Pitter, Beethoven und der liebe Gott - Bernhard Hoffmann - E-Book

Pitter, Beethoven und der liebe Gott E-Book

Bernhard Hoffmann

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Beschreibung

Französische Besatzungszeit im Trierer Land, preußische Zeit im Trierer Land, "Jahr ohne Sommer“, Zivilcourage, Humanität, pfiffiger Pitter trifft berühmte Persönlichkeiten: Mozart, Beethoven, Goethe, Rousseau, E.T.A.Hoffmann, A.v. Chamisso, M. Luther; Fragen nach Gott und Glauben, Fragen nach Sterben und Tod.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Pitter, Beethoven und der liebe Gott

Korlinger Geschichten Band III

1050-jähriges Jubiläum Korlingen

Über dieses Buch

Unter 32 novellistische Erzählungen, von denen viele historische Ereignisse aus der Zeit zwischen 1750 und 1816 widerspiegeln, finden sich im phantasievollen Spiel mit Ort, Zeit und Handlung Begegnungen zum Beispiel mit Mozart, Beethoven, Rousseau, Goethe oder Martin Luther. Eine tiefe Sicht auf das Allzumenschliche ist geprägt von der elementaren Suche nach dem 'richtigen' Grad der Mitmenschlichkeit oder dem 'wahren' Glauben und immer wieder nach dem Sinn des Lebens.

Der Autor

Bernhard Hoffmann, geb. 1951 in Völklingen/Saar war Lehrer, Fachleiter für Ev. Religion in Trier und zuletzt Dozent in den Bildungswissenschaften der Universität Trier. Er veröffentlichte seine ersten Bücher in den 1970er-Jahren (Bilder ohne Worte, 1974; Jens Mark, 1976; Schulterror, 1982) und schrieb danach Dramen (Ich, Heine!, UA: Max-Tuch-Theater Trier, R: Birgit Hoffmann, 2008). Seit 2020 schreibt er die Korlinger Geschichten, von denen hier der III. Band vorliegt.

Der Maler

Guillaume S. lebt als freischaffender Künstler im Taunus. Die Bilder im Buch stellen eine Auswahl aus ca. 800 „Porträts“ dar. (Originale: 16 x 12 cm)

Die Frage danach, wo wir selbst sind oder wo Gott ist, verschwimmt vor ...

(nach H.E. Jacob)

In den Texten finden sich vielfach authentische oder leicht angepasste historische Zitate der handelnden Personen oder Institutionen.

Die Bilder von Guillaume S. sind nicht als Porträts zu verstehen.

Inhalt

1. Auferstehung

2. Das Wunderkind (W.A.Mozart)

3. Der kleine Geiger

4. Die zerbrochene Scheibe (J.J.Rousseau)

5. Das tägliche Brot (Klemens Wenzeslaus)

6. Le dîner

7. Der ungeliebte Gast (J.W.Goethe)

8. Der Heilige Rock (Napoleon)

9. Der evangelische Wein

10. Herr Bach (J.S.Bach)

11. Valentin und

Valentin

12. Eroica (L.v. Beethoven)

13. Die Synagoge

14. Tatsachen

15. Der Schatten (A.v.Chamisso)

16. Große Enttäuschung

17. Der liebe Gott (J.J.Stammel)

18. Der Sandmann (E.T.A.Hoffmann)

19. Im Gefängnis

20. Das verlorene Paradies (J.J.Stammel)

21. Das Fieber

22. Courage

23. Große Not

24. Der hässliche Hund

25. Em feste Burg (M. Luther)

26. Brasilien

27. Der Wucherer

28. Pandora

29. Carls Tod

30. Der schwarze Gesell

31. Der Bote (Der Prophet Elias)

32. Offenbarung

1. Auferstehung

Vier Wochen vor Ostern kam der Pitter morgens nicht mehr aus dem Bett. Die ganze Nacht hatte er in ordentlicher Kälte auf dem Plumpsklo im Hof verbracht, Krämpfe schüttelten ihn, es trieb alles aus ihm heraus, dazu Kopfweh, sogar Schwindel. Die Katharina machte ihm kalte Wickel für den Kopf, für die Füße, warme für den Leib — der Pitter versank im Dämmer und nahm wenig mehr wahr. Eilig wurde der Arzt aus Irsch gerufen; der fand nichts, eine Verstimmung, geht vorüber. Na, du Schelm, auch das Leben geht vorüber.

Aber er fand eben nichts. Bis zu dreißig Mal am Tag hatte er heftige Koliken, dazu quälende Entleerungen mit grauwei-ßem bluthaltigem Schleim. Danach lag der Pitter apathisch im Bett, stierte an die Decke oder schlief. Die Katharina lief hierhin und dorthin und erfuhr, man nenne es Ruhr, der Tod sei wahrscheinlich; und anderswo hörte sie Cholera, der Tod sei sicher — was man eben so zu hören bekommt, wenn man die Leute um Rat fragt. Die alles auf die leichte Schulter nahmen, meinten lächelnd, das komme und gehe, Unkraut verginge nicht, man müsse warten. Und der Pitter versank in einen dauernden Fieberzustand, meistens ohne Bewusstsein.

Da kam der Nikla — aber der weinte bloß die ganze Zeit. Gottseidank, dass der Pitter da nur schlief. Beim Georg war er gar nicht ansprechbar, gut so, denn der berichtete minutiös den Tagesablauf vom Melken bis zum Einschließen des Federviehs. Aber was sollten die Freunde auch tun, sie waren ja selbst hilflos und ratlos und der Verzweiflung näher als der Zuversicht. So recht glaubte nämlich niemand mehr an ein Gesundwerden beim Pitter. Mager wurde er, die Beine schlotterten, wenn die Katharina ihn wusch. Das Aussehen: wie ein Totenschädel, die Wangen eingefallen, die Augen tief in den Höhlen, die Nase spitz herausragend, und bleich wie ein Leintuch war er, es war gar zu grauslich. Auf den Pitter setzte keiner mehr einen Heller. Die Katharina bestand darauf, dass er ms Krankenhaus nach Trier gebracht wurde; schon zwei Tage später brachte man ihn zurück, da sah er noch elender aus. Nichts gefunden. Himmelherrgott, wie oft ist das so: du hast etwas, nichts Eingebildetes, etwas Wirkliches, du spürst es doch — aber niemand findet es.

Jetzt trinkt er nicht einmal mehr den Tee mit Honig, er wendet sich ab; wenn er denn überhaupt noch bei Bewusstsein ist. Einmal fragt ihn die Marie: „Vater, musst du jetzt sterben?“ Er dreht den Kopf und formt mit den Lippen die Antwort und müht sich und versuchtes. Und endlich: „Und wenn schon ...“ Da rennt sie weinend raus, die Katharina rem und hört noch: „Da oben ist's auch nicht schlecht.“ Dann ist er wieder weg. Und was tuschelt die Eine im Dorf: das sei die Strafe für all die Sünden gegen den Abt und gegen die Kirche und die Obrigkeit; und überhaupt, der Pitter habe sowieso vor nichts eine Achtung, vor der Welt nicht und vor Gott auch nicht; das müsse jetzt sein.

So wird der Pfarrer gerufen. Der spricht vor sich hm, weil der Pitter scheinbar schläft: „Weißt du, dass die Leute erzählen, es sei die Strafe des Herrn für dem sündhaftes Verhalten. Aber Pitter, vergiss es, die Leute reimen sich die Dinge zusammen.“ Plötzlich legt sich die Hand vom Pitter schwer auf seinem Arm: „Gib mir den Segen Gottes und nicht das Geschwätz der Leute!“ Da muss der Pfarrer schmunzeln, streicht ihm zart über die nasse Stirn und flüstert: „Keine Sorge, Pitter, bei Gott ist das Recht.“ Dann salbt und segnet er ihn.

Am Gründonnerstag wacht er gar nicht mehr auf; am Karfreitag stöhnt er — so schrecklich, dass die Katharina die Kinder aus dem Haus schickt. Und blass und mager ist auch sie, sie hat mit ihm gehungert und lag schlaflos neben ihm in der Nacht. Am Samstag steht sie gar nicht auf, Knecht und Kinder wissen das Vieh zu versorgen; sie versucht mit dem Himmel einen Frieden zu schließen, dass der Herrgott ja wissen müsse, was er tue, und dass da ein Sinn drin liegen müsse, wenn der Pitter jeden Augenblick den allerletzten Atemzug täte. Aber ihr wisst ja, das sind so Gedanken, die kreisen nur um sich herum und kommen zu keinem Ende, jedenfalls zu keinem beruhigenden, und auch nicht zu einem überzeugenden. Denn der Pitter liegt wie tot, es geht in die fünfte Woche, da hat auch die Katharina keine Hoffnung mehr.

Da öffnet er die Augen, dreht den Kopf ... öffnet den Mund, fährt sich mit der Zunge über die Lippen — und der Blick, dieser Blick, ganz kurz nur auf den leeren Teller neben dem Bett — dann ist er wieder weg. Die Katharina springt auf und rennt in die Küche. Weshalb sie jetzt eine Hühnerbrühe kocht, weiß sie auch nicht, zumal das dauert ja, aber sie denkt nicht, sie kocht, legt Holz nach, schmecktab, Salz dazu, schnell noch Kräuter geholt, Holz, Feuer, der Geruch der Fleischbrühe. Die Kinder blicken sich nur an. Herrgott, jetzt fällt es ihr auf, es ist Karsamstag, kein Mensch darf Fleisch ..., und das Hühnchen war für den Sonntag gedacht. Aber da pfeift sie jetzt drauf, und fertig ist die Brühe, und flugs hinein ms Schlafzimmer. Da schaut sein matter Blick schon auf die Suppe. Sie richtet ihn auf, Löffel um Löffel, vorher ordentlich drüber geblasen und abgeschmeckt wie bei den Kindern. Und der Pitter nimmt fünf Löffel, mit Mühe schluckt er, die Augen geschlossen — dann sieht er sie dankbar an, sie weint. Da zuckt er und windet sich — Gott im Himmel, was habe ich getan! Er stirbt! Sie springt auf, rennt hm und her, bringt die warmen Leibbinden, und da schläft er schon wieder. Kein schöner Mittag, könnt ihr mir glauben, so halb oder ganz vorm Sterben. Die Katharina verliert den letzten Mut und schläft dicht neben ihm auf dem Bett ein.

Plötzlich spürt sie eine Hand auf ihrem Haar, es ist seine, sie ist sofort wach, sie rennt, Holz nachgelegt, die Suppe aufgewärmt, gebracht, wieder fünf Löffel — aber kein Blick, er sinkt zurück, stöhnt nochmal, dann ein Schrei, und ein Krampf durchläuft seinen ganzen Körper, es schüttelt ihn, er wirft den Kopf hin und her — und bleibt wie tot liegen. Und die Kinder kommen, weil sie es gehört haben. Und sie alle sehen den Vater da liegen, den Kopf überstreckt, den Mund halboffen — grauslich ist der Tod. Jedenfalls regt er sich nicht mehr, auch wenn er noch atmet; und der Herzschlag ist nur zu ahnen, wenn die Katharina ihren Kopf auf seine Brust legt.

Dann ist Ostersonntag, man müsste zur Messe; sie schickt die Kinder in die Kapelle, die Magd schaut mit verheultem Gesicht ms Zimmer und geht, der Knecht schlägt ein Kreuz und stampft hinaus. — Jetzt geht sie auch. Vielleicht kann sie für ihn beten ... Aber das hat sie Tag für Tag und in jeder Nachtstunde, in der sie wach lag, getan. Mit bitterem Gefühl geht sie zur Messe. Auf den Ritus und den Pfarrer, der von der Osterbotschaft spricht, achtet sie nicht, sie rechtet mit Gott. Dann ist die Messe zu Ende, der Segen wird gespendet, die Eine ruft das Amen besonders laut.

Da quietscht es in den Angeln: man weiß nicht, hält der Pitter die Tür oder hält sie ihn — er sinkt auf die letzte Bank im Hemd und ohne Schuhe. „Amen!“, sagt er leise in die atemlose Stille und sucht mit den Augen seine Katharina, die aufspringt und ihn auffängt, bevor er seitwärts in den Gang fällt. Das Leben ist ein Wunder, sag ich euch, was man vom Tod ja nun wirklich nicht behaupten kann.

2. Das Wunderkind

Krach!, da brach sie, ein Eisenring hatte sich auf der holprigen Strecke nach Trier vom Vorderrad gelöst, das Rad zersprang in seine Speichen, die Deichsel brach, die Kutsche neigte sich ... neigte sich ... und blieb schief auf der Seite liegen. Glücklicherweise war das Pferd brav und blieb stehen, der Kutscher rutschte vom Bock und sah nach den Insassen. Die plumpsten aus der geöffneten Tür, der feine Herr und obendrauf sein feines Söhnchen, lilafarbene Hose, Rock mit Goldborten. Dem Gepäck, vor allem dem mitgeführten Clavier, war nichts geschehen. Bauern kamen, um zu helfen. Sie sollten hinunter nach Korlingen zum Schmied Carl, der würde alles richten können.

So kamen also vorneweg ein wie ein Springball hüpfender und singender Junge ms Dorf, dahinter ein gesetzter, missmutig blickender Herr mit einem kleinen Geigenkasten, dahinter der Kutscher mit seinem Pferd. Alles kam gelaufen. „Ich bin Leopold Mozart aus Salzburg, und das ist der Wolfgang, mein Sohn, berühmter Klavierspieler und Komponist“, sagte der Vater in dem singenden österreichischen Dialekt, der alle zum Schmunzeln brachte. So feine Herrschaften kamen nicht oft, und so tuschelten sie und bestaunten Rock und Weste und Strümpfe und Schuhe. Der Wolfgang rannte beim Carl sofort an die Feuerstelle und drehte das rotglühende Eisen, dass die Funken flogen und er sich beinahe die Hände verbrannte. „Wolferl, lass das, willst dir die Finger verderben?“, rief der Vater verärgert. Aber der Junge rannte mit seinen feinen Sachen wie narrisch zwischen all dem Eisen und den Kohlen herum und fasste dies und das an und trällerte vor sich hm. „Was ist das? — und was ist das? — und wozu ist das?“ So ging das hm und her zwischen dem Carl und dem Wolfgang, „Wie siehst überhaupt aus, du bist ja voller Kohle!“, schimpfte Leopold Mozart, während der Kutscher mit Carl die Lage besprach; vom Weiterreisen konnte keine Rede sein, Rad, Deichsel erneuert, das dauerte. „Acht auf die Händ, Bub! Herrgott, rostrot und verdreckt, willst gar noch eine Verletzung riskieren?“ So jagte der Alte den Sohn aus der Schmiede, während alle lachten über diesen Saubermann, und die Kinder sich gegenseitig mit „Wolferl, Wolferl“ neckten und ihre schmutzigen Finger zeigten.

„Ihr könnt bei uns bleiben, es ist aber bloß ein Zimmer“, schlug der Pitter vor. Was sollte Leopold Mozart da anderes tun, als dem großzügigen Angebot zu folgen, denn Geld für eine Pension in Trier hatte er kaum. „Wasch dir die Hände und üb!“, rief er seinem Sohn hinterher. Der spielte dann im Hof die Geige und traf für die umstehenden Kinder genau den Ton: erst mit wunderschönen Melodien, dann schnell über die Saiten huschend wie ein Teufelsgeiger, hoch und runter, dann Tänze, zu denen sich unwillkürlich alle im Kreis drehten und tanzten.

Der Pitter nickte anerkennend mit dem Kopf: „Emen tollen Sohn habt ihr da.“ — „Em Wunderkind, er spielt vor Fürsten und Königen und komponiert bereits. Gerade kommen wir über München von Frankfurt und wollen nach Paris.“ Jetzt spielt der Wolfgang langsam, ein Hauch nur von Tönen, und alle schweigen mit offenem Mund und schauen mit schiefem Kopf auf dieses siebenjährige Kind, das sie verzaubert mit seinem beseelten Geigenspiel, den klagenden Tönen — und da, plötzlich ein harter Strich und Polka! Jetzt ist das Geschrei groß und alle tanzen wieder.

Drinnen erzählte Leopold von ihrer großen Reise und all den Unannehmlichkeiten der rumpelnden Fahrten, von all den Entwürdigungen: „Wir sind fahrendes Volk, abhängig vom Wohlwollen der Großen, angewiesen auf ihre Gunst und viel Glück, von Witterung und Gesundheit gar nicht zu sprechen, und unser Lohn ist gering.“

Inzwischen war auch das Clavier heruntergebracht und Wolfgang eilte durch seine Sonaten, dass es nur so sprudelte und perlte. „Aber ein solches Kind muss einen doch auch stolz machen“, sagte der Pitter. “Natürlich, das sind wir. Und ich will der Welt das Wunder vorfuhren, das Gott in Salzburg hat entstehen lassen.“, erwiderte der Alte. „Aber ist das nicht zu viel, es ist doch noch ein Kind?“, fragte die Katharina. „Jeder nach seinem Talent“, gab der Vater da tonlos zur Antwort.

Draußen spielen die Kinder Fangen. Doch plötzlich kommt Wolfgang hereingeschossen und weint: „Kompomist“ haben sie ihn geschimpft, eine blutende Schramme hat er an der Wange, die Kleidung ist verschmutzt, dreckverschmiert die weißen Strümpfe, er hat sich mit zwei Buben geschlagen. Liebevoll tröstet der Vater seinen Sohn. Der Pitter nimmt sich die Jungen vor, aber so ist das eben unter Kindern, und im Dorf regt sich da keiner auf. „Was ist denn der mehr wert als wir?“, brüllt einer; da war schon eine Ahnung der französischen Revolution mit ihrer liberté und égalité. „Er ist nicht mehr wert“, erwidert Pitter, „aber er hat etwas, das wir nicht haben und nicht können. Das gilt es zu behüten. Also Finger weg!“

Der Wolfgang ließ sich auch nicht beirren, war wieder gut Freund und spielte mit ihnen am nächsten Morgen und zeigte ihnen beim Üben auf dem Clavier seine Kunst. Da wurden auch die letzten Krakeeler und Raubeine zu ganz andächtigen Zuhörern, und vor allem die Mädchen kamen gar nicht mehr von ihm los, wenn er sie anlachte und gickelte wie ein Hahn. „Er hat ein gewinnendes Wesen, die Herzen fliegen ihm zu“, meinte die Katharina. „In Wien ist er der Kaiserin auf den Schoß gesprungen, hat sie um den Hals gefasst und ordentlich abgeküsst. Alle Damen sind in den Buben verliebt“, freute sich der alte Mozart.

Da merkten sie, dass das Spiel aufgehört hatte, der Wolferl war weg. Wo wohl? Draußen im Hof, in der Scheune, in den Ställen, im Dorf, auf den Feldern, im Wald. Seme Wangen glühten, er lachte und scherzte und war glücklich in der Natur. Seufzend ließ ihn der Vater gewähren, schon morgen wäre die Kutsche gerichtet, und es ging auf die lange beschwerliche Reise nach Paris, wobei man nicht wusste, ob sie erfolgreich sein würde oder nicht.

3. Der kleine Geiger

Die Violine klang mal näher, mal weiter, da musste einer im Dorf mal hier, mal dort spielen. Dem Pitter klangen die Töne wie Himmelsmusik, ein Stück Sehnsucht, eine Ahnung des Mehr als das alljährliche Säen und Ernten. Da war irgendwo eine andere Welt, die man nicht kannte, eine andere auch als die der berühmten Cäsaren und Könige, eine im Luftreich, die einen warm anrührte, die heiter oder aber melancholisch machen konnte. Schon bei den Kirchenliedern mit der Orgel in Irsch empfand er dieses Andere und doch allzu Vertraute, das direkt ms Herz ging.

Aber jetzt stand der, der die Violine gespielt hatte, direkt vor ihm, legte das Instrument an das Kinn und spielte. Herrje, wie schnell die Kinder gelaufen kamen, der Martin, die Mia und die Pia. Jetzt spielte er eine heitere Melodie, zu der die Kinder sich fassten und im Kreis tanzten; bloß der Valentin stand, hörte und hielt den Mund offen, als könne er dann besser hören. Dazu schaute der Spieler immer nur den Pitter an, ein bittender Blick. Ja, was wollte der Mensch? Geld? Eine warme Mahlzeit? Um Gottes willen, etwa mehr? Es waren die Tage vor Weihnachten, alle hatten die Hände voll zu tun, zu backen, zu kochen, vorzubereiten für die schönste Zeit des Jahres. Und dazu all die Heimlichkeiten mit den harmlosen kleinen Geschenken, die zu machen und zu verstecken waren. Der Baum musste heimlich in die gute Stube, die Apfel rot glasiert werden, die Nüsse vergoldet werden, alles spät in der Nacht, wenn die Kinder schliefen; das Christkind ließ sich nicht auf die Arbeit schauen.

Ob er ein Nachtquartier haben könne, stottert der kleine Mann, der durch ganz Korlingen gegangen war und gefiedelt hatte; keiner wollte ihn aufnehmen. In Trier hätten sie ihn satt, da hätte er zuletzt bei den Tieren im Stall geschlafen, die feinen Herrschaften hätten zu Weihnachten ganze Orchester bestellt und sowieso das ganze Haus voll. Da sei jetzt kein Platz mehr für ihn. Der Pitter überlegt nicht lange, fragt noch die Katharina; die meint, für eine Nacht, natürlich. So steigt der Musikus mit seinem schäbigen Geigenkasten auf den Dachboden, gefolgt vom Valentin, und kommt abends in die Küche und spielt von Bach, Händel, Mozart vor, was er an Noten dabeihat, erfindet dann auch eigene Melodien, die aber immer so traurig enden, dass alle vorgeben, jetzt schlafen gehen zu müssen. Und am nächsten Morgen ist da kein Zeichen von Aufbruch, der kleine Mann hockt in der Küche und verschwindet, bevor ihn jemand erinnern kann, dass er jetzt eigentlich gehen könnte. Ein raffiniertes Spiel. Na, die Abendmusik zieht auch die Nachbarn an, und da lebt er auf und spielt mit Freude ... bis er seine eigenen Melodien wieder anfängt.

So ging das zwei Tage, was glaubt ihr, wer wollte den rauswerfen, obwohl er wie ein grauer Geist mal da saß, mal da — und nichts tat? Er hinderte ja auch nicht durch sein Tun, sondern einfach deswegen, weil er da war, da stand, da saß. Und selbst wenn er nicht da war, wusste man, gleich ist er wieder da und steht, sitzt, kauert, lauert, schaut, gafft, grinst, lacht wie em fremder Kobold, den man bekommen hat und nicht mehr loswerden kann. Und das in den letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest, alle wollten eigentlich glücklich sein. Und immer störte der.