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In der Stadt Phoenix brodelt seit vielen Zyklen ein Konflikt. Während es sich die Menschen in der Dämmerlichtzone gutgehen lassen, kämpfen Kreaturen aller Art in den Mond- und Sonnenbezirken ums nackte Überleben. Der Assassine Stan glaubt, dass er sein Leben nach vielen Auf und Abs endlich im Griff hat. Zusammen mit dem Werwolf Julius und dessen Schwester Jen lebt ihr friedlich in einer WG. Bis seine Begegnung mit Elisabeth alles ändert: Die Tochter des Polizeipräsidenten setzt all ihre Kraft daran die Regierung von Phoenix noch vor der anstehenden Wahl abzusetzen und die Rechte der Kreaturen zu verbessern. Jedoch sind nicht alle Menschen bereit alte Vorurteile abzulegen. Nach einer eskalierten Demonstration verfärbt sich der Mondspiegelfluss zum ersten Mal rot. Das ungleiche Paar steht zusammen mit dem Magier Pierre und anderen Freunden schließlich im Mittelpunkt eines sich stetig zuspitzenden Konflikt.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2022
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FÜR DIE, DIE DA WAREN,
ALS ALLE ANDEREN GINGEN
FÜR DIE, DIE ZUHÖRTEN,
ALS ICH FLUCHTE
FÜR DIE, DIE MIT MIR LACHTEN
Vorwort Triggerwarnung
In dieser Geschichte werden verschiedene
Themen beschrieben, die für einige Leute
Trigger sein könnten.
In Liste der Theme findest du auf der
nächsten Seite.
Stay safe.
Triggerwarnungen:
Alltagsrassismus
Drohungen von Gewalt
Gewaltsame Handlungen
Blut
Detailierte Beschreibung von Gebrochenen Knochen
Detailierte Beschreibung von abgetrennten Körperteilen
Familiärer Missbrauch psychisch und gewaltsam
Familiärer Kontaktabbruch
Mobbing im schulischen Kontext
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Epilog
Eiskalt kroch der letzte Regentropfen Damian den Nacken herunter. Ein Schauer jagte durch seinen Körper. Er schüttelte sich, wobei weitere Tropfen von seinen langen Haaren an die Innenseite der Türscheibe des Busses klatschten.
„Hey“, mahnte der Busfahrer, wobei er Damian nur kurz anblickte. „Pass auf, sonst fliegst du raus.“
Der junge Wolfswandler nickte schnell und ging an der Fahrerkabine vorbei. Es war stickig warm im Bus. Die Fenster waren von innen beschlagen. Der stechende Geruch von altem Schweiß, zu viel Parfum und rostigem Metall lag in der Luft. Damian zog sich sein Halstuch über die Nase, um nicht von all den Gerüchen überwältigt zu werden. Möglichst schnell ging er an den Sitzreihen voller Menschen vorbei. Trotzdem entging ihm nicht, dass zwei Damen in besonders auffälliger Kleidung ihn abwertend anblickten.
„Es ist schon furchtbar“, sagte einer zur anderen. Es sollte wohl leise sein, war dennoch laut genug, damit Damian es verstand. „Wenn junge Leute meinen ihr Gesicht verstecken zu müssen.“
„Kein Anstand mehr“, bestätigte die andere.
Damian klappte den Kragen seiner Jacke hoch und verkroch sich darin. Am liebsten wäre er unsichtbar. Immer nervöser werdend blickte er auf die Metallstange, die knapp unter der Decke entlang führte. Endlich entdeckte er ein silbernes Schild, an dem in schimmernden Buchstaben KREATUREN AB HIER stand. In der Reihe kurz dahinter war ein Platz neben einer Orkfrau frei, die verträumt aus dem Fenster blickte. „Verzeihung“, sprach Damian sie an.
Sie zuckte zusammen, wandte dann den Kopf in seine Richtung.
„Ist dieser Platz noch frei?“
Damian deutete vor sich. Die Orkfrau lächelte und nickte „Sicher, setz dich.“
„Danke.“
Erleichtert ließ er sich auf den alten, durchgesessen Stoff sinken und streckte die Beine aus. Den Kopf legte er so weit nach hinten, wie es ihm durch die Kopfstütze möglich war.
Ruckelnd setzte der Bus sich wieder in Bewegung. Dunkle Dampfschwaden sausten an den Fenstern vorbei. Damian schaute nur kurz hinaus, dann wieder an die Decke. Er sah den Netzen, in denen Gepäck verstaut werden konnte, dabei zu, wie sie rhythmisch hin und her tanzten. Lichtschimmer, die von draußen hereindrangen, warfen immer wieder kleine Funken auf die Metallstange. Dieses Bild zusammen mit dem stetigen Ruckeln des Busses ließ Damian langsam, aber stetig in einen dämmerigen Zustand abgleiten. Ruckartig blieb der Bus stehen. Damian wurde nach vorne geworfen, stieß mit der Brust gegen die Sitz vor sich und rutschte von seinem eigenen.
„Bist du in Ordnung?“, fragte die Orkfrau besorgt und beugte sich zu ihm herunter.
Irritiert über seine neue Position nickte er. „Ja, ja, nichts passiert.“
Er packte die vordere Kante der Sitzfläche und zog sich damit wieder nach oben. Sein Blick glitt durch den Bus. Anscheinend war er nicht der Einzige gewesen, den die plötzliche Bremsung aus seinem Sitz befördert hatte. Ein Elf war seitlich herunter gefallen und drei Gnome, die sich eine Bank teilten, kletterte gerade wieder hoch.
„Sanftes Bremsen ist wohl kein Teil der Ausbildung zum Busfahrer“, murmelte Damian.
Die Orkfrau lachte leise. „Gut gesagt.“
„Danke.“
Ein Luftzug zog durch den Bus, als die vordere Tür geöffnet wurde. Eine Masse an Menschen trat ein. Sie begannen die restlichen Sitze im vorderen Bereich in Anspruch zu nehmen. Am Ende blieben allerdings einige von ihnen stehen. Sie schauten den Bus herunter, dann wandte sich einer in Richtung des Busfahrers und gestikulierte wild.
Damian beschlich eine ungute Vorahnung.
„Menschen stehen ungerne“, murmelte er.
Die Orkfrau seufzte nur leise. Ein Rattern erklang über ihm. Damian blickte nach oben. Dort wackelte die Metallstange leicht. Ein schrilles Klingeln erklang. Das silberne Schild zuckte, ehe es langsam über die Stange in Damians Richtung zu gleiten begann. Es war still im Bus. Alle Augen waren auf das Schild gerichtet. Genau hinter der Reihe von Damian und der Orkfrau blieb es stehen. Die Metallstange hörte auf zu wackeln. Damian hatte sich umgewandt und starrte das Schild an. Er hatte von seinen Freunden gehört, dass die Busfahrer die Verteilung der Sitzplätze einfach verändern konnten, aber selbst es noch nie erlebt. Dafür fuhr er zu wenig Bus.
In ihm begann etwas zu brodeln. Mal wieder gehörte er zu den Abgeschobenen. Zu denen, mit denen andere machen konnten, was sie wollte. Es kotzte ihn an. Die Menschen begannen die Kreaturen von ihren neuen Plätzen zu scheuchen. Viele von ihnen standen freiwillig auf. Ihre Gesichter waren müde. Damian betrachtete jeden Einzelnen, der an ihm vorbeikam. Nur wenige erwiderten seinen Blick. Und die, die es taten, sahen den jungen Wolfswandler resigniert an. Als hofften sie, dass er ruhig blieb. Direkt hinter den Kreaturen kamen ein Mann und eine Frau. Sie blieben neben Damian stehen. „Das sind unsere Plätze“, stellte der Mann fest und deutete mit seinem Regenschirm auf das Schild hinter Damian.
„Aber... vorher nicht“, murmelte der Wandler.
Das Mann zog die Augenbrauen zusammen und hob die rechte Hand, als wolle er Damian einen Schlag mit dem Handrücken versetzen.
„Höre ich da Widerworte, Wolf?“
Damian schaute sich hilfesuchend um, doch niemand bewegte sich. Der Mann holte noch etwas weiter aus. Damian wollte nach Hause. Also stand er auf und trat unter dem Arm des Mannes hindurch. Im hinteren Teil des Busses waren schon alle Plätze besetzt. Er musste wohl oder übel den Rest der Fahrt stehen. Seine schmerzenden Beine wollte das zwar überhaupt nicht, doch ihm blieb keine andere Wahl. Um zumindest nicht im Weg zu stehen, quetschte er sich in eine Ecke in der Nähe des Ausganges und griff eine der Stangen, die hoch zur Decke führten.
„Bist du so dumm, wie du aussiehst? Beweg deinen fetten Orkarsch!“ Die Stimme einer Frau ließ ihn zurück zu seiner alten Sitzreihe schauen.
Dort saß die Orkfrau immer noch an Ort und Stelle. Die menschliche Frau hatte sie an der Schulter gepackt und versucht sie nun vom Sitz zu ziehen. Bei dem Versuch blieb es aber.
Ihr Begleiter erhob seine Stimme. „He, Busfahrer!“
Damian war sprach- und fassungslos. Er hatte nicht gedacht, dass es möglich war, sich dem Befehl eines Menschen so zu widersetzen. Ein Teil von ihm hielt die Orkfrau für stur und uneinsichtig. Doch der andere Teil bewunderte sie dafür. Warum war er nicht so mutig? Wo versteckte sich sein Mut?
„Was?“ Der Busfahrer steckte den Kopf aus seiner Kabine. Die Tür flog auf und er kam den Gang runter. Damian erwischte sich dabei, wie er sich noch mehr in die Ecke drückte. Seine Frage beantwortete sich von selbst.
„Kannst du nicht lesen?“, fragte der Busfahrer die Orkfrau und deutete dabei auf das Schild. „Deine Sitzreihe beginnt dort. Das ist ein Sitz für Menschen.“
Von den anwesenden Menschen kam zustimmendes Gemurmel. „Zeigs dem Vieh!“, brüllte einer von ihnen.
„Es war ein Sitz für Kreaturen“, meinte die Orkfrau friedlich, aber ernst. „Was ist für euch so schlimm daran für ein paar Stationen zu stehen?“
Sie schaute am Busfahrer vorbei zu dem Pärchen. Die Frau bekam Schnappatmung, griff ihre goldene Halskette mit einer Hand und packte mit der anderen den Ellenbogen ihrer Begleitung. „Günther, jetzt mach doch was.“
„Muss ich dich von dem Platz prügeln, du Monster?“, polterte angesprochener Günther in Richtung der Orkfrau. Wieder erhob er die Hand, wie er es schon bei Damian getan hatte.
Doch anders als der Wandler zuckte die Orkfrau nicht einmal. Stattdessen drehte sie den Kopf langsam in Richtung Fenster. „Es sind genug andere Plätze frei.“
Sie deutete nach vorne. Dort waren noch zwei Plätze nahe der Fahrerkabine unbesetzt, jedoch nicht in der gleichen Reihe.
„Du sitzt trotzdem auf einem Platz für Menschen. Beweg dich“, befahl der Busfahrer.
Nun reagierte die Orkfrau nicht mehr. Kurzerhand lehnte sich der Busfahrer vor und griff sie am Arm.
„Raus da!“, bellte er, während er zu ziehen begann.
„Das tut weh!“, schrie die Orkfrau auf.
„Selber schuld!“, rief jemand aus der Reihe der Menschen.
Damian konnte das Ganze nicht länger mitansehen. Ihn machte all das Brüllen, die stetig ansteigende Hitze hier um Bus und die darin liegende Spannung wütend. In seiner Brust begann sich alles zusammenziehen. Er schwang sich aus der Ecke und wollte etwas sagen, doch ein Orkmann kam zu ihm zuvor. Er erhob sich von seinem Platz.
„Lass‘n Sie die Frau los!“, forderte er.
„Ruft die Polizei! Die Kreaturen begehren auf!“, schrie Günther in Richtung der anderen Menschen.
Ein Schauder des Schreckens jagte durch Damian. Die anderen Kreaturen atmete erschrocken auf. Panisches Raunen machte sich breit. Sofort hob der Ork abwehrend die Hände.
„Wir woll‘n kein Ärger. Bitte, lass‘n Sie nur die Frau los.“ Seine Stimme zitterte leicht.
„Letzte Chance, Monster. Mach den Platz frei“, forderte der Busfahrer.
Die Orkfrau reagierte wieder nicht. Mittlerweile schrien gefühlt sämtliche anwesenden Menschen in Richtung der Kreaturen. Es ging alles durcheinander, sodass kein klarer Satz herauszuhören war. Nicht einmal für jemanden wie Damian. Er stand mittlerweile schräg hinter Günther, unschlüssig darüber, was er als Nächstes tun sollte. Der Mann drehte sich plötzlich herum. Beide hatten Blickkontakt. Damian schlug blanker, reiner Hass entgegen. Günther holte aus. Seine Faust raste auf Damian zu. Instinkte übernahmen die Kontrolle.
Reißzähne stießen beim Ausatmen nach draußen. Seine Hände verwandelten sich in Klauen. Sein Schweif peitschte nach vorne. Damian riss die rechte Pranke vor sein Gesicht und fing Günthers Faust ab. Über seinen Arm hinweg blickte er auf den Menschen herab. Anstelle von Hass sah Damian nur Panik. Nichts als Panik. Er schlug mit seinem Regenschirm nach Damians Bein, traf die Kniekehle. Der Wolfswandler winselte auf. Unbewusst schloss er seine Klaue fester um die Hand des Menschen, bohrte die Krallen in dessen Haut. Günther schrie auf.
Das Knirschen der sich öffnenen Türen ließ Damian aufhorchen. Der Boden erzitterte unter schweren Schritten. Aus den Augenwinkeln sah Damian die ihm nur allzu gut bekannte dunkle Uniform. Sofort ließ der seinen Angreifer los, legte die Hände hinter den Kopf und sank auf die Knie. Alle anderen Kreaturen, die ebenfalls standen, taten es ihm gleich.
„Was ist hier los?“, fragte die donnernde Stimme eines Polizisten.
„Diese Viecher haben meinen Mann angefallen!“, schrie Günthers Frau, wobei ihre Stimme sich mehrfach überschlug. Sie deutete auf die zwei blutigen Einstichstellen auf dem Handrücken ihres Mannes. „Er wollte nur sein Recht verteidigen, Herr Polizist. Aber sie hat alle aufgestachelt.“
Mit theatralisch zitternder Hand zeigte sie auf die Orkfrau, die weiterhin auf ihrem Platz saß und dem Schauspiel nur erschöpft zugesehen hatte.
Nun wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, hob sie sofort abwehrend die Hände und schüttelte in gleicher Absicht den Kopf. „Es waren noch genug Plätze frei.“
Ein Polizist in etwas besserer Uniform, Damian vermutete den Anführer der Einsatztruppe, trat an die Sitzreihe und blickte auf das Schild schräg über ihm.
„Die Sitzplätze für Kreaturen beginnen erst dort“, sagte er ernst und deutete auf den hinteren Teil des Busses.
„Aber erst, nachdem der Busfahrer das Schild verschoben hatte“, platzte es aus Damian heraus.
Irgendjemand trat ihm gegen den Kopf, was den jungen Wandler seitwärts zu Boden schickte. Vor seinen Augen tanzte die Welt. Stechende Schmerzen rasten durch seinen Kopf, alles schien in Flammen zu stehen. Er konnte fühlen, wie sein Schädelknochen sich wieder zusammensetzte. Die Stimme drangen verschwommen zu ihm durch. Ihm war schlecht. Jemand packte seine Arme und zog ihn unsanft aus dem Bus. Dabei schleiften seine Füße mit den Stiefelspitzen über den Boden.
„Ich kann selber laufen“, wollte er sagen, doch kam nur Kaudaweltsch heraus, während sein Kiefer zusammmenwuchs.
Damian versuchte aufzustehen. Neben ihm standen zwei Polizisten, die ihn festhielten. Als er seine Beine ranzog und Anstalten machte zu laufen, nickten beide sich zu.
Bevor Damian reagieren konnte, rammten sie ihn mit dem Gesicht nach unten in den kalten, nassen Stein des Bürgersteigs. Seine Nase und sein rechter Schläfenknochen brachen mit einem lauten Krachen. Blut lief in seinen Mund und auf den Stein unter ihm. Ein Knie wurde in seinen Rücken gedrückt.
„Hör auf dich zu wehren!“, befahl ihm ein Polizist.
„Ich wehre mich nicht! Ihr tut mir weh!“ Ein Gutes, sein Kiefer war wieder ganz.
Darauf erntete er nur Gelächter. Gerade so schaffte er den Kopf zu heben und sich umzusehen. Die Polizei hatte einen Halbkreis um den Bus herum gebildet, vor dem mehrere Dutzend Schaulustiger standen. Genau wie er wurden auch andere Kreaturen unsanft auf den Boden gestoßen. Die Orkfrau landete neben ihm.
„Das ist nicht fair“, knurrte Damian.
„Es geht hier nicht um Fairness“, zischte ihm ein Polizist ins Ohr.
Am Hafen drängten sich schemenhafte Gestalten. Pierre beobachtete das Treiben von seinem Platz an der Reling aus schon seitdem der Ausguck laut „Land in Sicht!“ verkündet hatte. Die Mannschaft machte sich bereit anzulegen. Segel wurden eingeholt, zwei Vogelmenschen liefen mit einer Holzplanke auf ihren Schultern quer über das Deck. Jeder Handgriff saß, alles perfekt aufeinander abgestimmt. Pierres Blick blieb auf einer Truppe Trolle hängen, die schnell die schweren Taue eines größeren Schiffs lösten.
Vom Hafen her kam eine Gruppe aus etwa fünf Meerjungfrauen auf Pierres Schiff zu geschwommen. Er lehnte sich nach vorne, der metallene Querbalken drückte gegen seine Brust. Vier Meerjungfrauen tauchten unter und verschwanden im pechschwarzen Wasser. Die Fünfte blieb neben dem Schiff schwimmen und rief dem Steuermann Anweisungen hinauf. Leider waren sie zu weit weg, damit Pierre verstehen konnte, was gerufen wurde.
„Du bist dir sicher, dass wir nicht auf dich warten sollen, Pierre?“, fragte Kapitän Merle den jungen Magier.
Pierre schüttelte den Kopf.
„Ein Seeräuberschiff, das für lange Zeit im Hafen verweilt, ist nicht besonders unauffällig. Es ergibt sich also das exakte Gegenteil von dem, was wir wollen.“
„Na schön.“
Merle klang nicht überzeugt. Xier sah Pierre skeptisch an. Dieser lächelte.
„Mach dir keine Sorgen, Merle. Ich werd’ nur schauen und die Lage einschätzen. Solange August noch nicht eingetroffen ist, ist eine eventuelle Aktion so oder so zu riskant.“
„Genau das beunruhigt mich aber“, erklärte Merle und lehnte sich neben Pierre an die Reling.
Mittlerweile konnten beide direkt auf den Steg blicken. Dort rannten Orks und Trolle herum, die darauf warteten die Taue vom Schiff aufzufangen.
„Pierre, du und deine Geschwister, ihr habt es in all den Jahren nicht geschafft euch aus Problemen herauszuhalten. Meine Jungs und ich haben euch wortwörtlich von einer sinkenden Insel gefischt.“
Xier gestikulierte wild mit den Händen. Bei der Erwähnung seiner Heimat durchfluteten Pierre Erinnerungen, die er sofort wieder unterdrückte.
„Leider ist es nicht so, dass wir die Probleme suchen, Merle.“
„Aber die Probleme scheinen euch zu finden.“
Ein Ruck fuhr durch das Schiff, als die metallenen Abstandshalter, die seitlich am Rumpf hinausragten, runden Puffer am steinernden Steg trafen. Im gleichen Augenblick flogen mehrere schwere Taue durch die Luft, wurden unten aufgefangen und festgebunden.
Pierre drehte sich von der Reling weg. Er griff den Seefahrersack, der neben ihm stand, in dem sich alle seine Habseligkeiten befanden, und setzte ihn sich mit der Hilfe von zwei nicht zusammenpassenden Gurten auf den Rücken. Er ragte dem Magier über den Kopf und stieß am unteren Ende gegen dessen Knie.
„Es wird schon alles gut gehen, Merle“, versicherte er dem Kapitän erneut.
Merle schüttelte den Kopf. „Dein Wort in den Ohren der Krake.“
„Kraken haben keine Ohren, Merle“, korrigierte Pierre den alten Seemannspruch und machte sich auf den Weg zur Gangway an Land. Pierre kletterte über die Reling und stellte sich auf den Anfang der Gangway. Dabei musste er seine Arme zu Hilfe nehmen, denn der Seesack zog ihn unnachgiebig Richtung Wasser.
„Merle!“, rief der Magier dem Kapitän nach.
Xier drehte sich auf der halben Strecke zur Kapitänskajüte um. „Ja?“
„Bitte erzähl Rea kein Wort von all dem!“
Merle kratzte sich am Hinterkopf, wobei der für Kapitäne typische Hut mit drei Spitzen leicht nach vorne rutschte. Xier kam wieder einige Schritte zurück, damit sie sich nicht weiter anschreien mussten.
„Und was soll ich ihr sagen?“
Darauf hatte Pierre keine Antwort. Um die Gefahr des ins Wassers stürzen so gering wie möglich zu halten, schob er nur einmal mit der Nase die Sonnenbrille hoch und zog die Stirn kraus. „Das kann ich dir nicht sagen. Denk dir etwas aus, das könnt ihr Halborks doch so gut.“
Es sollte ein Witz sein, doch wie üblich verstand sein Gegenüber dies nicht.
Merles Miene blieb versteinert. „Ich soll meine Oberstin anlügen? Früher wurden Kapitäne dafür aufgeknüpft, das ist dir schon bewusst.“
„Bitte, Merle“, bat Pierre. „Sie hat sich ihr Leben aufgebaut und soll es nicht durch eine Dummheit ihrer Brüder ruinieren.“
Das Argument schien zu wirken. Merle seufzte.
„Gut, gut, ich werde mir etwas ausdenken. Aber dafür tu mir einen Gefallen, Junge: Statt immer über das Leben deiner Schwester nachzudenken, denk mal über dein eigenes nach.“
Pierre erstarrte. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Merle hielt noch kurz den Blickkontakt mit ihm, dann wandte xier sich um und marschierte in Richtung des Steuermannes.
„Alles bereitmachen zum Rückwärtsfahren! Ich will zu Hause sein, wenn ich hungrig werde.“
„Pass auf dich auf, Pierre“, bat einer der Vogelmenschen, ehe er den Magier mit sanfter Gewalt die Gangway herunterdrängte.
Ab der Hälfte ging Pierre von selbst. Er konnte das Unvermeidliche nicht mehr herauszögern. Mit einem Sprung landete er auf dem Steg. Dort hatten die Orks und Trolle schon wieder die Taue gelöst. Als der Magier sich umdrehte, war das Schiff, die Königin der Meere, schon dabei, rückwärts aus dem Hafenbecken zu fahren. Wann immer ein Mitglied der Mannschaft nahe der Reling war, winkte es ihm zu.
Pierre hob kurz eine Hand. Ganz langsam setzte die Gewissheit ein: Er war alleine.
Auf diesem Schiff waren die Leute, die er als Familie bezeichnete. Die Königin der Meere war sein Zuhause. Und beides ließ er auf seinen eigenen Wunsch hin zurück. Um in einer Stadt zu bleiben, die er nicht kannte. In seinem Kopf schrie sein jüngeres Selbst, dass er ins Wasser springen und hinterherschwimmen sollte.
‚Nein‘, mahnte Pierre sich in Gedanken. ‚Ich muss das hier erledigen. Ansonsten findet Mutters Seele niemals Ruhe.‘
Trotzdem blieb er am Steg stehen, bis die Königin der Meere zwischen all den anderen Schiffen nicht mehr zu erkennen war.
„Muss schön sein, so ein Schiff, das einen ganz alleine hin und her fährt“, murmelte ein Ork verächtlich in Pierres Nähe; laut genug, dass der Magier es hören konnte, aber so leise, dass es nicht als Angriff gewertet werden konnte. Pierre entschied sich, es zu überhören. Stattdessen wandte er sich um und ging den Steg in Richtung Hafengebäude herunter.
Sofort fiel ihm ein hoher Drahtzaun auf der rechten Seite auf. Er begann im Wasser und zog sich bis zu einem großen Haus aus rotem Backstein. Dahinter standen Bänke und Tische, an denen Menschen saßen und auf das Meer hinaussahen, lachten, tranken und aßen. Der Nachwuchs schwamm im Hafenbecken, wenn sie nicht von den Meerjungfrauen weggescheucht wurden. Eine Gruppe Kinder saß vor dem Zaun und beobachtete ganz genau, wer die ankommenden Schiffe verließ. Pierre reihte sich in die Schlange von Neuankömmlingen ein. Ihr Weg führte sie auf das Backsteinhaus zu – man konnte den Hafen nur so verlassen.
Vor Pierre ging eine Familie Echsenwesen. In ihrer luftigen, leichten Kleidung fielen sie direkt auf. Ein Echsenkind zog am Ärmel der Mutter.
„Mir ist kalt, meine Beine tun weh“, weinte es.
Die Mutter tätschelte dem Kind den Kopf.
„Wir müssen nur auf die warme Seite, Kind, dann wird alles besser.“
Als die Familie die menschliche Kindergruppe passierte, begannen diese, zischende Laute von sich zu geben. Sie hielten ihre Hände mit den Handkanten an den Hinterkopf und wedelten damit herum, als hätten sie einen Kragen am Nacken.
Der Vater der Echsenfamilie legte seinen Kindern die Hände auf die Augen.
„Schämt euch!“, spie er den Kindern hinter dem Zaun entgegen.
„Geht zurück in eure Wüste!“, war die Antwort aus der Gruppe. Es folgte lautes Lachen
Die Familie legte an Schrittgeschwindigkeit zu, um möglichst schnell im Backsteinhaus zu verschwinden. Das Gelächter der Kindergruppe verfolgte sie. Danach richtete sich deren Aufmerksamkeit auf Pierre, der im Gegensatz zu der Familie langsamer geworden war.
Verachtung gegenüber anderen Arten war in seiner Heimat nichts Unbekanntes, aber niemand wagte es dort, so direkt zu sein. Besonders nicht Kinder. Als die Gruppe heranwachsender Halbstarker ihn ins Visier nahm, blieb er stehen.
„Ihr solltet euch wirklich über eure Wortwahl Gedanken machen“, mahnte er und versuchte die Stimme seines strengen Großvaters nachzuahmen.
Seine Warnung wurde mit lauten Buh-Rufen beantwortet. Eines der Kinder, ein Junge mit sonnengelben Haaren, lehnte sich gegen den Zaun. Dabei drückte er die geballte Faust über seinem Kopf gegen das Metall.
„Was ist dein Problem?“, fragte er lauernd.
„Kinder ohne ein Mindestmaß an Respekt vor ihnen unbekannten Leuten sind mein Problem“, antwortete Pierre und trat an den Zaun heran.
Der Junge war gut zwei Köpfe kleiner als der hochgewachsene Magier. Kurz flackerte ein Funken Angst durch die Augen des Menschen, doch er schluckte sie schnell herunter. Über seine Schulter blickte er zu seinen Freunden, dann wieder zu Pierre.
„Bist du einer von diesen Kreaturenkuschlern? Oder gehörst du selbst zu den Freaks?“, fragte er abwertend.
Bei dem Wort ‚Freak‘ hörte Pierre Buhrufe in seinem Hinterkopf. Sprechchöre, die dieses Wort und andere abwertende Begriffe skandierten. Die Schatten von faulem Obst und brennenden Fackeln flogen vor seinem inneren Auge auf ihn zu.
„Kleine Bastarde“, sprach die Stimme in seinem Kopf. Aus seinen Augenwinkeln konnte er sehen, wie sich sein Schatten asynchron zu ihm zu bewegen begann. „Erteil ihnen eine Lektion. Sie sollen lernen, dass sie auf ihr vorlautes Mundwerk aufpassen sollen.“
Pierre nahm die Hände aus den Hosentaschen. Der Junge trat vom Zaun zurück.
„Uh, uh, Achtung Leute, er hat die Hände rausgenommen“, sagte er in einem spottenden Tonfall, wobei er seine eigenen Finger gespielt ängstlich vor sich hielt.
Pierre atmete tief durch. Er warf einen Blick über seine Schulter. Die Gruppe, hinter der er sich eingereiht hatte, war schon vollständig im Backsteinhaus verschwunden.
„Gut. Wir können keine Zeugen gebrauchen.“
Langsam drehte er den Kopf wieder zu den Kindern. „Ich glaube, ihr solltet diesen Ort besser verlassen und euch eine andere Freizeitbeschäftigung suchen. Ansonsten könnte es geschehen, dass ihr die falsche Person beleidigt.“
„Willst du uns drohen?“, fragte der Blondschopf und ballte seine Hände zu Fäusten.
Kaum, dass das Kind seinen Satz beendet hatte zog Pierre seine Brille mit geschwärzten Gläsern herunter. Dahinter flackerten seine Augen feuerrot auf. Die Pupillen stachen tiefschwarz hervor, wobei es wirkte, als würde die Iris mit flammenden Fingern danach greifen. Gleichzeitig breitete sich um seine Augen herum, den Weg der Adern folgend, glühendes Rot aus, das an leuchtendes Metall erinnerte. Die Linien wanden sich um die Lider, bildeten Drachen und Wölfe, die einander angriffen und in Fetzen rissen.
Pierre sah das blanke Entsetzen in den Gesichtern der Kinder. Damit war sein Ziel erreicht. Er setzte seine Brille wieder auf und lächelte nur. Das schien die Starre der Kinder zu lösen. Schreie in unterschiedlichen Tonlagen drangen aus ihren Kehlen, während sie sich umwandten und davonrannten.
„MAMA!“
Pierre seufzte. Er hasste es zu solchen Mitteln greifen zu müssen, aber vielleicht würden sie demnächst zweimal darüber nachdenken, wen sie beleidigten.
„Das war spaßig.“
„Schweig“, murmelt er, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten auf das Backsteingebäude zu.
Darin drängten sich die Leute dicht an dicht. Die Luft stand, es war stickig. Drei Reihen führten durch das Gebäude auf kleine Kabinen zu. Doch nur eine davon schien besetzt zu sein. Absperrungen in Form von knallroten Kordeln an schwarzen Metallstangen teilten den eintreffenden Personenstrom. Als Pierre sich in die mittlere der Reihen stellte, fielen ihm die bewaffneten Polizisten an den Seiten auf. Sie standen im Schatten, sodass sie kaum zu sehen waren. Doch ihre Präsenz war zu spüren. Sie beobachteten die Halle ganz genau.
„Gewöhn‘ dich an den Anblick“, sagte der Zwerg vor Pierre.
„Von welchem Anblick sprecht ihr?“, hakte der Magier nach.
Der Zwerg lachte auf. Er trug einen feinen, gut gepflegten Anzug und hatte in seinen langen Bart kleine Perlen geflochten. Mit seinem Gehstock, der an eine Axt erinnerte, wobei der Griff die Klinge war, deutete er vorsichtig, ohne eine große Bewegung, auf die Polizisten um sich herum. „All die Polizei. Davon wirst du hier einige sehen.“
„Sie scheinen sich hier auszukennen“, stellte Pierre fest.
Der Zwerg nickte nur. Er griff in die Innentaschen seiner Jacke und zog eine kleine Karte heraus. „Thamir von der Eiseninsel, Minenbesitzer und Handelsreisender in 15. Generation.“
Pierre nahm die Karte an sich, steckte sie aber sofort weg. Der Zwerg beobachtete ihn dabei genau. Er wartete darauf, dass Pierre seine Karte herausholte. Doch der Magier legte nur die Hand an die Stelle seines Mantels, wo sich eine solche befinden würde, wenn er sie denn hätte.
„Pierre von Rungas, wandernder Magier“, stellte er sich auf dieselbe Weise vor, um dem Zwerg seinen Respekt zu erweisen.
Thamir reagierte nicht sofort. Er wirkte dezent beleidigt auf Pierre, vermutlich durch das Ausbleiben einer Karte.
Doch als er hörte, wo Pierre geboren war, grinste er breit „Rungas. Hab gehört, was dort passiert ist. Schade um die Insel, dort gab es viele gute Handwerker und einige meiner Handelspartner. Kanntest du Ludwig, den Schmied?“
Darauf nickte Pierre. Es fühlte sich an, als würde sich eine eiskalte Hand um sein Herz legen und zudrücken. „Er war mein Großvater.“
Sofort verschwand das Grinsen aus Thamirs Gesicht. Er hustete einmal stark gekünstelt. „Oh, das … das tut mir Leid.“
„Ist schon lange her, dass das Meer die Insel verschluckt hat. Lasst uns nicht weiter darüber reden. Ihr sagtet, Ihr seid Handelsreisender?“, hakte Pierre nach, um möglichst schnell das Thema zu wechseln.
Auf sein Geschäft angesprochen nickte Thamir, das Grinsen war wieder da. „Ja. Oh, Ihr wisst gar nicht, wie gut es tut mal wieder die gewandte Zunge eines Altländers zu hören. Hier sprechen alle so … vulgär, so platt, so …“
Er gestikulierte wild, winkte dann aber in Pierres Richtung ab, als ihm keine bessere Beschreibung einfiel. „Ach, das werdet Ihr merken, junger Magier. Auf jeden Fall hält meine Familie seit vielen Generation gut laufende Beziehungen mit den Handelsleuten in der Stadt. Mein Vater war es, der eine der Sandminen aufkaufte.“
„Sandminen?“, hakte Pierre nach. Man hatte im Alten Land davon gemunkelt, doch bis jetzt hatte er ihre Existenz für ein Gerücht gehalten.
Ihre Reihe bewegte sich langsam weiter nach vorne.
„Ja, Sandminen“, wiederholte Thamir und blickte Pierre fragend an, als wisse er nicht, ob der Magier ihn veralbern wollte. „Was glaubt Ihr denn, woher Sand kommt? Der wächst schließlich nicht auf Bäumen.“
Thamir lachte laut grölend über seinen eigenen Witz. Pierre verzog keine Miene.
„Wisst Ihr“, begann Pierre. „im roten Tal gibt es tatsächlich Bäume, an denen Früchte mit sandartigem Innerem wachsen. Es ist nicht direkt Sand, doch im übertragenen Sinne könnte man durchaus sagen, Sand kann an Bäumen wachsen.“
Thamir schüttelte den Kopf.
„Mein Junge, Ihr müsst noch eine Menge lernen“, erklärte er mit väterlicher Stimme. „In dieser Stadt lacht man über Witze. Und, wie gesagt, man spricht platter, einfacher. Mit Eurer hochgestochenen Sprache, so schön sie auch sein mag, fallt Ihr auf wie ein Minotaur im Schweinestall.“
Pierre setzte zu einer weiteren Erklärung an, warum dies nicht unbedingt ungewöhnlich sein musste, schloss den Mund aber wieder.
„Verstanden“, sagte er stattdessen.
Thamir lächelte zufrieden. „Ihr lernt schnell, das ist gut. So überlebt Ihr in dieser Stadt.“
„Der Nächste!“, rief die Dame hinter der Glasscheibe mit gelangweilter Stimme in Richtung Thamir und Pierre. Der Zwerg tippte sich an seinen Hut.
„Auf der Karte steht meine Anschrift, solange ich hier bin. Kommt vorbei, wenn Ihr Arbeit sucht. Oder auch, wenn Ihr Anekdoten aus dem Alten Land austauschen wollt.“
„Schneller!“, drängte die Dame.
Thamir eilte auf sie zu. Schon beim Näherkommen gestikulierte er wild, was die Dame nicht beeindruckte. Pierre ließ seinen Blick durch den vorderen Teil der Halle schweifen.
Von den Kabinen aus wurde man zu einer von zwei Türen geschickt. Diese öffnete eine Person in militärischer Ausrüstung. Etwas verkrampfte sich in Pierres Magen. Hier vorne war die bedrohliche Stimmung sehr viel deutlicher zu spüren als weiter hinten. Es war, als würden die Bewaffneten nur auf einen Fehler aus der Reihe der Neuankömmlinge warten, um etwas Spannung in ihren Arbeitstag zu bringen.
„Der Nächste!“
Als Pierre wieder nach vorne schaute, war Thamir verschwunden. Stattdessen blickte die Dame ihn durch die Glasscheibe auffordernd an. Pierre ging zu ihr.
„Der Drache sei mit euch“, grüßte er auf Art der Magier.
„Papiere“, forderte die Dame und streckte auffordernd die Hand durch den Schlitz im Glas.
Durch die ruppige Art vor den Kopf gestoßen, fummelte Pierre unbeholfen in seiner Manteltasche herum. Im Alten Land war es üblich, sich auf die arten- oder gesellschaftstypischen Weisen zu begrüßen. Die Dame trommelte mit den langen Fingernägeln auf den Tisch.
„Junge, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit“, maulte sie.
Endlich fand er das kleine Heft, das er bei der Anmeldung seiner Überfahrt im Alten Land ausgehändigt bekommen hatte und reichte es der Beamtin. Sie schlug es auf, überflog die dürftigen Einträge und seufzte.
„Wieder so einer“, murmelte sie, mehr zu sich selbst.
Dann griff sie nach einem Stift.
„Name?“, fragte sie ohne ihn anzusehen.
„Pierre Ludwig Thomasius Babel, der Dritte.“ Sie sah auf und musterte ihn. Ihren abschätzigen Blick konnte er sogar verstehen, in seinem weiten Mantel, den dreckigen Stiefeln und der Arbeiterhose voller Taschen, sowie den ungekämmten, feuerroten Haaren sah er nicht wie jemand aus, der der Dritte eines Hauses war. Doch sie trug seinen Namen ein.
„Rasse?“, fragte sie im selben uninteressierten Tonfall.
„Magier der vier Elemente.“
„Na da schau an, so einer ist neu“, kommentiert die Beamtin, während sie es eintrug. „Zweck der Reise?“
„Familiär“, erklärte Pierre kurz angebunden.
Sie blickte erneut auf und betrachtete ihn prüfend von oben bis unten. „Können Sie mir die Adresse eines Verwandten geben, bei dem Sie gedenken während Ihres Aufenthalts zu bleiben?“
Kurz dachte Pierre über seine Antwort nach. Er hätte die Idee einer Adresse, oder eher einer ungefähren Gegend, wo sich sein Bruder aufhielt, aber bei ihm wollte er nicht bleiben.
„Nein“, antwortete er trocken.
„Dauer der Reise?“, stellte sie die nächste Frage, wobei sie ihn weiter anstarrte.
„Unbestimmt“, antwortete er, den Blickkontakt haltend. Sie trug nichts ein, rührte keinen Muskel. Ihr Blick wanderte auf den Seesack, den Pierre neben sich abgestellt hatte, dann wieder auf seine Gestalt. Schließlich schrieb sie einige Dinge in das Heft, schloss es und schob es Pierre zurück durch den Schlitz.
„Bei einer unbestimmten Dauer der Reise werden Sie als Kreatur der Klasse 2 einem der drei Bezirke zugeteilt“, erklärte sie mechanisch.
Pierre nahm das Heft an sich und verstaute es in seiner Manteltasche.
„Bezirke?“, hakte er nach.
„Den Bezirk der Sonne und den des Mondes. Derzeit befinden Sie sich im Bezirk Dämmerlicht. Aufgrund der derzeitigen Bevölkerungslage sind Sie dem Bezirk des Mondes zugeteilt worden.“
„Wann?“, fragte er entsetzt.
„Gerade eben“, antworte sie trocken. „Bitte nehmen Sie die Tür zu Ihrer rechten Seite und steigen Sie in den Bus. Der wird Sie zum Verteilerhaus im Mondbezirk bringen.“
„Und dann?“, platzte die nächste Frage aus Pierre heraus. Ihm ging das alles viel zu schnell.
„Dann geht Ihr Weg weiter. Finden Sie sich in vier Sternzeichen wieder hier ein, damit wir schauen können, ob Sie die Dauer Ihrer Reise dann terminieren können.“
„Aber …“
„Der Nächste!“
Sie schaute an ihm vorbei, als wäre er nicht mehr da. Mit schweren Schritten näherte sich jemand von hinten. Eine Hand schob Pierre mit sanfter Gewalt aus dem Weg. Dennoch fiel er über seinen Seesack und landete längs auf dem Boden. Ein kurzer, stechender Schmerz schoss durch seine Handgelenke, als er sich abfing. Von irgendwoher hörte er erschrockenes Aufatmen. Kurz verharrte er an Ort und Stelle, starrte den mit Sand und Dreck bedeckten Boden an. Dann stand er auf und klopfte sich überflächlich den Staub aus der Hose, dem Mantel und den Händen. Danach nahm er seinen Seesack und steuerte die rechte Seite des Gebäudes an. Eine Person in Militärkleidung öffnete ihm die große, massive Eichentür.
Draußen war es wärmer und deutlich heller. Pierre freute sich über seine getönte Brille, welche die Sonnenstrahlen gut abhielt. So sah er den Kleinbus, der nur wenige Schritte vor ihm stand, sofort. Er war mit Metallplatten beschlagen, die Fenster von innen vergittert. Der Busfahrer, ein grimmig aussehender Mann in seinen Spätfünfzigern, saß in einem abgeschotteten Raum und las in einer Zeitung. Links und rechts des Busses standen weitere Gestalten in militärischer Kleidung. Alle hielten Gewehre in den Händen. Sie drehten synchron die Köpfe in Pierres Richtung, als die Tür zur Halle hinter ihm zuschlug.
Am liebsten wäre der Magier umgedreht und zurückgerannt. Doch ein Blick über seine Schulter verriet ihm, dass die Tür von außen keinen Griff hatte. Ihm blieb nur der Weg nach vorne.
Jeder seiner Schritte in das Fahrzeug wurde von den Soldaten genau beobachtet. Im Bus verstaute er seinen Seesack auf einer Ablage über den Sitzreihen und ließ sich auf einem Fensterplatz nieder. Der hölzerne Sitz knarrte unter ihm. Der Bus roch nach kaltem Rauch und getrocknetem Erbrochenem. Neben Pierre saßen nur noch zwei Yetis im hinteren Teil und ein Ghul ganz vorne. Pierre blickte nach draußen. Die Gitterstäbe verdeckten einen Teil seiner Sicht. Allein ihre Existenz erzeugte in Pierre ein ungutes Gefühl. Als wäre er ein Gefangener, der nur darauf wartete, zu seiner Hinrichtung gefahren zu werden. Am liebsten hätte er sie herausgebrannt und weggeworfen. Zwischen seinen Fingern tanzten schon kleine Funken. Schnell löschte er diese und versteckte die Hände in seinen Hosentaschen.
‚Na, das kann ja heiter werden‘, dachte er sich.
Der Bus hielt ruckartig, wobei der hintere Teil hin und her schlackerte. Pierre musste sich am Sitz vor sich festhalten, um nicht stark von links nach rechts geworfen zu werden. An der Scheibe hatte sich Kondenswasser gebildet. Die Tropfen hatten durch das plötzliche Anhalten schräge Linien auf dem Glas hinterlassen. Die Temperatur im Bus war fühlbar abgesackt. Pierre hatte schon auf der Brücke seinen Mantel fester um sich gezogen. Mit der Handkante rieb er einen Kreis in das Kondenswasser und warf einen Blick nach draußen.
Riesige Gebäude aus verwaschenem, alten Backstein füllten sein Blickfeld fast vollkommen aus. Sie drängten sich eng an eng, gaben sich Schutz vor dem Schnee und stritten sich doch um den letzten Rest Sonnenlicht. Metallstreben hielten die Steine notdürftig zusammen, auch wenn einige schon sehr in Schieflage gekommen waren.
Instinktiv griff Pierre an den Saum seines Mantels und zog ihn um sich. Er konnte spüren, wie die Runen darin zu leuchten begannen und Wärme ausstrahlten. Das war sein einziger Schutz gegen die von ihm so verachtete Kälte. Nur sehr schwer riss er sich von dem Anblick los, um zu schauen, warum sie angehalten hatten Direkt neben dem Bus stand ein Schuppen. Kurz dachte Pierre, er wäre wieder zu Hause. In so einem Schuppen hatte die Werkstatt seines Großvaters gestanden. Doch nach einem weiteren Blinzeln stachen die Unterschiede deutlicher hervor: Der leichte Frost auf dem Dach, das nur notdürftig gedeckt war. Die schräg zusammengenagelte Holzbretter, die als Wände herhalten mussten.
„Endstation“, brummte der Busfahrer über die Durchsage.
Pierre lehnte sich vom Fenster weg und sah den Gang hinunter. Die hinteren Türen des Busses schwangen auf. Zwei schwerbewaffnete Gestalten steckten die Köpfe herein. Sie waren dicker angezogen als die anderen, selbst die Gesichter waren hinter Helmen verborgen.
„Los, raus!“, bellte einer von ihnen, seine Stimme durch den Helm merkwürdig verzerrt.
Pierre griff seinen Seesack und verließ hinter den beiden Yetis den Bus. Eiskalter Wind schlug ihm entgegen. Er bohrte sich durch seine Hose, seine Schuhe und seinen Mantel. Innerhalb kürzester Zeit hatte er das Gefühl, als würden seine Nase und seine Ohren abfrieren.
Die Yetis stapften wortlos am Schuppen vorbei und verschwanden dahinter. Auch der Ghul war schon weg. Pierre stand allein vor dem Bus und schaute sich fragend um.
„Infos kriegst du da drin, Magier“, meinte eine Soldatin an ihn gewandt. Sie hielt ein Klemmbrett in der Hand und hakte gerade einzelne Namen ab. „Wenn du Glück hast, erfrierst du nicht ganz so schnell.“ Ein besonders dreckiges Lachen folgte.
Er nickte, mehr schaffte er aufgrund des starken Zitterns nicht. Schnellstmöglich ging er auf das Gebäude zu und stieß die Tür auf.
„Nicht so weit!“, rief eine basslastige Stimme aus dem Inneren.
Doch es war schon zu spät. Pierre hatte die Tür weit aufgestoßen und ließ die eiskalte Luft in den warmen Raum hinein. Das Feuer, das in dem Kamin an der rechten Wand brannte, wurde fast vollkommen zur Seite gedrückt und flackerte gefährlich.
„Zu! Tür zu!“, brüllte der Zwerg, der hinter einem ramponierten Schreibtisch saß.
Bevor Pierre etwas machen konnte, wurde die Tür zugeschlagen. Neben ihm ragte ein Zentaur in die Höhe. Neben Wandlern waren sie die einzigen Pierre bekannten Kreaturen, die ihn an Körpergröße überragten, weswegen der Magier leicht nach vorne gebeugt stand. Dieses Exemplar war besonders eindrucksvoll. Er trug nur eine offene Weste, sodass die rituellen Verzierungen auf seiner Brust deutlich zu sehen waren.
„Tut mir leid“, meinte Pierre an den Zentauren gewandt. „Ich war mir der niedrigen Temperaturen hier nicht bewusst.“
„Merkt man, ansonsten wärst du besser angezogen, Freund“, sagte der Zwerg und setzte sich wieder. Mit einer lockeren Handbewegung winkte er Pierre heran. Der Zentaur blieb an der Tür stehen.
Pierre stellte den Seesack neben sich, setzte sich dem Zwerg gegenüber hin und griff nach seinen Papieren, doch der Zwerg schüttelte nur den Kopf. „Das Ding will ich gar nicht sehen. Sag mir einfach, wie wir dich nennen sollen.“
Pierre konnte sich ein erleichtertes Lächeln nicht verkneifen. Wer konnte schon wissen, inwieweit die Dinge, die mit seinem Namen verbunden wurden, bis hierher durchgedrungen waren. Es konnte seinem ganzen Plan, zunächst unauffällig zu bleiben, in die Quere kommen. Dieser Zwerg spielte ihm in die Hände.
„Pierre. Einfach nur Pierre“, sagte er, legte die flache Hand auf die Brust und neigte den Kopf in Richtung des Zwergs. Die Begrüßung der Magier.
Der Zwerg tat es ihm gleich. „Elberika aus den Eisminen, mein Name. Und mein stummer Freund dort hört auf den Namen Idones.“
Pierre zuckte zusammen, was der Zwergin nicht entging.
„Gibt es ein Problem?“, fragte sie.
„Nein, es ist nur … Eure Stimme und Euer Bart … Zwerginnen im Alten Land haben beides nicht. Entschuldigt meine Voreingenommenheit.“ Er neigte den Kopf wieder, dieses Mal tiefer.
Doch Elberika lachte nur auf. „Mach dir darum mal keinen Kopf, Freund. Du bist nicht der Erste, der mich für einen Zwerg hält, und du wirst nicht der Letzte sein. Aber du bist einer der wenigen, der seinen Fehler sieht und sich entschuldigt. Das ist ein Schritt nach vorne. Also, bin ich richtig in der Annahme, dass du nicht auf einen Aufenthalt im Mondbezirk vorbereitet bist. Korrekt?“
Sie zog fragend eine Augenbraue hoch.
Pierre lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Eure Annahme ist korrekt. Mir war bewusst, dass es hier drei Bezirke gibt, doch ging ich leider davon aus, mir einen Platz in einem der drei aussuchen zu können.“
Er glaubte, Idones hinter sich wiehernd lachen zu hören. Elberika hingegen sah ihn mit einem traurigen Blick an. „Das ist niemandem gestattet, leider. Ein System habe ich in den Zuteilungen noch nicht wirklich erkannt. Manchmal schicken sie uns sogar Echsenwesen, die in diesen Temperaturen keine Chance haben zu überleben. Es ist dann ein Riesenaufwand sie in den Sonnenbezirk zu schaffen.“
„Es scheint nicht so, als würden sich die Menschen dafür interessieren“, stellte Pierre fest.
Elberika begann in den Schubladen ihres Schreibtisches zu kramen. „Ich habe keine Ahnung, wie die Menschen in deiner Heimat sind, Pierre, aber hier sind sie alle machtbesessen und egoistisch. Wir sollen für sie arbeiten und bloß keine Schwierigkeiten machen. Wie wir über die Runden kommen, ist ihnen egal … Ah, da ist er ja.“
Sie legte einen dicken Aktenordner auf den Tisch, welcher unter dem Gewicht hörbar knarrte und schlug ihn auf. Schnell blätterte sie durch die Seiten.
„Hast du eine Unterkunft?“, fragte sie Pierre, ohne aufzusehen.
„Nein“, antwortete er.
„Das erschwert die Sache.“ Ruckartig hob sie den Blick. „Idones, bring mir die Akte mit den freien Plätzen.“
Der Zentaur kam dieser Aufforderung nach. Pierre folgte ihm mit seinem Blick, als er eine viel kleinere Mappe zu Elberika brachte.
„Ich will keine Umstände machen“, murmelte der Magier.
„Machst du nicht“, versuchte die Zwergin ihn zu beruhigen, während sie nun durch die Mappe blätterte. „Du bist nicht der Einzige, der hierherkommt und keine Unterkunft hat. Das wäre im Prinzip kein Problem, nur leider ist es zu kalt, um auf der Straße zu schlafen. Und Hotels lohnen sich hier einfach nicht.“
„Und wo wollt Ihr mich dann unterbringen?“, fragte Pierre verwirrt.
Darauf grinste Elberika ihn über die obere Kante der Mappe hinweg an. Drei goldene Zähne schimmerten ihm entgegen. „Es gibt eine wichtige Regel im Mondbezirk: Wir helfen uns gegenseitig. Kommt gleich vor: Mach keinen Ärger und du bekommst keinen Ärger. Wann immer es in einer Wohnung Platz gibt, meldet sich jemand von dort bei mir und ich verteilen den Platz an einen Neunankömmling wie dich. Ganz einfach.“
Sie breitete die Arme gönnerhaft aus, ehe sie wieder begann durch die Mappe zu blättern. Pierre war nicht so enthusiastisch wie sie.
„Ja, ganz einfach“, murmelte er ungläubig. Dann fügte er etwas lauter an, „Wie wollt Ihr sicher gehen, dass Ihr nicht zufällig Personen zusammen in eine Wohnung steckt, die Ärger machen würden?“
„Das macht die Erfahrung“, erklärte sie so ruhig, als würde sie vom Wetter erzählen. „Ich habe in meiner langen Zeit hier schon Fehler gemacht, das gebe ich zu. Aber nur aus Fehlern kann man lernen. Auch wenn sie tödlich sein sollten.“
Pierre zog kurz eine Augenbraue hoch und warf der Zwergin durch seine Brille einen skeptischen Blick zu. Das sah sie allerdings nicht oder zeigte dies zumindest nicht. Ein kleiner Teil von Pierre war alles andere als zufrieden mit ihrer Aussage. Er überlegte, ob er weiter nachfragen sollte, doch Elberika kam ihm zuvor. Sie nickte zu sich selbst, riss einen Zettel aus der Mappe. Danach schloss die Zwergin diese wieder und reichte sie Idones zurück. Dann schrieb sie einige Dinge in ihren Ordner.
„Ich hab die perfekte Wohnung für dich gefunden“, teilte sie Pierre erfreut mit. „Sie liegt im mittleren Bezirksteil, quasi im Herzen unseres Viertels.“
Sie schlug den Ordner zu und schob Pierre den Zettel über den Tisch. Darauf stand:
1 freier Platz
Drittes Haus in der Orkallee
Bewohner: Lucy Thomas, Eishexe
Luna, Tochter von Tavos, Orkin
Pierre blickte von dem Zettel auf.
„Das klingt … interessant“, meinte er nur.
„Lucy und Luna sind zwei nette junge Frauen“, bestärkte Elberika ihn. „Die werden dir zeigen, wie das Leben hier bei uns läuft, mach dir keine Sorgen.“
„Sorgen mache ich mir wegen anderer Dinge“, murmelte Pierre mehr zu sich selbst.
Er hob den Blick und sah in Elberikas Augen, dass sie ihn gehört hatte.
Sofort sprang er auf die Füße, wobei er den Zettel in seiner Manteltasche verstaute. „Danke, Elberika. Wo finde ich denn dieses Haus?“, plapperte er drauf los, um seinen Fehler zu überspielen.
Nun erhob sich auch Elberika. Sie schien entschieden zu haben, sein Gemurmel zu ignorieren.
„Gar nicht“, sagte sie stumpf.
Pierre trat einen erschrockenen Schritt zurück.
Darauf lachte Elberika. „Zumindest nicht, solange du dich hier noch nicht auskennst. Am besten suchst du Tavos’ Taverne. Dort arbeiten die beiden. Erklär ihnen, dass ich dich geschickt habe, dann wird alles klar sein.“
Hufschläge ließen Pierre sich halb herumdrehen. Idones stand schräg hinter ihm und hielt ihm eine Mütze, einen Schal und ein paar dicke Handschuhe vor die Nase. Der Magier schaute den Zentauren nur fragend an. Darauf schob dieser ihm die Sachen förmlich ins Gesicht.
„Zieh dir das über. Wir haben leider nicht viel Kleidung zu erübrigen“, erklärte Elberika, „aber zusammen mit deinem Mantel wirst du erstmal klarkommen. Im Mondbezirk ist es auch nicht ganz so kalt wie hier draußen.“
„Äh … danke.“ Pierre nahm die Sachen an und schlüpft hinein.
Die Handschuhe waren ihm zu groß und die Mütze zu klein, sodass sie immer wieder versuchte, von seinem Kopf zu springen. Nur der Schal passte wunderbar. Zufrieden damit, seine Aufgabe erfüllt zu haben, ging Idones zu einer weiteren Tür und machte sich bereit sie zu öffnen.
„Geh geradeaus, durch das Tor“, sagte Elberika, wobei sie sich über den Tisch lehnte und in die ungefähre Richtung deutete.
„Welche Tor?“, hakte Pierre verwirrt nach.
Elberika verdrehte gernervt die Augen. „Das große Tor in der Mauer. Direkt hinter unserem Schuppen.“
Wieder gestikulierte sie wild in Richtung Tür. Pierre nickte nur. Er würde sich schon zurechtfinden. Irgendwie.
„Dann folgst du der Hauptstraße“, fuhr Elberika fort. „Wenn du nicht mehr weiterweißt, einfach nach Tavos‘ Taverne fragen. Die kennt im Mondbezirk jeder.“
„Tavos‘ Taverne, alles klar“, wiederholte Pierre. Dann nickte er zunächst Elberika, dann Idones zu. „Habt Dank, ihr beiden, für eure Hilfe. Hoffentlich begegnen wir uns wieder, damit ich mich revanchieren kann.“
„Wir werden sehen“, meinte die Zwergin. „Pass auf dich auf da draußen. Die Straßen sind kalt und voller Gefahren.“
Idones riss die Tür auf und Pierre lief in die Kälte.
Sobald Pierre das Tor durchschritten hatte, fühlte sich die Luft weniger schneidend in seinem Gesicht an. Der Umgebung nach urteilen herrschten sicherlich Minusgrade. Deswegen war es nicht verwunderlich, dass nur wenige Leute unterwegs waren. Die meisten warfen ihm nur einen schnellen Blick zu und verschwanden dann in einem der vielen breiten Hochhäuser. An einem der Gebäude wanderte Pierres Blick nach oben.
Er betrachtete den Verlauf der Steinfassade, sah an mit Gardinen verhangenen Fenstern vorbei. An einer Stelle ragte eine hölzerne Plattform aus der Wand heraus, sodass es nicht möglich war, bis zum Dach zu schauen. Die Plattform wurde von rostigen Metallstrukturen durchzogen. Sie erstreckte sich über die Straße, einmal quer bis zum Haus auf die andere Seite. So war die gesamte Straße überdacht. An der Unterseite der Plattformen hingen auf unterschiedlicher Höhe in Glas gepackte Kerzen, die flackertend leuchteten.
Vereinzelt trat er auf kleine Steine, die sich knirschend in die Sohle seiner Schuhe bohrten. Zu Beginn hielt Pierre wieder und wieder an, um den Störenfried hinaus zu befördern, doch nach eine Weile ließ er es. Jedes Anhalten verlängerte seinen Aufenthalt in der Kälte.
Diese hatte sich mittlerweile durch seinen Mantel gearbeitet und war seine Hosenbeine hinaufgekrochen. Seine Finger begannen zu kribbeln, ehe sie langsam taub wurden. Pierre rieb sie, knetete sie und steckte sie in seine Manteltaschen. Nichts half. Die Taubheit der Kälte bohrte sich in die Haut und die Muskeln wie hunderte Dolche.
„Beim Verräter Luduwig, wo ist diese Taverne?“, murmelte Pierre.
Eine mit Graffiti bemalte Straßenbahn rauschten an ihm vorbei. Sie zog einen eiskalten Wind hinter sich her, woraufhin Pierre den Kragen seines Mantels hochschlug. Er steuerte eines der Hochhäuser an, an dessen Fassade ein großes Schild hing. Es leuchtete in allen erdenklichen Farben und rahmte so den darauf gezeichneten, breit grinsenden Ork ein. Mehrere Schritte vor dem Schild hielt Pierre an. Er kniff die Augen zusammen und legte den Kopf in den Nacken. Unter dem großen Schild hing noch ein kleineres. TAVOS’ TAVERNE stand dort. Der Pfeil darunter zeigte auf Treppenstufen, die in das Untergeschoss eines Hauses führten.
Pierre atmete tief durch. Erleichterung machte sich in ihm breit. Die Kälte steckte trotz der Kleidung bereits tief in seinen Knochen. Noch länger hätte er es hier draußen nicht ausgehalten. Er kontrollierte, ob er den Zettel bei sich trug, ehe er auf das Gebäude zutrat.
Vor der Tür standen zwei Zwerge mit einem Yeti zusammen und rauchten Zigaretten. Eine Qualmwolke hatte sich dadurch vor dem Eingang aufgetürmt. Die drei hielten in ihrem Gespräche inne, sobald Pierre in Hörweite war. Sie betrachteten ihn eingehend von oben nach unten, jeder in seinem ganz eigenen Tempo. Er nahm Blickkontakt auf. Vermutlich zeigten seine Kleidung und der Seesack ganz eindeutig, dass er ein Fremdling war und wurde daher besonders beachtet.
Der Yeti zog geräuschvoll Schleim aus den unteren Regionen seines Rachens hoch und spuckte diesen in eine Ecke. Einer der Zwerge drehte eine silberne Münze in seinen Fingern. Pierre nickte freundlich in ihre Richtung, während er sich die Tür näherte. Auf keinen Fall wollte er es zu einem Konflikt kommen und seine Tarnung direkt auffliegen lassen. Gerade als er die Hand auf die Türklinke legte, sprach ihn ein Zwerg an.
„Schicker Seesack. Sieht man in der Gegend echt selten.“
Mit der Hand an der Klinke verharrte Pierre. Er atmete tief und ruhig. Die Kälte kitzelte das Feuer in seiner Brust, es wollte raus und jedem in diesem Loch zeigen wer er war.
„War ein Geschenk“, erklärte Pierre mit möglichst tonloser Stimme.
Schnell, bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, riss Pierre die Tür auf und trat mit einem großen Schritt ins Innere.
Qualm und dunkle Schwaden lagen in der Luft. Es roch nach süßlichem Alkohol, altem Holz und Rost. Pierre brauchte etwas, um seine Augen an das neue Licht zu gewöhnen. Außerdem war seine Brille beschlagen, auch wenn die magischen Gläser sich schneller als normale an den Temperaturwechsel gewöhnten. Langsam setzte sich das Bild vor seinen Augen zusammen.
Die Taverne war brechend voll. An allen Tischen saßen Kreaturen verschiedener Arten, tranken miteinander oder spielten Karten. Trotz der hier im Vergleich zu draußen angenehmeren Temperaturen trugen die meisten noch ihre Mäntel, wenn auch offen oder locker um die Schultern. Lautes Gelächter erfüllte die Luft. Es herrschte eine lockere Atmosphäre, man schien sich hier zu kennen und ging dementsprechend miteinander um. Auf der Bühne saß ein Ghul am Klavier und untermalte die ausgelassene Stimmung mit leichter Musik. Auf dem Rand der Bühne bohrte sich ein Zwerg mit dem Nagel des kleinen Fingers zwischen den Zähnen. Eine Elfe trommelte auf der anderen Seite gegen den Bühnenrand.
„Hey!“, sprach jemand Pierre von vorne an.
Ruckartig senkte er den Kopf und schaute die Treppenstufen hinab. Am Ende stand eine hochgewachsene Orkin, die mit einer beeindruckenden Leichtigkeit vier Tabletts voller Getränke auf den Armen balancierte.
„Kann ich dir helfen? Suchst du wen?“, fragte sie geradeheraus.
Pierre entging nicht, dass sie ihn interessiert betrachtete. Er umfasste den Riemen seines Seesacks, wollte sich nur an etwas festhalten, und schüttelte den Kopf.
„Nur einen Ort zum Aufwärmen“, erklärte er und hob seine freie Hand. Die Finger waren an der Spitze leicht blau.
Darauf verzog die Orkfrau das Gesicht. Sie schien diesen Anblick nicht zum ersten Mal zu sehen.
„Dann setz dich irgendwo dazu. Wir beißen nich. Nur, wenn du willst.“
Sie lachte auf und verschwand wieder im Gewühl. Pierre überblickte ein weiteres Mal die Taverne und entdeckte direkt an der Theke einen freien Platz. Er stieg die Stufen hinab und steuerte darauf zu. Dabei musste er unter einigen Ellenbogen hinwegtauchen und sich zwischen den Tischen hindurchschlängeln, sowie plötzlich hervorschnellenden Stühlen ausweichen. Ein erleichtertes Ausatmen entwich ihm, als er endlich auf dem alten Holzhocker Platz nahm. Seinen Seesack stellte er neben sich ab.
Der Wirt, ein Ork mit vernarbter Haut und einem leichten Bartansatz, dafür aber umso längerem, pechschwarzem Haar, trat an ihn heran.
„Wat willste hab’n?“, fragte er mit einem harten orkischen Akzent.
Pierres Ohren klingelten, als er das hörte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, dass er auch nur den Ansatz von Orkisch gehört hatte.
„Was haben Sie denn?“, stellte er eine Gegenfrage, wobei er seinen Akzent nicht verheimlichte.
Die Mundwinkel des Orks zuckten zu einem Grinsen, was aber so schnell wieder verschwand, wie es gekommen war.
„Allet, wat de dir vorstell’n kannst, Junge.“ Er breitete seine massigen Armen aus. Pierre kratzte sich an seinem Bartansatz und dachte nach. „Wie sieht es mit nordischem Brandwein aus?“, fragte er.
Der Ork drehte sich um, griff eine Flasche und ein Glas aus dem Regal und stellte Pierre beides hin. „Bitt’ schö’. Direkt von den Eisinseln. Ick bezieh’s von einem gut’n Freund, der braut da obn.“
„Danke.“ Pierre goss sich selbst ein und nippte am Glas. Der bekannte Geschmack nach Honig und Rauch breitete sich in seinem Mund aus. Ein Gefühl von Heimat überkam den Magier. Als er das Glas abstellte, merkte er, dass der Ork immer noch vor ihm stand.
„Du bis nich’ von hia, oda?“, fragte er geradeheraus.
„Nein“, erklärte Pierre. „Ich bin heute mit einem Schiff aus dem Alten Land angekommen.“
„Dann Willkommen im Mondbezirk. Men bescheidena Name is Tavos, mia gehört die Taverne hia. Men janzer Stolz.“
Das Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter, und er zeigte die für Orks typischen hauerähnlichen unteren Schneidezähne.
„Ich bin Pierre“, stellte er sich vor.
„Dat klingt wie en Majiernamen“, meinte Tavos.
„Ist es auch.“ Pierre lächelte freudig. Es war schon im Alten Land sehr selten vorgekommen, dass jemand die Herkunft seines Namens erkannt hatte. Hier hatte er gar nicht damit gerechnet. Tavos lehnte sich mit den seinen breiten Armen auf die Theke, wobei er Pierres Glas weiter auf den Magier zuschob.
„Mene Eltern sin von drübb‘n“, erklärte der Ork. „Se habb‘n die Sprache hia nie so richtisch jelernt. Dezwejen red ick och son bissen komisch.“
„Ihr Akzent hat einen gewissen Charme“, warf Pierre freundlich ein.
„Spar dia de Höflichkeit. Ick bin enfach Tavos, mehr nich’. Dat is dene erste Lektion hia, Pierre. Wia Leute aus de Eiskälte sin nich’ höflich. Wia sin gradheraus. Hia jibbet keene Lords und Ladys. Wende was sein willst, musste malochen.“
Pierre nickte. „Verstanden. Du scheinst dich hier auszukennen, Tavos.“
Der Ork stemmte sich wieder hoch, ließ seine Hände aber auf der Theke liegen.
„Sicha. Leb hia schon men janzet Lebn. Hab de Eiskälte nie verlass’n. Warum och, hab allet, wat ick broch.“
Der Stolz in seiner Stimme war deutlich zu hören. Pierre machte sich eine gedankliche Notiz, sich die Beziehung mit dem Ork warm zu halten.
„Ich suche eine gewisse Lucy und eine Luna“, erklärte Pierre den Grund seines Besuchs. „Die Zwergin vom Tor, Elberika, hat mich hierhergeschickt.“
Er griff in seine Manteltasche, holte den Zettel heraus und zeigte ihn Tavos.
„Wat ma.“ Der Ork griff in seine Schürze und holte eine bügellose Brille heraus, die er sich auf die Nase setzte. Danach griff er den Zettel und las sich ihn durch.
„Ah, du sollst bei de beed’n wohn’“, stellte er mit ruhiger, fast schon todernster Stimme fest.
Über den Rand seiner Brille schaute er zu Pierre. Dieser nickte. „Genau. Elberika machte Andeutungen, als würde das ganz gut passen.“
Er wusste nicht, wieso er Tavos davon erzählte, aber etwas im Blick des Orks löste in ihm das Verlangen aus sich zu rechtfertigen.
Tavos nahm die Brille betont langsam ab, steckte sie weg. Dann faltete er den Zettel zusammen und reichte ihn Pierre
Als dieser danach griff, hielt Tavos den Zettel weiter fest. „Ene Warnung: Luna is mene Tochta. Mach keenen Mumpitz.“
Für einen kurzen Moment sah Pierre nicht Tavos, den Wirt vor sich, sondern einen vom Krieg gestählten Ork in voller Kampfmontur. Seine nach Blut und Gewalt gierenden Augen starrten auf den Magier hinab, bohrten sich in seinen Kopf und seine Seele.
„Ich würde nicht einmal dran denken“, antwortete Pierre.
Schlagartig entspannte Tavos’ Gesicht sich. Er schien zu merken, das er bei Pierre Eindruck hinterlassen hatte. Der Ork lächelte auf eine sanfte, väterliche Weise.
„‘Schuldige“, flüsterte er. „Aber se is men kleenet Mädch’n.“
„Kein … Problem.“
Plötzlich war ihm unglaublich warm. Pierre löste den oberen Knopf seines Hemds und atmete tief durch.
„Aba“, sprach Tavos mit normaler Stimmlage weiter. „Auf die beed’n Mädels musste wart’n. Die malochen noch.“
„Kein Problem, ich habe Zeit mitgebracht.“
Pierre beugte sich zur Seite und zog ein Buch aus einer Seitentasche seines Seesacks. Dieses legte er auf den Tisch. Tavos blickte interessiert auf den Einband.
„Die Kunst der Elementa von Thomasius Babel‘“, las er vor. „Hui, dit klingt aba nach janz wat Feinem.“
„Es ist interessant“, meinte Pierre.
Tavos grinste breit. „Na, denn lass ick dich mal in Ruh. Wenn de wat brauchst, melde dia.“
„Danke, Tavos.“
Der Ork zwinkerte ihm zu, wandte sich um und ging zu einem weiteren Gast an der Theke. Pierre schlug das Buch an der Stelle auf, wo er zuletzt gewesen war, und vertiefte sich in seiner Lektüre.
„Hey, Tavos, kann dein Klimperheini mal etwas Schnelleres spielen?!“
Die Stimme riss Pierre aus seinen Studien. Er nahm das Glas, aus dem er gerade einen Schluck genommen hatte, von den Lippen und schaute sich suchend nach dem Verursacher der Störung um. Dieser stellte sich als Bärwandler heraus, unverkennbar an dem massigen Kopf und den stark beharrten Armen, der an einem größeren Tisch saß und Karten spielte.
„Bei dem Geklimper wird man ja krank!“, rief der Wandler.
Tavos, der gerade dabei war Gläser zu putzen, hielt in der Bewegung inne und sah in Richtung Bühne. Pierre folgte seinem Blick, wobei er sich auf seinem Hocker vollständig herumdrehen musste. So wie er taten dies noch mehrere andere Gäste. Der Ghul, der am Klavier saß, spielte noch immer eine seichte Musik.
„Ey, Amadeus!“, rief Tavos in Richtung des Ghuls. „Haste den Herrn jehört? Spiel ein schnelles Stück, hia will keener enpenn!“
Dieser reagierte nicht und spielte einfach weiter.
„Amadeus!“, rief Tavos etwas wütender.
Das Klavierspiel blieb ruhig, wurde aber lauter. Pierre wurde klar, dass der Ghul die Aufforderung seines Chefs schlicht und ergreifend ignorierte. Nach und nach verstummten die Gespräche. Wenn sie fortgesetzt wurden, flüsterten die Leute nur noch miteinander. Spielkarten wurden auf die Tische gelegt, Getränke zur Seite gestellt. Die Angestellten, die vorher noch freundlich oder streng mit den Gästen am Schwatzen gewesen waren, wandten sich zu ihrem Kollegen um. Eine junge Frau, die einen Tisch voller Zwerge nahe der Bühne bedient hatte, erhob ihre Stimme.
„Amadeus, Tavos hat Recht“, sagte sie ruhig. „Spiel doch bitte etwas flotteres.“
Auch darauf kam keine Reaktion vom Klavierspieler. Es wurde ganz still. An einem Tisch klatterten mehrere Würfel auf die Tischplatte, ein Geräusch wie hundert Kanonenschüsse. Pierre ließ sich vom Hocker gleiten. Die Anspannung in der Luft schickte Funken durch sein Blut. Er konnte spüren, wie es anfing zu brennen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass sein Schatten begann, sich selbstständig zu bewegen.
„Jetzt kommt Stimmung auf“, sagte die Stimme donnernd in seinem Kopf.
Pierre versenkte die Hände tief in den Hosentaschen. Auf der Bühne spielte Amadeus immer noch sein leichtes Geklimper, nur hatte es einen aggressiven Unterton.
„Amadeus!“, donnerte Tavos hinter der Theke. „Ick bezahl dia nich’, damit de machst, wat de willst! Da will ener anderet Jeklimper, also spiel!“
„Nein!“
Amadeus sprang auf und schlug die Fäuste auf die Taste, wodurch eine Kakophonie ertönte. Der Ghul drehte sich ruckartig herum. Pierre konnte seine blassgraue Haut deutlich durch die Löcher des feinen Anzuges, der ihm einige Nummern zu groß war, erkennen. Seine Augen flackerten im hasserfüllten Gelb. „Ich lass mein künstlerisches Talent nicht mehr in diesem Schandfleck von einer Taverne versauern! Kunstbanausen seid ihr, allesamt!“
Er machte eine unflätige Geste in Richtung der Gäste. Der Zwerg und die Elfe, die auf der Bühnenkante gesessen hatten, waren aufgestanden und schauten überrascht zu Amadeus hinauf.
„Halt mal den Ball flach, Sportsfreund!“, mischte sich der Zwerg ein. „Deine Musik ist nicht so großartig, wie du immer tust! Du bist ein drittklassiger Klavierspieler, das bist du!“
