Phönixerwachen - J. T. Sabo - E-Book

Phönixerwachen E-Book

J. T. Sabo

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Beschreibung

Blaue Flammen auf der Haut, Hitze im ganzen Körper und ihr Klassenkamerad Pascal, der mit einem Messer auf sie einsticht. Am nächsten Morgen wacht Lexa im Haus von Pascals Eltern auf. War alles nur Einbildung? Bei der Abifeier zu viel getrunken? Symptome eines Hitzschlags? Als Pascal und seine Eltern ihr erzählen, sie sei ein Phönix, erklärt sie sie für verrückt und haut ab. Am Abend trifft sie sich mit ihrer Clique am Aussichtsturm, um sich einen nahen Kometen anzusehen. Doch stattdessen erwarten sie Wesen, die nicht dieser Welt zu entstammen scheinen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

04/2021

 

 

© by J. T. Sabo

© by Hybrid Verlag, Westring 1, 66424 Homburg

 

Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design, Homburg

Stock-Fotografie-ID: 1223696895, Bildnachweis: cihatatceken

 

Lektorat: Annette Böhler, Jeannine Molitor

Korrektorat: Petra Schütze

Buchsatz: Rudolf Strohmeyer

 

Coverbild ›Spiel der Mächte - Erwachen‹

© 2019 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco

Coverbild ›Halbwesen – Diener zweier Welten‹

© 2018 by Creativ Work Design, Homburg

Prefix of Death

© 2020 by Hygin Graphix

Coverbild ›Woodtalker – Das Lied der Bäume‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg

 

ISBN 978-3-96741-095-2

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

Printed in Germany

 

 

 

J. T. Sabo

 

Phönixerwachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Urban Fantasy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Mama. Danke, dass es dich gibt, ich habe dich lieb.

Für meinen Papa. Du fehlst, aber in meinem Herzen wirst du immer lebendig bleiben.

 

 

 

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Epilog

Hybrid Verlag …

 

Prolog

 

Vor neun Jahren

 

Reinhold stürmte zur Haustür hinaus. Seine Finger umklammerten die Tageszeitung, während ihm das Herz wiewild in der Brust schlug. Auf seiner Stirn bildeten sichSchweißperlen, die er mit dem Ärmel fortwischte. Was für eine Katastrophe, und er trug eine nicht unwesentliche Mitschuld daran. Warum musste er sich auch dazu überreden lassen, und das entgegen seines Bauchgefühls? Seine Finger schlossen sich fester um das Papier. Was sie zukünftig tun sollten, wusste er nicht. Er kam am Ende der Straße an und bog auf das Grundstück des letzten Hauses ein. Ihr Hauptquartier und das Herzstück der Gemeinschaft. Hier hielten sie ihre Versammlungen ab, trainierten, beratschlagten, planten.

Reinhold passierte den Eingang und hechtete, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, ins Obergeschoss. Ohne anzuklopfen riss er die Tür zum Arbeitszimmer auf und bremste erst vor einem riesigen Schreibtisch ab, auf den er die Zeitung mit einem dumpfen Knall klatschte. »Matthias ist tot!«

Ruckartig hob sein Gegenüber, ein älterer Herr mit weißen Haaren, den Kopf und blickte ihn ungläubig aus blauen Augen an. »Was?«

»Lies selbst.« Dabei zeigte Reinhold mit dem Finger auf die Schlagzeile.

Langsam senkte der Mann hinter dem Schreibtisch den Blick aufs Titelblatt und fing zu lesen an.

 

Grausiger Fund an der Eddersheimer Schleuse

 

Spaziergänger entdeckten gestern Morgen einen im Main treibenden Mann. Der Anblick des Geborgenen schockierte die ausgerückten Rettungskräfte der Freiwilligen Feuerwehr bis ins Mark. Im Brustkorb des etwa vierzigjährigen Mannes klaffte ein faustgroßes Loch. Eine Obduktion ergab, dass das Herz mit Gewalt entfernt wurde. Die Polizei schließt einen Ritualmord nicht aus. Die Identität des Opfers ist bislang unbekannt. Auffällig ist ein Feuermal am linken Handgelenk in Form eines fliegenden Vogels. Sachdienliche Hinweise zur Klärung des Falles können in jeder Polizeidienststelle abgegeben werden.

 

»Mist, verdammter«, murmelte der Alte und senkte die Zeitung.

Reinhold schnaubte. »Das ist mehr als Mist. Es ist eine Katastrophe. Ich hätte ihn nicht wieder gehen lassen dürfen. Was machen wir denn jetzt?«

»Schadensbegrenzung.«

»Wie stellst du dir das vor?«

»Es wird nicht einfach werden. Aber wir müssen unser Möglichstes versuchen. Matthias ist immerhin der letzte seiner Art.«

»Glaubst du, das wüsste ich nicht?« Mit Daumen und Zeigefinger kniff sich Reinhold in die Nasenwurzel. »Gott steh uns bei. Wie sollen wir uns bloß zukünftig gegen die Höllenbiester verteidigen?«

 

Kapitel 1

 

Heute

 

Ich trat vor den mit Ornamenten eingerahmten Standspiegel, der neben dem Kleiderschrank prunkte. Mein Blick glitt skeptisch an dem Bild aufwärts, das sich mir darin präsentierte, bis meine Augen schließlich an der komplizierten Hochsteckfrisur hängen blieben. »Also, ich weiß nicht recht«, brachte ich zögernd hervor und hob eine Hand. »Findest du es nicht zu … übertrieben?« Ich zupfte an einer Haarsträhne, die mein Gesicht kunstvoll umschmeichelte, und kassierte prompt einen Schlag auf die Finger.

Böse blitzte mich Mel aus ihren meergrünen Augen an. »Willst du wohl aufhören, Lexa! Du ruinierst die Frisur. Die hat mich immerhin ganze zwei Stunden gekostet.«

Ich verzog das Gesicht. »Warum kann ich nicht gehen, wie ich gekommen bin?« Sehnsüchtig schielte ich auf den schwarzen Jeansrock und das brombeerfarbige Top, die als Häufchen nachlässig neben dem Futonbett auf dem Boden lagen.

»Weil wir auf eine Abschlussfeier gehen, und da darf man ruhig ein wenig eleganter aussehen«, beantwortete Mel unwirsch meine Frage.

Mein Blick huschte zurück zum Spiegel. Elegant. Ja, das erschien mir wohl das richtige Wort dafür. Was sich aber nicht allein auf die Frisur bezog, vielmehr auf mein ganzes Erscheinungsbild. Mel hatte nämlich nicht nur mein Haar kunstvoll auf dem Kopf drapiert, sondern auch meinem Gesicht einen neuen Anstrich verpasst und mich obendrein in ein eng anliegendes, schwarzes Abendkleid und passende High Heels gesteckt. Mit der Frisur und dem Kleid konnte ich mich anfreunden, damit sah ich gar nicht mal so übelaus. Aber High Heels? Ich verzog die Mundwinkel. Wie ich diese Dinger hasste. Das waren keine Schuhe, sondern Folterinstrumente. Geräuschvoll sog ich die Luft inmeine Lungen und schüttelte kaum merklich den Kopf.Warum zum Teufel ließ ich mich ständig von Mel zu etwasüberreden, was ich nicht wollte? Erneut hob ich die Hand, um an einer der Haarsträhnen zu zupfen.

»Untersteh dich, Lexa«, fauchte Mel mich sogleich giftig an. »Wenn du mein Kunstwerk ruinierst, spreche ich kein Wort mehr mit dir.«

»Schon gut.« Ich ließ die Hand sinken und drehte mich entschlossen vom Spiegel weg. Ein Abend in diesen Dingern würde mich schon nicht umbringen. Außerdem musste Torben, neben Mel mein engster und bester Freund, jeden Augenblick hier aufschlagen, um uns beide abzuholen. Wie auf Kommando klingelte es da auch schon an der Tür.

»Partytime«, rief Mel übermütig und schnappte sich das mit goldenen Pailletten bestickte Täschchen vom Bett.

Widerstand erschien zwecklos, also seufzte ich ergeben und ließ mich von meiner besten Freundin nach draußen in den Flur bugsieren. Sofort drangen die Stimmen vonMels Vater und Torben zu uns herauf, die sich angeregtüber die neuesten Fußballergebnisse unterhielten. Ja klar, worüber auch sonst. Mel und ich schauten uns an und verdrehten die Augen, dann stiegen wir die Stufen nach unten. Kurz bevor wir den letzten Absatz erreichten, verstummte jäh das Gespräch. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, drehten sich beide gleichzeitig zu uns um. Bei unserem Anblick weiteten sich ihre Augen. Angespannt verharrten Mel und ich, bis Torben einen anerkennenden Pfiff ausstieß. »Bombastisch«, lautete sein Urteil.

Mel stieß mich leicht mit dem Ellbogen an und grinste triumphierend, bevor sie die restlichen Stufen nach unten schritt. Ich folgte ihr. Im Stillen dankte ich der kleinen Hexe, dass sie bezüglich meines Stylings nicht lockergelassen hatte. Denn selbst Torben, den ich bisher nur in Jogginghosen und einem T-Shirt oder Hoodie gesehen hatte, stand in einem Smoking da. Und sogar sein dunkler Strubbelkopf lag ordentlich gebändigt um sein Gesicht.

»Verdammt noch mal. Wo ist mein kleines Mädchen geblieben?« Herr Schneider blinzelte und starrte Mel und mich abwechselnd fassungslos an, was meiner Freundin ein Kichern entlockte.

»Ach Papa, ich bin doch kein kleines Mädchen mehr.«

»Weiß ich doch«, erwiderte dieser. »Mir ist nur soeben bewusst geworden, was das bedeutet, Herrgott noch mal. Vielleicht sollte ich dich besser begleiten und für alle Fälle einen Baseballschläger mitnehmen.«

»Papa!«

»Schon gut, schon gut.« Mels Vater hob beschwichtigend die Hände und wandte sich an unseren Freund. »Dass du mir ja auf die Mädchen achtest, hörst du?«

»Ehrensache, Herr Schneider. Bei mir sind sie so sicher wie in Abrahams Schoß.« Dabei streckte er Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand in die Höhe. »Versprochen.«

Der alte Herr nickte. »Das will ich hoffen. Andernfalls ziehe ich dir das Fell über die Ohren. Hast du verstanden, Junge?«

Torben nickte hastig.

»Na dann. Viel Spaß, ihr Drei. Aber übertreibt es nicht.«

»Wir doch nicht«, brachten wir im Chor mit Unschuldsmienen hervor.

Herrn Schneiders Augenbrauen schnellten in die Höhe, während er uns zweifelnd musterte, was uns zu einem Lächeln nötigte. Doch anstatt die Bedenken in seinem Gesicht zu zerstreuen, schienen wir sie mit unserem dämlichen Grinsen nur zu verstärken.

Schnell gab Mel ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. »Dass du mir bloß nicht aufbleibst und auf mich wartest. Hörst du? Du kannst ruhig zu Bett gehen.«

Dieser gab ein Brummen von sich. Ob als Zustimmung oder nicht, konnte ich nicht deuten. Torben und ich verabschiedeten uns ebenfalls von ihm und flüchteten aus dem Haus, bevor der alte Herr noch auf irgendwelche dummen Ideen kam. Kichernd stolperten wir zum Gartentor hinaus auf den Gehweg. Beim Anblick von Torbens altem Astra entfuhr mir ein überraschter Laut. Entgegen des sonst verdreckten Rots strahlte der Wagen in einem noch nie da gewesenen Glanz. »Du meine Güte. Sag bloß, du warst mit deiner Müllhalde in der Waschstraße.«

Torben zuckte nonchalant mit den Schultern. »Och, ich dachte, zur Feier des Tages gönne ich meinem Schätzchen eine Schönheitskur. Wenn ich mich herausputzen muss, dann sollte mein Baby das auch. Ich habe sogar den Innenraum aufpoliert und die Polster abgesaugt.«

»Wow. Was sagt man dazu? Das ist der absolute Wahnsinn. Es geschehen tatsächlich noch Zeichen und Wunder. Hätte ich nicht gedacht.«

Ich bekam ein schiefes Grinsen von Torben, während er mir die Tür öffnete. Überraschenderweise lag mal nichts auf dem Rücksitz herum, was ich beiseiteschieben musste, um Platz nehmen zu können. Im Wageninneren roch es nach Cockpitspray und grünem Apfel, anstatt nach Chips und Red Bull. Ungewohnt. Vermutlich würde dieser Zustand nicht lange anhalten.

Fünfzehn Minuten später erreichten wir die Schule. Torben steuerte den Astra in eine der wenigen noch vorhandenen Parklücken und stellte den Motor ab. Ich stieg aus und sog tief die Abendluft in meine Lungen. Sie roch nach dem Gewitter am Nachmittag frisch und nicht mehr so stickig wie den ganzen Tag über. Auch die Temperatur war endlich auf ein angenehmes Maß gesunken. Eigentlich viel zu schade, um den Abend in einem Gebäude zu verbringen. Na ja, ich musste ja nicht lange bleiben. Ich fühlte mich eh nicht sonderlich gut. Torben schob sich, einen Arm um unsere Schultern legend, zwischen Mel und mich. Während wir langsam auf die Aula zusteuerten, musterte mein bester Freund mich aufmerksam von der Seite. Geflissentlich ignorierte ich seinen Blick.

»Was ist los, Sternchen?«, fragte er schließlich. »Seit Tagen bist du auffällig still.«

»Nichts«, antwortete ich ausweichend.

»Wem willst du das erzählen? Ich kenne dich mittlerweile gut genug, um zu sehen, dass da was nicht stimmt. Also, raus mit der Sprache. Onkel Torben kannst du es anvertrauen.«

»Ach, es ist nichts Schlimmes. Ich schlaf einfach schlecht in letzter Zeit, das ist alles. Zukunftsängste, nehme ich an.«

Verdattert blickte Torben mir ins Gesicht. »Zukunftsängste? Warum zum Teufel? Wir haben alle drei einen hervorragenden Studienplatz für das Wintersemester ergattert. Die meisten Vorlesungen werden wir sogar gemeinsam besuchen. Nein Lexa, das kauf ich dir nicht ab. Dich beschäftigt etwas ganz anderes. Na komm schon, spuck es aus!«

»Also, wenn du mich fragst«, mischte sich Mel ein, »liegt es an Pascal.« Sie wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.

»An Pascal? Wieso ausgerechnet an diesem Vollpfosten?« Verwirrt sah Torben zwischen Mel und mir hin und her.

»Weil Lexa auf ihn steht.«

Ich tippte mir mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. »So ein Quatsch! Ich steh ganz bestimmt nicht auf Pascal.«

»Das will ich doch hoffen. Und zwar deinetwegen«, knurrte Torben. »Der Kerl ist ein absolutes Arschloch. Auf den solltest du dich besser nicht einlassen.«

Sein Ausbruch überraschte mich, was man mir wohl vom Gesicht ablesen konnte, denn Mel fügte erklärend an: »Torben und Pascal waren mal die besten Freunde, musst du wissen.«

»Tatsächlich?«

Torben nickte übertrieben. »Kaum vorstellbar, nicht? Aber es stimmt. Seit der Krabbelgruppe. Alle nannten sie uns nur die siamesischen Zwillinge, weil wir als unzertrennlich galten. Und dann, ein halbes Jahr nach Pascals zehntem Geburtstag, bumm. Aus. Nichts mehr. Nada. Ohne jede Erklärung wandte er sich von mir ab und ließ mich fallen. Mutierte zum absoluten Eigenbrötler.«

»Hast du ihn mal gefragt, warum er den Kontakt abgebrochen hat?«

»Klar, was denkst du von mir? Mehrmals sogar. Er meinte nur, ich solle mich um meinen eigenen Scheiß kümmern und ihn in Ruhe lassen. Er habe Besseres zu tun, als seine kostbare Zeit mit mir zu vergeuden. Was ich dann auch tat. Seither wechseln wir nicht ein Wort mehr miteinander. Also überleg dir gut, ob du mit so jemandem was zu tun haben möchtest, der dich ohne ersichtlichen Grund einfach wie eine heiße Kartoffel fallen lässt.«

»Will ich doch gar nicht. Der ist mir absolut schnuppe.«

»Besser so, ist gesünder«, meinte Torben und löste die Arme von unseren Schultern, damit er die Tür zur Aula öffnen konnte. »Ladies«, forderte er uns mit einer Verbeugung und einer einladenden Geste auf, einzutreten.

Ich folgte Mel ins Gebäude. Als mein Blick nach rechts glitt, zuckte ich zusammen. Wenn man vom Teufel spricht. Mein Herz beschleunigte seinen Takt und strafte meine zuvor ausgesprochenen Worte Lügen. Mit der Schulter lässig an der Wand lehnend, stand Pascal etwas abseits und beobachtete den Eingang. Er trug nicht wie alle anderen Jungs einen Anzug, sondern seine üblichen Jeans und ein kobaltblaues, enganliegendes T-Shirt, das seinen wohlproportionierten Oberkörper betonte. Dadurch stach er aus der Masse wie ein Paradiesvogel aus einer Gruppe Nonnen. Was ihn aber nicht zu verunsichern schien. Er strahlte derart viel Selbstbewusstsein aus, dass es für zwei reichte. Seine nebelgrauen Augen fixierten mich. Langsam wanderte sein Blick an meiner Gestalt abwärts, nur um kurz darauf wieder an meinem Gesicht haften zu bleiben. Irrte ich mich, oder las ich darin tatsächlich Bewunderung? In meinem Magen stob ein Schwarm Schmetterlinge auf. Es schien das erste Mal, dass er mir Beachtung schenkte. Hitze kroch meinen Hals empor und legte sich brennend auf meine Wangen. Hastig schaute ich weg. Verdammt! Wieso musste ausgerechnet er mich aus der Bahn werfen? Hier liefen genügend süße und obendrein nette Jungs herum. Aber nein, ausgerechnet für den Unnahbarsten von allen schlug mein Herz höher. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, warum dieser dumme Klumpen von einem Muskel nicht einsehen wollte, was mein Verstand mit hundertprozentiger Sicherheit wusste. Nämlich, dass ich niemals auch nur den Hauch einer Chance besaß, Pascal näherzukommen.

Seit ich vor etwas mehr als einem Jahr mit meiner Mutter nach Hofheim in das Haus ihrer verstorbenen Tante gezogen war, hoffte ich vergeblich darauf, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber Pascal pflegte mit niemandem Umgang. Freundschaft schien ihm fremd zu sein. Apropos Freunde. Suchend schaute ich mich um und entdeckte weiter hinten im Saal den Rest unserer Clique. Ausgelassen winkten sie uns zu sich. Wir schoben uns durch das Gewühl zu ihnen.

»Na endlich, wir dachten schon, ihr würdet gar nicht mehr kommen.« Jana drückte uns einen Becher Punsch in die Hand.

Ich nippte daran und zog die Nase kraus. »Uh, viel braucht es aber nicht von dem Gesöff, um sich die Lichter auszuknipsen.«

Timo schlang seinen Arm um meine Schultern und zog mich an sich. »Ach was, Sweetheart, du bist nur nichts gewohnt.«

Jana kicherte. »Genau.«

»Nach dem Zweiten siehst du das viel lockerer«, meinte Henning und prostete mir schwungvoll zu.

Etwas zu schwungvoll, was einen Heiterkeitsausbruch bei meinen Freunden auslöste. Ihr Lachen steckte an. »Na dann. Prost.«

 

Kapitel 2

 

Mein Blick schweifte zu der großen Uhr der Aula. Zwei Stunden erst. Ich seufzte. Von der ausgelassenen Stimmung fehlte bei mir inzwischen jede Spur. Am liebsten würde ich den Heimweg antreten, doch das konnte ich meinen Freunden nicht antun. Immerhin handelte es sich um keine alltägliche Party, sondern um einen Meilenstein im Leben eines jeden hier. Also zwang ich mich zu lachen und zu tanzen, damit sie von meiner miesen Verfassung nichts mitbekamen. Ich hielt bis weit nach Mitternacht durch, bis es mir endgültig reichte und ich mir etwas abseits der Tanzfläche ein ruhigeres Plätzchen suchte. Im Stillen verfluchte ich Mel wegen der High Heels. Es juckte mir in den Fingern, sie ihr an den Kopf zu werfen. Ich schlüpfte aus den verhassten Dingern. Als meine malträtierten Füße den kühlen Boden berührten, verspürte ich eine sofortige Linderung des Schmerzes. Ich seufzte. Welch eine Wohltat. Leider konnte ich das von meinem Magen nicht behaupten. Ich brütete wohl etwas aus. Ein leichtes Unwohlsein verspürte ich ja bereits seit Tagen, doch jetzt brodelte es in ihm wie in einem Eintopf, der auf zu hoher Flamme kochte. Außerdem brannten meine Adern fast schlimmer als meine Fußsohlen, aber gleichzeitig schien Eis durch meine Venen zu fließen. Ich schlang die Arme um meinen Brustkorb. Musik und Stimmengewirr schwollen an, bis es in meinen Ohren dröhnte, als stünde ich vor einem Düsenjet. Tief atmete ich durch, doch es brachte nicht wirklich etwas. Ganz im Gegenteil kam ich mir eher wie ein Fisch auf dem Trockenen vor. Fahrig wischte ich mir die Schweißperlen von der Stirn. Ich musste raus hier, und zwar auf der Stelle.

Eine neue Welle der Übelkeit brandete in mir auf. Ich presste eine Hand auf den Magen und krümmte mich.

»Alles in Ordnung mit dir?« Eine Hand legte sich leicht auf meine Schulter.

Ich schaute auf. Neben mir stand einer der beiden Feuerwehrmänner, die Brandwache hielten. Er blickte mich freundlich und besorgt zugleich an. Seine Züge erinnerten mich an jemanden, doch ich konnte beim besten Willen nicht sagen, an wen. Ich schüttelte den Kopf, was die Übelkeit verstärkte. Ein Schwall Magensäure drängte sich meine Speiseröhre hinauf. Ich schluckte und tat einen tiefen Atemzug. Die Besorgnis im Gesicht des Feuerwehrmannes nahm zu.

»Mir ist bloß ein wenig übel. Liegt wohl an der stickigen Luft hier drinnen«, versuchte ich das Ganze herunterzuspielen, in der Hoffnung, er würde sich damit zufriedengeben und mich in Ruhe lassen. Leider tat er mir den Gefallen nicht.

»In Ordnung, dann schaffen wir dich am besten an die frische Luft.« Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und schaute sich suchend um, dann winkte er jemanden zu sich heran.

Ich folgte seinem Blick. Als ich die Person entdeckte, die sich da durch die Menge zu uns durchkämpfte, stolperte mein Herz und fing dann zu rasen an. O Gott, nein. Nein, nein, nein. Jeden, nur nicht ihn. Warum musste es ausgerechnet er sein? Wie peinlich.

Pascal hielt zwei Schritte vor uns. »Was gibt es?«

»Sei so gut und begleite die junge Dame nach draußen. Ihr geht es nicht gut. Sie braucht dringend frische Luft.«

Pascals spöttischer Blick traf mich und ich wusste ganz genau, was ihm in dem Moment durch den Kopf schoss. Nämlich, dass ich zu tief ins Glas geschaut hatte und jetzt die Quittung dafür kassierte.

»Klar. Kein Problem.«

»Nein, nicht nötig. Es geht schon wieder«, murmelte ich abwehrend.

»Sicherlich. Bis zur nächsten Porzellanschüssel. Mit etwas Glück.« Ein abfälliges Brummen begleitete seine Worte.

»Ich bestehe darauf«, sagte der Feuerwehrmann. In seiner Stimme lag etwas Autoritäres und da ich keine Szene heraufbeschwören wollte, nickte ich ergeben.

»Geht es, oder soll ich dich stützen?«

Alles, nur das nicht. Wo zur Hölle steckte das Loch, in dem ich versinken konnte? In Ermangelung eines solchen würgte ich ein »Geht« hervor. Schade, dass ich mich zu schlapp fühlte, um Pascal das süffisante Grinsen von den Lippen zu wischen. Mit einer arroganten Bewegung hielt er mir dennoch den Arm hin. Ich schüttelte den Kopf.

Pascal zuckte mit den Schultern. »Wie du willst.« Er drehte sich auf dem Absatz um und strebte Richtung Ausgang.

Ich schnappte mir meine Schuhe und folgte ihm auf wackeligen Beinen. Mit jedem Schritt steigerte sich das Brennen in meinen Adern, bis es sich anfühlte, als stünde ich in Flammen. Gleichzeitig badete ich in Eiswasser. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper und stellte jedes noch so feine Härchen kerzengerade auf. Pascal hielt mir die Tür auf und ich stolperte nach draußen in die mondhelle Nacht. Groß und fast vollständig rund hing der Erdtrabant am sternenübersäten Himmel. Sein silberweißes Licht erhellte die Dunkelheit, wodurch sich sämtliche Konturen klar und scharf abzeichneten und die Schatten undurchdringlich wie nie wirkten. Trotz der späten Stunde herrschten noch angenehm warme Temperaturen. Dennoch fing ich an, unkontrolliert zu zittern. Ich tat einen tiefen Atemzug, bereute es aber in derselben Sekunde. Die Luft strömte flüssigem Stickstoff gleich in meine Lungen. Ich stöhnte auf vor Schmerz.

»Du musst doch nicht etwa kotzen?«, wollte Pascal wissen.

Seine Stimme klang keineswegs besorgt, eher genervt. Ich gab keine Antwort. Viel zu sehr hielt mich dieses merkwürdige Brennen gefangen, das mittlerweile in immer schnelleren Wellen durch mich hindurch brandete. Wie ein sturmgepeitschter Ozean wütete ein Flammenmeer durch meinen Körper und verschlang mich. Mit aller Macht versuchte ich dagegen anzukämpfen, mich daraus zu befreien, doch es zog mich immer tiefer in sein Pulsieren.

»Lexa?« Pascals Stimme schien von weit her zu kommen.

Ich versuchte, mich auf sie zu konzentrieren, mich an ihr zu orientieren, um nicht vollends abzudriften. Doch schon überrollte mich eine neue Welle. Schlug über mir zusammen und drückte mich tiefer in das Flammenmeer. Es gab kein Entkommen. Meine Umgebung verschwamm in züngelnden Blautönen und ließ meine Welt zu einem winzigen Etwas zusammenschrumpfen. Ein Krächzen entrang sich meiner Kehle und ich schwankte. Pascal trat einen Schritt auf mich zu. Die Hand ein Stück erhoben, als wisse er nicht, ob er mich stützen sollte oder nicht.

»Ich glaube, wir gehen lieber in die Umkleide. Dort kannst du dich ein bisschen auf eine der Bänke legen, bis es dir etwas besser geht, bevor du mir hier noch umkippst. Einverstanden, Lexa?« Diesmal schwang ein Hauch Besorgnis in seinen Worten mit.

Ich wollte etwas sagen oder zumindest nicken, um meine Zustimmung auszudrücken, doch es schien mir unmöglich, auch nur einen Muskel zu rühren. Mein Körper gehorchte mir nicht länger. Immer stärker pulsierte es in meinem Innern. Im selben Rhythmus züngelten jetzt blaue Flammen sichtbar über meine Arme. Erstarben, um gleich darauf noch kräftiger in Erscheinung zu treten. Meine Haut spannte schmerzhaft über meinem Fleisch. Mit jedem Herzschlag baute sich mehr und mehr Druck auf. Ich kam mir vor wie ein Kessel, der unter Dampf stand. Nicht mehr lange und es zerriss mich von innen heraus.

»Ach du Scheiße!«, stieß Pascal aus. Mit großen Augen starrte er mich an. »Das darf nicht wahr sein. Das ist unmöglich.« Seine Hand schnellte nach vorne und packte meinen linken Arm. Hastig riss er mir das schwarze, mit Strasssteinchen besetzte Armband vom Handgelenk.

Ich wollte protestieren, denn ich hasste, was darunter zum Vorschein kam. Ich trug das breite, lederne Band nicht umsonst.

»So ein gottverdammter Mist!« In seiner Stimme schwang Panik, Unglaube und Verärgerung zugleich mit. Er ließ meinen Arm los, nur um kurz darauf ein Butterflymesser in den Fingern zu halten.

Wo zum Teufel kam das derart schnell her? Und wieso führte er überhaupt eins bei sich? Verstieß das nicht gegen das Gesetz? Ich wollte schreien, doch meine Stimmbänder streikten. Ohne Zögern stach er zu. Rammte den kalten Stahl bis zum Schaft in meinen Brustkorb. Stechender Schmerz trat an die Stelle des ungeheuren Drucks. Augenblicklich erstarben die Flammen. Mit einem Ruck zog er das Messer wieder aus meinem Fleisch. Ein roter Strom folgte der Klinge und tränkte den Stoff des Kleides. Fassungslos starrte ich das blutige Messer in Pascals Hand an. Meine Beine versagten den Dienst und ich sackte in mich zusammen. Noch bevor ich den Boden berührte, versank ich im schwarzen Nichts.

 

Kapitel 3

 

Als allererstes drang das Feuer in mein Bewusstsein. Noch immer loderte es in mir wie in einem gottverdammten Hochofen. Lediglich das Pulsieren fehlte. Dafür fraßen sich die Flammen jetzt gleichmäßig durch meinen Körper. Dabei ließen sie keine Zelle aus, steckten jede einzelne Faser meines Seins in Brand und hinterließen nichts als Asche. Schwärze umgab mich. Was höchstwahrscheinlich daran lag, dass ich meine Augen geschlossen hielt. Ich versuchte, sie zu öffnen. Doch es gelang mir nicht, weshalb ich etwas anderes zu bewegen probierte. Erst einen Arm, dann einen Fuß. Nichts. Ich testete es mit einem Finger. Keine Reaktion. Komm schon, wenigstens den kleinen Zeh. Wieder nichts. Ich wollte schreien. Wollte weglaufen. Wollte, dass es endlich aufhörte. Aber nicht ein Muskel gehorchte meinem Befehl. Egal, wie sehr ich mich bemühte, mein Körper versagte mir den Dienst. Ganz allmählich erloschen die Flammen und das Brennen ließ nach. Zeitgleich fing mein Gehörsinn wieder zu funktionieren an. Direkt neben mir atmete jemand. Ich lauschte den gleichmäßigen Zügen. Wer konnte das sein? Mit ziemlicher Sicherheit Ma. Wer auch sonst? Wahrscheinlich überwachte sie meinen Schlaf, wie sie es immer tat, wenn ich krank im Bett lag. Schritte näherten sich und hielten dicht bei mir. Noch jemand? Ich versuchte erneut, meine Augen zu öffnen, doch sie schienen nach wie vor wie zubetoniert.

»Ist sie aufgewacht?«, fragte eine mir unbekannte männliche Stimme.

Ein Mann, bei uns zu Hause? Schwer vorstellbar. Ma zeigte seit Paps Tod kein Interesse an anderen Männern. Aber vielleicht lag ich gar nicht daheim, sondern im Krankenhaus und bei dem Typ handelte es sich um einen Arzt, der sich nach mir erkundigte? Ja, diese Erklärung erschien mir die einzig logische.

»Nein.«

Ich zuckte innerlich zusammen, denn die zweite Stimme kannte ich dafür eindeutig. Allerdings gehörte sie nicht meiner Mutter, sondern Pascal. Aber, was machte er hier an meinem Bett? Ich hielt es für ziemlich unwahrscheinlich, dass er mich besuchen kam, um nach mir zu sehen. Auch wenn wir in dieselbe Klasse gingen, so verkehrten wir dennoch nicht miteinander. Er … O mein Gott! Erinnerungsfetzen blitzten auf. Fahles Mondlicht. Ein Messer, das silbern darin glänzte. Stechender Schmerz in meiner Brust. Pascals undurchdringliche Miene, als er zustieß. Mitten in mein Herz. Was wohl bedeutete, ich lebte nicht mehr. Befand ich mich etwa im Jenseits? Wenn ja, was machte Pascal hier? War ich in der Hölle gelandet? Handelte es sich hier vielleicht um den perfiden Plan des Teufels, mich in den Wahnsinn zu treiben, indem ich bis in alle Ewigkeit die Anwesenheit meines Mörders wahrnahm, ohne ihn zu sehen und ohne mich bewegen zu können? Was konnte ich schon in den neunzehn Jahren meines Lebens Schreckliches verbrochen haben, um das zu verdienen?

»Gib mir Bescheid, sobald sie wieder bei sich ist.«

»Mach ich.«

Der unbekannte Sprecher entfernte sich und ließ mich abermals mit Pascal allein. Nein, bitte, nicht weggehen. Ich wollte nicht mit ihm allein bleiben. Wer wusste schon, was er mir noch antat. Immerhin lag ich völlig schutzlos hier. Ich war Pascal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und ich konnte nichts dagegen ausrichten. Weder konnte ich weglaufen, noch konnte ich mich gegen ihn wehren oder um Hilfe rufen. Mein Herz wummerte schmerzhaft gegen die Rippen. Moment. Wieso besaß ich eigentlich noch einen Herzschlag? Das Ganze erschien mir völlig absurd. Es ergab keinen Sinn. Es sei denn … ja was? Es gab bestimmt eine plausible Erklärung für all das. Etwas, das nicht absolut durchgeknallt klang und obendrein auch noch komplett unmöglich schien. Sie fiel mir bloß im Moment nicht ein.

Denn mal ehrlich, wieso sollte Pascal mich umbringen? Er besaß überhaupt keinen Grund dazu und malganz davon abgesehen konnte ich mir beim besten Willennicht vorstellen, dass es sich bei Pascal um einen eiskalten Killer handelte. Er mochte vielleicht ein Arschloch sein, wenn man Torbens Worten Glauben schenkte, aber das machte ihn noch lange nicht zum Mörder. Das Ganze mutete eher wie ein böser Albtraum an. Geboren im Fieberwahn. Das war’s. Genau. Ich hatte einen Hitzschlag erlitten, gefolgt von hohem Fieber und Halluzinationen. Das erklärte alles. Meine Übelkeit, das Feuer, das sich durch meinen Körper fraß und gleichzeitig die Kälte. Selbst Pascals Todesstoß, der in Wirklichkeit gar nicht existierte. Ich atmete auf. Schön zu wissen, dass mein Verstand noch normal funktionierte.

Allmählich erstarben auch die letzten Flammen und mit ihnen der Schmerz. Das Gefühl, zu Asche zerfallen zu sein, verging und an dessen Stelle spürte ich wieder meinen Körper. Zeitgleich erhielt ich die Kontrolle über ihn zurück. Ich schlug die Augen auf. Tageslicht erhellte den Raum, leicht gedämpft durch einen halb heruntergelassenen Rollladen. Ich blinzelte, weil mir im ersten Moment das Licht als viel zu grell erschien.

Neben mir erhob sich Pascal und trat ans Bett. »Wie fühlst du dich?« In seiner Stimme schwang echte Besorgnis mit, die sich auch in seinen Augen widerspiegelte.

Ich setzte zu einer Antwort an, doch meine Stimmbänder weigerten sich, einen Ton hervorzubringen. Ich versuchte es erneut. Diesmal gehorchten sie, doch sie rieben aneinander, als würden sie unter einer Schicht Sand begraben liegen und meine Stimme glich eher einem Krächzen. »Ausgedörrt.«

»Warte.« Er half mir, mich aufzusetzen und reichte mir dann ein Glas Wasser.

Gierig trank ich es aus und gab es ihm zurück. »Danke.« Das hörte sich doch schon viel besser an. Neugierig blickte ich mich um. Ich befand mich auf keinen Fall mehr in der Schule, aber auch in keinem Krankenhauszimmer. Der Raum erschien nicht sonderlich groß. Das Bett, in dem ich lag, bestand aus rötlichem Holz. Ebenso die Nachtkonsole und der Kleiderschrank an der gegenüberliegenden Seite. Schnitzereien verzierten die Möbelstücke. Die Wände strahlten in einem zarten Flieder, während Übergardinen und Bettwäsche einen kräftigeren Ton aufwiesen. Ein Sessel mit einem danebenstehenden runden Tischchen und ein Bücherregal vervollständigten die Einrichtung. »Wo bin ich?«

»Bei mir zuhause.«

Ich riss die Augen auf. »Wieso das denn? Ich muss heim.« Hastig schlug ich die Bettdecke zur Seite und schwang die Beine über die Kante.

»Wohoo! Langsam, Lexa. Ich hol meinen Vater. Der wird dir alles erklären.« Eilig verließ Pascal das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Ganz, als sei er auf der Flucht.

Blinzelnd blickte ich auf die geschlossene Tür. Hatte ich vor ein paar Minuten ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Pascal könnte mich ermordet haben? Lächerlich. Ich stand auf, fest entschlossen, mich von niemandem aufhalten zu lassen. Da blitzte etwas Helles am unteren Rand meines Sichtfeldes auf, weswegen ich meinen Blick nach unten lenkte. Scheiße noch eins. Ich steckte in einem mir unbekannten Nachthemd. In der Aufmachung konnte ich schlecht auf die Straße gehen. Hektisch schaute ich mich um, doch meine eigenen Sachen konnte ich nirgends entdecken. Das Zimmer geriet in Schieflage und der Boden unter meinen Füßen schwankte, als würde ich auf einem krängenden Schiff stehen. Mit zittrigen Beinen ließ ich mich zurück auf die Bettkante plumpsen. Verdammt! Ich hätte mich nicht so hastig bewegen sollen.

Die Tür ging auf, doch anstatt Pascal oder dessen Vater, erschien darin eine Frau. Sie war vollschlank, mittelgroß und strahlte etwas Mütterliches aus. Ihr hellbraunes Haar trug sie modisch kurz geschnitten. Ich fand sie auf Anhieb sympathisch. Über ihrem linken Arm hingen eine Jogginghose und ein T-Shirt. »Hallo Liebes. Ich bin Anna, Pascals Mutter«, stellte sie sich vor.

»Hi, ich bin Lexa. Eine Mitschülerin von Pascal.«

»Ja, ich weiß. Du bist die Neue.«

»Na ja, neu ist relativ. Immerhin ist es schon ein Jahr her, dass ich in die Klasse kam.«

Anna schenkte mir ein Lächeln. »Stimmt, da kann man wirklich nicht mehr von neu sprechen.« Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu. »Ich habe dir was zum Anziehen mitgebracht. Denn ich glaube kaum, dass es dir gefällt, ein Gespräch zu führen, während du im Nachthemd steckst. Ich zumindest würde mich unwohl dabei fühlen, fast, als sei ich nackt. Ach, und keine Sorge, ich habe dich da hineingesteckt. Nur falls du dich fragst, wie du in das Nachthemd gekommen bist.« Sie reichte mir die Klamotten. »Ich lass dich dann mal allein. Wenn du fertig bist, komm einfach zu uns in die Küche. Sie befindet sich am Ende des Flures. Du kannst sie nicht verfehlen.«

Ich nickte stumm. Anna schenkte mir ein weiteres Lächeln, bevor sie verschwand. Ich betrachtete die Kleidungsstücke in meiner Hand. Sie gehörten eindeutig Pascal. Dazwischen lagen mein Slip und BH. Beides frisch gewaschen. Ich schlüpfte aus dem Nachthemd. Bevor ich meinen Blick nach unten lenkte, hielt ich die Luft an. Geräuschvoll ließ ich sie entweichen. Nichts zu sehen, außer makelloser Haut. Kein Kratzer, nicht einmal einen Piks. Das bekräftigte meine Theorie vom Hitzschlag und dem damit verbundenen Fieberwahn. Ich zog mich an. Hose und Shirt fielen zwar zu groß aus, aber allemal besser als das Nachthemd. Jetzt fühlte ich mich besser gerüstet. Ich schüttelte das Bett auf und legte das vorherige Kleidungsstück ordentlich gefaltet auf die Matratze. Kurz zögerte ich, bevor ich nach draußen in den Flur trat, denn urplötzlich überfiel mich ein flaues Gefühl. So sehr ich mich auch an die logische Erklärung, meiner vermuteten Diagnose, klammerte, blinkten die Ungereimtheiten immer greller, wie eine neonbesetzte Warntafel. Warum hatten sie mich hierhergebracht, anstatt nach Hause? Eine mögliche Erklärung dafür lautete, weil meine Mutter Nachtschicht geschoben und deshalb daheim nicht geöffnet hatte. Warum aber dann nicht ins Krankenhaus? Weshalb übernahmen mir völlig wildfremde Menschen die Verantwortung für mich? Mit einem Hitzschlag spaßte man immerhin nicht. Ich straffte die Schultern und marschierte entschlossen, Antworten zu erhalten, den Flur entlang in die Richtung, aus der ich Stimmen hörte. Sobald ich den Raum betrat, verstummte das Gespräch. Drei Augenpaare richteten sich auf mich. Ich wünschte mir ein Erdloch herbei. Pascals Vater entpuppte sich als der Feuerwehrmann, der sich in der Nacht nach meinem Befinden erkundigt hatte. Was die Frage, warum ich mich ausgerechnet bei Pascal zu Hause befand, beantwortete. Anna brach als erste das Schweigen. »Setz dich, Liebes. Möchtest du etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht? Oder lieber was Anderes?« Abwartend schaute sie mich an.

»Kaffee wäre toll.« Ich ging zu dem weiß lasierten Esstisch, zog einen Stuhl darunter hervor und nahm Platz. Meine Hände legte ich in den Schoß. Instinktiv deckte ich mit den Fingern der Rechten das linke Handgelenk ab. Unter Pascals intensivem Starren fing ich an zu schwitzen. Wie von selbst zuckte mein Bein auf und ab. Unter seinem Blick kam ich mir wie ein Schwerverbrecher vor, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab.

»Hier, Kind. Extra stark. Weckt garantiert die Lebensgeister.« Anna stellte eine große Tasse vor mir ab.

Ich hob die Augenbrauen. »Sehe ich so schlimm aus?«

»Einen Schönheitswettbewerb gewinnst du jedenfalls nicht«, antwortete Pascal an Annas Stelle.

Herzlichen Dank auch! Vollidiot! Ich biss mir auf die Unterlippe, um nichts Falsches zu sagen. Keinesfalls wollte ich undankbar erscheinen. Also schaufelte ich, anstelle einer Antwort, zwei Löffel Zucker in die dampfende Flüssigkeit und rührte um. Dabei behielt ich tunlichst den linken Arm unterm Tisch.

---ENDE DER LESEPROBE---