Piter - Schimun Wrotschek - E-Book

Piter E-Book

Schimun Wrotschek

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Beschreibung

Die letzten Menschen sind nicht allein

Es ist das Jahr 2033. Nach einem verheerenden Krieg liegen weite Teile der Welt in Schutt und Asche. Auch Sankt Petersburg ist eine Geisterstadt. Die Überlebenden haben sich in die Tiefen des U-Bahn-Netzes zurückgezogen und dort eine neue Zivilisation erschaffen. Eine Zivilisation jedoch, deren Existenz bedroht ist ...

Auf der Station Wassileostrowskaja verschwindet der lebenswichtige Stromgenerator – geklaut von den Nachbarn? Der junge Stalker Iwan Merkulow soll das herausfinden und gerät dabei in ein tödliches Ränkespiel um Macht und Einfluss. Er begibt sich auf eine Odyssee durch die gesamte Metro. Dabei muss er eine Entscheidung fällen: Kann er einen persönlichen Rachefeldzug führen, wenn das Überleben einer ganzen Station auf dem Spiel steht?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 754

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Die Serie

Dmitry Glukhovskys METRO 2033-UNIVERSUM:

Andrej Djakow: Die Reise ins Licht

Sergej Kusnezow: Das marmorne Paradies

Schimun Wrotschek: Piter

Andrej Djakow: Die Reise in die Dunkelheit

Titel

SCHIMUN WROTSCHEK

PITER

Ein Roman aus Dmitry GlukhovskysMETRO 2033-UNIVERSUM

Aus dem Russischenvon Matthias Dondl

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Impressum

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Titel der russischen Originalausgabe ПИТЕР

Deutsche Erstausgabe 4/2012

Redaktion: David Drevs

Übersetzung des Vorworts von Dmitry Glukhovsky: David Drevs

Copyright © 2010 by Dmitry Glukhovsky

Copyright © 2012 der deutschen Ausgabe und Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld

Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-07929-1V003

www.heyne.de

Das Metro 2033-Universum

DMITRY GLUKHOVSKY

DAS METRO 2033-UNIVERSUM

METRO 2033 ist für mich mehr als nur ein Roman. Es ist ein ganzes Universum, und nur einen kleinen Teil davon habe ich in meinem Buch beschrieben. METRO 2033 handelt von unserer Erde, wie sie im Jahre 2033 aussehen könnte, zwei Jahrzehnte nach einem verheerenden Atomkrieg, der die Menschheit fast ausgelöscht und eine Vielzahl mutierter Ungeheuer hervorgebracht hat.

In Russland und vielen anderen Ländern haben sich Leser, aber auch Autoren für die in METRO 2033 beschriebene Welt begeistert. Schon bald nach Erscheinen des Romans bekam ich unzählige Angebote von Menschen, die darüber schreiben wollten, was 2033 in ihrer Heimat, ihren Städten und Ländern geschehen sein könnte. Gleichzeitig verlangten die Leser nach einer Fortsetzung meines Romans.

METRO 2033 ist, wie inzwischen bekannt, vor einigen Jahren als interaktives Projekt im Internet entstanden. Noch während ich den Roman schrieb, veröffentlichte ich jedes neue Kapitel auf einer eigens dafür geschaffenen, öffentlich zugänglichen Website. Die Reaktion der Leser war überwältigend: Sie diskutierten leidenschaftlich, kritisierten und korrigierten meine Arbeit, stellten Vermutungen an über den weiteren Verlauf der Geschichte – und wurden so in gewisser Weise zu meinen Koautoren.

Wie wäre es, dachte ich mir damals, zusammen mit meinen Lesern – und anderen Schriftstellern – eine ganze Welt zu erschaffen? Andere Städte, andere Länder im Jahre 2033 zu beschreiben? Die Metro mit immer neuen Protagonisten zu bevölkern – und so eine große postapokalyptische Saga entstehen zu lassen?

Als Jugendlicher habe ich mir beim Lesen von Fantasy- oder Science-Fiction-Romanen oft gewünscht, die Abenteuer meiner Helden und die Magie der Fiktion würden niemals enden. Schon damals dachte ich, wie wunderbar es wäre, wenn mehrere Schriftsteller zugleich ein und dieselbe fiktive Welt beschrieben. Auf diese Weise würde eine andere »Wirklichkeit« entstehen, die man immer wieder aufs Neue besuchen könnte.

Viele Jahre später, als METRO 2033 bereits als Buch erschienen war und ein riesiges Echo hervorgerufen hatte, begriff ich plötzlich, dass ich mir meinen Jugendtraum selbst würde erfüllen können. Ich brauchte nur andere Autoren einzuladen, auf der Grundlage meines eigenen Romans die geheimnisvolle Welt der Metro gemeinsam weiter zu erforschen.

So ist schließlich das Projekt METRO 2033-Universum entstanden, von dem in Russland bereits neunzehn Romane erschienen sind. Deren Handlung umfasst so unterschiedliche Städte und Regionen wie Moskau, St. Petersburg, Kiew, aber auch Nowosibirsk und den Hohen Norden.

Nach »Die Reise ins Licht« von Andrej Djakow und Sergej Kusnezows »Das marmorne Paradies« liegt jetzt mit Schimun Wrotscheks »Piter« der dritte Band in deutscher Übersetzung vor.

Und es sind nicht nur Übersetzungen, die für die internationale Ausdehnung unseres Universums sorgen. Ein englischer Autor hat bereits seine Version der Metro-Welt veröffentlicht und auch Kollegen aus anderen Ländern stehen kurz davor, unseren postapokalyptischen Kosmos zu betreten. Es ist ein literarisches Experiment, das meines Wissens noch niemand zuvor gewagt hat. Umso großartiger wäre es, wenn auch deutsche Autoren, gleich ob bekannt oder unbekannt, ihre eigenen Geschichten aus dem METRO 2033-Universum zu unserer Reihe beitrügen.

Allmählich wird sich das METRO 2033-Universum so in einen lebendigen Kosmos verwandeln, den Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten und in unterschiedlichen Sprachen bevölkern. Umso mehr freut es mich, dass Sie unser Experiment nun auch in deutscher Sprache verfolgen können. Wer weiß, vielleicht nehmen Sie eines Tages sogar selbst daran teil?

Piter

SCHIMUN WROTSCHEK

PITER

Anstelle eines Prologs

ANSTELLE EINES PROLOGS

Wir sind alle tot.

Meine letzte Bitte richtet sich an diejenigen, die diese Botschaft lesen:

Stellt euch vor, wir haben den Dschinn aus der Flasche gelassen.

Und wir können ihn nicht mehr zurücksperren.

Jetzt müssen wir uns etwas wünschen.

Tausende, Millionen unserer Wünsche gehen gleichzeitig in Erfüllung.

Wie lautet der größte, sehnlichste und am wenigsten egoistische Wunsch?

Ich will, dass diese Welt einfach verschwindet.

In einem atomaren Inferno verbrennt.

Von der Pest dahingerafft wird.

An ihrem eigenen Müll erstickt.

Jetzt haben wir, was wir wollten.

Alles auf einmal.

Wahrscheinlich ist das überhaupt der einzige menschliche Wunsch, der in Erfüllung gehen konnte.

Amen.

Ruhe in Frieden.

»… Glück für alle, umsonst, und niemand soll gekränkt fortgehen.«

1. Teil · Feuchte Erde

ERSTER TEIL

FEUCHTE ERDE

Motto

Wie ein alter Hund mit eingezogenem Schwanz,was will er jetzt, Baby, was will er dann?Im frostigen Café träumt er den Wintertraum,auf kalter Erde hat der Krieg keinen Raum.Auf kalter ErdeAuf kalter ErdeAuf kalter ErdeWeine nicht, Schatz, denn Holz ist noch da,auch Streichhölzer gibt’s und in der Pfeife Gras,ein bisschen Kohle und ein großes Bett,auf feuchter Erde schläft sich’s auch ganz nett.Auf feuchter ErdeAuf feuchter ErdeAuf feuchter Erde

D. SERGEJEW,frei nach dem Song »Cold Cold Ground« von Tom Waits

1 Der Tiger

1

DER TIGER

Iwan zögerte kurz und watete dann bis zur Hüfte ins Wasser. Im ersten Moment hatte er gar nicht das Gefühl, ins Nasse zu steigen, da die schwülwarme Luft des Tunnels von ganz ähnlicher Konsistenz war. Iwan hob sein Sturmgewehr über den Kopf und ging langsam weiter. Der schmale Lichtkegel seiner Lampe wanderte mal über die nackte Tunnelwand, mal über die Reste verrotteter Kabel. Die Wasserfläche vor ihm schien endlos und wirkte bedrohlich. In dieser grünlichen, trüben Brühe verbarg sich etwas. Sie lebte. Iwan spürte, wie sich Tangwedel um seine Hüften schlangen. (War es wirklich Tang?) Seine Hose war bereits durchnässt, und allmählich drang die Kühle des Wassers an seine Haut. Iwan watete weiter. Im Widerschein der Lampe warf seine Kalaschnikow einen verschwommenen Schatten.

Klonk! Iwan erstarrte.

Das kam von irgendwo da vorn.

Er legte das Gewehr über die Schulter und schaltete mit der frei gewordenen Hand die Stirnlampe aus. Klick. Das Licht verlosch. Undurchdringliche Finsternis. Geräusche. Ein Platschen, Schnüffeln, Schmatzen und Kauen. So als würde jemand von messerscharfen Zähnen in Stücke gerissen. Dann wieder Stille.

Am liebsten hätte Iwan seine Lampe wieder eingeschaltet und eine Salve abgefeuert, doch er beherrschte sich und wartete ab.

Ausgerechnet jetzt fielen ihm die Geschichten ein, die man sich über Krokodile in der Kanalisation erzählte. Und über die wilden Tiere, die aus dem Zoo an der Gorkowskaja entlaufen waren. Ruhig bleiben. Die Begegnung mit einem Tiger hätte ihm jetzt gerade noch gefehlt.

Nach einigen Minuten schaltete Iwan die Lampe wieder ein. Das war wie heimkommen. Der Mensch ist ja genügsam. Er kommt auch mal ohne Essen und Wasser aus. Aber ohne Licht legt er sich einfach hin und wartet auf den Tod, als würde die Finsternis ihm jeglichen Lebenswillen rauben. Iwan bewegte den Kopf hin und her. Träge schwappte die grünliche Brühe im engen Lichtkreis der Lampe vor sich hin. In etwa zweihundert Metern Entfernung erblickte er den Ausgang zum Bahnsteig der Primorskaja.

Hoffentlich ist die Leiter noch da, dachte Iwan.

Die wilden Tiere. Das Kuriose daran war, dass man die Gorkowskaja, wo sich der Zoo befand, erst kurz vor der Katastrophe wieder eröffnet hatte. Als es passierte, flüchteten die verängstigten Besucher nach unten in die Metro und niemand kümmerte sich um die Tiere. Was sich dort oben inzwischen abspielte, darum rankten sich die wildesten Gerüchte.

Iwan schüttelte den Kopf. Synchron spukte der Lichtstrahl seiner Stirnlampe durch die Röhre.

Wo habe ich dieses Ding nur gesehen?

Egal, das finden wir schon raus.

Die Stationen der Sankt Petersburger Metro wurden in der Regel auf sogenannten »Anhöhen« errichtet. Deshalb stand das Wasser an der tiefsten Stelle des Tunnels hüfthoch, in unmittelbarer Nähe der Primorskaja dagegen ging es ihm nur bis zum Knöchel. Iwan verlangsamte den Schritt. Die LED flackerte kurz und das Licht wurde schwach.

Super. Die Batterien machen schlapp.

Als er eine einigermaßen trockene Stelle erreicht hatte, holte Iwan sein Feuerzeug heraus und begann, die erste Batterie über der Flamme zu wärmen. Bis sie so heiß war, dass er sie nicht einmal mehr mit dem Handschuh halten konnte. Dann setzte er sie wieder in die Lampe ein und nahm sich die nächste vor. Nach der ganzen Prozedur würden die Batterien noch zwanzig Minuten halten – bis sie wieder auskühlten.

Ein bisschen Ahnung von Physik kann nie schaden.

Früher oder später musste er ohnehin auf Karbid umsteigen. Vor einiger Zeit hatte Iwan zufällig ein Karbidlager entdeckt, das noch aus den Zeiten des Metrobaus stammte. Bestimmt fünfhundert Kilo in Metalltonnen. Karbid ist eine feine Sache, nur leider schwer zu tragen. Dafür macht es das beste Licht. Eine Karbidlampe blendet nicht und erzeugt ein warmes, gleichmäßiges Rundumlicht. Selbst seine geliebte LED-Leuchte konnte, was die Lichtqualität betraf, mit einer gewöhnlichen Karbidlampe nicht mithalten.

Iwan sog zischend die Luft ein, als das Metallgehäuse der Batterie heiß wurde. Er steckte das Feuerzeug weg und setzte die Batterie wieder in die Lampe ein. Erst dann wedelte er mit der Hand. Mist. Jetzt hatte er sich doch tatsächlich die Finger verbrannt.

Immerhin, die LED leuchtete jetzt wieder anständig. Iwan verzog das Gesicht und blies auf seine Hand, ballte sie zur Faust und öffnete sie wieder. Es tat weh – aber egal. Er musste weiter, solange er noch Licht hatte.

Iwan setzte den Helm auf und zog den Riemen an. Mit den versengten Fingern war das gar nicht so einfach. Beeilung jetzt! Seine Schläfen pochten.

Er hatte höchstens zwanzig Minuten. Dann wieder aufwärmen. Mit etwas Glück brachte das noch mal fünfzehn Minuten.

Er musste es schaffen.

Iwan schulterte die Kalaschnikow und stapfte im Laufschritt durchs knöcheltiefe Wasser. Bis zu der Metallplanke, die das Ende des Bahnsteigs markierte, kannte er den Weg gut, danach musste er vorsichtiger sein.

Die ständige Feuchtigkeit setzte den Tunnelwänden zu. Der Putz fiel herab und man musste aufpassen, dass man keine größeren Stücke auf den Schädel bekam. Gut, dass die Entwässerungspumpen der Tunnel noch funktionierten. Das sagte Onkel Jewpat immer, und ihm glaubte Iwan. Es war dieses Raunen in manchen Tunneln. »Hörst du’s?«, pflegte Onkel Jewpat dann zu sagen und hob dabei wichtig den knorrigen Finger.

Endlich. Die Markierung.

Iwan senkte den Kopf und beleuchtete das schwarz-weiße Muster der verrosteten Planke. Wasser tropfte davon herab. Plopp. Plopp. Früher hatte sie als Orientierungsmarke gedient. Wenn man vom Bahnsteig aufs Gleis gefallen war, konnte man sich dahinter in Sicherheit bringen, denn der Zug hielt genau davor.

An dieser Stelle musste auch die Leiter sein. Iwan leuchtete umher. Ah, dort war sie.

Nicht weit von hier hatte er beim letzten Mal dieses Ding gesehen.

Iwan klemmte sich die AKSU unter den Arm und ging bis zum Fuß der Leiter. Bevor er hinaufstieg, reckte er vorsichtig den Kopf und spähte auf den Bahnsteig. Ein schwarzer Fleck huschte durch den Lichtkegel der Lampe. Iwan griff reflexartig zur Waffe – Fehlalarm. Nur eine Ratte. Sogar eine in normaler Größe. Harmlos. In den verlassenen Stationen trieb sich ja alles mögliche Getier herum. Wovon sich die Biester wohl ernährten? Von Algen? Schimmel? Oder von dem Moos, das die Decke der Station überwucherte und an manchen Stellen auf die Säulen und Wände übergriff?

Ein seltsames Moos, übrigens. Am nördlichen Ende des Bahnsteigs hing es in regelrechten Girlanden herab, besonders im rechten Tunnel, dort reichten sie bis zum Wasser hinunter.

Nein, da bringen mich keine zehn Pferde durch.

Nachdem Iwan sich vergewissert hatte, dass auf dem Bahnsteig alles ruhig war, schob er sein Gewehr auf den Rücken und griff in die Sprossen. Unter den Handschuhen blätterte feuchter Rost ab. Alles verkommt. Alles ist vergänglich.

Dabei war diese Station früher bewohnt gewesen. Iwan erinnerte sich: Noch vor nicht allzu langer Zeit hatten unter der gewölbten Decke Natriumlampen gebrannt und die quadratischen, mit grauem Marmor verkleideten Säulen beleuchtet. Zugegeben, die Marmorplatten waren stellenweise abgebrochen und von den Lampen brannte auch nur jede zweite. Dennoch war es eine schöne Station gewesen.

Wenn man am nördlichen Ende die Stufen hinaufging, gelangte man linker Hand zu den drei Rolltreppen. Die hermetischen Tore waren verschlossen – davon hatte sich Iwan überzeugt.

Hier riecht es nach Meer. Aber es ist nicht mehr die angenehme Brise des Finnischen Meerbusens, wie früher, als hier noch Menschen lebten. Es ist der Geruch eines unheilvollen, schwarzen Meeres, in dessen Tiefen riesige graue Fische und grässliche, halb durchsichtige Kreaturen hausen. Eines Meeres, das in der Dunkelheit leuchtet. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, traut sich sowieso niemand in die Stadt hinauf. Wer wäre schon so blöd?

Obwohl, es gibt solche Leute. Aber so wie es aussieht, werden sie bald unter die Haube kommen.

Iwan grinste sarkastisch.

Er kletterte über das Gitter und landete auf einer Wartungsrampe. Iwan hatte die Primorskaja schon mehrfach aufgesucht, sowohl in der Zeit, als sie noch bewohnt war, als auch später, nachdem man sie aufgegeben hatte. Wenn er sich recht entsann, musste er noch ein Stück auf dem schmalen Streifen des Bahnsteigs weitergehen und würde dann rechter Hand auf eine Tür stoßen, die zu den Diensträumen der Station führte.

Stopp. Nur nichts überstürzen.

Erste Regel: In der Metro gibt es nichts Beständiges. In kürzester Zeit kann sich alles verändern.

Zweite Regel: Jegliche Veränderung bedeutet Gefahr.

Er blieb auf dem Bahnsteig stehen und bewegte den Kopf hin und her, um die Umgebung auszuleuchten. Im Lichtkegel erschienen die Überreste der Wandverkleidung. Wo die Marmorplatten herabgefallen waren, gähnten quadratische schwarze Löcher. Am Boden lagen halb verrottete Sandsäcke herum – die hatte man seinerzeit zwischen den Säulen gestapelt. Überall Wasserlachen. Und dort – na, das fehlte noch …

Von der gewölbten Decke hing eine Girlande des allgegenwärtigen grauen Mooses herab. Iwan hatte sogar den Eindruck, dass es in der Dunkelheit schwach phosphoreszierte. Radioaktive Strahlung? Wohl kaum.

Dem Geigerzähler nach zu schließen, war die Radioaktivität hier nicht allzu hoch. Doch was war das für ein Geruch?

Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Iwan trat einen Schritt zurück und holte die Gasmaske aus der Tasche.

Eine GP-9, fast neu. Hatte zwei volle Magazine gekostet – nicht gerade ein Schnäppchen. Und jeder Filter noch mal zwanzig Patronen. Bei den derzeitigen Preisen konnte einem schwindlig werden. Dafür hatte sie anstelle von zwei runden Okularen, wie bei einer normalen PG-5, und der Gummischnauze mit Rüssel zwei große dreieckige Sichtscheiben mit großem Blickfeld und zwei seitliche Anschlussstücke – man konnte den Filter also links oder rechts anbringen. Sehr praktisch, das Teil.

Iwan löste den Riemen des Helms. Die LED verströmte reines, weißes Licht – schade, dass die Batterien schon ziemlich am Ende waren. Blieb noch die Ersatzlampe, dann nichts wie zurück. Verdammt. Iwan kniete sich hin, rollte die Matte aus, legte den Helm darauf und richtete ihn so aus, dass die Lampe den Bahnsteig ausleuchtete. Dann setzte er die Gasmaske am Kinn an und zog sie sich über den Kopf. Das Atmen fiel nun schwerer und bei jedem Atemzug entstand ein Geräusch wie bei einem Grundwassereinbruch durch eine Tunnelwand. Die Luft hatte einen eigenartigen Geruch: steril und irgendwie chemisch.

Der Filter trug eine rote Markierung: gegen Aerosole und radioaktiven Staub. Eineinhalb Stunden.

Hoffentlich keine Fälschung. In der Metro gab es Typen, die vor nichts zurückschreckten. Früher hatten sie gefaktes dur verkauft, heutzutage fälschten sie Atemschutzfilter und Kalaschnikowpatronen. Die Schweine.

Einmal hatte man Iwan eine Doppelflinte angeboten mit fünfzig Schuss Munition. Schrot- und Kugelpatronen. Der Preis war so günstig, dass Iwan sofort Verdacht schöpfte. Und prompt entdeckte er an den Patronen Spuren, die da nicht hingehörten. Aus dem Kauf wurde nichts.

Schade eigentlich. Eine Doppelflinte hätte er gut brauchen können. Gegen die Biester, die manchmal plötzlich aus der Dunkelheit auftauchen, ist eine Schrotladung aus nächster Nähe genau das Richtige. Eine Kalaschnikow ist zwar eine hervorragende Waffe – selbst der kurzläufige »Bastard«. Doch für ein Gewehr braucht man eine gewisse Distanz. Aus der Nähe tut man sich mit einer Schrotflinte leichter. Man muss nicht so genau zielen, und die Wirkung ist verheerend.

Iwan machte einige tiefe Atemzüge. Keine Fälschung, der Filter war in Ordnung. Der Befestigungsriemen der Gasmaske schnitt im Nacken ein. Er hatte ihn noch nicht richtig eingestellt. Egal.

Iwan setzte den Helm mit der Lampe wieder auf und lauschte.

In der Ferne tropfte Wasser. In der Nähe auch. Irgendetwas raschelte leise – vielleicht die Ratte, die er aufgescheucht hatte. Jeder Tropfen, der aufs Wasser fiel, erzeugte ein hallendes Echo.

So weit alles im grünen Bereich. Das Ächzen des Tunnels war er schon gewohnt, das hörte man permanent.

Die Erde drückt, wie Onkel Jewpat immer sagte. Er hatte mal in einer U-Boot-Einheit gedient und verstand etwas von Druck. Onkel Jewpat wusste überhaupt viel.

Zum Beispiel, warum jener Krieg ausgebrochen war. Gerechtigkeitshalber muss man sagen, dass in der Metro eigentlich jeder den Grund für die Katastrophe kannte. Nur, dass jeder dazu seine eigene – und natürlich die einzig richtige – Version hatte. Sobald irgendwo »Veteranen« aufeinandertrafen, wurde bis zum Erbrechen gestritten: Wer ist schuld?

Die Antwort war einfach: Ihr selbst seid schuld.

Viel wichtiger war: Was machen wir jetzt?

Man erzählte sich die Legende von einem Tiger, der aus dem Zoo ausbrach und in die Metro flüchtete. Der hatte es geschafft, der Streuner. Die Alten beteuerten, sie hätten mit eigenen Augen gesehen, wie er über den Bahnsteig lief, aufs Gleis hinuntersprang und im Tunnel verschwand. Die einen behaupteten, er sei in Richtung Newski prospekt gelaufen, andere sagten, in Richtung Petrogradskaja.

Wahrscheinlich nur eine schöne Legende, dachte Iwan bedauernd.

Ein Märchen.

Genauso wie Wodjaniks Erzählungen von Spanien, wo er sich kurz vor der Katastrophe aufgehalten hatte. Iwan hatte dem Professor seinerzeit zugehört und bei sich gedacht: noch so ein Märchen. Dein Spanien, Wodjanik, gibt es nicht mehr, und die grünen Parks von Barcelona auch nicht. Die Paläste von Gaudí (Wer soll das überhaupt sein?) sind zu Staub zerfallen und die Spanier krepiert.

Aber sah es hier etwa besser aus?

Beim Anblick der ausgestorbenen Prachtstraßen von Sankt Petersburg lief es einem kalt den Rücken herunter. In Kronstadt spukten die Geister von Marinesoldaten. Von Zarskoje Selo mit seinem weitläufigen Park und dem Palast waren nur Erinnerungen geblieben.

»Es gab damals so Bonbons, die hießen Batontschiki«, hatte Wodjanik erzählt. »Wenn man jemanden fotografieren wollte, sagte man nicht ›lächeln‹ zu ihm, sondern: ›Sag mal: Meine Lieblingsbonbons heißen Kis-Kis.‹ Dabei kam dann immer ein Lächeln heraus. Das Nilpferd aber – wie war das gleich wieder in dem Witz? Ach ja. Das Nilpferd war groß und sagte: ›Meine Lieblingsbonbons heißen Bato-ontschiki.‹ Kapiert? Wieso nicht? Habe ich irgendwas ausgelassen? Jedenfalls waren das seine Lieblingsbonbons. Sehr lecker. Und das Nilpferd sagte eben: ›Bato-ontschiki‹. Lustig, oder? Nein? Seltsam.«

Iwan lächelte gequält. Die Bato-ontschiki – auch so ein Märchen.

Er betrachtete den Bahnsteig. Das war die harte Realität. Eine tote Station.

Plötzlich hörte Iwan hinter seinem Rücken ein dumpfes Knurren. Langsam drehte er sich um. Ihm stockte der Atem.

Vor ihm stand ein Tiger.

Ein echter, wie auf der Abbildung im Kinderlexikon. Riesig. Schön. Und weiß. In seinen grünlichen Augen verlor sich das dämmrige Licht der Lampe.

Da hast du dein Spanien, dachte Iwan.

Im ersten Moment wusste er nicht, wie ihm geschah. Erst als die Wand auf ihn zustürzte, ihn an der Schulter traf, dass er umkippte und in die trübe, dreckige Brühe stürzte, begriff er: Hier läuft etwas schief.

Der Tiger, dachte er.

Er lag auf der linken Seite. Die untere Sichtscheibe war zur Hälfte mit Wasser bedeckt. Wie durch ein Wunder war die Lampe nicht ausgegangen. Iwan beobachtete, wie jemandes Beine in den Lichtkegel traten … nein, keine Beine. Iwan hörte sich atmen. Glück gehabt. Er war kurz davor gewesen, in Panik zu geraten, doch das Wasser blockierte seinen Filter, Iwan bekam keine Luft, und das brachte ihn wieder zur Besinnung.

Plötzlich wurde ihm klar, dass nicht die Wand ihn umgeworfen hatte.

Jemand hatte ihn angegriffen, verflucht.

Bumm, bumm, machte es in seiner Brust. Hilflos lag er in der Wasserlache. Nicht einmal das Gewehr konnte er anlegen. Scheiße!

Der gewaltige Adrenalinstoß schärfte seine Sinne. Er sah, wie sich im Schein der Lampe bewegte, was er für die Beine eines Menschen gehalten hatte. Es waren Tentakel. Durchsichtige Fangarme, die sich geschmeidig wanden, als wären sie aus weichem Glas.

Iwan handelte instinktiv. Im nächsten Moment stand er auf den Beinen, das Gewehr im Anschlag. Und noch ehe er einen Gedanken fassen konnte, knatterte die Kalaschnikow los: Ta-ta-ta! Ein Geräusch, als würde man Nägel in ein Eisenfass schlagen.

Eine Reihe kleiner Fontänen jagte über das Wasser und streifte den durchsichtigen Tentakel. Der zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt. Iwan riss das Gewehr weiter nach links und drückte abermals ab. Quälend langsam legte der »Bastard« los. Eins, zwei, zählte Iwan und ließ den Abzug los. Wie in Zeitlupe beobachtete er, wie die erste Fontäne aufspritzte, dann die zweite und wie das dritte Geschoss in dem durchsichtigen Fangarm einschlug. Tschock! Das sich windende Gebilde, das wie ein überdimensionaler Gasmaskenschlauch aussah, wirbelte durch die Luft und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Du täuschst mich nicht, du Mistvieh.

Iwan legte das Gewehr an der Schulter an. Vor seinen Augen erschien die Kimme. Einatmen. Ausatmen. Jetzt war er bereit für einen gezielten Schuss. Brennend wie Säure pulsierte das Blut in seinen Adern. In der rechten Schläfe pochte sein Herzschlag.

Poch. Poch.

Poch.

Im nächsten Moment kroch der Tentakel wieder um die Ecke. Iwan wartete ab. Sein Herzschlag wurde ohrenbetäubend. Ihm blieb höchstens noch ein halbes Magazin. Als er vorhin zu feuern begann, hatte er die Schüsse nicht mitgezählt. Idiot.

Die Bestie hauste vermutlich noch nicht lange hier – ob sie aus dem Meer gekommen war? Jedenfalls hatte er im Moment keine Chance, sie tödlich zu treffen. Wenn er jetzt abdrückte, würde er nur seine letzten Patronen verschwenden. Er hatte am eingesteckten Magazin zwar mit Isolierband ein Ersatzmagazin befestigt, doch das Wechseln dauerte einige Sekunden. Und so viel Zeit hatte er möglicherweise nicht.

Was also tun?

Iwan bewegte sich langsam nach rechts. Den Fangarm behielt er dabei stets im Visier. Ob es derjenige war, den er zuvor angeschossen hatte? Oder schon wieder ein anderer? Plötzlich spürte Iwan einen seltsamen Druck auf der Stirn, als hätte sich die Schwerkraft der Erde mit einem Mal vervielfacht. Er hatte sogar den Eindruck, dass die Decke der Station sich langsam herabsenkte. Iwan verspürte das Bedürfnis, den Kopf einzuziehen und sich auf den nassen Boden zu legen, damit dieser gewaltige Druck ihn nicht zerquetschte.

Ach, du bist das, du Bestie. Iwan wurde zornig und das seltsame Gefühl verging. Eine Psychoattacke, verdammt. Ihm fiel die Geschichte von den Blokadniks ein, die einen Angreifer aus der Entfernung psychisch so manipulieren konnten, dass er vor ihnen stehen blieb wie das Kaninchen vor der Schlange. Das hatte ihm ein Bekannter von der Station Newski prospekt erzählt, auch ein Digger, dem konnte man glauben. Manchmal.

Ich bin aber kein Kaninchen, dachte Iwan. Und auch kein Meerschweinchen.

Er begab sich so weit wie möglich nach rechts und lehnte sich mit der Schulter gegen die Marmorwand. Der Tentakel schwenkte plötzlich zu der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte.

Aha, kluges Tier. Aber ich bin auch nicht dumm. Wie kriege ich dich nur? Wo hast du deinen verdammten Kopf?

Möglichst leise löste Iwan den Riemen seines Helms. Es war ein ursprünglich orangefarbener und dann grau umlackierter Metrobauerhelm. Geschafft. Der Fangarm tastete rastlos den Boden ab, dann die Wand. Wie die Hand eines Blinden. Iwan schauderte. Was für eine Vorstellung! Das Greiforgan näherte sich dem Lichtkreis von Iwans Lampe.

Iwan ging in die Knie, legte den Helm auf den Boden und richtete ihn so aus, dass der Lichtstrahl auf den Fuß der Säule fiel. Dann stand er wieder auf und machte mit dem Gewehr im Anschlag einen Schritt nach rechts. Und noch einen Schritt. Der Tentakel tastete immer noch die Säule ab und machte sich an den Marmorplatten zu schaffen. Eine brach ab und zerbarst am Boden.

Der Fangarm zuckte kurz und tastete dann weiter. Iwan wartete ab. Seine Schulter tat nicht sonderlich weh. Der Schmerz würde sich vermutlich erst später einstellen. Er war doch sehr unsanft zu Boden gegangen.

Dann schien die Bestie die Geduld zu verlieren. Aus dem Tunnel kam ein zweiter Fangarm um die Ecke gekrochen und gesellte sich zum ersten. Iwan rückte noch ein Stück weiter in Richtung Bahnsteigrand. Es fehlte nicht mehr viel, und er hätte einen Blick in den Tunnel werfen können.

Allerdings hätte er dort nichts gesehen. Denn das Licht brauchte er jetzt für die Tentakel. Dort lag der Helm. Und die Batterien würden vielleicht noch fünf Minuten durchhalten. Bestenfalls zehn. LEDs fressen nicht so viel Strom wie Glühlampen, aber irgendwann gehen auch sie aus.

Er musste abwarten.

Die Heimsuchungen der Primorskaja hatten vor einem halben Jahr begonnen. Davor war sie eine gewöhnliche bewohnte Station gewesen, wenn auch eine Grenzstation, wegen des Tunnels, den man in Richtung Meeresküste gebaut hatte. Dort sollte auf einer künstlichen Aufschüttung eine weitere Metrostation errichtet werden. Während der Tunnel schon fast fertig war, hatte man mit der Station noch nicht einmal begonnen. Schon bald nach der Katastrophe drang durch den toten Tunnel Meerwasser ein, das nicht gerade sauber war. Es kam immer mehr. Die Radioaktivität stieg an, erreichte aber keine gefährlichen Werte. Das Problem lag woanders …

Zuerst kamen die Algen aus dem Tunnel.

Und dann die Bestien.

Solange sie nur vereinzelt auftauchten und blindlings ans Licht drängten, war das kein Problem. Man knallte sie einfach ab. Doch dann wurden es immer mehr. Und vor allem stieg der Wasserpegel. Das war das Schlimmste. Irgendwann kam der Punkt, an dem man die Primorskaja aufgeben musste. Die Bewohner kämpften bis zum Letzten um ihre Station, aber am Ende war alles vergebens.

Seit der Katastrophe gab das Meer sowieso Rätsel auf. Der ganze Ozean war ein einziges unheilvolles Mysterium. Wer weiß, was in dieser modernen Ursuppe alles ausgebrütet wurde?

Zum Beispiel dieser durchsichtige Oktopusverschnitt.

Iwan schob sich immer näher an den Rand des Bahnsteigs heran, ohne die Tentakel aus den Augen zu lassen. Obwohl sie nur zum Teil herausragten, maßen sie mehrere Meter. Man konnte sich also ungefähr vorstellen, was für ein Monsterkrake sich dahinter verbarg.

Mit dem Tiger hat er mich schön drangekriegt, dachte Iwan.

Aber vielleicht war daran auch gar nicht der Krake schuld, sondern das vermaledeite Moos? Iwan erinnerte sich an den aufdringlichen, leicht süßlichen Geruch. Vielleicht wirkte das Zeug so ähnlich wie dur und verursachte Halluzinationen? Hatte er die phosphoreszierenden Flecken an den Tentakelenden für die Augen des Tigers gehalten?

Weiß der Geier.

Vielleicht hätte ich nicht allein herkommen sollen, dachte Iwan. Zum Diggen geht man nicht allein. Andererseits suche ich ja nicht nach irgendwelchen Vorräten, sondern nach etwas ganz Bestimmtem. Einem richtigen Juwel.

Eigentlich wäre es vernünftig gewesen, von hier zu verschwinden. Wäre Iwan mit einem Partner unterwegs gewesen, hätte er längst zum Rückzug geblasen. Man durfte andere nicht gefährden, indem man unnötige Risiken einging.

Aber jetzt war er allein. Und er musste unbedingt in diesen Raum gelangen und dieses Ding finden.

Morgen wäre es schon zu spät.

Nachdenken, Iwan, nachdenken.

Die Tentakel gingen inzwischen getrennte Wege. Der eine war auf einen aufgeplatzten Sandsack gestoßen. Im Nu packte er ihn und hob ihn übers Gleis. Iwan konnte gar nicht so schnell schauen, wie das geschah.

Platschend rauschte der Sand ins Wasser. Der Fangarm zuckte kurz und schwenkte sofort wieder zurück. Der schmutzige Sack fiel in die Wasserlache am Bahnsteig.

Der andere Fangarm wandte sich von der Säule ab und näherte sich Iwans Helm.

Der Lichtstrahl der Lampe lag in den letzten Zügen. Ein Jammer. Es blieb wohl nichts anderes übrig, als auf die Karbidlampe zurückzugreifen. Warum auch nicht. Schließlich schleppte er nicht umsonst einige Kilo trockenes Karbid mit sich herum.

Plötzlich durchfuhr Iwan ein Gedanke. In der Tat. Das Karbid.

Iwan kniete nieder, schob das Gewehr auf den Rücken und holte die Lampe aus seiner Tasche heraus. Eigentlich ein total simples Teil: kleiner Brenner, Spiegel, Zündstein und Reibrad zum Anzünden, ein Kunststoffbehälter mit zwei Kammern, die obere für das Wasser, die untere für den Brennstoff.Alles ganz einfach.

Das Wasser tropft durch ein Röhrchen auf das Karbid. Dabei entsteht Acetylen, das durch eine Rohrleitung in den Brenner gelangt. Wir entzünden es und montieren die Lampe in der entsprechenden Vorrichtung am Helm. Fertig. Ohne Helm geht es nicht.

Acetylen kann nämlich explodieren.

Iwan griff abermals in die Tasche, tastete nach der Plastiktüte mit dem Karbid und zog sie heraus. Ganz schön schwer, vor allem mit einer Hand. Für drei Stunden Licht brauchte man ungefähr dreihundert bis vierhundert Gramm Karbid. Dazu kam ein Notvorrat für einige Tage. Insgesamt hatte er sieben Kilo dabei.

Normalerweise benutzte Iwan die Karbidlampe als Hauptlichtquelle, doch diesmal hatte er beschlossen, das wertvolle Material zu sparen und sich mit der LED zu begnügen. Batterien konnte man schließlich kaufen oder oben in der Stadt auftreiben. Selbst an der Technoloschka wurden welche hergestellt, wenn auch ziemlich miserable.

Mit dem Karbid war das schon wesentlich schwieriger. Der Wiederaufbau der chemischen Industrie war leider auch für die Technoloschka eine Nummer zu groß.

Iwan mühte sich am Knoten der Plastiktüte ab. Mit den Handschuhen fiel ihm das gar nicht so leicht, aber schließlich brachte er ihn doch auf. Der Rest war einfach.

Erst mal die Lampe befüllen. Iwan schüttete Karbid in den Lampenbehälter und regulierte die Wasserzufuhr. Sofort setzte ein leises, aber energisches Zischen ein. Die Reaktion lief.

Er betätigte das Feuerzeug. Die Flamme züngelte. Plötzlich entflammte das Acetylen so heftig und grell, dass Iwan unwillkürlich zurückschreckte. Mist.

Hastig blickte Iwan zu den Fangarmen der Bestie hinüber. Das warme, helle Licht ließ sie kurzzeitig erstarren, doch dann schlängelten sie wieder umher wie zuvor.

Mit der Lampe in der Linken und der Karbidtüte in der Rechten lief Iwan zum Bahnsteigrand und duckte sich. Die halb durchsichtigen Tentakel ragten etwa einen Meter oberhalb seines Kopfes um die Ecke.

Schepper, schepper. Iwan wandte sich um. Der eine Fangarm hatte sich den Helm mit der LED geschnappt und zerrte ihn über den Granitboden.

Wehe, du machst die Lampe kaputt, du Biest.

Iwan legte sich auf den Bahnsteigrand, streckte die Lampe vor und spähte um die Ecke.

Schon wieder eine Halluzination, dachte er im ersten Moment. So etwas Ähnliches hatte Iwan beim letzten Streifzug mit Kossolapy an der Oberfläche gesehen, als sie extra ans Meer gegangen waren, um sich dort mal genauer umzuschauen.

Am Ufer hatte der Kadaver einer durchsichtigen Kreatur gelegen.

Damals waren sie nur ein kleines Stück an der Uferstraße entlanggegangen. Ins Wasser traute sich normalerweise niemand. Außer Kossolapy natürlich, aber der war schon immer ein bisschen durchgeknallt.

Und ein Glückspilz. Unversehrt stieg der Digger aus den schwarzen Wellen, die an die Uferbefestigung aus Granit rollten. Hinter ihm durchpflügten wenig vertrauenerweckende Rückenflossen das Wasser des Hafenbeckens. Und weiter entfernt, drüben am Damm, spritzte ein gewaltiges Ungetüm leuchtende Wasserfontänen empor. Entweder wurde da jemand gefressen oder begattet.

Iwan erinnerte sich noch gut an Kossolapys strahlend weißes Lächeln, das wie ein Halbmond aus der Finsternis herausleuchtete. Was für ein Duselbruder.

Auf dem Rückweg stellte sich dann allerdings heraus, dass er sein Glück aufgebraucht hatte.

Iwan betrachtete den langgestreckten Körper des Kraken. Er maß etwa zweieinhalb Meter und war stromlinienförmig wie ein U-Boot. Durch die transparente Haut konnte man die Innereien sehen. Grünliche Kiemen, ein blassrosa Nervenknoten (das Gehirn?), ein gelbliches Knäuel aus Gedärmen. Die reinste Eingeweideschau. Der Anblick ekelte Iwan an. Ein Klarsichtbeutel mit Innereien. Aus dem Plastikmonster ragten Dutzende dünner Tentakel, die ständig in Bewegung waren. Als hätte jemand einen riesigen Teller Nudeln mit Brühe aufgegossen und dann ausgeschüttet.

Onkel Jewpat hatte erzählt, dass im Ozean in großer Tiefe, wo kein Licht mehr hinkommt, durchsichtige Fische leben.

Aber was, zum Henker, hatte dieses Tiefseeungeheuer hier in der Metro verloren? Warum wir Menschen hier sind, war ja klar, aber wieso diese Bestien? Sind wir hier die Arche Noah oder wie?

Die großen, rosafarbenen Augen zu beiden Seiten des Krakenkopfs blickten ungerührt. Sogar mit einer gewissen Ironie, wie Iwan schien.

Doch das Licht der Karbidlampe brachte die Bestie in Rage. Sie begann zu zappeln und ihre Fangarme wanden sich nach allen Seiten, offenbar auf der Suche nach dem Störenfried.

Der Rumpf des Monsters ragte zur Hälfte aus dem trüben Wasser heraus. Jetzt bist du fällig, dachte Iwan. Er holte aus und warf den Beutel mit dem Karbid in Richtung der Kreatur. Im Flug öffnete er sich und das Karbid regnete ins Wasser. Pschsch! Die Brühe im Tunnel begann sofort zu zischen und zu blubbern wie ein gewaltiger Topf Suppe. Dampf stieg auf und verhüllte die Umrisse der Bestie.

Iwan zog sich zurück. Wenn genug Acetylen entstand, genügte ein Funke, und die ganze Chose würde in Flammen aufgehen.

Oder sogar explodieren.

Aber ob das Karbid dafür reichte? Scheiß drauf – er würde schon sehen.

Plötzlich züngelte ein Fangarm aus dem Dampf. Iwan warf sich zur Seite, um ihm auszuweichen. Im Tunnel zischte und blubberte es noch immer.

Jetzt? Nein, lieber noch einen Augenblick warten.

Mit der Karbidlampe in der Hand rappelte sich Iwan auf und lief zu seinem Helm. Dabei sprang er über den nächsten Fangarm – langsam wurde es brenzlig. Er packte den Helm und machte einen Satz zur nächsten Säule. Dabei stolperte er. Verflucht. Im letzten Moment zog er das Knie hoch und stemmte es gegen die Säule. Irgendwie schaffte er es, auf den Beinen zu bleiben, ohne die Lampe fallen zu lassen. Die Kniescheibe jubelte. Iwan wandte sich wieder zum Tunnel, von wo dicker Acetylendampf heranwaberte.

Plötzlich packte ihn etwas an der Schulter.

Scheiße.

Es fühlte sich an, als würde sich ein glühender Stab in seine Muskeln bohren. Iwan versuchte sich loszureißen. Sein Gewehr fiel scheppernd zu Boden. Der Fangarm schwang zurück und schleuderte ihn mit dem Rücken gegen die Säule. Dann drückte er ihn langsam immer fester gegen den Marmor.

Iwan schaute auf seine Hand mit der Lampe, dann auf den Fangarm.

»Meine Lieblingsbonbons«, sagte er zu dem Fangarm. »Hörst du? Bato-ontschiki.«

Iwan beugte den Oberkörper zurück, riss seinen Arm los und warf die Karbidlampe mit aller Kraft in den Rachen des Tunnels. Friss!

Der Fangarm schlang sich um seinen Brustkorb und drückte zu.

Iwan blieb die Luft weg und der Schmerz schoss aus der Brust in den Kopf. Die Primorskaja verschwamm vor seinen Augen und er hörte nur noch gedämpfte Geräusche, wie unter Wasser.

In dieser pulsierenden Stille beobachtete Iwan, wie die Lampe in einem schönen, gleichmäßigen Bogen durch die Luft flog und langsam aufs Gleis hinunterfiel. Iwan schloss die Augen. Das war’s.

Ein greller Lichtblitz.

Kurz darauf spritzte kochendes Wasser in Iwans Gesicht.

Als er die Augen wieder öffnete, war alles vorbei. Rauchschwaden zogen über den Bahnsteig. Ihm dröhnten die Ohren und seine Brust schmerzte, als hätte man sie mit einem Vorschlaghammer malträtiert.

Iwan blickte zu Boden. Zu seinen Füßen wand sich der abgerissene Fangarm. Kaum totzukriegen, das Scheißvieh.

Er zog sich die Gasmaske vom Kopf und sog gierig die Luft ein. Der Gestank der Primorskaja schlug ihm in die Nase wie ein Fausthieb. Auf seiner Zunge klebte der Geschmack von verbranntem Gummi. Angewidert spuckte Iwan aus. Er tastete sich ab.Arme und Beine waren unversehrt und der Rest – hm, auch noch an seinem Platz. Sein Gesicht brannte und die Schläfen pochten.

Iwan sah sich um.

Die Lampe am Helm brannte immer noch. Ein paar Minuten blieben ihm also noch. Er stieg über den Fangarm, bückte sich und holte seinen Helm aus einer Wasserlache. Direkt daneben lag sein Gewehr. Er richtete sich wieder auf, atmete durch und setzte den Helm auf. Er öffnete den Verschluss seines »Bastards«, entnahm die Patrone und goss das Wasser heraus. Zu Hause standen Gewehr putzen und Patronen trocknen an. Gut, dass die Kalaschnikow so robust war, mit der konnte man notfalls auch so schießen. Für alle Fälle wechselte Iwan das Magazin, lud durch und sicherte die Waffe.

Die Oktopussuppe hatte ihn seine Karbidlampe gekostet. Und die LED pfiff aus dem letzten Loch.

Jetzt aber schnell.

Iwan begutachtete sein Werk am Tunnelausgang. Die Decke war versengt, die Marmorplatten verrußt, das Moos verbrannt und das Wasser dampfte. Von dem Kraken war nur noch ein verkohlter Brei übrig. Kein Wunder, die Flammen waren über tausend Grad heiß gewesen. Mit einem Acetylenbrenner konnte man Metall schneiden. Iwan blieb nicht länger stehen, um keine Zeit zu verlieren. Raschen Schrittes ging er am Bahnsteigrand entlang. In der Wand zur Rechten befand sich eine Stahltür mit der Aufschrift »W2-PIIA«. Iwan hob das Gewehr und zog die Tür zu sich heran. Die rostigen Angeln quietschten jämmerlich.

Die Luft war rein.

Iwan trat über die Schwelle. Früher war dies ein Ruheraum für das Stationspersonal gewesen, später richtete man ihn als Kommandantenzimmer ein. Drinnen stand ein durch die Feuchtigkeit völlig verzogener Schreibtisch. Darauf lagen einige alte, mit Schimmel überzogene Zeitschriften. Bei anderer Gelegenheit hätte Iwan sie sich genauer angesehen, doch dafür war nun keine Zeit. Der Schein der Lampe wanderte weiter. An der Wand hing ein Schild mit der Aufschrift »Raucherzone«. Weiter! Entlang der Wand – graue Schränke, ein Regal …

Endlich, der grüne Metallkasten, ursprünglich wohl für Zivilschutzausrüstung gedacht. Iwan versuchte ihn zu öffnen – keine Chance, eingerostet. Er schlug das Schloss mit dem Gewehrschaft auf und schaute hinein.

Immerhin, er hatte sich nicht geirrt.

Endlich. Iwan griff in den Kasten und holte heraus, was sich darin befand. Dann betrachtete er seinen Fund lange und vergaß dabei völlig seine schwächelnde LED.

Sie war wunderschön.

2 Das Geschenk

2

DAS GESCHENK

Als es nur noch fünfzig Meter bis zum Kontrollposten der Wassileostrowskaja waren, hauchten die Batterien endgültig ihr Leben aus. Der verloschene Lichtschein der Lampe spukte noch kurz vor Iwans Augen. Beim Weitergehen orientierte er sich an einem schwachen gelben Lichtfleck, den die Nachtbeleuchtung der Station in die finstere Röhre warf. Das Platschen seiner Stiefel im seichten Wasser hallte durch den Tunnel.

Man bemerkte ihn spät, obwohl er sich nicht verbarg. Waren die dort alle eingeschlafen?

»Stehen bleiben! Wer da?!«, bellte jemand und ein Scheinwerfer leuchtete auf.

Iwan drehte den Kopf zur Seite und hielt sich schützend den Unterarm vor die Augen. Hatten die sie noch alle?! Der weiße Scheinwerferstrahl bohrte sich in seinen Körper wie die Flamme eines Schneidbrenners.

»Eigener Mann!«, rief Iwan.

Er spürte instinktiv, wie sich das auf einem zusammengeschweißten Rohrgestell montierte Maschinengewehr in seine Richtung drehte, und hörte das metallische Klicken des Verschlusses beim Spannen der Waffe.

Der Lichtstrahl war verheerend. Iwan bedeckte die Augen mit den Händen und drehte sich mit dem Rücken zum Scheinwerfer, doch es half nichts. Das erbarmungslose Licht durchdrang Kleidung, Haut, Muskelfasern, Blutkörperchen und Knochen und traf seine Augen. Unter Iwans Lidern brannte es lichterloh.

»Halt, oder ich schieße«, drohte der Typ am Maschinengewehr.

Iwan erkannte die sich überschlagende, fast hysterische Stimme. Es war ausgerechnet Jefiminjuk. Schöner Mist.

»Nicht schießen«, rief Iwan mit ruhigem Befehlston. »Die Parole! Hörst du? Die Parole lautet Hochzeit!«

Keine Reaktion.

Die Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit. Iwan überlief es kalt bei dem Gedanken, dass Jefiminjuk imstande war, ihn trotzdem zu erschießen.

Ausgerechnet jetzt, das passt ja prima, dachte er wütend, dabei hatte ich extra darum gebeten, keine Psychopathen zur Wache einzuteilen.

»Wir haben eben zu wenig Leute, Iwan, das weißt du doch selbst«, hatte Postyschew gejammert. »Ich weiß nicht, wie ich die Löcher im Dienstplan stopfen soll.«

Na toll, wenn dieser Idiot mich jetzt mit einer Salve ummäht, habe ich jedenfalls mehr Löcher als du in deinem verdammten Dienstplan. Das NSW mit seinen 12,7-Millimeter- Stahlkerngeschossen ist schließlich kein Spielzeug, das man einem x-beliebigen Trottel in die Hand drückt. Solche Maschinengewehre wurden an Kontrollposten der Armee eingesetzt, und von so einem Posten war es sicher auch abmontiert worden.

»Parole: Hochzeit!«, wiederholte Iwan ohne große Hoffnung, dass man ihm überhaupt zuhört.

Schweigen.

»Wer da?«, fragte Jefiminjuk endlich.

»Der Bräutigam!«, erwiderte Iwan.

Abermals Schweigen. Dann wurde das MG mit einem leisen Klacken entspannt.

»Bist du das, Iwan?«

Am liebsten hätte Iwan laut geflucht, aber er war zu erschöpft und seine Erleichterung doch größer als sein Zorn.

»Ja.«

»Uff«, seufzte der Wachposten.

Von wegen »uff«, dachte Iwan. Was soll ich da sagen?

»Mach den Scheinwerfer aus, das Ding blendet wie Sau!«

Von Kopf bis Fuß mit lehmigem Matsch verschmiert, überwand Iwan die letzten Meter bis zum Kontrollposten und sah Jefiminjuk vorwurfsvoll an.

»Wer hat hier das Kommando? Warum bist du allein?«

»Ich … äh …«, stammelte Jefiminjuk. »Also …«

»Wer hat heute das Kommando über den Posten?«, fragte Iwan lauter.

Jefiminjuk senkte den Blick. »Sasonow«, gab er endlich zu. »Tut mir leid wegen dem Maschinengewehr, Chef, war echt keine Absicht. Sasonow war vorhin schon da, aber dann musste er mal kurz weg.«

Sasonow also.

»Und wohin?«

»Woher soll ich das wissen? Keine Ahnung.«

»Schlamperei«, grummelte Iwan. »Ihr hört noch von mir.«

Er schob Jefiminjuk zur Seite, stieg über die Sandsäcke und trat ins Licht der Station.

Die Wassileostrowskaja war eine Metrostation geschlossenen Typs. Nachts waren alle Stationstüren geschlossen bis auf zwei, wobei eine aufs linke und eine aufs rechte Gleis führte. Manchmal wurde auch etwas tiefer im Tunnel, in Richtung Primorskaja, ein Posten eingerichtet – in der Regel während der »Hauptblütezeit«, wenn massenhaft Getier aus dem Meer durch den Tunnel kroch und man mit dem Abknallen kaum hinterherkam.

Heute hatte der gewöhnliche Posten am Tunnelausgang versagt. Wie konnte ein mit allen Wassern gewaschener Kämpfer wie Sasonow nur so fahrlässig sein? Im Digger-Jargon nannte man so etwas »Phänomen Bo« – wenn jemand einen Bock schoss, von dem man es am wenigsten erwartete. Andererseits: So etwas konnte immer mal passieren.

Die Wassileostrowskaja hatte nie zu den schönsten Metrostationen gehört wie zum Beispiel die Ploschtschad Wosstanija mit ihrer hohen Gewölbedecke, dem prunkvoll ausgestalteten Saal, den schweren Bronzeleuchtern und stuckverzierten Säulen. Die »Waska«, wie die Nachbarn von der Admiraltejskaja und vom Newski prospekt sie familiär nannten, war eine ausgesprochen asketische Station und insofern bestens darauf eingerichtet, Hunger, Kälte, die Überfälle von Monstern und die Spermatoxikose ihrer Verteidiger zu ertragen. Mit anderen Worten: eine typisch Sankt Petersburger Festung.

Noch bevor Iwan die Bahnsteighalle betrat, hörte er das Dröhnen der Belüftungsanlage. Das Geräusch verursachten die Filter, durch die die Luft von der Oberfläche gepresst wurde. Ihr zentrales Beleuchtungssystem hatte die Wassileostrowskaja wie die meisten anderen Stationen längst eingebüßt, die Luftfilteranlagen und die Grundwasserpumpen funktionierten dagegen immer noch. Das war allerdings kein billiges Vergnügen, denn die »Masuten« von der Technoloschka ließen sich ihre Ingenieurdienste teuer bezahlen.

Aber was blieb einem anderes übrig?

Dafür waren die Tunnel beinahe trocken. Und selbst in der nachts verschlossenen Station hatte man genug Luft zum Atmen.

Iwan kniff die Augen zusammen. Nach dem langen Aufenthalt in der Dunkelheit blendete ihn selbst die dezente Nachtbeleuchtung. Egal wo er hinschaute, überall tanzten bunte Flecken.

An der Station herrschte Nacht. Die von einem Dieselgenerator gespeiste Hauptbeleuchtung war zu dieser Zeit ausgeschaltet. Es brannten nur die Nachtlampen – mit Akkus betriebene chinesische Lichterketten, die man über den Türnischen verlegt hatte. Nachts wirkte die Station deshalb behaglicher als sonst. Eine friedvolle Atmosphäre: das leise Atmen schlafender Kinder, durchsetzt vom Husten und Schnarchen der Erwachsenen, dazu das milde, bunte Licht der roten, blauen und gelben Lämpchen.

Iwan schritt durch den schmalen Gang zwischen den Zelten, die den größten Teil des Bahnsteigs einnahmen. Dieser Gang war die Hauptstraße der Wassileostrowskaja, sozusagen ihr Newski-Prospekt, der nur nachts existierte. Tagsüber wurden die Zelte abgebaut und zusammengelegt, um Platz zu schaffen: an Werktagen für die Arbeit, am Wochenende und an Feiertagen für Freizeitaktivitäten. Am südlichen Ende der Station befanden sich hinter einem Eisengatter die Käfigreihen der Tierzucht. Manchmal wehte von dort ein strenger Geruch herüber. Kinder ab vier Jahren schliefen in einem eigenen Zelt – dem Kindergarten.

Iwan ging an den ausgeblichenen, vielfach geflickten Zelten vorbei und lauschte dem nächtlichen Schnaufen, Husten und Schnarchen. Manch einer brummelte etwas im Schlaf, bevor er sich auf die andere Seite drehte und wieder verstummte. Die gute, alte Wassileostrowskaja.

Morgen würden sie den Bahnsteig freiräumen und Tische aufstellen. Es stand eine Feier ins Haus. Bis dahin blieben noch … Iwan wandte sich um und blickte zur Stationsuhr, die über dem Ausgang zu den Rolltreppen hing. Die gelben Ziffern zeigten vier Uhr dreiundzwanzig. Noch drei Stunden.

Iwan war lange unterwegs gewesen. Während er den Bahnsteig entlangging, hatte er manchmal den Eindruck, im grauen Granitboden zu versinken. Dann hob er schnell den Kopf und wachte wieder auf.

Nichts wie ins Bett.

Doch vorher musste er seine Ausrüstung abgeben und sich waschen.

»Wo bist du denn gewesen?«, fragte Katja, die Leiterin von Ausrüstungsdepot und Sanitätsstation, mit vorwurfsvoll funkelnden Augen.

»Komische Frage. Sieht man das etwa nicht?«, erwiderte Iwan, während er seinen »Aladin« ablegte.

Der ABC-Schutzanzug L-1 war ein unentbehrliches Utensil, ohne das man an vielen Orten aufgeschmissen gewesen wäre. Vor allem wenn man ein bisschen Wert auf das legte, was sich unterhalb der Gürtellinie befand.

»Ich bin ja nicht blind. Du starrst vor Dreck. Schlimmer als ein Zombel.«

Iwan warf den »Aladin« in den Metallcontainer für die Dekontamination, dann zog er seine Gummistiefel aus und legte sie dazu. Jetzt waren die Fußlappen an der Reihe. Iwan wickelte sie ab und rümpfte die Nase: Was für ein Aroma. Seine Füße durchströmte ein sanfter, fast wohliger Schmerz, als würden sie aufatmen. Iwan stopfte die Fußlappen in den Container und machte schleunigst den Deckel zu.

»Jetzt sag schon, wo hast du dich rumgetrieben?«, fragte Katja, während sie ihn weiterschob.

Unausgeschlafen und gereizt sah sie noch viel hübscher aus als sonst.

»Was glaubst du?«

Jetzt musste er noch seine Ausrüstung zurückgeben. Ihm gehörte nur ein Teil der Sachen, der Rest war Gemeinschaftseigentum. Als er sich das dünne Sweatshirt über den Kopf ziehen wollte, seufzte Iwan laut auf und griff sich an die Seite. Verdammt! Er krümmte sich vor Schmerz. Offenbar war doch eine Rippe gebrochen. Katja eilte herbei und half ihm, das Sweatshirt auszuziehen.

Frauen, dachte Iwan. Ihr seid so berechenbar. Am liebsten würdet ihr von früh bis spät Katzenbabys retten. Oder Tiger.

»Mit wem hast du dich geprügelt?«, erkundigte sich Katja und drückte ungeniert mit dem Finger auf den Bluterguss an seiner Brust.

Iwan biss die Zähne zusammen und sog geräuschvoll die Luft ein.

»Tut’s weh?«, stichelte Katja mit unverhohlen sadistischem Tonfall.

»Nein.«

»Und so?«

Diesmal langte Katja fester zu und Iwan blieb buchstäblich die Luft weg. Er krümmte sich zusammen und stöhnte.

»Aha«, sagte Katja. »Sehr schön. Das werden wir behandeln.«

Kurz darauf kam sie mit einer Waschschüssel und Verbandszeug zurück. Iwan richtete sich auf und wollte etwas sagen, doch er kam nicht dazu.

Katja stützte die Hände in die Hüften und warf den Kopf in den Nacken. »Wenn du mir jetzt mit deinen Bato-ontschikis kommst, ziehe ich dir die Schüssel hier über den Schädel, verstanden?«

Nachdem die Wunden und Schrammen gereinigt waren, ging Katja die Schüssel ausleeren. Auf dem Rückweg brachte sie Iwan Wasser mit. Er trank zwei volle Gläser hintereinander. Das tat gut. Der Missmut in Katjas Blick war inzwischen verflogen. Während sich Iwan wusch, holte sie eine frische Garnitur Wäsche aus einem Sack und legte sie auf das Feldbett neben Iwan.

»Dann also morgen?«, fragte sie wie beiläufig.

»Du bist schön«, sagte Iwan. Katja sah ihn an. »Und sehr klug. Aus uns hätte wirklich etwas werden können.«

»Ist aber nicht«, entgegnete Katja. »Nimm mich noch mal in den Arm, mein Odysseus.«

Iwan schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht, sei mir nicht böse.«

»Warum?«

Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte nur mit den Augen.

»Ich bin so gut wie verheiratet. Wahrscheinlich ist das eine Dummheit, nicht wahr?« Er griff ihr ans Kinn, hob sanft ihren Kopf und schaute ihr in die Augen. »Ist es eine Dummheit?«

»Nein«, sagte Katja. »Du Hundesohn. Du weißt überhaupt nicht, was für ein Glück du hast. Du solltest ihr zu Füßen liegen und Gott dafür danken, dass du sie hast, du Dummkopf. Verstanden?«

»Jawohl.«

Hinter der Wand hörte man jemanden schnarchen. Die Lampen über dem Eingang schalteten auf einen anderen Leuchtmodus um. Nun tauchten sie das ganze Zelt in blutrotes Licht.

»Du bist meine Königin von Saba. Meine Judith.«

»Schmeichler«, kommentierte Katja. »Wie ich sehe, hast du die Bibel sorgfältig gelesen.« Sie wandte sich um, kramte geräuschvoll in ihren Utensilien und holte eine Bandage hervor. »Heb den Arm hoch.«

»Geschichten über Frauen kann ich mir eben gut merken.«

Katja musste unwillkürlich schmunzeln, während sie die Rippenbandage anlegte. Abermals klapperten medizinische Gerätschaften, dann breitete sich eine angespannte Stille im Zelt aus.

»Und sie?«, fragte schließlich Katja.

»Was soll mit ihr sein?«

Katja hielt inne und sah ihn an. »Wer ist sie für dich? Bibelmäßig.«

»Meine zukünftige Frau«, erwiderte Iwan schlicht.

Katja schluchzte oder schluckte heftig – Iwan war sich nicht sicher. Sie verschwand für einen Augenblick und kam mit einem Döschen mit gelber Salbe zurück.

»Was für ein unverschämtes Glück du hast. So, jetzt den Kopf zurück!«

Iwan legte den Kopf in den Nacken und sah in Katjas Pupillen die Silhouette eines in den Tunnel flüchtenden Tigers … Er blinzelte. Nur Einbildung.

Katja beugte sich vor und begann, seine Stirn mit der stinkenden, kalten Salbe einzureiben. Er spürte ihren Atem über sein Gesicht streichen.

Plötzlich waren ihre Lippen ganz nah.

»Iwan, schau, was ich organisiert habe!«

Pascha kam ins Zelt gestürmt – und blieb wie angewurzelt stehen. Katja ließ von Iwan ab und wich reflexartig einen Meter zurück. Pascha ging zwischen den beiden hindurch, stellte mit Getöse ein kleines Fass auf den Tisch und drehte sich um. Es entstand eine peinliche Pause.

Pascha musterte die beiden, dann fragte er: »Was ist denn mit deiner Visage passiert?«

»Kannst du nicht anklopfen, Mensch?«, schimpfte Katja.

Pascha winkte nur ab.

Iwan legte sich die Hand auf die Stirn. Das tat weh. Seltsam, dabei hatte er doch die Gasmaske aufgehabt.

»Eine Brandwunde.«

»Was, echt?« Pascha sah ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an, den Iwan nicht deuten konnte. »Und wie ist das passiert?«

Die ganze Geschichte zu erzählen hätte zu lange gedauert.

»Wie schon … Meine Karbidlampe ist hochgegangen«, antwortete Iwan wahrheitsgemäß.

»Ach?!« Pascha schlug theatralisch die Hände zusammen. »Ist ja der Hammer. Hast du sie etwa geküsst? Deine Karbidlampe?«

»Pascha!«, zischte Katja.

»Was ›Pascha‹?«, giftete der Angesprochene zurück.

Iwan wusste schon lange, dass die beiden sich nicht ausstehen konnten. Schon seit der Zeit, als er die Beziehung mit Katja anfing. Als er dann Tanja kennenlernte, beruhigte sich Pascha seltsamerweise. Eigentlich kannte Iwan Tanja schon lange, er hatte sie nur nie richtig wahrgenommen. Idiotisch. Erst damals, nach Kossolapys tragischem Tod …

Lassen wir das.

Iwan stand auf und begutachtete seine Rippenbandage. Der Verband war vergilbt, alt und mehrfach gewaschen. Recyclinggesellschaft, verdammt, oder wie hatte Professor Wodjanik das genannt? Außerdem hatte er erzählt, dass früher, Mitte des Jahrhunderts, in klösterlichen Krankenhäusern Verbandszeug mit alten Blut- und Eiterflecken aufbewahrt wurde, das vom vielen Waschen schon völlig durchlöchert war. Damit habe angeblich schon der Heilige Thomas oder weiß der Geier wer Verletzte verbunden. Das konnte man natürlich nicht wegwerfen. Schließlich hatten es die Hände eines Heiligen berührt, was ihm zweifellos wundersame Heilkraft verlieh …

Wodjanik hatte aber auch gesagt, dass sich Heiligkeit offenbar schlechter überträgt als Mikroben.

Sonst würden wir in der Metro alle schon mit einem Heiligenschein herumlaufen.

Iwan ging zu dem großen, ramponierten Spiegel, der auf dem Tisch stand, und betrachtete sich. Der Bluterguss auf der Brust war nicht von schlechten Eltern. Der rote Brandstreifen auf der Stirn auch nicht. Iwan drehte den Kopf hin und her. Genau richtig für die morgige Feierlichkeit.

Der Wortwechsel hinter seinem Rücken wurde unterdessen hitziger.

»Zu deiner Information, Pascha küsst keine Karbidlampen«, ätzte Pascha. »Er hat nämlich – was?«

»Was schon?«, fragte Katja gallig.

»Eine LED-Lampe! Eine ehrliche Digger-LED und keine Karbid-Schlampe!«

Katja versteinerte. Ihr Gesicht war blass und unbeschreiblich schön. Wie ein Double der Gorgone Medusa.

»Pascha«, sagte Iwan gedehnt. »Bitte geh raus.«

»Was habe ich …«

»Geh.«

Nachdem Pascha gegangen war, kehrte Iwan zum Feldbett zurück, zog die Hose aus, die er unter dem Schutzanzug getragen hatte, und zog die frische an. Er setzte sich auf das Feldbett, schlüpfte in das Hemd und begann es zuzuknöpfen. Katja hantierte mittlerweile wieder mit ihren Döschen und Fläschchen. Iwans Blick fiel auf ihren schönen, schlanken Nacken. Als er mit dem Hemd fertig war, stand er auf. Er hatte ein schummriges Gefühl im Kopf, wie bei einem leichten Rausch. Wahrscheinlich die Müdigkeit.

»Fertig?«, fragte Katja, ohne sich umzudrehen.

»Ja«, bestätigte Iwan und ging zu ihr. »Sei Pascha nicht böse.«

»Ach wo. Er hat ja recht. Ich bin eine Schlampe.«

»Pascha ist ein Trottel«, sagte Iwan. »Für ihn gibt es nur Schwarz und Weiß.«

»Für mich doch auch. Entweder ich lasse einen ran oder nicht. Ist doch so, oder?«

Sie drehte sich zu Iwan um und klammerte sich so heftig am Tischrand fest, dass ihre Finger weiß wurden.

»Nein, so ist es nicht.« Iwan streichelte Katjas Wange und spürte dabei, wie sie zitterte. »Du bist schwer in Ordnung. Pascha ist auch in Ordnung, aber er ist ein Trottel.«

»Warum habe ich einfach nie Glück?« Sie sah zu ihm auf, als erwartete sie tatsächlich eine Antwort auf diese Frage.

Iwan seufzte.

Ich bin kein guter Tröster.

»Ach Katja«, sagte er. »Das glaubst du doch selbst nicht. Dein Glück liegt ganz nah, Penelope, du siehst es nur nicht. Davon bin ich überzeugt.«

Katjas Augen füllten sich mit Tränen. »Du bist ein Dummkopf, Odysseus. Und ein Herzensbrecher. Das wusste ich sofort, als du an der Station aufgetaucht bist.«

Ich pfeif auf die Regeln, dachte Iwan, legte den Arm um Katjas Taille und zog sie an sich. Die Berührung ihres warmen Körpers erfüllte ihn mit einem überwältigenden Gefühl von Zärtlichkeit. Es fühlte sich immer noch genauso an wie früher, obwohl so viel Zeit vergangen war.

»Alles. Wird. Gut.«

»Du bist ein schöner Mann«, sagte Katja. »Und deine Tanja ist ein kluges Kind. Während alle anderen um dich herumscharwenzelten, war sie sich immer selbst genug. Genau so muss es sein. Und so hat sie dich auch gekriegt.« Katja wurde plötzlich ernst. »Eins sage ich dir: Wenn du Tanja betrügst, schneide ich dir höchstpersönlich die Eier ab. Mit dieser Schere hier. Haben wir uns verstanden?«

»Ja.«

Iwan drückte Katja fest an sich und spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich. Ihre festen Brüste verströmten Wärme. Iwan atmete durch. Frauen. Ihm schwindelte noch immer. Das rote Licht schmerzte in den Augen.

Ab in die Falle, dachte Iwan. Nur …

»Weißt du, ich habe heute …«, begann Iwan, als plötzlich Pascha wieder ins Zelt kam.

Ohne das überraschte Ex-Liebespaar eines Blickes zu würdigen, marschierte er zum Tisch, nahm das Bierfass, das noch immer dort stand, grummelte: »Sorry, hab ich vergessen«, und ging wieder hinaus.

»Scheiße.« Mehr fiel Iwan nicht ein, während er seinem davoneilenden Freund hinterherschaute.

Katja blickte auf, und als sie Iwans verdattertes Gesicht sah, fing sie plötzlich zu lachen an.

Iwan verließ die Sanitätsstation. Er nahm nur seine Tasche und das Sturmgewehr mit. Seine gesamte übrige Ausrüstung ließ er dort, zur Dekontamination. Iwan verzog das Gesicht. Die Tasche stank nach verbranntem Gummi.

Jetzt noch Wasser organisieren, waschen, das Gewehr reinigen und schlafen gehen. Obwohl, gleich schlafen gehen wäre noch besser.

Iwans Augen brannten, als hätte man ihm eine Handvoll Sand hineingeworfen. In seinem Kopf dröhnte die bleierne Schwere eines Kanaldeckels.

Aber halt, eine Sache noch.

»Pascha!«, rief Iwan und stutzte. Sein Freund war nicht mehr in der Nähe. Wahrscheinlich beleidigt.

»… In gewisser Weise ist das die Antwort auf das berühmte Dostojewski-Zitat: ›Weit ist der russische Mensch, weit! Ich hätte ihn enger gemacht.‹«

Iwan blieb stehen, als er die bekannte Stimme hörte.

Er schaute um die Ecke des Zelts. Neben einem künstlichen Tannenbaum, der mit selbst gebasteltem Baumschmuck und sogar einigen echten Glaskugeln behängt war, saß die Runde der Nachtschwärmer. Die Lichterkette am Baum brannte, die bunten LEDs brauchten wenig Strom, und für die Nachtschicht reichte das Licht völlig aus – zum Herumsitzen, Rauchen und Lesen. Wenn nötig auch zum Essen.

»Jetzt sind wir so weit. Wir haben unsere Welt verengt«, sagte ein korpulenter, älterer Mann mit struppigem schwarzem Bart. »Verengt auf diese jämmerliche Metro, auf – noch! – bewohnte Stationen. Und das bedeutet das Ende, meine Lieben. An der Oberfläche können wir nicht mehr leben, und ich fürchte, das wird auch so bleiben. Die sogenannten Digger haben den gefährlichsten Beruf bei uns, nach …«

»Nach den Elektrikern«, warf jemand aus der Dunkelheit ein.

»Völlig richtig«, pflichtete Wodjanik bei. »Nach den Elektrikern.«

Der Professor litt an Schlaflosigkeit, und deshalb wunderte sich Iwan nicht sonderlich darüber, ihn hier anzutreffen. Bei der Tanne hatte sich so eine Art nächtlicher Stammtisch etabliert, an dem sich alle trafen, die nicht schlafen konnten.

Kommt schon mal vor, dass es einen umtreibt. Man sollte eigentlich schlafen, aber die Seele kommt nicht zur Ruhe. Manche sind dann lieber für sich und gießen sich einen hinter die Binde, andere kommen zum Tannenbaum, erzählen sich gegenseitig Geschichten oder singen Lieder.

Sich mit Wodjanik zu unterhalten war übrigens immer ein Gewinn. Wenn man den Professor auf dem Weg zur Toilette traf, konnte es einem passieren, dass man unterwegs einen Universitätsabschluss erwarb. So scherzten die Leute, die ihn kannten.

Außerdem erzählte man sich über Wodjanik, dass seine Witze es durchaus mit einem kleinen Atomkrieg aufnehmen konnten, wegen ihrer verheerenden und unumkehrbaren Folgen. Der Professor konnte partout keine Witze erzählen, tat es jedoch mit großer Leidenschaft.

»Erzählen Sie von Saddam, Grigori Michailowitsch!«, bat einer.

Iwan konnte nicht erkennen, wer. Doch von Saddam dem Großen hatte Iwan schon gehört. Nun, eigentlich hatten alle schon von ihm gehört.

Ganz zu Anfang, als die Katastrophe passierte und die hermetischen Tore geschlossen wurden, fielen die Leute in eine Art Schockstarre. Wie Kaninchen im Lichtstrahl eines Autoscheinwerfers. Und dann begannen die Kaninchen, die Löffel abzugeben. Es stellte sich nämlich heraus, dass man die hermetischen Tore nicht öffnen konnte. Die Automatik war auf eine bestimmte Zeitspanne eingestellt. Dreißig Tage. Die Apokalypse hatte also doch begonnen. Die Radioaktivität an der Oberfläche war so hoch, dass man ein Grillhähnchen hätte braten können, indem man es unter dem Arm spazieren trug.

So brach das Unglück über die Menschen herein.

Onkel Jewpat erzählte, damals habe so ein großer Chef, so einer mit Mantel und Hut, mitten unter ihnen auf dem Bahnsteig gesessen. In den Händen hielt er eine Aktentasche, eine teure, aus braunem Leder. Dieser große Chef saß also einfach nur da und schwieg. Aus heiterem Himmel holte er eine Pistole aus seiner Aktentasche, steckte sie sich in den Mund und drückte ab. Blut, Gehirnmasse, alles spritzte herum. Die Leute saßen so dicht gedrängt, dass sie nicht ausweichen konnten. Alle, die in der Nähe waren, wurden besudelt.

»Und wie die Leute dann zu lachen anfingen«, erzählte Onkel Jewpat, »so ein schauderhaftes Gelächter hatte ich noch nie gehört. Stellt euch vor, da sitzt ein Mann mit halb weggeschossenem Kopf, der nicht einmal Platz zum Umfallen hat, und die fangen einfach zu lachen an. Völlig hysterisch natürlich. Situationskomik von der heftigen Sorte. Das Seltsame daran ist …«, erzählte Onkel Jewpat weiter. »Ich habe ja schon viele Leute sterben sehen. Aber an diesen Mann muss ich immer wieder denken. Er schien innerlich völlig ruhig und zappelte nicht herum. Er schaute nur ständig auf die Uhr. Wie ferngesteuert. Erst schaute er auf die Uhr, dann in die Richtung, wo sich das hermetische Tor befand – und saß wieder ruhig da. Ich frage mich die ganze Zeit, worauf er wohl gewartet hat? Hat er gehofft, das Ganze sei nur ein Übungsalarm? Da wäre er jedenfalls nicht der Einzige gewesen. Ich habe das auch gehofft.«

Nachdem die dreißig Tage vergangen waren, griffen Depression und Panik um sich. In allen Stadien, die auftreten, wenn man dem Patienten mitteilt, dass er todgeweiht ist. Anfangs wird noch die Diagnose angezweifelt, dann beginnt die Suche nach einem Ausweg, es folgen Wut, Verzweiflung und Tränen, bis das unausweichliche Ende schließlich akzeptiert wird.

Man öffnete von Hand den Notausgang und schickte zwei Freiwillige hinauf. Sie kamen nicht mehr zurück. Man schickte einen Fünfertrupp. Einer davon kam zurück und berichtete: Dort oben ist die Hölle, die Geigerzähler spielen verrückt. Dann starb er. An der Strahlenkrankheit. Ein Dosimeter, das man an den Leichnam hielt, zeigte haarsträubende Werte an. Das war der Punkt, an dem die Phase der Wut und Verzweiflung einsetzte.