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„Wenn du überlegst, auf eine Pilgerreise zu gehen, dann geh! Es ist einfacher, als es die meisten Ratgeber vermuten lassen“, ermutigt die Autorin am Ende ihres Buches alle, die gerne pilgern würden, es aber bisher noch nicht gewagt haben. In diesem Bericht über eine Pilgerreise von Bilbao nach Santiago de Compostela schreibt sie unter anderem offen über ein Tabuthema: Bettwanzen. Die Autorin begab sich kurz nach ihrem 60. Geburtstag allein auf den nordspanischen Küstenweg, wollte mehrmals aufgeben, erlebte schöne und bewegende Augenblicke, übte sich in Ausdauer und Gelassenheit und kam am Ende mit einigen wertvollen Erkenntnissen in Santiago de Compostela an. Ein Buch, das Mut macht, Herausforderungen anzunehmen und dankbar für die glücklichen Momente des Lebens zu sein.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Allein im Wald
Der Entschluss
Der Ökumenische Pilgerweg
Die Vorbereitung für den Camino del Norte
Anreise nach Bilbao
1. Tag, Las Arenas bis Pobeña: 11 km
2. Tag, Pobeña bis Castro Urdiales: 22 km
3. Tag, Castro Urdiales bis Liendo: 18 km
4. Tag, Liendo bis Santoña: 14 km
5. Tag, Santoña bis Isla: 13 km
6. Tag, Isla nach Güemes: 5 km
7. Tag, Güemes bis Santander: 15 km
8. Tag, Santander bis Santillana del Mar: Bus
9. Tag, Santillana del Mar bis Comillas: 22 km
10. Tag, Comillas bis Unquera: 30 km
11. Tag, Unquera bis Llanes: 27 km
12. Tag, Llanes bis Celorio: 6 km
13. Tag, Celorio bis Cuerres: 20 km
14. Tag, Cuerres bis Colunga: 27,4 km
15. Tag, Colunga bis Villaviciosa: 18 km
16. Tag, Villaviciosa bis Gijón: 30 km Busfahrt
17. Tag, Gijón bis Avilés: 24,8 km
18. Tag, Avilés nach Muros de Nalón: 22 km
19. Tag, Muros de Nalón bis Soto de Luiña: 17 km
20. Tag, Soto de Luiña nach Villademoros: 16 km
21. Tag, Villademoros bis Luarca: 15 km
22. Tag, Luarca bis Navia: 20 km
23. Tag, Navia bis Figueras bei Ribadeo: 30 km
24. Tag, Figueras bis San Justo: 27 km
25. Tag, San Justo bis Lousada: 24 km, (Taxi bis Abadín)
26. Tag, Abadín bis Vilalba: 21 km
27. Tag, Vilalba bis Baarmonde: 20 km
28. Tag, Baarmonde bis Miraz: 15 km
29. Tag, Miraz bis Sobrado dos Monxes: 25 km
30. Tag, Sobrado dos Monxes bis Arzúa: 21 km
31. Tag, Arzúa bis Pedrouzo: 19 km
32. Tag, Pedrouzo bis Santiago de Compostela: 21 km
33. Tag, Santiago de Compostela
34. Tag, Santiago bis Fisterra (Bus), bis Finisterre: 8 km
35. Tag, Fisterra bis Santiago de Compostela (Bus)
36. Tag, Santiago de Compostela bis Porto, Rückflug Hamburg
37. Tag, Heimkehr
Nachtrag
Ermutigung
Dank
Autorin
Impressum
Ich hocke nur mit einem T-Shirt bekleidet im Wald hinter einem Baumstamm und warte ungeduldig auf das Motorengeräusch eines Autos.
Mein Hintern brennt, so als hätte ich mich auf eine heiße Herdplatte gesetzt. Ich gieße den letzten Schluck Wasser aus meiner Trinkflasche über die feuerrote Haut, doch es lindert den Schmerz nur kurz.
Eine halbe Stunde zuvor saß ich noch entspannt am Ufer eines Sees, packte meinen Proviant aus und wollte mich von meinem ersten Pilgertag ausruhen, als ich plötzlich eine unangenehme Feuchtigkeit vom Boden aufsteigen spürte und im ersten Moment dachte, ich hätte mich zu nah ans Ufer gesetzt. Bei näherer Untersuchung entdeckte ich dann, dass auf meinem Hosenboden ein nasser Fleck entstanden war, der intensiv nach Pfeffer roch. Ich hatte meine Jacke als Sitzunterlage benutzt und mich versehentlich auf den Drückmechanismus einer kleinen Dose Pfefferspray gesetzt, die sich in kurzer Zeit vollständig entleert hatte. Das Spray hatte ich mitgenommen, um mich vor Angriffen von wilden Hunden oder wilden Männern auf einsamen Waldwegen zu schützen.
In Windeseile zog ich meine Hose und meinen Slip aus, lief ein paar Schritte in den See und versuchte, mich und die Kleidungsstücke abzuspülen, doch es war zu spät, der flüssige Pfeffer hatte meine Haut schon erreicht. In der Nähe des Sees stand ein Wohnhaus und ich hoffte inständig, dass mich niemand aus einem der Fenster beobachtete, während ich mit einem feuerroten Hintern im See herumhüpfte und versuchte, ihn mit Wasser zu bespritzen.
In meiner Not rief ich meinen Mann an und bat ihn, mich so schnell wie möglich abzuholen. Dann raffte ich meine Sachen zusammen und rannte mit wippendem Rucksack in das nahegelegene Waldstück, in dem ich nun hinter einem Baum hocke. Während ich warte, hoffe ich, dass mich keine Hunde von gassigehenden Spaziergängern erschnüffeln.
Ungeduldig rufe ich meinen Mann ein zweites Mal an, um ihn zu dem Waldstück zu lotsen und zu drängen, schneller zu fahren. Es stellt sich heraus, dass er den richtigen Abzweig, der zu meinem Versteck führt, verfehlt hat. Trotz meines brennenden Hinterteiles muss ich plötzlich lachen und schüttele den Kopf über diese absurde Situation. Es war mir tatsächlich gelungen, am Ende meines ersten Pilgertages ungeschützt mit einer leeren Pfefferspraydose halbnackt im Wald zu hocken.
Endlich höre ich ein Auto näher kommen. Vorsichtig krieche ich mit dem Rucksack in der einen und mit den nassen Sachen in der anderen Hand aus dem Unterholz. Mein Mann grinst breit, als ich nur mit dem Shirt bekleidet aus dem Wald komme und schnell auf den Beifahrersitz schlüpfe. Mir ist inzwischen nicht mehr zum Lachen und ich knurre ihn nur an, er möge mich so schnell es geht nach Hause bringen, damit ich mich im Bad gründlich abspülen kann.
Auf die Idee zu Pilgern war ich erst ein paar Monate zuvor gekommen. Es war Anfang März, der Winter stemmte sich noch einmal mit aller Macht dem Frühling entgegen und heulte in Gestalt eines wütenden Orkans um unser einsames Haus. Die drei jungen Birken im Garten beugten sich bei jeder Sturmböe demütig beinahe bis zur Erde hinab.
Auf der Insel unseres Gartenteiches brütete eine Wildgans. Sie saß tief geduckt auf ihrem Nest aus Zweigen und Grasbüscheln und verschmolz in ihrem graubraunen Federkleid vollkommen mit ihrer Umgebung.
Nur ihr orangefarbener Schnabel leuchtete, sobald sie kurz den Kopf hob.
Ich saß mit einer starken Erkältung im Bett und trank einen Schluck Ingwertee, dann lehnte ich mich wieder zurück an meine Kissen und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Annähernd zwei Wochen war ich nun schon krank, las Bücher und schaute auf meinem Laptop Filme, als ein Bericht über den Jakobsweg mein Interesse weckte. Ich erfuhr, dass es einen Küstenweg durch Spanien gibt, der parallel zum berühmten Camino Francés, teilweise direkt am Meer entlangführt und schaute mir einige Videos und Berichte an, die Pilgerinnen und Pilger veröffentlicht hatten.
Im Laufe der nächsten Tage verglich ich im Internet Preise von Ausrüstungsgegenständen für Wandertouren und erstellte Packlisten mit allem, was zum Pilgern benötigt wird. Ich las noch mehr Erfahrungsberichte und bestellte Bücher, in denen Frauen, die allein durch Spanien gepilgert waren, ihre Erlebnisse beschrieben hatten. Als zwischendurch mein Blick mal wieder auf die Gans fiel, fragte ich mich, was ich hier eigentlich seit Wochen ausbrütete.
Es war offensichtlich, dass ich mich darauf vorbereitete, selbst irgendwann einmal auf eine Pilgerreise zu gehen. Doch noch war es nur eine vage Idee und für mich unvorstellbar, alleine durch ein mir fremdes Land zu wandern.
Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 90er Jahre das erste Mal von einem Jakobsweg, der Hunderte Kilometer durch Spanien führen würde, gehört hatte.
„Ein Freund von mir läuft gerade den Jakobsweg“, sagte damals meine Freundin Jolanda.
Wir waren Anfang 30, saßen in ihrer Küche, tranken Rotwein und philosophierten über das, was uns damals im Leben wichtig und wertvoll war.
„Was ist denn das für ein Weg?“, fragte ich.
„Der Jakobsweg führt quer durch Spanien“, antwortete sie. „Den gehen in letzter Zeit immer mehr Leute. Fast 1000 Kilometer soll er lang sein.“
„Wieso gehen die Leute plötzlich 1000 Kilometer zu Fuß?“, fragte ich sie verwundert.
Ich konnte damals Wandertouren nichts abgewinnen und fand, dass ich täglich genug im Haushalt, im Garten und mit den Kindern umherlief.
„Ich weiß es auch nicht“, sagte sie. „Das ist ein Pilgerweg. Am Ende kommen alle zu einer großen Kathedrale, darin sollen die Knochenreste von dem heiligen Jakob liegen. Das ist einer der zwölf Apostel.“
„Aha“, sinnierte ich, „irgendwie unvorstellbar, findest du nicht? Wieso läuft jemand so weit wegen ein paar alter Knochen?“
Jolanda zuckte mit den Schultern.
„Das hat wohl irgendwas mit Vergebung von Sünden zu tun“.
Damals dachte ich, der Jakobsweg sei ein schmaler, unbefestigter Pfad. In meiner Vorstellung war das Pilgern eine äußerst beschwerliche Art der Fortbewegung, voller Entbehrungen und Mühsal. Ich dachte, dass alle Pilger schmutzig und schweißüberströmt mit schwerem Rucksack und aufgescheuerten Schultern, auf staubtrockenen, schattenlosen Wegen, mit Füßen voller Blasen, durch einsame Landschaften wanken würden.
Abends, so stellte ich mir vor, würden sie durstig und mit sonnenverbrannter Haut in primitiven Herbergen ankommen, hätten kaum Waschgelegenheiten und müssten ihre wundgelaufenen Füße verarzten. Ich glaubte, Pilgerherbergen seien Unterkünfte, in denen Holzpritschen mit harten Matratzen und kratzigen Decken eng nebeneinander stehen und es von Läusen, Flöhen und Wanzen nur so wimmeln würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, warum jemand freiwillig solche Strapazen und Entbehrungen auf sich nimmt, und fragte mich, welche Motivationen wohl dahinter stünden. Vermutlich, so dachte ich, würden ausschließlich religiöse Menschen pilgern, welche tief in ihrem katholischen Glauben verwurzelt wären und sich diese Quälerei als Buße und Selbstkasteiung für ihre Sünden ausgewählt hätten.
Einige Jahre später lernte ich ein Ehepaar kennen, das Jahr für Jahr in mehreren Etappen durch Spanien pilgerte. Mir wurde klar, auf diese Weise war es auch möglich zu pilgern, es musste nicht der gesamte 800 Kilometer weite Weg quer durch Spanien auf einmal sein, man konnte sich die Strecke auch über mehrere Jahre in kurze Etappen einteilen.
Das Paar erzählte, dass sie vor jeder Pilgerreise wochenlang ihre Füße pflegen würden, sie täglich badeten und mit einer speziellen Salbe eincremten. Nach dieser Behandlung hätten sie „babyweiche“ Füße. Auf meine verwunderte Frage, weshalb sie das täten, erklärten sie, dass sich auf Hornhaut und an alten Druckstellen viel schneller Blasen bilden würden. Mir fiel auf, dass ihre Augen jedes Mal strahlend leuchteten, wenn sie von ihren Pilgerreisen erzählten.
Ich saß noch ein paar Tage, umgeben von Taschentüchern, Ingwertee und Pilgerlektüre im Bett und dachte nach. Hin und wieder schaute ich zur Graugans, die still auf ihrem Nest saß. Wollte ich tatsächlich allein durch Spanien pilgern? In den Videos hatte ich gesehen, dass der Küstenweg durch malerische Landschaften führt, durch Wälder, an weiten Buchten entlang, vorbei an weißen Sandstränden, durch Dörfer und durch alte Hafenstädte.
Als meine Packliste fertig war und ich alles, was ich im Internet über das Pilgern finden konnte, gesehen und gelesen hatte, war ich wieder gesund und mein Entschluss stand fest. Ich würde eines Tages auf diesem Küstenweg nach Santiago de Compostela pilgern.
Doch vorerst wollte ich das Wandern in Deutschland üben. Ich brauchte einen sicheren, schattigen, weichen Weg mit Herbergen und Unterkünften, die möglichst nur wenige Kilometer voneinander entfernt waren. Bei meinen Recherchen erfuhr ich, dass es in Deutschland ein flächendeckendes Netz von Jakobswegen gibt. Einer davon ist der Ökumenische Pilgerweg. Er führt von der polnischen Grenze in Görlitz über Leipzig, Erfurt bis nach Hessen und ist 450 Kilometer lang. Die Pilger auf diesem Weg werden von etwa 50 Herbergseltern betreut, die sich einmal im Jahr versammeln, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie erneuern regelmäßig die Wegmarkierungen, bringen die blauen Schilder mit dem Symbol der Jakobsmuschel an, frischen die gelben Pfeile mit Farbe auf und betreuen die pilgernden Menschen in den Unterkünften.
An diesem Weg reihen sich private und kirchliche Herbergen, Pensionen und sogar einige Hotels in Abständen von nur wenigen Kilometern aneinander, die allen Menschen mit einem Pilgerausweis für wenig Geld als Übernachtung zur Verfügung stehen. Da ich in meinem Leben bisher nie weiter als 10 Kilometer am Stück gelaufen war, schien dieser Weg für mich bestens geeignet. Ich bestellte beim Verein des Ökumenischen Pilgerweges einen Pilgerausweis und einen Pilgerführer mit Wegbeschreibungen, Adressen und Telefonnummern aller Unterkünfte. Außerdem kaufte ich zwei Landkarten, die für diesen Weg angeboten wurden.
Ich lieh mir einen großen Rucksack, kaufte Wanderschuhe, Wanderstäbe, einen Sonnenhut und alles, wovon ich glaubte, dass es zum Pilgern unverzichtbar sei.
Es war, als ob der Weg mich unablässig riefe und fühlte sich wie ein Sog an, doch ich hatte auch einige Befürchtungen. Ich stellte mir vor, wie gefährlich es für mich als Frau sei, allein durch einsame Wälder und Landschaften zu wandern. Ich nahm an, dass ich es mit meiner Kondition nicht schaffen würde, so weit zu gehen und dachte, ich wäre zu alt, meine Gelenke könnten bleibende Schäden zurückbehalten und fürchterliche Sonnenbrände wären unvermeidlich. Und ich war mir ziemlich sicher, dass ich zu schwach wäre, mehr als drei Stunden am Tag zu laufen.
Dennoch konnte mich nichts von all dem abhalten, loszuwandern. Das Pilgern war für mich eine Herausforderung, etwas zu wagen, bei dem die Sehnsucht, es zu tun, größer war als die Angst davor.
Ich hatte keine schwerwiegenden Verluste zu verkraften, keine Schicksalsschläge zu verschmerzen oder wichtige Entscheidungen zu treffen, es gab keinen Beweggrund, welcher Anlass gewesen wäre, mich auf den Jakobsweg zu begeben. Der einzige Beweggrund, also der Grund, mich zu bewegen, war der immer lauter werdende Ruf, mich aufzuraffen und den ersten Schritt zu wagen.
Im September 2016 fuhr ich mit dem Zug nach Görlitz, dem Startpunkt des Ökumenischen Pilgerweges. Ohne Pfefferspray.
Ich wollte es langsam angehen lassen, wählte den vermeintlich kühlen September für meine erste Pilgertour und plante, anfangs nur kurze Strecken zu wandern. Doch der Weg hatte etwas anderes mit mir vor. Der September zeigte sich von seiner heißesten Seite. Ich bin an meinem ersten Pilgertag bei 32 °C im Schatten gleich 24 Kilometer gewandert. Die Herberge, in der ich eigentlich übernachten wollte, war geschlossen, ich musste viel weiter gehen, als ich ursprünglich geplant hatte. Am späten Nachmittag kam ich vollkommen erschöpft bei einer privaten Pension an. Meine Füße hatten sich in zwei schmerzende Fremdkörper verwandelt. Ich glaubte, keinen einzigen Schritt mehr gehen zu können.
Die rundliche Pensionsbesitzerin saß auf einer Bank vor ihrem Haus und schüttelte, auf meine Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit, bedauernd den Kopf. Sie erklärte, dass alle Zimmer belegt seien, nicht nur von Pilgern, sondern auch von Handwerkern, die sie ebenfalls beherbergen würde. Ich bat sie, mich zumindest ein Weilchen neben sie auf ihre Bank setzen zu dürfen.
Sie schaute mich mitfühlend an und dachte nach, dann erhellte sich ihr rundliches Gesicht und sie sagte, ich könne in ihrem Wohnzimmer schlafen. Wir gingen ins Haus und sie zeigte mir das Sofa in ihrer Guten Stube. Ich war so froh, dass ich ihr beinahe vor Erleichterung um den Hals gefallen wäre. Doch als ich meinen Schlafsack ausbreiten wollte, sagte sie, es täte ihr leid, denn es ginge doch nicht, sie hätte ganz vergessen, dass die Handwerker ja jeden Abend in ihrem Wohnzimmer fernsehen und ihr Feierabendbier trinken würden.
Mich hätten die biertrinkenden Handwerker nicht gestört, doch die gute Frau führte mich in ihr privates Schlafzimmer und meinte, sie würde heute Nacht selbst im Wohnzimmer auf dem Sofa übernachten. Ich war sprachlos über so viel Gastfreundlichkeit und Vertrauen und fragte mich, ob ich selbst spontan einem wildfremden Menschen mein Bett überlassen würde. Meine erste Nacht auf dem Pilgerweg verbrachte ich also in einem gemütlichen Schlafzimmer unter einem weichen Federbett, zwischen plüschigen Kissen und Teddybären und konnte mein Glück kaum fassen. Am nächsten Morgen wachte ich erholt und ausgeschlafen auf. Alle Schmerzen waren verschwunden. Nach einem üppigen Frühstück mit selbst gemachter Marmelade und Eiern von den Hühnern meiner Gastgeberin ging ich gestärkt und frohen Mutes weiter.
Meine erste Pilgerreise dauerte zehn Tage. Geblieben sind mir einige wunderbare Erinnerungen, ein paar Handyfotos und eine neue Sucht: ich war pilgersüchtig geworden und begab mich seitdem jedes Jahr im Frühling und im Herbst für ein bis zwei Wochen auf Wanderschaft. Jedoch vorerst nur in meinem Heimatland.
Ich bin oft gefragt worden, warum ich pilgere. Einer der Gründe ist die Freude an der Einfachheit dieser ältesten Fortbewegungsart. Ich drehe mich gerne ab und zu um und bin verblüfft, wie schnell und wie weit mich meine Füße schon getragen haben. Ich mag die Langsamkeit, mag es, oft stehen zu bleiben und die Schönheit der Erde zu betrachten. Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, dass ich am Ende einer Pilgerreise hunderte von Kilometern aus eigener Kraft gewandert bin.
Es sind die Begegnungen, die Gespräche, die Pflanzen, die Tiere und die Früchte am Wegesrand, die das Pilgern für mich so einzigartig machen. Es sind Momente, in denen Tränen fließen, vor Dankbarkeit über das Leben und über das Wunder der Schöpfung oder ausgelöst durch eine überwältigende Einsicht, die meine Seele berührt. Das Kostbare am Pilgern ist für mich der innere Frieden, der sich einstellt, wenn die Gedanken für kurze Zeit pausieren, weil der Rhythmus des Gehens den Geist still werden lässt.
Das Gehen ist wie eine bewegte Meditation – im wahrsten Sinne des Wortes: eine Gehmeditation. Mir gefällt es, am frühen Morgen bei immer unterschiedlichen Sonnenaufgängen unterwegs zu sein und jeden Abend an einem andern Ort anzukommen.
Ich mag es, mir nichts entgehen zu lassen und kann darüber lachen, wenn ich dennoch unaufmerksam bin und über eine Wurzel stolpere. Das Besondere in dieser Zeit ist auch die erhöhte Achtsamkeit für die Bedürfnisse des Körpers, mich jeden Morgen darüber zu freuen, wie gut sich alle Muskeln über Nacht erholt haben und wie angenehm es ist, ohne Beschwerden weiterzugehen.
Ich nenne es Pilgern, mal nenne ich es Wandern, dann wieder Gehen und ab und zu ist es nur noch ein mühsames Humpeln. Das Pilgern ist für mich eine zutiefst berührende Zeit, in der ich mich auf das Wesentliche besinnen kann.
Drei Jahre später, an meinem 60. Geburtstag beschloss ich, mir meinen lang gehegten Traum zu erfüllen und noch im Herbst desselben Jahres durch Nordspanien nach Santiago de Compostela zu wandern. Ich dachte, wenn ich noch länger zögern würde, dann könnte es vielleicht zu spät sein und ich würde nicht mehr genug Mut und Kraft für eine wochenlange Wanderung aufbringen können. Dass ich auf dem Jakobsweg Pilgerinnen treffen würde, die 20 Jahre älter als ich waren, ahnte ich damals noch nicht.
Für die Zusammenstellung meiner Ausrüstung nahm ich mir viel Zeit, las Erfahrungsberichte und Bewertungen, erfuhr, dass gute Wanderschuhe und ein leichter Rucksack die Chance erheblich erhöhen, Santiago de Compostela tatsächlich zu erreichen.
Ich war schon bei meinen Pilgertouren quer durch Deutschland geizig mit jedem Gramm Gewicht, sowohl bei der Ausrüstung als auch bei der Kleidung. Trotzdem schickte ich jedes Mal nach ein paar Tagen ein Päckchen mit überflüssigen Sachen nach Hause. Bei meiner ersten Tour wog das Päckchen ein ganzes Kilo. Es war mit Kleidungsstücken und unnötigen Kleinigkeiten gefüllt.
Es war nicht so, dass ich, um Gewicht zu sparen, Zahnseide aus der Verpackung zog und Textiletiketten aus der Kleidung trennte, doch ich füllte Cremes in federleichte Plastikdöschen, nutzte eine dünnwandige Tupperdose und verwendete meine Haarseife auch als Waschmittel und zum Duschen.
Für meine wochenlange Pilgertour durch Spanien brauchte ich vor allem einen speziellen Rucksack. Ich fuhr nach Berlin, um mir in einem Fachgeschäft für Wanderausrüstung einen Pilgerrucksack zu kaufen. Nachdem ich eine Stunde mit verschiedenen, voll bepackten Rucksäcken durch den Laden hin und her gewandert war, entschied ich mich für ein mittelgroßes Modell mit stabilem Tragesystem. Während ich mit dem Rucksack durch die Straßen von Berlin lief, bemerkte ich, dass die Träger knarrten. Es klang, als hätte ich eine Kröte auf dem Rücken. Ich ging zurück zum Laden, um den Rucksack umzutauschen, doch alle Rucksäcke des gleichen Modells knarrten ebenfalls. Enttäuscht ließ ich mir das Geld zurückgeben und fuhr wieder nach Hause.
In den nächsten Wochen bestellte ich verschiedene Rucksäcke im Internet. Am Ende kaufte ich einen relativ großen Wanderrucksack. Er war bequem zu tragen und fabrizierte keine lästigen Knarrgeräusche. Vor allem wog er nur knapp ein Kilo und trotzdem passten 55 Liter hinein. Das war eigentlich zu geräumig für eine Pilgertour und hätte mich dazu verleiten können, mehr als nötig einzupacken. Doch ich war mir sicher, dass ich nur das Wichtigste
mitnehmen würde. Der einzige Nachteil meines ultraleichten Rucksacks bestand darin, dass er mit keinem stabilen Tragesystem ausgestattet war.
Kurze Zeit später bekam meine Enkeltochter zu ihrem 15. Geburtstag einen 35 Liter Wanderrucksack mit integrierter Rückenbelüftung geschenkt. Sie ließ mich testen, ob mein gesamtes Pilgergepäck in ihren kleinen Rucksack passen würde. Erstaunlicherweise passte alles hinein, es blieb sogar noch Platz für Proviant. Nur meine Windjacke band ich obendrauf. Ich war sofort begeistert, dieses Modell schien wie für mich gemacht und passte sich wunderbar meinem Rücken an. Meine Enkelin erklärte sich bereit, mir ihren neuen Rucksack zu leihen.
Doch am nächsten Tag war ich mir nicht mehr sicher, ob dieser Rucksack wirklich so viel besser ist als meiner. Kurz vor der Abreise packte ich noch mehrmals alle Sachen aus meinem Rucksack in ihren und wieder zurück und wanderte bepackt durch Haus und Garten. Zum Glück hatten wir keine Nachbarn, die sich über mein eigenartiges Gebaren wundern konnten.
Am Ende entschied ich mich doch für den Rucksack meiner Enkeltochter.
Nach wochenlanger Vorbereitung verlasse ich heute meine Komfortzone, mein gemütliches Zuhause, mein breites Bett mit den kuscheligen Decken, die geborgene Sicherheit meiner Privatsphäre und wage es, mich auf den uralten Pilgerweg durch Spanien zu begeben. Auf dem Bahnhof beim Abschied vom besten Ehemann der Welt drücke ich die aufsteigenden Tränen weg. Es wird schon alles gut gehen, denke ich und steige entschlossen in den Zug.
Nach der Aufregung der letzten Tage, der Frage, ob ich vielleicht doch lieber den Mosel Camino gehe und besser weiterhin in dem mir vertrauten Deutschland umherpilgere, nach dem Kauf einer Fahrkarte nach Koblenz, die nun verfällt und der schwerwiegenden Entscheidung, welchen Rucksack ich wähle, reise ich heute zum Ausgangsort meiner Pilgertour, nach Bilbao an der Atlantikküste Nordspaniens. Kaum bin ich auf dem Hauptbahnhof in Berlin angekommen, gehe ich in ein Taschengeschäft und schaue mich suchend nach Wanderrucksäcken um. Es ist wie eine fixe Idee, mir in letzter Minute noch den absolut perfekten Rucksack zu kaufen. In dem Laden gibt es nur Hartschalenkoffer in verschiedenen Größen und kleine Tagesrucksäckchen.
In Wahrheit befürchte ich, auch mit dem besten Rucksack die Strapazen des Pilgerns nicht durchzustehen. Zumal ich etwas übergewichtig bin. Erschwerend kommt hinzu, dass ich keinen Satz fehlerfrei auf Spanisch sprechen kann.
Am Flughafen in Tegel frage ich am Informationsschalter, ob es vielleicht ein Outdoorgeschäft und eine Poststelle gäbe. Die Poststelle brauche ich, um gegebenenfalls meiner Enkeltochter ihren Rucksack zurückzuschicken. Die freundliche Dame am Schalter erklärt mir in gebrochenem Deutsch, dass ich ganz bis ans andere Ende des Flughafengebäudes gehen müsse. Dort angekommen, bleibe ich vor der Tür zur Aussichtsplattform stehen. Outdoor – steht auf einem Schild. Die Frau hat mich falsch verstanden und dachte, ich wolle die Aussicht vom Dach auf den Flughafen genießen. Lächelnd verabschiede ich mich nun endgültig von der Hoffnung, mir noch kurz vor Abflug einen besseren Rucksack kaufen zu können. Stattdessen will ich den Rucksack meiner Enkelin in Folie wickeln lassen, damit er zwischen den Koffern im Frachtraum besser geschützt ist. Nach einigem Suchen finde ich die Wickelstation. Während sich der Rucksack auf der Vorrichtung dreht und dreht, dabei von unzähligen Schichten Plastikfolie umhüllt wird, lese ich ein Hinweisschild, auf dem steht, dass die Verpackung 10 Euro kostet. Zu spät. Ich dachte, der Service sei kostenlos.
Bei der Gepäckausgabe in Bilbao rutscht mein Rucksack, der aussieht wie eine Plastikraupe, vom Förderband und fällt in die Mitte, sodass ich peinlicherweise das Band anhalten lassen muss. Ein Flughafenangestellter rettet meine dicke Raupe und überreicht sie mir vor aller Augen. Die eng gewickelte Folie mit den Fingern zu entfernen, gestaltet sich als äußerst schwierig. Mein Messer befindet sich natürlich nicht im Handgepäck, sondern in den Tiefen der Mumie.
Mühsam reiße ich mit Fingernägeln und Zähnen Schicht um Schicht ab, bis ein kleines Loch im Plastikkokon entsteht und ich mich zu meinem Kulturbeutel mit der Nagelschere vorarbeiten kann. Mit der winzigen Schere dauerte es nochmal ziemlich lange, bis alles zerschnitten und abgerissen ist. Am Ende liegt neben mir ein unökologischer Berg Folie.
Als ich mich zum Gehen wende, bemerke ich, dass ich mittlerweile allein in der Ankunftshalle bin. Nach einigem Suchen entdecke ich den Schalter, an dem Busfahrkarten verkauft werden. Die Frau hinter dem Schalter deutet auf eine Haltestelle vor der Tür. Dort wartet bereits eine junge Pilgerin, die ich an ihrem Wanderrucksack erkenne. Am liebsten würde ich sie ansprechen, um mich mit einem Gespräch von meiner Aufregung abzulenken. Doch ich finde zu ihr keinen Blickkontakt. Sie wirkt unnahbar und so, als wolle sie in Ruhe gelassen werden. Der Bus fährt ins Zentrum von Bilbao. Ich steige an der richtigen Haltestelle aus und finde mit Hilfe des Navis auf meinem Handy den Weg zu der Pension, in der ich ein Zimmer reserviert habe. Die Altstadt von Bilbao mit ihren viergeschossigen Mietshäusern aus dem 19. Jahrhundert erinnert mich ein klein wenig an Lissabon. Nur bemalte Fliesen an den Fassaden gibt es hier nicht.
Am Ende einer steilen Straße finde ich, außer Atem, das Haus, dessen Adresse auf meiner Buchungsbestätigung steht. Eine Pension ist nicht zu sehen. In einem kleinen Restaurant nebenan frage ich nach der Pension. Der Besitzer spricht kein Englisch, kommt aber hilfsbereit mit auf die Straße und deutet auf das Haus, vor dem ich eben schon stand. Neben der Haustür sind Klingeln und Namensschilder angebracht, doch das Wort Pensión steht dort nirgends. Ich wähle die Telefonnummer, die auf meiner Buchungsbestätigung angegeben ist und lasse es lange klingeln, doch es meldet sich niemand.
Kurze Zeit später kommt ein junger Mann und schließt die Tür auf. Ich frage ihn nach der Pension, worauf er mir erklärt, dass ich zur „habitación“ zwei Etagen hochgehen müsse. Auf der Treppe überlege ich, was das Wort „habitación“ bedeutet.
Mehrmals klingele ich an besagter Wohnungstür, doch dahinter rührt sich nichts. Dann wähle ich nochmals die Telefonnummer des Vermieters. Erfolglos. Unschlüssig stehe ich vor der Tür. Mittlerweile spüre ich das Gewicht des Rucksacks, der von Minute zu Minute schwerer zu werden scheint. Ich sehne mich nach einer Dusche, nach einem Bett, auf das ich mich fallen lassen kann und nach einer Tasse Tee.
Nach einigen Minuten gehe ich wieder nach unten und klingele an der Tür der Wohnung, in die der hilfsbereite Mann gegangen ist. Er besitzt offenbar noch eine andere Telefonnummer des Vermieters, denn er erreicht ihn sofort. Ich nehme an, dass ich nicht die Erste bin, die bei der „habitación“ vor verschlossener Tür wartet und ihn um Hilfe bittet.
15 Minuten später kommt ein kleiner, korpulenter Mann, langsam die Treppe hoch, begrüßt mich fröhlich, so als wäre alles in bester Ordnung und nicht der Rede wert, dass ich mittlerweile seit einer Stunde vor verschlossener Tür stehe.
Er zeigt mir mein Zimmer und überreicht mir den Schlüssel. Dann lässt er sich meinen Personalausweis geben, den er mit seinem Handy abfotografiert und geht wieder.
Unter der Dusche fällt es mir wieder ein. „Habitación“ heißt Zimmer. Ich habe mir kein Bett in einer Pension gemietet, sondern ein Zimmer in einer Privatwohnung reserviert.
Nach dem Duschen lasse ich mich auf das Bett fallen. Heute schlafe ich noch einmal unter einer bezogenen Bettdecke und muss mich nicht in meinen engen Mumienschlafsack zwängen.
Es ist Abend geworden, die Lichter der Stadt gehen an. Ich will mir noch ein paar Lebensmittel für heute Abend und für meinen ersten Wandertag morgen kaufen und mir ein wenig die Stadt anschauen. Ein warmer Wind weht durch das nächtlich beleuchtete Bilbao. Am Fluss setze ich mich auf eine Bank, esse ein Baguette. Ein paar junge Leute sitzen am Ufer, trinken Wein und hören Musik. Dann gehe ich noch ein Stück am Fluss Nervión entlang bis zum Guggenheim Museum. Ich betrachte dieses Baukunstwerk, an dem es keinen rechten Winkel zu geben scheint. Das Museum ist eine Skulptur aus geschwungenen, silbern glänzenden Wänden und wirkt wie ein futuristisches Schiff ohne Anfang und Ende. Mir fällt der Satz von Friedensreich Hundertwasser ein: „Die gerade Linie ist gottlos“. Erschöpft komme ich zurück in die Wohnung, kaum liege ich im Bett, falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Heute gehe ich die ersten Schritte auf dem Weg, den schon so viele Menschen vor mir gegangen sind. Ich habe mich entschieden, am Meer entlang nach Santiago de Compostela zu wandern, weil der Küstenweg längst nicht so überlaufen sein soll, wie der Camino Francés, den Hape Kerkelings Buch so berühmt gemacht hat. Doch auf dem Küstenweg zu pilgern ist anstrengender, denn es geht auf der Strecke viel bergauf und bergab. Erschwerend kommt hinzu, dass die Küste von Nordspanien die regenreichste Region des Landes sein soll. Dennoch ist es mir lieber, mit deutlich weniger Menschen am kühlen Meer unterwegs zu sein, als mich auf der Pilgerautobahn durch das Landesinnere zu drängeln.
Verwendung der Karte mit freundlicher Genehmigung des Conrad Stein Verlags
Der Camino del Norte ist ein alter Jakobsweg durch Spanien. Zur Zeit der Maurenkriege vor 1000 Jahren waren die Wege durch das Landesinnere auf Grund der Kämpfe zu gefährlich und die Pilger wählten wohlweislich den sichereren Weg an der Küste entlang. Mittags komme ich an der Schwebefähre in Portugalete an. Sie wurde im Jahre 1893 gebaut und ist eine der größten Attraktionen im Baskenland. Die Schwebefähre überquert den Fluss Ría de Bilbao.
Als ich vor ein paar Wochen ein Foto von dieser Fähre sah, auf dem sie scheinbar 100 Meter über dem Fluss an Seilen hing, vollbeladen mit Autos und Menschen, wollte ich lieber mit einem Boot auf die andere Seite fahren. Doch nun stehe ich an der Anlegestelle und kaufe mutig eine Fahrkarte. Ein Mann mit Rucksack, an dem eine Jakobsmuschel hängt, wartet auch auf die Fähre. Er grüßt nur knapp und verspürt offensichtlich kein Bedürfnis nach einem Gespräch. Mir gehen viele Fragen durch den Kopf. Ich hoffe, dass sich bald eine Gelegenheit bieten wird, mich mit jemandem über das Pilgern auszutauschen.
Die Gondel, die längst nicht so hoch über dem Wasser hängt, wie es auf dem Foto aussah, füllt sich mit Menschen und Autos. Ich hoffe, dass die Seile halten und die Gondel nicht ausgerechnet heute ins Wasser fällt. Es geht gut. Ich komme trocken an das andere Ufer und laufe energisch eine steile Straße hinauf. Meine Jakobsmuschel baumelt leuchtend weiß am Rucksack. Damit bin ich für alle Menschen als Pilgerin erkennbar.
Ein paar Straßen weiter bemerke ich, dass ich auf dem falschen Weg bin. Ich kann keine Markierungen mit der gelben Jakobsmuschel entdecken. Diese Muschel ist als Wegzeichen an Häusern, Straßenschildern, an Bäumen, auf Steinen, an Holzpfählen, an Mauern und Zäunen angebracht oder aufgemalt. Oft ist es nur ein gelber Pfeil, der in Richtung Santiago de Compostela weist. Der Weg führt immer gen Westen, deshalb brauche ich meine Sonnenschutzcreme eigentlich nur für die linke Seite.
Mit Hilfe der Buen Camino App auf meinem Handy finde ich zurück auf den Pilgerweg. Dabei entdecke ich, dass ich mir den anstrengenden Aufstieg auf der steilen Straße hätte sparen können. In Portugalete gibt es eine Freiluftrolltreppe, mit der man sich bequem vom Hafen in die höher gelegene Innenstadt fahren lassen kann.
Ein Pilger überholt mich. Ich höre zum ersten Mal den Pilgergruß: „Buen Camino!“, was „Ich wünsche dir einen guten Weg“ bedeutet. „Ja, Buen Camino!“ rufe ich ihm fröhlich hinterher, doch er dreht sich nicht mehr um.
Außerhalb der Stadt kommen mir mehrmals alte Männer mit freiem Oberkörper entgegen. Auf diese Art spazieren zu gehen, scheint hier ein Freizeitsport zu sein. Die Männer tragen ihr Hemd in der Hand oder haben es seitlich in den Hosenbund gesteckt. Auch ein paar Frauen sind unterwegs, sie tragen eine kurze Hose und ein Bikinioberteil. Auf diese Weise werden sie beim Gehen schön braun. Erst auf einer Seite und beim Rückweg auf der anderen. Ich werde voraussichtlich nur auf einer Seite braun, es sei denn, ich gehe den ganzen Weg von Santiago wieder zurück, was tatsächlich ein paar Leute machen. Doch vermutlich tun sie dies nicht, weil sie von beiden Seiten gleichmäßig gebräunt werden wollen.
Vor mir laufen seit einer halben Stunde fünf spanische Jugendliche, die sich lautstark unterhalten. Als sie an einer Hinweistafel stehen bleiben, gehe ich schnell vorüber, um sie und den Lärm, den sie veranstalten, hinter mir zu lassen.
Ich wandere nicht in gleichbleibendem Tempo, sondern gehe mal schnell, mal langsam, bleibe oft stehen und betrachte die Landschaft oder schaue zurück und staune über die Strecke, die ich schon gegangen bin.
Mehrmals überholen mich Pilgerinnen oder Pilger in schnellem Tempo. Doch es bleibt bei dem kurzen Gruß „Buen Camino!“ Sie scheinen es alle eilig zu haben. Warum nur, frage ich mich und hoffe weiterhin, dass ich mich bald mit jemandem austauschen kann. Ich vermute, sie verfügen nicht über soviel Zeit wie ich und müssen sich an den Termin ihres Rückfluges halten.
Ein zartes Bimmeln klingt von den Berghängen. Die Kühe tragen Glocken um den Hals, es kommt mir so vor, als würde ich im Allgäu pilgern.
Neben der Straße fließt ein schmaler Bach. Ich klettere die Böschung herunter und setze mich ans Ufer. Es ist eine Wohltat, meine brennenden Füße in das kühle Wasser zu tauchen. Solche Fußbäder genoss ich auch während meiner Pilgertouren durch Deutschland, obwohl mir einmal ein Pilger erklärte, durch das Wasser würden die Füße aufweichen und es könnten sich noch schneller Blasen bilden. Ich lasse mir jedes Mal Zeit, die Füße an der Luft zu trocknen und mag das prickelnd frische Gefühl nach dem Bad. Probleme mit Blasen hatte ich bei meinen Wanderungen bisher noch nie und hoffe, dies bleibt auch so.
