Pia, von Beruf Rettungshund - Stephan Heinz - E-Book

Pia, von Beruf Rettungshund E-Book

Stephan Heinz

4,3

Beschreibung

Mein Name ist Pia. Die meiste Zeit meines Lebens bin ich ein normaler Hund, doch wenn der Piepser losgeht, habe ich einen Auftrag: Ich bin einer von 3500 Rettungshunden in Deutschland. Gemeinsam mit meinem Chef Stephan habe ich schon so einiges erlebt: Ich bin zum Einsatz als Trümmersuchhund im Erdbebengebiet um Fukushima nach Tokio geflogen, habe Vermisste gesucht und Lebensmüde gerettet. Tag und Nacht stehen wir Rettungsteams auf Abruf bereit, um uns auf den Weg zu machen zu unseren spannenden Einsätzen im Kampf gegen die Zeit und für das Überleben. Und das ist unsere Geschichte.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
[email protected]
1. Auflage 2013
© 2013 by mvg Verlag, 
ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Zum Schutz der Persönlichkeit der Gesuchten wurden einige Namen und Orte im Buch verändert.
Redaktion: Birgit Walter, Augsburg
Umschlaggestaltung: Pamela Machleidt, München
Umschlagabbildungen: Mit freundlicher Genehmigung von: Peter Ring (Vorderseite) und Detlef Schneider (Rückseite)
Bilder Innenteil: Mit freundlicher Genehmigung von: Detlef Schneider und THW, Willi Willig (S. 4 unten) und Heike Müller (S. 8)
Satz: Carsten Klein, München
E-Book: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN Print 978-3-86882-461-2
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-495-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-496-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.mvg-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Wer ich bin, was ich mag und wie ich in Japan den Höhepunkt meiner Karriere erlebte
Kapitel 2 Wie mich der Bundesinnenminister kraulte, wie Stephan mich aussuchte und wie ich Rettungshund geworden bin
Kapitel 3 Warum die meisten Rettungshunde nie einen Menschen retten und wie ich das Glück hatte, einen Vermissten lebend zu finden
Kapitel 4 Wie mich mein Rettungshundbellen zur Schauspielerin machte
Kapitel 5 Wie ich einmal zu spät kam
Kapitel 6 Wie ich half, einen Selbstmord zu verhindern
Kapitel 7 Wie ich einen Nackten im Wald suchte
Kapitel 8 Die alte Frau aus dem Harz, die spazieren ging und nie wieder auftauchte
Kapitel 9 Die »Europameisterschaft« der Rettungshunde in Tschechien
Kapitel 10 Der Teenager, der auf Inlineskates in die Nacht fuhr und verschwand
Kapitel 11 Mantrailer – meine neuen Schnüffelkollegen
Kapitel 12 Verschollen im Stollen
Kapitel 13 Wie ich einen Drogenspürhund traf und im Fernsehstudio einen Vermissten suchte
Kapitel 14 Linus und Minx – meine Geschwister und Nachfolger
Kapitel 15 Rettungshundezukunft
Nachruf
Danksagung von Stephan Heinz
Rettungshundeführende Organisationen (Kontakt über die Internetseiten)

Kapitel 1 Wer ich bin, was ich mag und wie ich in Japan den Höhepunkt meiner Karriere erlebte

Bequemer geht es nicht. Meine Augen sind geschlossen, und ich döse. Lang ausgestreckt, auf dem Kabinenboden, vor den Notausgängen. Meinen Kopf habe ich auf das kleine Kissen gebettet, das die Stewardess mir gebracht hat, denn natürlich will ich sofort das Geschehen verfolgen, wenn ich nach einem Nickerchen die Augen öffne. Bin schließlich ein Kontrollfreak. Wasser ist mir auch schon serviert worden. Zuerst Wasser mit Kohlensäure, igitt! Das kribbelt auf der Zunge, das ist nur was für Menschen. Also haben wir es der Stewardess zurückgegeben und neues bestellt. Stewardessen scheinen in derselben Liga zu spielen wie ich, auch wenn sie zwei Beine weniger haben. Sie erhalten Anweisungen, die sie befolgen müssen und wenn sie etwas nicht richtig machen, dürfen sie korrigiert werden. Oder habe ich das falsch verstanden? Ich studiere das menschliche Verhalten ja schon seit meiner Geburt, doch Überraschungen erlebe ich immer wieder. Hunde sind eben viel berechenbarer als Menschen. Jedenfalls steht nun Wasser ohne Kohlensäure vor mir. Es ist nur ein kleiner Napf, denn wir müssen ja noch längere Zeit in diesem engen, schmalen Raum verbringen, und es scheint keine Aussicht auf eine »Freilufttoilette« zu geben. Also lieber wenig trinken.

Übrigens, mein Name ist Pia. Und »wir«, das sind mein Chef Stephan und ich. Ich nenne ihn Chef, weil »Herrchen« für mich unpassend klingt. Ich möchte ja auch nicht als »Hundchen« bezeichnet werden. Hoffentlich denkt jetzt keiner, ich sei kompliziert! Ich bin eine ganz normale Hündin, etwa menschenkniehoch mit schwarzem, glänzendem Fell. Meine Rasse wird von euch als Labrador bezeichnet und viele denken, wir sähen besonders »süß« aus. Na wenn ihr meint … Mir ist die Optik nicht so wichtig. Ihr seht besser in Farbe, ich sehe besser auf Entfernung. Mein größtes Kapital liegt ohnehin unterhalb der Augen. Es ist dunkel, immer ein wenig feucht und kalt und hat zwei Löcher. Meine Nase zerlegt das, was Menschen als Geruch bezeichnen, in zahllose Duftmoleküle, die mein Riechhirn mit Informationen versorgen. Dieser Bereich des Gehirns ist bei Hunden fünfmal so groß wie beim Menschen. Anders gesagt: Hundenasen können Gerüche etwa tausendmal besser wahrnehmen als Menschennasen. Also kann mir nicht einmal ein Parfümtester etwas vormachen …

Wäre ich nicht unterwegs, würde ich an einem Samstagnachmittag wie diesem mit meiner Familie einen Ausflug machen oder im Garten Ball spielen. Oder – und das ist der Teil, der an meinem Hundeleben außergewöhnlich ist – ich würde mich fortbilden. Nein, ich bin kein Hund, der Blinden den Weg weist, wie ihr jetzt vielleicht denkt. Meine Aufgabe ist es, verschwundene Menschen zu finden und sie zu retten. Dafür braucht Hund nicht nur die erwähnte gute Nase, sondern muss auch ständig trainieren. Fitnessstudios für Hunde wie mich liegen normalerweise unter freiem Himmel. Meistens sind es spezielle Übungsgelände, manchmal aber auch Gelände, die uns zwischen zwei Abrissphasen für ein paar Tage oder sogar Wochen zur Verfügung gestellt werden. Meinem Chef gefällt die letzte Abrissphase am besten: Wenn ein Gebäude – Originalton Stephan – »gerade komplett kaputt geschmissen worden ist und die Trümmer kreuz und quer übereinander liegen«. Dann herrschten fast die gleichen Bedingungen wie nach einem Erdbeben oder einer Gasexplosion, sagt er. Mein Chef und ich haben viel Spaß beim Training, aber wir machen das selbstverständlich nicht zum Vergnügen, sondern proben für den Ernstfall. Womit wir wieder bei unserer aktuellen Lage sind, denn dies ist ein Ernstfall. Der größte anzunehmende überhaupt – ein Einsatz im Ausland. In Japan, am anderen Ende der Welt hat die Erde gebebt. Im Fernsehen sagen sie: So schlimm wie lange nicht mehr.

Ich bin zwar schon acht Jahre alt, also im besten Rettungshundealter, aber in einem Flugzeug war ich noch nie. Und nun geht es gleich bis nach Tokio! Das scheint viel weiter weg zu sein als Mallorca oder Teneriffa, wo die Hunde aus der Nachbarschaft mit ihren Familien Urlaub machen. Angst habe ich aber keine. Wenn Stephan, mein Chef, bei mir ist, habe ich eigentlich nie Angst – egal, ob es um mich herum blitzt, donnert oder knallt. Wenn er entspannt ist, bin ich es auch. »Normalerweise dürfen Hunde das nicht«, sagt Stephan, während er sich zu mir hinunterbeugt und meinen Nacken krault. Er weiß genau, dass ich nicht sprechen kann wie er, und trotzdem unterhält er sich oft mit mir. Ich blicke ihn fragend an, obwohl ich schon ahne, worauf er hinauswill. Schließlich kennt niemand Stephan besser als ich. Und mich kennt niemand besser als Stephan. »Wenn du nicht deinen VIP-Status hättest, könntest du hier nicht so lässig liegen«, erklärt er und zwinkert mir zu. »Du müsstest in deiner Transportbox im Frachtraum reisen. Und nach der Landung würden dich die Japaner mindestens zwei Wochen lang in Quarantäne stecken.« Allein in meiner Box zu sein, gefällt mir nicht besonders gut. Und wenn dann auch noch jemand seine Hand durch die Stäbe streckt, weil er meint, er müsse mich streicheln, dann werde ich bissig. Rettungshund hin oder her – das darf nur Stephan. Nicht umsonst hat mein Chef vier Sticker mit Stoppschildern an die Box geklebt – zwei oben für die Erwachsenen, zwei unten für Kinder. Ich mag Kinder, doch wenn Eltern ihnen vermitteln, Labradore seien so was wie lebendige Teddybären, dann können sie ganz schön nerven. Und überhaupt: Warum gehen so viele Menschen davon aus, dass Hunde zu jeder Zeit gerne gestreichelt werden? Bevor zwei Menschen sich untereinander streicheln, müssen sie sich doch auch erst mal näherkommen und den richtigen Augenblick erwischen …

In Quarantäne gesteckt zu werden, erscheint mir allerdings fast noch schlimmer, als Streicheleinheiten aufgezwungen zu bekommen. Qua-ran-tä-ne – allein das Wort klingt wie abgelaufenes Trockenfutter! Wie ich gehört habe, lebt Hund dabei allein in einem Raum, darf nicht mit anderen spielen, bekommt merkwürdige Dinge zu fressen und langweilt sich zu Tode. Wie schrecklich! Da bin ich lieber bei meinem Chef und weiß, was mich erwartet. Wo Stephan mit mir hingeht, gibt es keine Quarantäne. Dafür jede Menge Freiheit und Abenteuer. Wir haben schon viel zusammen erlebt, und mein Instinkt sagt mir, dass die Reise nach Japan ein neuer Höhepunkt unserer Karriere werden könnte.

Der Flughafen, von dem wir vor gestartet sind, heißt Frankfurt-Hahn, liegt aber nicht in Frankfurt, sondern in einer hügeligen Gegend, in der viel weniger Menschen und noch viel weniger Hunde leben. Die Fahrt dorthin war relativ kurz, also scheint der Flughafen in der Nähe des Hauses in Lahnstein zu liegen, in dem wir – Stephan, Anne, mein Bruder Linus, der Kater Lutz und ich – wohnen. Linus stammt zwar von einem anderen Züchter, ich nenne ihn aber trotzdem Bruder, weil wir in der gleichen Familie leben. Gestern hat Stephan eine Notfall-SMS erhalten, und obwohl er sicher insgeheim damit gerechnet hat, spürte ich, wie aufgeregt er war. Wenn irgendwo auf der Welt eine Katastrophe passiert, kann es nämlich immer sein, dass Stephan und ich gerufen werden, um den Menschen zu helfen. Auf Stephans Fernseher liefen seit gestern pausenlos Sondersendungen über Japan. Überall eingestürzte und überflutete Häuser. Und Autos, die im plötzlich im Meer schwimmen wie die Gummibälle, die Stephan mir manchmal zum Apportieren in den See wirft. »Da müssen wir hin, Pia«, hat Stephan zu mir gesagt und dabei mit seinen Fingernägeln gespielt. Das macht er immer, wenn er aufgeregt ist. Ich beobachte genau, wie Stephan sich im Alltag verhält: Wie er steht, sitzt, läuft – und wie sich seine Stimme anhört. Sobald sich etwas ändert, fällt es mir auf.

Mit Nachnamen heißt Stephan so wie manche Zweibeiner mit Vornamen: Heinz. Er arbeitet beim Technischen Hilfswerk, von den meisten Menschen kurz THW genannt, im Büro. Und in seiner Freizeit ist er Gruppenführer der Biologischen Ortung. So wird in der THW-Sprache die Rettungshundestaffel genannt. Wenn Stephan nicht arbeitet, sind wir fast immer zusammen unterwegs. Meistens sind auch noch Anne und Linus dabei. Linus ist von Anne ebenfalls als Rettungshund ausgebildet worden. Er schnüffelt aber nicht für das THW, sondern für die Freiwillige Feuerwehr, und wenn er groß ist, würde er auch gerne mal im Ausland arbeiten.

Jedes Wochenende treffen Stephan und ich uns mit anderen Rettungshundeteams und üben, wie man Menschen findet, die sich verlaufen haben oder verschüttet worden sind. Wenn Stephan bei einer Bank, als Lehrer oder als Maler arbeiten würde, müsste er sich die Zeit für sein Hobby noch besser einteilen. Als Rettungshundeführer muss er nämlich permanent erreichbar und von einer Minute auf die andere einsatzbereit sein. Stephans Handy und sein Piepser sind immer eingeschaltet – das ganze Jahr über, jeden Tag, jede Minute, egal, ob Weihnachten oder Ostern ist, ob Stephan schläft oder einen Arzttermin hat »Wie bei einem Herzschrittmacher«, sagt Stephan, »den kannst du auch nicht ablegen oder zwischendurch ausschalten.« Einsätze beginnen oft mitten in der Nacht, und wir sind dann erst am frühen Morgen wieder zu Hause.

Immer auf dem Sprung zu sein, das macht nicht jeder Arbeitgeber mit. Da Stephan bei einer Katastrophenschutzorganisation angestellt ist, hat er es leichter als die meisten anderen Hundeführer: Er kann Hobby und Beruf verbinden. »Als Rettungshundeführer musst du ganz schön einen an der Klatsche haben«, sagt Stephan gerne, wenn er auf die vielen Einsätze und Trainingseinheiten angesprochen wird, die in seiner Freizeit stattfinden. Das meint er aber nicht ernst. Übersetzt bedeutet es, dass er sich gar nichts Besseres vorstellen kann, als mit mir unterwegs zu sein, um anderen Menschen zu helfen.Unsere Ausrüstung steht zu Hause jederzeit griffbereit im Flur. In einem Rucksack, den Stephan »Daypack« nennt, sind die wichtigsten Dingen für einen Einsatz zusammengepackt: eine kleine Decke, etwas Trockenfutter und Wasser für mich, dazu Essgeschirr, eine Taschenlampe, ein GPS-Gerät, Ersatzhandschuhe, Batterien, ein T-Shirt zum Wechseln für Stephan sowie Verbandsmaterial für Hund und Mensch. Auch hier im Flugzeug hat Stephan diesen kleinen Rucksack dabei. Allerdings hat er die Scheren und die anderen spitzen Gegenstände beim Einchecken in die große Tasche gesteckt, da sie im Handgepäck verboten sind. Außerdem trägt Stephan meinen Impfpass und ein Testatheft, das meine Ausbildung und meine Prüfungen dokumentiert, bei sich. In beiden steht mein voller Name: Pia von der Constanze. Wie alle anderen Hunde bekommen auch wir Rettungshunde die üblichen Impfungen gegen Tollwut, Staupe und Co. Die Hundeführer dagegen brauchen einen speziellen Schutz. Insgesamt elf Impfungen – nur so ist sichergestellt, dass sie jederzeit an jedem Ort der Welt eingesetzt werden können – auch da, wo es besonders heiß ist und Krankheiten vorkommen, die es bei uns zu Hause nicht gibt. Jeder THW-Mensch muss selbst darauf achten, dass sein Impfschutz aktuell ist, denn am Flughafen kann nicht mehr nachgeimpft werden.

Als mir der Geruch des von den Stewardessen verteilten Essens in die Nase steigt, ist es erst einmal vorbei mit dem Dösen. Langsam, wie in Zeitlupe, richte ich mich auf. Stephan reagiert zuverlässig auf meinen zeitgleich abgeschickten »Ich möchte etwas abhaben«-Blick und überlässt mir ein weiches Etwas, das Mensch Muffin nennt. Ein guter Deal: Ich bekomme den Muffin und Stephan die Verpackung. Ist er so großzügig, weil er gerade keinen Hunger hat? Oder mag er keine Muffins? Ich jedenfalls esse fast alles gerne – außer Kiwis und Paprika. Anscheinend bestätige ich die über Labradore kursierenden Vorurteile: frisst viel, schwimmt gerne, ist zu allen freundlich. Obwohl: So besonders gerne schwimme ich gar nicht, und auch meine Freundlichkeit stößt an Grenzen. Dafür ist meine Fressleidenschaft fast grenzenlos. »Wenn du nicht aufpasst, frisst Pia für zwei oder drei«, sagt Stephan. Keine Ahnung, ob er damit zwei Menschen oder zwei Hunde meint. Spontan frage ich mich, wer eigentlich mehr Nahrung verdrückt: ein erwachsener Mensch oder ein ausgewachsener Labrador? Das müsstet ihr Menschen mir mal erklären. Zu Zahlen habe ich nämlich kein besonders gutes Verhältnis. Selbstverständlich nehme ich wahr, ob ein, zwei oder drei dieser leckeren Muffins vor mir liegen, aber im zweistelligen Bereich denke ich nur in den Kategorien »viel«, »sehr viel« und »unglaublich viel«. Das ist in jedem Fall mehr als drei, und zur Not zählt Stephan für mich mit. Menschen scheinen ja generell von Zahlen ganz besessen zu sein, sogar Stephan und mir habt ihr eine eigene zugewiesen: 1350. Ganz allein gehört uns diese Ziffer aber nicht: Sie wird DIN-Norm genannt, und offenbar bekommen sie alle deutschen Rettungshundeteams, die ihre Prüfungen bestanden haben. Unsere DIN-Norm ist auch in meine Hundemarke eingraviert, die an meinem Halsband hängt. »Wir sind geprüft und normiert, Pia«, sagt Stephan immer und schmunzelt dabei, »wäre auch ein Wunder, wenn sie uns vergessen hätten, wo sie doch sogar Toilettenpapier normieren.«

Für mich gibt es aber nicht nur eine DIN-Norm: Als »RH«, der nach erfolgreicher »BH« in den Sparten »RH-FL« und »RH-TR« ausgebildet worden ist, mit seinem »RHF« ein »RHT« bildet und damit Teil einer »RHS« ist, habe ich längst gelernt, dass die Menschen nicht nur Zahlen lieben, sondern auch Abkürzungen – besonders in meiner Branche. »RH« steht für Rettungshunde, »BH« für Begleithundeprüfung, »FL« für Fläche, »TR« für Trümmer, »RHF« für Rettungshundeführer, »RHT« für Rettungshundeteam und »RHS« für Rettungshundestaffel. Zugegeben: Wenn ich sprechen könnte wie ein Mensch, würde ich auch lieber die Abkürzungen benutzen, statt mir bei diesen umständlichen Wörtern die Zunge zu brechen.

Nach Japan fliegen Stephan und ich als Teil der »SEEBA«. Das steht für »Schnelleinsatzeinheit für Bergung im Ausland«. Bei SEEBA-Einsätzen wird Stephan, anders als bei den Notfällen im Inland, nicht über seinen Piepser informiert, sondern über eine SMS. Wir rücken dann auch nicht sofort aus, sondern haben rund sechs Stunden Zeit, bis wir uns am Flughafen oder einem anderen Ort einfinden müssen. Das heißt aber nicht, dass wir uns auf Vorrat ausruhen können: Stephan muss von der Arbeit nach Hause fahren, seine und meine Sachen vorbereiten, seine privaten Termine verschieben und die Strecke bis zum vereinbarten Treffpunkt zurücklegen. Da sind sechs Stunden im Pfotenumdrehen vorbei.

Bei unserem aktuellen Einsatz ist die Alarm-SMS verschickt worden, weil die japanische bei der deutschen Regierung Hilfe angefordert hat. Ein Fall für das THW – und weil in Japan damit zu rechnen ist, dass Verschüttete gesucht werden müssen, haben Stephan und seine Kollegen, die jetzt mit im Flieger nach Tokio sitzen, nicht nur Ortungs- und Bergungstechnik, sondern auch mich und zwei weitere Hunde mitgenommen: Remus, einen Belgischen Schäferhund, der genauso alt ist wie ich, und Blue, einen Border-Collie-Mix. Wir drei kennen uns schon vom Training und von früheren Einsätzen und verstehen uns super. Als der oberste Chef des THW vor dem Abflug ein paar nette Worte an das Japan-Team gerichtet hat und Menschen und Hunde sich dabei in einer Reihe aufgestellt haben, hockten Remus und Blue direkt an meiner Seite. Hier im Flugzeug geht das nicht, doch immerhin liegt Remus in der gleichen Reihe, und Blue döst eine Reihe vor uns. Spielen können wir hier nicht, dafür unternehmen unsere Chefs mit uns regelmäßig Mini-Spaziergänge durch den Gang.

Mittlerweile ist es draußen dunkel geworden. Während er sich mit seinen Kollegen unterhält, spielt Stephan immer wieder mit seinen Fingernägeln und ändert seine Sitzposition. »Ich habe ein mulmiges Gefühl«, sagt er. Schon klar, warum er nervös ist: Das Erdbeben hat nicht nur jede Menge Häuser in sich zusammenfallen lassen, sondern auch eine Monsterwelle ausgelöst, die einen Teil des Landes überschwemmt und schlimme Schäden angerichtet hat. An einer Stelle ist sie auf ein Atomkraftwerk getroffen, an dem nun gefährliche Strahlung austritt. Ich merke, wie sich Stephans Anspannung auf mich überträgt. So besorgt habe ich ihn selten erlebt, und Dinge, vor denen Menschen Angst haben, sind auch für Hunde gefährlich. Vor allem, wenn ich sie weder sehen noch hören oder riechen kann. Dann kommt ein Mann dazu, den ich bisher noch nicht kannte. Er arbeitet als Strahlenschutzexperte bei der Berufsfeuerwehr und ist mitgeflogen, damit die Mannschaft im Erdbebengebiet nicht in Gefahr gerät. Bestimmt soll er auch Stephan und seinen Kollegen ihr »mulmiges Gefühl« nehmen, schließlich haben sie vor dem Abflug einen Bericht nach dem anderen über die Radioaktivität in Japan gesehen. Tatsächlich hat das Gespräch mit dem Strahlenschutzexperten eine beruhigende Wirkung, denn irgendwann verstummen die Stimmen. Stephan schließt die Augen, und auch Remus, Blue und ich schlafen ein.

Der Flughafen von Tokio, auf dem wir nach der langen Reise endlich landen, heißt Narita. »Das wäre kein schlechter Hundename – oder, Pia?«, fragt Stephan, nachdem wir das Flugzeug verlassen haben und einen langen Gang entlanglaufen. Seine Kollegen lachen, doch mir ist nicht zum Scherzen zumute: Ich muss dringend etwas erledigen. Groß und klein! Remus und Blue haben das gleiche Problem. Leute, wir haben so lange ausgehalten, und jetzt sollen wir zuerst durch etwas hindurchgehen, das »Zoll« heißt?! Kennen wir nicht, brauchen wir nicht! Nervös beginnen wir, an unseren Leinen zu ziehen. Unser Truppführer Ralf spricht mit den japanischen Beamten, doch diese verstehen ihn nicht richtig. Sie bringen weiße Tücher, die, glaube ich, Windeln heißen, und legen diese auf den Boden, damit wir darauf unser Geschäft verrichten können. Nawuff! Die sind doch für kleine Menschen, damit können wir nichts anfangen. Wir sind sicher nicht so vornehm wie manche Hundekollegen, die mit Glitzerzeug behangen in Handtaschen herumgetragen werden (wobei: Dafür können sie ja auch nichts!), aber im Gegensatz zu Zweibeinern gehen wir diesem privaten Bedürfnis unter freiem Himmel nach – und nicht in einem überfüllten Gang mit so vielen Zuschauern, als wären wir bei einer Castingshow. Ralf weiß das, und endlich scheinen die Japaner ihn zu verstehen: Wir dürfen nach draußen, obwohl es eigentlich verboten ist. Ich glaube, Menschen nennen so etwas den »kleinen Dienstweg«. Dieser führt uns zwar nicht auf eine Wiese, aber immerhin auf eine Art Bambusbeet. Wir beschnüffeln es und merken, dass wir seit langer Zeit die ersten Hunde sind, die hier ein Autogramm hinterlassen. Das Flughafenpersonal beobachtet uns, und Ralf versucht ihnen mit Händen und Füßen zu erklären, dass wir Hunde nicht auf Kommando »können« und ein bisschen Zeit und Ruhe brauchen.

Drei Hunde und ein Bambusbeet: Nach der Erleichterung wartet schon gleich die nächste Hürde auf uns. Wir werden mit unseren Chefs zusammen in einen speziellen Raum geleitet – zum Flughafen-Tierarzt. Müssen wir etwa doch in Quarantäne? Nein, sonst wären unsere Chefs nicht so ruhig. Der »Chief of Animal Quarantine Service, Narita Branch« weiß offenbar, dass wir nicht hier sind, um Urlaub zu machen, und will nur unsere Impfpässe sehen. Remus und Blue wird Blut abgenommen, um zu überprüfen, ob ihr Schutz noch ausreicht. In meinem Fall ist das nicht nötig, da Stephan mit mir in nächster Zeit zu einer Trainingseinheit nach England reisen will und mein Impfpass deshalb die neuesten Stempel aufweist.

Lustig finde ich, wie sich die Menschen mit Gesten verständigen, wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen. In solchen Momenten freue ich mich immer wieder, ein Hund zu sein. Wir müssen keine Fremdsprachen erlernen, denn wir beherrschen ein Zeichensystem, das – anders als die menschliche Fuchtelei – immer und überall verstanden wird. Bei zwischenhundlichen Begegnungen wedeln wir nach einer ersten Geruchskontrolle entweder mit dem Schwanz, oder fletschen die Zähne, wir stellen das Fell zur »Bürste« auf oder lecken dem anderen die Lefzen ab – je nachdem, wie Stimmung und Rangordnung ausfallen. Bei den Rettungshunden aus Tschechien, Polen, Luxemburg, Holland und Frankreich, die ich bisher bei internationalen Übungstreffen kennengelernt habe, hat das wunderbar funktioniert. Ich gehe davon aus, dass es hier nicht anders sein wird, und bin schon sehr gespannt auf den ersten Schnüffelkontakt mit einem japanischen Artgenossen.

Nach Abschluss der Überprüfung vermerkt der japanische Tierarzt in meiner Einreiseerlaubnis unter »Verwendung«: »Search & Rescue«. Auf geht’s, Rettungshund Pia meldet sich offiziell zur Such- und Rettungsmission.