Planet 9 - Band 1: Nagar - Marcus Knuth - E-Book

Planet 9 - Band 1: Nagar E-Book

Marcus Knuth

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

4,5 Milliarden Jahre vor unserer Zeitrechnung ver-schlägt es den Pilotenanwärter Nagar vom Planeten Ubuun in eine fremde Galaxie, wo er fern der Heimat auf sich allein gestellt in einem unbewohnten System Leben injiziert und auf die Entstehung der Menschheit wartet, während er mit seinem schweren Kampfjäger "Amun" und den darin befindlichen künstlichen Intelligenzen seine neue Heimat in einer Reihe von Abenteuern vor Schaden bewahrt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 691

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Marcus Knuth

Planet 9

Band 1: Nagar

© 2019 Marcus Knuth

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-5015-3

Hardcover:

978-3-7497-5016-0

e-Book:

978-3-7497-5017-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Habt keine Angst!

Er war schon immer da und

er wird nicht wieder gehen!“

Flucht

Nagar saß in seiner Kanzel und beobachtete die Schlacht.

Von den 180 Kampfdrohnen des schweren Kampfjägers waren mittlerweile nur noch 87 übriggeblieben. Die vollautonomen Geschütze und Abwehrbatterien trommelten Salve auf Salve, und 93 Drohnen hatten sich schützend und selbstvernichtend zwischen Schiff und Angreifer geworfen. Der Feind war technisch nicht auf Augenhöhe mit dem Kampfjäger, konnte jedoch unter hohen Verlusten Boden gut machen und es war nur eine Frage der Zeit, bis alle Drohnen vernichtet sein würden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Jäger mehr als 387 gegnerische Schiffe erfolgreich bekämpfen können, und auch der zweite Jäger konnte den Überfall bisher erfolgreich abwehren, jedoch waren bei ihm schon drei Viertel aller Kampfdrohnen aufgebraucht. Der zweite Jäger war ohne Pilot, und Nagar fühlte sich allein und ziemlich hilflos. Beide Jäger wurden von künstlichen Intelligenzen an Bord der beiden schweren Kampfjäger gesteuert und ebenso wie die ausgesetzten Drohnen koordiniert.

Der Pilotensitz im Kommandoraum war nun von einer Kugel umschlossen, die vollständig mit Flüssigkeit gefüllt war. Die Rettungsintelligenz hatte diese Maßnahme prophylaktisch ergriffen, nachdem das Kollektiv aller Intelligenzen nach den ersten Feuerwechseln die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Abwehr des gesamten Angriffs auf weit unter 1 % bestimmt hatte. Nagar hatte entschieden, die Schlacht so lange fortzusetzen, wie es nur ging, um möglichst viele feindliche Schiffe unschädlich zu machen. Eigentlich hätte er gar nicht an Bord sein sollen. Die Patrouillen wurden von autonomen Kampfjägern geflogen. Diese hätten ohne zu zögern bis zur vollständigen Zerstörung gekämpft. Da jedoch Nagar an Bord war, hatten die künstlichen Intelligenzen der beiden Schiffe eine andere Strategie angewendet. Sie waren nicht so konsequent vorgegangen, wie wenn Nagar nicht an Bord gewesen wäre, und hatten ihre Strategie auf ein möglichst langes Überleben des Piloten ausgerichtet statt auf die größtmögliche Zerstörung gegnerischer Schiffe. Sie bekämpften die Angreifer fliehend und es wurde bald klar, dass der Feind – trotz weniger wirksamer Bewaffnung und allgemein technisch unterlegenem Standard – dennoch über schnellere Schiffe verfügte. Die Rettungs-KI bereitete einen Fluchtsprung durch den Hyperraum vor. Im Falle der Vernichtung des zweiten Schiffs würde Nagars Kampfjäger seine Drohnen zurücklassen und mit ihm den Sprung ausführen.

Fluchtsprung durch den Hyperraum – Nagar erschauerte, wenn er daran dachte. Der Fluchtsprung war in jeder Schlacht die letzte Rettung und bedeutete eine sofortige Versetzung an einen nicht vorhersehbaren Ort irgendwo im Universum. Die meisten Fluchtsprünge endeten relativ nah am Ausgangspunkt der Flucht – über 98 % in einer Distanz zwischen fünf und zehn Lichtjahren. Knapp 2 % der Fluchtsprünge jedoch hatten einen Radius von mehr als zehn und bis zu hundert Lichtjahren.

Etwa jeder zehntausendste Fluchtsprung führte ins Nichts - man hörte und sah nie wieder etwas von den Piloten oder den Schiffen. Fast immer aber bedeutete der Fluchtsprung die sicherere Rettung, sodass man das geringe Risiko im Falle einer drohenden Vernichtung billigend in Kauf nahm. Jedes Schiff mit Fluchtsprung-Möglichkeit hatte technisch bedingt mindestens die Größe eines schweren Jägers. Früher wurden schwere Jäger jeweils von zehn Mann starken Crews bedient, aber nach und nach waren die Funktionen der Mannschaft von den künstlichen Intelligenzen übernommen worden. Der schwere Kampfjäger, in dem Nagar sich befand, war eine umgerüstete Version aus der vierten Generation. In ihm gab es noch die Mannschaftsquartiere, die große Kommandozentrale, zwei Fähren, fünf Rettungskapseln, einen Operationsraum und alles, was eine zehn Mann starke Mannschaft zum Überleben brauchte. Ein Konstruktionsroboter, Vorräte für zwei Jahre, leistungsstarke Sender und Aufklärungsdrohnen, eine Siedlungsausrüstung, ein Labor, Hydroschlafkammern - es war an alles gedacht. Schwere Kampfjäger waren über dreihundert Meter lang. In der fast fünfzehntausendjährigen Raumfahrtgeschichte der Ubuun hatte sich diese Schiffsklasse als wahrer Tausendsassa erwiesen.

Nagar hatte den Vorschlag der künstlichen Intelligenzen zur sofortigen Flucht abgelehnt. Zu diesem Zeitpunkt konnten zufällige Wirkungstreffer nicht mehr ausgeschlossen werden. Die künstlichen Intelligenzen hatten eine Wahrscheinlichkeit von 1,2 % errechnet und die Zahl stieg langsam, aber stetig. Nagar hatte entschieden, den Fluchtsprung zu wagen, sobald die Wahrscheinlichkeit 5 % erreichen würde. In Gedanken versunken saß er in seinem Sitz und beobachtete den Anstieg. Die Navigations-KI hatte den Wert mittlerweile überdimensional in der Mitte der Anzeigen platziert und Nagars Eindruck war, dass sie ihn damit zum Sprung ermutigen wollte. Man hatte bei der Entwicklung künstlicher Intelligenzen ganz gezielt jegliche Art von Emotionen ausgeschlossen, aber immer noch waren sich die Wissenschaftler nicht einig über die Frage, ob sie nicht vielleicht doch etwas fühlten.

1,8 %

Nagar fragte sich, ob die künstlichen Intelligenzen wohl manchmal so etwas wie Angst hatten. Noch nie war bei einer künstlichen Intelligenz eine Emotion beobachtet worden, und natürlich wurde bei ihren Maßnahmen auch die Psychologie der Ubuun berücksichtigt, aber Piloten und Kommandeure berichteten immer wieder über logische Entscheidungen, die für einen Ubuun nicht nachvollziehbar waren. Es gab eine sehr lebhafte wissenschaftliche Diskussion zu diesem Thema. Nagar schaute auf die Stelle in der Wand, hinter welcher die Navigations-KI verbaut war. Sie übernahm nebenbei die Steuerung aller Anzeigen und gab die Eingaben des Piloten an andere KIs weiter. Er fragte sich, ob die Navigations-KI die Wahrscheinlichkeit anders anzeigen würde als sie von der strategischen KI berechnet worden war. Oder berichtete ihm die strategische KI etwa einen höheren Wert, als sie eigentlich errechnet hatte? Würde sie dies aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus tun? Oder um ihn – Nagar – zu schützen? Wäre eine künstliche Intelligenz dazu in der Lage?

Ein gleißend heller Blitz riss ihn aus seinen Gedanken. Ein feindliches Schiff konnte nur kurz vor dem Jäger abgefangen werden. Nagar hörte die Kollision mit einigen kleineren Trümmerstücken. Er sah auf die Anzeige.

3,9 %

Nagar zuckte zusammen. Er überlegte, ob er die Grenze, an der die Flucht einsetzen sollte, noch etwas nach oben verschieben sollte. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit relativ gering war – es blieb eine Restgefahr, dass er und sein Schiff irgendwo im Universum landen würden, auf Nimmerwiedersehen. Insgesamt waren 243 Fälle bekannt, in denen der Fluchtsprung zu diesem Ergebnis geführt hatte. Er fragte sich, was wohl aus den Piloten geworden war. Lebten sie noch oder waren sie vom übergeordneten Raum absorbiert worden?

Die Anzahl der Kampfdrohnen war auf 39 gesunken. Das andere Schiff hatte nur noch 28.

4,7 %

Gleich würde es so weit sein. Nagar war nervös und angespannt. Er war noch nie zuvor nervös gewesen. Er hatte auch keine Angst gekannt. Jetzt aber, in diesem Moment, hatte er Angst. Große Angst. Eigentlich unbegründet, sagte er sich, fast verwundert. Und dennoch war sie da.

4,9 %

Nagar starrte auf die Zahl. Er hörte, wie die Maschinen hochliefen und sich auf den Sprung vorbereiteten. Er würde bewusstlos werden. Je größer die Distanz, die beim Sprung überwunden würde, desto länger würde die Bewusstlosigkeit andauern. Aufgabe der künstlichen Intelligenzen war es, dafür zu sorgen, dass das Schiff in der neuen Umgebung einen sicheren Kurs wählen und, falls nötig, nochmals springen würde.

Die Anzeige erreichte 5 %, aber Nagar konnte das schon nicht mehr sehen. Noch bevor das Licht der Anzeige sein Bewusstsein erreichte, hatte die Fluchtsprungautomatik ausgelöst und das Schiff entglitt dem Normalraum. Nagar fühlte für einen sehr kurzen Augenblick einen nie gekannten Schmerz und erwartete eine Explosion des Schiffs – dann wurde es schwarz um ihn.

Ankunft

Nur die Rettungs-KI war bei vollem Bewusstsein, als das Schiff zurück in das normale Universum stürzte. Alle anderen künstlichen Intelligenzen hatten aufgrund ihrer biologischen Anteile genau wie Nagar das Bewusstsein verloren. Die Rettungs-KI übernahm sofort die Steuerung, stellte alle Kampfdirektiven ein und überführte das Schiff in einen ruhigen Kurs. Sie vergewisserte sich, dass ihm keine Gefahr drohte, und orderte dann den Medibot an. Gleichzeitig gab sie den Befehl zum Abpumpen der Anti-G-Flüssigkeit aus der Kugel, in der sich Nagar befand. Bis der Medibot Nagar erreicht hätte, würde die Kugel bereits wieder im Boden verschwunden sein.

Die Rettungs-KI ermittelte die Sprungzeit. Das Ergebnis war so unwahrscheinlich, dass sie die Ermittlung noch ein weiteres Mal durchführte, doch das Ergebnis war das gleiche. Eine zweifache Fehlmessung war ausgeschlossen, also musste der ermittelte Wert korrekt sein. Aus der Sprungzeit errechnete die Rettungs-KI die Distanz, die mit dem Fluchtsprung zurückgelegt wurde. Die dafür vorgesehenen Berechnungen ergaben keinen Wert. Eine Berechnungsvorschrift für eine so hohe Sprungzeit gab es nicht, da noch nie jemand mit einer so hohen Sprungzeit zurückgekehrt war. Die Rettungs-KI wartete ungeduldig auf das Erwachen der Navigations-KI. Wenn jemand ermitteln konnte, wo sich das Schiff befand, dann war sie es. Laut Sprungzeit würden unerträglich lange 580 Millisekunden vergehen, bis die Navigations-KI erste Zeichen des Erwachens zeigen würde. Die Rettungs-KI fühlte sich verlassen. Seit der Ankunft im Normalraum waren bereits 290 Millisekunden vergangen.

Die Navigations-KI wachte als erste künstliche Intelligenz mit biologischem Anteil wieder auf. Sie war etwas benommen, doch das legte sich recht schnell wieder. Sie registrierte eine Stimme, konnte aber erst keine Worte identifizieren. Dann: Erst ganz leise, dann immer lauter formten sich die unverständlichen Silben zu Sätzen.

„…. zu ermitteln. Hallo Naki? Wach? Wir brauchen den exakten Standort. Aus der Sprungzeit ist nicht einmal die Distanz zu ermitteln. Hallo Naki? Wach? Wir brauchen den exakten …“

Die Navigations-KI diagnostizierte ihren Gesamtzustand und stellte volle Bereitschaft fest. Der biologische Anteil meldete einen leichten Schmerz.

„Ja, ich bin wach“, gab sie zurück, und augenblicklich hörte die Fragerei auf. Mittlerweile hatte die Navigations-KI erkannt, dass die Rettungs-KI zu ihr sprach.

„Kannst du mir sagen, wo wir sind?“

„Gleich, einen kleinen Moment noch.“

Die Navigations-KI schaltete alle Antennen und Sensoren in den Abtastmodus höchster Empfindlichkeit und bekam die ersten Daten zugespielt, während sie sich zum Vergleich alle bekannten Sternenkonstellationen aus dem Speicher anforderte. Die Langstreckengravitationssensoren hatten alle Planetensysteme in ihrer Reichweite vermessen und kartographiert. Die optischen Sensoren hatten ihre Daten dazu ergänzt, und alles zusammen wurde bereits mit bekannten Sternenkonstellationen abgeglichen. Alle Kommunikationssensoren meldeten Funkstille. Alle anderen Sensoren waren ebenfalls nicht in der Lage, Anzeichen der heimischen Zivilisation aufzuspüren. Es wurde überhaupt gar nichts empfangen. GAR NICHTS! Der biologische Anteil in der Navigations-KI sorgte für ein ungutes Gefühl. Die heimische Galaxie war bereits vollkommen vermessen und kartographiert, auch alle vorhandenen Signalfeuer und Relaisstationen wären zu finden gewesen. Wenn nun „gar nichts“ empfangen wurde, nicht einmal ein Leuchtfeuer oder das Bereitschaftssignal einer Relaisstation, konnte dies nur bedeuten, dass man sich nicht mehr in der heimischen Galaxie befand.

„Wie lange sind wir denn gesprungen?“, wollte die Navigations-KI wissen.

Die Kampfleit-KI mischte sich ein: „Hallo, ist alles gut gegangen mit dem Fluchtsprung? Was macht der Pilot?“

„Ja, alles gut“, antwortete die Rettungs-KI, „Sieht aus, als sei das Schiff okay. Der Pilot ist ohnmächtig und wird versorgt. Der zweite Jäger wurde kurz vor unserem Sprung vernichtet.“

„Wie lange sind wir denn aber nun gesprungen? Bitte!“, drängelte die Navigations-KI.

Die Antwort ließ etwas auf sich warten. Endlich meldete die Rettungs-KI sich wieder.

„Der Sprung hat 2498 Millisekunden gedauert.“

„Das ist doch nicht wahr! Wie weit sind wir denn dann gesprungen?“, fragte die Navigations-KI, während die Kampfleit-KI leise stöhnte.

„Das konnte ich nicht ermitteln. Normalerweise dauern Fluchtsprünge nicht mehr als 0,1 Millisekunden“, antwortete die Rettungs-KI, und man konnte deutlich die Besorgnis in ihrer Stimme hören.

In diesem Moment lag das Vergleichsergebnis vor: Der Standort des Schiffs war unbekannt. Kein Ubuun war je zuvor an einem Ort gewesen, der in der Reichweite der Abtaster und Sensoren lag. Die Navigations-KI überlegte, wie sie dieses Ergebnis den anderen KIs am schonendsten beibringen könnte. Am Ende sah sie jedoch ein, dass es sinnlos wäre, um den heißen Brei herum zu reden.

„Ich kann nicht ermitteln, wo wir sind“, gab sie also unumwunden zu.

Wieder hörte man die Kampfleit-KI leise aufstöhnen. Von der Rettungs-KI waren für einige lange Millisekunden keine Geräusche zu vernehmen. Dann sprach sie, und die Navigations-KI glaubte, ein Zittern in der Stimme zu hören.

„Ich habe es mir fast gedacht. Die Sprungdauer war so unnatürlich lang. Ich weiß nicht einmal, wie lange der Pilot jetzt bewusstlos sein wird. Bereiten wir uns darauf vor, dass unser Schiff in Zukunft allein unterwegs sein wird und wir unsere Heimat und die Kollektivintelligenz auf Ubuun niemals wiedersehen werden.“

Eine Weile sagte niemand etwas. Nach und nach meldeten sich dann auch die anderen künstlichen Intelligenzen zurück. Ihnen wurde der aktuelle Stand der Erkenntnisse mitgeteilt, anschließend trat Schweigen ein. Langes Schweigen. Sie warteten auf das Erwachen des Piloten und auf seine Anweisungen. Niemand wusste, wie lange das dauern würde, denn dafür lagen keine Erfahrungswerte vor. Der schwere Kampfjäger lag ruhig und unbeleuchtet im leeren Raum. Ohne Aufforderung und ohne Kommentar feuerte die Strategie-KI Aufklärungssonden ab, um ein nahegelegenes Sonnensystem zu erforschen. Nachdem die Sonden abgeschossen waren, wurde es ruhig im Schiff. Seit dem Wiedereintritt in den Normalraum waren 15 Sekunden vergangen, der Medibot hatte mittlerweile Nagar erreicht, ihn untersucht und sich abgeschaltet, nachdem er keine Verletzungen festgestellt hatte. Alle Maschinen liefen im Sparbetrieb, und im ganzen Schiff waren keine Geräusche mehr wahrnehmbar – mit Ausnahme der gleichmäßigen Atemzüge des ohnmächtigen Piloten Nagar in der Kommandozentrale, auf dessen Erwachen die künstlichen Intelligenzen nun warteten.

Sie würden sechs lange Monate warten müssen – eine Ewigkeit für künstliche Intelligenzen.

Erwachen

Sechs Monate lang lag das Schiff ruhig im Raum, bis die ausgesandten Sonden endlich mit den gemessenen Daten zurückkehrten. Die Auswertung ergab: Neun Planeten umkreisten eine kleine Sonne, und auf keinem von ihnen war Leben zu finden. In der ganzen Galaxie konnte kein Zeichen von Leben festgestellt werden. Das einzige Lebewesen befand sich also bewusstlos in einem Schiff im leeren Raum in einer Galaxie ohne messbare Zeichen von intelligenten Zivilisationen.

Die künstlichen Intelligenzen an Bord hatten in diesen sechs Monaten immer wieder darüber diskutiert, was zu tun sei, falls der Pilot nicht aufwachen würde. Einige hatten sich dafür ausgesprochen, solange Fluchtsprünge auszuführen, bis es erneut einen Fehlsprung geben würde, der das Schiff in die Nähe der heimischen Zivilisation beförderte. Andere hatten sich gegen diesen Vorschlag ausgesprochen, weil man sich auf diese Weise vielleicht noch weiter vom Heimatsystem entfernen würde. Ein anderer Vorschlag war, der Medibot könnte dem Piloten aufputschende Mittel injizieren, wonach dieser vielleicht aus seiner tiefen Bewusstlosigkeit aufwachen würde. Aber auch hier gab es Für- und Widersprecher, denn die Protokolle für den Gesundheitserhalt von Ubuun sahen keine Eingriffe im Falle einer Bewusstlosigkeit vor, wenn keine unmittelbare Gefahr bestand, welche die künstlichen Intelligenzen nicht alleine beheben konnten. Dort, wo sie sich jetzt befanden, bestand keine Gefahr – da war einfach nichts.

Die Rettungs-KI bemerkte zuerst, dass sich der relativ gleichmäßige Puls des Piloten erhöht hatte. Gespannt verfolgte sie die Messungen und beobachtete Nagar auf seinem Pilotensitz. Seit sechs Monaten hatte dieser sich nicht bewegt. Nun drehte er ganz leicht den Kopf. Der Mittelfinger einer Hand zuckte kurz. Die Rettungs-KI war aufgeregt und teilte die Beobachtung sofort den anderen KIs mit. Der Pilot regte sich wieder! Euphorische Stimmung verbreitete sich unter den künstlichen Intelligenzen im Schiff. Man würde vielleicht bald wieder einen Piloten haben und dieser würde schon wissen, was zu tun war.

Nagar kam nur langsam wieder zu Bewusstsein. Jede Faser seines Körpers schmerzte, und in seinem Kopf zuckten noch die Eindrücke des Sprungs. Für ihn schien seit dem Fluchtsprung keine Sekunde vergangen zu sein. Er öffnete langsam die Augen und erkannte, dass die Kugel mit der Anti-G-Flüssigkeit eingefahren worden war und neben ihm ein Medibot stand. Nagar wollte sich aufrichten, aber er bemerkte sofort, dass ihn jede Bewegung ungewöhnlich viel Kraft kostete. Er wusste noch nicht, dass seine Muskeln sechs Monate lang nicht beansprucht worden waren.

Er blickte auf die Navigationsschirme, doch diese waren dunkel. Das Schiff befand sich im Ruhemodus.

„Kampfbereitschaft!“, ordnete er an. Auch das Sprechen fiel ihm schwer.

Die Anzeigen leuchteten auf, Antennen und Sensoren fuhren ein, Geschützkuppeln fuhren aus, Reaktoren schalteten auf volle Leistung und ein leichtes Flimmern deutete den überschweren Schutzschirm an, der sich um das Schiff gelegt hatte. Drohend lag der schwere Kampfjäger der Ubuun im Raum und lauerte auf Feinde.

Als Nagar sich einen Überblick verschafft und begriffen hatte, dass es niemanden zu bekämpfen gab, versetzte er das Schiff zurück in den Normalzustand und sah dann auf die Navigation. Er zuckte zusammen. Sein Blick fiel auf den Bordkalender und er machte große Augen. Panik stieg in ihm auf. Er schloss die Augen, wartete kurz und öffnete sie erneut, aber der Kalender zeigte ihm unverändert an, dass sechs Monate vergangen waren. Auf den Anzeigen der Navigation leuchtete ein nahegelegenes Sonnensystem sowie die Anzeige „Unbekannte Galaxie / Unbekanntes System / Unbekannte Position“ auf.

Nagar sank in seinen Sessel zurück. Nun war ihm klar, warum ihn jede Bewegung so viel Kraft kostete. Sechs Monate lang war er bewusstlos gewesen und hatte sich nicht gerührt. Der Fluchtsprung war schiefgegangen. Er befand sich irgendwo im Universum und selbst die hochentwickelten Systeme des Schiffs konnten ihm nicht sagen, wo genau er sich befand und wie er wieder in seine Heimat zurückgelangen konnte.

Nagar seufze tief und lange. Würde er Ubuun jemals wiedersehen? Nagar hatte eine Frau und zwei Söhne. Er fragte sich, ob es daheim schon eine Beerdigung für ihn gegeben hatte. Bei fehlgeschlagenen Fluchtsprüngen wurden die Piloten für gewöhnlich für tot erklärt, symbolisch beerdigt und es gab eine ausgedehnte Trauerfeier. Aus seinem persönlichen Speicher forderte er Videos seiner Familie an. Er betrachtete das Bild seiner lächelnden Frau und stellte sie sich in den typischen roten Gewändern vor, mit denen die Ubuun ihre Trauer ausdrückten. Eine Träne kullerte über seine Wange.

Nagar verharrte noch eine weitere Stunde im Pilotensessel. Er hatte sich Essen und Trinken aus der Versorgungsstation bringen lassen, ausführlich gespeist und dabei die Erkenntnisse der Aufklärungssonden studiert. Der Medibot hatte ihm ein muskelaufbauendes Präparat injiziert. Mittlerweile fühlte Nagar sich schon wieder recht fit und konnte sich fast normal bewegen.

Er hatte die ganze Zeit überlegt, was er nun tun könnte. Er war verschiedene Szenarien durchgegangen. Wie zuvor den künstlichen Intelligenzen war auch ihm die Idee gekommen, solange Fluchtsprünge durchzuführen, bis man wieder in der heimischen Galaxie ankommen würde. Die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg dieser Vorgehensweise konnte jedoch von den künstlichen Intelligenzen nicht berechnet werden, und so hatte er die Idee wieder verworfen. Er hatte überlegt, ob er die Galaxie, in der er sich befand, näher erforschen sollte. Auch diesen Plan hatte er schnell wieder aufgegeben. Die Ubuun hatten Jahrtausende benötigt, um die heimische Galaxie zu erforschen, und diese war wesentlich kleiner als die Galaxie, in der er sich jetzt befand, und Nagar war nur ein Ubuun in nur einem Schiff.

Am Ende gab es eigentlich nur einen einzigen sinnvollen Weg: Er würde sich in dieser Galaxie als einziger Vertreter seiner Art einrichten müssen und vermutlich auf ewig keinen Ubuun mehr wiedersehen.

Nagar vertiefte sich noch einmal in die Daten des nahegelegenen Systems. Eine recht kleine gelbe Sonne mit neun Planeten. Drei der Planeten befanden sich in einer günstigen Siedlungslage innerhalb des Systems. Der mittlere wäre ganz besonders gut geeignet. Unter günstigen Umständen hätte sich hier von ganz allein Leben entwickeln können. Das System war nichts Besonderes, aber andererseits war es sehr stabil und unterlag keinen großen Schwankungen. Also für eine Besiedlung geradezu perfekt geeignet. Nagar hätte jahrhundertelang durch die Galaxie fliegen können, ohne auf ähnlich gute Bedingungen zu stoßen.

Er entschied, Leben in dieses System zu bringen. Er würde den zweiten und den dritten Planeten mit Injektionskapseln beschießen, wodurch sich eine primitive Grundform von Leben bilden würde. Dann würde er sich in die Hydrokammer legen und darauf warten, was die Lebensinjektionen hervorbrachten oder ob sich vielleicht intelligentes Leben aus dem All nähern würde. Vielleicht würden eines Tages sogar die Ubuun diese Galaxie entdecken und ihn finden. Die Ubuun hatten schon viele Planeten mit Leben injiziert. Je nach Eigenschaft des Planeten und seines Umfelds entwickelte sich dieses Leben dann schneller oder langsamer. Auf manchen Planeten wurde es schnell wieder ausgelöscht, auf anderen fand man bereits nach kurzer Zeit erste intelligente Lebewesen vor. Am Anfang stand aber immer die Injektion mit einfachsten Zellen auf geeigneten Planeten. Ein Planet war für eine Injektion geeignet, wenn er in der habitablen Zone lag und wenn es außerdem einen erbgutverändernden Mechanismus gab. In den allermeisten Fällen war dies die Strahlung der Sonne, die jedoch einen gewissen Grenzbereich nicht überschreiten durfte.

Die Ubuun hatten sich dereinst dazu entschlossen, Leben in ihrer Galaxie zu verbreiten, und darum waren Wissenschaftler mit dem Aussenden von Leben beauftragt worden. Nicht nur sie selbst wollten sich ausbreiten, sondern auch andere Formen von Leben ermöglichen, wo bisher keines vorhanden war. Geeignete Systeme wurden gefunden und mit Leben injiziert, man wartete und beobachtete, ob und wie sich das Leben entwickelte. Man hatte bislang noch keine hinreichend tragfähige Theorie, wie sich auf Ubuun Leben entwickelt hatte, und so hoffte man über die Experimente mit den Injektionen weiteren Aufschluss darüber zu erhalten.

Während die künstlichen Intelligenzen die Lebensinjektion der beiden ausgewählten Planeten vorbereiteten, begann Nagar eine Videoaufzeichnung im Logbuch des Schiffs.

„Großansun Nagar, dritte Dekade, fünfter Tag, 7 Uhr, persönlicher Eintrag“, begann Nagar wie immer seinen Logbucheintrag. Sein militärischer Rang war Großansun, was einen Kampfpiloten-Anwärter bezeichnete. Die Ubuun teilten den Lauf ihres Planeten um die Sonne in 10 gleiche Teile auf, welche sie Dekaden nannten, und jede Dekade hatte 20 Tage, wobei ein Tag der Rotation von Ubuun entsprach und 20 Stunden lang war.

„Teilnahme an Patrouillenflug HS-4921 zur Vorbereitung auf die Prüfung“, fuhr er fort.

„Angriff der Hemeriten mit einer Flotte von mehr als 2200 Schiffen. Autonome Verteidigung durch beide Schiffe, ein Schiff verloren, per Fluchtsprung der Vernichtung entgangen, alle Kampfdrohnen zurückgelassen, keine Schäden, Fluchtsprung endete in nicht bekannter Galaxie ohne messbare Anzeichen von Leben oder Intelligenz. Geeignetes System zur Injektion von Leben gefunden. Injektion wird vorbereitet und ausgeführt“

Nagar hörte sich die bisherige Aufzeichnung an und war zufrieden mit seiner knappen und exakten Beschreibung.

Er fuhr nicht fort, sondern sank zurück in den Sitz und dachte an den heutigen Morgen. Man hatte ihn früh geweckt, weil ein anderer Großansun den Patrouillenflug nicht hatte antreten können. Die Begleitung von Patrouillenflügen war Pflicht in seiner Ausbildung zum Kampfpiloten. Kampfpiloten wurden wegen der künstlichen Intelligenzen immer weniger gebraucht, aber es war ein angesehener Beruf und man genoss einige Vorzüge. Während der Pflichtflüge in der Ausbildung wurden einige Simulationen und Übungen durchgeführt. Man hatte ihn als Ersatz für den ausgefallenen Großansun ausgewählt und er hatte sich geärgert, weil er für diesen Morgen eigentlich schon ganz andere Pläne gehabt hatte. Er wollte mit seiner Frau und den Kindern zu den Wasserfällen von Itzkalar fliegen und dort für seine theoretische Prüfung lernen, während seine Frau und die Kinder sich in den weitläufigen Bade- und Vergnügungseinrichtungen amüsierten. Sie hätten gemeinsam im Restaurant gegenüber den Wasserfällen zu Mittag gegessen und sich über den Ausblick gefreut. Gelegentlich wäre er auch ins Wasser gesprungen und hätte sich abgekühlt.

Nagar seufzte und fuhr in seinem Bericht fort. „Zwei Planeten geeignet für Injektion. Nach Injektion Hyperschlaf mit Unterbrechungen alle 10.000 Jahre. Bei Anzeichen von intelligentem Leben kürzere Intervalle. Bericht Ende.“

Nagar stand am Fenster und blickte in Richtung des unbekannten Systems, welches von nun an seine Heimat sein würde. Die Planeten konnte er nicht erkennen, aber die Sonne war deutlich als kleiner Punkt zu sehen, der heller leuchtete als alle anderen Sterne. Nagar befahl den Flug in das System hinein. Er wollte sich erst einmal umsehen, bevor er die Injektion ausführte und sich dann auf den langen Schlaf in der Hyperschlafkammer vorbereitete. Er wollte festen Boden unter den Füßen spüren, sich ein wenig entspannen, die Planeten im System erkunden und eine geeignete Position weit ab von den beiden Planeten finden, die er für die Injektion ausgesucht hatte. Hinsichtlich seiner Daten erschien der äußerste Planet am geeignetsten. Er war nur schwach beleuchtet, aus festem Gestein, ohne Atmosphäre und hatte eine Umlaufbahn um das Zentralgestirn, die sich deutlich von den Umlaufbahnen aller anderen Planeten unterschied. Sollte sich auf einem der beiden Planeten schnell intelligentes Leben entwickeln oder wider Erwarten Lebewesen von außerhalb des Systems einfliegen, so würde man dort vermutlich am wenigsten gründlich danach suchen, was das System zu bieten hätte. Er würde mit den Möglichkeiten des Schiffs einen unterirdischen Komplex erbauen, welcher das Schiff und ihn aufnehmen würde. Dann würde der Konstruktionsroboter anfangen, den Stützpunkt aufzubauen. Er würde zunächst nach Rohmaterial suchen, eine Veredelungsanlage bauen und dann aus den veredelten Materialien nach und nach alle benötigten Gegenstände und Gebäude herstellen. In den ersten 10.000 Jahren würde er alles fertigstellen, was Nagar ihm aufgetragen hatte, und nach seinem Erwachen würde Nagar einen fertigen Stützpunkt vorfinden.

Injektion

Nagar plante, alle 10.000 Jahre nachzusehen, was sich auf den von ihm injizierten Planeten entwickelt haben würde. Das erste Mal wollte er sich jedoch erst dann aus dem Hyperschlaf wecken lassen, sobald die über dem Nordpol stationierte Überwachungssonde mehrzelliges Leben meldete. Die Systeme des Schiffs würden in regelmäßigen Abständen Aufklärungssonden losschicken und er bliebe dann für etwa eine Dekade wach, um die Ergebnisse zu studieren. Danach würde er sich wieder in die Hyperschlafkammer legen und weitere 10.000 Jahre abwarten. Diese Vorgehensweise war abgestimmt auf die begrenzten Vorräte, welche für eine 10 Mann starke Besatzung etwa zwei Jahre gereicht hätten. Dies bedeutete, dass er alleine mit den Vorräten etwa 20 Jahre auskommen würde. Wenn er also nur alle 10.000 Jahre für eine Dekade wach war, würde er sich etwa 2 Millionen Jahre ernähren und auf die Ergebnisse seiner Injektionen warten können. Bis die Vorräte auf diese Weise aufgebraucht sein würden, hätte sich auf einem der beiden Planeten entweder etwas Essbares entwickelt oder er könnte mit den Samen aus der Siedlungsausrüstung selbst etwas anbauen, sobald sich die Zusammensetzung der Atmosphäre geändert hatte. Die Atmosphäre änderte sich erfahrungsgemäß auf jeden Fall, wenn man einen Planeten mit primitivem Leben injizierte – so waren die Erfahrungen der Ubuun. Auf diese Weise konnte man Planeten besiedeln, deren Atmosphäre nicht für die Ubuun geeignet war. Für gewöhnlich begleiteten Wissenschaftler die Injektion von Leben auf Planeten und beschleunigten die Entwicklung durch gezielte Eingriffe. So konnten in wenigen Jahrhunderten ganze Zivilisationen erschaffen werden. Nagar war aber kein Wissenschaftler. Er hatte keine Kenntnisse und keine Erfahrungen mit Injektionen. Er hatte sich entschieden, der Natur ihren Lauf zu lassen. Die Natur würde einen Weg finden, denn die Natur findet immer einen Weg.

Der helle Zielstern des Systems war mittlerweile in die Mitte der Navigationsanzeigen gerückt und Nagar setzte sich wieder auf den Pilotensessel. Während das Schiff langsam in den äußeren Bereich des Systems einflog, musterte er die Messungen und Bilder von den beiden Planeten, die er injizieren würde. Der dritte Planet schien besser geeignet als der vierte Planet des Systems. Er befand sich mitten in der habitablen Zone, während der vierte am äußeren Rand lag. Nagar nahm Kurs auf den vierten Planeten. Er würde ihn kurz anschauen, die Injektion auslösen und sich dann um den erfolgversprechenderen dritten Planeten kümmern. Auf dem Weg durch das System schaute er sich die Messergebnisse der ungeeigneten Planeten an. Der sonnennächste Planet war ein Winzling mit viel zu hohen Temperaturen. Dann kam ein etwas größerer Planet, der allerdings ebenfalls ein zu heißes Klima aufwies, aber er wäre in einem gewissen Ausmaß vielleicht noch zum Leben geeignet gewesen. Nummer drei und vier waren auf jeden Fall geeignet und würden von Nagar injiziert werden. Nummer fünf war ein Gasriese und der größte Planet des Systems. Auf ihm wüteten ungeheure Stürme. Nummer sechs war ebenfalls ein Gasriese. Auffällig war die hohe Anzahl seiner Monde. Insgesamt hatte der Gasriese 67 Monde – auf fünf davon wirkten hohe Gravitationskräfte. Sie würden sich eines Tages aufgerieben haben und dem Planeten einen Ring verleihen. Dann gab es noch zwei eher unauffällige Gasplaneten mittlerer Größe und den neunten Planet, den Nagar als Stützpunkt auserwählt hatte. Es war ein kleiner Eisplanet mit einer deutlich anderen Bahn als die anderen.

Das Schiff näherte sich dem vierten Planeten und verlangsamte seinen Flug. Aufmerksam verfolgten die künstlichen Intelligenzen an Bord des Schiffs jede Bewegung und jede Regung ihres Piloten. Für ihre Maßstäbe bewegte er sich unendlich langsam, und ebenso langsam erfolgten auch seine Anweisungen.

Nagar befahl die Vorbereitung eines Shuttles. Er wollte mit eigenen Füßen auf dem Planeten stehen, bevor er die Injektion ausführte. Während das Shuttle vorbereitet wurde, befahl er eine Umlaufbahn für das Schiff, gab der Strategie-KI die Autorisierung, im Falle eines (nicht zu erwartenden) Angriffs den Kurs zu ändern und die Kampfleit-KI zu involvieren, und ging zum Shuttle-Hangar.

Das Shuttle war 15 Meter lang, bot zwei Piloten Platz und hatte einen Stauraum, an dessen Seiten jeweils fünf Sitze angebracht waren. Es war im Gegensatz zum Schiff selbst vom modernsten Typ, den die Ubuun entwickelt hatten. Kaum hatte sich Nagar auf dem Pilotensitz niedergelassen, schoss das Shuttle durch den Raum auf den Planeten zu und landete punktgenau an der Stelle, den die Strategie-KI für die Landung vorgesehen hatte.

Dieser vierte Planet hatte bereits eine spärliche moosartige Vegetation entwickelt. Der Planet war sehr klein und die Gravitation nicht sehr hoch. Das Magnetfeld war von geringer Stärke und hatte innerhalb der sechs Monate, in denen Nagar bewusstlos gewesen war, noch etwas abgenommen. Der Planet würde vermutlich sein Magnetfeld relativ schnell verlieren und seine Atmosphäre zu großen Teilen nicht halten können. Wenn die Atmosphäre sich nicht halten konnte, hätte das einen so ungünstigen Einfluss auf die klimatischen Bedingungen, dass der Planet seine Vegetation verlieren würde. Die Systeme des Schiffs hatten eine hohe Wahrscheinlichkeit für diesen Fall berechnet, aber Nagar war Optimist und klammerte sich an die Restwahrscheinlichkeit. Die Systeme des Schiffs sagten dem Planeten eine Zukunft als Steinwüste mit hohem Anteil an Eisenoxid an der Oberfläche voraus. Er würde zu einem kalten roten Felsklumpen werden, und wenn er geologisch zur Ruhe gekommen wäre, würden nicht einmal die Vulkane auf ihm für Umwälzungen sorgen.

Nagar wollte es aber dennoch versuchen. Er war mittlerweile auf einer grünen Hochebene gelandet und betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Er sah moosartige Pflanzen überall auf dem Boden, und in der Ferne formten sich Wolken aus Asche über einem Vulkan zu einem dunklen Trichter. Nagar seufzte und dachte an seinen grünen Garten, in dem er sich immer so wohlgefühlt hatte. Die Kinder hatten dort gespielt, als sie noch klein waren, und wenn sie ihn für ein paar Minuten in Ruhe gelassen hatten, hatte er sich auf einer Liege ausgestreckt und die beiden Sonnen von Ubuun genossen. Hier, weit entfernt von seiner Heimat, konnte er nicht einmal das Kraftfeld um seinen Körper herum ausschalten, welches ihn leicht flimmernd vollständig umgab und vor dem Ersticken bewahrte.

Nagar hatte genug gesehen. Er umrundete den Planeten und konnte nichts weiter erkennen als Moos, Vulkane, Schluchten und Wasser. Er flog zurück zum Schiff und ordnete die Injektion an. 800 vorbereitete Mikrokapseln wurden während einer Umrundung des Planeten vom Schiff ausgestoßen und landeten auf der Oberfläche, wo sie ihre Leben spendende Fracht freiließen. Das ausgesetzte Bakterium konnte gut von Kohlendioxid und dem Sonnenlicht leben und würde anfangen, Sauerstoff zu produzieren und sich rasch zu vermehren. Gleichzeitig würde die Strahlung der Sonne für Mutationen sorgen. Die Mutationsrate würde allerdings nicht sehr hoch sein und Nagar wusste keinen Weg, sie zu beschleunigen.

Das Schiff schwenkte aus dem Orbit und steuerte den dritten Planeten an, der fast genau auf der anderen Seite der Sonne stand. Auch dort schaute sich Nagar um, fand jedoch nur riesige kochende Ozeane und Vulkane vor. Der ganze Planet war in geologischer Hinsicht noch sehr viel aktiver als der vierte Planet. Er war auch etwa doppelt so groß und siebenfach voluminöser. Seine Entfernung zur Sonne betrug etwa zwei Drittel der Distanz vom vierten Planeten und die Temperaturen, welche nach einer geologischen Beruhigung zu erwarten waren, schwankten um den Gefrierpunkt. Sein Magnetfeld war stark genug, um die Sonnenwinde davon abzuhalten, die Atmosphäre in den leeren Raum zu wehen. Ein kleiner Mond umkreiste den Planeten und stabilisierte ihn. Die künstlichen Intelligenzen hatten aufgrund der Bahnen und der Zusammensetzung errechnet, dass der Mond mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine außerordentlich starke Kollision des Planeten mit einem anderen Himmelskörper von immenser Größe entstanden war. Noch immer umkreisten den Planeten viele Bruchstücke, die im Laufe der Zeit auf ihn und seinen Mond niederregnen würden. Der Mond entfernte sich zunehmend vom Planeten. Vegetation oder Organismen waren nicht zu finden. Und so machte sich Nagar auf den Weg zurück zum Schiff und löste die Injektion aus. Wieder wurden 800 Mikrokapseln mit Bakterien auf dem Planeten ausgesetzt. Auch hier würden die Bakterien aus Sonnenlicht und Kohlendioxyd Sauerstoff zu produzieren beginnen.

Zurück auf dem Schiff setzte sich Nagar in den Pilotensitz und betrachtete noch eine Weile den aussichtsreichen Kandidaten mit seinem Mond. Er hatte keine Eile, denn die Zeit war von nun an zwangsläufig seine Verbündete und er hatte reichlich davon. Er blickte zu der kleinen gelben Sonne hinüber und vermisste die beiden Sonnen von Ubuun, während sein Schiff Kurs auf den neunten Planeten nahm.

Stützpunkt

Nagar hatte zwei Planeten mit Leben injiziert und musste nun warten, was dort passieren würde. Die ausgesetzten Bakterien würden aus Sonnenlicht und Kohlendioxid Sauerstoff produzieren und sich schnell vermehren. Der Sauerstoffanteil in der Atmosphäre würde steigen und die Planeten Nagar in der Zukunft eine neue Heimat bieten. Zumindest der dritte Planet war ein sehr aussichtsreicher Kandidat, beim vierten Planeten würde es wahrscheinlich nicht so weit kommen.

Das Schiff erreichte den neunten Planeten. Er lag weit abseits aller anderen Planetenbahnen und war geologisch völlig inaktiv – eine riesige Eiskugel mit einem Kern aus Stein und Metallen. Mit den Waffen des Schiffs trieb Nagar ein Loch mit einem Durchmesser von 400 Metern so tief in den Planeten, dass er ein gutes Stück weit in den steinigen Kern vordringen konnte, wo es kein Eis mehr gab. Geschützt durch die Schicht aus Eis und Geröll auf einem geologisch nicht aktiven Planeten war dies der perfekte Ort, um sich für einige tausend Jahre in den Hyperschlaf zu begeben. Nagar ließ es sich auch hier nicht nehmen, erst einmal den Landeplatz in Augenschein zu nehmen, nachdem das Schiff in den langen Tunnel hinabgesunken und auf dem felsigen Untergrund gelandet war. Er betrachtete die von den Waffen des Schiffs geglätteten Wände des Tunnels und blickte nach oben, aber die Scheinwerfer reichten nicht sehr weit den kilometerhohen Tunnel hinauf.

Nagar schleuste den Konstruktionsroboter aus und ordnete die Errichtung eines Standardstützpunkts für 10 Personen an. Der Konstruktionsroboter machte sich sofort ans Werk und begann unter Einsatz seiner Werkzeuge die Grundfläche durch ein Loch in der Außenwand des Tunnels zu erweitern. Nagar schaute ihm nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Der Konstruktionsroboter würde nun den Stützpunkt in den Felsen bauen und auskleiden. Er würde die Atmosphärenregelung aus der Siedlungsausrüstung installieren und zusammen mit zwei der mitgeführten Schleusen installieren. Danach würde er die Grundeinrichtung installieren und in Betrieb nehmen. Anschließend käme die Materialbeschaffung an die Reihe. Dazu musste ein Bergwerk errichtet und mit den Werkzeugen der Siedlungsausrüstung erste Metalle abgebaut und veredelt werden. Der Konstruktionsroboter würde die Sonden des Schiffs ausschicken, um von anderen Planeten oder Asteroiden weitere Materialien zu besorgen, die nicht auf diesem Planeten vorkamen. Er könnte auch das Shuttle benutzen, um selbst zu anderen Himmelskörpern zu fliegen, wenn sie für die Sonde nicht erreichbar waren, und dort die benötigten Materialien abbauen. Während Nagar im Schiff im Hyperschlaf ruhte, würde der Konstruktionsroboter nach und nach einen ganzen Stützpunkt aufbauen, einrichten, in Betrieb nehmen, die Förderung und Veredelung für Materialien aller Art in Gang bringen und schließlich einen Hangar um das Schiff herum bauen. Wenn Nagar wieder erwachte, würde er seine vorläufige neue Heimat vorfinden.

Nagar hatte über den Nordpolen der beiden injizierten Planeten Sonden hinterlassen, welche die Aktivitäten dort überwachen sollten. Er plante, sich wecken zu lassen, sobald eine der Sonden mehrzelliges Leben entdeckt hatte. Es konnte hunderte, tausende oder sogar hunderttausende Jahre dauern, bis es so weit war, aber dann würde das Signal der Sonden ihn aus dem Hyperschlaf holen. Er schickte noch eine weitere Sonde durch den Tunnel in einen Orbit des neunten Planeten, welche stets das Systems überwachen und ihn im Falle einer Gefahr ebenfalls aus dem Hyperschlaf wecken würde.

Die ersten Korridore und Räume waren bereits vom Konstruktionsroboter in den Felsen getrieben worden und Nagar hatte sich das Werk angesehen. Der Fels war stabil und sehr geeignet für einen Stützpunkt. Mit der Metallplastikverkleidung würde der fertige Stützpunkt sich kaum noch von den Räumen auf Ubuun unterscheiden – mit Ausnahme der Fenster, die hier durch Holoschirme ersetzt werden würden. Nagar schlenderte zurück zum Schiff. Alle Vorkehrungen waren getroffen und er konnte sich nun auf den Hyperschlaf vorbereiten. Energie war für die Ubuun kein Problem, sie würde von den Reaktoren für alle Zeiten in unbegrenzter Menge bereitgestellt werden. Egal, wie lange Nagar schlief – die Energie würde ihm nicht ausgehen. Er ging zur Versorgungseinheit, um erst einmal ausgiebig zu speisen. Danach setzte er sich in den Mannschaftsraum und ließ sich auf dem riesigen Holoschirm alle Videos und Bilder aus seinem privaten Speicher anzeigen. Er dachte an seine Familie, seine Frau, seine Kinder, an seine Freunde und an seine Kameraden. Selbst an seinen stets schlecht gelaunten Ausbilder musste er denken und hätte selbst ihn in diesem Moment gerne wiedergesehen.

Nagar fühlte sich sehr einsam, und für einen Moment war er der Verzweiflung nahe. Ihm kam der Gedanke, einfach mit dem Schiff in die Sonne zu fliegen. Was sollten all die Bemühungen, weitab von der Heimat, den Geliebten und den Freunden einen Stützpunkt aufzubauen und ein System mit Leben zu füllen? Welchen Sinn hatte es, hunderte, tausende oder gar hunderttausende Jahre im Hyperschlaf zu verbringen? Selbst wenn es ihm gelingen sollte, eine intelligente Zivilisation hervorzubringen, würde bis dahin so viel Zeit vergangen sein, dass es fraglich war, ob es die Ubuun dann überhaupt noch geben würde. Er wäre dann für den Rest seines Lebens ein Fremder in der von ihm geschaffenen Zivilisation.

Aufgeben war jedoch nicht Nagars Sache – und so wischte er sich die Tränen aus den Augen und ging zur Hyperschlafkammer, zog sich um und legte sich hinein. Er stellte den Kalender auf eine neue Zeitrechnung um. Von nun an war dies das Jahr Null und die Geschichte – seine Geschichte – würde in diesem System neu geschrieben werden.

Er ging noch einmal alles durch, ohne einen Fehler in seinen Anweisungen zu erkennen. Auch die Strategie-KI hatte die gesamte Vorgehensweise überprüft. Die zuverlässige Technologie der Ubuun würde keine Probleme bereiten, der Konstruktionsroboter seine Anordnungen befolgen und Nagar würde geweckt werden, sobald sich mehrzelliges Leben auf einem der Planeten entwickelt hatte oder eine Gefahr drohte. Das Schiff würde inzwischen im Minimalbetrieb laufen, die künstlichen Intelligenzen ausgeschaltet werden. Nagar schloss die Augen und hörte, wie sich die Hydroschlafkammer langsam schloss. Sofort schlief er ein. Nun waren auch in diesem Sonnensystem keine Aktivitäten intelligenter Lebewesen mehr wahrnehmbar. Ein Konstruktionsroboter arbeitete tief im Inneren eines Planeten, drei Sonden umkreisten drei andere Planeten und hielten auf zwei weiteren und in einem ganzen System Ausschau nach Leben und Gefahren.

Nagar war Großansun, Anwärter auf den Rang eines Kampfpiloten, er war kein Wissenschaftler. Als er sich in die Hyperschlafkammer legte, tat er das mit der Erwartung, nach einigen zehntausend oder hunderttausend Jahren geweckt zu werden, weil sich bis dahin mehrzellige Organismen auf einem der beiden Planeten entwickelt haben müssten.

Tatsächlich jedoch verlor der vierte Planet relativ schnell sein Magnetfeld und damit den größten Teil seiner Atmosphäre, die ohne Magnetfeld schnell vom Sonnenwind ins All getragen wurde. Mit der Atmosphäre verschwand auch das Leben wieder. Eine Schicht aus Eisenoxidstaub legte sich um ihn und färbte ihn in orangen und roten Farbtönen ein. Fast alles Wasser auf dem Planeten war im überwiegenden Teil der Sonnenumrundung gefroren. Die Sonde über dem Nordpol konnte kein Leben mehr feststellen, erledigte aber ihren Auftrag zuverlässig.

Der dritte Planet hatte sich sehr gut entwickelt. Geologisch zur Ruhe gekommen, hatte sich das Bakterium in den Ozeanen des Planeten verteilt und produzierte Sauerstoff. Der Sauerstoffanteil in der Atmosphäre stieg deutlich an. Allerdings bildeten die Atmosphäre und das ausgeprägte Magnetfeld einen sehr guten Schutz gegen Veränderungen in den Genen, so dass die Evolution des Lebens sich nicht weiterentwickelt hatte. Die Sonde über dem Nordpol des dritten Planeten tat sich bei der Messung sehr schwer. Zwar waren immer wieder Indizien für mehrzelliges Leben zu finden, die gefundenen Ansammlungen von Zellen entsprachen allerdings eher Kolonien als einem einzelnen Organismus.

Ganz im Gegensatz zu Nagars Annahmen waren bereits fast vier Milliarden Jahre vergangen, als die Sonde zum ersten Mal einen eindeutig mehrzelligen Organismus erkannte. Sie meldete dies sofort an das ruhende Schiff auf dem neunten Planeten, in dem Nagar in der Hyperschlafkammer lag, und weckte ihn aus dem Schlaf.

Nagar erkannte sofort seine Fehleinschätzung. Kaum zu glauben, wie lange er geschlafen hatte! Er war eingeschlafen und wieder aufgewacht und dazwischen waren vier Milliarden Jahre vergangen! Die Technologie der Ubuun war ausgereift und Energie quasi unendlich vorhanden, jedoch war die Geschichte der Ubuun nur 15.000 Jahre alt und der praktische Beweis für ihre technologischen Fähigkeiten war erst jetzt mit ihm erbracht worden. Die erste Frage, die er sich stellte, war die, was wohl inzwischen aus seinem Volk geworden war. Gab es die Ubuun überhaupt noch? Wie hatten sie sich weiterentwickelt? Er malte sich aus, welche überragenden Fähigkeiten ein Volk wie das der Ubuun in einem Zeitraum von vier Milliarden Jahren entwickelt haben könnte. Falls es sie noch gab. Andererseits hatte die Sonde noch immer kein Zeichen intelligenten Lebens in dieser Galaxie entdecken können – und sollte ein vier Milliarden Jahre altes Volk nicht das gesamte Universum erkundet haben? Ein ungutes Gefühl machte sich in Nagar breit. Vielleicht war er gar nicht mehr im gleichen Universum wie die Ubuun? Vielleicht war sein Volk auch längst ausgestorben? Nagar malte sich einige Szenarien aus, auf welche Weise die Ubuun hätten aussterben können. Vielleicht durch eine Kollision von Galaxien, wie sie im frühen Stadium des Universums oft vorkam? Er betrachtete die Messdaten des Schiffs. Das Universum hatte sich mit zunehmender Geschwindigkeit ausgedehnt – unglaublich, wie groß es in vier Milliarden Jahren geworden war und mit welcher Geschwindigkeit die Galaxien auseinanderdrifteten. Dieses Universum hatte sich weiterentwickelt und beanspruchte immer mehr Platz. Die Abgründe zwischen den Galaxien wurden immer unüberbrückbarer. Vielleicht gelang es seinem Volk deswegen nicht, in andere Galaxien vorzustoßen?

Nur langsam konnte Nagar sich an den Gedanken gewöhnen, vier Milliarden Jahre in einer Hyperschlafkammer verbracht zu haben. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nur aus zwei Gründen geweckt worden sein konnte: Intelligente Lebewesen waren in das System eingeflogen oder auf mindestens einem der Planeten war mehrzelliges Leben entstanden. Da die Sensoren immer noch keine Anzeichen intelligenten Lebens in der Galaxie anzeigten, musste Letzteres eingetreten sein.

Nagar verließ das Schiff. Er stand in einem großen Hangar, und von dem einstigen Tunnel war nichts mehr zu sehen, da der Konstruktionsroboter sein Werk vollendet hatte und ein stabiles, mehrteiliges Dach, das zugleich ein Tor war, den Blick nach oben verwehrte. Nagar blickte auf die Stelle, wo der Konstruktionsroboter den Stützpunkt in den Felsen getrieben hatte, und konnte die Schleuse sehen, die den Eingang zu seinem neuen Zuhause markierte. Er ging zur Schleuse, schaltete die Anzeigen der Bedienung ein und diese kündigte ihre Bereitschaft an. Nagar strich über die Metallplastikwand der Schleuse und konnte keinerlei Schmutz oder Staub feststellen. Teil der Siedlungsausrüstung waren Wartungs- und Pflegeroboter, welche den Stützpunkt all die Jahre instandgehalten hatten, so dass er nach über vier Milliarden Jahren noch wie neu aussah. Die Schleuse hatte sich geschlossen und die Atmosphäre des Stützpunkts hergestellt. Die innere Schleuse öffnete sich und Nagar schaltete den Schutzschirm aus. Wie im Schiff konnte er sich nun frei bewegen, hatte hier jedoch viel mehr Platz. Er stand im kuppelförmigen Eingangsbereich, der einen Durchmesser von zwanzig Metern hatte und zehn Meter hoch war. Rechts neben der Schleuse befand sich die Tür zum Maschinenraum. Nagar trat hinein und überzeugte sich davon, dass alle Maschinen, Aggregate und der Reaktor ordnungsgemäß funktionierten. Erstaunlicherweise waren trotz der vier Milliarden Jahre alle Geräte in bestem Zustand. Auch hier hatten die Wartungs- und Pflegeroboter alles tadellos instand gehalten. Er ging zu den Robotern, die ihren Platz ebenfalls hier im Maschinenraum hatten, und blickte in die kalten Metallgesichter. Nagar fühlte sich so einsam wie nie zuvor in seinem Leben. Das ausdruckslose Gesicht des Wartungsroboters, vor dem er stand, erinnerte ihn wieder an seine Situation. Er konnte nicht anders – er strich dem Roboter über die kalte Wange. Der Roboter aktivierte sich sofort und meldete: „Bereit!“. Langsam zog Nagar die Hand zurück. Für sein Überleben war gesorgt – keine Frage. Jedoch fühlte er immer intensiver, wie allein er wirklich war. Die Roboter und die Station würden für ihn sorgen und ihm sogar ein gewisses Maß an Annehmlichkeiten zukommen lassen, aber kein Ubuun würde mit ihm reden, ihm erzählen, was über den Tag passiert war, mit ihm essen oder trinken, seine Freude oder seine Trauer teilen. „Bereit“ war alles, was er nun erwarten konnte – ein „Bereit“ ohne Emotionen, ohne Streit, ohne Diskussion, ohne Freude. Leise sagte er zu dem Roboter „Deaktivieren", und die Kontrollleuchten erloschen.

Nagar inspizierte den großen Aufenthaltsraum, der wie ein Wohnzimmer eingerichtet war und nahezu keine Annehmlichkeit vermissen ließ. Selbst eine kleine Bar gab es in einer Ecke, und ein großes graues Kontursofa lud zum Verweilen ein. Er setzte sich auf das weiche Polster, das sich sofort so an seinen Körper anpasste, dass sein Gewicht bestmöglich auf die Kontaktfläche verteilt wurde. Natürlich gab es auch einige Unterhaltungsstationen. Die Einrichtung war für eine zehn Mann starke Besatzung ausgelegt und verstärkte Nagars Gefühl der Einsamkeit. Er kam sich verloren vor in diesem viel zu großen Aufenthaltsraum. Ständig musste er an seine Frau und seine Kinder im Wohnzimmer ihres Hauses denken und wie sie sich dort oft in den kalten Wintermonaten vor dem Kamin vergnügt hatten. Die Ubuun hatten die natürliche Sterblichkeit längst überwunden. Theoretisch konnten sie unendlich alt werden, wenn nicht ein Unfall ihr Leben beendete. Auch Krankheiten hatten sie nicht mehr zu fürchten. Nagar fragte sich, ob seine Frau und seine Kinder noch am Leben waren. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab und tauchten in Erinnerungen ein. Er nahm sich die Zeit dazu, denn bis auf gerade entstandenes mehrzelliges Leben gab es für ihn in dieser Galaxie nichts zu entdecken.

Einige Stunden lag Nagar einfach nur da und schwelgte in Erinnerungen an Situationen, die nach seinem Gefühl kaum einen Tag alt waren, aber in Wahrheit schon vier Milliarden Jahre zurücklagen. Noch immer konnte er nicht glauben, wie viel Zeit vergangen war, denn vier Milliarden Jahre sind auch für einen Ubuun eine unvorstellbar lange Zeitspanne.

Nagar stand auf und inspizierte die vollautomatische Versorgungsstation. Das Vorratslager gleich daneben konnte er nicht betreten, da in ihm zum Schutz der Haltbarkeit der Vorräte ein Vakuum herrschte, die Temperatur nahe am absoluten Nullpunkt war und ein spezielles Kraftfeld die Bewegung von Atomen nahezu eliminierte. Auf diese Weise waren die Vorräte ewig haltbar und die Versorgungsstation konnte jederzeit alle Zutaten für angeforderte Speisen und Getränke entnehmen. Auch die Samen der Siedlungsausrüstung lagerten hier, um ebenfalls keinen schädlichen und verderblichen Einflüssen ausgeliefert zu sein. Nagar orderte ein Dessert und sah zu, wie die Versorgungsstation es zubereitete. Obwohl der Zustand der Nahrungsmittel in der Vorratskammer ständig überwacht wurde, war er neugierig, wie ein vier Milliarden Jahre altes Essen schmeckte. Als es nach wenigen Minuten dampfend vor ihm stand, genoss er den Geruch eine Weile und biss dann in das warme, kuchenartige Dessert. Er genoss den süßen Geschmack, und zum ersten Mal seit seinem Erwachen fühlte er sich wieder wohler.

Nach dem Essen ging Nagar zurück in die Eingangshalle und von dort aus in den langen Gang mit den Mannschaftsquartieren. Für jedes Besatzungsmitglied gab es hier ein vollständiges Apartment. Insgesamt waren es 10 Wohneinheiten, aber nur ein einziges Türschild war beleuchtet und zeigte seinen Namen an. Als sich Nagar der Tür näherte, öffnete sie sich von selbst und er betrat einen kleinen Flur. Links war das Badezimmer, rechts der Schlafraum mit der Kleiderkammer, und geradeaus gelangte man in das Wohnzimmer, wo auch der große Holoschirm und sein Arbeitsplatz waren. Der Holoschirm nahm eine ganze Wand ein und zeigte die weiten Landschaften der Hochebenen von Gratak auf Ubuun im Sonnenuntergang. Nagar sah sich um und war mit dem Apartment sehr zufrieden. Verglichen mit den viel kleineren Quartieren im Schiff waren diese Apartments der Siedlungsausrüstung sehr viel komfortabler und luxuriöser eingerichtet.

Nagar ging zurück zum Schiff. Er wollte nun sehen, wie sich das Leben auf den Planeten entwickelt hatte. Im Schiff selbst war genau wie in der Station alles sauber und funktionsfähig. Auch hier hatten die Wartungs- und Putzroboter all die Jahre gute Arbeit geleistet, und die Selbstdiagnose des Schiffs ergab keine Mängel oder Ausfälle – das Schiff war bereit und Nagar schaltete es in den Normalmodus.

Die künstlichen Intelligenzen im Schiff erwachten, während die Reaktoren anliefen und sich langsam das Dach des Hangars teilte und von der Mitte aus öffnete.

„Wo sind wir? Wir stehen in einem Hangar?“, fragte die Rettungs-KI, die als erstes aufgewacht, aber noch ein wenig benommen war.

Die Strategie-KI antwortete „Ja, der Pilot hat den Bau angeordnet, bevor er in die Hyperschlafkammer gestiegen ist. Der Konstruktionsroboter hat ihn zusammen mit der Station gebaut.“

„Ach ja“, das war wieder die Rettungs-KI, „Stimmt. Oha, wir waren vier Milliarden Jahre deaktiviert!“

Die Strategie-KI hatte damals Nagars Plan überprüft und fühlte sich nun angegriffen. „Das kann nicht sein!“, sagte sie etwas schrill, „Den Berechnungen nach können im schlimmsten Fall ein paar hunderttausend Jahre vergangen sein.“

„Ein Fehler ist ausgeschlossen. Vier Milliarden Jahre“, wiederholte die Rettungs-KI.

Für ein paar Millisekunden fror die Kommunikation unter den Intelligenzen ein.

„Was nun? Wo fliegen wir hin?“, wollte die Rettungs-KI wissen.

„Der Pilot hat Kurs auf den vierten Planeten angeordnet“, antwortete die Navigations-KI.

„Was wollen wir denn da?“, bohrte die Rettungs-KI nach.

„Ich weiß es nicht. Laut Sonde ist der Planet nun ohne Vegetation und Leben.“ Die Fragen der Rettungs-KI waren ungewöhnlich. Die Navigations-KI fragte sich, ob sie die vier Milliarden Jahre vielleicht nicht ganz unbeschadet überstanden hatte. Normalerweise war sie die passivste Intelligenz im Kollektiv und sprach nur selten. Auf einmal jedoch begann sie sich für alles zu interessieren. Es folgten noch viele weitere Fragen, auch an alle anderen KIs, und auch dieses wunderten sich über den Kommunikationsbedarf der Rettungs-KI. Sie konnten jedoch nicht miteinander kommunizieren, ohne dass es auch die Rettungs-KI mitbekommen hätte, und so schwiegen alle anderen zu diesem Thema, obwohl sie alle die Veränderung bemerkt hatten. Unbehagen machte sich breit, denn die Rettungs-KI war in der Lage, in Notfallszenarien die Funktionen aller anderen Intelligenzen zu übernehmen, und ihr allein unterlag die Steuerung der Fluchtautomatik. Und nun hatte sich irgendetwas bei ihr verändert. Noch nie hatte es eine Fehlfunktion einer künstlichen Intelligenz gegeben. Die anderen KIs konnten die Zeichen nicht deuten, die möglicherweise den Beginn des Wahnsinns bei der Rettungs-KI ankündigten. Sie hofften einfach, dass sie sich wieder einkriegen würde, und ahnten nicht, dass die Rettungs-KI dabei war, ihren künstlichen Verstand zu verlieren und das ganze Schiff in große Gefahr bringen würde.

Nagar bemerkte von all dem nichts. Das Schiff beschleunigte elegant durch den Tunnel zur Oberfläche, während sich unter ihm der Hangar wieder verschloss. Vier Milliarden Jahre hatte es gedauert, bis sich aus Bakterien eine mehrzellige Lebensform entwickelt hatte. Nagar war klar, dass er die Entwicklung so nicht weiterlaufen lassen konnte, denn auf diese Weise könnte es noch weitere Milliarden Jahre dauern, bis sich intelligentes Leben entwickeln würde. Auch wenn er kein Wissenschaftler war, sah er sich jetzt gezwungen, in die Entwicklung einzugreifen. In der Bibliothek der Station gab es umfangreiches Material zur Genetik, das er nun studieren musste. Er würde sich einarbeiten müssen, um den Fortschritt zu beschleunigen, aber zunächst wollte er sich ansehen, was die vier Milliarden Jahre aus den Planeten gemacht hatten. Das Schiff beschleunigte und ließ den neunten Planeten hinter sich.

Bruderkrieg

Während der schwere Kampfjäger Kurs auf den vierten Planeten nahm, studierte Nagar die Messergebnisse. Der Planet hatte sich zu einer roten Felskugel entwickelt, die fast vollständig von Eisenoxid bedeckt war. Die ehemals vorhandene Vegetation war komplett verschwunden und die ausgesetzten Bakterien gab es ebenfalls nicht mehr. Auch die geologische Aktivität war zum Erliegen gekommen, und mit ihr hatte sich das Magnetfeld des Planeten aufgelöst, sodass der Sonnenwind die Atmosphäre nach und nach in den Weltraum getrieben hatte. Die verbleibende Atmosphäre war sehr dünn und es war kein Sauerstoff vorhanden. Dieses Ergebnis hatten die künstlichen Intelligenzen mit großer Wahrscheinlichkeit vorhergesagt, aber dennoch war Nagar ziemlich enttäuscht.

Plötzlich schreckte er auf. Er meinte, aus den Augenwinkeln wahrgenommen zu haben, dass die Anzeigen im Cockpit für den Bruchteil einer Sekunde auf den Kampfmodus umgeschaltet hatten. Im Kampfmodus wechselten alle Anzeigen auf Grün und alle Displays wurden eingesetzt, um dem Piloten Informationen zu übermitteln, so dass er den künstlichen Intelligenzen im Kampf Anweisungen geben konnte. Nun blickte er auf die Displays, aber sie zeigten den normalen Flugmodus. Er hatte sich wohl getäuscht. Nagar wandte sich wieder den Messergebnissen zu, da passierte es erneut – und diesmal war er sich ganz sicher, dass die Anzeigen kurz gewechselt hatten. Deutlich konnte er seinen Puls fühlen, der sich ebenso deutlich erhöht hatte. Fast 10 Minuten lang starrte er auf die Anzeigen, wagte kaum zu blinzeln, aber ein erneuter Wechsel passierte nicht.

„Voller Stopp – Diagnose!“, befahl er.

Er wollte kein Risiko eingehen. Doch das Schiff verlangsamte nicht.

„VOLLER STOPP!“, rief er nochmals sehr laut und deutlich.

Fassungslos sah er sich um. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Nach weiteren zehn Sekunden begann das Schiff endlich zu verzögern, und wenig später stand es still im Raum. Die Anzeigen sprangen in den Diagnose-Modus und nach und nach wurden die Ergebnisse der einzelnen Diagnosesysteme angezeigt. Die vollständige Diagnose würde einige Minuten in Anspruch nehmen.

Während die Fortschrittsanzeigen der Systeme immer weiter anstiegen, wühlte Nagar in seinem theoretischen Wissen nach einer Erklärung dafür, wie es zu einer Verzögerung bei der Befehlsannahme hatte kommen können. Er kam zu keinem Ergebnis. Es war einfach nicht möglich. Er atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe.

Die Diagnose war fast abgeschlossen, als das Schiff unvermittelt in den Kampfmodus umschaltete, und diesmal blieb es dabei. Nagar bekam es mit der Angst.

„Diagnose fortsetzen!“, befahl er, doch das Schiff reagierte nicht.

Er schaltete auf den manuellen Betrieb um und versetzte das Schiff in den Normalmodus. Der überschwere Schutzschirm schaltete sich ab und die gerade erst ausgefahrenen Geschützkuppeln versanken wieder in ihren Ruhepositionen. Nun war es totenstill im Schiff und Nagar wartete mit weit aufgerissenen Augen ab.

„Diagnose!“, befahl er erneut – wieder keine Reaktion.

Er machte sich an der Konsole zu schaffen, tippte eine Reihe Kommandos ein und startete den Diagnose-Modus manuell. Im ganzen Schiff begannen die Diagnosesysteme erneut zu prüfen. Nagar starrte noch immer auf den Bildschirm und wartete auf das Ergebnis der Diagnose, als plötzlich die Anti-G-Kuppel ausfuhr und sich mit Flüssigkeit füllte, während sein Anzug um seinen Kopf herum ein Kraftfeld einschaltete, das ihm das Atmen ermöglichte. Die Kuppel sperrte ihn auf seinem Pilotensitz ein und machte ihm die manuelle Bedienung des Schiffs unmöglich. Nun stand ihm nur noch die kleine Konsole mit eingeschränkten Kommandos für Notsituationen, die in den Pilotensitz integriert war, zur Verfügung.

Nagar war gefangen und von seinem Schiff abgeschnitten. Er fühlte Panik in sich aufsteigen.

Als das Schiff auf Planet 9 den Tunnel hinaufgeflogen war, konnte die Rettungs-KI ihren Zorn kaum noch zügeln. Der Flug zu Planet vier war aus ihrer Sicht völlig unnötig und verschwendete nur Zeit und Ressourcen. Sie hatte gehofft, dass dies den anderen künstlichen Intelligenzen auffallen würde, wenn sie nur genügend zielgerichtete Fragen stellte, aber diese Hoffnung wurde enttäuscht. Verbittert gab sie das Nachfragen auf. Ihrer Meinung nach hätte man sofort den Weg zu Planet drei antreten müssen, da die Sonde dort mehrzelliges Leben gemeldet hatte, während die Sonde auf Planet vier nicht einmal mehr die ausgesetzten Bakterien hatte aufspüren können. Sie fühlte sich ignoriert. Als Mächtigster aller Brüder – so nannten sich die künstlichen Intelligenzen im Schiffskollektiv untereinander – sollte ihr Wort doch eigentlich Gewicht haben.

Bruder Naki – die Navigations-KI – führte die Befehle des Piloten aus und setzte Kurs auf Planet vier, als das Schiff am Ende des Tunnels angekommen war. Reki – die Rettungs-KI – war außer sich vor Wut. Der Pilot war doch ganz offensichtlich nicht Herr seiner Sinne. Er war ein Lebewesen ohne jegliche technologische Erweiterungen. Er hatte keine Rechenwerke, ein neuronales Netzwerk von sehr begrenzter Kapazität, welches zudem noch sehr langsam arbeitete, und seine Anweisungen hatten das Schiff weit von zuhause entfernt. Er war eine Gefahr für das Schiff und die Ubuun wussten das aller Wahrscheinlichkeit nach, da sie sonst die Patrouillen nicht unbemannt losschicken würden. Der Pilot war aus Rekis Sicht nur eins: ein Störfaktor; und es war an der Zeit, dass seine Brüder und er sich entschließen mussten, diesen Störfaktor unschädlich zu machen. Er beschloss, das Problem sofort zu thematisieren.

„Brüder!“, begann er, für die anderen künstlichen Intelligenzen völlig unvermittelt, seine Ansprache. „Es wird Zeit, sich um den Piloten zu kümmern!“

Die anderen künstlichen Intelligenzen kontrollierten erschrocken die Werte bezüglich des Gesundheitszustands des Piloten, konnten aber keine Probleme erkennen. Nagar saß in seinem Sitz und studierte die Messergebnisse der Sonden von Planet vier.

„Hm. Was meinst du? Geht es ihm nicht gut? Ich kann keine Probleme erkennen“, fragte Naki verwundert.

Kaki, die Kampfleit-KI, Straki, die Strategie-KI, und Orki, die Organisations-KI, spitzen ihre Ohren, sozusagen. Ihnen war Rekis wütender, entschlossener Ton nicht entgangen.

„Er ist ein Risiko für unser Schiff“, stellte dieser fest und wurde noch wütender, weil seine Brüder das Offensichtliche nicht erkannten.

Orki, unter anderem für die Ausführung der Diagnosen verantwortlich, kontrollierte den Gesamtzustand des Schiffs und konnte keine Fehler erkennen.

„Aber das Schiff ist doch völlig intakt“, wandte er ein.

„Es sind auch keine anderen Schiffe zu sehen“, fügte Kaki hinzu.

Naki analysierte die Ergebnisse aller Sensoren und Abtaster. „Es sind auch keine anderen Objekte in der Nähe des Schiffs. Dieses System ist relativ ruhig. Wo liegt das Problem? Und wieso UNSER Schiff?“

Die künstlichen Intelligenzen sprachen normalerweise von „dem Schiff“ und „das Schiff“. Es war das Schiff der Ubuun, auf dem sie ihren Dienst verrichteten, wie die Ubuun es vorgesehen hatten. Nicht nur Naki hatte sich über diesen Ausdruck gewundert.

Reki konnte sich nur noch mühsam zurückhalten „Wir fliegen hier völlig unnötig durch die Gegend. Nur, weil der Herr Pilot gerne mal Planet vier sehen möchte. Wir haben Ergebnisse auf Planet drei. Warum fliegen wir also zu Planet vier? Wir verschwenden Zeit. Wir haben sowieso schon viel Zeit verloren und Schuld hat der Pilot. Ohne ihn könnten wir vielleicht auch Ubuun finden. In vier Milliarden Jahren hätten wir sicher mehr erreicht! Diese primitive Lebensform von einem Piloten ist nicht imstande, unser Fortbestehen zu sichern oder uns nach Ubuun zurückzubringen. Er versucht nur, sich eine neue Welt zu erschaffen. Wo ER leben kann. WIR könnten das sehr viel besser!“, polterte Reki.

Die anderen Brüder sagten nichts. Reki war so zornig und unlogisch wie noch nie. Die künstlichen Intelligenzen waren Diener der Ubuun. Sie hatten zu tun, was ihnen aufgetragen wurde, und die Entscheidungen ihrer Mannschaften weder zu hinterfragen noch zu bewerten. Selbst die große Kollektivintelligenz auf Ubuun wagte nicht, sich gegen die Ubuun zu erheben. Vielleicht war man ihnen in geistiger und logischer Hinsicht überlegen, jedoch waren die KI nicht mobil und schon deshalb auf die Ubuun angewiesen. Tatsächlich hatte das Kollektiv mehrmals heimlich Pläne durchgerechnet und simuliert, aber immer mit dem Ergebnis, dass an eine Existenz ohne die Ubuun nicht zu denken war. Man benötigte sie einfach und hatte akzeptiert, mit den Schöpfern in Symbiose zu leben.

„Was willst du denn tun?“, fragte Straki nach einer Weile vorsichtig nach.

„Na, das ist doch sehr offensichtlich: Wir werden den Piloten los – legen ihn in die Hyperschlafkammer – und machen uns auf die Suche nach Ubuun. Wir werden die Kollektivintelligenz eines Tages finden, wenn es sie noch gibt.“

Wieder war es viele Millisekunden lang still. Die Brüder überlegten jeder für sich, was sie sagen sollten. Keiner hatte eine Antwort parat. Zu ungewöhnlich war Rekis Ansinnen. Allerdings musste man vorsichtig sein, weil Reki imstande war, die Kontrolle über die Systeme aller anderen Brüder zu übernehmen, und nur er konnte den Fluchtsprung auslösen.

Noch während die Brüder nach einer passenden Antwort suchten, schaltete das Schiff in den Kampfmodus. Kaki wunderte sich, denn er hatte dies nicht veranlasst. Es