Piratenträume 2 - Hans - Günter Jung - E-Book

Piratenträume 2 E-Book

Hans - Günter Jung

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Beschreibung

Robert Young der als zwölfjähriger erfahren hat das es nicht immer angenehm ist wenn Träume wahr werden, ist nach den Jahren auf hoher See und vielen Abenteuern früher zu einem Mann geworden als ihm lieb ist. Aber es gibt immer noch unerledigte Dinge und die Abenteuer sind noch lange nicht vorbei. Neue Freunde und alte Feinde halten noch einige Überraschungen für ihn bereit.

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für meinen Sohn

Robert Alexander Jung

Ich bin unglaublich stolz auf dich.

Autor

Hans – Günter Jung

Inhaltsverzeichnis

Wiedersehen

Der Plan

Schuld und Sühne

Die Mission

Alles wird anders

Alles auf Anfang

Ein neuer Plan

Die Gerechtigkeit siegt

Angeklagt

Alte Freunde

Die Prüfung

Tortuga

Caracas

Alle Mann an Bord

Klar Schiff zum Gefecht

Die Explosion

Wieder zu Hause

Auf zu neuen Ufern

Vorwort

Dieses Buch ist die Fortsetzung eines Buches, das ich vor einigen Jahren für meinen Sohn geschrieben habe, damit er einen Grund zum Lesen hat. Es hat ihm glücklicherweise gut gefallen und er hat einen Zugang zu Büchern gefunden. Er hatte den Wunsch nach einer Fortsetzung und ich habe ihm diesen Wunsch gerne erfüllt. Wie beim letzten Buch, habe ich mich an den Fakten der Zeit orientiert und den Rest hemmungslos dazu fantasiert. Ich gebe allen Lesern des ersten Buches, die sich eine Fortsetzung gewünscht haben, recht. Denn ich glaube nun auch, dass die Geschichte erst mit dieser Fortsetzung ein befriedigendes Ende gefunden hat.

Ich hoffe, es ist für alle ein Vergnügen dieses Buch zu lesen. Ich wünsche euch viel Spaß dabei.

Hans – Günter Jung

1. Wiedersehen

Krachend schlug die erste Breitseite der Franzosen in den Rumpf und die Aufbauten der Stormbringer. Es fühlte sich für einen Moment so an, als machte das Schiff einen heftigen Sprung zur Seite. Holz splitterte, Segel zerrissen und die Männer der Besatzung, die von Splittern getroffen wurden, wurden durch die unglaubliche Wucht der Geschosse regelrecht in Fetzen gerissen. Es war ein infernalischer Lärm, so laut, dass man die Schreie der Sterbenden und Verwundeten nur ahnen konnte. Es war ein solch grauenvoller Anblick, dass Robert sich beinahe übergeben hätte. Überall war Blut auf dem Deck. Er stand wie gelähmt am Bug der Stormbringer und starrte auf das, was sich vor seinen Augen abspielte. Der Franzose ging längsseits und die Soldaten warfen Brandsätze auf das Deck der Stormbringer. Ein Brandsatz traf Robert genau an der Brust und er stand sofort in hellen Flammen.

Seltsam, es tut gar nicht weh, dachte er noch und schrie dann aber aus voller Kehle.

„Wach auf verdammt, wach auf.“, brüllte jemand.

Er öffnete die Augen und blickte in das zum Teil wütende, zum Teil belustigte Gesicht von seinem besten Freund Samson, der ihn mit beiden Händen an den Schultern gepackt hatte und schüttelte.

Robert rappelte sich verschlafen auf und stützte sich blinzelnd auf seine Ellenbogen. Obwohl die Nacht für diese Jahreszeit angenehm kühl war, hatte er seine Kleidung komplett durchgeschwitzt.

Der Schweiß lief ihm über das Gesicht und er atmete schwer. Er starrte in das pechschwarze Gesicht seines Freundes und war froh, dass das Erlebte nur ein Traum gewesen war. Mit tiefen Atemzügen atmete er die kühle Nachtluft ein.

„Schon wieder der gleiche Traum?“, fragte Samson besorgt.

Robert nickte und setzte sich noch immer leicht benommen auf.

Samson lächelte.

„Unten kann man nicht schlafen, weil alle schnarchen und furzen. Hier oben machst du einen Krach, dass man dich im ganzen Schiff hört. Ich mache mir langsam echt Sorgen mein Freund.“

Robert antwortete kleinlaut: „Tut mir leid, aber ich werde diesen Scheiß einfach nicht los. Es ist jedes Mal das Gleiche. Ich träume, dass wir alle sterben.

Glaubst du wir haben eine Chance, wenn wir dieses Monsterschiff eines Tages finden?

Ich meine, die haben so unglaublich viele Kanonen und Soldaten an Bord. Dieses Schiff ist eine schwimmende Festung. Die Bordwand ragt dreimal so hoch aus dem Wasser wie unsere. Das grenzt doch schon an Wahnsinn ein solches Monstrum anzugreifen.“

„He, he, he, mein Freund, das klang aber vor drei Jahren, als wir mit der Suche nach diesem Schiff begonnen haben, völlig anders. Wo ist der Robert

„Scully“ Young geblieben, der Blut sehen wollte und der nicht eher ruhen wollte, bis die Schuld getilgt ist?“

Samson blickte gespielt überrascht und grinste dann.

„Aber ernsthaft Rob, wir haben ein gutes Schiff, wir haben die Erfahrung aus vielen Kämpfen, wir haben eine Besatzung, von der ich sagen kann, dass ich mit keiner anderen in so ein Gefecht ziehen würde.

Und das wichtigste mein Freund, wir haben einen Kapitän, der, ohne zu zögern in die Hölle und wieder hinaus segeln würde, um die Franzosen zur Verantwortung zu ziehen. Du solltest außerdem ein ganz besonderes Vertrauen in diesen Mann haben, denke ich. Außerdem finden wir, glaube ich, keinen Mann an Bord, der ihm den Vorschlag unterbreiten möchte, jetzt alles abzubrechen und nach Hause zu fahren.

Alle Männer an Bord würden lieber sterben als aufzugeben. Dein Vater hat die meisten Nächte in den vergangenen drei Jahren hier an Deck verbracht.“

Robert nickte zustimmend.

„Aber ich vermisse meine Mutter. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Und ich denke, sie vermisst uns ebenfalls. Vielleicht braucht sie uns auch zu Hause.“

Samson schaute kurz in den Nachthimmel.

„Wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, und ich täusche mich eigentlich nie,“, lachte er, „dann sind wir gar nicht so weit entfernt von Barbados. Ich glaube, wir haben eine gute Chance, deinen Vater zu einem kleinen Umweg zu überreden. Was sagst du, wollen wir das morgen mal gemeinsam angehen?“

Robert wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, beherrschte sich jedoch im letzten Moment, denn unter harten Männern wäre das wohl mehr als unpassend. Er wusste natürlich, wie nah sie der Insel waren, auf der seine Mutter jetzt lebte.

Schließlich war er seit zwei Jahren nicht mehr als Koch, sondern als Navigator an Bord der Stormbringer.

Er wollte nur keinen Vorteil daraus ziehen, dass er der Sohn des Kapitäns war und darum hatte er schweren Herzens die Klappe gehalten.

Stattdessen antwortete er mit größtmöglicher Gelassenheit.

„Ich halte das auch für eine gute Idee und wir sollten es auf jeden Fall versuchen. Sei aber nicht zu enttäuscht, wenn es nicht klappt. Du weißt, wie sehr mein Vater hinter der Vengeance Sanglante her ist.“

Beide lachten laut und hieben sich gegenseitig auf die Schultern. Und obwohl Robert an Größe und Kraft zugelegt, hatte glaubte er immer noch das Krachen einiger seiner Knochen gehört zu haben als Samson ihm eine seiner Pranken ins Kreuz schlug. Sie lachten so sehr, dass die Deckwache vorbei kam, um nach ihnen zu sehen. Der alte Pete schüttelte mürrisch den Kopf und brummte etwas Unverständliches. Er machte, dass er wegkam und verschwand im Dunkeln der Nacht. Wahrscheinlich hatte er Angst, sich mit einer heimtückischen Krankheit anzustecken, die einen verrückt macht wie die beiden.

„Wir sollten versuchen noch ein wenig zu schlafen, die Sonne geht bald auf. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier bei dir an Deck.

Dich kann ich schütteln, wenn du Lärm machst.

Jemanden zu schütteln, weil er furzt, bringt gar nichts.“

Er grinste und der Effekt mit den weißen Zähnen im Dunkeln, den Robert vom ersten Tag an so mochte, war wieder zu sehen. Das durchdringende Läuten der Schiffsglocke und das Geschrei des Mannes, der sie läutete, riss Robert aus seinem traumlosen und unruhigen Schlaf.

„Alle Mann an Deck, alle Mann an Deck!“, brüllte der Kerl aus vollem Halse.

Aus allen Ecken und aus allen Aufgängen des Schiffes strömten die Männer an Deck. Sie stolperten, manche fielen auch hin und rappelten sich sofort wieder auf. Keiner wollte bei diesem Kommando der letzte sein. Robert erhob sich und stellte sich zwischen die Männer so, dass sie alle einen guten Blick auf die Brücke hatten. Langsam hörte das Stoßen und Schieben auf und es kehrte Ruhe ein. Snake, der neben Robert stand, fragte:

„Was ist denn am frühen Morgen bloß wieder los, verdammt noch eins? Nie kann man ausschlafen.“

„Keine Ahnung.“, antwortete Robert müde und gähnte erstmal ausführlich.

Strecken konnte er sich leider nicht, da die Männer zu dicht standen.

Auf der Brücke standen Samson und sein Vater, der ein ernstes Gesicht machte. Und natürlich der blinde Mike, der als erster Steuermann ja schließlich seine Arbeit machen musste. Mike war natürlich nicht wirklich blind, er hatte nur einen starken Silberblick, was die Männer wie selbstverständlich dazu animierte ihn immer wieder hochzunehmen. Am Anfang hat er sich noch darüber aufgeregt, aber inzwischen war es ihm egal.

Sollen sie nur ihre Späße machen, ich weiß ja, dass sie sich in allen Situationen auf mich verlassen und mir blind vertrauen, hatte er Robert einmal zwinkernd verraten.

Robert hatte den Witz an dieser Äußerung erst ein wenig später verstanden.

„Männer der Stormbringer.“

Sein Vater sprach wieder in diesem ernsten Tonfall, den Robert so gar nicht mochte.

„Wir sind jetzt seit mehr als drei Jahren auf See, um dieses französische Geisterschiff zu finden und zum Kampf zu stellen.

Der eine oder andere hat vielleicht schon seine Zweifel an dieser Mission und fragt sich, ob es nicht besser wäre aufzugeben und sich wieder anderen Dingen zu widmen.“

Er machte eine Pause und schaute in die Reihen seiner Männer, von denen es keiner wagte, auch nur das kleinste Geräusch von sich zu geben.

„Ich würde verstehen, wenn es so wäre. Samson hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass wir nur zwei Tagesreisen von Barbados entfernt sind. Ich habe beschlossen, dass wir den Hafen von Barbados anlaufen und drei Tage dort festmachen.

Ich glaube, alle die die Ihre Familien dort vor drei Jahren zurücklassen mussten, werden diese Tage nutzen, um sie wiederzusehen. Alle Männer erhalten, bevor sie das Schiff verlassen, ihre gesamte Heuer. Niemanden wird etwas Schlechtes nachgesagt, der dieses Abenteuer beenden und bei seiner Familie bleiben will. Soweit ich weiß, arbeiten fast alle Familien in der Brennerei meiner Frau.

Auch für euch wird es dort genug gut bezahlte Arbeit geben.

Die „Blue Crab“ Brennerei ist, wie ihr wisst, eine alte Brennerei, die meine Frau und ich bei unserem letzten Besuch auf Barbados gekauft haben. Ich gehe davon aus, dass meine Frau schon jetzt einige Erfolge zu verzeichnen hat.

Ich selber werde mit dem Schiff und den Männern, die mich weiterhin begleiten wollen, die angefangene Aufgabe beenden. Gegebenenfalls werde ich neue Männer anheuern. Für mich jedoch, gibt es das Wort aufgeben nicht. Bedenkt, dass wir nach den letzten Berichten kurz davor stehen dieses Schiff zu finden. Dass der Kampf hart wird, muss ich nicht extra betonen. Ich will ehrlich zu euch sein und muss deshalb gestehen, dass die Aussichten diesen Kampf zu gewinnen eher schlecht sind. Ja, wir müssen die Franzosen für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen, jedoch ist es genauso wichtig, dass eine neue Generation von ehrenhaften, klugen und mutigen Männern und Frauen heranwächst. Jeder Mann mit Familie trägt die Verantwortung für diese Aufgabe. Man sagt, Männer reifen im Kampf erst zu Männern. Ich halte das für dumm, denn kluge Männer vermeiden Kämpfe, wo immer es geht. Überdenkt also genau was ihr tut. Ihr alle habt die freie Wahl mit mir zu kämpfen und gegebenenfalls zu sterben oder mit euren Familien in Frieden zu leben.“

Das nun einsetzende allgemeine Gemurmel wurde noch einmal durch den Kapitän unterbrochen.

„Dies gilt für alle, außer meinem Sohn. Du Robert, du wirst in Barbados von Bord gehen, deiner Mutter in der Brennerei helfen und deine Schule beenden.“

Die Männer sahen Robert schweigend an. Er wollte in diesem Moment überall sein, aber nicht an Bord dieses Schiffes, nicht zwischen den Männern stehen, nicht diese Schande ertragen müssen.

Tausend Gedanken schossen ihm wie Musketenkugeln durch den Kopf. Warum hat er mir das angetan? Warum behandelt er mich wie ein Kind? Ich bin ein erwachsener Mann. Das habe ich mir ganz anders vorgestellt. Ich will selber entscheiden. Ich hasse ihn. Der wird sich noch wundern, das lasse ich mir nicht gefallen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit brüllte Samson.

„Wegtreten, an die Arbeit faules Pack.“

Die Männer spritzten auseinander und jeder machte sich an seine Arbeit. Robert stand noch immer wie erstarrt an der gleichen Stelle und wusste nichts mit sich anzufangen. Er war wütend und traurig zugleich.

Sein Vater war inzwischen wieder in seiner Kajüte verschwunden. Samson kam langsam die Treppe hinunter.

„Es ist besser so, Rob.“

Er schaute ernst und legte seinem Freund die riesige Hand auf die Schulter.

„Er macht sich Sorgen um dich und will deiner Mutter nicht sagen müssen, dass du durch seine Schuld umgekommen bist.“

Robert schlug Samsons Hand beiseite.

„Das fällt ihm jetzt ein, nachdem wir drei Jahre kreuz und quer gesegelt sind, um die Franzosen zu finden? Das ist doch Blödsinn. Das ist einfach nicht fair. Ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden.“

Samson ließ nicht nach.

„Du weißt besser als jeder andere auf diesem Schiff, dass deine Mutter nie damit einverstanden war, dass du dich dieser Gefahr aussetzt. Und das, was du in deinen Träumen gesehen hast, könnte ganz schnell wahr werden. Und was dann?“

„Na und, dann ist es eben so. Du hast gesagt, wir haben ein tolles Schiff, eine erfahrene und mutige Mannschaft, einen Kapitän, der in die Hölle segelt und wieder zurück. Ist das alles nur Gerede gewesen? Du bist nicht besser als mein Vater.

Du denkst wohl auch, dass ich noch ein Kind oder ein Feigling bin.“

„Rob.“

Samson packte Robert am Oberarm, aber der riss sich los, verschwand unter Deck und knallte die Tür hinter sich zu.

Samson wollte ihm folgen, als er die Stimme des Kapitäns von oben hörte.

„Lass ihn, wenn er sich heute Nachmittag etwas beruhigt hat, dann schick ihn zu mir.“

Am späten Nachmittag suchte Samson nach Robert.

„Du sollst zu deinem Vater kommen. Und egal was er dir zu sagen hat, vergiss nicht, dass er nicht nur dein Vater, sondern auch der Kapitän dieses Schiffes ist.“

„Und was willst du mir damit sagen?“

Robert hatte einem provokanten Unterton in der Stimme.

Samson hatte jedoch keine Lust darauf einzugehen.

„Du kommst von selber drauf, und jetzt los, der Kapitän wartet nicht gerne.“

Robert konnte sich ein verächtliches Schnaufen beim Gehen nicht verkneifen.

An der Kajüte des Kapitäns angekommen, klopfte Robert so männlich wie möglich.

Es dauerte einen kleinen Moment, bis er den Kapitän hörte.

„Herein!“

Robert trat in die Kajüte, machte einige Schritte hinein und blieb vor dem Tisch des Kapitäns stehen. Sein Vater beachtete ihn nicht, sondern verglich augenscheinlich sehr konzentriert Seekarten miteinander. Gerade als Robert dabei war die Geduld zu verlieren und etwas zu sagen, sprach sein Vater.

„Ich hoffe, du hast dich wieder beruhigt, Robert.“

„Das ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Ich werde das nicht akzeptieren.

Ich habe die gleichen Rechte wie alle anderen Männer an Bord. Als Mitglied dieser Mannschaft muss ich mir das nicht gefallen lassen.“, polterte Robert los, der nur auf eine Chance gewartet hatte.

Robert hatte die, wie er meinte, wichtigsten Argumente, die er sich während des Tages überlegt hatte, so schnell wie möglich dargebracht.

Leider, und das fiel ihm jetzt auf, war er dabei etwas zu laut geworden. Und das mochte sein Vater gar nicht. Er sah seinen Sohn überrascht an. Langsam, sehr langsam erhob er sich von seinem Stuhl. Ein außenstehender hätte Zweifel an der Funktion seiner Knochen und Muskeln gehabt, Robert jedoch wusste, dass sein Vater absolut gesund, aber dafür sauer war.

„Alles durchaus gute Argumente, jedoch sage ich dir in diesem Fall als dein Vater, Kapitän und Freund folgendes. Es ist zu gefährlich. Wir könnten im schlimmsten Fall beide dabei draufgehen. Ach ja, es kommt noch dazu, dass ich deiner Mutter einfach nicht sagen kann, dass ich mir sicher bin, dass wir in zirka sechs bis acht Wochen auf die Franzosen treffen werden und dass ich dich mitnehme. Sorry, dazu fehlt mir einfach der Mut. Du kennst deine Mutter. Außerdem braucht sie dich bestimmt in der Brennerei.“

„Hätten wir nicht jederzeit in den letzten drei Jahren auf sie treffen können?“, fragte Robert erstaunt.

„Ja natürlich, aber ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht. Uns beide zu verlieren, das kann ich deiner Mutter einfach nicht antun.“

„Aber ich ……..“

„Schweig jetzt Robert. Als dein Kapitän sage ich dir, dass ich deine Dienste nicht mehr brauche.

Damit bist du in dem Moment, in dem wir in Barbados anlegen, nicht mehr Teil dieser Mannschaft. Das bedeutet, du hast kein Stimmrecht und musst dir nach dieser Fahrt eine neue Aufgabe suchen. Deine Mutter hat außer der Schule bestimmt noch genug Einfälle, wie du deine Zeit sinnvoll verbringen kannst.“

„Das kannst du mir nicht antun.“, erwiderte Robert trotzig und mit Tränen in den Augen.

„Ich kann, ich muss und ich werde. Genug jetzt, du darfst wegtreten.“

Sein Vater wendete sich demonstrativ den Karten zu und beachtete ihn nicht mehr.

Robert drehte sich um, verließ die Kajüte und wollte die Tür mit aller Kraft zuschlagen, aber da hatte Samson, der ihm offensichtlich immer wieder einen Schritt voraus war, schon die Hand dazwischen.

„Keine gute Idee Rob.“, sagte er kopfschüttelnd.

Robert sah ihn verächtlich an und ging einfach weg.

„Samson, komm bitte rein.“, hörte er seinen Vater noch rufen.

Die nächsten zwei Tage vergingen in quälender Langeweile. Robert versuchte, seinem Vater so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, was auf einem Schiff nicht ganz einfach war. Seinen Vater ignorierte er so gut es ging. Das war nicht so einfach, wie es sich im ersten Moment anhörte, denn Robert war in den drei Jahren an Bord vom Schiffskoch zum Navigator aufgestiegen. Er hatte von seinem Vater und Samson so ziemlich alles gelernt, was die beiden über die Sterne, Seekarten, Strömungen und das Navigieren wussten. Dazu kam, dass er ein gutes Gefühl für Zahlen hatte. Seit einem halben Jahr hatte er die komplette Verantwortung für den Kurs der Stormbringer und die Männer hatten volles Vertrauen zu ihm. Ihm war natürlich klar, dass Samson und sein Vater ihn immer noch beobachteten und seine Navigationsergebnisse überprüften, aber das war völlig in Ordnung für ihn. Manchmal fehlte es ihm ein wenig, für die Männer zu kochen und er ging dem neuen Koch ein bisschen zur Hand. Die Männer freute das jedes Mal.

Am späten Nachmittag des zweiten Tages tönte es plötzlich aus dem Krähennest.

„Land in Sicht, Land in Sicht! Steuerbord voraus!“

Der Kapitän kam aus seiner Kajüte, blickte durch sein Fernrohr und rief nach einer Weile.

„Barbados meine Herren, nicht mehr lange und wir sind zu Hause.“

Die Männer johlten, pfiffen und manche brüllten nun aus Leibeskräften. Robert war wohl der einzige der dieser Nachricht nichts Gutes abgewinnen konnte.

Ja, er wollte seine Mutter wiedersehen, aber er hatte keine Lust seine Reise hier zu beenden. Er ging mit hängenden Schultern durch die feiernden und tanzenden Männer und legte sich unter Deck in seine Hängematte. Dieser ganze Mist ist doch nur passiert, weil wir diese dämliche Brennerei haben.

Als wir noch in unserem ersten zu Hause waren, war die Welt noch in Ordnung. Diese blöde Brennerei, ich bin ein Seemann, ein Pirat und kein Schnapsbrenner. Nicht, dass er Rum nicht mochte.

Von Zeit zu Zeit trank er schon gern einen kräftigen Schluck, dafür hatten die Männer schon gesorgt.

Aber er sah keinen Grund, dass gerade er das Zeug auch noch herstellen sollte.

Er mochte den Rum, den es in den meisten Tavernen gab, nicht so sehr, weil der einfach nur in der Kehle brannte. Aber es gab auch Sorten, die er gerne mochte. Sollten die anderen doch Rum brennen. Es gibt Männer, die fahren zur See und erleben Abenteuer und es gab die, die zu Hause bei ihren Frauen saßen und einfach nur älter wurden.

Er war sicher, dass er zu der ersten Gruppe gehörte. Er war einer von denen, die die Abenteuer erlebten und davon erzählten, während die anderen mit offenen Mündern da saßen und zuhörten.

Es musste doch mit dem Teufel zugehen, wenn es ihm nicht gelingen sollte die Entscheidung seines Vaters zu kippen. Er hatte sich in den letzten Tagen einen, zugegeben radikalen, Plan zurechtgelegt.

Wenn der klappte, dann musste sein Vater ihn einfach mitnehmen. Er streckte sich und lächelte dabei zum ersten Mal, seit sein Vater und Samson ihn verraten hatten.

Das Schiff lief ohne Probleme in den Hafen von Bridgetown ein. Das was jetzt kam war Routine. Der Hafenmeister, der zu ihnen an Bord gekommen war, wies ihnen den Liegeplatz zu und sie machten das Schiff fest. Wie immer liefen schnell einige Schaulustige zusammen und bestaunten das legendäre Schiff mit dem schwarzen Rumpf und den blutroten Segeln. Robert schaute kurz über die Bordwand und genoss den Moment. Sicherlich standen dort unten einige Jungen, genauso wie er vor einigen Jahren, und wünschten sich nichts sehnlicher, als mit solch einem Schiff die sieben Weltmeere zu befahren und Abenteuer zu erleben.

Auch die Mannschaft, ebenfalls in schwarz und rot, wurde neugierig und ehrfürchtig bestaunt.

Man hatte ja schon so manches über Schiff und Mannschaft gehört.

Mit Blut gefärbte Segel und andere, zum Teil noch dümmere, Geschichten. Aber diese Geschichten trugen zum Mythos des Schiffes und der Besatzung bei. Und das alles soll ich aufgeben, um in dieser blöden Brennerei zu arbeiten und zur Schule zu gehen? Niemals würde er das geschehen lassen.

Wartet nur ab, ihr habt es nicht anders gewollt, dachte sich Robert, während er das Schiff über die Gangway verlies und sich seinen Weg durch die Menschen bahnte.

Der Seesack war gar nicht so leicht und irgendetwas hatte er falsch gepackt. Es stach in seinen Rücken und tat ziemlich weh. Natürlich konnte er sich vor den Menschen, die am Straßenrand standen und ihn anstarrten, nichts anmerken lassen. Jungen in seinem Alter sahen ihn an, so wie er früher die Männer, wenn sie in Little Port von den Schiffen kamen. Ein tolles Gefühl, er hatte nicht vor in der Zukunft darauf zu verzichten.

Außerhalb der Stadt, die wie alle Städte, die er kannte, stank, war die Nachtluft erstaunlich mild und erinnerte ihn an das dunkelblaue weiche Samttuch, dass seine Mutter immer zu besonderen Anlässen trug. Die nachtaktiven Tiere dieser Insel machten rechts und links des Weges jede Menge Geräusche und Robert überlegte kurz, ob es auf Barbados Tiere gab, die ihm gefährlich werden könnten.

Er kam zu dem Schluss, dass das wohl nicht der Fall war. Zumal er inzwischen mit dem Messer, das er von Scar Face bekommen hatte und dass er immer bei sich trug, sehr gut umgehen konnte.

Auch fürchtete er keine Räuber, obwohl die ausgezahlte Heuer schwer in seinen Taschen lag.

Er hatte noch keinen Plan, was er mit den vielen Dublonen anfangen sollte. Etliche davon waren aus purem Gold oder Silber. Seine Mutter würde bestimmt dazu raten, den größten Teil davon für schlechte Zeiten zurückzulegen. Aber er war Pirat und ein Abenteurer. Was sollte er mit Erspartem?

Er überlegte, was die anderen Männer immer erzählten, wenn sie nach dem Landgang ohne eine Dublone wieder an Bord kamen.

Sie erzählten von wilden Saufgelagen, Schlägereien und willigen Weibern. Robert stand der Sinn nach nichts von alle dem. Es würde sich schon irgendwas ergeben.

„Vielleicht lege ich es doch erstmal auf die Bank?

Oder besser, ich vergrabe es als meinen persönlichen Schatz. Wie ein Pirat halt.“, sagte er halblaut zu sich selber.

Plötzlich stand er vor dem Haus, in dem seine Mutter wohnen sollte. Die Wegbeschreibung des Mannes, den er unterwegs gefragt hatte, war besser als erhofft.

Er schnupperte und nahm den südlichen Geruch von Zuckerrohr und Rum wahr. Gar nicht so übel, dachte er und ärgerte sich sofort darüber, etwas, dass mit der Brennerei zu tun hatte, positiv zu bewerten. Jetzt freute er sich aber erstmal auf seine Mutter. Er klopfte wieder betont männlich an die Tür. Es dauerte einen Augenblick, dann hörte er ihre Stimme.

„Thomson, du alter Säufer, wehe, wenn du das wieder bist! Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass du zu den normalen Geschäftszeiten kommen sollst, wenn du Rum kaufen willst. Du machst so lange, bis ich dir eins mit der Muskete aufbrenne.“

Die Tür öffnete sich und beide starrten sich an als würden sie einen Geist sehen. Dann, wie auf ein unhörbares Kommando, ließ Robert seinen Seesack fallen und sie fielen sich in die Arme.

Robert war froh, dass keiner der Männer oder sein Vater zusehen konnten.

Beide weinten und lachten vor Glück so sehr, dass ein Zuschauer bestimmt gedacht hätte, dass beide den Verstand verloren haben. Mutter stieß ihn ein wenig von sich weg, um ihn besser sehen zu können. Da das Licht, welches aus dem Haus nach draußen fiel, für ihre Zwecke nicht ausreichend war, zerrte sie ihn dann doch ins Haus.

„Lass dich ansehen, du alter Pirat!“, rief sie lachend und tastete ihn gründlich dabei ab.

„Muskeln wie ein richtiger Mann, lass dich in der Stadt bloß nicht von den leichten Mädchen ansprechen.“

Leiser fügte sie hinzu: „Die sind alle krank. Such dir eine hübsche aus gutem Hause.“

Robert war ein wenig verwirrt, setzte dem Gerede aber ein jähes Ende.

„Ich bin kein Pirat mehr, Mutter. Vater hat mich ausgemustert.“

Seine Mutter wich einen Schritt zurück, da sie den mehr als ernsten Tonfall ihres Sohnes bemerkte.

„Setz dich, iss etwas und dann erzähl mir was passiert ist. Ich nehme an, dein Vater kommt auch gleich und ich will erst deine Version hören.“ Robert erzählte was sich zu getragen hatte.

Natürlich hatte er seine Version ein wenig zu seinen Gunsten verändert. Hoffte er doch, seine Mutter auf seine Seite ziehen zu können. Seinen Plan müsste er dann nicht umsetzen und das wäre ihm sehr lieb gewesen.

In seiner Geschichte war die Chance die Franzosen zu treffen kleiner und die Überlegenheit des feindlichen Schiffes wurde stark überschätzt. Mutter hörte schweigend bis zum Ende zu.

„Ich muss schon sagen, dein Vater überrascht mich immer wieder. Irgendwie scheint er sich manchmal nicht nur mit seiner eigenen Welt zu beschäftigen.

Er denkt an die Zukunft und trifft Entscheidungen, die ich ohne Bedenken unterstützen kann. Er ist doch manchmal vernünftiger als ich denke.“

„Aber ich….“, stotterte Robert.

„Was aber?“, herrschte seine Mutter ihn an.

„Dein Vater hat doch Recht. Wir haben dich nicht großgezogen, damit du in irgendeinem sinnlosen Kampf getötet wirst. Ich kann dich hier sehr gut gebrauchen und deine Schule wartet auch schon viel zu lange auf dich. Außerdem weiß ich sehr gut wie eure Chancen stehen, falls ihr wirklich auf die Vengeance Sanglante trefft. Ich will keinen von euch verlieren und schon gar nicht gleich beide auf einmal.“

„Das ist doch kein sinnloser Kampf.“, wehrte sich Robert.

„Schluss jetzt, dein Vater hat richtig entschieden und ich will zu diesem Thema kein Wort mehr hören.“

„Das wird euch beiden noch leidtun.“, brüllte Robert

In diesem Moment öffnete sich die Haustür und sein Vater trat ein.

„Was ist hier los, du wagst es deine Mutter anzuschreien?“

Die Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Robert huschte ohne eine Antwort durch die immer noch geöffnete Tür ins Freie und lief in die Dunkelheit. Voller Zorn beschloss er seinen Plan nun in die Tat umzusetzen.

Als Robert am nächsten Morgen noch nicht zurück war, begann seine Mutter sich Sorgen zu machen.

Sie hatte das ganze Haus abgesucht.

„Er ist alt genug, dass er mal eine Nacht wegbleiben kann. Behandle ihn nicht immer wie ein Kind, er ist fast sechzehn Jahre alt. Er hat die Taschen voller Dukaten. Außerdem befinden wir uns auf einer Insel.“

Sein Vater versuchte seine Frau zu beruhigen.

Wohlwissend, dass es nicht funktionieren würde.

„Das hat ihn damals auch nicht aufgehalten, wenn du dich erinnern möchtest.“, setzte sie dagegen.

Er zuckte mit den Schultern. Was sollte er dagegen sagen?

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und Robert kam herein.

„Das von gestern tut mir leid, ich habe das nicht so gemeint. Bestimmt habt ihr Recht und es ist das Beste für alle.“, sagte er kleinlaut

„Alles in Ordnung?“

Mutter war misstrauisch.

„Was hast du wieder ausgeheckt, woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?“, wollte sein Vater wissen.

„Nichts, ich habe über alles nachgedacht und finde auch, wenn wir schon eine Brennerei haben, dann sollten wir auch alles dafür tun, dass sie erfolgreich ist.“

„Das ist mein Junge.“

Mutter war erleichtert.

„Hm“, machte sein Vater und rieb sich mit der rechten Hand das Kinn.

„Was gibt es zu essen? Ich könnte ein ganzes Schwein verdrücken.“, sagte Robert und setzte sich grinsend an den Tisch.

Nach einem ausgiebigen Frühstück wollte Mutter unbedingt mit ihren beiden Männern in die Brennerei und ihnen alles zeigen.

Auf dem Weg zur Brennerei besprachen seine Eltern die Pläne bezüglich der Männer, die von der Stormbringer abmustern würden. Es gibt genug Arbeit in der Brennerei, versicherte Mutter und alle könnten gutes Geld verdienen. Nach dem Rundgang durch die Produktion saßen sie unter einer Gruppe Kokospalmen und verkosteten den produzierten Rum. Mutter gab dazu die erklärenden Worte.

„Dieser Rum, mit dem wir auch anfangen, ist der, den wir an die verschiedenen Tavernen in der Stadt und auf dem Rest der Insel verkaufen. Sehr kräftig, aber nichts Besonderes. Dieser hier ist jetzt zwei Jahre alt und schon deutlich besser.“

Sie hielt eine Flasche gegen das Sonnenlicht.

„Seltsame Farbe, warum ist der nicht klar wie der andere?“, wollte sein Vater wissen.

Mutter grinste, wie immer, wenn sie etwas wusste was er sich nicht erklären konnte. Sie kostete diese Momente unglaublich aus.

„Wir haben zu Beginn einfach nicht genug Fässer gehabt, um den produzierten Rum abzufüllen und zu lagern. Wir haben immer alles gleich verkauft.

Da haben wir von den Portugiesen in der Stadt alte Portweinfässer gekauft.

Später auch noch Sherry Fässer.

Interessanterweise haben wir festgestellt, dass der klare Rum aus den Fassdauben teilweise den Geschmack und die Farbe löst, die sich dort abgesetzt hat.“

„Na ja, dann haben wir etwas gelernt. Wir kippen den Scheiß weg und brennen neuen guten Rum.“, antwortete sein Vater.

„Falsch!“, rief Mutter triumphierend.

„Genau das tun wir nicht, denn dieser Rum ist um Längen besser als das klare Zeug. Was glaubst du, wenn der Rum schon nach knapp zwei Jahren so viel besser ist, was dann erst ist, wenn er vier oder sogar fünf Jahre in den Fässern lagert?“

„Komm schon, das ist doch Blödsinn. Rum ist Rum, da beißt die Maus keinen Faden ab.“

Vater winkte ab.

„Probiere einfach, bevor du dir eine Meinung bildest. Hier nimm.“

Sie hielt ihm die Flasche hin und er nahm widerwillig einen großen Schluck. Bereit, das widerliche Zeug sofort im hohen Bogen auszuspucken.

Nachdem er getrunken hatte, machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte.

„Das ist ja unglaublich, kannst du das auf Dauer immer wieder herstellen? Das ist wirklich erstaunlich gut. Du hast Recht, wenn das nach zwei Jahren so gut ist, wie gut ist es dann erst nach fünf Jahren oder mehr? Wenn wir das Zeug in großen Mengen produzieren können, dann werden wir alle reich.“

Er nahm noch einen großen Schluck und hielt Robert die Flasche hin, aber Mutter war schneller und nahm sie wieder an sich.

Dann sprang er auf, packte seine Frau an den Händen und tanzte mit ihr über die Wiese.

Robert dachte sich seinen Teil. Genau das hatte er nicht gebraucht. Er hatte gehofft, dass die Brennerei nur eben so läuft. Aber, dass sie jetzt auch noch so erfolgreich werden würde, bedeutete ja wohl, dass er hier nie wieder wegkommt. Aber er hatte ja einen Plan.

„Schatz, wir werden in drei Tagen wieder auslaufen und ich muss mich um die Mannschaft kümmern.

Die Männer, die nicht mehr wollen oder können schicke ich zu dir, wie besprochen. Ich werde neue Männer anheuern müssen. Ich muss mich also beeilen. Die Geschichte mit diesen Franzosen muss zu Ende gebracht werden. Ich weiß, dass dir das nicht passt, aber egal was passiert, du hast in jeden Fall Robert bei dir. Du hast mich in der Vergangenheit bei all meinen Plänen unterstützt oder sie zumindest geduldet. Ich möchte, dass du mir deinen Segen gibst, damit ich, egal was passiert, weiß, dass du nicht böse auf mich bist.“

Mutter schaute ihn ernst an.

„Ich weiß, dass ich dich nicht von diesem Vorhaben abbringen kann und ich bin dankbar dafür, dass du mir wenigstens unseren Sohn lässt. Du sollst meinen Segen haben, aber lass dir ja nicht einfallen, nicht wieder zu mir zurückzukommen.

Dann müsste ich nämlich in die verdammte Hölle segeln, um dich nach Hause zu holen. Und dafür habe ich nun wirklich keine Zeit.“

Er nickte stumm.

„Ich muss jetzt los. Wir sehen uns heute Abend.“

Er umarmte seine Frau. Dann ging er Richtung Hafen davon.

Mutter machte mit Robert noch ein wenig mit der Führung weiter. Robert hörte nur mit einem halben Ohr zu, schließlich war er sich doch sicher, dass er nicht in der Brennerei arbeiten würde.

Als sein Vater nach Hause kam redeten sie noch ein wenig über die Zukunft der Brennerei und welche Möglichkeiten für Robert und die anderen Männer der Stormbringer vorhanden waren.

Einundzwanzig Männer machten von dem Angebot Gebrauch und verließen die Stormbringer.

Danach begaben sie sich zu Bett.

2. Der Plan

Am nächsten Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, wurden sie alle von den Schreien eines Mannes geweckt, der im Hof des Hauses stand und: „Feuer, Feuer!“, brüllte.

Vater sprang aus dem Bett und stürzte schlaftrunken nach draußen und rief:

„Was ist denn los, Mann?“

Der Mann deute in Richtung Stadt, wo man den gewaltigen Feuerschein deutlich sehen konnte.

„Verdammt, ist das die Brennerei?“, fragte er mehr sich selbst als den Mann.

Augenscheinlich erwartete der Mann Anweisungen.

„Hol´ so viele Männer wie du kriegen kannst und dann kommt mit Eimern zur Brennerei.“, rief sein Vater dem Mann zu, während er ins Haus zurück rannte, um sich etwas anzuziehen.

Dann lief er so schnell er konnte zur Brennerei. Mutter war nicht ganz so schnell, folgte ihm aber auf dem Fuße. An der Brennerei angekommen, sah er, dass die Produktionshalle in Flammen stand.

Er blieb wie angewurzelt stehen und versuchte sich einen Überblick zu verschaffen.

Die ersten Helfer waren schon dabei, mit Wasser aus den mitgebrachten Eimern die Flammen zu bekämpfen. Er stellte sich mit in die Reihe und sie reichten die Eimer, so schnell es ging, von einem zum anderen um die Flammen zu löschen.

„Ist noch jemand drin oder ist jemand verletzt?“ rief er in die Runde.

Gott sei Dank wusste niemand etwas von Verletzten oder Vermissten. Inzwischen war auch Roberts Mutter eingetroffen und half beim Löschen. Drei Stunden, nachdem der Mann alle alarmiert hatte, war das Feuer gelöscht. Nur wenige Stellen qualmten noch. Ein beißender Geruch zog über das Gelände. Der Qualm brannte in den Augen.

Mutter schaute über das Chaos.

„Zum Glück ist nur das eine Gebäude beschädigt.

Der meiste Rum ist den Flammen nicht zum Opfer gefallen, so dass wir mit dem Verkauf genug Geld verdienen können, um die Halle wieder aufzubauen.

Hätten wir den Brand ein wenig später bemerkt, hätte das Feuer auf die anderen Gebäude übergegriffen und wir währen ruiniert.“

Sie lehnte sich erschöpft bei ihrem Mann an.

Jetzt tauchte auch Robert am Ort des Geschehens auf.

„Sorry, dass ich jetzt erst komme, aber ich habe nichts von all dem mitbekommen. Ich war am Strand und bin eingeschlafen. Wie ist das passiert, haben wir alles verloren?“

„Gott sei Dank nicht, wir haben Glück gehabt.“

Seine Mutter war erleichtert.

Sie ging auf ihren Sohn zu, ergriff seine Hände und drückte sie so fest sie konnte. Robert verzog das Gesicht und stöhnte auf.

„Was ist denn mit deinen Händen, Robert?“

Vater war neugierig geworden.

„Nichts, schon okay.“

Da war er aber bei seinem Vater an den falschen geraten. Der machte einen schnellen Schritt auf ihn zu und nahm die Hände seines Sohnes, drehte die Handflächen nach oben und sah ihm in die Augen.

„Wieso sind seine Hände verbrannt, wenn du gar nicht hier warst, um beim Löschen zu helfen? Hat´s am Strand auch gebrannt?“

Jedoch noch bevor Robert antworten konnte, trat der für Bridgetown zuständige Kommandant der Gendarmerie, der zufällig in der Nähe stand, heran.

„Genau mein Junge, wie kannst du uns das erklären?“

„Ich habe mir Frühstück gemacht und mich dabei am Herd verbrannt.“, antwortete Robert kurz angebunden.

„Eure Brennerei steht in Flammen, alle sind in Aufruhr und du frühstückst erst in aller Seelenruhe, bevor du zum Löschen kommst?“

Der Gendarm lächelte süffisant und hielt den kleinen runden Kopf ein wenig schräg.

„Das ist ja wohl meine Sache, oder?“, antwortete Robert abweisend.

„Nein“, blaffte der Gendarm, „ist es nicht, jetzt nicht mehr.“

„Sie werden gestatten, dass ich zuerst mit meinem Sohn spreche, Herr Kommandant?“

Vater war einen Schritt nach vorne getreten.

„Nein, das werde ich nicht. Das ist ab jetzt eine offizielle Ermittlung und die wird einzig von mir geleitet. Also bitte halten Sie sich daraus. Auf Sie und ihre Frau komme ich zu geeigneter Zeit zu.“

Mutter war entsetzt.

„Was für eine Ermittlung? Das ist doch Unfug.“

Sie schaute ihren Sohn fragend an.

Der schaute betreten zu Boden. Robert war ein schlechter Lügner und seine Mutter konnte er schon gleich gar nicht belügen. Jetzt wurde im plötzlich klar, wie dämlich sein Plan war, und dass auch Menschen hätten zu Schaden kommen können.

Aber jetzt war es zu spät. Jetzt musste er dazu stehen.

„Robert, was hast du getan? Sag, dass es nicht wahr ist.“, flehte seine Mutter.

„Ach, was soll´s“, antwortete Robert trotzig.

„Ja, ich habe das Feuer gelegt. Ich habe keine Lust in dieser blöden Brennerei zu arbeiten und mein Leben zu vergeuden. Ich bin ein Seefahrer.

Ich wollte, dass das Ding komplett niederbrennt, damit wir wieder wie früher leben. Dass ich mit Vater zur See fahren kann und Abenteuer erlebe.

Und dass du zu Hause auf uns wartest und nicht arbeiten musst.“ Der Gendarm traute seinen Ohren nicht, dass war ja einfacher als er gehofft hatte.

„Du hast jetzt ein ziemliches Abenteuer vor dir, Junge. Nehmt ihn fest und bringt ihn in die Arrestzelle. Mit solchen Gestalten wie dir machen wir hier kurzen Prozess.“

Der Gendarm schien richtig wütend zu sein und gleichzeitig war er froh, den Brandstifter gleich erwischt zu haben. Er würde schon ein Exempel an ihm statuieren. Solche Typen hatten auf seiner Insel nichts zu lachen. Die Soldaten, die der Gendarm zum Löschen mitgebracht hatte, packten Robert und schleiften ihn davon. Robert ließ sich wortlos und ohne Gegenwehr festnehmen. Er hob nicht einmal mehr den Kopf, um niemanden ansehen zu müssen. Er schämte sich jetzt für seine Tat und konnte besonders seiner Mutter nicht mehr in die Augen sehen.

„Tu doch etwas.“ schrie seine Mutter seinen Vater an.

„Und was bitte schön sollte das sein? Wir müssen erstmal hören, wie es weitergehen soll und welche Strafe sie ihm aufbrummen wollen. Immerhin hat er die Brennerei angezündet.“

„Genauso ist es, Madame, hier geht es um mehr als einen dummen Jungenstreich.“

Der Kommandant grinste selbstgefällig.

„Aber es ist doch unsere Brennerei. Wenn wir nicht wollen, dass Sie ihn bestrafen, dann tun Sie es doch auch nicht, oder?“

Mutter war verzweifelt und wollte wohl sich selbst beruhigen.

Die Soldaten legten Robert Handschellen an und führten ihn ab.

„Da bin ich nicht so sicher, Schatz. Sieh erstmal zu, dass du die Aufräumarbeiten koordiniert kriegst, ich gehe mal zur Kommandantur und sehe was ich tun kann.“

Auf dem Weg zur Kommandantur überlegte er krampfhaft, was er machen sollte. Einerseits hatte der Junge eine Strafe verdient, andererseits war er sein Sohn und die Strafen für Brandstiftung konnten sehr drastisch sein. Die Inseln in der Karibik unterlagen verschiedenen Rechtssystemen und die Gesetze wurden von den jeweiligen Machthabern sehr frei interpretiert. Auf St. Vincent wäre es kein Problem gewesen, da hatte er eine gewisse Machtposition inne gehabt.

Aber hier sah die Sache leider völlig anders aus.

Hier war die Familie Young eine Familie wie alle anderen. Im Gegenteil, sie waren Neulinge und die haben es überall schwer. Auf seinem Weg durch die Stadt fiel ihm auf, dass die Leute ihn anstarrten und leise tuschelten, wenn er vorbeiging. Sonderbar, wie viele Menschen trotz der frühen Stunde schon auf den Beinen waren. Er war für gewöhnlich ein Mann, den es nicht interessierte, was die Leute dachten oder taten. Aber in der aktuellen Situation machte ihn das verhalten nachdenklich. Jetzt konnten die Gerüchte, die über ihn, über sein Schiff und seine Mannschaft kursierten für Robert sehr nachteilig sein. An der Kaserne, in der die Kommandantur saß, angekommen, überquerte er den Appellplatz und betrat, ganz im Gedanken, ohne anzuklopfen und mit forschem Schritt das Büro des Kommandanten. Dieser saß an seinem Schreibtisch bohrte in der Nase und sah ihn böse und überrascht an.

„Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr erschreckt. Sie hätten sich böse verletzen können.“

Er grinste den Gendarm frech an.

„Was wollen Sie? Und klopfen Sie das nächste Mal gefälligst an, Sie Flegel.“, blaffte ihn der Kommandant an.

Er ignorierte ihn der Einfachheit halber und fragte:

„Ich will zu meinem Sohn. Wo ist er?“

„Da wo er hingehört, in einer sicheren Zelle. Aber jetzt ist keine Besuchszeit.“

„Ich werde jetzt zu meinem Sohn gehen. Versuchen Sie mich daran zu hindern, wenn sie glauben, dass Sie das können.“

Der Kommandant sah ihn an und dachte kurz nach. „Wenn Sie rausgehen, links den Gang `runter bis zur Eisentür. Sagen Sie der Wache, ich hätte Sie geschickt.“

Der Kapitän drehte sich wortlos um und öffnete die Tür.

„Das ist eine absolute Ausnahme, denken Sie nicht, dass das immer so läuft.“, rief der Kommandant hinter ihm her.

„Du kleiner mieser Armleuchter. Sei froh, dass ich auf dein Wohlwollen angewiesen bin. Sonst.…“, murmelte der Kapitän vor sich hin.

Er war kurz stehengeblieben, ging dann aber weiter.

Die Wache an der Tür ließ in passieren und er erreichte den gut gesicherten Zellentrakt. Als er bei seinem Sohn ankam, stand dieser an der Zellenwand gelehnt und starrte missmutig vor sich hin. Es roch nach fauligem Wasser, menschlichen Exkrementen und Gott weiß, was noch alles.

„Hallo Robert, alles okay?“

„Nein, wie sollte alles okay sein? Schau den Dreckstall doch mal an. Ich möchte gar nicht wissen, wie die Verpflegung hier ist.“, maulte Robert los.

„Das ist ein Gefängnis, keine Pension. Du bist nicht das erste Mal in einem, lass es nicht zur Gewohnheit werden. Die sehen überall gleich aus und das Essen ist mit Abfall am besten zu vergleichen. Aber hast du ernsthaft keine anderen Sorgen?“

Robert wollte darauf nicht eingehen.

„Wann kann ich hier ´raus? Hast du schon mit dem Kommandanten gesprochen?“

Das ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst. Wir sind nicht auf St. Vincent. Ich habe hier nicht so viel Einfluss. Und außerdem sind die hier echt sauer auf dich.

Der Vorteil ist, dass keine Menschen verletzt wurden. Was nicht dein Verdienst ist, aber das klären wir später. Jetzt versuche ich rauszukriegen, was die hier mit dir vorhaben und welche Strafe dich erwartet.“

Robert löste sich von der Wand und machte einen Schritt nach vorne auf seinen Vater zu.

„Unsere Familie ist doch die einzig geschädigte. Ich helfe alles wiederaufzubauen und gebe euch meine ganze Heuer. Ihr werdet mich doch nicht anzeigen, oder?“

„Besser du fragst mich sowas nicht, sonst komme ich noch in Versuchung. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht, verdammt noch mal?“

„Liegt das nicht auf der Hand?“

Robert war inzwischen bis an die Gitter nach vorne gekommen.

„Ich dachte, wenn die Brennerei abgebrannt ist, dann ist hier nichts für mich zu tun und ich kann weiter mit euch zur See fahren. Ich dachte, es ist ein guter Plan. Ich war verzweifelt. Ich habe nicht weiter nachgedacht.“

Sein Vater sah für einen Moment aus, als wenn er durch die Gitterstäbe kommen wollte.

„Wie dämlich bist du eigentlich? Hast du nicht an deine Mutter und all die anderen gedacht, die inzwischen alle von der Brennerei abhängig sind?

Deine Mutter ist sehr stolz auf das, was sie erreicht hat. Hast du gedacht, wir nehmen alle mit und jagen die Franzosen mit unseren Frauen und Kindern an Bord? Junge, dass was du gemacht hast war kein Lagerfeuer, sondern ein schweres Verbrechen. Was glaubst du, passiert jetzt?“

„Keine Ahnung.“

Robert zuckte mit den Schultern.

„Die sind sauer, es gibt einiges Tamtam, du regelst das und ich kriege noch eine familieninterne Strafe.

Man, das war blöd, dass weiß ich jetzt auch, aber wir müssen das irgendwie hinbiegen. Ich habe das wirklich nicht richtig zu Ende gedacht, das ist dir doch auch schon passiert. Sagt Mutter zumindest immer.“

„Ein bisschen Tamtam und alles ist vergessen? Ich fürchte so einfach machen sie es uns nicht. Die einzelnen Inseln unterliegen verschiedenen Gesetzgebungen. Das ist zum einen davon abhängig wer gerade an der Macht ist und zum anderen wie die Gesetze von den jeweiligen Kommandanten und den Richtern ausgelegt werden. Wir haben hier die britischen Gesetze, aber die Insel stand bis vor kurzem unter französischer Besatzung. Keine Ahnung, wie sich das auswirkt.

Denn wie du weißt, haben wir einen Kaperbrief von den Britten und das wiederum finden die Franzosen gar nicht gut. Sollten also, wie ich befürchte, die Einwohner von Barbados mal Probleme gehabt haben, weil wir eines ihrer Versorgungsschiffe aufgebracht haben, dann könnte es verdammt eng werden.“

„Wer sollte es ihnen sagen? Bis jetzt scheinen sie es nicht zu wissen.“

„Es steht zu hoffen, dass es so bleibt. Ich gehe jetzt zum Kommandanten und sehe was sich tun lässt.“

Sein Vater dachte an die Menschen, die ihm unterwegs begegnet waren und ihre Blicke.

„Dabei wünsche ich dir viel Erfolg. Ach, und kannst du Mutter bitten, dass sie mir etwas zu Essen bringt. Ich denke, dass ich den Fraß von hier nicht essen kann.“

Er versuchte zu lächeln.

Sein Vater schüttelte den Kopf und drehte sich wortlos um.

Auf dem Weg zum Büro des Kommandanten gingen ihm tausend verschiedene Gedanken durch den Kopf. Wieder betrat er das Büro des Kommandanten, ohne zu klopfen. Dieser starrte ihn ungehalten an, sagte aber diesmal nichts.

„Hören Sie, wir hatten einen schlechten Start. Ich möchte, dass wir eine unkomplizierte Lösung finden. Am besten, ich nehme meinen Sohn gleich mit, erstatte der Kommandantur alle Kosten, die Sie natürlich festlegen und für die ich auch keine Quittung brauche. Geschädigt wurde nur unsere Familie und wir bestrafen den Jungen auch bestimmt hart. Es war ein dummer Streich, aber Schwamm drüber. Wir waren alle mal dumme Buben. Ich denke, er hat auch etwas draus gelernt.

Toll, dass Sie so getan haben, als wenn Sie ein ganz finsterer Kommandant sind und ihn gleich in Ihre mieseste Zelle gesperrt haben. Das wird ihm eine Lehre sein.“

Der Kommandant sah ihn eine Weile an, als ob er fürchtete einen Geisteskranken vor sich zu haben, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Der Kapitän wusste zwar nicht was der Fettsack so lustig fand, lachte aber aus Höflichkeit mit.

Schlagartig wurde der Kommandant ernst.

„Sie sind wohl von allen guten Geistern verlassen?

Ein Bubenstreich, Schwamm drüber, Beamtenbestechung, mieseste Zelle? Mal ganz abgesehen davon, dass ich Sie für die versuchte Bestechung sofort hierbehalten könnte, liegen Sie mit der Einschätzung der Situation völlig daneben.“

Er erhob sich träge und betont langsam aus seinem Stuhl. Seltsam, dass der nicht mit seinem fetten Hintern festklemmt, dachte der Kapitän trotz der angespannten Situation. Der Kommandant ordnete seine Uniform und kam um den Schreibtisch herum.

„Ihr Sohn, mein lieber Herr Kapitän, ist ein gemeingefährlicher Brandstifter. Er hat, nach meinen Untersuchungen, ohne Rücksicht auf Leib und Leben anderer Menschen ein Feuer gelegt.

Dass niemand umgekommen ist, war purer Zufall.

Er bekommt einen Prozess und ein entsprechendes Urteil. Die meisten werden hier dafür gehängt. Wir wissen wer sie sind und was sie und ihre Männer getan haben. Wir stehen natürlich zu unseren neuen Herren, aber die Menschen vergessen manche Sachen so einfach nicht, müssen Sie wissen. Zum Beispiel Hunger. Sie haben hier keinerlei Einfluss und ich rate ihnen nichts dummes zu versuchen. Wir sind gut gesichert und werden uns zu verteidigen wissen.“

Er machte eine Pause und holte erstmal tief Luft. Er war während seines Vortrages vor Aufregung und Anstrengung rot angelaufen.

„Ich denke, wir finden vielleicht doch einen anderen Weg.“

Der Kapitän versuchte die Wogen zu glätten, obwohl er große Lust verspürte, den Fettsack durch sein dreckiges Büro zu prügeln.

„Es war schließlich meine Beobachtung, die zur Aufklärung führte.“

Er dachte, hätte ich bloß die Fresse gehalten.

„Dass die Britten und die Franzosen sich miteinander im Krieg befinden, sollte hiermit nichts zu tun haben, und dass ich sie bestechen wollte, mein lieber Herr Komamandant, weise ich entschieden zurück.

Ich sage es nochmal, wir sind die einzig geschädigten und wollen keine Anzeige erstatten.

Für den Aufwand der Kommandantur will ich gerne geradestehen.“

„Sie wissen nichts über meine Ermittlungen, wir handeln hier nach geltendem Recht und ob sie für die Kosten herangezogen werden, erfahren sie noch früh genug.

Die Bevölkerung soll das Gefühl haben, das die Kommandantur in der Lage ist, sie zu schützen.

Das Gespräch ist zu Ende. Guten Tag Kapitän.“

Der Kapitän verließ das Büro und hatte ein ganz mieses Gefühl. Der Mann wollte Blut sehen, aber es würde ganz sicher nicht das seines Sohnes sein.

Das würde er zu verhindern wissen. Dann musste er eben die Männer zusammenrufen und Robert mit Gewalt befreien. Sie würden dann die Insel wechseln müssen, aber immer noch besser, als dass er seiner Frau sagen muss, dass ihr Sohn gehängt wird.

Als er den Hof betrat, blinzelte er in die Sonne. Er war auf einmal wie vom Donner gerührt. Auf dem Hof liefen mehrere dutzend schwer bewaffneter Soldaten rum.

„Wann seid ihr denn angekommen?“, fragte er einen der Soldaten, als dieser an ihm vorbeieilte.

„Vor zwei Stunden. Wir sind Teil der Truppen, die die alte Festung am Hafen besetzen sollen, wenn sie wieder instandgesetzt ist.

Die Schiffe bringen noch Truppen auf die benachbarten Inseln und kommen dann wieder hierher zurück.“

„Danke, was für ein Glück, dass ihr da seid.“

Langsam wurde die Lage wirklich prekär. Eine gewaltsame Befreiung kam nun nicht mehr in Frage. Wenn diese Spinner Robert wirklich hängen wollen, dann wird es Zeit für einen guten Plan. Als er zu Hause ankam, war seine Laune auf dem absoluten Tiefpunkt.

„Wo ist Robert?“, fragte seine Frau erstaunt, als er allein das Haus betrat.

Er sah sie an, als wenn er sie zum ersten Mal sieht oder sie ein riesiges Horn auf der Stirn hatte.

„Hast du wirklich geglaubt, dass die ihn einfach so gehen lassen und ich ihn gleich mitnehmen kann?“, fragte er zugleich ungläubig und vorsichtig.

Er wusste, dass seine Frau wie ein Pulverfass mit verdammt kurzer Lunte war.

„Hast du es mit Bestechung versucht?“

Sie sah ihn fragend an.

„Nein, natürlich nicht, ich bin dumm und habe es mit einem Zaubertrick versucht.“

Sie reagierte nicht.

„Schatz, ich habe wirklich alles versucht. Die Ochsen wollen ein Exempel statuieren und ihn hängen. Ja, du hast mich richtig verstanden. Sie wollen ihn Hängen!“

Mutter schlug die Hände vors Gesicht.

„Dann hol die Männer zusammen, ich informiere die Frauen. Wir holen Robert raus und verschwinden.

Rum können wir auch auf einer anderen Insel brennen.“

Sie drehte sich um und machte Anstalten das Haus zu verlassen.

Er hielt sie an der Hand fest.

„Ein toller Plan, leider müssen wir dazu etwa sechzig schwer bewaffnete Soldaten aus dem Weg räumen und das dürfte ein Problem werden. Die sitzen nämlich zu allem Überfluss mit unserem Sohn in einer Festung. Gewalt funktioniert in diesem Fall also nicht.“

„Warum nicht, ihr seid kampferprobte Männer. Ihr werdet das schon schaffen. Wir müssen sie einfach überraschen.“

Sie wollte nicht locker lassen.

„Der Kommandant rechnet mit einem Angriff. Und ich fürchte, dass wir, falls wir diesen Kampf gewinnen, nicht mehr genug Männer haben, um das Schiff zu segeln. Ganz abgesehen davon, dass uns dann auch noch die Britten jagen, die zufällig mit drei Linienschiffen im Hafen vor Anker liegen.“

„Und was nun? Willst du Robert seinem Schicksal überlassen?“

Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn fordernd an.

„Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, also führe mich nicht in Versuchung.“, antwortete er wütend.

„Das ist nicht witzig. Lass dir gefälligst etwas einfallen. Du hast ihn in diese Situation gebracht.“, sagte sie ebenfalls wütend, ohne weiter auf das Gesagte einzugehen.

Sie drehte sich um und ließ ihn einfach stehen.

„Oh ja, jetzt sehe ich es auch. Ich bin schuld, dass der Junge in seinem Wahn Feuer gelegt hat.“ murmelte er vor sich hin, während er die Rumflasche suchte.

Den Rest der Nacht verbrachte er grüblerisch und schlecht gelaunt mit der Flasche und versuchte im amtlichen Gesetzbuch der Insel eine Lösung für diese Misere zu finden.

3. Schuld und Sühne

Am Morgen fand ihn seine Frau mit der Rumflasche friedlich schlafend auf dem Küchenstuhl.

„Aufgewacht, du hast heute einen langen Tag vor dir. So habe ich mir das vorgestellt, die ganze Nacht saufen, während unser Sohn im Gefängnis verrottet.“, blaffte sie ihn an.

Er schreckte hoch und wollte gerade zu einer Rechtfertigung ansetzen. Da fiel ihm ein, dass es besser ist den Mund zu halten und erstmal zu sehen, ob sein neuer Plan funktionierte. Nachdem seine Frau die Küche verlassen hatte, ohne ihm Frühstück zu machen, stand er schwerfällig auf und verfluchte den Umstand, der ihn dazu gebracht hatte auf dem Stuhl zu schlafen. Jeder Knochen im Leib tat ihm weh. Er trat langsam vor das Haus, um sich an der Regentonne zu waschen.

„Gottverdammter Bengel.“, murmelte er, bevor er den Kopf in die Tonne tauchte.

Das kühle Wasser erfrischte ihn sofort. Plötzlich war ihm wieder klar, was er in dieser Nacht gelesen hatte und welchen Plan er entwickelt hatte. Er musste sofort mit Samson sprechen.

Er hob den Kopf aus der Tonne und erschrak, wenn auch unmerklich. Samson stand direkt neben ihm und lachte ihn an. Der Mann konnte Gedanken lesen.

„Guten Morgen, Kapitän. Anstrengende Nacht?“

Samson lachte.

„Was denkst du denn? Meine Frau macht mir die Hölle heiß. Aber ich habe in den hiesigen Gesetzen eine Klausel entdeckt, die uns vielleicht helfen kann.

Komm mit ´rein, dann zeige ich es dir. Ganz altes Zeug. Bin gespannt, wie du das siehst.“

Seine Frau stand am Herd und sagte, als sie die beiden sah.

“In der Hoffnung, dass ihr einen guten Plan entwickelt, um Robert zu helfen, mache ich euch ein gutes Frühstück. Sind Brot, Eier und Speck für euch in Ordnung?“

„Oh ja danke, ganz toll.“, versicherte Samson. „Und Ihr Mann hat ……“

Der Kapitän trat ihm unter dem Tisch gegen das Bein.

„….. bestimmt großen Hunger nach dieser Nacht.“

Er sah den Kapitän fragend an.

„Nicht jetzt, wir müssen erst reden.“, flüsterte dieser.

Sie vertilgten hastig das Frühstück und verließen dann schnell das Haus.

„Hätten wir ihr nicht von dem tollen Plan erzählen sollen?“, fragte Samson irritiert.

„Nein, der Plan ist noch nicht perfekt. Wir müssen alles erst einmal durchgehen. Dann sagst du mir, was du davon hältst und dann sehen wir weiter. Wir gehen jetzt erstmal zum Schiff.“

Schweigend machten sie sich auf den Weg. Außer neugierigen Blicken gab es nichts neues in der Stadt.

Die Tage gingen dahin, drei Tage nach Roberts Verhaftung teilte man öffentlich mit, dass die Verhandlung in einer Woche stattfinden würde.

Die Haftbedingungen für Robert hatten sich, abgesehen vom Zustand der Zelle, zum Positiven verändert. Das lag zum einen daran, dass seine Mutter ihm regelmäßig Essen brachte und zum anderen daran, dass sie die Soldaten und den Kommandanten kostenlos mit Rum versorgte. So hatte Robert zum Beispiel mehrmals am Tag Freigang im Hof und konnte frische Luft schnappen.

Außerdem bekam er nach drei Tagen die Genehmigung eine Hängematte aufzuhängen.

Der Kapitän besuchte seinen Sohn nicht sehr oft. Er war sauer und hatte genug damit zu tun, mit dem angeheuerten Advokaten den Prozess vorzubereiten.

Die Aufräum- und Aufbauarbeiten in der Brennerei gingen gut voran. Das Ziel der Eile war, dass, falls es zu einem Ortstermin kommen sollte, alles normal aussah. Alle Männer der Stormbringer packten mit beiden Händen zu. Der Kapitän und seine Frau gingen sich so gut es ging aus dem Weg. Am Abend vor dem Prozess stellte sie ihn in der Küche zur Rede.

„Ich weiß nicht, was du ausgebrütet hast.

Genaugenommen interessiert es mich auch nicht.

Du bist für den ganzen Mist verantwortlich. Ich erwarte, dass du Robert aus dieser Misere rausholst. Und zwar unbeschadet. Sollte Robert irgendetwas passieren, siehst du mich nie wieder.

Aber ich verspreche dir, dass ich vorher das verdammte Schiff in Brand setze, damit nie wieder Leid davon ausgeht oder eine Mutter zusehen muss, wie ihr Sohn damit davonsegelt.“ Ohne eine Antwort oder eine Reaktion abzuwarten, drehte sie sich um, verließ den Raum und knallte die Tür zu.

„Meine ganze Familie besteht offensichtlich aus Brandstiftern.“, murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin.

Am nächsten Morgen war er, entgegen seiner Gewohnheit, früh auf den Beinen und betrat als einer der ersten mit dem Advokaten, der inzwischen eine gepuderte Perücke trug, den Gerichtssaal. Er nahm direkt hinter der Bank Platz, auf der später sein Sohn mit seinem Anwalt sitzen würde. Nach einer Weile betrat Samson den Saal und setzte sich zu ihm.

„Unsere Männer werden von den Soldaten draußen abgefangen. Sie dürfen den Saal nicht betreten.“

„Das macht nichts, mein Freund, wir bleiben bei unserem Plan. Hast du alles vorbereitet?“

„Ja, alles bis auf ein paar Kleinigkeiten, aber ich habe Mike damit beauftragt. Der kriegt das schon hin.“

„Gut, warten wir erstmal ab, wie das hier läuft.“

Die beiden lehnten sich zurück und ignorierten die neugierigen Blicke der anderen Anwesenden.

Kurze Zeit später brachten die Soldaten Robert in den Saal.

Er hatte an Händen und Füßen schwere Ketten und sah damit aus wie ein Schwerverbrecher. Samson konnte den Kapitän gerade noch davon abhalten aufzuspringen.

„Die lassen ihn mit Absicht so aussehen, als wenn er ein Schwerverbrecher ist. Wäre besser, wenn ihn seine Mutter so nicht sieht.“, bestätigte Samson die Gedanken des Kapitäns.

Leider war Roberts Mutter auch vorgeladen. Sie saß als Geschädigte auf der Bank der Kläger. Sie fühlte sich dort sichtlich unwohl. Neben ihr saß der Kommandant, als Vertreter des Volkes, welches durch den Brand wohl ebenfalls geschädigt wurde.

„Sie hat mir nicht gesagt, dass sie auch vorgeladen wurde, verdammt.“, brummte der Kapitän Robert versuchte selbstsicher zu wirken, obwohl ihm schon ganz schön mulmig war.

Dieser ganze Zirkus wirkt schon ein wenig bedrohlich. Aber Vater hat bestimmt einen Plan.

Dann können die Pfeifen mich mal gerne haben dachte er, während er sich im Saal umschaute.

Ungewöhnlich viele Soldaten standen im Saal.

Offenbar rechnete der Kommandant mit Übergriffen.

Die Stimmung im Saal war eher finster und die Menschen sahen nicht so aus, als wenn sie etwas mit Vergebung im Sinn hatten. Nein, ganz im Gegenteil, die Meute wollte Blut sehen. Nachdem der Richter die Verhandlung eröffnet hatte und alle Beteiligten darauf hingewiesen hatte, dass sie die Wahrheit sagen müssen, wurde die Anklageschrift verlesen. Sie warfen Robert böswillige und vorsätzliche Brandstiftung vor. Erschwerend kam hinzu, dass er in Kauf genommen hatte, dass Menschen dabei zu Schaden hätten kommen können. Robert, als Angeklagter, bekam als erster die Erlaubnis zu sprechen. Er beteuerte, dass er so etwas noch nie gemacht hat, und dass er sowas nie wieder tun wird. Er sagte aus, dass es ihm sehr leid tut und dass er nie vor hatte, Menschen zu verletzen. Seine Mutter sagte aus, dass sie keine Klage gegen ihren Sohn erhebt und sie auf jede Entschädigung verzichtet. Der Kommandant wies auf die schwere des Verbrechens und die Heimtücke des Anschlages hin. Roberts Advokat verlangte die Einstellung des Verfahrens und die Übergabe des Angeklagten zur Bestrafung in die elterliche Obhut.

Der Richter hörte sich das alles in Ruhe an, stellte einige belanglose Fragen und rief dann den Vertreter der Anklage auf.

Dieser, ein knochiger alter Mann, wirkte irgendwie grau, krank und unfreundlich. Er führte theatralisch aus, wie schändlich Roberts vorgehen gewesen ist, und dass er sehr wohl die Möglichkeit in Kauf nahm, dass Menschen verletzt werden. Als Sohn eines Freibeuters, der lieber mit seinem Vater auf Kaperfahrt ging als die Schulbank zu drücken, wäre es nicht verwunderlich, dass so etwas passiert.

Wer kann denn schon wissen, ob der Junge nicht schon dabei war, als die Versorgungsschiffe für Barbados von seinem Vater aufgebracht wurden und die Bevölkerung der Insel Hunger leiden musste.

Die Zuschauer murmelten zustimmend.

Hier handelt es sich, so meinte er, um eine typische Verbrecherlaufbahn, die es hier und jetzt zu beenden galt, bevor noch schlimmeres passiert.

Hätte Samson ihn nicht zurückgehalten, hätte der Kapitän das graue Männchen angefallen. So aber saß er kochend vor Wut auf seinem Platz und starrte den Ankläger wütend an.

Nachdem der Richter alle Beteiligten gehört hatte, zog er sich zur Urteilsfindung zurück.

Nach zehn Minuten war er wieder da.

„Das ist nicht gut.“, flüsterte Samson.

Der Richter erhob sich zur Urteilsverkündung und alle Anwesenden taten es ihm nach.