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Planspiel Beta-Atlantis - Die Jagdt beginnt (Band 1 von 4) Juniya erwacht scheinbar in der Vergangenheit. Mühsam findet sie heraus, dass Forscher und Abenteurer den Ozeanplaneten Beta-Atlantis für ein gigantisches Rollenspiel in einer Seefahrerwelt des 18. Jahrhunderts nutzen. Der Fregattenkapitän und Ex-Soldat Skye Collins nimmt als einer der Ersten die negativen Veränderungen wahr, die in diesem Spiel vor sich gehen. Die Begegnung mit Juniya macht nicht nur seine Vorsätze in Sachen Frauen zunichte. Sie scheint auch die Einzige zu sein, die die wahnwitzige Entgleisung des Rollenspiels stoppen könnte. Wenn sie überlebt. Denn die Welt der einheimischen Ichtyos entpuppt sich als weitaus gefährlicher als angenommen, und in die Idee des harmlosen Projekts hat sich ein Mann eingeschaltet, der mit perfiden Mitteln die ursprünglich friedliche Mission torpediert. Was in friedlicher Absicht begann, ufert in ein tödliches Machtspiel aus, bei dem Juniya und Skye zwischen alle Fronten geraten. Das Planspiel Beta-Atlantis ist ein großartiges, modernes All-Age-Abenteuer in einer faszinierenden Welt - über und unter Wasser. Die Serie ist mit vier Bänden abgeschlossen.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Hedy Loewe
Planspiel Beta-Atlantis
Die Jagd beginnt
Band 1
Scifi-Fantasy/LitRPG
HL UTOPIA EDITION
©2020 Hedy Loewe
Zweite Ausgabe, Oktober 2020
Herausgeber: Hedy Loewe, Sabine Schöberl, Veilchenstr. 4, 90587 Veitsbronn
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über „Tauschbörsen“ zählt..
Covergestaltung: Magicalcover.de / Giusy Ame Bildquelle: Depositphoto
Lektorat: wortlogik.de, S. M. Heinrich
Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.hedy-loewe.de
Kontakt:
Für meinen Papa.
Der Wind pfiff uns ordentlich um die Ohren.
Mit dir an meiner Seite hab ich nur gelacht.
Danke. Du hast mich stark gemacht.
Planspiel Beta-Atlantis
Die Jagd beginnt
Skye
Das jaulende Gekläff eines Bluthundes unterbrach jäh die Stille des beschaulichen Nachmittags. Captain Skye Collins hielt in der Bewegung inne und lauschte. Aus einer schmalen Gasse kam das Geräusch tappender, nackter Füße auf dem steinernen Pflaster. Bisher schien mir der Ort so verschlafen. Vielleicht tut sich ja doch noch was Interessantes. Der große Mann in der tadellosen Uniform eines Fregattenkapitäns der Föderationsflotte lehnte im Schatten eines Balkons an einer Hauswand und war dabei, sich eine dieser fantastischen dünnen Zigarren anzuzünden, für die der Ort berühmt war. Gerade kam Captain Collins von seinem Lieblingsladen in der kleinen Hafenstadt Albatrasca auf der Insel Solitude und hatte seinen Vorrat aufgefüllt. Der Tabak enthielt eine scharfe, würzige Note, die das Gehirn durchblies und deren Duft nach Vanille und Chili die Sinne anregte. Wichtiger noch als die Zigarren war der kurze Plausch mit dem alten Einheimischen, der diese Tabakwaren herstellte. Als die Schritte näherkamen, wich die entspannte Lässigkeit des jungen Captains einer hellwachen Aufmerksamkeit.
Etwas Lebendiges kam keuchend die schmale Gasse entlanggelaufen, die hinunter zum Hafen führten. Skye beobachtete die Kreuzung. Jeden Moment musste das rennende Wesen in sein Blickfeld laufen. Ob es ein Mensch ist? Oder einer der Ichtyos? Tatsächlich. Schwer atmend und hustend erschien ein abgerissen aussehender Schiffsjunge im tief stehenden Licht der Nachmittagssonne.
Wie kommt denn der hierher? Von meinem Schiff ist er jedenfalls nicht. Den hat es ja schwer erwischt. Der junge Kerl hatte ein zerschlagenes, blutendes Gesicht. Der linke Arm hing wie tot herab. Ein ziemlich dürres, mittelgroßes Kerlchen. Die verdreckte Seemannshose schlotterte um den Leib, ein einfaches Hemd hing darüber. Nein. Das Hemd hing nicht an ihm. Es klebt von Blut. Sie haben ihn ausgepeitscht. Verdammt. Sie schlagen immer öfter über die Stränge. Der Junge blickte sehnsüchtig in Richtung Hafen, doch er konnte nicht mehr. Gleich bricht er zusammen. Er braucht dringend ein Parley. Das Kläffen des Hundes kam näher.
Captain Skye stieß einen kurzen, leisen Pfiff aus. Der Junge zuckte und blickte erschrocken in seine Richtung. Oder er versuchte es zumindest. Seine Augen waren fast zugeschwollen und blutunterlaufen. Das sieht übel aus. Skye nickte in Richtung eines großen Haufens stinkender Fischernetze, die ein paar Schritte entfernt lagen. Der Junge verstand und schleppte sich mit letzter Kraft darauf zu. Skye hob ein paar der Netze an und half ihm, darunter zu verschwinden. Mit einem Seufzer sackte der magere Kerl zusammen.
Skye stellte sich in aller Ruhe zurück an die Hauswand und tat, was er ohnehin gerade vorgehabt hatte. Er zündete sich seine Zigarre an und wartete.
Zwei Kerle kamen mit dem Hund aus der Gasse.
»Dieser blöde Köter! Hätten wir ihn nicht mitgenommen, hätten wir die Kanaille erwischt!«
Der eine trat nach dem Hund, der wütend nach seinem schweren Stiefel schnappte. Der andere sah sich um. Der Hund witterte und knurrte.
»Der Rote Vadim zieht uns die Haut ab, wenn wir ihm seine Beute nicht zurückbringen«, jammerte der andere Mann. »Deshalb hab ich den Hund dabei. Such, mein Kleiner, hörst du? Such weiter!«
Der »Kleine« war ein massives Kalb. Einer dieser blutrünstigen Sucher, die die harten Kerle hier manchmal tief in den Schiffsbäuchen kämpfen ließen. Der Hund witterte und wandte sich zielstrebig in Richtung der Fischernetze. Skye trat aus dem Hausschatten und zog genüsslich an seiner Zigarre. Den Rauch blies er wie zufällig in Richtung Hundenase. Die beiden Kerle zuckten bei seinem Anblick zusammen und fassten an ihre Gürtel, um die Waffen zu ziehen. Skye hob wie erstaunt die Hände.
»Nur die Ruhe, meine Herren. Ihr wisst doch, was das Ziehen einer Waffe gegen mich bedeutet?«
Der mit dem Hund riss den Köter zurück, der auf Skye zu - oder vielmehr an ihm vorbeidrängen wollte.
»Verzeihung Captain!«, knurrte der andere und verzog verärgert das Gesicht. In seinem schweren Uniformmantel mit den beiden goldfarbenen Epauletten auf den Schultern war Skye auf dem ersten Blick als Kapitän der hoch geachteten Flotte der Föderation zu erkennen. Diese hatte zusammen mit dem bunten Völkchen der Händler und Siedler vor ein paar Jahren begonnen, die Inselwelt der Ichtyos zu erforschen und zu besiedeln. Skye war weitgehend unbewaffnet, sah man von dem standesgemäßen, goldverzierten Säbel einmal ab, der eigentlich nur Eindruck machen sollte, aber wenig als effiziente Waffe taugte. Der Hundeführer starrte wie gebannt in Skyes Gesicht. Auf seine Wange, nicht in seine Augen. Der Typ kennt mich also auch schon. Die beiden Kerle gehören offenbar zur direkten Umgebung des »Roten Vadim«. Schau an. Vadim Smalov, der sich gern »Der Rote Vadim« nennen ließ, war einer der berüchtigtsten Menschen, die sich auf diesem Planeten niedergelassen hatten und nicht zur Flotte gehörten. Skye interessierte sich schon lang für dessen Machenschaften, aber nun wollte er erst mal die beiden schäbig gekleideten Männer so schnell wie möglich loswerden und von dem verletzten Jungen ablenken. Er schob seinen eleganten Zweispitz ein Stück aus dem Gesicht und nickte in Richtung der Gasse, die vom Hafen weg in Richtung Dschungel führte. Wie beiläufig bückte er sich, um ein imaginäres Stäubchen von seinem glänzenden Stiefel wegzupolieren und blies dabei dem Hund eine zweite scharfe Rauchwolke vor die Nase. Der Köter nieste.
»So ein abgerissener junger Kerl ist gerade dort rein gelaufen. Was hat er denn angestellt?«
Die Kerle schauten irgendwie betreten. Der Größere von beiden antwortete rasch und sicher. »Er hat was geklaut. Wir werden ihn zurückbringen und dann wird er rausgeworfen.«
Das war genau die Antwort, die Skye normalerweise hätte hören wollen. Doch irgendetwas am Auftreten dieser beiden Halunken störte ihn ganz gewaltig. Ganz sicher werde ich euch den Kleinen nicht überlassen, dachte er. Ich werde selber von ihm hören, was passiert ist und wer ihn so zugerichtet hat. Der Captain wies lässig auf die Gasse. »Wenn ihr euch beeilt, kriegt ihr ihn, bevor er den Dschungel erreicht.«
»Aye, Captain Scar!«, sagte der mit dem Hund und hob die Hand dienstbeflissen zum Gruß, um sich sofort erschrocken zu korrigieren. »Verzeihung, Captain Collins!« Aha. Sogar mein Spitzname hat sich schon bis zum Roten Vadim herumgesprochen. Der Andere knurrte etwas Unverständliches. »Komm!«, befahl er seinem Kumpanen, der den Hund, der unwillig knurrte, von Skye fortzerrte. Dann rannten sie in die Gasse hinein. Sie war verwinkelt, schnell verschwanden die beiden außer Sichtweite.
Ohne Hast hob Skye die Netze hoch und stieß den Jungen mit dem Fuß an. »Komm auf die Beine. Folg mir.«
Doch der Junge lag da wie tot. Skye sah sich um. Neben den Netzen lagen ein paar alte Säcke. Er stülpte einen von oben und einen von unten über den bewusstlosen Jungen und warf sich das Bündel über die Schulter. Das Kerlchen war nicht schwer. Ist doch mal ein Spaß, dem Roten Vadim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Vielleicht kann der Junge ja was Interessantes erzählen. Einen Moment dachte Skye an die strengen Spielregeln, die für ihn und sein Schiff galten. Ein Mitglied der Händler, sozusagen einen Zivilisten, einfach so mit an Bord zu nehmen, konnte ihm auch mächtig Ärger bringen. Aber Skye brachte es nicht übers Herz, den verletzten Jungen einfach so seinem Schicksal zu überlassen. Und wie es aussah, brauchte der Bursche dringend ärztliche Behandlung. An Bord kann sich der Doktor um ihn kümmern. Und ich kann einen zusätzlichen Schiffsjungen gut gebrauchen. Bin außerdem gespannt, welche Geschichte dahintersteckt. Endlich habe ich einen losen Faden gefunden, der mich vielleicht ein Stück näher an den Roten Vadim heranbringt. Skye machte sich mit seiner Last auf zu seinem Schiff.
Näher am Hafen wurden die Gassen lebendiger. Die kleine Stadt Albatrasca, die überwiegend von Ichtyos, aber auch von einigen Menschen bewohnt wurde, erwachte aus dem Nachmittagsschlaf. Mit Wucht krachte neben Skye eine schwere Tür an die Wand und ein bulliger, dunkelhäutiger Mann trat lachend auf die Straße. Eine hübsche, dralle Schönheit mit der für diese Inseln typischen, mal grau, mal grünlich schimmernden Haut drängte sich an ihn.
»Besuch mich bald wieder, du wilder Stier«, gurrte ihm die Ichtyofrau ins Ohr. Der Bulle küsste sie und versenkte seine großen Hände gerade in ihrem ausladenden Hintern, als er über ihre Schulter hinweg seinen Captain sah. Als hätte er sich die Finger verbrannt, ließ er die Frau los und salutierte. Skye deutete eine Grußerwiderung an und grinste.
»Landgang beendet, Mr Small. Hier ist ein Auftrag. Nehmen Sie mir diesen Sack ab. Es sind ein paar Sachen für den Doktor drin. Bringen Sie sie an Bord.«
Skye legte seinem zuverlässigen ersten Maat den Sack über die Schulter. Dabei flüsterte er ihm zu: »Seien Sie vorsichtig mit dieser Fracht. Lassen Sie niemanden merken, was Sie da an Bord bringen, auch unsere Mannschaft nicht. Wenn der Doktor keinen Platz mehr hat, kann er den Jungen in meiner Kajüte verarzten.«
Nicht nur die Spione des einheimischen Inselgouverneurs, auch eine Menge Händler würden am Hafen ihre Augen und Ohren offen halten und aufpassen, dass die Männer der Kriegsfregatte keine andere als die vereinbarte Ware an Bord nahmen.
»Aye, Captain.« Smalls große Hände hielten den Sack und tasteten ihn unauffällig ab. Er hatte verstanden.
»Bis zum nächsten Mal, Süße!«, zwinkerte er dem Mädchen zu. »Der Captain hat gerufen!«
Die Frau rief ihm zu: »Deinen Captain kannst du das nächste Mal gern mitbringen! So interessante Männer sind uns immer willkommen!« Doch Skye ignorierte sie. Nie im Leben würde es ihm einfallen, die Liebesdienste dieser Ichtyofrauen in Anspruch zu nehmen. Und überhaupt. Auch von den Menschenfrauen hatte er die Nase gestrichen voll. Seine letzte Beziehung hatte sehr gründlich dafür gesorgt, dass sich Skye garantiert nicht mehr auf das andere Geschlecht einlassen würde. Obwohl diese böse Erfahrung jetzt schon einige Zeit her war, hielt sich Skye strikt an seine Vorsätze und verbat sich jeden Gedanken an Frauen und den Zeitvertreib mit ihnen. Und bis jetzt ging es ihm großartig damit. Skye nickte Mr Small zu und dieser ging mit seiner Last in Richtung Kai voraus. Es war auch für ihn Zeit, zum Schiff zurückzukehren und die Verladearbeiten zu überwachen. Mit dem letzten Tageslicht sollte die Fairbanks auslaufen und die Sonne war bereits deutlich gesunken.
Am Kai waren die Ladearbeiten noch in vollem Gange. Trinkwasserfässer, Säcke mit Lebensmitteln und Fässer mit den Früchten der Insel wurden auf Holzbohlen gefiert und an Bord gezogen. Es herrschte ein emsiges Treiben. Skye wunderte sich, dass er die Kutsche des Gouverneurs der Insel am Kai stehen sah. Den Gouverneur selbst entdeckte Skye nicht. Sie hatten sich erst vor zwei Stunden in seiner Residenz getroffen, wo Skye dem Ichtyoregenten der Insel pflichtgemäß seine Aufwartung machte und sich die Landungspapiere abzeichnen ließ. Er musste unter allen Umständen so tun, als ob das ein ganz normaler Proviantierungsaufenthalt war, so wie immer in den letzten Wochen. Doch diesmal war es anders. Skyes Fregatte war bis unter die letzten Spanten mit Männern vollgestopft, die ohne das Wissen der Händler und der Ichtyos auf die Hauptinsel Numinala verlegt werden sollten. Ein Teil dieser Männer wollte das Planspiel beenden und den nächsten Lumpensammler erreichen - eines der Schiffe, die die Menschen zurück an die Basisstation brachten, von wo sie den Planeten verlassen konnten. Der andere Teil bestand aus Soldaten. Der Admiral hatte das als eine reine Vorsichtsmaßnahme deklariert, weil die Händler besonders in der Hauptstadt anfingen, menschliches Gesindel um sich zu scharen, Menschen, die Unruhe schürten und die Gier nach Macht und Technologie in dem hier lebenden Volk wecken sollten. Die bequemen und harmlosen Zeiten der Anfangsjahre des Planspiels Beta-Atlantis waren definitiv vorbei.
Auch wenn die Ichtyos ein naives Volk von Wassermenschen waren: Die Befehlshaber der Föderation – insbesondere der mit der Gesamtleitung betraute Admiral Percy Parker - waren vorsichtig und hatten von Anfang an klar gemacht, dass Übergriffe der Ichtyos auf die Menschen nicht geduldet werden würden. Die Aufgabe der Flottenkapitäne war es, die Ordnung zwischen den einheimischen Ichtyos und dem Händlervolk sicherzustellen und Rechtsübertretungen im Falle eines Falles zu verfolgen. Sollte irgendjemand auf dieser Insel es wagen, den Kapitänen, die eine Art Planspielpolizei darstellten, auch nur ein Haar zu krümmen, hätte dies ernsthafte Konsequenzen. Aber bisher waren alle Lebewesen, die Skye auf dem Inselkontinent, den sie Neu-Oceania nannten, kennengelernt hatte, um Frieden und guten Willen bemüht gewesen. Die Kapitäne der Föderationsflotte, die sich auch die Seefahrer nannten, nahmen sich nicht einfach, was sie sich mit ihren kriegstauglichen Schiffen holen konnten. Sie kauften ihren Proviant und das Wasser, das sie für die weiten Reisen benötigten, und das Händlervolk war angehalten, mit den Einheimischen nach fairen Grundsätzen zu handeln und die Ichtyos nicht über Gebühr über den Tisch zu ziehen. Das gehörte zu den Richtlinien des Planspieles.
Skye war fast von Anfang an dabei und ging in seiner Rolle als Fregattenkapitän auf. Das Segeln der wunderbaren Schiffe, der Expeditionscharakter seines Auftrages, die herrliche Inselwelt Oceania, all das faszinierte ihn und half ihm, die Schatten seiner Vergangenheit und den, der auf seine Zukunft fiel, ein Stück weit zu vertreiben. Die Teilnahme an diesem gigantischen Rollenspiel brachte nicht nur Ablenkung, sondern echte Freude und sie wurde auch noch sehr gut bezahlt. In den letzten paar Wochen machte sich Skye allerdings immer häufiger Gedanken über die Entwicklung, die das Planspiel nahm. Der von Anfang an zwischen dem geschätzten Admiral der Föderation, den Händlern und den Ichtyos vereinbarte Frieden war irgendwie am Bröckeln, ohne dass er das genauer greifen konnte. Hier und da brandeten Spannungen auf, die es in den ersten Jahren seit der Ankunft der Menschen nie gegeben hatte. Die Föderationsflotte hatte nach wie vor den Auftrag, Frieden zu wahren und die Bewohner des Inselkontinents nicht zu verärgern.
Viele Männer grüßten den Captain, als er sich gemächlich dem Schiff näherte. Skye nickte ihnen zu, stellte sich mit auf dem Rücken verschränkten Händen hin und ließ seinen aufmerksamen Blick über das Durcheinander von Händlern, Matrosen und Ichtyos gleiten. Auf See war das Schlimmste die Langeweile. Deshalb hatte er in den letzten Wochen seine Mannschaft auf das Verladen und Verstauen des Proviants gedrillt und immer wieder die schwierigsten Segelmanöver geübt. Skye war stolz auf sein schönes Schiff und die gut eingespielte Mannschaft. Die diversen Beobachter, die seine Fregatte mit dem Namen Fairbanks nicht aus den Augen ließen, würden an der Schnelligkeit und Präzision, mit der Skyes Männer arbeiteten, nichts Ungewöhnliches finden. Heute kam es nur darauf an, dass sich die vielen Männer, die sich eingepfercht unter Deck aufhielten, nicht verrieten. Gerne wäre Skye vorgestern weiträumig an dieser Insel vorbeigesegelt, der die Flotte den Namen Solitude gegeben hatte. Den ursprünglichen Namen in der seltsamen Sprache der Ichtyos konnte kein Mensch aussprechen. Doch jede Änderung der Route auf See wäre den Ichtyos aufgefallen. Wenn seine schöne Fairbanks, ein nach jahrhundertealten Plänen gebauter Dreimaster mit 48 Geschützen, auch nur von einem kleinen Fischer außerhalb der vereinbarten Route gesehen werden würde, konnten die Manöver des Admirals und das ganze Planspiel auffliegen. Und ausnahmslos alle Menschen auf diesem Planeten hatten das Ziel, das zu verhindern.
Skye schlenderte zu einem der großen Holzfässer, ließ den Händler den Deckel öffnen und nahm sich eine der heimischen Früchte, die Äpfeln sehr ähnlich waren, aus dem Fass. Saft spritzte aus der Frucht, als er kräftig hineinbiss.
»Nur allererste Qualität!«, pries der Händler seine Ware an.
Skye nickte. »Sieht so aus. An Bord damit.« Er ging in die zweite Fässerreihe und deutete auf ein Fass. Auch dieses wurde geöffnet. Skye holte ein paar verfaulte Früchte heraus.
Der Händler machte große Augen.
»Ich weiß nicht, wie das Fass dazwischengeraten konnte!«
Bevor er weiterlamentieren konnte, unterbrach Skye ihn unwirsch. »Du hast fünf Minuten Zeit, die schlechten Fässer auszusortieren. Landet eines davon bei mir an Bord, hast du das letzte Mal an die Flotte geliefert.«
Dienernd nickte der Mann und wieselte zwischen seiner Ware herum. Vier von den zehn Fässern markierte er und winkte ein paar Männer heran, um sie abzutransportieren.
Aus einer diskutierenden Gruppe von Händlern heraus kam der Gouverneur schließlich auf Skye zu. Er war klein und zierlich, die anderen hatten ihn gut verdeckt.
»Auf ein Wort, Captain.«
Skye verbeugte sich, wie es sich vor dem Gouverneur gehörte.
»Was gibt es noch, Sir?«
Der spindeldünne Mann mit dem grauen Teint der Ichtyos und den verwelkt wirkenden, grauen Haaren wedelte mit seinem Spitzentuch und spazierte in der Abendsonne den Kai entlang. Sein faltiges Gesicht hatte er sorgenvoll verzogen.
Der alte Fuchs will nicht, dass uns jemand zuhört. Er tut, als wollte er reine Konversation betreiben. Skye folgte ihm höflich, doch zu seiner Überraschung plauderte der Gouverneur nur über Belanglosigkeiten. Langsam wurde Skye nervös. Er blickte zurück zum Schiff und sah von Weitem, wie Mr Small den Sack mit dem Jungen auf den letzten Transport schnallte, der gleich über die Bordwand gezogen werden würde. Es war geschafft. Das Kerlchen war an Bord. Skye sah erleichtert, dass Mr Small schon an Bord war, um die Fracht dort abzuholen und wie befohlen zum Doktor unter Deck zu schaffen. Er hatte dem Geplauder des Gouverneurs nur mit halbem Ohr zugehört.
»Sir, es wird Zeit für mich, an Bord zu gehen. Wir laufen noch heute Abend aus«, unterbrach er diesen schließlich und verneigte sich.
Der Gouverneur blieb stehen und blickte versonnen hinaus auf das Meer, das prachtvoll und tiefblau vor ihnen lag.
»Wie gern würde ich einmal mit einem Ihrer herrlichen Schiffe nach Numinala segeln.«
Skye war hellwach. Niemand sollte wissen, dass das Ziel der Fairbanks Numinala hieß. Genauso unmöglich war es, dem Gouverneur diesen Wunsch jetzt zu erfüllen.
»Unsere Reise geht nach Turtle Bay, Sir, nicht nach Numinala«, korrigierte er den Mann. »Im anderen Fall hätte ich Sie gern mitgenommen.«
»Ja, ich weiß, was in Ihren Papieren steht, Captain.« Zwinkernd sah der Gouverneur zu Skye auf, der ihn um mehr als einen Kopf überragte. »Turtle Bay ist um diese Zeit auch sehr schön. Wobei der Weg dorthin nicht immer einfach ist. Man spricht darüber, dass die Meere neue Kräfte sammeln. Die Stürme sind ungewöhnlich heftig für diese Jahreszeit. Ihr Schiff ist schnell und kann heute Nacht für gewöhnlich rasch am Cap Nouvelle vorbeiziehen, damit ein aufkommender Sturm Sie nicht an die Küste zurückwirft. Hätte ich daran irgendeinen Zweifel, zum Beispiel, weil Sie sehr viel Proviant geladen haben müssen, so tief, wie die Fairbanks im Wasser liegt, dann würde ich Ihnen zu einer Route raten, die nicht so nah entlang der Küstenlinie liegt.« Er sah in die Ferne. »Sogar wir Ichtyos sind besorgt über die Heftigkeit der Stürme in diesem Jahr.«
Skye folgte der Blickrichtung des Gouverneurs, konnte jedoch keinerlei Anzeichen für eine Wetteränderung ausmachen.
Versonnen sprach der Gouverneur weiter.
»Hüten Sie sich vor den großen Stürmen, mein lieber Captain. Sie sollten mit weniger Tiefgang segeln. Aber«, er schnupfte in sein Taschentuch, »Sie werden das schon richtig entscheiden. Ein bescheidener einheimischer Verwalter wie ich wird dem Kapitän einer Kriegsfregatte der verehrten Handelspartner natürlich niemals einen Ratschlag erteilen.«
Sie waren wieder bei Skyes Schiff angekommen.
Skyes erster Offizier trat auf ihn zu und grüßte. »Sir, die Ladung ist aufgenommen.«
»Danke, Mr Bonney. Ich komme an Bord«, antwortete Skye seinem ersten Offizier und wandte sich noch einmal an den Gouverneur.
»Leben Sie wohl, Gouverneur Halfa, und danke für Ihren Rat. Wir werden die Stürme nicht unterschätzen. Ich freue mich auf unseren nächsten Besuch auf dieser schönen Insel. Ich denke, in einem Monat sind wir wieder hier. Vielleicht sind Sie dann einmal mein Gast auf dem Schiff, auch wenn ich Ihnen nicht viel Komfort bieten kann.«
Ein erfreutes Lächeln erhellte das Gesicht des Ichtyos. »Ich würde mich freuen, Ihr schönes Schiff einmal zu besichtigen«, antwortete er, und es klang ehrlich. »Es war wie immer eine Freude, mit Ihnen zu plaudern, Captain Collins.«
Skye schlug leicht die Hacken zusammen und verbeugte sich erneut. Nicht besonders ehrfurchtsvoll, aber eben so, dass die umstehenden Augen sehen konnten, dass die Föderationsflotte dem hiesigen Gouverneur gebührend Respekt zollte.
Der Gouverneur lächelte milde und stolzierte zu seiner Kutsche. Die Hufe des Pferdes klapperten davon. Pferde waren wertvolle Geschenke der Menschen und bei den Ichtyos besonders begehrt.
Skyes erster Offizier stand regungslos neben ihm, als hätten sie alle Zeit der Welt. Doch unauffällig flüsterte er ihm zu:
»Es wird wirklich Zeit, Skye, die alte Lady ächzt schon, so viel haben wir geladen. Wir sollten schleunigst von hier verschwinden.«
Skye hielt das Gesicht prüfend in den Wind. »Der ablandige Wind steht gut. Wir werden schnell aus dem Hafen kommen. Schiff klarmachen zum Ablegen, Mr Bonney!«, befahl er und stieg mit sicheren Schritten über die federnde Planke hinauf an Bord.
Skye und Jason hatten vor fast fünf Jahren gemeinsam ihren Dienst angetreten und sich vom Fähnrich über die Leutnantshierarchie hochgearbeitet. So manches Manöver machten die beiden gemeinsam durch und eine glückliche Fügung hatte Jason bei diesem Kommando als ersten Offizier auf Skyes Schiff verschlagen. Skye hatte sich schon immer für die Seefahrt interessiert. Für ihn gab es damals nicht viel zu überlegen, als die Föderationsregierung für den Planeten Beta-Atlantis Männer für die Sea-Squads suchte, die auf äußerlich alten Schiffen mit einem modernen Equipment, das gut im Inneren der Schiffe verborgen war, die Meere, Inseln und Kontinente des Planeten Beta-Atlantis vermessen sollten.
Skyes Freund Jason hatte keine Ambitionen, selbst Kapitän zu werden. Er bewunderte Skye für sein Navigationsgeschick, seine Fähigkeit, diplomatisch mit schwierigsten Gegnern zu verhandeln und sein Draufgängertum, wenn es darauf ankam. Solang sie unter sich waren, wählte Jason Skyes Vornamen, was er im Rahmen der Bordroutine niemals getan hätte. Es gehörte zum Kontrakt, die Regeln des Rollenspiels einzuhalten, und zwar stilvollendet und genau. Skye nickte Jason bejahend zu und balancierte mit sicheren Schritten über das schmale Brett, das die Kaimauer noch mit einer Strickleiter an der Außenwand der Fairbanks verband. Geschickt enterte der Kapitän der Fairbanks auf und schwang sich über die Reling.
Die Wache trillerte mit ihren Pfeifen das Willkommen für den Kapitän. Jason folgte ihm auf dem Fuße.
»Klar zum Ablegen, Mr Bonney!«, befahl der Captain und Jason gab die Befehle, die die Fairbanks auf ihre nächtliche Reise senden sollten.
Beim Auslaufen stand Skye für alle Beobachter an Land gut sichtbar in aller Ruhe auf dem Achterdeck und gab seine Kommandos. Der ablandige Abendwind kam auf, die Segel griffen, bauschten sich und die Fairbanks steuerte auf ruhiger See dem herrlichen Sonnenuntergang entgegen.
Die Decks der Fairbanks waren niedrig, und so überladen, wie es derzeit zuging, war das Schiff für die Besatzung eine echte Zumutung. Captain Collins hatte einen guten Ruf als Kapitän und sorgte sich nach bestem Gewissen um seine Mannschaft. Bisher kam niemand auf die Idee, sich zu beklagen. Doch die Reise, die nun anbrach, sollte gut zwei Wochen dauern. Es würde nicht einfach sein, die Leute bei Laune zu halten. Schon gar nicht diejenigen, die das Planspiel beenden und so schnell wie möglich den Planeten verlassen wollten.
Skye rief seinen ersten Offizier zu sich und berichtete Jason, was Gouverneur Halfa ihm mitgegeben hatte.
»Was zum Teufel wollte er uns damit sagen?«, fragte Jason ratlos.
Wie immer, wenn er sich konzentrieren wollte, schaute Skye hinaus aufs Meer. »Er warnt uns vor den Stürmen. Als ob wir uns vor Stürmen fürchten müssten.«
Jason zuckte mit den Schultern und suchte mit seinem Fernrohr die langsam zurückweichende Küstenlinie ab. Linker Hand würden sie bei normalem Kurs in circa drei Stunden Cap Nouvelle umrunden.
»Wir haben in diesen Gewässern schon einige schwere Wetter erlebt. Die alte Lady schafft das schon. Aber auf jeden Fall hat der Alte mitgekriegt, dass wir tiefer im Wasser liegen, als das mit der normalen Ladung der Fall wäre. Die vielen Männer machen doch einiges aus.« Jason drehte sich zu Skye um. »Ahnt der Gouverneur, dass wir so viele Männer an Bord haben? Und weiß er, weshalb?«
Für die Matrosen, die diesmal für den Landgang eingeteilt worden waren, legte Skye seine Hand ins Feuer. An Bord gelangte kaum eine Maus, ohne dass die Wachen etwas bemerkten, und schon gar kein Mann der Ichtyos oder sonst ein Individuum. »Ich denke nicht«, meinte er. »Vielleicht will er uns ganz einfach vor den Untiefen am Cap warnen, die uns bei schlechtem Wetter gefährlich werden könnten? Er weiß ja nicht, dass unser Navigationssystem längst jedes Riff zwischen hier und Numinala kennt.«
Jason schüttelte den Kopf. »Irgendwas steckt hinter seiner Warnung. Er weiß, was wir an Bord haben, und wollte es uns wissen lassen. Fangen die Ichtyos an, uns zu misstrauen? Beginnen sie vielleicht sogar, sich zu bewaffnen?«
Skye zuckte fast unmerklich mit den Schultern. »Bisher haben wir nur von kleineren Protesten auf Numinala gehört. Es gibt immer wieder Reibereien zwischen den Händlern und den Ichtyos. Kein Wunder, da sind mittlerweile eine Menge Halsabschneider darunter. Deshalb verlagern wir ja auch die Männer dorthin. Aber eine Bewaffnung kann ich mir nicht vorstellen. Im Ernstfall rufen wir Verstärkung und sind ihnen waffentechnisch haushoch überlegen. Wo zum Beispiel sollen die Ichtyos denn Schiffe herhaben, die unseren gewachsen sind?«
Jason stimmte nickend zu. Keine der Fregatten des Admirals war so schnell und wendig wie die Fairbanks, und kaum einer der jüngeren Kapitäne konnte sie so großartig steuern wie Skye. Doch so träge, wie sie im Moment war, würden andere Schiffe gut aufholen können.
»Sie haben nur ihre einfachen Boote. Wenn sie uns angreifen wollen, dann müssten sie vorher schon ein paar Schiffe der Flotte klauen«, grinste sein Freund und erster Offizier.
Skye hatte einen Entschluss gefasst. »Wir korrigieren den Kurs. Es sieht zwar nicht nach Sturm aus, aber sollte uns doch einer überraschen, ist es besser, weiter draußen zu sein.« Dann überließ er Jason das Kommando auf Deck und machte sich auf den Weg in seine Kajüte. Ich hab so ein komisches Gefühl. Vielleicht hängt Halfas Warnung mit den Gezeiten zusammen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Ichtyos uns angreifen. Eventuell habe ich auf den Seekarten etwas übersehen. Ich werde unten den Kurs überprüfen.
Skye kam vor der Kapitänskajüte an und wunderte sich, warum Mr Small vor seiner Kajüte Wache stand.
»Warum bewachen Sie meine Kajüte, Mr Small?« Erst jetzt fiel ihm der verletzte Junge wieder ein. Der große Maat machte ein grimmiges Gesicht. Eigentlich hatte der Mann eher ein sonniges Gemüt.
»Ich hab Ihren Befehl ausgeführt, Captain. Der Doktor musste mit dem Inhalt des Sackes in Ihre Kajüte ausweichen. Und Sie werden sehen, das war auch gut so. Unten in den Krankenkabinen ist wegen unserer ›Ladung‹ alles überbelegt.«
»Ist der Doktor noch drin?«
Mr Small nickte und gab die Tür in die Kapitänskajüte frei.
Der Schiffsarzt Dr. Kingsley stand mit dem Rücken zum Captain und war mit der Behandlung des Patienten beschäftigt, den er mangels anderweitigem Platz in der Schlafkoje des Kapitäns abgelegt hatte.
Der kleine Doktor legte viel Wert auf gute Umgangsformen. Doch diesmal grüßte er den Captain nicht, warf nur einen kurzen Seitenblick auf ihn und giftete: »Was haben Sie sich nur dabei gedacht?«
Skye grinste. »Ein Schiffsjunge mehr oder weniger, darauf kommt es doch nicht an, Doktor. Auch wenn wir vielleicht etwas überbelegt sind. Der Junge kann gern in meiner Kajüte bleiben, bis wir die Männer auf Numinala abgeliefert haben.«
Entrüstet drehte sich der Doktor zu ihm um und stützte die Hände in die Seiten. »Der Junge? Ich halte Ihnen zugute, dass man aus dem misshandelten Gesicht nicht viel erkennen konnte. Aber das da«, theatralisch deute er auf das halb nackte, stöhnende Bündel Mensch, »das da ist kein Junge!«
»Was?« Mit einem großen Schritt war Skye herangetreten. Der Doktor hatte dem Patienten das blutige Hemd ausgezogen, der Rücken sah böse aus, das Gesicht war blaugrün verschwollen. Die zerzausten blonden Haare klebten blutverschmiert am Kopf. Auch die Rippen hatten üble Schläge abbekommen. Doch die sanften Wölbungen über den Rippen waren eindeutig als die Brust eines Mädchens oder vielmehr einer jungen Frau erkennbar. Und zwar ist das ein recht hübscher Busen, spukte Skye durch den Kopf, bevor ihn die Konsequenz wie ein Hammer traf.
Ein Mädchen auf einem mit Männern überfüllten Schiff. Das ist eine Katastrophe.
»Genau das ist es!«, schimpfte der Doktor. »Eine Katastrophe.«
Hab ich grad laut gedacht? Skye war von der Erkenntnis, ein Mädchen in seiner Kajüte zu haben, noch viel zu perplex.
»Was können wir tun?«, murmelte er mehr zu sich selbst.
»Ich schätze mal, wir können nicht zurück, um sie an Land zu bringen. Und da wir sie auch nicht einfach über Bord werfen können und ersäufen, wie eine junge Katze - was vielleicht für alle Beteiligten sogar das Beste wäre - sollten Sie ganz schnell Pläne machen, wo wir sie absetzen können. Und gnade Ihnen Gott, wenn die Männer oder der Admiral das herausfinden. Hat sie denn nicht um Parley gebeten?«
Skye schüttelte den Kopf. »Sie war bewusstlos.« Er überlegte fieberhaft. Der Doktor sprach ein wahres Wort. Frauen an Bord waren tabu. Das war´s mit meiner Planspielkarriere. Zumindest gibt es einen ordentlichen Punktabzug, wenn das herauskommt. Verdammter Mist. Aber das dermaßen übel zugerichtete Mädchen über Bord zu werfen und zum Mörder zu werden, war für ihn völlig undenkbar. Auch für den Doktor war das nur ein in seinem Zorn ausgespuckter Scherz. Doch nun lagen zwei Segelwochen vor ihnen, wenn der Wind und das Wetter mitspielten. Zwei Wochen, in denen die Crew nichts davon mitbekommen durfte, dass sich in seiner Schlafkoje kein kranker Schiffsjunge, sondern eine junge Frau befand.
»Doktor, wir behalten sie an Bord«, befand Skye kurz. Der Doktor nickte ergeben. Er hat scheinbar nichts anderes erwartet. »Können Sie sie hier behandeln?«
»Es geht ja nicht anders. Wir bleiben dabei, dass wir einen verletzten Schiffsjungen aufgegabelt haben. Sie können sich auf mich verlassen, Captain. Von mir erfährt niemand etwas. Und ich denke, auf den guten Small können Sie auch zählen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass außer uns keiner diese Kajüte betritt.«
Normalerweise wird das auch niemand tun, ging es Skye durch den Kopf. Die Kajüte des Kapitäns war sozusagen heilig, es sei denn, der Kapitän befehligte jemanden dorthin, was Skye selten tat. Im Gefechtsfall wurde auch die Backbord-Kanone besetzt, die nach achtern ausgerichtet an der Außenwand festgezurrt war. Doch ein ernsthaftes Seegefecht schien Skye unmöglich, und bis zur nächsten Übung auf hoher See würde Skye das Mädchen längst irgendwo abgesetzt haben. Sein Freund Jason kam ab und zu in die Kajüte des Captains, um die Orders zu besprechen oder sich mit ihm beim Kartenspielen die Zeit zu vertreiben. Jason wird der Einzige sein, den ich noch einweihe. Er wird mir dabei helfen, dieses Geheimnis zu bewahren.
Der Doktor unterbrach Skyes Gedanken.
»Captain, nun müssen Sie mir allerdings zur Hand gehen. Das wird jetzt nicht besonders schön.«
Nein. Die Behandlung der Verletzungen des Mädchens war alles andere als schön. Skye war entsetzt, wie man einer Frau so etwas antun konnte. Noch dazu einem offensichtlich so zerbrechlichen Geschöpf wie diesem. Die Haut am Rücken hing in Fetzen. Der Doktor kugelte die linke Schulter wieder ein und meinte, es wäre ein Glück, dass nichts gebrochen wäre. Bei den Rippen war er sich nicht so sicher. Und als ihm der Doktor erklärte, was ein Mann der jungen Frau angetan hatte, wurde es Skye heiß vor Zorn. Gewalt dieser Art war auch im Rollenspiel verboten und wurde streng geahndet. Skye schwor sich, den Verantwortlichen aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, sobald das Mädchen eine Aussage gemacht hatte. Endlich war Doktor Kingsley mit der Versorgung fertig. Die offenen Wunden am Rücken waren desinfiziert und verbunden, das Mädchen gewaschen und in eine Position gelegt, die ihr hoffentlich relativ wenig Schmerzen bereiten würde. Sie war kurzfristig zu Bewusstsein gekommen, als Doktor Kingsley ihr das Desinfektionsmittel über den Rücken tupfte, glücklicherweise fiel sie gleich wieder in Ohnmacht. Skye hatte ihr den Mund zugehalten, damit ihre Schmerzensschreie sie nicht verrieten, und fühlte sich dabei, als würde auch er sie foltern. Jetzt trug sie eines von Skyes Hemden als Nachthemd und schien zu schlafen.
»Ich bleibe bei ihr, bis sie zu sich kommt, und gebe ihr dann ein Beruhigungsmittel. Ich denke, das ist das Beste, damit sie die nächsten ein bis zwei Tage einigermaßen übersteht.«
Skye nickte.
»Doktor, Sie dürfen jederzeit zu ihr. Wann immer ich nicht hier sein kann, nehmen Sie Mr Small mit, um Wache zu stehen. Sollte keiner von uns hier sein, schließe ich die Kajüte ab. Ich muss jetzt an Deck und einiges regeln.«
Der Doktor nickte erschöpft und Skye verließ die enge Kajüte. Er musste dringend mit Jason reden.
Juniya
Juniya fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen. Irgendwann wache ich auf. Die Instruktoren holen uns zum Frühstück ab und die Ausbildung im Institut geht weiter. Doch seit einigen Tagen war nichts mehr in ihrem Leben, wie es einmal war. Sie wusste nicht, wo sie war, und hatte ständig das Gefühl zu träumen. Denn alles um sie herum wirkte, als hätte sie einen Zeitsprung hinter sich. Dieses Gefühl der Unsicherheit empfand die kühle, analytische Juniya als furchtbar. Und das, was sie die letzten Tage am eigenen Leib erleben musste, war einfach nur entsetzlich. Im Moment war Juniya wach, doch sie hielt ihre Augen geschlossen und sie versuchte, sich keinen Millimeter zu rühren. Einfach alles an ihrem Körper verursachte Schmerzen. Juniya hörte gleichmäßige Atemzüge. Es ist jemand hier. Sie traute sich nicht, mit ihren telepathischen Fähigkeiten herauszufinden, wer das war und ob sie seine Gedanken lesen konnte. Bei dem Versuch, dieses menschliche Monster, das sich »Jacks« rufen ließ, zu beeinflussen, hatte dieser einen Tobsuchtsanfall bekommen. Das Ergebnis spürte sie an jedem einzelnen Knochen. Er wollte mich totschlagen. Juniya versuchte nun doch sehr vorsichtig, die Augen zu öffnen.
Das funktionierte nur bei einem Auge. Das andere bekam sie nicht auf. Ihre Kopfschmerzen waren höllisch. In ihrem Sichtfeld saß ein Mann auf einem hölzernen Stuhl mit gerundeter Lehne. Sein Kopf war vornübergesunken, auf den Knien hielt er ein großes Buch. Wie rückständig, ging ihr durch den Kopf. Dunkle, lockige Haare hatte er zu einem Zopf im Nacken zusammengefasst. Ein weißes, weites Hemd war vorn offen und entblößte einen Teil seiner braun gebrannten, muskulösen Brust, die langen Beine steckten in hohen, schwarzen Stiefeln, die irgendwie altmodisch anmuteten. Sein Atem ging tief und gleichmäßig, er schlief. Im Gegensatz zu dem letzten Mann, dem sie begegnet war, wirkte dieser gepflegt, nur war sein eigentlich ebenmäßiges Gesicht mit einer eigentümlich schimmernden Narbe versehen, die rötlich umrandet war und ihm einen unheimlichen Ausdruck verlieh. Sogar im Schlaf. Als ob hinter seinem Gesicht eine Maske läge. Wie seltsam. Aber Juniya war sich sicher: Vor ihm brauche ich keine Angst zu haben.
In ihren einigermaßen wachen Phasen hatte sie mitbekommen, dass sich zwei Männer um sie gekümmert hatten. Ein alter Mann mit gütigem Gesicht, der ihr freundliche Worte zuflüsterte und ihr gleichzeitig etwas Bitteres einflößte. Und dieser Mann. Er war es, der mich in den Fischernetzen versteckt und mich vor den Männern des Roten Vadim gerettet hat.
Zum ersten Mal seit ihrer Bewusstlosigkeit nahm Juniya wahr, dass das enge Bett, auf dem sie lag, schwankte. Wo bin ich? Wohin haben sie mich gebracht? Ein sanftes Auf und Ab schaukelte ihr Lager, ein ihr unbekanntes Rauschen schwoll mit jedem Heben an und mit dem Senken wieder ab. Juniya versuchte, den Kopf zu heben. Sie sah durch ein kleines, offenes Fenster weiße Gischt aufspritzen und tiefblaues Wasser, soweit sie mit dem einen Auge sehen konnte, sobald das Schiff sich in ein Wellental senkte. Ich bin also auf einem Schiff. Wie wunderschön, dachte sie. Wenn mir nur nicht so furchtbar elend wäre.
Das sanfte Rauschen tat seinen monotonen Dienst. Juniya sank zurück auf ihr Lager, ihr Auge fiel zu, sie schlief wieder ein.
***
Als sie das nächste Mal erwachte und das funktionsfähige Auge öffnete, war sie allein. Auf einem Gestell neben dem Bett standen eine Karaffe mit Wasser und ein Becher aus billigem Blech. Die Zunge klebte an ihrem Gaumen. Vorsichtig versuchte sie, sich aufzusetzen. Im Augenblick schwankte das Schiff kaum, das Rauschen des Wassers war leise, das kleines Fenster gegenüber ihrer Koje stand wieder weit offen. Die Schmerzen am Rücken waren entsetzlich. Irgendwann räche ich mich, du menschlicher Abschaum, dachte Juniya beim Gedanken an ihre Tortur. Sie sah an sich hinab. Ich trage ein Männerhemd. Siedend heiß fiel ihr ein, dass die beiden Männer sie komplett entkleidet und in diesem unwürdigen Zustand gesehen haben mussten. Juniya schämte sich, doch sie versuchte, sich zu beruhigen. Sie haben mir nichts getan. Sie pflegen mich nur. Völlig egal, dass sie mich nackt gesehen haben. Tränen der Scham liefen ihr über die Wangen, als sie sich daran erinnerte, was der Kerl namens Jacks mit ihr angestellt hatte, weil sie ihn beleidigt und sich geweigert hatte, seine Befehle zu erfüllen. Jetzt bin ich für immer beschmutzt und wertlos in den Augen eines Ehrenwerten. Diese Erkenntnis steigerte den Hass noch, den Juniya auf den Mann empfand, der ihr so viel Schmerz zugefügt hatte. Und nicht nur auf ihn. Was haben sie bloß mit mir gemacht? Und weshalb haben sie mich hergebracht? Mit Grauen erinnerte sie sich an den letzten Abend in ihrem sogenannten Zuhause und versuchte zu verstehen, was geschehen war. Der Schrecken begann, als das Tor zur großen Halle mit einem lauten Knall aufgeflogen war ...
»Wo ist sie?«, donnerte die Stimme des Offiziers durch das grazile Haus, dass man meinte, die fragilen Säulen, die die Decke des hohen Raumes trugen, erzittern zu sehen. Der künstliche Butler stellte sich den hereinpolternden Soldaten in den Weg.
»Was ist euer Begehr? Herr und Herrin sind außer Haus«, antwortete die Maschine in einem demütigen Tonfall.
»Wir suchen das Halbblut!« Brutal stieß der Offizier den Robot zur Seite. »Man hat uns gesagt, sie sei hier. Wenn ihr sie nicht herausgebt, werden das Haus und alle seine Bewohner vernichtet. Stellt ihr euch gegen das Gesetz?« Seine harte Stimme durchdrang den großen Saal mit Leichtigkeit.
Zitternd wich Juniya vom Treppenabsatz zurück, verbarg sich hinter einem der zahlreichen Kunstobjekte, und lauschte. Irgendwie hatte sie es kommen sehen. Sie ahnte schon lang, dass etwas geschehen würde. Nun ist es so weit. Großvater hatte recht. Ich hätte auf ihn hören sollen. Fast hätte sie aufgeschrien, als jemand sie am Arm packte und in das nächste Zimmer zog.
»Was wollen die von dir?«, flüsterte Themian ihr zu.
Hilflos zuckte Juniya mit den Schultern. »Ich habe nichts verbrochen. Ich übernachte doch nur in eurem Haus anstatt im Internat.« Juniya blickte in Themians nachtschwarze Augen. Ihr Herz schlug schneller in einer dunklen Ahnung. Mit einem Ruck zog sie der junge Mann in seine Arme und küsste sie unbeholfen. Eine unerwartete und unbeherrschte Reaktion, und das von einem Thon-Rhe der Familie Ambi. Juniyas Herz begann zu rasen. Warum jetzt?
»Ich werde dich nicht herausgeben. Wir fliehen und ich finde heraus, was sie von dir wollen«, flüsterte er ihr in einer Entschlossenheit zu, die sie von dem sonst sehr kühlen Mann gar nicht kannte.
Da hallte vom anderen Ende des großzügigen Flurs eine wohlklingende, dunkle Stimme zu ihnen herüber.
»Themian, mein Sohn, du wirst dich den Gesetzen beugen. Es ist unsere Pflicht, Juniya den Wachen zu übergeben. Es gibt keine Alternative.«
Wo kommt Themians Vater auf einmal her? Er hätte gar nicht im Haus sein dürfen! Juniya spürte heftige Widersprüche in Themian toben. Sie hatte eine feine Empfindung für die Gefühlslage ihrer Gegenüber. Das hier war nicht nur ein Konflikt zwischen Vater und Sohn, beide Telepathen in der den Menschen unbekannten Welt der Thon-Rhe. Der Anführer der Wache polterte die Treppe herauf. Juniya war dabei zurückzuweichen, doch Themians Hand hielt sie fest. Lauf!, schrie ihr eine innere Stimme zu. Aber es gab kein Entkommen. Juniyas telepathische Antennen spürten den heftigen Gedankenaustausch zwischen Vater und Sohn. Als der Offizier der Wache mit kalter Miene vor ihr stand, ließ Themian ihre Hand los, als hätte er sich verbrannt.
Keiner in dem Haus, dessen Gast sie so oft in den vergangenen Jahren gewesen war, kam ihr zu Hilfe, weder die Familienmitglieder, die aufgrund des Lärms herangeeilt waren, noch die Dienerschaft. Sie neigten sogar demütig ihre Häupter vor den Wachen, als diese Juniya in ihre Mitte nahmen und abführten.
Diese Art Polizei sah man in der Gesellschaft der Thon-Rhe selten. Mit ihrer pazifistischen Grundeinstellung und dem Reichtum des Planeten, auf dem es wenig Unterschiede zwischen Arm und Reich gab, war eine öffentlich sichtbare Polizei nicht erforderlich. Die Gesellschaft der Thon-Rhe war stolz auf ihren inneren Frieden, durchgesetzt von strengen Gesetzen und einer unbestechlichen Exekutive. Jedes Individuum wurde im Falle eines Verbrechensverdachtes fair behandelt. Dieses Wissen war der Grund, weshalb Juniya vor dem Haus ohne Widerstand in den bereitgestellten Sicherheitstransporter stieg. Das war ihr Verhängnis ...
Ich hab mich abführen lassen wie ein dummes Lamm. Aber was hätte ich denn tun können? Ein verzweifeltes Schluchzen kam aus ihrer Kehle, und die kleine Bewegung erinnerte sie wieder, dass ihr ganzer Körper aus nichts als Schmerz bestand. Und ihre Seele auch. Wie ich wohl aussehe? Vorsichtig betastete sie ihr Gesicht und die Augenpartie. Besonders um das rechte Auge, das sie noch immer keinen Spalt weit öffnen konnte, waren die Schmerzen schier unerträglich. Sie sah sich in der Kajüte um. Ein Tisch, zwei Regale, der Holzstuhl, eine große Kiste. Und eine sehr altmodische Kanone. Ist das eine Art Museum? Sonst gab es hier eigentlich nichts. Außer zwei Türen. Eine normale und eine schmalere seitlich. Hoffentlich ist das ein Sanitärraum. Vielleicht gibt es da einen Spiegel.
Vorsichtig stand Juniya auf. Auch ihre Schulter schmerzte höllisch, als sie sich auf wackeligen Beinen mit den Händen an der Wand entlangtastete. Immerhin funktionieren der Arm und die Schulter wieder. Juniya probierte das Gelenk vorsichtig aus. Sie war mit viel Selbstbeherrschung bei der kleinen Tür angekommen. Das Schloss ließ sich leicht öffnen. Es war tatsächlich eine Art winziges Badezimmer mit einer simplen Waschgelegenheit, die aus nicht viel mehr als einer Waschschüssel bestand, und einer einfachen Toilette. Ein Wassereimer mit Deckel stand daneben. Dankbar für das kleine bisschen Privatsphäre erleichterte sich Juniya und wusch sich in dem winzigen Becken die Hände. Dann fielen ihre Augen auf den kleinen Spiegel, der bei den Waschutensilien und dem Rasierzeug des Kajüteninhabers lag. Sie nahm ihn und sah hinein. Mit einem klagenden Laut sank sie an Ort und Stelle in sich zusammen.
Aus dem Spiegel blickte Juniya ein unförmiges, blau unterlaufenes Monstergesicht entgegen.
Skye
Skye öffnete die Tür seiner Kajüte. Sein erster Blick fiel auf die Koje, die er dem verletzten Mädchen abgetreten hatte. Er erschrak. Wo ist sie? Da hörte er ein leises Schluchzen. Schnell schloss er die Eingangstür hinter sich und war mit zwei Schritten im kleinen Verschlag, der als Waschraum und Toilette diente. Das Häufchen Elend mit seinem Rasierspiegel in den Händen rührte ihn zutiefst.
Sanft nahm er ihr den Spiegel aus der Hand und legte ihn fort. Ich Idiot. Da hätte ich dran denken können, schalt er sich. So vorsichtig es in dem engen Raum möglich war, hob er das Mädchen auf und trug sie zur Koje. Sie wiegt nicht mehr viel. Wenigstens ist sie jetzt wieder wach. Sie muss etwas essen.
»Der Doktor sagt, mit der Zeit vergehen die geschwollenen Stellen. Das wird wieder«, versuchte er sie zu trösten. Ungewollt kam er mit der Hand auf den Verband auf ihrem Rücken. Sie schnappte nach Luft.
»Es tut mir leid! Ich werde den Doktor holen. Er hat ein Schmerzmittel für dich.« Skye wollte sie auf die Koje legen, doch sie hielt ihn fest und klammerte sich an ihn. Was mach ich jetzt nur? Wie ein trauriges Kind schluchzte sie in seinen Armen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit ihr auf dem Schoß auf die Koje zu setzen. Vorsichtig streichelte er ihren Arm, eine der wenigen Stellen ohne blaue Flecke, und redete leise auf sie ein. Nach einer Weile beruhigte sie sich und ließ ihn los.
»Entschuldigung!«, murmelte sie und versuchte, Abstand von Skye zu gewinnen. Vorsichtig setzte er sie auf der Matratze ab und holte sich den Stuhl heran. Aus seiner Hosentasche zog er ein Taschentuch und hielt es ihr hin. Mit einem dankbaren Blick aus dem einen, halb offenen Auge nahm sie es. Zum ersten Mal konnte er ihre Augenfarbe erkennen. Sie hat silberfarbene Augen, die irgendwie glitzern.
»Ich bin Captain Skye Collins«, stellte er sich vor. »Du befindest dich auf dem Föderationsschiff Fairbanks. Hier bist du in Sicherheit. Willst du ein Parley? Meine Kajüte ist ein sicherer OT-Bereich. Wie ist dein Name?«
Das Mädchen hielt in der Bewegung inne und schluckte. Eine Veränderung schien in ihr vorzugehen. Stumm musterte sie ihn aus dem einen Auge, das noch immer tränte. Dann sagte sie mit erstickter Stimme:
»Ich habe keinen Namen.«
Ihr Flüstern klang erschrocken und verzweifelt. Skye versuchte, etwas mehr aus ihr herauszubringen. Woher sie kam, was ihr wohl passiert sei. Doch ab diesem Moment zog sich das Mädchen in sich zurück und sprach nicht mehr. Sie legte sich einfach hin und schloss die Augen.
Vielleicht eine Art Gedächtnisverlust. Wäre bei dem Trauma, das sie erlebt hat, auch kein Wunder. Vorerst gab Skye auf. Er hätte ohnehin längst wieder an Deck sein müssen.
»Ich schicke dir den Doktor. Hab keine Angst, hier wird dir nichts passieren.« Eigentlich hatte er nur eines seiner Ferngläser holen wollen. Er griff in seine Seekiste und beeilte sich, wieder nach oben zu kommen. Sie wird sich schon beruhigen. Zum Reden haben wir noch genug Zeit. Wir sind ja noch gut zwei Wochen unterwegs. Mit der Hand strich er sich über das Gesicht. In der Kajüte kam es ihm auf einmal unendlich eng vor, obwohl er diese Enge seit Jahren gewohnt war. Ein unangenehmer Druck hatte sich in seinem Kopf aufgebaut. Ich habe doch sonst nie Kopfschmerzen? An der frischen Luft war der Druck sofort wieder verschwunden und Skye hatte die eigenartige Empfindung vergessen. Ein bedrohlich wirkendes Wolkengebilde nahm seine Aufmerksamkeit gefangen.
»Hat sich was getan?«, fragte er Jason.
»Die Wolkenwand baut sich weiter auf, Sir«, antwortete Jason formvollendet im Sinne seiner Rolle als Leutnant und erster Offizier vor den Rudergängern und den anderen Leutnants. »Vor ein paar Wochen haben wir das vor Blue Island schon einmal beobachtet.«
»Ja.« Fasziniert betrachtete Skye durch das Fernglas die eigenartige Wolkenformation, die sich in horizontalen Walzen auf sie zu bewegte. »Beim letzten Mal kam das Ding aber nicht von mehreren Seiten auf uns zu!«
Skye suchte mit dem Fernglas rundum den Horizont ab, an dem sich hohe Wolkentürme in unglaublicher Geschwindigkeit aufbauten. Die größten Wolkenmassen kamen aus dem Norden. Von allen Seiten schienen Wetter aufzuziehen, wie um die Fairbanks einzukesseln. Der Wind frischte bereits auf und kräuselte die Wellen.
»Macht das Schiff klar für den Sturm! Beeilt euch!«
Das brauchte er den Männern nicht zweimal zu sagen.
Die Fairbanks befand sich bereits in der weiten Passage zwischen Solitude Island und der großen Hauptinsel Numinala. Sie waren wie geplant an Cap Nouvelle vorbeigekommen und auf offener See. Skye fürchtete den Sturm nicht. Er war mittlerweile der Meinung, dass Gouverneur Halfa ihn aus irgendwelchen Gründen hatte aufmerksam machen wollen. Nur worauf? Doch für diese Gedanken war jetzt keine Zeit. Immerhin hatte der neue Kurs tatsächlich dafür gesorgt, dass die Fairbanks durch einen Sturm nicht irgendwo an eine Küste geschleudert werden konnte.
***
In den nächsten Stunden stand ihnen ein gewaltig ungemütliches Wetter bevor. Skye vertraute seinem Schiff, doch die Naturgewalten, denen er auf diesem Planeten schon begegnet war, machten ihn vorsichtig. Wenn wir hier havarieren, dauert es eine Weile, bis uns jemand aus dem Wasser fischt. Als wieder ein großer Brecher über das Deck fegte, ihm einen Schwall eisiges Wasser ins Gesicht klatschte und ihn fast von den Beinen holte, klopfte Skye seinem ersten Offizier auf die Schulter und machte ihm ein Zeichen. Der Wind brüllte mittlerweile so laut, dass man sich kaum mehr mit Worten verständigen konnte. Skye rannte in den kleinen, versteckten Kommandoraum tief im Inneren des Schiffs. Als er die Positionsdaten der Fairbanks an die Koordinationsstelle der Flotte durchgegeben hatte, war ihm wohler, obwohl ihn diese Vorsichtsmaßnahme einige Punkte kosten würde. Aber die Sicherheit seiner Mannschaft im Angesicht einer drohenden Gefahr war Skye wichtiger als sein Punktekonto. Es wird zwar so schnell keiner zu Hilfe eilen, aber sie wissen dann wenigstens, wo wir in Seenot geraten sind, dachte er grimmig. Dann holte er sein Ölzeug aus der Kajüte, warf noch einen kurzen Blick auf das Mädchen, das eigenartigerweise weder ein Anzeichen von Seekrankheit noch von Angst zeigte, und nach ein paar aufmunternden Worten war Skye sofort wieder an Deck. Der Wasserschwall eines hohen Brechers traf ihn mit voller Wucht. Schwere Böen rissen an den bereits gerefften Segeln. Die Crew arbeitete schnell und diszipliniert, um die verbliebenen Segel einzuholen und alles festzuzurren, was sich auf dem Oberdeck befand. Skye stand direkt neben dem Mann am Ruder und hörte ihn fluchen.
»Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Um diese Jahreszeit gibt es hier keine Stürme.«
Da hat er recht. Um diese Jahreszeit sollte es hier tatsächlich keinen solchen Sturm geben wie den, der ihnen jetzt bevorstand.
Die weißen Wolkenfetzen waren längst zu einer bleischweren, grauen Masse geworden, die jedes Leben zu erdrücken drohte, und obwohl es erst Mittag war, hatte sich der Himmel verdunkelt wie in einer mondlosen Nacht. Als sich seine Schleusen öffneten und der Regen laut auf die Decksplanken prasselte, peitschte der Wind die Wellen schon haushoch und so mancher der Männer hatte ein Gebet gesprochen.
Juniya
Als dieser Captain Skye sie nach ihrem Namen gefragt hatte, brach ohne Vorwarnung etwas in Juniya entzwei. Es war ihr unmöglich, ihm ihren Namen zu nennen. Seine Frage nach diesem Parley und den Begriff »OT-Bereich« kannte sie nicht. Sie, die noch niemals vor irgendetwas Angst gehabt hatte, war völlig verunsichert und hatte auf diesem Planeten gelernt, was das Wort Angst bedeutete. Sie würde ihm gar nichts sagen, beschloss sie. Nicht, wer und was sie war, und schon gar nichts darüber, woher sie kam. Und dann brach die Erkenntnis wie ein eiskalter Wasserschwall über sie herein.
Was ist mein Name noch wert? Wer bin ich überhaupt? Voller Verzweiflung drehten sich ihre Gedanken im Kreis. Ich bin nichts als ein Mischling. Ein Zufallsprodukt aus Mensch und einer fremden Rasse. Die wenigen Individuen meiner Wahlheimat, denen ich vertraute, haben mich verraten. Ich bin ein Niemand. Keiner wird nach mir suchen. Niemand wird mich je vermissen. Ich bin verloren.
Diese traurige Erkenntnis gab ihr den Rest zu all den Schmerzen, die sie erlitten und mit denen sie noch immer schwer zu kämpfen hatte. Juniya wurde so zornig wie noch nie in ihrem Leben. Zorn kannte sie bisher nicht, sie, die immer kühle, immer überlegene, gelassene, hyperintelligente Telepathin, ein Kind zweier Welten, wie ihr Großvater sie einst stolz genannt hatte. Nichts bin ich. Ich war euch nicht gut genug. Meinem Vater nicht, er hat mich verlassen. Meinem Großvater nicht, er hat zugelassen, dass sie mich hierher brachten. Und diesem Mann, dem ich mich versprochen hatte, auch nicht. Er hat nichts getan, um sie aufzuhalten. Heiß rauschte das Blut durch ihre Adern, als sie an das hilflose Gesicht ihres Fast-Verlobten dachte. Er hat tatsächlich keinen Finger gerührt, um die Wachen aufzuhalten. Noch nicht einmal einen Versuch war ich ihm wert. Alles nur schöne Worte. Und sein Vater und seine Schwester standen wie kalte Statuen daneben, als sie mich abgeführt haben. Zornig schlug Juniya auf die Bettdecke und spürte nicht einmal, wie ihr der Schmerz wieder durch ihre Schulter jagte. Ich bin ein Niemand. Aber ich werde kein Niemand bleiben. Juniya fasste einen Entschluss. Ich will hier überleben und meinen Platz finden. Dazu werde ich herausfinden, wo ich bin und wie ich überleben kann. Und vielleicht werde ich eines Tages zurückkehren an den Ort eures Verrats. Und dann werde ich mich rächen.
Die Tür flog auf. Der Captain sprang herein und holte eine schwere Jacke aus einer Holzkiste. Dabei schüttelte er sein dunkles Haar, dass die Wassertropfen nur so spritzten.
Er rief ihr zu: »Ein Sturm. Halt dich gut fest, es wird ordentlich schaukeln. Du brauchst keine Angst zu haben, das Schiff ist stabil. Wir werden das schon schaffen.«
Schnell hatte er die Luke vor der Kanone verriegelt, das kleine Fenster geschlossen und den Stuhl festgezurrt. Juniya hatte längst bemerkt, dass die Schiffsbewegungen stärker geworden waren.
»Kann sein, dass hier an der Stückpforte«, er deutete auf die Luke vor der Kanone, »ein bisschen Wasser hereindrückt. Aber mach dir keine Sorgen, das kann wieder ablaufen.«
Bevor er die Kajüte verließ, drehte er sich noch mal zu ihr um.
»Kannst du schwimmen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Egal, was passiert: Wenn es wirklich gefährlich wird, werde ich kommen und dich holen. Versprochen.«
Dann war er wieder verschwunden.
Er ist sich sehr sicher. Hoffentlich hat er recht. Sonst kann ich meinen Schwur nicht erfüllen. Aus irgendeinem Grund glaubte Juniya seinen Worten. Er wirkt so stark. Ich werde ihm vertrauen und keine Angst haben.
Sogar hier unter Deck war nun das unheimliche Heulen des Windes zu hören. Eigentlich war noch heller Tag, aber in der Kajüte war es finster geworden, die kleine Lampe an der Decke hatte der Captain gelöscht, bevor er in aller Eile wieder gegangen war. Alles war mittlerweile in Bewegung. Juniya fühlte sich wie in einem Aufzug, der sie alle paar Sekunden von oben nach unten und wieder zurück katapultierte. Doch im Gegensatz zum Aufzug kam hier noch eine unangenehme Seitenbewegung hinzu.
Nein. Angst habe ich nicht. Aber wie es wohl ist, wenn man ertrinkt?, fragte sie sich und klemmte ihren Körper so gut es ging zwischen der Rückwand und der hochgezogenen Bettkante der Koje ein, damit sie sich nicht viel bewegen musste und ihr Rücken nicht so schmerzte. Schwere Brecher knallten mit ohrenbetäubendem Donnern an die Bordwand, immer wieder drang etwas Wasser durch die Stückpforte ein und rann - genau, wie er gesagt hatte - durch eine Ablaufrinne wieder aus der Kajüte.
Ihre Rachegedanken lenkten Juniya ganz von der irren Schaukelei ab. Ein Versprechen wird bindend, wenn man es mit Blut besiegelt, schoss ihr durch den Kopf. Sie stemmte sich aus der Koje. Sich gegen die heftigen Schiffsbewegungen vorwärts hangelnd erreichte sie die winzige Toilette und holte sich das Rasiermesser des Captains. Da holte das Schiff weit über, Juniya konnte sich nicht halten, fiel auf die Knie und schlitterte durch die ganze Kajüte. Sie knallte ungebremst auf der anderen Seite unterhalb der leckenden Stückpforte an die Bordwand und hielt dabei das Messer so unglücklich, dass sie es sich halb in den Unterarm rammte. Genau an der Stelle, wo sie vor vielen Jahren die Tätowierung des Institutes getragen hatte. Eine Fontäne aus Blut schoss aus der Wunde. Das Blut vermischte sich mit dem eindringenden Wasser.
Juniya starrte der Blutspur hinterher. Jetzt gilt mein Schwur, dachte sie noch, dann wurde sie ohnmächtig.
Skye
Das war wirklich ein Höllenritt. Skye hatte eigentlich vorgehabt, die Fairbanks in den Wind zu drehen, um den Sturm Woge um Woge abzureiten. Aber die Windrichtung wechselte schneller, als die Männer das Ruder umlegen konnten. Mehr als einmal legte sich die Fairbanks bedrohlich weit auf die Seite. Wir hatten verdammtes Glück, dass uns in diesen Momenten nicht noch ein großer Brecher den Garaus gemacht hat. Keines der hölzernen Rettungsboote hätte in diesem Hexenkessel auch nur den Hauch einer Chance gehabt, über Wasser zu bleiben. Dann war der Spuk von einer Minute auf die andere vorbei. Der Wind legte sich und die Fairbanks gehorchte wieder dem Ruder. Es klarte auf, die ersten Stellen blauen Himmels waren zu sehen. Nur die See rollte noch hohe Wellen heran. Doch die waren ein Klacks gegen das, was sie gerade hinter sich hatten. Die Wellen schlugen mittlerweile nicht mehr über die Reling, aber es würde noch eine Weile dauern, bis sich die Wassermassen beruhigt hatten.
Skye inspizierte das Schiff und war gerade unter Deck in einem der Mannschaftsquartiere. Der Gestank nach Erbrochenem stieg ihm heftig in die Nase. Viele der Männer waren seekrank und spuckten, was der Magen hergab.
»Öffnet jede dritte Stückpforte und lasst Luft herein. Und fangt so schnell wie möglich an, die Decks zu spülen. Hier unten hält man es ja kaum aus,« befahl er grimmig.
Wie um seine Aussage zu bestätigen, kotzte ein junger Soldat Skye auf die Stiefel. Der Mann richtete sich mühsam auf, murmelte eine Entschuldigung und meinte: »Sie dürfen mich gern erschießen, Captain. Ich finde, das wäre sogar eine sehr gute Idee.«
Skye winkte grinsend ab. »Keine Sorge, das wird schon. Morgen Abend schmeckt dir das Essen schon wieder.«
Der Junge sackte zusammen und übergab sich erneut. Skye lachte. Er schnappte sich einen der Eimer, die an Seilen an der Bordwand befestigt waren, holte durch die Stückpforte Wasser an Bord und kippte es sich über seine Stiefel.
»Los, an die Arbeit, dann vergesst ihr die Seekrankheit. Nehmt Schrubber und Besen und macht die Decks sauber. Die Kranken kotzen ab jetzt entweder oben von der Reling oder schnappt euch einen Eimer. Ihr wollt doch nicht in diesem Saustall übernachten.«
»Aye, Sir«, murmelten die Männer und machten sich tatsächlich ans Aufräumen. Skyes gute Laune gab ihnen wieder Zuversicht.
»Wir haben keinen Mann verloren, so wie es aussieht«, meldete ihm Jason auf dem Achterdeck.
»Gut so.« Skye war erleichtert. Es war leider keine Seltenheit, dass bei solchen Stürmen auch ab und zu ein Mann über Bord gespült wurde. Das Wohl der Männer hatte für Skye immer Vorrang vor dem Spielergebnis. Mit einem inneren Augenzwinkern ging im durch den Kopf: Das hätte verdammt viel Abzug von meinem Punktekonto gegeben. Der Kapitän suchte noch einmal mit scharfen Augen die Masten ab. »Wir hatten Glück. Scheint nichts gebrochen zu sein.«
Jason nickte. »Ich werde die Leutnants hinaufschicken, um die Takellage zu überprüfen.«
»Ich gehe hinunter und schaue mal, wie weit wir vom Kurs abgekommen sind. Das Deck gehört dir, Jason.«
Siedend heiß fiel Skye auf dem Weg nach unten ein, dass er ja noch jemanden an Bord hatte, um den er sich kümmern musste.
Schnell sah er noch beim Schiffskoch in der Kombüse nach dem Rechten, doch auch hier war alles in Ordnung. Das Herdfeuer war rechtzeitig zu Beginn des Sturms gelöscht worden und hatte keinen Schaden angerichtet. Feuer auf einem Holzschiff war schließlich eine noch größere Gefahr als das Wasser. Skye nahm einen Trinkschlauch mit frischem Wasser mit. Den Schlüssel zu seiner Kajüte trug er an einem Lederband um den Hals. Als seine Augen die Kajüte absuchten, fuhr ihm erneut der Schrecken in die Glieder. Trotz der vielen mittlerweile blauen und grünen Flecken im Gesicht lag das Mädchen totenbleich in einer Ecke der Kajüte, dort, wo das Ablaufwasser seinen Weg nach außen gefunden hatte. Ihre Hand umklammerte ein Messer und das Nachthemd war voller Blut.
Verdammt! Sie hat sich umgebracht. Was bin ich für ein Idiot, dass ich nicht an das Messer gedacht habe! Er schrie hinaus in den Gang: »Doktor Kingsley in die Kapitänskajüte! Sofort!«
Ein Griff an ihre Halsschlagader ließ Skye erleichtert spüren, dass sie noch am Leben war. Hastig riss er einen Stoffstreifen aus dem Hemd, das ihr als Nachthemd diente, und band ihn über die Wunde. Aus seiner Seekiste holte Skye eine trockene Decke und hüllte das Mädchen darin ein. Als er sie in die Koje gelegt hatte, war Doktor Kingsley auch schon da.
»Was ist passiert?«
Skye deutete auf das Messer und zeigte dem Doktor die Wunde.
»Schöner Mist!«, schimpfte der alte Mann und überprüfte die Lebenszeichen des Mädchens. »Lagern Sie ihre Beine hoch. Fehlt uns noch, dass sie in einen Schock fällt. Und dann aufwärmen. Und wir müssen endlich etwas zu essen und zu trinken in sie reinbekommen.«
Der Arzt schimpfte weiter vor sich hin. »Ich bin hier so dermaßen miserabel ausgestattet. Außer mit ein paar Vitaminspritzen kann ich ihr kaum helfen.« Er gab ihr zwei Spritzen aus seiner Tasche, die nach außen einen uralten Eindruck machte, doch im Inneren erstaunlich modernes, wenn auch sehr überschaubares Equipment bereithielt.
»Meistens ist unsere Verkleidung hier ja einigermaßen spaßig. Aber es gibt Momente wie diesen, da wäre ich wieder gern in einem dieser langweiligen, aber optimal ausgestatteten Medicalcenter irgendwo in der zivilisierteren Welt.«
Der Doktor hielt dem Mädchen ein Fläschchen unter die Nase. Mit einem heftigen Niesen öffnete sie ihr weniger geschwollenes Auge.
»Hallo, meine Liebe!« Der Doktor tätschelte ihre Wange. »Du bist also noch bei uns. Und merk dir, das ist auch gut so. Wie fühlst du dich?«
Das Mädchen stöhnte.
