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Eine unglückliche Psychologie-Studentin verliebt sich in den neu zugezogenen Nachbarn, obwohl sie weiß, dass er von Substanzen abhängig ist. Bald verliert sie sich immer mehr in dieser Beziehung und taucht immer tiefer in die Welt der Drogen, des Rauschs und schlussendlich auch der Sucht ab. Was zunächst die große Liebe verspricht, entwickelt sich zunehmend zu einer toxischen Beziehung, die von großen Emotionen und traumatischen Erlebnissen geprägt ist. Erst die Konsequenz aus einem dieser Erlebnisse, gibt ihr die Kraft, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Dies ist der erste Teil einer Trilogie über eine Mittzwanzigerin, die auf der Suche nach der großen Liebe sich selbst verliert und Unglaubliches ertragen muss, um sich endlich neu zu erfinden. Es ist eine Geschichte über Sucht und toxischer Dynamik zwischen zwei Menschen, über Therapie und Behandlung von Abhängigen, über persönliche Weiterentwicklung und Schattenarbeit.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2023
R. C. Rescher
Phönix: Brennen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kannst du mich klopfen hören?
Brauner Zucker
Hat jemand mein Babe gesehen?
Sympathie für den Teufel
Mutters kleine Helfer
Du bekommst nicht alles, was du willst, du bekommst nur alles, was du brauchst
Der blitzschnelle Hampelmann
Bring mich in Fahrt
Schwarzgemalt
Während die Tränen trocknen
Unter Kontrolle
Impressum neobooks
Nach fünf Jahren Universitätsstudium war ich gerade dabei mein Leben in Trier für drei Monate in Koffer zu packen. Ich hatte vor nach Nordirland zu fliegen und dort auf einem Demeter-Hof als Praktikantin Erfahrungen zu sammeln. Trotz Philosophie- und Psychologie-Studium hatte ich keine konkrete Zukunfts-Perspektive und wurde zunehmender verzweifelter.
Dieses Studium war gut und schön, aber viel zu theoretisch. Meine Leistungen waren weder herausragend noch schlecht und wenn ich ehrlich bin, war es ein netter Zeitvertreib, während ich eigentlich nur auf der Suche nach meiner großen Liebe war.
Und das war ich reichlich, von Donnerstag bis Montag, ob auf WG-Party, Studentenparty oder nur einfach innerhalb der Trierer Kneipen.
Auch bereits morgens nach einer Klausur, gerne ab elf Uhr vormittags.
Gar kein Problem.
Meinen Semesterplan gestaltete ich mir stets flexibel.
Welche Art von Alkohol ich trank war mir schnuppe, die Hauptsache war, es knallte ordentlich, denn irgendwie musste ich mein Leben unbedingt spannender machen.
Betrunken fiel es mir viel leichter mit Fremden ins Gespräch zu kommen oder aber mit diesen mit nach Hause zu gehen.
So lernte ich auch die abgelegensten Gegenden Triers und deren viele Studenten-WGs kennen.
Auf dem Nachhauseweg machte ich es mir gerne in den frühen Morgenstunden auf dem tagsüber stark befahrenen Alleenring gemütlich, um dort auf der verlassenen Fahrbahn die Sterne zu beobachten oder legte mich für ein kurzes Nickerchen auf einer Bank am Rande des größten Parks der Stadt.
Einmal traf ich auf dem Nachhauseweg auch einen vollkommen Fremden und machte mit diesem einen kleinen Abstecher in die Kaiserthermen, einem römischen Wahrzeichen der Stadt:
Die Mauern, die diese umgeben, sind von der Straße nur kniehoch, allerdings liegen die Thermen zirka drei Meter tiefer und eben diese Distanz sprangen der fremde Kerl und ich hinunter, um einmal quer durch das Gelände zu flitzen, um auf der anderen Seite wieder vor der drei Meter hohen Mauer zu stehen. Die Räuberleiter, welche er mir anbot, klappte noch recht gut, ihn hinter mir die Mauer hochzuziehen nicht mehr so ganz und das Runterspringen auf der anderen Seite lief dann schief:
Als ich mich ins undurchdringliche Schwarze fallen ließ, sprang ich nicht weit genug von der Mauer weg und schrammte mir dabei die ganze linke Körperhälfte auf. Aber was tut man nicht alles für eine abgefahrene Geschichte.
Den nächsten Tag wachte ich meist in körperlich angeschlagenen Zustand auf. Bei mir daheim, aber oft auch in Betten von Männern, die ich am Vorabend kennengelernt hatte. Oder auf Couchen irgendwelcher WGs. Oder aber bei Freunden von mir.
Als Sechzehnjährige sogar einmal an Sylvester neben den Toiletten eines Grillhäuschens eingewickelt in mehrere Lagen Alufolie, um auf dem kalten Boden nicht zu erfrieren.
Wahrscheinlich hatte ich damals eine Alkoholvergiftung, denn ich konnte die anschließenden zwei Tage nichts zu mir nehmen, ohne mich direkt wieder zu übergeben.
In diesem Stadium meines Lebens lief er mir eines Tages dann im vierstöckigen Treppenhaus über den Weg:
Ein zwei Meter großer, schlaksiger Typ mit kalkweißem Gesicht, wuscheligen braunen Haaren, die lässig zu einer Seite rüber gekämmt und im Nacken sowie an den Schläfen rundherum ausrasiert waren. Seine schwarzen Knopfaugen lagen in tiefen Augenhöhlen und fixierten mich direkt unangenehm intensiv. Supernervös und fahrig war er unterwegs und daher knallten wir fast gegeneinander:
„Ach, bist du nicht der Neue, der neben mir eingezogen ist?“
„Ja genau.“
Kurze stellten wir uns gegenseitig vor, aber da eine grimmig schauende Tussi mit riesiger Oberweite hinter ihm stand, hielt ich mich möglichst kurz. Nicht dass die Alte mir noch an die Gurgel ging. Als ich Thomas, so hatte er sich mir vorgestellt, aber dann davon erzählte, dass ich in zwei Wochen für drei Monate nach Nordirland reisen würde, schaute er ganz enttäuscht.
Ich wunderte mich kurz, dachte dann auch nicht weiter darüber nach, denn schließlich war ich gerade eigentlich tierisch in einen Kommilitonen mit eigener Band verknallt. Der hatte zu der Zeit zwar eine Freundin, aber das hatte uns nicht daran gehindert regelmäßig im gleichen Bett zu schlafen.
Diese Freundin lebte in einer Stadt am anderen Ende des Bundeslandes und daher machte ich mir auch schwer Hoffnungen, nachdem er mir immer wieder im Schummerlicht seiner Einzimmerwohnung selbstgeschriebene Lieder auf der Gitarre, garniert mit Herzschmerztexten über Alleinsein und Weltschmerz, kredenzte.
Dass er die drei Monate, die ich in Nordirland verbringen würde, mit seiner Freundin auf Fahrrädern durch halb Frankreich flitzen würde, störte mich zwar tierisch, aber er versprach ja, dass wir in Kontakt bleiben würden.
Also brach ich nach Nordirland auf (er fuhr mich sogar noch nach Köln, von wo ich mit dem Flugzeug starten würde) und verbrachte dort ganz zwei Wochen mit fürchterlichem Liebeskummer und Heimweh.
Nach diesen zwei Wochen voller Tränen und Selbstzweifel, schaffte ich es mich in einen Bus zu setzen, in drei Stunden von dem kleinen Örtchen in Nordirland zum Dubliner Flughafen zu fahren und schlussendlich in den Flieger nach Hause zu steigen. Ich war vollkommen demoralisiert und hatte gleichzeitig auch noch ein schlimmes Problem mit meiner Haut:
Bei meiner genetisch bedingten und chronischen „Psoriasis pustulosa“ bilden sich am ganzen Körper kleine rote, wahnsinnig juckende und sich schuppende raue Stellen, die trotz allen möglichen Cremes und Totes Meersalz- Bädern unaufhaltsam größer wurden. Im schlimmsten Stadium verschmolzen dann irgendwann alle Punkte zu einem einzigen offenen, juckenden Teppich, der bestimmt achtzig Prozent meines Körpers überzog.
Und dieses Stadium war gerade erreicht.
Folglich kam ich mit einem schlechten Gewissen, grandios schlechter Haut und voller Selbstzweifel im Gepäck wieder zurück.
Ich schleppte mich niedergeschlagen und auf Grund der Hautsituation voller Schmerzen die vier Stockwerke zu meiner Wohnung hoch als ich ihm oben auf dem Flur erneut in die Arme lief.
Meinem riesigen Nachbarn.
Er wundere sich ganz verdutzt über meine Anwesenheit, da ich ja in Nordirland sein sollte und ich erklärte ihm nur kurz, dass ich wieder da sei, weil ich abgebrochen hatte.
Daraufhin strahlte er über das ganze schmale Gesicht, obwohl auch jetzt wieder die grausige Alte hinter ihm stand.
Als ich weiterging und meine Zimmertür aufschloss, freundete ich mich bereits mit dem Gedanken an, mich mit ihm zu trösten, trotz der Tatsache, dass ich schon lange vor seinem Einzug durch seine Vormieterin gewarnt worden war, dass er ein Drogenproblem hatte.
Ein paar Tage später war Freitagnacht und ich legte mich relativ früh ins Bett, da ich am nächsten Morgen um fünf Uhr aufstehen und zu meiner Frühschicht bei der Tankstelle um die Ecke erscheinen musste. Doch bei meinem Nachbarn nebenan lief die ganze Zeit laute Elektromucke und ständig kam oder ging jemand.
Generell war ich schwer vom Schlafen abzuhalten, denn ich wohnte bereits sechs Jahre in einem Dachgeschoss eines Möbelgeschäfts mitten in der Trierer Innenstadt, welches der Vermieter lediglich durch ein paar Sperrholzplatten in einzelne Räume unterteilt hatte
Mein „Kaninchenstall“, wie meine Mutter meine Wohngemeinschaft treffenderweise nannte, war folgendermaßen aufgebaut und daher auch besonders hellhörig:
Unser Stockwerk, direkt unterhalb des Dachstuhls, wurde durch einen langen Flur in der Mitte in zwei Hälften geteilt, von welchem neun Türen in das jeweils dahinterliegende Zimmer unter der Dachschräge führten.
So führte die erste Tür links vom Flur in das erste Zimmer, welches nur mit der anderen innerhalb des Zimmers liegenden Tür mit dem Raum daneben verbunden war. Der nebenliegende Raum war nicht durch eine Tür zum Flur erreichbar, sondern lediglich von beiden Räumen, die ihn umgeben. In jedem dieser Mittelzimmer befand sich eine klitzekleine Küchenzeile und eine weitere Tür zu dem dahinterliegenden Badezimmer. Folglich konnte man vom Flur aus seine Wohnung nur erreichen in dem man seine Zimmertür aufschloss, durch sein dreizehn Quadratmeter großes Zimmer stiefelte, um dann durch die Küche ins Bad zu gehen. Und von der Küche ging dann, deiner Verbindungstür genau gegenüber, die Verbindungstür zum zweiten Zimmer ab. Folglich lagen drei genau gleich große Zimmer direkt nebeneinander und bildeten eine Wohneinheit. Und dies wiederholte sich nach jeder zweiten Tür.
Das bedeutete, dass mein Zimmer durch die Küche und das Bad von den Geräuschen meiner Mitbewohnerin abgeschirmt war, aber gleichzeitig das zweite Zimmer der Wohngemeinschaft nebenan direkt an meine andere Zimmerwand angrenzte.
Und dort schlief eben dieser Nachbar.
Nennen wir ihn Thomas.
Beziehungsweise schlief er nicht, sondern feierte dort fast die ganze Woche rund um die Uhr.
Und regelmäßig drehte dort entweder er oder irgendein anderer Idiot, der zu Besuch war, mitten in der Nacht die Lautstärkeregler seiner Anlage hoch.
Woraufhin ich nebenan im Bett regelmäßig hochschreckte.
In der ersten Nacht nach meiner Rückkehr war ich bereits zweimal durch das nächtliche Aufdrehen vom Schlaf abgehalten worden und als es dann zum dritten Mal dazu kam, sprang ich wie eine Furie aus meinem Bett, nestelte mich schnell in eine Jogginghose und ein cooles T-Shirt als ich schon gegen seine Zimmertür hämmerte.
Die Musik verstummte augenblicklich und plötzlich war es leise wie nie.
Ich hämmerte nochmal gegen die Tür und rief:
„Ey, mach mal auf!!!“
Nach einer gefühlten Ewigkeit und einigem Gewusel hinter der Tür, schlurfte er endlich heran und öffnete mir schuldbewusst und mitleiderregend. Halb hinter der Tür versteckt und nur mit einem Auge am Rand der Tür hervorblickend, nuschelte er noch bevor ich Luft holen konnte eine Entschuldigung.
„Alter, ich sagte dir doch: Party- kein Problem. Nur nicht freitagsnachts!!!“
„Ja. Sorry.“
„So. Und wer hat jetzt noch Gras von deinen Kumpels hier? Ich muss jetzt dringend eine Tüte rauchen, um nochmal pennen zu können!“
Und damit trat ich in seine Wohnung und schaute fragend in die Runde. Seine dreizehn Quadratmeter waren vollgestopft mit sechs oder sieben Leuten. Nur Typen, außer natürlich der grimmig schauenden Alten, die nie ein Wort sagte. Als sie dann doch mal was sagte, wurde mir auch klar, warum sie so wenig quatschte:
Sie war einfach dumm.
Strohdumm, um genau zu sein.
Ein fetter Seufzer ging durch den Raum, alle holten Bong, Stopfbrettchen oder Spiegel zum Pepp ziehen wieder raus und mir wurde direkt ein transparentes Tütchen voll mit getrockneten grünen Blüten entgegengehalten.
Eigentlich wollte ich nur eine Tütenlänge dortbleiben, aber da Thomas höchst offensichtlich an mir interessiert war und sich vollkommen auf mich fixierte, wurde ich neugierig, wohin das würde führen können. Nach und nach gingen dann aber alle Leute bis nur noch die gruselig schauende Tussi zurückblieb und mein menschlicher Anstand sagte mir, dass ich jetzt endlich mal rübergehen sollte, um das Paar allein zu lassen. Außerdem war es bereits vier Uhr und ich musste schon bald los zu meiner Schicht.
Total verklatscht stand ich ein paar Stunden später hinter der Verkaufstheke der Tankstelle um die Ecke und wünschte mir sehnlichst, dass diese furchtbare Schicht endlich vorbei wäre, als Thomas freudestrahlend mit blitzenden Augen den Laden betrat. Schon allein an dem motzigen Gesicht seines ihm auf Schritt und Tritt folgendem Schattens wurde mir klar, dass ich die paar Stunden zuvor wirklich keinen schlechten Eindruck hinterlassen hatte. Ich fragte mich nur, warum er dann immer noch diese blöde Kuh mitbrachte, um mich während meiner Arbeit zu besuchen. Die hätte er auch ruhig dort lassen können, wo der Pfeffer wuchs.
Meine Stimmung war plötzlich unbeschreiblich gut.
Dieses Mal war ich mir zu hundert Prozent sicher, dass sich dieser Typ in mich verknallt hatte.
Und nach all den Männerpleiten der letzten Jahre bzw. meines bisherigen Lebens (ich hatte mit meinen 24 Jahren bisher noch keine ernsthafte Beziehung, die länger als vier Wochen dauerte geführt…), traute ich mich dieses Mal auch endlich meine Emotionen zuzulassen.
Nach meiner Schicht schwebte ich förmlich nach Hause und rechnete fest damit, dass er direkt nach dem Betreten meines Zimmers zu mir rüberkommen würde. Schließlich hörte nicht nur ich alles von ihm, sondern auch er alles von mir.
Er war sogar zu Hause, wie ich hörte und ich begann damit mir lässige Dinge zu überlegen mit denen ich beschäftigt sein würde, wenn er bei mir klopfen kam.
Stunde um Stunde verging, ohne dass sich die Geräusche nebenan Richtung Tür bewegten.
Meine Laune sank immer weiter in den Keller.
Sollte ich mich schon wieder so geirrt haben?
In mir stieg eine rasende Wut auf, weil sich einfach niemand ernsthaft für mich interessierte.
Was war mit mir nicht in Ordnung?
Die tausenden Male zuvor als diese bescheuerten Gedanken mein Gehirn drangsaliert hatten, ließ ich es ohne Widerstand zu und verkroch mich in meiner Wohnung begleitet mit vielen Heularien und ebenso vielen Tüten Gras oder Besäufnissen auf Partybesuchen und wartete darauf, dass mir der Mann meiner Träume vom Schicksal vor die Füße gekotzt wurde.
Natürlich passierte dies nie und nach allem, was ich die letzten Wochen in Nordirland und vor allem in meinem Inneren an Unangenehmen erfahren hatte, fasste ich einen Entschluss und setzte ihn auch ohne noch weiter darüber zu philosophieren, ob ich dabei nun lässig oder völlig uncool rüberkommen würde, in die Tat um:
Ich trat aus meinem Zimmer und klopfte an seine Tür.
„Warum kommst du nicht zu mir rüber? Du hörst doch, dass ich von meiner Schicht wieder da bin. Hast du keinen Bock mit mir abzuhängen?“
Er lief leicht rosa an.
„Ich habe mich einfach nicht getraut… dachte, nachdem du nicht direkt bei mir geklopft hattest, dass du keinen Bock auf diesen Chaoten von nebenan hast...“
Damit war alles geklärt und wir verbrachten die nächsten zehn Stunden damit uns alles für uns bis dato Relevante aus unseren Leben zu erzählen.
Am nächsten Morgen wachte ich neben ihm auf. Die zwei aufeinanderliegenden Matratzen, die ihm als Bett dienten und auf denen ich die ganze Zeit gesessen hatte, lagen mittlerweile nebeneinander und so auch wir beide.
Seit diesem Tag verbrachten wir fast jede Sekunde miteinander.
Am folgenden Abend hatten wir das erste Mal Sex, aber es war für uns beide nicht so traumhaft, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Dennoch schwebte ich förmlich durch den Tag.
Ein paar Tage später kam er dann von Erledigungen mit einem Freund zurück und fing fast an zu weinen:
Er sei in Luxembourg-Stadt gewesen, hatte sich auf der Straße Braunes kaufen wollen und sei kurz nachdem er es auf Tasche hatte, von einem Typ von hinten angefallen und ausgeraubt worden.
„Was ist denn Braunes?“, fragte ich irritiert.
„Ja. Ähm. Heroin.“
Seinen Angaben zur Folge, war er bei einem viermonatigen Aufenthalt in Russland mit dem Zeug in Berührung gekommen und vollkommen begeistert von dessen Wirkung.
In Russland war er gewesen, weil er im Rahmen seines Studiums der Bio-Geografie ein Auslandspraktikum machen musste, um unübliche Boden- und Pflanzenproben nehmen zu können, die er dann in seiner Diplomarbeit wissenschaftlich untersucht und durchleuchtet hatte. Sein Diplom hatte er kurz vor unserer Begegnung erfolgreich eingetütet und verdiente sich nun bei einer Dienstleistungsfirma für Events das nötige Kleingeld, um sich sein Partyleben finanzieren zu können ohne sich weiter um seine eigentliche berufliche Perspektive zu kümmern.
Mir wurde ein bisschen übel.
Ich hatte mich schon seit der Lektüre von „Wir Kinder vom Bahnhofszoo“ in der Schule intensiv für das Thema Heroin interessiert und wusste, dass man so schnell nicht von diesem Zeug loskam.
Aber andererseits war ich auch aufgeregt:
Nie hätte ich gedacht, dass ich mal jemanden kennen lernen würde, der mit Heroin zu tun hatte. Ich wollte alles wissen:
„Wie fühlt sich das an?
Ist man tatsächlich direkt beim ersten Mal abhängig?
Was passiert jetzt mit dir, weil du keins bekommen hast?“
Seinen Angaben zur Folge würde alles nur halb so wild sein. Das Schlimme war nur, dass er jetzt überhaupt kein Geld mehr hatte und das Ende des Monats war erst in ein paar Tagen zu erwarten. Ihm würden die Glieder ein bisschen weh tun und er würde ein bisschen schlapp sein, aber zum Glück hatte er ja genug Speed im Gefrierfach seines Kühlschranks, um die Entzugserscheinungen zu übertünchen.
Allerdings habe er nichts mehr zu Essen- das wäre das größte Problem.
Innerlich atmete ich auf.
Er fragt mich nicht nach Geld, nur nach Essen. Das konnte ich noch ganz einfach vor meinem üblen Bauchgefühl rechtfertigen und ich schwor mir heimlich, dass ich ihn niemals Geld für den Stoff selbst geben würde.
Die Tage des Entzugs liefen gut, ich bekam kaum etwas davon mit und schon bald machte ich mir auch keine Sorgen mehr, denn er hatte hoch und heilig versprochen nicht nochmal Braunes zu kaufen. Schließlich habe er aus diesem Vorfall gelernt und hätte es auch nicht mehr nötig sich dieses Zeug reinzupfeifen. Er sei schließlich schwer verliebt und so habe er alles, was er brauche, um glücklich zu sein.
Kurze Zeit später stand für ihn der letzte Teil eines Feuerwehrlehrgangs in Koblenz an. Dafür sollte er ein ganzes Wochenende in dem römischen Kastell oberhalb des Deutschen Ecks, dem Treffpunkt von Mosel und Rhein, verbringen und alles Notwendige über Vorgehensweisen bei ABC-Unglücken erlernen.
Das A steht für atomar, B für biologisch, C für chemisch. Seit seiner Jugend war er immer schon in der Freiwilligen Feuerwehr gewesen und hatte sich je nach Wohnungswechsel auch immer bei der ortsansässigen Feuerwehr angeboten und deren Fortbildungslehrgänge regelmäßig genutzt.
Wir waren beide nicht besonders begeistert davon uns jetzt so schnell für ein ganzes Wochenende trennen zu müssen und überlegten, ob ich nicht doch irgendwie mit nach Koblenz fahren und mich dort in einer Jugendherberge einquartierten sollte. Auf der Zugfahrt dann heckten wir den folgenden Plan aus:
Ich würde nicht in einer Jugendherberge, sondern bei ihm im Bett schlafen. Das war natürlich verboten, denn er sollte sich ja vollkommen auf seine Fortbildung konzentrieren können, aber da jeder ein Einzelzimmer haben würde, dürfte es ja nicht weiter auffallen.
