstaaten ergänzen oder korrigieren können.
Philosophisch operierte Lessing zwischen der Leibniz-Wolff’schen Tradition, britischem Empirismus und skeptischen Impulsen. Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott verhandelt die Reichweite metaphysischer Aussagen gegen eine vorsichtige Erfahrungsorientierung. Über die Wahrheit und Daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können zeigen erkenntnistheoretische Zurückhaltung gegenüber dogmatischen Systemen und die Offenheit für kognitive Erweiterungen, die aus neuen Erfahrungen oder methodischer Präzision folgen. Diese Haltung, eher heuristisch als systemstiftend, prägt auch seine Ästhetik: Maßstab ist die Leistung am Gegenstand, nicht die Ableitung aus unhistorischen Regeln.
Spinozas Wiederentdeckung stellte die Aufklärung vor Grundsatzfragen. In den 1780er Jahren entbrannte der Pantheismusstreit, als Friedrich Heinrich Jacobi nach Gesprächen mit Moses Mendelssohn behauptete, Lessing neige spinozistischen Positionen zu. Der Satz Durch Spinoza ist Leibniz nur auf die Spur der vorherbestimmten Harmonie gekommen gehört in dieses Umfeld intensiver Systemvergleiche. Ungeachtet der späteren Zuspitzungen bleibt festzuhalten: Lessing nutzte den Streit, um Dogmatismen abzubauen und historische Vermittlung zu fordern. Seine Haltung wurde nach seinem Tod kontrovers gedeutet und prägte Debatten über Vernunftreligion, Freiheit und Determination weit ins 19. Jahrhundert hinein.
Die sozialen Erschütterungen der Kriegs- und Krisenjahre förderten bürgerliche Reformforderungen. Gespräche über die Soldaten und Mönche setzt die Dialogform ein, um Militarismus und monastische Sonderwelten aus der Perspektive allgemeiner Nützlichkeit zu prüfen – Themen, die nach dem Siebenjährigen Krieg an Brisanz gewannen. Der kurze Text Leben und leben lassen steht emblematisch für eine Politik der Mäßigung und Toleranz, die Konflikte durch praktische Vernunft entschärfen möchte. Hier zeigt sich Lessings Überzeugung, dass Öffentlichkeit nur dann stabil ist, wenn konkurrierende Lebensformen in friedlicher Konkurrenz statt in wechselseitiger Unterdrückung bestehen können.
Früh und beständig mischte sich Lessing in die Toleranzdebatte gegenüber jüdischen Mitbürgern ein. Über das Lustspiel »Die Juden« reflektiert die Absicht, Vorurteile durch dramatische Konstellationen zu unterlaufen und Anerkennung als bürgerliche Tugend zu fördern. In einer Zeit, in der rechtlicher Status und soziale Integration von Juden regional stark differierten, setzte er auf die Kraft des Theaters als moralischer Anstalt. Die Stückkommentierung steht somit im Kontext aufgeklärter Bestrebungen, nützliche Bürgerlichkeit vor konfessionelle und ständische Zuschreibungen zu stellen, ohne dabei soziale Realitäten zu beschönigen.
Neben der Kritik an zeitgenössischer Literatur pflegte Lessing eine genaue Lektüre der Antike. Die Rettungen des Horaz verteidigen und prüfen überlieferte Urteile, korrigieren Missverständnisse und zeigen eine Methode, die philologische Genauigkeit mit ästhetischem Takt verbindet. Solche Arbeiten standen im Austausch mit der sich institutionalisierenden Altertumswissenschaft und den aufkommenden Seminaren, die Quellenkritik und Kommentarkunst professionalisierten. Lessings Ansatz stärkte ein historisches Bewusstsein, das Normen nicht aus Autorität, sondern aus Kontext und Gebrauch ableitet – ein wichtiger Schritt zur modernen Philologie und zur historisch informierten Poetik.
Die Literatur der Aufklärung war konfliktreich. Ein Vade mecum für den Hrn. Sam Gotthl. Lange dokumentiert eine scharfzüngige Auseinandersetzung im Streit um Übersetzungs- und Sprachfragen und markiert, wie Polemik Regeln der Geschmackserziehung durchsetzt. Gleichzeitig verschob sich der Maßstab vom persönlichen Angriff zur methodischen Kritik. Der Satz Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt, aber muss wissen, warum, steht für diesen Übergang. Dadurch gewann Kritik Autorität als öffentliche Dienstleistung: Sie sollte weder anmaßend noch bloß höflich sein, sondern begründet und transparent vorgehen – ein bleibendes Erbe.
Als Form der indirekten Belehrung nutzt Lessing häufig Gleichnis und Parabel. Eine Parabel exemplifiziert diese Strategie, indem sie eine allgemeine Einsicht ohne dogmatische Festlegung plausibel macht. Die Selbstbetrachtungen und Einfälle zeigen daneben die Werkstatt des Autors: kurze Notate, die Beobachtungen, methodische Regeln und skeptische Einwände fixieren. Diese Formen unterstützen Lessings zentrale Haltung, Einsicht durch gedankliche Bewegung und dialogische Prüfung zu gewinnen. Nicht Systemzwang, sondern argumentative Elastizität und anschauliche Verdichtung sollen Leserinnen und Leser zur eigenständigen Urteilsbildung befähigen.
In summe kommentiert die Sammlung die Aufklärung als Praxis kritischer Selbstaufklärung. Sie verbindet religionshistorische Prüfungen, ästhetische Theorie und sozialpolitische Reflexion. In der Rezeption wirkten Laokoon und die Hamburgische Dramaturgie auf Goethe und Schiller, in der Kunsttheorie bis in die Moderne hinein; Clement Greenbergs Toward a Newer Laocoon bezog sich ausdrücklich auf Lessing. Die Erziehung des Menschengeschlechts wurde von Herder, Hegel und Vertretern liberaler Theologie diskutiert. Die religionskritischen Schriften des Fragmentenstreits beförderten historisch-kritische Bibelstudien. So bleiben Lessings Beiträge Knotenpunkte, an denen sich Debatten über Freiheit, Vernunft und Öffentlichkeit immer wieder neu ausrichten.
Diese Schriften verbinden praktische Theaterkritik mit Grundfragen der Poetik: Anhand laufender Bühnenbeispiele prüft Lessing klassische Regeln, definiert die Wirkung von Charakter, Affekt und moralischer Einsicht und konturiert das Profil des weinerlichen Lustspiels. Er diskutiert die gesellschaftliche Funktion von Stücken wie »Die Juden« und verteidigt die Eigenständigkeit des Urteils gegenüber der Forderung, ein Kritiker müsse es besser können. Der Ton ist argumentativ, didaktisch und streitbar, stets auf die Verbesserung der Bühne als moralischer Anstalt gerichtet.
Diese ästhetischen Abhandlungen kartieren Grenzlinien zwischen Künsten und Gattungen: Laokoon kontrastiert die zeitliche Kunst der Dichtung mit der räumlichen der bildenden Kunst, während die Fabelaufsätze die didaktische Ökonomie der kurzen Erzählform herausarbeiten. Die Studie zu antiken Todesdarstellungen nutzt ikonographische Details, um allgemeine Prinzipien des Anstands, der Ausdrucksgrenzen und der Wirkung zu begründen. Der Ton ist vergleichend, philologisch genau und klar systematisierend.
Lessing entwirft eine Geschichte der religiösen Bildung der Menschheit, in der Stufen der Offenbarung zur Vernunft hinführen und das sittliche Gesetz den Kern des Christentums bildet. Er unterscheidet Religion des Jesus von Lehren über ihn, untersucht die historische Entstehung von Offenbarung und bewertet Frömmigkeitsbewegungen wie die Herrnhuter mit nüchterner Sympathie und Kritik. In den polemischen Schriften gegen Goeze und in einer programmatischen Parabel verteidigt er die Freiheit des Forschens und die Grenzen dogmatischer Beweisführung; der Ton changiert zwischen vermittelnd und scharf.
Die Gespräche inszenieren die Suche nach einer bürgerlichen Öffentlichkeit, in der Freimaurerei als Schule der Humanität verstanden wird. Zugleich werden Nutzen und Gefahren geschlossener Korps wie Soldaten und Mönche diskutiert, wobei staatsbürgerliche Pflicht, soziale Solidarität und moralische Autonomie abgewogen werden. Der Ton ist dialogisch-erforschend und reformorientiert.
Diese gelehrten und polemischen Stücke zeigen Lessing als scharfsinnigen Philologen, der klassische Texte gegen missverständliche Auslegungen verteidigt und mit Witz gegen literarische Gegner austeilt. Präzise Argumente und spöttische Zuspitzungen greifen ineinander, um methodische Redlichkeit und stilistische Maßstäbe zu behaupten.
Die philosophischen Reflexionen klären den Status von Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, prüfen die Wirklichkeit äußerer Dinge im Verhältnis zu Gott und loten die Herkunft systematischer Ideen aus. In einem kurzen historischen Argument skizziert Lessing Spinozas Anstoß für Leibniz’ Harmonie-Lehre, ohne sich einem Dogma zu verschreiben. Die Spekulation über mehr als fünf menschliche Sinne dient als Denkfigur epistemischer Bescheidenheit und als Hinweis auf kognitive Grenzen.
Kurze Aphorismen und Notate bündeln Lebensklugheit, Skepsis und Selbstbefragung zu prägnanten Denkstücken. Der Ton ist knapp, tolerant und spielerisch, mit Vorliebe für die prüfende Pointe statt des Systems.
Immer wieder kreisen die Texte um Vernunft, Freiheit der Kritik und die moralische Bildung des Einzelnen wie der Öffentlichkeit. Methodisch verbindet Lessing philologische Genauigkeit, anschauliche Beispiele und die dialogische Erprobung von Einfällen mit einer Neigung zur polemischen Klärung. Über die Jahre verschiebt sich der Schwerpunkt von ästhetisch-poetologischen Fragen hin zu Religionsphilosophie und politischer Öffentlichkeit, ohne den Grundimpuls der Aufklärung zu verlieren.
Inhaltsverzeichnis
Ernst Woran denks du, Freund?
Falk An nichts.
Ernst Aber du bist so still.
Falk Eben darum. Wer dekt, wenne er geniesst? Und ich geniesse des erquickenden Morgens.
Ernst Du hast recht; und du hättest mir meine Frage nur zurückgeben dürfen.
Falk Wenn ich an etwas dächte, würde ich darüber sprechen. Nichts geht über das laut denken mit einem Freund.
Ernst Gewiss.
Falk Hast du des schönen Morgens schon genug genossen, fällt dir etwas ein: so sprich du Mir fällt nichts ein.
Ernst Gut das! – Mir fällt ein, dass ich dich schon längst um tewas fragen wollen.
Falk So frage doch.
Ernst Ist es wahr, Freund, dass du ein Freimäurer bist?
Falk Die Frage ist eines, der keiner ist.
Ernst Freilich! – Aber antworte mir geradezu. – Bist du ein Freimäurer?
Falk Ich glaube es zu sein.
Ernst Die Antwort ist eines, der seiner Sache eben nicht gewiss ist.
Falk O doch! Ich bin meiner Sache so ziemlich gewiss.
Ernst Denn du wirst ja wohl wissen, ob und wenn und wo und von wem du aufgenommen worden.
Falk Das weiss ich allerdings; aber das würde so viel nicht sagen wollen.
Ernst Nicht?
Falk Wer nimmt nicht auf, und wer wird nicht aufgenommen!
Ernst Erkläre dich.
Falk Ich glaube ein Freimäurer zu sein; nicht sowohl, weil ich von älteren Maurern in einer gesetzlichen Loge aufgenommen worden: sondern weil ich einsehe und erkenne, was und warum die Freimäurerei ist, wenn und wo sie gewesen, wie und wodurch sie befördet oder gehindert wird.
Ernst Und drückst dich gleichwohl so zweifelhaft aus? – »Ich glaube einer zu sein!«
Falk Dieses Ausdrücks bin ich nun so gewohnt. Nicht zwar, als ob ich Mangel an eigner Ueberzeugung hätte: sondern weil ich nicht gern mich jemanden gerade in den Weg stellen mag.
Ernst Du antwortest mir als einem Fremden.
Falk Fremder oder Freund!
Ernst Du bist aufgenommen, du weisst alles.
Falk Andere sind auch aufgenommen und glauben zu wissen.
Ernst Könntest du denn aufgenommen sein, ohne zu wissen, was du weisst?
Falk Leider!
Ernst Wieso?
Falk Weil viele, welche aufnehmen, es selbst nicht wissen, die wenigen aber, die es wissen, es nicht sagen können.
Ernst Und könntest du denn wissen, was du weiszt, ohne aufgenommen zu sein?
Falk Warum nicht? – Die Freimäurerei ist nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das in dem Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist. Folglich muss man auch durch eignes Nachdenken ebensowohl darauf verfallen können, als man durch Anleitung darauf geführet wird.
Ernst Die Freimäurerei wäre nichts Willkürliches? – Hat sie nicht Worte und Zeichen und Gebräuche, welche alle anders sein könnten und folglich willkürlich sind?
Falk Das hat sie. Aber diese Worte und diese Zeichen und Gebräuche sind nicht die Freimäurerei.
Ernst Die Freimäurerei wäre nichts Entbehrliches? – Wie machten es denn die Menschen, als die Freimäurerei noch nicht war?
Falk Die Freimäurerei war immer.
Ernst Nun, was ist sie denn, diese notwendige, diese untentbehrliche Freimäurerei?
Falk Wie ich dir schon zu verstehen gegeben: Etwas das selbst die, die es wissen, nicht sagen können.
Ernst Also ein Unding.
Falk Uebereile dich nicht.
Ernst Wovon ich einen Begriff habe, das kann ich auch mit Worten ausdrücken.
Falk Nicht immer; und oft wenigsten nicht so, dass andere durch Worte volkommen ebendenselben Begriff bekommen, den ich dabei habe.
Ernst Wenn nicht vollkommen ebendenselben, doch einen etwanigen.
Falk Der etwanige Begriff wäre hier unnütz oder gefährlich. Unnütz, wenn er nicht genug, und gefährlich, wenn er das geringste zu viel enthielte.
Ernst Sonderbar! Da also selbst die Freimäurer, welche das Geheimnis ihres Ordens wissen, es nicht wörtlich mitteilen können, wie breiten sie denn gleichwohl ihren Orden aus?
Falk Durch Taten. Sie lassen gute Männer und Jûnglinge, die sie ihres nähern Umgangs würdigen, ihre Taten vermuten, erraten, sehen, soweit sie zu sehen sind; diese finden Geschmack daran und tun ähnliche Taten.
Ernst Taten? Taten der Freimäurer? Ich kenne keine andere als ihre Reden und Lieder, die meistenteils schöner gedruckt als gedacht und gesagt sind.
Falk Das haben sie mit mehrern Reden und Liedern gemein.
Ernst Oder soll ich das für ihre Taten nehmen, was sie in diesen Reden und Liedern von sich rühmen?
Falk Wenn sie es nicht bloss von sich rühmen.
Ernst Und was rühmen sie denn von sich? – Lauter Dinge, die man von jedem guten Menschen, von jedem rechschaffnen Bürger erwartet. – Sie sind so freundlich, so guttätig, so gehorsam, so voller Vaterlandsliebe!
Falk Ist denn das nichts?
Ernst Nichts! – um sich dadurch von andern Menschen auszusondern. – Wer soll das nicht sein?
Falk Soll!
Ernst Wer hat, dieses zu sein, nicht, auch ausser der Freimäurerei, Antrieb und Gelegenheit genug?
Falk Aber doch in ihr und durch sie eine Antrieb mehr.
Ernst Sage mir nichts von der Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! – Die menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Maschine. Je mehr Räder : desto wandelbarer.
Falk Ich kann dir das nicht widersprechen.
Ernst Und was für einen Antrieb mehr! – Der alle andre Antriebe verkleinert, verd¨chtig macht! sich selbst für den stärksten und besten ausgibt!
Falk Freund, sei billig! – Hyperbel, Quidproquo jener schalen Reden und Lieder! Proberwerk! Jüngerarbeit!
Ernst Das will sagen : Bruder Redner ist ein Schwätzer.
Falk Das will nur sagen : was Bruder Redner an den Freimäurern preiset, das sind nun freilich ihre Taten eben nicht. Denn Bruder Redner ist wenigstens kein Plauderer ; und Taten sprechen von selbst.
Ernst Ja, nun merke ich, worauf du zielest. Wie konnten sie mir nicht gleich einfallen, diese Taten, diese sprechende Taten. Fast möchte ich sie schreiende nennen. Nicht genug, dass sich die Freimäurer einer den andern unterstützen, auf das kräfstigste unterstützen : denn das wäre nur die notwendige Eigenschaft einer jeden Bande. Was tun sie nicht für das gesamte Publikum eines jeden Staats, dessen Glieder sie sind!
Falk Zum Exempel? – Damit ich doch höre, ob du auf der rechten Spur bist.
Ernst Zum Exempel die Freimäurer in Stockholm! – Haben sie nicht ein grosses Findelhaus errichtet?
Falk Wenn die Freimäurer in Stockholm sich nur auch bei einer andern Gelegenheit tätig erwiesen haben.
Ernst Bei welchem andern?
Falk Bei sonst andern, meine ich.
Ernst Und die Freimäurer in Dresden, die arme junge Mädchen mit Arbeit beschäftigen, sie klöppeln und stükken lassen – damit das Findelhaus nur kleiner sein dürfe.
Falk Ernst! Du weisst wohl, wenn ich dich deines Namens erinnere.
Ernst Ohne alle Glossen dann. Und die Freimäurer in Braunschweig, die arme fähige Knaben im Zeichnen unterrichten lassen.
Falk Warum nicht?
Ernst Und die Freimäurer in Berlin, die das Basedowsche Philanthropin unterstützen.
Falk Was sagst du? – Die Freimäurer? Das Philanthropin? unterstützen? – Wer hat dir das aufgebunden?
Ernst Die Zeitung hat es ausposaunet.
Falk Die Zeitung! – Da müsste ich Basedows eigenhändige Quittung sehen. Und müsste gewiss sein, dass die Quittung nicht an Freimäurer in Berlin, sondern an die Freimäurer gerichtet wäre.
Ernst Was ist das? – Billigest du denn Basedows Institut nicht?
Falk Ich nicht? Wer kann es mehr billigen?
Ernst So wirst du ihm ja diese Unterstützung nicht misgönnen?
Falk Misgönnen? – Wer kann ihm alles Gutes mehr gönnen als ich?
Ernst Nun dann! – Du wirst mir unbegreiflich.
Falk Ich glaube wohl. Dazu habe ich unrecht. – Denn auch die Freimäurer können etwas tun, was sie nicht als Freimäurer tun.
Ernst Und soll das an allen auch ihren übrigen guten taten gelten?
Falk Vielleicht! – Vielleicht, dass alle die guten Taten, die du mir da genammt hast, um mich eines scholastischen Ausdruckes der Kürze wegen zu bedienen, nur ihre Taten ad extra sind.
Ernst Wie meinst du das?
Falk Nur ihre Taten, die dem Volke in die Augen fallen ; – nur Taten, die sie bloss deswegen tun, damit sie dem Volk in die Augen fallen sollen.
Ernst Um Achtung und Duldung zu geniessen?
Falk Könnte wohl sein.
Ernst Aber ihre wahre Taten denn? – Du schweigst?
Falk Wenn ich dir schon geantwortet hätte? – Ihre wahre Taten sind ihr Geheimnis.
Ernst Ha! ha! Also auch nicht erklärbar durch Worte?
Falk Nicht wohl! – Nur so viel kann und darf ich dir sagen : die wahren Taten die Freimäurer sind so gross, so weit aussehend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann : das haben sie getan! Gleichwohl haben sie alles Gute getan, was noch in der Welt werden wird – merke wohl, in der Welt.
Ernst O geh! Du hast mich zum besten.
Falk Wahrlich nicht – Aber sieh! dort fliegt ein Schmetterling, den ich haben muss. Es ist der von der Wolfmichsraupe. – Geschwind sage ich dir nur noch : die wahren Taten der Freimäurer zielen dahin, um grösstenteils alles, was man gemeinlich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen.
Ernst Und sind doch auch gute Taten?
Falk Es kann keine bessere geben. – Denke einen Augenblick darüber nach. Ich bin gleich wieder bei dir.
Ernst Gute Taten, welche darauf zielen, gute taten entbehrlich zu machen? – Das ist ein Rätsel. Und über ein Rätsel denke ich nicht nach. – Lieber lege ich mich indes unter den Baum und sehe den Ameisen zu.
Ernst Nun? wo bleibst du denn? Und hast den Schmeterling doch nicht?
Falk Er lockte mich von Strauch bis an den Bach. – Auf einmal war er herüber.
Ernst Ja, ja. Es gibt solche Locker!
Falk Hast du nachgedacht?
Ernst Ueber was? Ueber deine Rätsel? – Ich werde ihn auch nicht fangen, den schönen Schmetterling! Darum soll er mir aber auch weiter keine Mühe machen. – Einmal von der Freimäurern mit dir gesprochen und nie wieder . Denn ich sehe ja wohl ; du bist wie sie alle.
Falk Wie sie alle? Das sagen diese alle nicht.
Ernst Nicht? So gibt es ja wohl auch Ketzer unter den Freimäurern? Und du wärest einer. – Doch alle Ketzer haben mit den Rechtgläubingen immer noch etwas gemein. Und davon sprach ich.
Falk Wovon sprachst du?
Ernst Rechtgläubinge oder ketzerische Freimäurer – sie alle spielen mit Worten und lassen sich fragen und antworten, ohne zu antworten.
Falk Meinst du? – Nun wohl, so lass uns von etwas andern reden. Denn einmal hast du mich aus dem behaglichen Zustande des stummen Staunens gerissen.
Ernst Nichts ist leichter, als dich in diesen Zustand wieder zu versetzen. – Lass dich nur hier bei mir nieder und sieh!
Falk Was denn?
Ernst Das Leben und Weben auf und in und um diesen Ameisenhaufen. Welche Geschäftigkeit und doch welche Ordnung! Alles trägt und schleppt und schiebt ; und keines ist dem andern hinderlich. Sieh nur? Sie helfen einander sogar.
Falk Die Ameisen leben in Gesellschaft wie die Bienen.
Ernst Und in einer noch wunderbarern Gesellschaft als die die Bienen. Denn sie haben niemand unter sich, der sie zusammenhält und regieret.
Falk Ordnung muss also doch auch ohne Regierung bestehen können[1q].
Ernst Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiss : warum nicht?
Falk Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen wird?
Ernst Wohl schwerlich!
Falk Schade!
Ernst Jawohl!
Falk Steh auf und lass uns gehen. Denn sie werden dich bekriechen, die Ameisen ; und eben fällt auch mir etwas bei, was ich bei dieser Gelegenheit dich doch fragen muss. – Iche kenne deine Gesinnungen darüber noch gar nicht.
Ernst Worüber?
Falk Ueber die bürgerliche Gesellschaft des Menschen überhaupt. – Wofür hälst du sie?
Ernst Für etwas sehr Gutes.
Falk Ohnestreitig. – Aber hälst du sie für Zweck oder Mittel?
Ernst Ich verstehe dich nicht.
Falk Glaubst du, dass die Menschen für die Staaten erschaffen werden? Oder dass die Staaten für die Menschen sind?
Ernst Jenes scheinen einige behaupten zu wollen. Dieses aber mag wohl das Wahrere sein.
Falk So denke ich auch. – Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelme Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer geniessen könne. – Das Totale der einzeln Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelme Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!
Ernst Ich möchte das nicht so laut sagen.
Falk Warum nicht?
Ernst Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eignen Lage beurteilet, kann leicht gemissbraucht werden.
Falk Weisst du, Freund, dass du schon ein halber Freimäurer bist?
Ernst Ich?
Falk Du. Denn du erkennst ja schon Wahrheiten, die man besser verschweigt.
Ernst Aber doch sagen könnte.
Falk Der Weise kann nicht sagen, was er besser verschweigt.
Ernst Nun, wie du wilst! – Lass uns auf die Freimäurer nicht wieder zurückkommen. Ich mag ja von ihnen weiter nichts wissen.
Falk Verzeih! – Du siehst wenigstens meine Bereitwilligkeit, dir mehr von ihnen zu sagen.
Ernst Du spottest! – Gut! das bürgerliche Leben des Menschen, alle Staatsverfassungen sind nichts als Mittel zur menschlichen Glückseligkeit. Was weiter?
Falk Nichts als Mittel! Und Mittel menschlicher Erfindung ; ob ich gleich nicht leugnen will, dass die Natur alles so eingerichtet, dass der Mensch, sehr bald auf diese Erfindung geraten müssen.
Ernst Dieses hat denn auch gemacht, dass einige die bürgerliche Gesellschaft für Zweck der Natur gehalten. Weil alles, unsere Leidenschaften und unsere Bedürfnisse, alles darauf führe, sei sie folglich das letzte, worauf die Natur gehe. So schlossen sie. Als ob die Natur nicht auch die Mittel zweckmässig hervorbringen müssen! Als ob die Natur mehr die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs – wie Staat,, Vaterland und dergleichen sind – als die Glückseligkeit jedes wirklichen einzeln Wesens zur Absicht gehabt hätte!
Falk Sehr gut! Du kömmst mir auf dem rechten Wege entgegen. Denn nun sage mir ; wenn die Staatsverfassungen Mittel, Mittel menschlicher Erfindungen sind ; sollten sie allein von dem Schicksale menschlicher Mittel ausgenommen sein?
Ernst Was nennst du Schicksale menschlicher Mittel?
Falk Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist ; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.
Ernst Was ist das?
Falk Das sie nicht unfehlbar sind. Dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern auch wohl gerade das gegenteil davon bewirken.
Ernst Ein Beispiel! wenn dir eines einfällt
Falk So sind Schiffahrt und Schiffe Mittel, in entlegene Länder zu kommen ; und werden Ursache, dass viele Menschen nimmermehr dahin gelangen.
Ernst Die nämlich Schiffbruch leiden und ersaufen. Nun glaube ich dich zu verstehen. – Aber man weiss ja wohl, woher es kömmt, wenn so viel einzelne Menschen durch die Staatsverfassung an ihrer Glückseligkeit nichts gewinnen. Der Staatsverfassungen sind viele ; eine ist also besser als die andere ; manche ist sehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht ofenbar streitend ; und die beste soll vielleicht noch erfunden werden.
Falk Das ungerechnet! Setze die beste Staatsverfassung, die sich nur denken lässt, schon erfunden ; setze, dass alle Menschen in der ganzen Welt diese beste Staatsverfassung angenommen haben : meinst du nicht, dass auch dann noch, slebst aus dieser besten Staatsverfassung, Dinge entspringen müssen, welche der menschlichen Glückseligkeit höchst nachteilig sind, und wovon der mensch in dem Stande der Natur schlechterdings nichts gewusst hätte?
Ernst Ich meine, wenn dergleichen Dinge aus der besten Staatsverfassung entsprängen, dass es sodann die beste Staatsverfassung nicht wäre.
Falk Und eine bessere möglich wäre? – Nun, so nehme ich diese bessere als die beste an : und frage das nämliche.
Ernst Du scheinest mir hier bloss von vorneherein aus dem angenommenen Begriffe zu vernünfieln, dass jedes Mittel menschlicher Erfindung, wofür du die Staatsverfassungen samt und sonders erklärest, nicht anders als mangelhaht sein könne.
Falk Nicht bloss.
Ernst Und es würde dir schwer werden, eins von jenen nachteiligen Dingen zu nennen.
Falk Die auch aus der besten Staatsverfassung notwending entspringen müssen? – O zehne für eines.
Ernst Nur eines erst.
Falk Wir nehmen also die beste Staatsverfassung für erfunden an ; wir nehmen an, dass alle Menschen in der Welt in dieser besten Staatsverfassung leben : würden deswegen alle Menschen in der Welt nur einen Staat ausmachen?
Ernst Wohl schwerlich. Ein so ungeheurer Staat würde keiner Verwaltung fähig sein. Er müsste sich also in mehrere kleine Staaten verteilen, die alle nach den namlichen Gesetzen verwaltet würden.
Falk Das ist : die Menschen würden auch dann noch Deutsche und Franzosen, Holländer und Spanier, Russen und Schweden sein, oder wie sie sonst heissen würden.
Ernst Ganz gewiss!
Falk Nun, da haben wir ja schon eines. Denn nicht wahr, jeder dieser kleinern Staaten hätte sein eignes Interesse? und jedes Glied derselben hätte das Interesse seines Staats?
Ernst Wie anders?
Falk Diese verschiedene Interesse würden öfters in Kolision kommen, so wie itzt : und zwei Glieder aus zwei verschiedenen Staaten würden einander ebensowenig mit unbefangenem Gemüt begegnen können, als itzt ein Deutscher einem Franzose, ein Franzose einem Engländer begegnet.
Ernst Seht wahrscheinlich!
Falk Das ist : wenn itzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer oder umgekehrt begegnet, so begegnet nicht mehr ein blosser Mensch einem blossen Menschen die vermöge ihrer gleichen Natur gegeneinander angezogen werden, sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die ihrer verschiednen Tendenz sich bewusst sind, welches sie gegeneinander kalt, zurückhaltend, misstrauisch macht, noch ehe sie führ ihre einzelne Person das geringste miteinander zu schaffen und zu teilen haben.
Ernst Das ist leider wahr.
Falk Nun, so ist es denn auch wahr, dass das Mittel, welches die Menschen vereiniget, um sie durch diese Vereinigung ihres Glückes zu versichern, die Menschen zugleich trennet.
Ernst Wenn du es so verstehest.
Falk Tritt einen Schritt weiter. Viele von den kleinern Staaten würden ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen haben. Meinst du nicht?
Ernst Das ist ein gewaltiger Schritt!
Falk Die Menschen würden auch dann noch Juden und Christen und Türken und dergleichen sein.
Ernst Ich getraue mir nicht nein zu sagen.
Falk Würden sie das, so würden sie auch, sie möchten heissen, wie sie wollten, sich untereinander nicht anders verhalten, als sich unsere Christen und Juden und Türken von jeher untereinander verhalten haben. Nicht als blosse Menschen gegen blosse Menschen, sondern als solche Menschen gegen solche Menschen, die sich einen gewissen geistigen Vorzug streitig machen und darauf Rechte gründen, die dem natürlichen Menschen nimmermehr einfallen könnten.
Ernst Das ist sehr traurig, aber leider doch sehr vermutlich.
Falk Nur vermutlich?
Ernst Denn allenfalls dächte ich doch, so wie du angenommen hast, das alle Staaten einerlei Verfassung hätten, dass sie auch wohl eine einerlei Religion haben könnten. Ja, ich begreife nicht, wie einerlei Staatsverfassung ohne einerlei Religion auch nur möglich ist.
Falk Ich ebensowenig. – Auch nahm ich jenes nur an, um deine Ausflucht abzuschneiden. Eines ist zuverlässig ebenso unmöglich als das andere. Ein Staat : mehrere Staaten. Mehrere Staaten : mehrere Staatverfassungen. Mehrere Staatverfassungen : mehrere Religionen.
Ernst Ja, ja, so scheint es.
Falk So ist es. – Nun sieh da das zweite Unheil, welches die bürgerliche Gesellschaft, ganz ihrer Absicht entgegen, verursacht. Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen ; nicht trennen, ohne Klüfte zwischen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemauern durch sie hinzuziehen.
Ernst Und wie schrecklich diese Klüfte sind! wie unübersteiglich oft diese Scheidemauern!
Falk Lass mich noch das dritte hinzufügen. Nicht genug, dass die bürgerliche Gesellschaft die Menschen in verschiedene Völker und Religionen teilet und trennet. – Diese Trennung in wenige grosse Teile, deren jeder für sich ein Ganzes wäre, wäre doch immer noch besser als gar kein Ganzes. Nein, die bürgerliche Gesellschaft setzt ihre Trennung auch in jedem dieser Teile gleichsam bis ins Unendliche fort.
Ernst Wieso?
Falk Oder meinest du, dass ein Staat sich ohne Verscheidenheit von Ständen denken lässt? Er sei gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder weiniger nahe : unmöglich können alle Glieder desselben unter sich das nämliche Verhältnis haben. – Wenn sie auch alle an der Gestzgebung Anteil haben, so können sie doch nict gleichen Anteil haben, wenigstens nicht gleich unmittelbaren Anteil. Es wird also vornehmere und geringere Glieder geben. – Wenn anfangs auch alle Besitzungen des Staats unter sie gleich verteilet worden, so kann diese gleiche Verteilung doch keine zwei Menschenalter bestehen. Einer wird sein Eigentum besser zu nutzen wissen als der andere. Einer wird sein schlechter genutztes Eigentum gleichwohl unter mehrere Nachkommen zu verteilen haben als der andere. Es wird also reichere und ärmere Glieder geben.
Ernst Das versteht sich.
Falk Nun überlege, wieviel Uebel es in der Welt wohl gibt, das in dieser Verschiedenheit der Stände seinen Grund nicht hat.
Ernst Wenn ich dir doch widersprechen könnte! – Aber was hatte ich für Ursache, dir überhaupt zu widersprechen? – Nun ja, die Menschen sind nur durch Trennung zu vereinigen! nur durch unaufhörliche Trennung in Vereinigung zu erhalten! Das ist nun einmal so. Das kann nun nicht anders sein.
Falk Das sage ich eben!
Ernst Also, was willst du damit? Mir das bürgerliche Leben dadurch verleiden? Mich wünschen machen, dass den Menschen der Gedanke, sich in Staaten zu vereinigen, nie möge gekommen sein?
Falk Verkennst du mich so weit? – Wenn die bürgerliche Gesellschaft auch nur das Gute hätte, dass allein in ihr die menschliche Vernunft angebauet werden kann : ich würde sie auch bei weit grössern Uebeln noch segnen.
Ernst Wer des Feuers geniessen will, sagt das Sprichwort, muss sich den Rauch gefallen lassen.
Falk Allerdings! – Aber weil der Rauch bei dem Feuer unvermeidlich ist : durfte man darum keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauchfang erfand, war der darum ein Feind des Feuers? – Sieh, dahin wollte ich.
Ernst Wohin? – Ich verstehe dich nicht.
Falk Das Gleichnis war doch sehr passend. – Wenn die Menschen nicht anders in Staaten vereiniget werden konnten als durch jene Trennungen : werden sie darum gut, jene trennungen?
Ernst Das wohl nicht.
Falk Werden sie darum heilig, jene Trennungen?
Ernst Wie heilig?
Falk Dass er verboten sein sollte, Hand an sie zu legen?
Ernst In Absicht?...
Falk In Absicht, sie nicht grösser einreissen zu lassen, als die Notwendigkeit erfordert. In Absicht, ihre Folgen so unschädlich zu machen als möglich.
Ernst Wie könnte das verboten sein?
Falk Aber geboten kann es doch auch nicht sein ; durch bürgerliche Gesetze nicht geboten! – Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sich nie über die grenzen ihres Staats. Und dieses würde nun gerade ausser den Grenzen aller und jeder Staaten liegen . – Folglich kann es nur ein Opus supererogatum sein : und es wäre bloss zu wünschen, dass sich die Weisesten und Besten eines jeden Staats diesem Operi superogato freiwillig unterzögen.
Ernst Bloss zu wünschen ; aber recht sehr zu wünschen.
Falk Ich dächte! Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile des Völkerschaft hinweg wären und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret.
Ernst Recht sehr zu wünschen!
Falk Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen ; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen.
Ernst Recht sehr zu wünschen!
Falk Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt ; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablässt und der Geringe sich dreist erhebet.
Ernst Recht sehr zu wünschen!
Falk Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch?
Ernst Erfüllt? – Es wird freilich hier und da, dann und wann einen solchen Mann geben.
Falk Nicht bloss hier und da ; nicht bloss dann und wann.
Ernst Zu gewissen Zeiten, in gewissen Ländern auch mehrere.
Falk Wie, wenn es dergleichen Männer itzt überall gäbe? zu allen Zeiten nun ferner geben müsste?
Ernst Wollte Gott!
Falk Und diese Männer nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten? nicht immer in einer unsichtbaren Kirche?
Ernst Schöner Traum!
Falk Dass ich es kurz mache. – Und diese Männer die Freimäurer wären?
Ernst Was sagst du?
Falk Wie, wenn es die Freimäurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammenzuziehen?
Ernst Die Freimäurer?
Falk Ich sage : mit zu ihrem Geschäfte.
Ernst Die Freimäurer?
Falk Ach! verzih! – Ich hatt' es schon wieder vergessen, dass du von den Freimäurern weiter nicht hören willst – Dort winkt man uns eben zum Frühstücke. Komm!
Ernst Nicht doch! – Noch einen Augenblick! – Die Freimäurer, sagst du –
Falk Das gespräch brachte mich wider Willen auf sie zurück. Verzeih! – Komm! Dort in der grössern Gesellschaft werden wir bald Stoff zu einer tauglichern Unterredung finden. Komm!
Ernst Du bist mir den ganzen Tag im Gedränge der Gesellschaft ausgewichen. Aber ich verfolge dich in dein Schlafzimmer.
Falk Hast du mir so etwas Wichtiges zu sagen? Der blossen Unterhaltung bin ich auf heute müde.
Ernst Du spottest meiner Neugierde.
Falk Deiner Neugierde?
Ernst Die du diesen Morgen so meisterhaft zu erregen ,wusstest.
Falk Wovon spachen wir diesen Morgen?
Ernst Von den Freimäurern.
Falk Nun? – Ich habe dir im Rausche des Pyrmonter doch nicht das Geheimnis verraten?
Ernst Das man, wie du sagst, nicbt verraten kann.
Falk Nun freilich ; das beruhigt mich wieder.
Ernst Aber du hast mir doch über die Freimäurer etwas gesagt, das mir unerwartet war ; das mir auffiel ; das mich denken rnachte.
Falk Und was war das?
Ernst 0 quäle mich nicht! – Du erinnerst dich dessen gewiss.
Falk Ja, es fällt mir nach und nach wieder ein. – Und das war es, was dich den ganzen langen Tag unter deinen Freunden und Freundinnen so abwesend machte?
Ernst Das war es! – Und ich kann nicht einschlafen, wenn du mir wenigstens nicht noch eine Frage beantwortest.
Falk Nach dem die Frage sein wird.
Ernst Woher kannst du mir aber beweisen, wenigstens nur wahrscheinlich machen, dass die Freimäurer wirklich jene grosse und würdige Absichten haben?
Falk Halbe ich dir von ihren Absichten gesprochen? lch wüsste nicht. – Sondern da du dir gar keinen Begriff von den wahren Taten der Freimäurer machen konntest, habe ich dich bloss auf einen Punkt aufmerksam machen wollen, wo noch so vieles geschehen kann, wovon sich unsere staatsklugen Köpfe gar nichts träumen lassen. – Vielleicht, dasz die Freimäurer da herum arheiten. Vielleicht! – da herum! – Nur um dir dein Vorurteil zu benehmen, dass alle baubedürftigen Plätze schon ausgefunden und besetzt, alle nötige Arbeiten schon unter die erforderlichen Hände verteilet wären.
Ernst Wende dich itzt, wie du willst – Genug, ich denke mir nun aus deinen Reden die Freimâurer als Leule, die es freiwillig über sich genommen haben, den unvermeidlich en Uebeln des Staats entgegenzuarbeiten.
Falk Dieser Begriff kann den Freimäurern wenigstens keine Schande machen. – Bleib dabei! – Nur fasse ihn recht. Menge nichts hinein, was nicht hineingehöret. – Den unvermeidlichen Uebeln des Staats! – Nicht dieses und jenes Staats. Nicht den unvermeidlichen Uebeln, welche, eine gewisse Staatsverfassung einmal angenommen, aus dieser angenommenen Staatsverfassung nun totwendig folgen. Mit diesen gibt sich der Freimäurer niemals ab ; wenigstens nicht als Freimäurer. Die Linerung und Heilung dieser überlässt er dem Bürger, der sich nach seiner Einsicht, nach seinem Mute, auf seine Gefahr damit befassen mag. Uebel ganz andrer Art, ganz höherer Art sind der Gegenstand seiner Wirksamkeit.
Ernst Ich habe das sehr wohl begriffen. – Night Uebel, welche den missvergnügten Bürger machen, sondern Uebel, ohne welche auch der glücklichste Bürger nicht ein kann.
Falk Recht! Diesen entgegen – wie sagtest du? – entgegenzuarbeiten?
Ernst Ja!
Falk Das Wort sagt ein wenig viel. – Entgegenarbeiten! – Um sie vö11ig zu heben? – Das kann nicht sein. Denn man würde den Staat selbst mit ihnen zugleich vernichten. – Sie müssen nicht einmal denen mit eins merklich gemacht werden, die noch gar keine Empfindung davon haben. Höchstens diese Empfindung in dem Menschen von weitem veranlassen, ihr Aufkeimen begülnstigen, ihre Pflanzen versetzen, begäten beblatten – kann hier entgegenarbeiten heissen. – Begreifst du nun, warum ich sagte, ob die Freimäurer schon immer tätig wären, dass Jahrhunderte dennoch vergehen könnten, ohne dass.slch sagen lasse : das haben sie getan.
Ernst Und verstehe auch nun den zweiten Zug des Rätsels – Gute Taten, welche gute Taten entbehrlich machen sollen.
Falk Wohl! – Nun geh und studiere jene Uebel und lerne sie alle kennen und wäge all ihre Einflüsse gegeneinander ab, und sei versichert, dass dir dieses Studium Dinge aufschliessen wird, die in Tagen der Schwermut die niederschlagendsten, unauflöslichsten Einwürfe wider Vorsehung und Tugend zu sein scheinen. Dieser Aufschluss, diese Erleuchtung wird dich ruhig und glücklich machen – auch ohne Freimàurer zu heissen
Ernst Du legest auf dieses heissen so viel Nachdruck.
Falk Weil man etwas sein kann, ohne es zu heissen
Ernst Gut das! ich versteh' – Aber auf meine Frage wieder zu kommen, die ich nur ein wenig anders einkleiden muss. Da ich sie doch nun kenne, die Uebel, gegen welcbe die Freimäurerei angehet.
Falk Du kennest sie?
Ernst Hast du mir sie nicht selbst genannt?
Falk Icb habe dir einige zut Probe namhaft gemacht. Nur einige von denen, die auch dem kurzsichtigsten Auge einleuchten ; nur einige von den unstreitigsten, weitumfassendsten. – Aber wie viele sind nicht noch übrig, die, ob sie schon nicht so einleuchten, nicht so unstreitig sind, nicht so viel umfassen, dennoch nicht weniger gewiss, nicht weniger notwendig sind!
Ernst So lass mich meine Frage denn bloss auf diejeniten Stücke einschränken, die du mir selbst namhaft gemacht hast. – Wie beweisest du mir auch nur von diesen Stücken, dass die Freimäurer wirklich ihr Ahsehen darauf haben? – Du schweigst? – Du sinnest nach?
Falk Wahrlich nicht dem, was ich auf diese Frage zu antworten hätte! – Aber ich weiss nicht, was ich mir für Ursachen denken so11, warum du mir diese Frage tust.
Ernst Und du willst mir meine Frage beantworten, wenn ich dir die Ursachen derselben sage?
Falk Das verspreche ich dir.
Ernst Ich kenne und fürchte deinen Scharfsinn.
Falk Meinen Scharfsinn?
Ernst Ich fürchte, du verkaufst mir deine Spekulation für Tatsache.
Falk Sehr verbunden!
Ernst Be1eidiget dich das?
Falk Vielmehr muss ich dir danken, dass du Scharfsinn nennest, was du ganz anders hättest benennen können.
Ernst Gewiss nicht. Sondern ich weiss, wie leicht der Scharfsinnige sich selbst betriegt ; wie leicht er andern Leuten Pläne und Absichten leihet und unterlegt, an die sie nie gedacht haben.
Falk Aber woraus schliesst man auf der Leute Pläne und Absichten? Aus ihren einzeln Handlungen doch wohl?
Ernst Woraus sonst? – Und hier bin ich wieder bei meiner Frage. – Aus welchen einzeln, unstreitigen Handlungen der Freimàurer ist abzunehmen, dass es auch nur mit ihr Zweck ist, jene von dir benannte Trennung, welche Staat und Staaten unter den Menschen notwendig machen müssen, durch sich und in sich wieder zu vereinigen?
Falk Und zwar ohne Nachteil dieses Staats und dieser Staaten.
Ernst Desto besser! – Es brauchen auch vielleicht nicht Handlungen zu sein, woraus jenes abzunehmen. Wenn es nur gewisse Eigentümlichkeiten, Besonderheiten sind, die dahin leiten oder daraus entspringen. – Von: dergleichen müsstest du sogar in deiner Spekulation ausgegangen sein ; gesetzt, dass dein System nur Hypothese wäre.
Falk Dein Misstrauen äussert sich noch. – Aber ich hoffe, es soll sich verlieren, wenn ich dir ein Grundgesetz der Freimäurer zu Gemüte führe.
Ernst Und welches?
Falk Aus welchem sie nie ein Geheimnis gemacht haben. Nach welchem sie immer vor den Augen der ganzen Welt gehandelt haben.
Ernst Das ist?
Falk Das ist, jeden würdigen Mann von gehöriger Anlage, ohne Unterschied des Vaterlandes, ohne Unterchied der Religion, ohne Unterschied seines bürgerlichen Standes in ihren Orden aufzunehmen.
Ernst Wahrhaftig!
Falk Freilich scheint dieses Grundgesetze dergleichen Männer, die über jene Trennungen hinweg sind, vielmehr bereits vorauszusetzen als die Absicht zu haben, sie zu bilden. Allein das Nitrum muss ja wohl in der Luft sein, ehe es sich als Salpeter an den Wänden anlegt.
Ernst O ja!
Falk Und warum sollten die Freimäurer sich nicht hier einer gewöhnlichen List haben bedienen dürfen? – Dass man einen Teil seiner geheimen Absichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn irrezuführen, der immer ganz etwas anders vermutet, als er sieht.
Ernst Warum nicht?
Falk Warum sollte der Künstler, der Silber machen kann, nicht mit altem Bruchsilber handeln, damit man so weniger argwohne, dass er es machen kann?
Ernst Warum nicht?
Falk Ernst! – Hörst du mich? – Du antwortest im Traume, glaub' ich.
Ernst Nein, Freund! Aber ich habe genug ; genug auf diese Nacht. Morgen mit dem frühsten kehre ich wieder nach der Stadt.
Falk Schon? Und warum so bald?
Ernst Du kennst mich, und fragst? Wie lange dauert deine Brunnenkur noch?
Falk Ich habe sie vorgestern erst angefangen.
Ernst So sehe ich dich vor dem Ende derselben noch wieder. – Lebe wohl! gute Nacht!
Falk Gute Naeht! lebe wohl!
Haec omnia inde esse quibusdam vera, unde in quibusdam falsa sunt.
Augustinus.
Ich habe die erste Hälfte dieses Aufsatzes in meinen Beyträgen bekannt gemacht. Itzt bin ich im Stande, das Uebrige nachfolgen zu lassen.
Der Verfasser hat sich darum auf einen Hügel gestellt, von welchem er etwas mehr, als den vorgeschriebenen Weg seines heutigen Tages zu übersehen glaubt.
Aber er ruft keinen eilfertigen Wanderer, der nur das Nachtlager bald zu erreichen wünscht, von seinem Pfade. Er verlangt nicht, daß die Aussicht, die ihn entzücket, auch jedes andere Auge entzücken müsse.
Und so, dächte ich, könnte man ihn ja wohl stehen und staunen lassen, wo er steht und staunt!
Wenn er aus der unermeßlichen Ferne, die ein sanftes Abendroth seinem Blicke weder ganz verhüllt noch ganz entdeckt, nun gar einen Fingerzeig mitbrachte, um den ich oft verlegen gewesen!
Ich meyne diesen. – Warum wollen wir in allen positiven Religionen nicht lieber weiter nichts, als den Gang erblicken, nach welchem sich der menschliche Verstand jedes Orts einzig und allein entwickeln können, und noch ferner entwickeln soll; als über eine derselben entweder lächeln, oder zürnen? Diesen unsern Hohn, diesen unsern Unwillen, verdiente in der besten Welt nichts: und nur die Religionen sollten ihn verdienen? Gott hätte seine Hand bey allem im Spiele: nur bey unsern Irrthümern nicht?
§. 1.
Was die Erziehung bey dem einzeln Menschen ist, ist die Offenbarung bey dem ganzen Menschengeschlechte[2q].
§. 2.
Erziehung ist Offenbarung, die dem einzeln Menschen geschieht: und Offenbarung ist Erziehung, die dem Menschengeschlechte geschehen ist, und noch geschieht.
§. 3.
Ob die Erziehung aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten, in der Pädagogik Nutzen haben kann, will ich hier nicht untersuchen. Aber in der Theologie kann es gewiß sehr großen Nutzen haben, und viele Schwierigkeiten heben, wenn man sich die Offenbarung als eine Erziehung des Menschengeschlechts vorstellet.
§. 4.
Erziehung giebt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst haben könnte: sie giebt ihm das, was er aus sich selber haben könnte, nur geschwinder und leichter. Also giebt auch die Offenbarung dem Menschengeschlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde: sondern sie gab und giebt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher.
§ 5.
Und so wie es der Erziehung nicht gleichgültig ist, in welcher Ordnung sie die Kräfte des Menschen entwickelt; wie sie dem Menschen nicht alles auf einmal beibringen kann: eben so hat auch Gott bey seiner Offenbarung eine gewisse Ordnung, ein gewisses Maaß halten müssen.
§. 6.
Wenn auch der erste Mensch mit einem Begriffe von einem Einigen Gotte sofort ausgestattet wurde: so konnte doch dieser mitgetheilte, und nicht erworbene Begriff, unmöglich lange in seiner Lauterkeit bestehen. Sobald ihn die sich selbst überlassene menschliche Vernunft zu bearbeiten anfing, zerlegte sie den Einzigen Unermeßlichen in mehrere Ermeßlichere, und gab jedem dieser Theile ein Merkzeichen.
§. 7.
So entstand natürlicher Weise Vielgötterey und Abgötterey. Und wer weiß, wie viele Millionen Jahre sich die menschliche Vernunft noch in diesen Irrwegen würde herumgetrieben haben; ohngeachtet überall und zu allen Zeiten einzelne Menschen erkannten, daß es Irrwege waren: wenn es Gott nicht gefallen hätte, ihr durch einen neuen Stoß eine bessere Richtung zu geben.
§. 8.
Da er aber einem jeden einzeln Menschen
