Pink Hell - Olaf Reins - E-Book

Pink Hell E-Book

Olaf Reins

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Beschreibung

Edelgart Eskens (73), Witwe eines Generalstaatsanwalts, Katharina Müller (77) Rechtsanwältin, Fachbereich Scheidungs- und Familienrecht, Corinna Hoffmann (59) Erzieherin in der St. Laurentis Kita am Dumeier Platz, Petra Schuberth (56) Frührentnerin aufgrund einer Diabetes-Erkrankung, ehedem Schaffnerin bei der Regionalbahn und Andrea Siebert (32), die eine Ausbildung nach Laufbahnabschnitt I als Polizistin im Bereitschafts- bzw. Streifendienst absolviert hat und Mutter des bezaubernden, 6 Monate alten Zwillingspärchens Lilly und Maddie ist - diese 5 Frauen finden unter abenteuerlichen Umständen (der Göttergatte Andreas will nach der Trennung den Unterhalt nicht zahlen und wird am Ende auf kreative Weise doch dazu bewegt; aber bevor es soweit ist, muss Andrea erst einmal den Bentley Continental GT Speed W12 Convertible zu Schrott fahren, um einen miesen Romance-Scammer in die Schranken zu weisen) zueinander und bringen am Ende einen der größen Geldwäscher seit Altaf Khanani zur Strecke. Wie die Frauen in all diesen Fällen vorgehen, in welcher Weise sie sich für ihre Klientinnen einsetzen, um welche Art von Verbrechen, Vergehen, Vertrauensbrüche, missbrauchte Gefühle, unglücklich gelungene oder glücklich misslungene Aktionen es im Einzelnen geht, all das und alles andere auch, ist Gegenstand der Geschichten selbst. Durch schnelle Schnitte, Ortswechsel und Wechsel auf der Zeit- und/oder Erzählebene, die aber nie verwirrend sind, und dadurch, dass sehr dialoglastig und teilweise von Situationskomik getragen erzählt wird - und nie in so langen Sätzen, wie in diesem hier! - haben die Geschichten und Szenen ein hohes Grundtempo, das den Leser sofort in die Handlung hineinzieht und fesselt. Die in den Geschichten behandelten Fälle sind sämtlich der Wirklichkeit entlehnt; alles was geschildert wird, hat sich so oder so ähnlich tatsächlich zugetragen - oder hätte sich so zugetragen haben können, wären diese 5 toughen Frauen aufgetaucht!

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Pink Hell

1. Kapitel

Die Gruppe

Andrea ließ sich tiefer in den Beifahrersitz rutschen.

„Was hast du?”, fragte Corinna.

„Da vorne!” Andrea wies mit dem Kinn zu dem Polizeibeamten hinüber, der an dem Einfamilienhaus vorbeiging, das sie beschatteten.

„Ein Polizist, na und?” Corinna lachte. „Warst du nicht selbst mal Polizistin?”

„Das ist nicht witzig!”, zischte Andrea. „Und das da ist Stefan Rehers, ein ehemaliger Kollege von mir! Der kennt mich! Wenn der mich sieht!”

„Sieht schnuckelig aus!”, bemerkte Petra, die im Fond des Bentley Continental GT Speed W12 Convertible saß und mit einer Big-box gesalzenen Popcorns beschäftigt war.

*

Es war ein seltsames Trio, das sich da in dieser Luxuskarosse zusammengefunden hatte.

Da war zunächst einmal die Fahrerin, Corinna Hoffmann. Sie war 59, geschieden und Erzieherin in der St. Laurentis Kita am Dumeier Platz. Sie war großgewachsen und schlank und eigentlich keine Person, die man übersehen oder verwechseln konnte. In diesem Aufzug hätten sie allerdings nicht einmal ihre Kolleginnen wiedererkannt. Sie trug ein knöchellanges, violett-grün gemustertes Jersey-Kleid, darüber einen ockerfarbenen Herrenblouson aus der Altkleidersammlung. Um den Hals hingen mehrere Ketten aus gefärbten Samenkapseln; an den Handgelenken klimperten verschiedene Armreifen aus Blech und Plastik. Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der breiten Stirn war durch eine violette Gesichtsmaske verhüllt. Darüber spähte ein aufmerksames Paar wasserblauer Augen unablässig die Straße entlang. Gekrönt wurde die Maskerade durch eine in glänzenden Orangetönen changierende Abscheulichkeit von Kunsthaarperücke in Stachel-Optik.

Corinnas Freundin Petra Schuberth war 56 und wegen einer Diabetes-Erkrankung in Frührente; bis vor 3 Jahren arbeitete sie als Schaffnerin bei der Regionalbahn. Zu ihrem eigenen Leidwesen hatte sie durch die zusätzliche Untätigkeit noch einmal tüchtig zugelegt. Sie selbst behauptete steif und fest, sie wiege 98 kg, aber Corinna glaubte ihr nicht: „Das sagst du nur, um in deiner Weight-Watchers-Gruppe als UHU durchzugehen!”

Die Kilos verteilten sich auf lediglich 160cm, so dass es rein optisch wenig Unterschied machte, ob Petra tatsächlich „Unter Hundert” Kilo wog oder doch zwei oder drei Kilo mehr; für sie selbst war es aber eine Frage von geradezu existenzieller Bedeutung. Wegen der Bewegungsfreiheit trug sie ein wogendes, schwarzes Gewand, das jede Kontur verschluckte, sodass sie fast die ganze Rückbank auszufüllen schien. Auf dem Kopf trug sie eine grellrote Perücke, dazu eine Brille mit dickem, apfelgrünem Plastikgestell und gelb getönten Gläsern.

Andrea Siebert war mit ihren 32 Jahren das Küken der Gruppe und die Hauptperson des heutigen Tages. Sie hatte sich ihr schulterlanges braunes Haar im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden und ihren im Polizeidienst und im Judoverein durchtrainierten Körper in ein hautenges schwarzes Latexkostüm geschossen, in dem sie aussah wie eine Generationen übergreifende Mischung aus Emma Peel und Cat Woman. Damit sie die Blicke der Passanten nicht auf sich zog, hatte sie sich für den Weg in die Rigomontstraße, wo sie sich mit den beiden Damen in diesem Auto getroffen hatte, einen Trenchcoat übergeworfen.

Sie hatte nicht lange nach dem Bentley Ausschau halten müssen. Das cremefarbene Luxusfahrzeug parkte in einer Seitengasse. Wie Katharina Müller gesagt hatte war es gerade wegen seines designtechnischen Understatements nicht zu übersehen. Es nieselte leicht und obwohl es erst halb fünf war begann es bereits dunkel zu werden.

„Kommen Sie von Frau Müller?” Es war idiotisch von ihr gewesen diese Frage zu stellen. Als würden hier reihenweise Bentleys in der Gegend herumstehen, die auf Mitfahrerinnen warteten.

„Nun steig schon ein, Schätzchen”, hatte Petra von der Rückbank gerufen. „Und wir duzen uns. Schließlich sind wir ab jetzt Komplizinnen!” Sie lachte. „Hast du die Adresse?”

Andrea zog den Trenchcoat aus, verstaute ihn in einer mitgebrachten Tasche und stieg ein.

„Heisenbergstraße 47”, sagte sie und Corinna fuhr los.

*

„Verdammt nochmal”, zischte Andrea angespannt, „wir sitzen in einem gestohlenen Wagen, falls ihr das Vergessen habt!”

„Also, erstens ist er wahrscheinlich noch gar nicht als gestohlen gemeldet”, mutmaßte Petra mit Blick auf ihre Armbanduhr, „zweitens wird dich dein Ex-Kollege sicher nicht in so einem Auto vermuten und drittens - was glaubst du, weshalb ich die Nummernschilder ausgetauscht hab?”

„Oh Gott”, stöhnte Andrea, „wie bin ich nur in diese idiotische Sache geraten?”

*

Angefangen hatte alles damit, dass Lars sich eines Abends im letzten Sommer zu ihr auf die Wohnlandschaft gefläzt und gesagt hatte: „Schatz, ich glaube, wir sollten Schluss machen!”

Andrea hatte das für einen Scherz gehalten. Deswegen hatte sie Lars auch angelacht und sogar gesagt: „Ja, da bin ich auch dafür! Besser ein schreckliches Ende als ein Ende ohne Schrecken oder so ähnlich!”

„Schön, dass du vernünftig bist und es auch so siehst, Schatz!”, hatte Lars gesagt, war aufgestanden, hatte den gepackten Koffer, den Andrea im Flur übersehen hatte, geschnappt und war gegangen.

Lilly und Maddie, die beiden sechs Monate alten Zwillingsschwesterchen, schlummerten derweil friedlich in ihren Bettchen im elterlichen Schlafzimmer.

*

Drei Wochen später war Andrea Siebert in einem nur spärlich mit schlichtem Schreibtisch, drei Stühlen und einem verschlossenen Aktenschrank möblierten Kanzleibüro von einer dürren, runzligen Dame jenseits der 70 empfangen worden.

„Katharina Müller, sehr erfreut! Bitte, nehmen Sie Platz!”

Die Anwältin trug ein knallrotes, eng tailliertes Kostüm, metallic-violette High-Heels und war umgeben von einer Wolke viel zu süßen Parfums. Unter einer leuchtend blondierten Fransenfrisur blickten Andrea in blaugrün verlaufendem Makeup ruhende eisgraue Wolfsaugen entgegen. An den Fingern mit den passend zum Kostüm lackierten Nägeln, funkelte eine Kolletion goldener Ringe, die mit farbigen Steinen besetzt waren.

Das sollte ihre Anwältin sein?

Auch das Gebäude, in dem die Kanzlei untergebracht war, machte einen eher zweifelhaften Eindruck. Der Eingang führte über den Parkplatz eines China-Restaurants. Immerhin entsprachen das Vorzimmer und die Rechtsanwaltsgehilfin, eine dunkelhaarige Endzwanzigerin im Business-Kostüm, schon eher Andreas Erwartungen.

Vielleicht hätte sie der Sache eine intensivere Recherche widmen sollen. Aber da sie nun schon einmal hier war ...

„Haben Sie was?”, fragte die Anwältin, die Andreas Zögern bemerkt hatte.

„Bitte?”

„Alles okay mit Ihnen?”

„Äh ...ja, ja ...”

„Dann bitte, nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir alles ganz von Anfang an!”

Andrea hatte eine Ausbildung nach Laufbahnabschnitt I als Polizistin im Bereitschafts- bzw. Streifendienst gemacht. Das war die unterste Stufe auf der man einsteigen konnte. Und die am schlechtesten bezahlte. Deswegen hatte sie ihren Job gekündigt, als die Zwillinge unterwegs waren.

Nach der Trennung war Andrea mit den beiden kleinen Kindern erst einmal bei ihrer Mutter untergekommen.

Lars, ihr Noch-Ehemann, war selbstständiger Handwerker. Er hatte Maler und Tapezierer gelernt und bereits seit einem Jahr auf eigene Rechnung gearbeitet, als sie einander auf der Party eines gemeinsamen Bekannten kennenlernten. Es war Liebe auf den ersten Blick. Für beide. Von da an war alles ziemlich schnell und chaotisch gegangen.

Andrea hatte hastig und ohne Punkt und Komma gesprochen. „Und später dann also nach der Hochzeit war das halt immer diese klassische Situation gewesen ich meine dass man gesagt hat okay er geht arbeiten und so und ich kann zu Hause bleiben und es war auch nie so dass er gesagt hat du musst dann oder dann oder so wieder arbeiten sondern wir haben ganz klar uns dazu entschieden nee du kannst die drei Jahre Elternzeit machen und bist dann auf jeden Fall für die Kinder wieder da und dann kannst du halt so wieder einsteigen wie´s zeitlich halt auch passt und wie die Kinderbetreuungsplätze ...” So war das einige Minuten gegangen, bis ihr irgendwann einfach die Luft weggeblieben war.

Die Anwältin hatte sie während ihrer Ausführungen nur stumm über den Schreibtisch hinweg angesehen.

„Ich war ganz schön naiv, oder?”, keuchte Andrea außer Atem. „Das denken Sie doch, stimmt´s?”

*

Dem ersten Beratungsgespräch folgten weitere.

„Und wie sieht es finanziell bei Ihnen aus?”

„Lars hat als Handwerker immer mehr als genug verdient.”

„Das geht aus den Unterlagen aber nicht hervor.”

„Wie bitte?”

„Sein versteuertes durchschnittliches Jahreseinkommen belief sich auf ... Moment, wo haben wir´s ...” Die Anwältin schaute in ihren Unterlagen nach und nannte eine lächerlich geringe Summe.

„Das kann gar nicht sein.”

„Sie meinen, ihm stand mehr zur Verfügung?”

„Viel mehr!”

„Sagen Sie mal, sind Sie so naiv oder tun Sie nur so? Noch dazu als Polizistin?”

„Was meinen Sie?”

„Schon mal das Wort ´Schwarzarbeit´ gehört?”

„Der Gedanke ist mir auch schon mal gekommen”, gab Andrea zu. „Aber über sowas haben wir nie gesprochen ... Da hätte er sich auch nie in die Karten gucken lassen.”

„Wär´ auf einen Versuch angekommen ...”

„Vielleicht wollt´ ich´s ja auch gar nicht so genau wissen, was spielt das denn jetzt für eine Rolle?”

„Mischkalkulation”, nickte Katharina Müller. „Bietet sich ja auch an: Offiziell Freiberufler, dessen Einnahmen ihn so eben über die Runden bringen und inoffiziell die fette Marie abgreifen. Und das geht Sie natürlich insofern was an, als dass Sie jetzt dabei leer ausgehen.”

„Können Sie da denn nichts machen?”

„Ich könnte der Steuerfahndung einen Tipp geben, aber davon hätten Sie nichts.”

„Und wie ist der Stand jetzt genau?”

„Wir müssen das Offizielle als wahr annehmen, da wir das Inoffizielle nicht beweisen können. Es gibt bestimmte Selbstbehaltsätze”, erklärte die Anwältin und blätterte weiter in ihren Unterlagen herum, „die müssen den Männern - den Vätern - verbleiben. So das Gesetz. Und hier sieht es so aus, dass wahrscheinlich nur ein Trennungsunterhalt von 89 Euro herauskommen wird, sodass Sie dringend auf einen Nebenjob – eigentlich auf einen Hauptjob - angewiesen sind.”

Andrea war entsetzt. „Wie soll ich das machen? Mit zwei kleinen Kindern? Und was ist mit Lars´ Verantwortung? Es sind schließlich auch seine Kinder!”

„Papa Staat wird einspringen. Wie üblich. 50% aller unterhaltsberechtigten Frauen bekommen kein Geld von ihren Ex-Partnern und weitere 25% erhalten ihren Kindesunterhalt nur unregelmäßig. Deswegen ist das Armutsrisiko bei alleinerziehenden Frauen in Deutschland dramatisch gestiegen. Immerhin schön, dass Papa Staat in die Bresche springt – besser als Nichts. Ich kann Ihnen da nur einen Blick in die Düsseldorfer Tabelle empfehlen.”

„Was hilft mir das?”

„Nichts. Es informiert Sie nur.”

„Und Papa Lars darf sich drücken?”, empörte sich Andrea.

„Wie gesagt: De jure: nein, de facto: ja. Er darf selbstverständlich nicht. Aber wenn er´s tut hat er alle Möglichkeiten der Verschleppung.”

„Und es gibt keine Möglichkeit ihn zu zwingen?”

„Keine legalen.”

Andrea atmete durch.

„Zwangsmaßnahmen sieht der Gesetzgeber nicht vor”, erklärte die Anwältin. „Vergessen Sie bitte nicht, dass die Familie unter dem besonderen Schutz des Staates steht, und dass das gute Einvernehmen der Kindseltern ...”

„Mit anderen Worten”, unterbrach Andrea, „ich bin auf mich allein gestellt.”

„Immerhin haben Sie noch Ihre Mutter, die sich um die Kinder kümmern kann.”

„Das ist doch keine Dauerlösung! Und überhaupt - was ist mit mir? Mit meiner Zukunft? Soll ich als Sozialfall enden?” Andrea schüttelte den Kopf. „Enden ist gut”, seufzte sie bitter; „ich bin ja schon längst einer ...”

*

„Da vorne!”, rief Corinna und schlug so aufgeregt auf das Lenkrad, dass Andrea aus ihren Gedanken hochschreckte.

„Was ist los?”

„Da vorne der Typ”, rief Corinna, „ist das dein Mann?”

Corinna wies auf einen Mann in Arbeitsklamotten, der eine Leiter und eine schwere alte Werkzeugtasche mit sich führte.

„Ja, das ist er”, bestätigte Andrea. „Und dahinten”, ergänzte sie, „steht sein Auto.” Sie wies auf einen zerbeulten weißen Uralt-Saab, der in einiger Entfernung am Straßenrand unter einer Straßenlaterne geparkt war.

„Alsdann, dein Auftritt, Corinna!” Petra klopfte ihrer Freundin auf die Schulter. „Mach ein paar schöne Aufnahmen von dem Herrn!”

„Alles klar!” Corinna hielt den Daumen über die Schulter; dann stieg sie aus. Andrea ebenfalls. Sie blickte noch kurz Corinnas grotesker Erscheinung nach, wie sie auf viel zu hohen Riemchenschuhen über die regennasse Straße zum Haus hinüber wackelte; dann setzte sie sich ans Steuer.

Nachdem Corinna in dem Mietshaus verschwunden war stieg Petra aus und rannte mit einer Behändigkeit, die Andrea ihr nie und nimmer zugetraut hätte, zu Lars´ Auto hinüber. Neben dem Fahrzeug angekommen ging sie in die Hocke und hatte, kaum, dass Andrea es mitbekommen hätte, jedem der vier Reifen mit einem spitzen Werkzeug ein, zwei tiefe Stiche versetzt; nach getaner Arbeit kam sie ohne Eile zum Auto zurück; die schwarze Umhangrobe knatterte dabei theatralisch im Wind.

„Das hast du auch nicht zum ersten Mal gemacht, oder?”

„So eine Frage stellt man einer Dame nicht, Schätzchen!”

Sie lachten. Aber nur kurz, denn Corinna kam schon wieder aus dem Mietshaus heraus.

Verabredungsgemäß ignorierte sie ihre Komplizinnen, ging ruhigen Schrittes die Straße hinunter und verschwand hinter dem ersten Abzweig.

„Gleich kommt deine Feuertaufe, Schätzchen”, sagte Petra. „Wie fühlst du dich?”

Andrea fuhr sich mit den Händen über Gesicht und Haare, prüfte den Sitz des Haargummis im Nacken, sah Petra an und sagte: „Ich bin bereit!”

Petra sah sie aufmunternd an: „Du schaffst das schon, Schätzchen! Wir sehen uns gleich!”

*

Bei ihrem letzten Termin ließ Katharina Müller die Katze aus dem Sack.

„Ich habe mir die Sache gründlich durch den Kopf gehen lassen und es gibt eine Möglichkeit, wie Sie zu ihrem Geld kommen können. Allerdings müssten Sie im Gegenzug auch etwas für mich tun.”

„Und was?”

„Stellen Sie fest wann und wo ihr Mann arbeitet; wenn Sie das wissen, sagen Sie mir Bescheid.”

Das hatte sie getan. Und so entstand ein Plan, der am Ende so aussah: „Am 30. Oktober – das ist der Halloween-Abend – gehen Sie zur Rigomontstraße. Dort wird Sie in einer der Seitenstraßen ein cremefarbener Bentley Continental GT Speed W12 Convertible erwarten. In diesem Auto werden zwei Frauen in lächerlichen Aufmachungen sitzen – lassen Sie sich dadurch nicht täuschen, das ist nur wegen Halloween, möglicher zufälliger Zeugen und etwaiger Kameras. - Apropos”, flocht sie ein. „es wäre gut, wenn Sie sich auch irgendwie maskieren würden – je auffälliger desto besser, weil schwerer zu erkennen! Vor allem um die Augen herum, wegen der Gesichtserkennung. Da hilft uns ja sogar Corona. - Steigen Sie vorne neben der Fahrerin ein. Nennen Sie die Adresse; die beiden Damen werden Sie an den Ort des Geschehens bringen und gegebenenfalls weiter instruieren.” Katharina Müller änderte ihren Tonfall. Ihre Stimme wurde um noch eine Nuance eindringlicher und ihre Wolfsaugen bekamen einen geradezu hypnotischen Glanz während sie weitersprach: „An dieser Stelle möchte ich und muss ich eines ganz klarstellen! Und hören Sie jetzt bitte ganz genau zu! Und überlegen Sie sich bitte ganz genau, ob Sie sich wirklich auf diese Sache einlassen wollen! Denn sollten Sie einmal ´Ja´ gesagt haben und erst recht, wenn Sie in dieses Auto eingestiegen sind, dann gibt es kein Zurück mehr für Sie, das muss Ihnen absolut hundertprozentig klar sein, haben wir uns verstanden?”

Andrea nickte. „Aber was soll ich denn nun eigentlich tun?”

„Es ist im Grunde recht einfach: Rammen Sie einfach nur mein schönes Cabrio in den ollen Saab ihres verlogenen Gatten und ich garantiere Ihnen, dass Sie sich nie wieder um die finanziellen Zuwendungen Ihres Ex Gedanken machen müssen.”

Andrea war fassungslos.

„Auch ich bin nicht frei von Ressentiments”, entgegnete Katharina Müller leichthin.

„Sie wollen mich allen Ernstes dazu bringen, dass ich bei einem Versicherungsbetrug mitmache?”

„Achten Sie auf Ihre Worte”, lächelte Katharina Müller. „Sonst sind Sie eines Tages noch wegen übler Nachrede dran!”

„Wie bitte?”

„Paragraph 186 StGB: ´Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.´ Anders ausgedrückt: Sie unterstellen mir eine Tat – nämlich einen Versicherungsbetrug -, deren Begehung bestenfalls bevorsteht, von deren Begehung Sie aber nicht zwingend ausgehen dürfen, auch dann nicht, wenn es Anhaltspunkte hierfür geben mag, die Ihnen subjektiv schlagend erscheinen mögen!”

Andrea war sprachlos.

„Im Ernst, Kindchen”, sagte die Anwältin und lächelte milde. „Denken Sie an Ihre Kinder! Und denken Sie auch an Ihre eigene Zukunft! Ich meine ... Sie möchten doch eine haben, oder? Eine Zukunft? Mit ihren Kindern?”

„Nehmen Sie´s mir nicht übel, aber ...”

Die Anwältin legte den Kopf auf die Seite, wie eine liebende Omi, die zu ihrer Enkelin spricht. „Nur keine Scheu! Alles was in diesen vier Wänden besprochen wird bleibt auch in diesen vier Wänden – wäre es anders würde ich meine Zulassung verlieren! Also bitte! Frisch von der Leber weg!”

„Na, ja”, sagte Andrea, „das was Sie da eben vorgeschlagen haben, das klingt ja schon ein wenig nach ... na ja, wie soll ich sagen ... nach ... Erpressung?”

Katharina Müller lachte fröhlich auf. „Sie sagen das, als wäre das etwas schlimmes!”

„Wie bitte?”

„Was viele nicht wissen: Erpressung ist nicht per se strafbar. Eine Strafbarkeit wegen Erpressung kommt nur in Betracht, wenn der Täter in Bereicherungsabsicht handelt. ... Eine Erpressung ist darüber hinaus nur rechtswidrig, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist. Und das ist ja in unserem Fall nicht so, oder?”

Andrea starrte sie entgeistert an.

„Paragraph 253 StGB – wenn Sie selbst nachlesen möchten?”

Andrea fühlte sich plötzlich nur noch unendlich müde. Müde und erschöpft. Und überfordert.

„Aber was hat das alles mit Lars zu tun?”

„Sie kümmern sich um das Auto, ich kümmere mich um alles andere.”

*

Petra stieg aus und nahm ebenfalls den Weg Richtung des Abzweigs, hinter dem Corinna soeben verschwunden war.