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Die Kaiserin Jingu sitzt an einem Fluss und beobachtet einen Fisch, den sie fangen will − und sieht gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor ihrem geistigen Auge aufscheinen. Aimees Affen steigen Abend für Abend am Ende der Show in eine Badewanne − und verschwinden auf mysteriöse Weise, nur um nachts wieder im gemeinsamen Wohnwagen aufzutauchen. Kit kommt nach Diesseits, um eine Brücke über den Nebel nach Jenseits zu bauen − und verbindet nicht nur die zwei Hälften des Kaiserreichs, sondern endlich auch sich selbst mit anderen Menschen. Füchse, die sich in Menschen verlieben, Katzen, die Länder durchwandern, Hunde, die Geschichten erzählen − Kij Johnsons mehrfach preisgekrönte Erzählungen loten auf bizarre und oft unkonventionelle Art die Beziehung zwischen Menschen wie auch die zwischen Mensch und Tier aus. Dabei kommen sie einmal sanft und verspielt, dann wieder grausam und tiefschürfend daher und entführen in magische Reiche, die von unserer Welt nur durch einen Hauch Phantasie getrennt sind.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Impressum
Kij Johnson:Pinselstriche auf glattem Reispapier
Originalzusammenstellung
Herausgegeben von Hannes Riffel & Karlheinz Schlögl
Die Übersetzung folgt der englischen Buchausgabe
At the Mouth of the River of Bees
[Easthampton, MA: Small Beer Press, 2012]
Quellenangaben am Ende des Buches
© 2012 by Kij Johnson
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
© dieser Ausgabe 2014 by Golkonda Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Hannes Riffel
Korrektorat: Anne-Marie Wachs
Titelbild: Ryohei Hase
Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]
E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz
Golkonda Verlag
Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin
[email protected] | www.golkonda-verlag.de
ISBN: 978-3-944720-37-1 (Buchausgabe)
ISBN: 978-3-944720-37-1 (E-Book)
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
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Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]
Inhalt
Titel
Impressum
Fuchsmagie
Chenting, im Land der Toten
Die Kaiserin Jingu geht auf Fischfang
An der Mündung des Bienenflusses
Die Entwicklung der Gaunergeschichten unter den Hunden im North Park nach dem Wandel
26 Affen, und auch der Abgrund
Die Katze, die tausend Meilen weit lief
Die Brücke über den Nebel
Quellenangaben
Weitere Bücher im Golkonda Verlag
Phantastik im Golkonda Verlag
Fuchsmagie
Tagebücher werden von Männern geführt: starke Pinselstriche auf glattem Reispapier, das zusammengerollt und mit Bändern verschnürt in Lackschachteln aufbewahrt wird. Das weiß ich, weil ich selbst so ein Tagebuch gesehen habe. Es heißt, dass auch edle Damen Tagebücher führen, in der Hauptstadt oder wenn sie in den Provinzen auf Reisen sind. Diese Tagebücher, so heißt es, sind oft von Kummer erfüllt, denn das Leben einer Frau ist voll von Traurigkeit und Warten.
Männer und Frauen führen ihre verschiedenen Tagebücher – ich werde herausfinden, ob eine Fuchsdame nicht auch eines schreiben kann.
Ich sah ihn und liebte ihn, meinen Herrn Kaya no Yoshifuji. So, wie ich es sage, ist es kurz und schneidend und ohne jede Eleganz, wie ein Bellen; doch ich weiß nicht, wie ich es sonst anfangen sollte. Ich bin nur ein Fuchs, ich habe keine erlesenen Ausdrucksformen. Ich glaube, ich muss früher beginnen.
Meine Mutter und mein Großvater zogen mich und noch einen Welpen in dem engen Raum unter Yoshifujis Vorratshaus im Küchengarten auf. Der Boden des Hauses über unseren Köpfen bestand aus geglätteten Buchsbaumdielen, unter unseren Pfoten war trockene, sandige Erde. Wir hatten uns nahe einem Eckpfosten einen Bau gegraben, kaum mehr als eine Mulde und kaum groß genug für uns vier.
Es war Sommer. Wir schlichen uns aus dem Garten und rannten, auf der Suche nach Mäusen und Vögeln und Kaninchen, hinter Yoshifujis Haus durch den Wald. Aber sie waren schlau, und wir waren die ganze Zeit über hungrig. Es war leichter, Essen zu stehlen, und so kauerten wir uns in den Schatten des Vorratshauses, beobachteten alles, was im Garten geschah, und warteten.
Der Koch, ein riesiger Mann mit Augen, die sich zwischen Fettpolstern verloren, kam an manchen Tagen heraus und zog Wurzeln aus der Erde. Manchmal ließ er eine fallen, dann wartete ich, bis er mir den Rücken zukehrte, und rannte hervor, der Welt ausgesetzt, um sie mir zu schnappen. Der Koch kam oft in das Vorratshaus. Wir zogen uns weiter zurück, hörten das Schloss sich öffnen, die schweren Schritte des Mannes über unseren Köpfen, das Knarren einer Diele, dann das Geräusch seines Fortgehens, wie er die Tür wieder schloss, seine Schritte, die den Gartenweg hinaufschlurften.
Eines Tages lauschten wir und hörten die vertrauten Geräusche, aber das Schloss klickte nicht. Ich sah meinen Bruder an, der neben mir kauerte. Wir sagten nichts, denn wir waren nur Füchse, aber wir wussten, was wir wollten. Niemand war im Garten. Wir schlichen hinaus und schlüpften in die offene Tür des Vorratshauses. Dort war das Essen, ganz so, wie wir es gerochen hatten: ein abgehängter Fasan, getrockneter Fisch, eingelegte Rettiche, Sake und Essig. Wir warfen Gläser um und rissen Kisten auf, und wir aßen und aßen und aßen.
Der Schrei an der Tür überraschte uns vollkommen. Der Koch war zurückgekehrt: Er verfluchte uns und den Schaden, den wir angerichtet hatten. Ich wirbelte herum, aber es gab nirgendwo ein Versteck, also zog ich mich in eine Ecke zurück und fletschte die Zähne. Der Koch warf die Tür zu. Dieses Mal hörten wir das Schloss.
Voller Panik kratzte ich an den Wänden, an den winzigen Rissen im Boden, durch die ich meinen Flecken Erde riechen konnte. Ich brach mir eine Kralle ab und roch die Spur von frischem Blut.
Vor der Tür waren wieder Stimmen zu hören, und plötzlich flog sie auf. Der Koch heulte und schrie vor Wut. Eine Frau stand hinter ihm, in kostbare Roben gekleidet und mit einem riesigen roten Fächer vor ihrem Gesicht. Ich hatte sie schon einmal gesehen und wusste, dass dies Shikibu war, die Herrin des Hauses. Sie ließ ihren Fächer ein wenig sinken, um uns anzustarren. Das Licht, das durch den Fächer fiel, färbte ihr Gesicht, aber sie war noch immer wunderschön. Ich knurrte, und sie schrie auf und sprang zurück. »Füchse!«
Der dritte Mensch, der hereinsah, war Kaya no Yoshifuji. Er trug blaue und graue Jagdkleidung mit silbernen Medaillons, die in das Muster seines Überwurfs gewoben waren. In einer Hand hielt er einen kurzen Bogen, und aus einem Köcher auf seinem Rücken ragten Pfeile. Sein Haar war geölt und zu einer Schleife geflochten. Seine Augen waren pechschwarz, und als er sprach, war seine Stimme tief und klang belustigt. »Seid still, alle beide! Ihr macht es nur noch schlimmer.«
»O mein Gemahl!«, rief die Frau, die am ganzen Leib zitterte. »Es sind böse Geister. Wir müssen sie vernichten!«
»Es sind nur Tiere – Füchse, junge Füchse. Still, Ihr macht ihnen Angst.«
Ihre Finger umfassten die Stäbe des Fächers fester. »Nein! Füchse sind alle böse, jeder weiß das! Sie werden unser Haus zerstören! Tötet sie, bitte!«
»Geh.« Yoshifuji machte eine Geste zu dem Koch hin, der Shikibu mit offenem Munde anstarrte. Der Mann rannte den Pfad hoch und in das Haus. Mein Herr wandte sich Shikibu zu. »Ihr dürft nicht hier draußen bleiben, wo jeder Euch sehen kann. Ihr seid töricht. Ich werde sie nicht töten. Wenn wir ihnen nur die Gelegenheit geben, werden sie sicher von selbst fortlaufen.« Yoshifuji drehte ihr den Rücken zu. »Bitte geht hinein.«
Sie sah uns wieder an. Ich spürte, wie meine Ohren sich anlegten, wie mein Rücken von den sich aufrichtenden Haaren kribbelte. »Ich werde gehen, Gemahl, weil Ihr es befehlt. Werdet Ihr später zu mir kommen?«
Shikibu verließ uns. Yoshifuji kniete einen langen Moment lang auf der Erde des Gartens, eine Hand über seine Augen gelegt. »Ach, kleine Füchse, so ist es, nicht wahr?
›Füchse, im Dunkel halb gesehen;
Ich habe mit weniger Wissen um meine Herrin gefreit.‹«
Heute weiß ich, dass das, was er sagte, ein Gedicht war, auch wenn ich nicht sicher bin, was ein Gedicht ist. Es ist etwas Menschliches, und ich weiß nicht, wie gut ein Fuchs das je begreifen kann.
Er stand auf und klopfte sich die Knie ab. »Ich werde bald zurückkehren. Es wäre weise, vorher zu verschwinden.« Er hielt inne. »Lauft, kleine Füchse. Seid frei, solange ihr könnt.«
Ich konnte nicht aufhören, ihn anzuschauen, während er zum Haus hinaufging. Erst als mein Bruder mich in die Schulter biss und bellte, folgte ich ihm durch die Tür und in unser Loch hinab.
In jener Nacht lernte ich zu weinen. In unserem Fuchsbau zusammengekauert lauschte meine Familie schweigend. Nach einer Weile legte mein Großvater seine Schnauze an meine. »Du hast Magie in dir, Enkelin. Darum kannst du weinen.«
»Alle Füchse haben Magie in sich, Großvater«, sagte ich. »Sie weinen nicht alle.«
»Nicht diesen Zauber«, erwiderte er.
Danach schlich ich mich oft in die Ziergärten des Anwesens. Die sorgfältig beschnittenen Bäume boten mir Deckung, wenn ich mich dem Haus näherte. Es war aus Zeder und geschwärztem Holz gebaut und hatte hohe Traufen. Im Schatten einer halbmondförmigen Brücke sprang ich über einen schmalen Bach, strich an einem dekorativen Stein voller Flechten vorbei und versteckte mich unter einer kleinen Weide, die sich zu dem kurzen Gras nah dem Haus hinunterbeugte. Unter die grünen und silbernen Blätter geduckt, hielt ich Ausschau. Oder ich versteckte mich in einem glänzenden Rhododendronbusch. Oder gar unter dem Fußboden des Hauses, denn dort gab es viele Orte, an denen eine Füchsin sich verstecken konnte.
Ich hielt Ausschau, wann immer es mir möglich war, und sehnte mich danach, einen Blick auf meinen Herrn zu erhaschen oder seine Stimme zu hören. Aber er war oft fort, mit seinen Freunden auf der Jagd oder im Zuge seiner vielen Verpflichtungen auf Reisen. Manchmal blieb er sogar die ganze Nacht fern und kehrte erst kurz vor dem Morgengrauen zurück; dann hingen fremde Gerüche in seinen Kleidern, und er hatte den Fächer oder den Kamm einer fremden Frau in der Hand. Es war sein Recht und seine Pflicht, ein Männerleben zu führen – das wusste ich durchaus.
Aber ich bedauerte seine Frau trotzdem ein wenig. Ihre Zimmer lagen ganz innen im Nordflügel, viele Schichten von Shoji-Wandschirmen, Bambusrollos und vornehmen Vorhängen trennten uns. Doch es war der siebente Monat, und sie ließ so viele von ihnen offen, wie es die Sittsamkeit gestattete, und manchmal sah ich sie. Im Halbdunkel des Hauses wirkte sie beinahe verloren. Sie hatte eine Handvoll Frauen um sich: sie spielten Kinderspiele mit Kreiseln und Ringen, sie übten sich in Kalligraphie, sie schrieben Gedichte, sie schickten nach den Kutschen aus geflochtener Palme und fuhren in das Kloster und hörten zu, wie Sutras gelesen wurden. Es schien mir offensichtlich, dass all diese Dinge nur dazu da waren, die Zeit zu vertreiben, bis Yoshifuji zu ihr kam. Ihr Leben war voller Zwielicht und Warten, aber ich beneidete sie um die Momente, die er hin und wieder doch mit ihr verbrachte.
Und dann ging Shikibu fort, um die Familie ihres Vaters in der Hauptstadt zu besuchen. Sie nahm ihre Frauen und viele Bedienstete mit, sogar den fetten Koch. Das Haus blieb sehr still und leer. Yoshifuji war noch seltener zu Hause, aber wenn er da war, war er fast immer allein. Er verbrachte viel Zeit mit Schreiben und führte den Pinsel mit großer Gewissenhaftigkeit. An den meisten Abenden schlenderte er im Zwielicht durch die Ziergärten und in den Wald hinein, einen scharf riechenden Zedernweg entlang, der zwischen zwei Schreinen hindurchführte. Ich folgte ihm auf seinen Waldspaziergängen und versuchte, im Dämmerlicht seinen Gesichtsausdruck zu erkennen.
Eines Nachts kauerte ich unter der Weide. Mein Herr saß allein in einem Zimmer, die Schirmwände zurückgeschoben. Ich glaube, er betrachtete einfach nur den Garten im Mondlicht, vielleicht trank er auch Sake. Sein Gesicht wurde von der Glut eines Kohlebeckens erleuchtet und von dem gespiegelten blauen Licht des Vollmondes. Das Herz tat mir weh, und Traurigkeit lastete auf meiner Brust. Tränen rannen in das Fell auf meinen Wangen.
Ein Schatten glitt an dem Zierstein vorbei und setzte sich neben mich. Großvater berührte mit seiner Nase meine Tränen und meine Rippen, die bereits weit hervortraten.
»Du wirst sterben«, sagte er. »Ohne Essen wirst du dahinsiechen.«
»Das kümmert mich nicht. Ich liebe diesen Mann.«
Er schwieg für eine Weile. »Trotzdem«, sagte er endlich.
»Großvater. Wir sind Füchse, und wir besitzen Magie. Können wir ihn zu uns holen?«
»Willst du das wirklich?«
»Ja. Oder ich werde sterben.«
»Wenn du es willst, werden wir tun, was wir tun müssen«, sagte Großvater und ging davon.
Der Zauber war schwer zu wirken. Wir arbeiteten lange daran. Ich bin eine Füchsin, aber mein Großvater und meine Mutter machten mich auch zu einem Menschenmädchen. Mein Haar war so schwarz und glatt wie Wasser auf Schiefer und fiel über die Seidenroben, die ich in mehreren Schichten übereinander trug. Eines Nachts betrachtete ich mich selbst in einer Pfütze. Ich war entzückt, denn mein Gesicht war so rund und blass wie der Mond.
Mein Großvater machte mir einen kleinen weißen Ball, der im Schatten leuchtete. Ich sah ihn neugierig an.
»Um damit zu spielen«, sagte er. »Du bist ein Mädchen. Du kannst dich nicht mehr einfach mit deinem Bruder balgen. Ein solcher Ball gehört sich für ein Fuchsmädchen.«
»Ich mag nicht mit einem Ball spielen.«
»Das weißt du doch noch gar nicht. Steck ihn in deinen Ärmel. Früher oder später wirst du ihn brauchen. Er wird dir die Zeit vertreiben.«
Wir verwandelten den Platz unter dem Vorratsschuppen in ein Haus mit vielen Zimmern, mit Böden und Balken, die vom vielfachen Polieren der Bediensteten glänzten. Es gab Truhen und lackierte Schatullen voller Seidenroben und Perlmuttkämme, Porzellanschalen und silberne Essstäbchen, Michinoka-Papier und Pinsel mit Bambusgriffen und Tintenblöcke, ein zeremonielles Teeservice, das so glasiert war, dass es aussah wie Kiesel unter Wasser. Nein, wir machten diese Dinge nicht, nicht wirklich: Das alles war noch immer nur nackte Erde und ein trockenes kleines Loch. Aber wir ließen es so aussehen. Ich kann es nicht erklären.
Wir füllten das Haus mit vielen schönen Dingen, und dann zauberten wir einen Garten darum herum, voller Steine und Teiche und dichter Büsche. Es wäre nicht der Traum eines Fuchses gewesen, wenn ich noch ein Fuchs gewesen wäre. Wir ließen eine Sonne, einen Mond und Sterne erscheinen, genau wie die echten. Wir schufen zahlreiche Bedienstete, alle schnell und still und schlau.
Und wir machten meine Familie zu Menschen. Mein Bruder wurde klein und stutzerhaft, mit schmalen Dichterhänden. Meine Mutter machten wir schlank und zauberten eine einzelne silberne Strähne in ihr schwarzes Haar, das ihr bis zu den Knien fiel. Und Großvater war sehr stattlich. Er trug rostrote Gewänder mit kleinen Medaillons auf jedem Ärmel. Als ich mich hinunterbeugte, um zu sehen, was sie darstellten, lächelte er und zog sie fort. »Fuchspfoten«, sagte er.
Ich saß in einem Meer aus Röcken und Ärmeln hinter einem rotgrünen Vorhang. In der einen Hand hielt ich einen Fächer, auf den ein Gedicht gemalt war, das ich nicht verstand. Ich beobachtete gebannt, wie der Fächer auf- und zuschnappte, und betrachtete dabei die schnellen Bewegungen meiner menschlichen Finger. Meine Familie saß um mich herum: meine Mutter mit mir hinter dem Vorhang, Bruder und Großvater sittsam auf der anderen Seite. Mutter hatte einen Floh – ich sah ihr Fuchs-Ich ein Hinterbein heben und sich hinter dem Ohr kratzen, und ich sah, wie das Spiegelbild eines vorbeiziehenden Fisches im Wasser, ihr Frauen-Ich, eine lange Hand hob, um sich diskret Erleichterung zu verschaffen.
»Mutter«, sagte ich bestürzt. »Was, wenn er beides sieht?«
Sie sah beschämt zu Boden, und Großvater fragte, was vor sich gehe. Ich erklärte es, und er lachte. »Das wird er nicht. Er ist ein Mann, er wird sehen, was er sehen will. Bist du glücklich, Enkelin?«
»Es ist alles wunderschön, glaube ich. Aber mein Herr liebt mich nicht.«
»Noch nicht.« Großvater kicherte. »Das alles macht mir großen Spaß. Es ist viel zu lange her, dass ich einmal Streiche gespielt habe – seit ich ein Welpe war und meine Brüder und ich Reisende mit Feuer auf unseren Schweifen in die Sümpfe gelockt haben.«
Ich hörte Bruder seufzen. Zu gerne hätte ich sein Gesicht gesehen, aber der Vorhang trennte uns. Großvater sagte: »Sei respektvoll, Enkel. Sei so menschlich, wie du kannst, um deiner Schwester willen.«
Bruder antwortete: »Warum kann sie nicht als Fuchs glücklich sein? Wir haben gespielt und sind gerannt, und ich dachte, wir wären glücklich.«
»Weil sie einen Mann liebt«, sagte Mutter. »Wir tun das alles für sie.«
»Ich weiß«, sagte Bruder. »Ich werde versuchen, ihr ein guter Bruder zu sein und euch ein guter Sohn und Enkel.«
»Dieser Mann wird uns allen helfen«, sagte Großvater. »Er wird ein guter Versorger sein, und vielleicht wird er für dich einen Posten irgendwo in der Regierung finden.«
»Ich werde versuchen, pflichtbewusst zu sein und all eure Erwartungen zu erfüllen«, sagte mein Bruder. Er klang nicht pflichtbewusst, sondern nur melancholisch.
»Nun«, sagte Großvater. »Enkelin, bist du für den nächsten Schritt bereit?«
»Großvater, ich werde alles tun.«
»Dann geh heute Abend. Geh in den Wäldern spazieren, und wenn Yoshifuji herauskommt, lass geschehen, was geschieht.«
Ich verließ das schöne Haus – was bedeutete, dass ich aus unserem staubigen kleinen Loch kroch – in der Gesellschaft mehrerer Zofen. Es gab einen Fuchspfad, der durch Gärten zu verlaufen schien, über einen Fluss und zu dem Waldpfad zwischen den Zedern, aber in Wirklichkeit war es nur ein schmaler Trampelfad durch dichtes Unkraut hinter dem Vorratshaus. Wir bewegten uns den Zedernpfad hinab und gingen dort im Mondlicht spazieren.
Er kam. Meine Fuchsaugen sahen ihn, bevor er mich sah. Er war in Hausgewänder gekleidet, einfache Seidenroben ohne komplizierte Farbmuster. Er trug keinen Hut, aber sein Zopf war genauso frisiert, wie es sich geziemte. Sein Gesicht war traurig – vielleicht vermisste er seine Frau, überlegte ich. Und warum auch nicht? Sie war so hübsch und sanft! Was tat ich hier, warum machte ich ihn ihr abspenstig? Nun würde sie für immer in ihren dunklen Hallen warten, und niemand würde die trübe Monotonie ihres Lebens durchbrechen. Ich fragte mich, ob ich meinen Mädchenkörper ablegen und mich in die Farne am Wegesrand zurückziehen sollte.
Aber ich bin ein Fuchs, was auch immer ich sonst noch geworden bin: Ich wappnete mich leichten Herzens und sagte laut: »Ich möchte lieber, dass sie alleine ist, als dass ich es bin.«
Vielleicht hörte er mich, oder er sah die Zofen, die in helle Farben gekleidet waren, die sogar in der zunehmenden Dunkelheit leuchteten. Jedenfalls kam er auf uns zu. Meine Frauen kreischten und wandten ihre Gesichter ab, verbargen sich hinter ihren Fächern. Sie waren aus Magie gemacht, also taten sie natürlich genau, was sie tun sollten. Ich, die ich nur sterblich war (und eine Füchsin), starrte ihn geradeheraus an, ohne jede damenhafte Zurückhaltung. Er begegnete meinem Blick. Diesen Jagdblick habe ich selbst gebraucht, ich kenne ihn gut. Ich reagierte wie das Tier, das ich bin: Ich drehte mich um, um davonzulaufen.
Er war neben mir, bevor ich meine Röcke raffen konnte, und legte seine Hand auf meinen Ärmel. »Wartet!«Wie eine Maus fühlte ich mich in seinem tödlichen Blick gefangen. Meine Frauen flatterten herum und gaben bedeutungslose, sorgenvolle Laute von sich. »Bitte lasst mich gehen«, sagte ich.
»Nein. Ein hübsches Ding wie Euch?« Ich erinnerte mich an meinen Fächer und hob ihn hoch, um mein Gesicht zu verbergen. Er fing mein Handgelenk ein, um mich davon abzuhalten; die Berührung seiner Haut an meiner machte mich benommen. »Wer seid Ihr?«
»Niemand«, stammelte ich. Unter all den Dingen, an die wir gedacht hatten, all den ungewohnten Dingen, die wir so schlau herbeigezaubert hatten – das Teeservice, die Steine im Garten – wir hatten uns keine Namen gegeben! Aber er schien das hinzunehmen.
»Ich bin Kaya no Yoshifuji. Warum geht Ihr in meinem Wald spazieren, ohne Männer, die Euch beschützen?«
Ich suchte verzweifelt nach einer Antwort. »Es ist – ein Wettstreit. Wir schreiben Gedichte an die Dämmerung, meine Zofen und ich.« Die Frauen zwitscherten zustimmend.
»Lebt Ihr hier in der Nähe?«, fragte er.
»O ja. Direkt auf der anderen Seite des Waldes.«
Er nickte. Der Fuchszauber hatte ihn dies glauben lassen, obwohl der Wald eine anstrengende Tagesreise tief war und er diese Reise selbst oft gemacht hatte. »Trotzdem, es ist sehr gefährlich, und es ist wirklich zu dunkel, als dass Ihr nach Hause laufen könntet. Würdet Ihr und Eure Zofen mir die Ehre erweisen, als Gäste in mein Haus zu kommen, um dort zu warten, bis wir nach Eurer Familie schicken können?«
Ich dachte an jene Räume, und plötzlich fiel mir Shikibu ein, wie sie ziellos darin herumgeirrt war und so oft auf Yoshifuji gewartet hatte. Selbst in ihrer Abwesenheit geisterte sie dort herum. Ich wich zurück. »Nein, das kann ich unmöglich tun!«
Er wirkte erleichtert. Vielleicht spürte er sie auch. »Wo wohnt Ihr? Ich werde Euch nach Hause begleiten.«
»Das wäre sehr freundlich«, sagte ich erleichtert. »Ich wohne gleich hier drüben.«
Vielleicht hätte er die Lüge beim ersten Mal erkennen können, als er von dem echten Weg auf den Fuchsweg schritt, aber er sah mich an, den Kopf schiefgelegt, um an dem Fächer vorbeizuspähen, den ich hatte heben können. Es war schwierig, in meinen zahlreichen Roben zu gehen, aber er verwechselte meine Unerfahrenheit mit Nachtblindheit und verhielt sich äußerst aufmerksam.
Der Fuchsweg war lang und verschlungen. Wir folgten ihm, bis wir Lichter sahen. »Mein Zuhause«, sagte ich, nahm seine Hand und führte ihn die letzten Schritte. Er war im Zauber verloren und bemerkte nicht, dass er mein wunderbares Haus betrat, indem er sich auf dem Bauch auf die Erde legte und unter das Vorratshaus kroch. Wir standen auf der Veranda. Bedienstete scharten sich um mich und schirmten mich von seinem Blick ab.
»Ihr seid die Tochter dieses Hauses?«, fragte Yoshifuji.
»Das bin ich«, antwortete ich.
Er sah sich um, sah die vielen Fackeln und Steinlaternen, die den Garten erleuchteten, und die Beschaffenheit der Bambus-Läden, die mit Borten eingefasst und mit roten und schwarzen Bändern hochgebunden waren. »Eure Familie muss sehr vornehm sein.«
Er folgte mir in das Empfangszimmer, in dem die Bediensteten einen Bescheidenheitsvorhang aufgehängt hatten – sie würden meine weibliche Ehre bewahren, selbst nachdem ich mich der Ungehörigkeit schuldig gemacht hatte, einem Mann zu erlauben, mich und mein Gesicht unverschleiert zu sehen. Ich sank hinter den aufgespannten Stoffbahnen auf die Matte.
Mein Herr stand noch immer. »Vielleicht sollte ich gehen, jetzt, da ich Euch nach Hause begleitet habe«, sagte er.
»Oh, bitte wartet! Meine Familie wird Euch für Eure Freundlichkeit danken wollen. Bitte setzt Euch.« Ich hörte Bedienstete eine Matte für ihn bringen.
Eine Tür glitt mit einem Schnappen auf, daher wusste ich, dass es einer von uns Füchsen sein musste, denn die Bediensteten bewegten sich alle vollkommen lautlos. Die Stimme meines Bruders sprach. »Ich habe gerade eben erst von Eurer Anwesenheit in diesem Haus gehört. Vergebt mir, dass meine Schwester Euch als Einzige willkommen geheißen hat.«
Ich glaube, dass Yoshifuji gestikulierte, aber ich konnte es nicht sehen. Kurz darauf fuhr mein Bruder fort: »Ich bin der Enkel von Miyoshi no Kiyoyuki, und in seinem Namen heiße ich Euch willkommen.« Ich seufzte erleichtert auf. Jemand hatte daran gedacht. »Bitte nehmt für eine Nacht unsere Gastfreundschaft an.«
»Danke. Ich bin Kaya no Yoshifuji.«
»Man wird Euch eine Mahlzeit bringen. Lasst mich meinen Großvater informieren. Er hat sich für heute Nacht zum Gebet zurückgezogen, aber er wird von Eurer Anwesenheit tief geehrt sein, sobald seine Schweigezeit vorüber ist und er wieder mit anderen verkehren darf. Bitte entschuldigt mich, damit ich dafür sorgen kann, dass man ihm eine Nachricht überbringt.« Der Wandschirm schnappte zu, und ich konnte die schmalen Fuchspfoten meines Bruders sich entfernen hören.
Er kehrte in jener Nacht nicht zurück. Meine Mutter und mein Großvater traten ebenfalls nicht in Erscheinung. Unsere einzige Gesellschaft waren, still und arbeitsam, meine Frauen. Wir sprachen miteinander, und Yoshifuji neckte mich ein wenig. Nach einer Weile ließ ich meinen Fächer so weit sinken, dass eines der Paneele des Vorhangs zur Seite geschoben wurde und ich im schwachen Licht einer einzelnen Öllampe sein Gesicht sehen konnte.
Meine Frauen brachten meinem Herrn ein lackiertes Tablett mit getrocknetem Fisch und Algen und Wachteleiern, einen übervollen Topf mit weißem Reis und eine kleine Teekanne mit Krakelee-Glasur, in der grüner Tee zog. Es gab auch geschnitzte Essstäbchen aus Elfenbein und eine kleine flache Schale für den Reis und dann den Tee. Ich schnüffelte in der Luft und roch Parfüm und diese delikaten kleinen Speisen, und gleichzeitig roch ich die eine tote Maus, die mein Bruder hatte fangen und zubereiten können. Mein Herr hob mit Strohalmen zwischen den Fingern Stückchen von der Maus auf, trank Regenwasser aus einem welken Blatt und dachte sich nichts dabei.
Wir redeten und redeten. Er sagte:
»›Ein Berg, den man durch ziehende Wolken sieht;
eine schöne Frau, durch eine Lücke in den Vorhängen erspäht.‹
Ich würde mich über eine bessere Sicht freuen.«
Ich wusste, dass die angemessene Antwort ein weiteres Gedicht wäre, aber ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Das Schweigen zog sich hin. Wenn ich nichts sagte, würde er wissen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Er würde sich umsehen und bemerken, dass er nicht in diesem Haus war, sondern im Dreck kauerte und von Spinnweben behangen war ... »Bitte, setzt Euch zu mir«, sagte ich.
Das war ungehörig, aber ich wusste keinen anderen Weg, um ihn abzulenken. Jedenfalls erfüllte es seinen Zweck. Er zögerte kaum, sondern stand einfach auf und trat zu mir hinter den Vorhang.
Eine Frau von Rang ist nur ganz selten alleine, also waren meine Zofen da, aber sie schliefen, diskrete kleine Häufchen aus Roben in der Dunkelheit. Eine schnarchte sogar, ein winziges, würdeloses Geräusch. Ich war dankbar für dieses Schnarchen. Dadurch wirkten die Frauen real, und mein Herr war sich sicher, dass wir vollkommen ungestört waren.
Ich verbarg mein Gesicht mit meinem Fächer, den er mir wegnahm, mit meinem Ärmel, den er sanft zur Seite strich, mit meinen Händen, die er mit seinen eigenen einfing und an sein Gesicht hielt.
Von da an entwickelten sich die Dinge. Ich hatte mich zuvor schon mit meinem Bruder gepaart, aber ich glaube, wir waren zu jung, denn ich bekam keine Welpen. Sich mit einem Mann zu paaren war gar nicht so anders – wenn auch sauberer und höflicher –, und trotzdem kam es mir vollkommen anders vor. Yoshifuji war sehr ansehnlich, selbst wenn seine Haare ungeordnet und seine Roben beiseitegeschoben waren. Ich weinte, seiner Schönheit wegen, wegen der Berührung seiner Hand an meiner menschlichen Brust, wegen des Gefühls von ihm zwischen meinen Fingern, wegen des himmlischen Regens seiner Vollendung. Er wischte meine Tränen mit einer Fingerspitze fort, und ich weinte noch hilfloser und verbarg mein Gesicht in meinem Haar.
»Was ist, meine Geliebte?«, flüsterte er.
»Wie sehr sie trauern wird«, sagte ich zu mir selbst.
»Wer?«, fragte er.
»Eure Frau«, sagte ich.
Er zuckte mit den Schultern. »Ich liebe Euch.«
Und so wusste ich, dass der Fuchszauber seine Wirkung entfaltet hatte.
Das Morgengrauen kam, und Yoshifuji ging nicht fort, so wie er es getan hätte, wenn ich lediglich eine Liebelei gewesen wäre. Er blieb bei mir und spielte mit meinem Haar, während meine Zofen mein Kleid zurechtzupften und meine Gewänder parfümierten.
Einer der Shojis glitt auf, und dort stand mein Großvater in seinen rot-orangenen Roben. Ich quietschte vor Scham – die Anzeichen dessen, was wir eben getan hatten, waren überall um uns verstreut, und selbst der Vorhang um die Bettplattform war sehr durcheinander, denn wir hatten während der Nacht die Paneele umgeworfen. Aber Großvater erwähnte nichts davon.
»Ah, Ihr seid der junge Mann«, sagte er. »Ich bin Miyoshi no Kiyoyuki. Ich freue mich, Eure Bekanntschaft zu machen.«
Yoshifuji verbeugte sich. »Ich bin ...«
»Ich weiß, wer Ihr seid. Mein Enkel ist gestern Abend zu mir gekommen und hat mir von Euch erzählt. Bitte verzeiht mir, dass niemand außer meiner ungeschickten Enkelin Euch Gesellschaft leisten konnte.«
Mein Herr neigte den Kopf. »Eure Enkelin ist eine Frau von seltener Schönheit und Intelligenz.«
»Nun, ja«, sagte Großvater. »Ich hoffe, Ihr meint das ernst.«
»Das tue ich«, sagte Yoshifuji. »Und Euer Heim, so elegant ...«
»Nun. Es war Euch immer bestimmt hierherzukommen, und nun müsst Ihr bleiben.«
»Es wird mir eine Ehre und eine Freude sein«, sagte mein Herr.
»Kommt und trinkt mit mir«, sagte mein Großvater. »Wir haben viel zu besprechen.«
Ich sah Yoshifuji und meinen Großvater den Raum verlassen, vor Freude ganz benommen. Als mein Liebster zurückkehrte, war es beschlossen. Wir würden uns vermählen.
Wir schliefen die drei Nächte zusammen, die es braucht, um eine Ehe zu stiften, und aßen die Kuchen der dritten Nacht und tranken in Anwesenheit eines Priesters zusammen Sake. Ich sah die Hochzeit, wie mein Herr sie sah: unsere bunten Gewänder und die Hände des Priesters, die auf uns deuteten, meine Familie, wie sie zuschaute, Glyzinien im Haar meiner Mutter, aber als ich weinte, verlief die Hochzeit zu farbigen Flecken über der Wahrheit: vier Füchse und ein schmutziger Verrückter, die in Dreck und Staub und Dunkelheit kauerten. Ich liebte Yoshifuji. Wollte ich nicht das Beste für ihn? Konnte dies besser sein als sein herrliches Haus und seine schöne Frau, die auf ihn wartete?
Nein. Es war mir egal, was das Beste für ihn war. Ich wollte, was ich wollte. Ich bin schließlich nur ein Fuchs.
Wir fanden uns leicht in unserem gemeinsamen Leben zurecht. Anfänglich verbrachte Yoshifuji jede Nacht und den größten Teil jeden Tages mit mir. Wir paarten uns oft, meist wenn er für mich Gedichte rezitierte. Was konnte ich sonst tun? Wenn wir nicht beieinanderlagen, saß er in meinen Räumen und spielte mit den weichen Pinseln und der Tinte. Oft saß er und schrieb schnell auf einem lackierten Schreibtablett, die Tinte schwarz und glänzend wie nasser Schiefer im Schnee. Einmal sah ich ihm über die Schulter und las, in großen, starken Zeichen:
»Die dunkle Glasur der Schale spiegelt den Himmel:
Welche Farbe hat sie? Blau oder schwarz?«
»Was bedeutet das?«, fragte ich, und begriff dann: ein weiteres Gedicht. Er sah mich seltsam an, und ich errötete und platzte heraus: »Was schreibt Ihr da die ganze Zeit?«
»Ich führe ein Tagebuch«, sagte er. »Das habe ich immer getan. Meine Frau ...« Seine Stimme verlor sich. Ich hielt die Luft an, denn ich wusste, dass er nicht mich gemeint hatte. Nach einem Augenblick schüttelte er den Kopf und lachte. »Ich hatte einen Gedanken, aber er ist mir entfallen. Vielleicht wird er zurückkehren.«
»Kommt zu Bett«, flüsterte ich, und er ließ den Gedanken sein und kehrte nicht zu ihm zurück.
Nach einer Weile begann Yoshifuji, mich öfter allein zu lassen, um mit Großvater und Bruder zusammen zu sein. Ich seufzte, doch ich wusste, dass es sich so gehörte: Männer werden immer die Gesellschaft anderer Männer suchen. Der Fuchszauber sah vor, dass mein Herr Verpflichtungen hatte, genau wie in seinem anderen Leben. Ein fortwährender Fluss von Menschen zog, mit Nachrichten und Problemen, durch unser Haus. Es kamen sogar Boten aus Edo. Er hatte viele Bekannte. Für meinen Bruder fand er eine Anstellung in der Nachbarschaft, als Sekretär bei irgendeinem Beamten.
Das klingt so seltsam, selbst in meinen Ohren. Wir waren Füchse, was für Arbeit konnten wir schon leisten? Und in Wirklichkeit gab es keine Anstellung für Bruder und keine Boten, keine Berichte, die nach Edo geschickt werden mussten. Das waren alles nur Träume. Aber unsere Familie empfand die Vorzüge dieses einflussreichen Lebens, das Yoshifuji führte, als wäre alles wahr, und als wären wir Menschen. Die Jagd war besser als früher und das Wetter gut. Ich kann es nicht erklären. Fuchsmagie.
Eines Tages ging mein Gatte mit Großvater auf die Jagd. Ich irrte durch meine Zimmer und suchte nach einer Beschäftigung. Ich spielte mit meinem Fächer und steckte ihn mir in den Ärmel. Als ich danach griff, fand ich stattdessen den kleinen weißen Ball, den mein Großvater mir gegeben hatte. Ich betrachtete ihn gerade, als mein Bruder hereinrannte.
»Schwester!«, sagte er völlig außer Atem. »Oben im Haus geschieht etwas Schreckliches.«
»Was? Was?«, sagte ich und wusste, dass er das andere Haus meines Gatten meinte. Ich fürchtete, dass Yoshifuji auf irgendeine Weise aus der Zauberwelt, die wir geschaffen hatten, in die wahre Welt zurückgekehrt war und den Weg dorthin gefunden hatte.
»Sie suchen überall nach ihm. Alle Bediensteten schwärmen draußen herum. Das musst du sehen.« Er zog an meinem Ärmel und schleifte mich nach draußen.
Ich sträubte mich. »Ist sie dort?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Es sind nur all die Diener und sein Sohn ...«
»Er hat einen Sohn?«, fragte ich und ließ mich nach draußen zerren.
Es war schwer, aus der Form einer Frau herauszugleiten und wieder nur ein Fuchs zu werden. Ich fühlte mich, als sei ich über einen Stein gestolpert und hätte mir im Fallen die Muskeln gezerrt. Zusammen mit meinem Bruder kauerte ich auf der Erde unter dem Vorratshaus und beobachtete die rege Geschäftigkeit. Da war ein Junge mit Yoshifujis Zügen. Wie hatte ich ihn übersehen können in all der Zeit, die ich meinen Gatten beobachtet hatte? Er war noch jung, aber er erteilte mit einer mir wohlbekannten Selbstsicherheit Befehle. Diener rannten in alle Richtungen. Ein Priester ging in den Gärten umher, rief den Namen des Buddhas und las Sutras für Yoshifujis Rückkehr. Ich sah die Füße des Priesters langsamer gehen, als er an uns vorbeikam, und erstarrte, aber er blieb nicht stehen. Ich musste lachen: der allmächtige Buddha von einfachen Füchsen getäuscht? Wir beobachteten all dies eine Weile, aber niemand schaute unter das Vorratshaus. Bestimmt erschien es ein zu bescheidener Ort, um dort einen Mann zu finden.
Als ich in meinen Frauenkörper zurückglitt, machte ich eine Entdeckung.
Mutter kreischte laut los, als ich es ihr sagte. »Schwanger?«
»Ich konnte es spüren. Während ich mich wieder in eine Frau verwandelte, konnte ich es spüren, ein kleines Männchen.«
»Ein Sohn! Ach, was für Neuigkeiten! Du wirst dem Haus so viel Ehre bringen!«
»Wie kann das sein? Ich bin ein Fuchs. Mein Kind wird ein Fuchs sein. Er wird es sehen und mich verlassen.«
Mutter lachte mich aus. »Du hast all diese Zeit mit einem Mann gelebt und doch noch nichts gelernt. Er wird einen Sohn sehen, denn das ist es, was er will. Er wird überglücklich sein! Ich werde es deinem Großvater erzählen. Ein Sohn!«
Es war genau so, wie sie gesagt hatte. Yoshifuji freute sich sehr. Das Kind wuchs in mir, und nach einer Weile konnte ich mich kaum noch aufrichten, um von einer Kammer in die nächste zu gehen. Die Verpflichtungen meines Gattes hielten ihn oft fern. Obwohl er jede freie Minute mit mir verbrachte, langweilte ich mich häufig. Von Zeit zu Zeit holte ich den kleinen weißen Ball hervor und vertrieb mir die Zeit damit, ihn in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen, und wenn er fortrollte, holten meine Frauen ihn mir zurück.
Meine Niederkunft war leicht und relativ schmerzlos, jedenfalls soweit das möglich ist. Yoshifuji kam in das Zimmer geeilt, sobald Mutter es ihm erlaubte, und drängte durch den Vorhang an meine Seite.
»Lass mich ihn sehen, meinen Sohn!«, sagte er. »O du mein wunderbares Eheweib!«
Ich bedeutete der Amme, meinem Gatten das Kind zu zeigen. Er schlug die eng gewickelten Tücher zurück. »Was für ein Kind! Frau, du bist außergewöhnlich. Ein wunderschöner gesunder Junge.«
Ich sagte nichts. Einen Augenblick sah ich den Schatten eines Mannes in vor Schmutz starrenden, zerlumpten Kleidern, der sich in der Dunkelheit vorbeugte, um einen Fuchswelpen auf die geschlossenen Augen zu küssen.
In der Fuchswelt verging die Zeit auf seltsame Art und Weise. Für uns und für Yoshifuji verstrichen Jahre. Unser Sohn wuchs schnell heran, bis er Vögel mit Spielzeugpfeilen jagte und begann, auf einem fetten, goldschwarz gefleckten Pony zu reiten. Jahre vergingen, aber in der äußeren Welt waren es nur Tage. Mein Bruder, der uns einen Großteil unseres Essens brachte, sagte, dass die andere Frau meines Gatten zurückgekehrt sei.
»Wie ist sie nun?«, fragte ich. Ich sah meinem Sohn dabei zu, wie er seine Pinselstriche übte und den Kopf neigte, um den Glanz der frischen Tinte auf dem Mattschwarz der getrockneten Tinte früherer Lektionen zu unterscheiden. Trotz unserer Magie war Papier doch zu kostbar, um einem Kind zu erlauben, mehr Bögen zu gebrauchen als absolut notwendig.
»Traurig«, sagte Bruder. »Was hast du erwartet?«
Ich schüttelte den Kopf und erinnerte mich dann, dass er mich nicht sehen konnte. Ich befand mich hinter meinem Bescheidenheitsvorhang. Wie immer. »Ich hatte gehofft, dass sie sich mit der Zeit besser fühlen würde.«
»Wie könnte sie?«, sagte er. »Du hast Yoshifuji seit Jahren bei dir. Dort draußen ist er erst seit ein paar Tagen verschwunden.«
Ich ließ meinen Ball fallen, und er rollte über den Boden. »Wie kann das sein?«
Bruder seufzte ungeduldig. »Wann warst du das letzte Mal draußen, Schwester?«
»Ich weiß es nicht. Bevor der Junge geboren wurde, sicherlich.«
»Warum?« Er klang bestürzt. »Warum gehst du nicht hinaus? Bist du krank? Ich weiß, dass du gesäugt hast, aber der Welpe ist entwöhnt.«
»Ich bin gerne hier, wenn mein Gatte da ist.«
»Früher haben wir miteinander gespielt, Schwester, nur du und ich. Erinnerst du dich? Wir sind durch den Wald gerannt, und nachts haben wir in den Ziergärten Mäuse gefangen und im Halbdunkel Haschen gespielt. Was ist mit dir geschehen?«
»Nichts«, sagte ich, doch ich log. Mir war so viel widerfahren – wo hätte ich da anfangen sollen?
»Dann komm mit mir nach draußen. Jetzt gleich.« Bruder sprang auf und warf den Wandschirm um. Ich sah zu ihm hoch, zu bestürzt, um mein Gesicht mit meinem Ärmel zu verbergen. Er nahm meine Hand und zog mich auf die Füße. Mein Sohn sah zu uns auf. Ich machte seiner Amme ein Zeichen, und sie nahm ihn hoch und brachte ihn aus dem Zimmer.
»Nun gut«, sagte ich. »Wir werden zusammen Füchse sein.«
Aus meinem Frauenkörper hinauszukriechen war dieses Mal äußerst qualvoll. Es fühlte sich an, als würde ich mir die Haut abziehen. Die Schnauze meines Bruders drückte gegen meine, und ich kauerte mich zusammen, bis das Verlustgefühl nachließ. Als es mir ein wenig besser ging, hob ich den Kopf und verließ den Raum unter dem Vorratshaus.
Es war früher Abend. Der Mond war beinahe voll, und die Sterne waren von seiner Helligkeit im Osten und den sterbenden Farben im Westen ausgeblichen. Wir bewegten uns, im Schatten der Bäume, durch den Ziergarten. Als ich über den Bach neben der Halbmondbrücke sprang, erhaschte ich einen Blick auf mein Spiegelbild im fließenden Wasser, und es erschreckte mich so, dass ich bei der Landung stolperte und mich zu einer Kugel zusammenrollte.
Bruder hielt inne und stieß mich mit der Nase an. »Was ist?«, flüsterte er. Ich schüttelte den Kopf, eine Geste, die meinem Fuchskörper schwerfiel. Ich sagte ihm nicht, dass ich in meinem Spiegelbild eine Frau gesehen hatte.
Im Haus brannten schon Lichter: Fackeln auf den Veranden und Kohlebecken und Lampen in den Räumen, trotz der Sommerhitze. Viele der Wandschirme waren beiseitegeschoben. Ich schaute zu, wie Motten in die vielen Flammen des Hauses flogen und starben.
Die nördliche Zimmerflucht des Hauses, Shikibus Räume, war nur spärlich beleuchtet. Ich schlich mich beinahe bis zur Veranda und blickte hinein. Sie selbst konnte ich nicht sehen, aber ich sah ihren Ärmel, der halb hinter ihrem Bescheidenheitsvorhang hervorlugte. Ein Priester kniete vor dem Vorhang und sang ein Sutra. Die nächtliche Brise schob eines der Paneele beiseite, und bevor eine ihrer Frauen es wieder an seinen Platz ziehen konnte, sah ich Shikibu blass und teilnahmslos in der Düsternis sitzen.
Die Haupträume des Hauses waren hell erleuchtet. Der andere Sohn meines Gatten stand bei zwei älteren Männern in Reisekleidung, Männer, die wie Brüder Shikibus aussahen. Sie hatten ein beinahe mannshohes Stück eines Baumstamms mitgebracht und drängten sich zusammen mit einem buddhistischen Priester darum herum, und viele Diener scharten sich im Garten und schauten zu. Alle waren seltsam gekleidet – Trauerkleidung, wie ich plötzlich begriff. Das überraschte mich – es war doch niemand gestorben –, bis ich begriff, dass sie wohl um meinen Herrn trauerten. Das belustigte mich, aber bei dem Gedanken schmerzte auch etwas schrecklich in meiner Brust.
Der Junge bearbeitete den Baumstamm mit Meißel und Schlegel.
»Was tun sie da nur?«, flüsterte mein Bruder. »Wie seltsam Menschen doch sind.«
»Was immer es ist, es gefällt mir nicht«, sagte ich.
»Komm näher. Lass uns wenigstens sehen, was sie tun.« Mein Bruder schob sich auf dem Bauch vorwärts.
»Bruder!«, zischte ich, aber er drehte sich nicht um. Also folgte ich ihm.
Der Junge in der Halle gab Meißel und Schlegel an einen von Shikibus Brüdern weiter.
»Fertig, Tadasada?«, sagte der Mann.
Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete das Holz: Aus der Nähe konnte ich sehen, dass irgendein Bildnis hineingeschnitzt worden war, aber ich konnte nicht erkennen, was es darstellte. Der Priester kam herbei, zusammen mit zwei Assistenten, die Räucherwerk in die Kohlebecken im Raum warfen. Alle anderen legten sich nieder und beteten leise. Der Priester beugte sich vor und begann, mit lauter Stimme zu rezitieren.
Er rief den Elfköpfigen Kannon an – als ich jetzt die Schnitzerei betrachtete, erkannte ich plötzlich etwas: ein Gewirr aus Köpfen, und die Arme und die gekreuzten Beine. Mein Nackenfell stellte sich auf, bis meine Haut vor Spannung kribbelte. »Wie schrecklich«, zischte ich meinem Bruder zu. Er stieß mich nur mit der Nase an und hörte dann weiter zu.
Es bestand kein Grund zur Beunruhigung. Ich erinnerte mich an den Priester, der den Buddha angerufen hatte und trotzdem an uns vorbeigegangen war. Wieso sollte dieser schlauer sein? Seine Stimme sprach immer weiter und weiter und fragte nach dem Ort, an dem Yoshifujis Leiche lag. Rauch kroch aus dem Kohlebecken und hinaus in den Garten. Kein Lüftchen regte sich. Eine Nebelranke schien sich auf uns zuzubewegen, als sei sie auf der Suche nach etwas. Ein kaum merklicher Windstoß hob ihre Spitze an, und sie glich so sehr einem Schlangenkopf, dass mich der Mut verließ und ich fortlief, mein Herz so heiß und schwer von Panik, dass ich den Garten, durch den ich rannte, kaum wahrnahm.
Ich rannte unter das Vorratshaus, hastete zurück in meine Frauengestalt und stand zitternd dort. »Gemahl?« rief ich. »Gemahl! Wo seid Ihr?«
Ich lief durch die Zimmer und Gänge, achtlos, ob die Männer des Haushalts mich sahen, und rief den Namen meines Mannes. Ich stand auf einer der Veranden, als Yoshifuji aus einem hell erleuchteten Raum geeilt kam und den Vorhang hinter sich fallen ließ.
»Frau?«, sagte er. Sein Gesicht lag in tiefen Falten. »Ich habe Besuch. Wir konnten Euch im ganzen ...«
»Gemahl!«, keuchte ich. »Es tut mir so leid. Ich weiß, es ist höchst unschicklich – es ist nur – ich hatte solche Angst ...«
Seine Züge wurden weicher, und er trat vor, um mich in den Arm zu nehmen. »Was ist geschehen? Das Kind? Was auch immer es ist, jetzt ist alles gut. Ich bin hier.«
Ich schluckte und versuchte, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen. »Nein, nicht unser Sohn, ihm geht es gut.« Was sollte ich ihm sagen? »Eine Schlange aus Rauch, und sie hat nach Euch gesucht. Ich – muss schlecht geträumt haben. Als ich erwachte, war ich ganz allein, und ich hatte solche Angst.«
»Allein? Wo waren deine Frauen?«
»Sie waren bei mir. Ich meinte nur – Ihr habt mir gefehlt.« Ich schlang die Arme fest um seinen Hals und schluchzte an seiner Wange. Er drückte mich an sich und versuchte mich zu beruhigen. Nach einer Weile löste er meine Hände und gab mich an eine meiner Frauen weiter, die im Halbdunkel wartete.
»Besser?«
Ich schniefte.
Er nahm meine Hände. »Ich kümmere mich noch um diese kleine Angelegenheit, und dann komme ich und leiste Euch Gesellschaft. Die ganze Nacht lang, wenn Ihr wollt.«
»Ja«, sagte ich. »Beeilt Euch.«
Ich wartete in meinen Gemächern. Ich saß im Halbdunkel und warf meinen Ball und weinte vor Angst, denn ich fürchtete mich vor jener Schlange aus Rauch, und ich vermisste Yoshifuji. Mein Sohn schlief, aber meine Amme brachte ihn zu mir, und eine Weile beobachtete ich ihn, wie er in seinem Nest aus Decken zusammengerollt dalag. »Sieh, mein Gatte liebt mich wirklich«, sagte ich zu mir selbst. »Hier ist der Beweis. Kein Buddha kann mir dies nehmen. Kein Buddha kann seine Liebe zu mir gefährden.« Dann fiel mir die Rauchschlange wieder ein, und ich erhob mich und ging auf und ab und starrte wieder in unsere schönen Fuchsgärten hinaus. Und Yoshifuji kam nicht.
Aber der Elfköpfige Kannon kam. Er kam als ein alter Mann mit nur einem Kopf, und er trug einen Stab, aber ich wusste, dass er es war. Er war nicht aus Fuchszauber gemacht, an einem Ort, an dem alles und jeder daraus bestand. Er roch nach dem Räucherwerk des Priesters. Wer konnte das sonst sein? Er ging durch die Gärten und lief zwischen den sorgsam angeordneten Bäumen hindurch, zwischen unseren Steinen und dem Zierteich, und er hinterließ einen Pfad, wie ein Mann, der Schlamm aufwirbelt, wenn er einen Fluss durchwatet. Der Zauber zerriss und zerfetzte, wo er entlanglief, und es blieb nur nackte Erde zurück und der Schatten des Vorratshauses über uns. Der Zauber bildete Wirbel und verschloss den Riss ein paar Schritte hinter ihm, aber er trug den Riss der Wahrheit mit sich wie eine Hofschleppe.
Er ging geradewegs durch alles, was wir erschaffen hatten, auf das Haus zu.
»Nein«, schrie ich und rannte auf die Veranda hinaus. »Lass ihn hier!«
Der Mann ging weiter. Ich rannte in das Gemach, in dem sich mein Mann aufhielt, platzte mitten in sein Treffen mit dem Boten aus der Hauptstadt und seinem Sekretär hinein. »Gemahl! Lauft!«
»Frau ...?«, sagte er, und ich spürte, wie die Veranda unter mir erzitterte und sich auflöste. Ich fiel auf die Knie. Yoshifuji sprang auf, seine Schwertscheide in der Hand. Ich zerrte an den Gewändern des Kannon, der an mir vorbeiging, klammerte mich an sein Schwertgehänge, bis er mich mit sich zog. Er wurde nicht einmal langsamer.
»Was tut Ihr ...«, brüllte mein Gatte, als der Mann ihn mit seinem Stab anstieß. Yoshifuji wich zurück und zog sein Schwert.
Ich schrie. Das Schwert schrumpfte zu einer Handvoll schmutzigen Strohs zusammen. Mein Gatte sah es angewidert an und warf es auf den Boden. Der Mann stieß ihn wieder an, und Yoshifuji bewegte sich rückwärts durch das Haus.
»Lass ihn, bitte lass ihn, sie bedeuten ihm nichts, ich liebe ihn ...«, flehte ich in einem fort, während der Mann mich durch unser Haus schleifte und in die Gärten hinab. Meine Hände bluteten von der scharfen Kante des Gürtels. Wenn auch sonst nichts um uns herum real war, so wusste ich doch, dass dies es war, dieses heiße Blut in meinen Handflächen. Yoshifuji drehte sich immer wieder um und wollte mir helfen. Dann schlug der Mann jedes Mal mit dem Stab nach ihm und trieb ihn stolpernd weiter.
Das Leder des Gürtels war ganz glitschig von Blut. Meine Finger rutschten ab, und ich fiel hinter dem Mann auf die Erde unter dem Vorratshaus, direkt neben einem der Stützpfeiler. Der Kannon versetzte meinem Mann einen letzten Stoß mit dem Stab, und er krabbelte aus unserem Heim heraus und stand aufrecht in seinem Kräutergarten. Ich kroch hinter ihm her, aber ich wusste, dass es bereits zu spät war. Ich lag in meinen Gewändern neben dem Vorratshaus, Blut an den Händen, während mein langes Haar auf dem Boden schleifte.
Der Abend dämmerte dort noch immer, der dreizehnte Abend, nachdem Yoshifuji zu mir gekommen war, seinem dreizehnten Jahr in meiner Fuchswelt. Beinahe alle befanden sich im Garten, standen in kleinen Gruppen beieinander und unterhielten sich. Yoshifuji war zwei Dinge in meinen Augen, wie etwas, das man durch das Wasser verzerrt wahrnimmt: stattlich in seinen förmlichen Gewändern, die jetzt ein wenig staubig waren, noch immer die Schwertscheide in der Hand; und von Kopf bis Fuß verschmutzt, sein Alltagsgewand fleckig und zerrissen, einen kleinen wurmzerfressenen Stock in der Hand – ein Mann, der mit Füchsen im Dreck gelebt hatte.
Der Junge war der Erste, der meinen Gatten sich umsehen sah.
»Vater!«, rief er, und rannte zu Yoshifuji. »Bist du es?«
»Sohn?«, sagte mein Mann zögernd. »Tadasada?« Ich sah, wie die Erinnerung zu ihm zurückkehrte, aber der Fuchszauber war stark genug, um seinen Begriff von den Dingen noch immer zu beeinflussen. »Wie kommt es, dass du nicht gewachsen bist, während ich fort war?«
Der Junge warf die Arme um ihn. »Vater, was ist mit Euch geschehen? Ihr seht so alt aus!«
