Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sind wir schon in Polen, Frieder? In seinem Debütroman "Pierogi" reist Jerry G. Englert mit dem Fahrrad durch Polen, ein Land zwischen Hoffnungslosigkeit und Aufbruch. "Mit "Pierogi" hat Jerry G. Englert einen amüsanten und detailreichen Reiseroman über das Land zwischen Weichsel und Oder abgeliefert. Die Dialoge sind oft schnoddrig, treffen aber immer genau den Punkt." Rüdiger Schwenkert Märkische Allgemeine Zeitung
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Freunde Frieder, das Alter Ego des Autors, und Günni reisen mit dem Fahrrad durch Polen, ein Land zwischen Hoffnungslosigkeit und Aufbruch. Der amüsante und detailreiche Reiseroman schildert die Erlebnisse der beiden auf dem Weg von Krakau nach Danzig. Nebenbei erfährt man einiges über polnische Gepflogenheiten, nicht zuletzt über das polnische Nationalgericht, die Pierogi.
Jerry G. Englert lebt bei Würzburg und bereist Europa seit 20 Jahren mit dem Fahrrad. Er ist bereits 2002 mit seinem Freund Günni mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostella geradelt. Mit „Pierogi – ein R(o)adtrip“ hat er seinen Debütroman vorgelegt.
Danksagung:
Maggi, für die Begleitung auf der Tour
Rüdi, für die redaktionelle Unterstützung
Bernhard, für den technischen Support
Kai, für die Auszeit
Andrea, für die Geduld und für alles
Die kürzeste Antwort auf etwas ist es einfach zu tun.
Ernest Hemingway
Mit dem Fahrrad quer durch Polen?
Warum denn gerade Polen? Wie kommt man denn auf die Idee?
Polen. Da macht man doch keinen Urlaub - und schon gar nicht mit dem Fahrrad.
Die klauen euch eure Räder doch unter dem Hintern weg.
Tja, das waren so die Kommentare, die wir zu hören bekamen, als wir erzählten, dass wir mit dem Fahrrad zwei Wochen quer durch Polen fahren wollen.
*
Polen. Genau Polen.
Warum?
So ganz genau wussten wir es eigentlich auch nicht.
Eine längere Radtour sollte es wieder mal sein. Und natürlich nicht irgendeine Strecke, die jeder fährt.
Immerhin sind wir schon zusammen auf dem Jakobsweg zweitausend Kilometer bis Santiago de Compostela geradelt, viele Jahre bevor Hape Kerkeling medienwirksam „ich bin dann mal weg“ war und nach Veröffentlichung seines Buches jeder den Camino, wie der Jakobsweg in Spanien heißt, zur Selbstfindung gehen musste.
Immerhin sind wir auch schon mit dem Rad quer durch Deutschland gefahren, von Flensburg bis Oberstdorf.
Also warum sollten wir nicht auch quer durch Polen fahren können?
Klar. Im Gegensatz zum hochentwickelten Urlaubsland Deutschland, in dem es mittlerweile kein Fleckchen mehr gibt, durch das keine Radwege beschildert sind, gibt es in Polen so gut wie keine Radwege.
Und es gibt auch nicht in jedem entlegenen Dorf wie in Deutschland Übernachtungsmöglichkeiten.
Und beklaut wird man in Polen ja auch. So Volkes Meinung.
*
Seid ihr schon mal in Polen gewesen?
Diese Frage müssten eigentlich alle, die uns so tolle Sprüche über unsere Polen-Radtour gaben, verneinen.
Nein, keiner kennt Polen. Keiner weiß, wie es da aussieht.
Ja, es soll da ja wunderschöne Landschaften geben, hat man gehört oder mal in einem Dokumentationsfilm im Fernsehen gesehen.
Sandstrände an der Ostsee kennt man irgendwie. Masuren, auch das soll sehr schön sein.
Der eine oder andere war sogar schon mal mit einer Busreise in Krakau oder Danzig.
Aber mit dem Fahrrad? Auf eigene Faust? Ihr spinnt doch!
Eben! Weil wir eben auch mal wieder spinnen wollten, fahren wir mit dem Rad auf eigene Faust quer durch Polen.
*
Quer durch Polen, das ist auch wieder so ein Ding. Welche Strecke fährt man denn da am besten?
Mit Ausnahme des Radweges entlang der Ostsee und in den Masuren, also in den bekannten Touristengebieten, gibt es keine ausgeschilderten Radwege.
Beim Blick auf die Karte fällt als erstes auf, dass es einen großen Fluss gibt, der sich quer durch Polen schlängelt, der irgendwo in der Hohen Tatra entspringt und der bei Danzig in die Ostsee mündet. Die Weichsel. Der Nationalfluss Polens, so tausend Kilometer lang. Und die wohl wichtigsten Städte Polens, wenn auch nicht alle, aber alle können wir in zwei Wochen nicht schaffen, liegen entlang der Weichsel - Krakau, Warschau, Thorun und Danzig. Na also, das wär doch unsere Route - die Weichsel von Krakau bis zur Mündung in die Ostsee in Danzig.
Wir sind doch auch schon zusammen die Moldau von der Quelle im Böhmerwald bis zur Mündung in die Elbe geradelt.
Das machen wir.
*
Wir, das sind Günnie und Frieder, beide Ende vierzig.
Der Frieder, das bin ich. Immer perfekt organisiert. Jemand, der alles bis ins Detail plant und nichts dem Zufall überlässt.
Der Günnie, das ist der Günther. Mein Freund seit 30 Jahren. Immer chaotisch, ständig am Improvisieren und immer knapp bei Kasse.
Was für unterschiedliche Charaktere, aber ein unschlagbares Team. Bewährt über Wochen zusammen bei Radtouren auf dem Jakobsweg, auf der Tour quer durch Deutschland und der gesamten Moldau entlang.
Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an - und so ist es bei uns beiden auch.
*
"Und wie kommen wir nach Krakau und von Danzig wieder zurück?", fragte mich Günnie.
"Das muss ich halt mal recherchieren."
Als Ergebnis meiner Recherchen konnte ich Günnie dann folgendes präsentieren:
"Mit dem Zug dauert das ewig und kostet einen Haufen Geld. Günnie, das kannst du dir nicht leisten. Das wird nix mit ‚Thank you for travelling with Deutsche Bahn‘. Das kannst du vergessen."
"Und wenn wir nach Krakau und von Danzig wieder zurück fliegen, Frieder?"
"Da haben wir bei unserem Rückflug von Santiago de Compostela doch ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Weißt du noch, wie die damals unsere Räder quasi als Müll behandelt hatten und wir froh waren, dass die danach noch funktionstauglich waren. Gottseidank war der Flug damals nach der Radtour, da hatten die Räder ihren Dienst ja schon getan. Aber wenn wir nach Krakau fliegen und von dort losfahren wollen, dann sollten die Räder ja noch in Schuss sein. Also Fliegen bringt auch nix."
"Irgendjemand hat mir erzählt, dass er mit dem Rad nach Berlin gefahren ist und von dort mit einem Mietwagen zurück, das Rad im Auto dabei."
"Günnie, auch diese Variante habe ich abgecheckt - mit einem Mietwagen nach Krakau fahren, den dort abgeben und in Danzig wieder einen mieten für die Rückfahrt. Das ganze scheitert aber daran, dass es bei den Autovermietern keine One-Way-Leihe ins Ausland gibt. Du musst mit der Karre, die du hier in Deutschland mietest, auch wieder zurückfahren. Also müssten wir für zwei Wochen ein Auto mieten, mit dem Mietauto nach Krakau fahren, die Kiste dort irgendwo abstellen und dann wieder von Danzig nach Krakau zurückkommen und mit dem Auto zurückfahren. Zwei Wochen Automiete zahlen für zwei Tage, die wir es brauchen. Das wäre auch Quatsch."
"Wir könnten doch auch mit dem eigenen Auto nach Krakau fahren. Das wäre doch die einfachste und billigste Art und Weise, um nach Polen und wieder zurück zu kommen. " Wenn‘s um Geld sparen ging, dann war Günnie immer dick dabei.
"Ja schon, aber mit dem Auto nach Polen fahren? Und es dann auch noch zwei Wochen irgendwo in Krakau stehen lassen? Wie war das: Kommen Sie nach Polen, ihr Auto ist schon da. Also, das mach ich mit meinem Auto nicht. Das ist mir zu gefährlich."
"Ich fahr", sagte Günnie. "Ich hab da keine Bedenken, dass die mein Auto klauen. So eine alte Kiste, ein zwölf Jahre alter Ford Focus Kombi. Sowas klaut niemand. Die wollen neue Autos, große und teure Autos."
"Okay." Günnie fährt.
*
"Und wo stellen wir das Auto zwei Wochen lang ab, Frieder?"
"Der Organisator kümmert sich darum, Günnie."
Beim ersten Googeln gleich ein Volltreffer: Es gibt in Krakau, ziemlich nahe an der Altstadt, wo wir auch übernachten wollen, einen bewachten Parkplatz. Der Vermieter hatte eine Homepage und die war sogar auf Englisch und es gab eine E-Mail-Adresse. Ich fragte per Mail an, ob wir vom so-und-so-sten bis zum so-und-so-sten ein Auto für zwei Wochen dort abstellen können und was der ganze Spaß kostet. Die Antwort in gebrochenem Englisch kam schon am nächsten Tag: "You can park your car in our garage from ....to .... We make a reservation for you, if you want. The price is 250 Sloty."
Stolz verkündete ich daraufhin meinem Günnie: "Ich hab mitten in Krakau einen bewachten Parkplatz gefunden, kostet 60 € für zwei Wochen, das sind für jeden 30 €."
"Super. Das freut meinen Geldbeutel", jubilierte Günnie, nachdem er den günstigen Preis gehört hatte.
*
"Wie lange brauchen wir nach Krakau?" fragte mich Günnie.
"Der Routenplaner sagt 9 Stunden und 30 Minuten."
"Boa ey! Ganz schön lange. Da müssen wir ja recht früh losfahren, damit wir gegen Abend da sind und noch was von dem Sommersamstagabend in Krakau haben."
"Jo. Würde vorschlagen, dass Du so um 7 Uhr bei mir bist, dann können wir gemütlich zusammen frühstücken und dann wäre Abfahrt so um 8 Uhr. Wenn alles einigermaßen läuft, dann sind wir so abends um 18 Uhr in Krakau. Zimmer hab ich ja schon gebucht, also könnten wir uns so abends ab 20 Uhr ins Getümmel stürzen."
"Genauso machen wir das, mein Freund."
"Also, schau zu Günnie, dass du dein Zeug alles soweit richtest, damit‘s am Samstagfrüh wie geplant losgehen kann."
*
Es ging natürlich nicht wie geplant los. Günnie hatte wie immer keine Zeit, sein Zeug für die Tour herzurichten und hatte das auf den Freitagabend verschoben. Freitagabend war er natürlich wieder mal viel zu spät von der Arbeit heimgekommen, um das noch hinzukriegen.
Und so klingelte am Freitagabend das Telefon bei mir. Meine Fahrradtaschen waren schon nach Packplan abmarschbereit fertiggepackt.
"Frieder, bist du sauer, wenn ich morgen später als vereinbart komme? Bin grad erst heimgekommen und schaff‘s nicht mehr. Ich pack dann morgen früh und bin so um 9 bei dir."
"Mann, Günnie, Du hast doch ewig Zeit gehabt, um das Zeug herzurichten. Was musst du immer alles auf den letzten Drücker erledigen. Das geht ja schon gut los. Aber es nützt ja nix, wenn ich mich wieder mal über dich Chaoten aufrege. Also gut. Dann fällt aber das Frühstück für dich morgen flach. Wenn wir erst um 10 losfahren, dann wird's zu spät."
"Ja, Papa Frieder, aber eine Tass' Kaff' krieg ich schon noch, bevor wir losfahren."
"Aber natürlich, mein Günnie. Aber um 9 Uhr bist du morgen da."
*
Günnie stand tatsächlich am Samstagmorgen pünktlich um Punkt 9 Uhr bei mir vor der Haustür. Nach einer schnellen Tasse Kaffee wurde mein Rad auf dem Dachträger des guten alten Ford montiert, meine Satteltaschen verstaut und wir fuhren bestgelaunt und erwartungsvoll los.
Was würde uns in Polen erwarten? Wir hatten keine so rechte Vorstellung, was da auf uns zukommen wird. Wo werden wir übernachten können? Wie werden wir ohne Radwege vorwärtskommen? Wie werden wir uns ohne Polnisch-Kenntnisse verständigen können? Werden wir mit Englisch weiterkommen? Alles Fragen, auf die wir im Moment keine Antwort wussten.
Wir wussten nur, dass wir uns beide unheimlich auf dieses Abenteuer freuten.
*
"Hast du die Wettervorhersage gehört, Günnie? Heute soll der heißeste Tag des Jahres werden. 37 Grad im Schatten. Was für ein Kaiserwetter für den Beginn unseres Polen-Trips. Jetzt um 9 Uhr in der Früh ist es ja schon ganz schön warm, da kocht heute der Asphalt auf der Autobahn. Mach doch am besten gleich die Klimaanlage an, dann wird's nicht so heiß im Auto."
"Ähm, Frieder, ähm. Ich wollt‘s dir ja schon gestern am Telefon sagen. Es ist richtig blöd, dass das grad jetzt passiert ist."
"Was? Was wolltest du mir sagen? Was ist passiert?"
"Na ja. Weils doch heute so heiß gemeldet ist."
"Ja, und? Wir müssen doch heute noch nicht Rad fahren. Heute sitzen wir doch den ganzen Tag im klimatisierten Auto."
"Ähm, darum geht's ja. Ähm, wie soll ich‘s dir sagen?"
"Was machst du denn für ein Getue und redest um den heißen Brei herum. Sag halt einfach was los ist."
"Also gut. Aber sei nicht stinkig."
"Das kommt darauf an, was es ist. Jetzt sag halt, was los ist und mach die Klimaanlage endlich an, das wird ja immer wärmer hier drin."
"Darum geht's ja. Also, was ich sagen wollte, ist. Ähm, na ja. Die Klimaanlage hat vor 'ner Woche ihren Geist aufgegeben. Wir müssen ohne Klimaanlage auskommen."
"Waaaaas? Das ist nicht dein Ernst, oder? Du wirst mir doch nicht wirklich sagen wollen, daß wir heute bei über 30 Grad im Schatten in einem Auto ohne Klimaanlage zehn Stunden lang auf der Autobahn fahren müssen?"
"Tut mir ja leid, Frieder, aber es ist so. Ich hab ja nicht gewusst, dass es heute so heiß wird."
"Porco Dio! Das wird ja die Hölle. Wenn wir in Krakau ankommen, dann kleben uns die Klamotten am Körper und wir stinken nach Schweiß wie sonst was. Hoffentlich krieg ich keinen Kreislaufkollaps."
"Nee, wir machen halt einfach die zwei Fenster auf, dann haben wir Durchzug und dann halten wir das aus."
