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1989. Im Frühjahr übernimmt Schweden von China das Zepter im Welttischtennis. In der Birkenmatte fliegen die Bälle langsamer über das Tischtennis-Netz. Ralph und Olivia beobachten, wie ihre Freunde sich näherkommen. »Wir bleiben einfach Kumpels, oder?«, fragt Olivia. Für Ralph ist die Sache weniger klar, als er behauptet. Und sie wird nicht leichter, als alle bis auf ihn in die Sommerferien fahren und ein neues Gesicht in der Birkenmatte auftaucht: Ping. 35 Jahre danach. Wie kommen Tochter und Vater ins Gespräch, wenn einige Tausend Kilometer zwischen und eine abrupte Trennung hinter ihnen liegen? Ob ihre Beziehung »komplex oder nur kompliziert« sei, fragt Valérie den weit entfernten Vater zum Auftakt eines Dialogs, der sich Seite um Seite so aufregend entwickelt wie ein gutes Tischtennismatch. Mit Ping ist Thomas Heimgartner erneut ein außergewöhnlicher Text gelungen. Elegant, verspielt und sehr gescheit. Vielleicht ein Buch für Liebhaberinnen und Liebhaber einer unterschätzten Randsportart oder für all jene, die in der beschriebenen Tochter-Vater-Beziehung mehr als ein Spiel entdecken. Ganz sicher ein Buch für Leserinnen und Leser sublimer, bis zum letzten Punkt geglückter Literatur.
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Seitenzahl: 63
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Thomas Heimgartner
Ein Zweiseitenspiel
Roman
Für Nora und Tina
I love table tennis, which is my priority in life.
Charles Ho
Kapitel 0:0
Kapitel 1:0
Kapitel 1:1
Kapitel 1:2
Kapitel 2:2
Kapitel 2:3
Kapitel 2:4
Kapitel 3:4
Kapitel 4:4
Kapitel 4:5
Kapitel 6:4
Kapitel 6:5
Kapitel 6:6
Kapitel 6:7
Kapitel 7:7
Kapitel 8:7
Kapitel 9:7
Kapitel 10:7
Kapitel 10:8
Kapitel 11:8
Kapitel 9:11
Kapitel 10:11
Kapitel 11:11
Kapitel 12:11
Kapitel 12:12
Kapitel 12:13
Kapitel 12:14
Kapitel 13:14
Kapitel 13:15
Kapitel 14:15
Kapitel 16:14
Kapitel 17:14
Kapitel 17:15
Kapitel 18:15
Kapitel 18:16
Kapitel 17:18
Kapitel 18:18
Kapitel 18:19
Kapitel 19:19
Kapitel 20:19
Kapitel 20:20
Kapitel 20:21
Nachwort
Der Schupfball war mein bester Schlag. Ein Schlag ohne Prestige, aber gegen ungeduldige Gegner sehr effektiv. Solange sie den Topspin nicht beherrschten. An unserer Platte kam man mit guten Schupfbällen weit. Nur Olivia konnte einigermaßen Topspin spielen, und das auch bloß auf der Vorhandseite. Fixierte ich sie auf der Rückhand, wusste sie nichts Besseres, als zurückzuschupfen.
Mich langweilte das Unterschneiden nicht, ich suchte die perfekte Abstimmung aus Schlagen und Touchieren. Selbst wenn Olivia meine Vorhand anspielte und mich zum Angriff einlud, spielte ich mit Unterschnitt auf die Rückhand zurück. Der Ball ließ sich mit Gleichmut von der einen in die andere Rückwärtsrotation versetzen. Olivia verlor irgendwann die Geduld und schmetterte ins Netz. Oder sie umlief die Rückhand und setzte mit ihrer Vorhand zu einem Topspin an, den ich problemlos in die freie Ecke blockte.
In dem Jahr, in dem wir uns so oft zum Rundlauf trafen, war ich meist der Erste an unserer Platte. Ich kam absichtlich zeitig, hatte zwanzig Bälle in der Tasche und übte Aufschlagvarianten, während ich auf die anderen wartete. Mit dem Unterschnitt experimentierte ich, bis ich dem Ball so viel Rückwärtsdrall geben konnte, dass er auf meiner Seite aufsetzte, das Netz überwand und nach dem Aufprall, als würde er magnetisch angezogen, zurücksprang und wieder bei mir landete. Das war kein Aufschlag, der fürs Spiel taugte, aber er bewies: Der Unterschnitt ist der Schlag, bei dem sich der Ball für die zärtliche Behandlung bedankt, indem er zum Schläger zurückkehrt.
Olivia kritisierte mich manchmal für mein einseitiges Spiel.
»Ohne deinen Aufschlag wärst du nichts.«
»Du vergisst meinen Schupfball.«
»Das ist kein richtiger Schlag.«
Olivia war aber auch diejenige, die meinte, ich solle mal zu einem Probetraining in den Verein kommen.
»Du bist Journalistin. Es ist dein Job, Dinge herauszufinden. Finde das für mich heraus.«
Kein »Bitte«. Dass ich erst sechs Wochen Praktikum bei der Zeitung hinter mir und andere Dinge im Kopf habe, interessiert dich nicht.
Mich interessiert dein Rechercheauftrag nicht.
Stattdessen würde ich gerne wissen:
–
Tischtennis: Nostalgie oder Trauma?
–
Dein Auswandern: Flucht, Fluch, Feigheit?
–
Du und die Frauen. Offene Frage.
–
Unsere Vater-Tochter-Beziehung: komplex oder nur kompliziert?
Auf dem Dachboden bei Mama habe ich deine mechanische Schreibmaschine gefunden. Sie schreibt noch. Ganz blasse Buchstaben. Das Farbband trocknet aus.
Bevor du gingst, sagtest du: »Du bist alt genug, dein Leben ohne mich zu leben.« Ein dummer Satz, fand ich vor einem Jahr. Finde ich noch immer.
Alter, darüber gäbe es viel zu sagen.
In unserer Zeitung machen sie gerade eine Serie über berühmte Menschen und ihre Beziehung zu ihren Vätern. Ich drücke mich davor, ein solches Porträt zu schreiben.
»Deine Nachrichten fühlen sich manchmal an wie Nadelstiche«, hast du geschrieben. Frag dich mal, weshalb das so ist.
Pingpong. Dieses Wort durfte man nicht in den Mund nehmen. Das hatte mir Olivia eingeschärft, bevor wir die Turnhalle betraten. Im Tischtennisclub spielt man Tischtennis. Nicht Pingpong. Olivia trainierte seit einem halben Jahr im Club. Als sie anfing, hatte sie eine ungelenke Rückhand und eine zittrige Vorhand. Sie schaffte pro Satz kaum zehn Punkte gegen mich. Jetzt hielt ich sie nur noch mit Schupfen und Trickaufschlägen in Schach. Dass sie mich zu einem Probetraining einlud, verstand ich so, dass ihr unsere Freundschaft wichtiger war als das Gewinnen.
Der Juniorentrainer hieß Stefan. Er spielte in der ersten Mannschaft des Vereins und hatte die Klassierung B15, erklärte mir Olivia. Damit fehlten bis zur höchsten nationalen Klassierung nur fünf Stufen. Olivia war als Anfängerin nicht klassiert, aber sie hoffte, für die nächste Saison eine Wettkampflizenz zu erhalten und als Di zu beginnen. Als ich Olivia zusah, wie sie mit Stefan die Technik des Vorhand-Konters demonstrierte, war ich verblüfft. Sie schlug nie vorbei, ins Netz oder ins Aus, obwohl der Ball schneller hin- und herging als in unseren Spielen. Stefans Präzisionsschläge machten auch ihr Spiel besser. Ich hingegen bekam in meiner ersten Lehrstunde gezeigt, was ich nicht konnte. So ziemlich alles außer Aufschlagen und Schupfen.
Nach dem Juniorentraining blieben wir noch in der Halle und schauten den Erwachsenen zu. Stefan spielte gegen seinen Trainingspartner so offensiv, dass dieser spätestens drei Schläge nach dem Anspiel zwei Meter oder weiter hinter dem Tisch stand und von dort zu verteidigen versuchte.
»Siehst du, so geht Tischtennis«, kommentierte Olivia das Gesehene. An unserer Platte nannten wir das Spiel weiterhin Pingpong.
»Eigentlich gefällt mir Pingpong besser als Tischtennis«, sagte ich mal zu Olivia, als wir zusammen mit Kim und Lars warteten, bis Vera und Marcel ihr Finale fertiggespielt hatten.
Olivia drehte den Kopf nicht zu mir und blickte weiter auf das Spielgeschehen. »Es zwingt dich niemand, mit ins Training zu kommen«, sagte sie und gab sich Mühe, nicht beleidigt zu wirken.
Ich blickte zur Seite und schaute, ob Kim und Lars uns zuhörten. Doch die waren mit sich beschäftigt. »Ich meine nur den Namen«, sagte ich dann. »Es klingt doch so. Ping, pong.«
Olivia deutete auf Marcel und Vera. »Hör mal genau hin, Ralph. Es klingt nicht nach ping und pong. Es klingt mehr, als ob das Herz andauernd stolpert und zweimal schnell nacheinander schlägt, dann eine Pause macht und wieder zweimal schlägt.« Ich horchte. Olivia hatte recht. Es war eine Art Stolperrhythmus. So wie eines dieser Versmaße, die uns der Deutschlehrer erklärt hatte: te-däm, te-däm, te-däm, te-däm.
Wenn das Baby Vergleichsmöglichkeiten hätte, würde es sich über die vielen Bälle im Babybett wundern. Weiße und gelbe. Auf die Idee, dass sie Teil eines frühkindlichen Förderprogramms sind, kommt es nicht. Dass es dem Vater darum geht, seiner Tochter mehr Ballgefühl mitzugeben, als er selbst hatte, übersteigt nicht nur den Horizont eines Babys.
Ballgefühl. Es wurde mir buchstäblich in die Wiege gelegt. Im Gegensatz zur älteren Schwester, die mit Stolz und zu Recht behauptet, zwei linke Füße und Hände zu haben. Musste sie sich das Bett mit Rechenschiebern und Rubik-Würfeln teilen?
Feingefühl. Hab ich auch.
Als ich dir zum ersten Mal einen Satz abnahm, bei uns im Garten, warst du nicht enttäuscht, sondern stolz. Den zweiten Satz schenkte ich aus Trotz her.
Wir spielten immer auf 21, obwohl die Satzlänge gemäß internationalem Regelbuch schon vor Jahren auf 11 Punkte verkürzt worden war.
Väterlicher Stolz. Verdient verloren.
Tischtennis – ich habe früh gemerkt, dass es für dich kein harmloses Pingpong ist.
35 Jahre ist es her, 9000 Kilometer bist du jetzt entfernt von mir. Weshalb erzählst du mir deine Geschichte jetzt? Liegt es nur an der räumlichen und zeitlichen Distanz? – Deine Gegenfrage kenne ich, ohne dass du sie aussprichst: Weshalb stellst du mir erst jetzt solche Fragen?
