PLATON - Gesammelte Werke - Platon - E-Book

PLATON - Gesammelte Werke E-Book

Platón

0,0
1,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die "Gesammelten Werke" Platons bieten einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt eines der einflussreichsten Philosophen der Antike. Diese Schriften umfassen zentrale Dialoge wie die "Republik", "Der Staat" und "Phaidon", die sich mit Fragen der Gerechtigkeit, des Wissens und der Metaphysik auseinandersetzen. Platons literarischer Stil überzeugt durch einen eleganten Dialogfluss, der die philosophischen Ideen nicht nur präsentiert, sondern auch lebendig diskutiert. Diese Werke sind eingebettet in den Kontext des antiken Griechenlands und spiegeln die politischen, sozialen und kulturellen Strömungen ihrer Zeit wider, was sie zu unverzichtbaren Lektüren für das Verständnis der westlichen Philosophie macht. Platon, geboren um 427 v. Chr. in Athen, war nicht nur ein Denker, sondern auch ein Schüler Sokrates' und Lehrer Aristoteles'. Seine philosophischen Überlegungen sind stark von seinem Bestreben geprägt, die moralischen und ethischen Grundlagen des menschlichen Lebens zu ergründen. Durch die Gründung der Akademie in Athen prägte er die philosophische Tradition und beeinflusste Generationen von Denkern bis in die Neuzeit. Die "Gesammelten Werke" sind für jeden Leser, der sich mit den Grundlagen der philosophischen Denkens und der Entwicklung der politischen Theorie auseinandersetzen möchte, unverzichtbar. Sie laden dazu ein, selbst zu denken, kritisch zu reflektieren und sich der zeitlosen Fragen des Menschseins zu stellen. Eine Lektüre, die sowohl für den Laien als auch für den Fachmann von unschätzbarem Wert ist. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Platon

PLATON - Gesammelte Werke

Bereicherte Ausgabe. Weisheit aus der Antike: Inspirierende Dialoge über Ethik, Politik und Metaphysik
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547787945

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
PLATON - Gesammelte Werke
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe PLATON - Gesammelte Werke versammelt das überlieferte Corpus der Dialoge Platons samt den in der antiken Tradition geführten Schriften und den Briefen. Die Anordnung in neun Tetralogien folgt der Systematisierung des Gelehrten Thrasyllos (1. Jh. n. Chr.) und bietet einen Weg durch Themen, Gattungen und Entwicklungsstufen. Zugleich dient die Sammlung als verlässliche Grundlage für Studium und Lektüre: Sie stellt philosophische Texte bereit, die die europäische Geistesgeschichte in Ethik, Erkenntnistheorie, Metaphysik, Politik und Kosmologie nachhaltig geprägt haben. Ein einführendes Vorwort verortet die Dialoge, ohne ihre Fragengänge vorwegzunehmen, und eröffnet den Zugang zu Platons Werk.

Gattungsmäßig dominieren die Dialoge, ein literarisches Format, das Gespräch, Argument und dramatische Situation verbindet. Neben den Dialogen enthält die Sammlung eine Verteidigungsrede in Dialograhmung sowie ein antikes Briefcorpus. Lyrik, Erzählungen, Tagebücher oder Essays im modernen Sinne gehören nicht zu Platons überlieferten Formen; vielmehr entfaltet sich das Denken in wechselnden Stimmen, Figuren und Schauplätzen. Mythen, Gleichnisse und Bildreden eröffnen dabei zweite Ebenen des Verstehens. So entsteht ein Werk, das zugleich philosophische Untersuchung, literarisches Kunststück und historisches Dokument des intellektuellen Lebens im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr. ist.

Der Dialog ist bei Platon Methode und Medium zugleich. Durch Fragen, Widerlegungen und prüfende Definitionen – die sokratische Dialektik – werden Begriffe geklärt, Annahmen geprüft und Einsichten gewonnen. Figuren wie Sokrates, sophistischen Lehrer oder junge Athener übernehmen Rollen, die Argumente vorantragen oder in die Irre führen, und machen Denkprozesse nachvollziehbar. Die dramatische Gestaltung schafft Nähe und Distanz, Ironie und Ernst, und lässt die Lesenden an der Suche nach Gründen teilnehmen. Diese Verbindung von Form und Inhalt ist eines der unverwechselbaren Kennzeichen des platonischen Stils und ein Grund seiner ungebrochenen Anziehungskraft.

Ein markanter Einstieg ist die Tetralogie I mit Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton und Phaidon. Sie führt in die Fragen nach Frömmigkeit, Verantwortung, Gesetz und der Bestimmung der Seele ein und rahmt die Gestalt des Sokrates in entscheidenden Momenten seines Lebens. Ohne den Ausgang zu verraten, zeigt dieser Komplex, wie Philosophie als gelebte Praxis, als Prüfung eigener Motive und als Maßstab im Gemeinwesen auftreten kann. Die Klarheit der Sprache, die Schärfe der Fragen und die Zurückhaltung im Behaupten prägen Texte, die seit der Antike als Schule des Denkens gelesen werden.

Die Tetralogie II vertieft Sprach- und Erkenntnisfragen. Kratylos prüft den Zusammenhang von Namen und Dingen, Theaitetos untersucht Möglichkeiten und Grenzen des Wissens, während Der Sophist und Der Staatsmann mit begrifflicher Präzision Rollen, Tätigkeiten und Ordnungen unterscheiden. Charakteristisch ist hier die Technik der Teilung und Zusammenführung, die Definitionen stufenweise entwickelt. Zugleich wird erkennbar, wie eng für Platon Sprachgebrauch, logische Form und metaphysische Verpflichtungen verknüpft sind: Was wir sagen können, hängt von dem ab, was in der Sache Bestand hat. Diese Einsicht trägt weit über die Antike hinaus und wirkt bis in moderne Debatten.

Mit Parmenides, Philebos, Symposion und Phaidros enthält Tetralogie III Texte, die Metaphysik, Ethik und Ästhetik aufeinander beziehen. Sie konfrontieren das Denken mit seinen eigenen Voraussetzungen, fragen nach dem Verhältnis von Lust, Verstand und Gut und erkunden die Bedeutung von Liebe, Schönheit und Inspiration. Die formale Vielfalt reicht von streng prüfenden Gesprächen bis zu kunstvoll komponierten Reden. Mythische Erzählpassagen stehen neben nüchternen Argumentgängen, wodurch sich abstrakte Überlegungen sinnlich verdichten. Diese Kombination hat die Rezeption besonders geprägt, weil sie Denken und Leben, Theorie und Erfahrung, im Medium der Rede engführt.

Das Politische durchzieht das Werk als Leitmotiv. In den Dialogen Politeia, Der Staatsmann und den Nomoi, flankiert von Minos und Kleitophon, werden Gerechtigkeit, Herrschaftswissen, Gesetzgebung und bürgerschaftliche Bildung ausgeleuchtet. Die Texte wechseln zwischen programmatischen Entwürfen, methodischen Klärungen und pragmatischer Ordnungskunst. Platon unterscheidet dabei zwischen leitender Einsicht in das Gemeinwesen und der Ausarbeitung von Normen, Verfahren und Institutionen. Dass diese Überlegungen bis heute in politischen Theorien, in Pädagogik, Rechtsphilosophie und Staatsrecht nachwirken, erklärt sich aus ihrer Verbindung von normativer Strenge und detailbewusster Aufmerksamkeit für reale Bedingungen des Zusammenlebens.

Eine eigene Dimension eröffnet die naturphilosophische Reflexion. Timaios entwirft ein kosmologisches Modell, in dem Ordnung, Maß und Seele des Alls in Beziehung treten; Kritias knüpft daran an und überliefert eine berühmte Erzählung, die uns nur fragmentarisch erreicht. Diese Schriften zeigen, wie Platon mathematische Proportion, Lebendigkeit und Weltordnung zusammendenkt und so eine Brücke zwischen Metaphysik und Naturdeutung schlägt. Ihre Wirkungsgeschichte reicht durch Spätantike und Mittelalter bis in die frühe Naturwissenschaft. In der vorliegenden Sammlung stehen sie im Kontext der politischen und ethischen Fragen, mit denen sie auf vielfältige Weise verschränkt sind.

Das breite Feld ethischer und pädagogischer Fragen wird in zahlreichen Dialogen beleuchtet. Protagoras, Gorgias, Menon und Euthydemos untersuchen Lehrbarkeit, Argumentkunst, Überzeugung und Scheinwissen; Charmides, Laches und Lysis fokussieren Besonnenheit, Tapferkeit und Freundschaft. Ion problematisiert dichterische Inspiration, Menexenos spielt kunstvoll mit Formen öffentlicher Rede. Diese Texte zeigen, wie Philosophie die Sprache der Stadt aufnimmt und prüft: Rhetorik wird zum Prüfstein für Wahrhaftigkeit, Erziehung zur Aufgabe, Tugendkenntnis zur politischen Notwendigkeit. Die Vielfalt der Gesprächspartner spiegelt die Vielfalt der Lebensbereiche, in denen das Gute bedacht und praktisch eingeübt werden muss.

Zur Überlieferung gehören auch Dialoge, deren Echtheit seit der Antike diskutiert wird, etwa Alkibiades I und II, Hipparchos, Die Nebenbuhler, Theages, Hippias maior und Hippias minor, Minos sowie Epinomis. Ihre Aufnahme folgt der traditionellen Zusammenstellung und dient der Vollständigkeit des Bildes. Unabhängig vom genauen Autor zeigen diese Schriften, wie die platonische Schule Themen wie Selbstkenntnis, Besitz, Liebe oder Gesetz weiterverhandelte. Die Epinomis wird in der Überlieferung teils mit Philippos von Opus in Verbindung gebracht. Die Lektüre gewinnt, wenn man sie als Zeugnisse einer lebendigen Diskussionskultur im Umfeld der Akademie versteht.

Die Briefe runden die Sammlung ab. Sie werden seit frühester Zeit hinsichtlich ihrer Authentizität unterschiedlich beurteilt; einzelne, darunter die sogenannte Siebte, haben besonders intensive Debatten ausgelöst. Als literarische Dokumente sind sie dennoch von Interesse, weil sie die Verbindung zwischen Philosophie, politischer Praxis und persönlicher Verantwortung ausleuchten. Sie zeigen, wie das platonische Nachdenken über Gerechtigkeit, Erkenntnis und Führung in konkrete Situationen hineingestellt wurde. Die Ausgabe nimmt sie als Teil der Überlieferung auf, ohne den Status der Zuschreibung festzulegen, und überlässt Urteile über Entstehung und Gewicht einer informierten, kritischen Lektüre.

Die Tetralogien bieten keinen sicheren chronologischen Verlauf, wohl aber ein Netz von thematischen Verweisen. Diese Sammlung lädt dazu ein, Querlinien zu ziehen: von Ethik zu Politik, von Erkenntnis zu Sprache, von Mythos zu Argument. Stilistisch begegnen knappe Gespräche neben ausgreifenden Reden, strenge Analyse neben bildhafter Veranschaulichung – stets getragen vom Vertrauen, dass Gründe überzeugen können. Platons Werk wirkt fort, weil es Fragen stellt, die nie erledigt sind, und weil es Formen bietet, in denen Denken öffentlich, dialogisch und verantwortbar wird. In diesem Sinn versteht sich die Ausgabe als Einladung zur geduldigen, prüfenden Lektüre.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Platon (ca. 428/427–348/347 v. Chr.) war der einflussreichste klassische Philosoph Athens, Schüler des Sokrates und Gründer der Akademie. Sein Werk erscheint überwiegend als Dialog, in denen Figuren argumentieren, prüfen und lernen. Die Sammlung der hier verzeichneten Schriften spiegelt die Spannweite seines Denkens von Ethik, Erkenntnistheorie und Sprachreflexion bis zu Politik, Kosmologie und Gesetzgebung. Prägende Fixpunkte bilden Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton, Politeia, Timaios, Nomoi und die traditionell überlieferten Briefe. Platons literarische Form, sein systembildender Ehrgeiz und die unverwechselbare Verbindung von Argument, Mythos und Dramaturgie prägten die gesamte Philosophiegeschichte nachhaltig.

Die Anordnung in Tetralogien knüpft an eine antike Editionstradition an und bündelt frühe sokratische Gespräche, die konstruktiven mittleren Dialoge und die späten Untersuchungen. Die frühen Stücke (u. a. Euthyphron, Apologie, Kriton) dokumentieren die Begegnung mit Sokrates. Die mittleren (z. B. Phaidon, Symposion, Phaidros, Politeia) entwickeln eine weiträumige Theorie von Seele, Erkenntnis und Staat. Späte Werke (Theaitetos, Der Sophist, Der Staatsmann, Philebos) verfeinern Methode und Begriffe; Timaios und Kritias öffnen einen kosmologischen Horizont. Die Nomoi stehen als reifes legislativer Entwurf, die Briefe berichten traditionell von den sizilischen Unternehmungen.

Bildung und literarische Einflüsse

Platon entstammte einer angesehenen Familie; sein Umfeld war mit führenden Athener Kreisen verknüpft. Verwandtschaftsbezüge zu Kritias und Charmides, die auch als Dialogtitel in der Sammlung erscheinen, sind in den Quellen überliefert und politikhistorisch relevant. Frühzeitige Ambitionen auf das öffentliche Leben erloschen nach der Erfahrung mit oligarchischer Gewalt und demokratischer Unruhe. Prägend wurde der Umgang mit Sokrates, dessen Lebenspraxis und Gesprächstechnik Platon zum literarischen Modell machte. Die frühen Dialoge der Sammlung tragen Spuren dieser Schule des Fragens, Prüfens und Nichtwissens, das zur ethischen Selbstprüfung anstiftet.

Die Hinrichtung des Sokrates 399 v. Chr., thematisch in Apologie und Kriton präsent, markierte einen biografischen Einschnitt. Antike Berichte sprechen von Reisen, darunter Aufenthalte in Süditalien und Sizilien, wo Platon mit pythagoreisch geprägten Kreisen in Berührung kam; der Kontakt zu Archytas von Tarent wird wiederholt überliefert. Diese mathematisch-musikalische Kosmologie hallt in Timaios und in der späteren Epinomis nach. Gleichzeitig vertiefte Platon die Auseinandersetzung mit sophistischen Lehrern, deren Redekunst und Bildungsversprechen er in Protagoras, Gorgias, Euthydemos und Ion literarisch prüft und methodisch begrenzt.

Philosophisch-intellektuelle Einflüsse der Sammlung reichen von Elea bis Heraklit. Parmenides liefert den Rahmen für die Paradoxien des Einen und der Idee; der gleichnamige Dialog macht diese Erbschaft produktiv. Kratylos verhandelt heraklitische Motive sprachphilosophisch. Theaitetos stellt die Erkenntnisfrage ohne dogmatischen Abschluss, während Menexenos Rhetorik ironisch spiegelt. Mythopoetische Kunstmittel – Seelengeschichten, Erzählungen über Liebe und Schönheit im Symposion und Phaidros – zeigen Platons Nähe zur Dichtung bei gleichzeitiger philosophischer Disziplin. Diese vielfältigen Impulse verschmelzen in einer Form, die Argument und Darstellung bewusst ineinanderführt.

Literarische Laufbahn

Platons literarische Laufbahn beginnt mit dialogischen Studien über Tugend, Wissen und Lebensführung. Euthyphron, Apologie des Sokrates und Kriton beleuchten Frömmigkeit, Pflicht und bürgerliche Loyalität im Angesicht eines ungerechten Urteils. Laches, Lysis und Charmides untersuchen Tapferkeit, Freundschaft und Besonnenheit, häufig mit offenem Ausgang. Protagoras, Euthydemos und Hippias-Dialoge setzen sich kritisch mit Bildung und sophistischer Technik auseinander, während Ion die Inspiration des Rhapsoden prüft. Menon markiert einen Übergang: Das Problem der Lehrbarkeit der Tugend verschränkt sich mit methodischen Fragen der Erkenntnis, die später vertieft werden.

In den mittleren Dialogen entfaltet Platon konstruktive Lehren. Phaidon behandelt die Sorge um die Seele und die Frage nach Unsterblichkeit. Symposion und Phaidros verbinden Psychologie, Erotik und Ästhetik zu einer Theorie des Schönen und der philosophischen Eros-Dynamik. Kratylos thematisiert die Beziehung von Sprache und Wirklichkeit. Die Politeia entwirft eine vielschichtige Theorie der Gerechtigkeit, der Bildung und der philosophischen Herrschaft und prägt zugleich das Bild der Philosophie als Lebensform. Zugleich bereitet sich die kosmologische Wende vor, die in Timaios und dem fragmentarischen Kritias zur Geltung kommt.

Die späten Dialoge intensivieren die begriffliche Arbeit. Theaitetos stellt die Erkenntnislehre auf eine prüfende Basis, indem er Definitionen, Wahrnehmungsthesen und Widerspruchsfreiheit untersucht. Der Sophist entwickelt, in Nähe zur Methode der Teilung, eine feinsinnige Ontologie des Nicht-Seienden und des Sprechens über Irrtum. Der Staatsmann (Politikos) verfeinert die politische Kunstlehre jenseits idealer Konstruktionen. Philebos misst Lust, Verstand und das Gute gegeneinander ab und sucht Maß und Mischung als Kriterium. Parmenides reflektiert exemplarisch über Voraussetzungen und Prüfsteine einer Ideenlehre.

Politische und gesetzgeberische Reflexion kulminiert in den Nomoi, einem späten, groß angelegten Entwurf guter Ordnung ohne Philosophenherrschaft. Epinomis, in der Tradition Platons Umfeld überliefert, ergänzt diesen Blick in kosmischer und religiöser Perspektive. Minos und weitere kurze Gespräche wie Kleitophon werden in der Forschung teils als unecht diskutiert; sie bezeugen die antike Überlieferung und den Wirkungskreis. Die Briefe, deren Echtheit teilweise umstritten ist, insbesondere der siebte, berichten traditionell von Platons Engagement in Syrakus und von der Einsicht in die Schwierigkeiten philosophischer Politik unter machtpolitischen Bedingungen.

Überzeugungen und Engagement

Aus den Dialogen der Sammlung tritt eine konsequente Philosophie der Lebensführung hervor. Sie betont die Vorrangstellung vernünftiger Prüfung vor Meinung, die Pflege der Seele und die Bildung als öffentliche Aufgabe. Gorgias und Protagoras konfrontieren die Rhetorik als Machttechnik mit der Frage nach Wahrheit und Verantwortung. Menon, Laches, Lysis und Charmides zeigen, dass die Tugenden einsichtig und geübt werden müssen. Symposion und Phaidros verbinden Eros, Schönheit und Erkenntnis zu einer Dynamik der inneren Verwandlung. Phaidon und Politeia verknüpfen Metaphysik und Ethik, ohne die Grenzen argumentativer Darstellung und die Notwendigkeit pädagogischer Mythen zu verschweigen.

Platon wirkte nicht nur als Autor, sondern durch Institution und Beispiel. Die Gründung der Akademie verankerte die gemeinschaftliche Forschung, in deren Umfeld mathematische und dialektische Schulung als Voraussetzung politischer Urteilskraft galten. Politeia und Nomoi skizzieren Erziehungsgänge, Maßnahmen gegen Korruption und die Rolle des Gesetzes als Lenker kollektiven Lebens. Menexenos, Gorgias und Der Staatsmann prüfen öffentliche Rede und Regierungsformen kritisch. Die traditionell überlieferten Briefe lassen ein Engagement erkennen, das Herrscherbildung wünschte, aber seine Grenzen erfuhr. So verband Platon persönliche Integrität, methodische Strenge und politisch-ethische Verantwortung.

Letzte Jahre und Vermächtnis

Die letzten Schaffensjahre standen im Zeichen reifer Theoriearbeit und institutioneller Kontinuität der Akademie. Nomoi und Epinomis gehören in diese Spätphase; sie ersetzen das Ideal der Philosophenherrschaft durch detaillierte Gesetzgebung und Bildungsordnungen. Platon starb mutmaßlich 348/347 v. Chr. in Athen. Sein Nachwirken reicht von der antiken Schulbildung über die hellenistischen Traditionen bis zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Philosophie. Die Tetralogienordnung sicherte die Rezeption, auch wenn die Echtheit einzelner Stücke wie Alkibiades I/II, Hipparchos, Die Nebenbuhler, Theages, Minos und Kleitophon diskutiert wird. Motive wie die Kosmologie des Timaios oder die Atlantis-Erzählung des Kritias prägten zudem die europäische Imagination.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Platon, geboren um 429/428 v. Chr. und gestorben 348/347 v. Chr., verfasste seine Dialoge im Übergang von der klassischen zur frühhellenistischen Epoche. Die in dieser Sammlung versammelten Werke spielen größtenteils im Athen des späten 5. Jahrhunderts v. Chr., werden aber in ihrer Abfassungszeit über mehrere Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts verteilt. Sie treten als dramatische Gespräche auf, in denen Sokrates häufig die zentrale Figur ist. Historisch rahmen die tiefgreifenden politischen und kulturellen Umbrüche Athens die thematische Spannweite: von Frömmigkeit und Rechtsordnung über Erkenntnis und Sprache bis zu Staatsform, Erziehung und Kosmologie. Platons Gründung der Akademie prägt den intellektuellen Hintergrund dieser Werke nachhaltig.

Die Dialoge reagieren auf die Verwerfungen des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.), die Niederlage Athens und die Herrschaft der Dreißig Tyrannen (404/403 v. Chr.). Nach der demokratischen Restauration 403 v. Chr. blieb die Polis von Misstrauen, Prozessen und politischen Grabenkämpfen gezeichnet. Vor diesem Hintergrund steht der Prozess gegen Sokrates 399 v. Chr., der wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend verurteilt wurde. Die einschlägigen Dialoge thematisieren die Normen einer städtischen Götterverehrung, Bürgerpflichten und Loyalität gegenüber Gesetzen. Sie reflektieren zugleich die Frage, wie ein Einzelner in Zeiten institutioneller Krise verantwortlich handeln kann, ohne dem Gemeinwesen zu schaden.

Die Sophisten, reisende Lehrer für Rhetorik und politische Klugheit, prägten seit dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. das öffentliche Leben Athens. In einer Demokratie, die Versammlungen und Gerichte zentral stellte, erlangten sie Einfluss durch Redetechnik, bezahlte Unterweisung und spektakuläre Wortgefechte. Platons Dialoge greifen diese Bildungsbewegung kritisch und differenziert auf: Sie untersuchen die Lehrbarkeit der Tugend, die Macht der Überredung, die Rolle von Paradoxien und die Grenzen agonaler Rede. In Satire und Ernüchterung klingt die Praxis öffentlicher Lobrede an, insbesondere im Kontext von Trauerreden und politischer Selbstdarstellung, wie sie Athen nach Krieg und Niederlage beschäftigten.

Platon verarbeitet und transformiert ältere Denktraditionen. Die naturphilosophischen und metaphysischen Fragen der Vorsokratiker – Heraklits Lehre vom Wandel, Parmenides’ Strenge des Seins, pythagoreische Zahlenharmonien – werden in methodischer Strenge neu verhandelt. Der Einfluss der Eleaten zeigt sich in Untersuchungen zu Sein, Nichtsein und Identität. Mathematische Innovationen der Zeit, mit Namen wie Theaitetos und Eudoxos verbunden, wirken auf erkenntnistheoretische und kosmologische Passagen ein. In Auseinandersetzung mit Protagoras’ „Maß“-These und sophistischer Sprachkritik entwerfen die Dialoge Werkzeuge, um trügerische Plausibilität von belastbarer Begründung zu unterscheiden, ohne die dialogische Offenheit preiszugeben.

Die frühen ethischen Untersuchungen stehen in der Tradition des sokratischen Fragens nach der Bestimmung von Tugenden. In Gesprächen über Besonnenheit, Tapferkeit, Freundschaft und Frömmigkeit wird eine Methode entwickelt, die gängige Meinungen prüft und Selbstwidersprüche aufdeckt. Nicht die Belehrung von oben, sondern das gemeinsame Erarbeiten von Einsicht steht im Vordergrund. Diese aporetische Zuspitzung – das produktive Innehalten im Nichtwissen – bildet den historischen Gegenentwurf zur selbstsicheren Rhetorik der Erfolgstrainer. Zugleich reagiert sie auf ein Klima moralischer Verunsicherung nach Bürgerkrieg und Oligarchie, in dem alte Maßstäbe in Frage standen und neue Orientierung gesucht wurde.

Die dialogische Form ist in Attikas mündlicher Kultur verankert. Öffentliche Debatten, Symposien und Lehrgespräche boten Bühnen für Argument und Witz. Platon nutzt die Dramatisierung, um Philosophie in realen sozialen Situationen zu zeigen: im Gymnasion, am Gerichtshof, auf Landwegen oder beim Gastmahl. Das literarische Spiel mit Figuren der athenischen Szene – Rhapsoden, Politiker, Sophisten, junge Adelige – reflektiert die Vielfalt urbaner Öffentlichkeit. Zugleich markiert die zunehmende Schriftverwendung im 4. Jahrhundert v. Chr. einen Medienwechsel: Dialoge konservieren flüchtige Rede, ohne ihre lebendige Mehrstimmigkeit aufzugeben, und erreichten so Leserkreise über die Polis hinaus.

Die politischen Untersuchungen setzen an der Erfahrungswelt der griechischen Polis an: Kollisionen von Oligarchie und Demokratie, Spannungen zwischen Nomos (Gesetz) und Rhētorik, Fragen militärischer Führung und bürgerlicher Tugenden. In der Auseinandersetzung mit der athenischen Demokratie nach dem Krieg entstehen gedankliche Modelle einer geregelten Ordnung und einer Gesetzgebung, die Willkür bändigt. Die Überlegungen zu Staatskunst und zum Verhältnis von Herrschaftswissen und Gemeinwohl verarbeiten praktische Krisenerfahrungen: die Fehlbarkeit von Mehrheitsentscheidungen, die Verwundbarkeit institutioneller Verfahren und die Versuchung charismatischer Führergestalten, die in Athen wie in anderen Poleis eine Rolle spielten.

Platon gründete um 387 v. Chr. die Akademie bei Athen, eine Institution, die Philosophie, Mathematik und wissenschaftliche Forschung verband. Die dort gepflegte Paideia stellte Rechnen, Geometrie, Astronomie und Harmonik in den Dienst einer methodisch geschulten Dialektik. Diese Bildungsreform reagiert auf die sophistische Schulung der Rede und zielt auf begründetes Wissen statt bloßer Überzeugung. Die Dialoge spiegeln diesen Anspruch in strukturierten Erörterungen, in denen mathematische Beispiele als Schulung des Denkens dienen. Der Akademie-Rahmen trug dazu bei, dass Platons Schriften nicht nur literarisch, sondern als Lehrtexte mit systematischem Anspruch rezipiert wurden.

Zeitgenössische Naturlehren – von ionischer Physik bis zu atomistischen Modellen – bilden den Horizont für platonsche Kosmologie. Die Darstellung einer geordneten Welt, die durch Zahl, Proportion und Zweckmäßigkeit verständlich wird, knüpft an pythagoreische Harmonielehren an. Astronomie und Kalenderkunde waren in Griechenland institutionell verankert; Persönlichkeiten wie Eudoxos von Knidos standen mit der Akademie in Verbindung. Narrative Rahmenhandlungen, die eine ursprüngliche Polisordnung oder sagenhafte Inselreiche thematisieren, nutzen Mythos als didaktisches Medium, ohne den Anspruch auf rationale Erklärung preiszugeben. Kosmologie und Politik erscheinen so als zwei Perspektiven auf Ordnung und Maß.

Religiöse Praxis und Rechtskultur Athens bilden den Hintergrund für Diskussionen über Frömmigkeit, Pflicht und Gesetzestreue. Die Zuständigkeit des Archon Basileus für Sakralprozesse, Atheners Trauerreden und die hohe Dichte an Gerichtsverfahren prägten den Alltag der Bürger. Nach 403 v. Chr. führte Athen eine Schriftreform ein, die die Gesetzespublikation erleichterte und Normen sichtbarer machte. Der Dialog mit den Institutionen – Gericht, Gefängnis, Versammlung – macht deutlich, wie philosophische Selbstprüfung und politischer Gehorsam miteinander in Spannung geraten können. Die Frage, ob und wie Gesetze Autorität gewinnen, begleitet die Werke von den frühen Prozessen bis zu späteren Gesetzgebungsentwürfen.

Eros, Freundschaft und Erziehung sind im Athen des 5./4. Jahrhunderts v. Chr. gesellschaftlich eng verknüpft. Symposien fungierten als Orte der Geselligkeit, der Musik und des Gesprächs, an denen moralische Ideale und soziale Normen verhandelt wurden. Die philosophische Sublimierung von Begehren in Lern- und Lebensprozesse reagiert auf gängige Muster aristokratischer Männlichkeitsbildung. Im Spannungsfeld von persönlicher Bindung, Ruhmsuche und Wahrheitsstreben entwerfen die Dialoge Modelle geistiger Beziehung, die über bloße Konvention hinausreichen sollen. Damit verbinden sie private Lebensführung und öffentliche Tugend, ohne die Normen ihrer Zeit einfach zu reproduzieren.

Die Auseinandersetzung mit Sprache, Benennung und Bedeutung knüpft an sophistische Debatten und an die praktische Rhetorik der Gerichte an. Im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. intensivierte sich die Reflexion über das Verhältnis von Namen und Dingen, Konvention und Natur. Parallel dazu verbreitete sich Schriftgebrauch in Verwaltung, Bildung und Literatur. Der philosophische Streit um die Herkunft richtiger Benennungen und die Möglichkeit verlässlicher Definitionen spiegelt den Übergang von improvisierter Rede zu gelehrter Textkultur. Diese Sprachkritik zielt auf begriffliche Klarheit, um der Verführbarkeit durch bloßes Wortgeklingel entgegenzutreten, die in der städtischen Öffentlichkeit allgegenwärtig war.

Die Überlieferung der platonischen Werke ist vielgestaltig und philologisch komplex. Bereits in der Antike wurden einzelne Dialoge in ihrer Echtheit bezweifelt. Umstritten sind etwa die Zuschreibungen von Alkibiades I und II, Hipparchos, Die Nebenbuhler, Theages, Minos, Epinomis oder Kleitophon; die Briefe gelten überwiegend als uneinheitlich, mit stark divergierenden Einschätzungen zur Authentizität, wobei einzelne Stücke zeitweise Verteidiger fanden. Epinomis wird in der Tradition häufig Philippos von Opus zugeschrieben. Diese Debatten prägen die Lektüregeschichte, ohne den historischen Wert der Texte als Zeugnisse platonischer Schule zu mindern.

Die Anordnung in neun Tetralogien geht auf Thrasyllos von Mendes (1. Jahrhundert n. Chr.) zurück, der Platons Dialoge nach einem Vorbild aus der Tragödie gruppierte. Diese Ordnung ist nicht chronologisch, sondern thematisch und formal motiviert, und prägte lange die Lektüre. Später entwickelten Neuplatoniker curriculare Abfolgen, die bei Einführungsdialogen ansetzten. Die Textüberlieferung verlief über Papyrusabschriften und Handschriften, bevor der Buchdruck den Bestand stabilisierte. Wichtige Etappen sind die lateinische Gesamtausgabe von Marsilio Ficino (1484), die griechische Aldine (1513) und die Stephanus-Ausgabe (1578), deren Seitenzählung bis heute Zitierstandard ist.

Die Rezeption in der Antike ist zweigleisig: institutionell in der Akademie, die nach Platon von Speusippos und Xenokrates geleitet wurde, und interscholastisch im Streit mit anderen Schulen. Ab Arkesilaos vollzog die Akademie einen skeptischen Wendepunkt; mit Karneades entfaltete sie eine neue, argumentativ brillante Skepsis. Aristoteles kritisierte und systematisierte platonische Themen in eigener Schule. Römische Autoren wie Cicero adaptierten platonische Motive in Dialogform und teils in Übersetzungen (u. a. aus dem Timaios). Plutarchs Moralia und Apuleius’ Schriften stehen für eine breite Popularisierung platonischer Ethik und Dämonologie.

Im Mittelalter blieb im lateinischen Westen vor allem der Timaios präsent, vermittelt durch die Übersetzung und den Kommentar des Calcidius. Augustinus las Platonismus vor allem in lateinischen Vermittlungen und neuplatonischer Prägung. In Byzanz wurden die Dialoge tradiert und kommentiert; Gelehrte wie Michael Psellos hielten die Diskussion lebendig. In der islamischen Philosophie wirkten platonische Ideen, oft durch neuplatonische und aristotelische Texte vermittelt, auf Al-Fārābī, Avicenna und andere. Die Renaissance erlebte eine Rückkehr zum griechischen Text: Bessarion und Ficino förderten die Platon-Lektüre; Druck und Humanismus etablierten den Kanon in Schulen und Akademien.

Die Sammlung spiegelt die doppelte Natur der Dialoge: Zeitzeugnisse einer krisengeprüften Polis und zugleich transhistorische Denkexperimente. Moderne Forschung ordnet die Werke oft nach sprachlichen und argumentativen Merkmalen in frühe, mittlere und späte Dialoge ein und nutzt Stylometrie, um Abfassungszeiten zu schätzen. Politische Interpretationen reichen von scharfer Kritik an autoritären Tendenzen bis zu Lesarten, die rechtsstaatliche und bildungspolitische Anliegen betonen. In Philosophie, Rechtswissenschaft, Pädagogik und Literaturtheorie bleiben die Dialoge produktiv. Sie kommentieren ihre Zeit, indem sie Fragen stellen, die spätere Epochen immer neu beantworten mussten.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das Vorwort umreißt die Fragenwelt, in der sich Platons Dialoge bewegen, und skizziert ihre thematischen Felder von Ethik und Politik bis Metaphysik und Naturlehre. Es bereitet auf die dialogische Form vor, in der Einsichten tastend, kritisch und oft über Beispiele erarbeitet werden. Die Lesenden erhalten Orientierung für Querverbindungen und Entwicklungslinien ohne Ergebnisse vorwegzunehmen.

Tetralogie I – Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton, Phaidon

Diese vier Dialoge stellen die Figur des Sokrates in den Mittelpunkt und verhandeln Frömmigkeit, Pflicht gegenüber den Gesetzen, philosophische Standhaftigkeit und die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele. In dicht geführten Gesprächen werden Begriffsbestimmungen erprobt und moralische Intuitionen geprüft. Der Ton ist existenziell und schlicht, mit starkem Fokus auf der elenktischen Methode und der Suche nach tragfähigen Gründen.

Tetralogie II – Kratylos, Theaitetos, Der Sophist, Der Staatsmann

Die Dialoge untersuchen die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit, die Definition von Wissen, die Unterscheidung des Sophisten und die Kunst des wahren Staatsmannes. Verfahren wie Definition, Teilung und systematische Unterscheidung treten in den Vordergrund, um begriffliche Verwirrungen zu ordnen. Der Ton ist analytisch und methodisch, mit einem wachsenden Vertrauen in strukturierte Dialektik.

Tetralogie III – Parmenides, Philebos, Symposion, Phaidros

Diese Gruppe verbindet eine kritische Selbstprüfung der Ideenlehre mit Untersuchungen zu Lust, Intelligenz und dem Guten sowie poetisch-philosophischen Betrachtungen über Eros, Schönheit und Rede. Strenge Argumentation trifft auf mythisch-bildhafte Passagen und Reflexionen über die Seele. Der Ton schwankt zwischen spekulativer Strenge und lyrischer Weite und öffnet die Ethik zur Ästhetik und Metaphysik.

Tetralogie IV – Alkibiades I, Alkibiades II, Hipparchos, Die Nebenbuhler (Anterastai)

Im Mittelpunkt stehen Selbsterkenntnis, maßvolle Lebensführung, der Umgang mit Besitz und die Frage nach echter Bildung gegenüber bloßem Prestige. Die Gespräche beleuchten Ambition und Eros als Antriebskräfte politischer und persönlicher Entwicklung. Der Ton ist didaktisch und gelegentlich spielerisch, mit Augenmerk auf Motivation, Erziehung und Selbstprüfung.

Tetralogie V – Theages, Charmides, Laches, Lysis

Diese Dialoge erkunden exemplarisch die Tugenden Besonnenheit, Tapferkeit, Freundschaft und das Streben nach Weisheit. Definitionen werden vorgeschlagen, überprüft und oft wieder verworfen, um die praktische Tragweite moralischer Begriffe freizulegen. Der Ton ist frühdialogisch-aporetisch und nah an konkreten Situationen.

Tetralogie VI – Euthydemos, Protagoras, Gorgias, Menon

Im Spannungsfeld von Rhetorik, Eristik und ernsthafter Philosophie werden die Lehrbarkeit der Tugend, die Natur überzeugender Rede und die Bedingungen wahren Lernens ausgelotet. Über Vorführungen sophistisch-paradoxer Kunstgriffe und anspruchsvolle Streitgespräche werden Kriterien für Erkenntnisgewinn und moralische Orientierung entwickelt. Der Ton ist kontrovers, prüfend und methodenkritisch.

Tetralogie VII – Hippias maior, Hippias minor, Ion, Menexenos

Fragen nach dem Schönen, der Freiwilligkeit des Unwahren, dichterischer Inspiration und politischer Rede bilden das Zentrum. Die Dialoge testen Grenzen fachlicher Expertise und die Autorität öffentlicher Worte gegenüber philosophischer Einsicht. Der Ton ist pointiert und teils parodistisch, ohne die Ernsthaftigkeit der Grundfragen preiszugeben.

Tetralogie VIII – Kleitophon, Politeia, Timaios, Kritias

Von der knappen Kritik an bloßer Ermahnung führt der Bogen zu einer umfassenden Theorie der Gerechtigkeit, der Seelenstruktur und der politischen Ordnung sowie zu einer kosmologischen Darstellung von Weltseele und Natur. Mythische Rahmungen und modellhafte Darstellungen verknüpfen politische Theorie mit Naturphilosophie. Der Ton ist architektonisch und visionär, verbindet Normenbildung mit Erklärungsanspruch.

Tetralogie IX – Minos, Nomoi (Gesetze), Epinomis, Briefe

Diese späten Texte rücken Gesetz, Religion, Bildung und Lebensordnung in den Vordergrund und skizzieren praktikable Institutionen für eine gut geführte Polis. Ergänzend treten kosmologisch-theologische Erwägungen und briefliche Selbstvergewisserungen zur Rolle der Philosophie im politischen Handeln hinzu. Der Ton ist gesetzgeberisch, nüchtern und auf Dauerhaftigkeit gerichtete Praxis.

Leitmotive und Entwicklungslinien

Platons Werk schreitet von sokratischer Aporie über methodische Dialektik zu weitgespannten Systementwürfen und gesetzgeberischer Praxis. Wiederkehrende Themen sind die Einheit von Tugend und Wissen, die Natur der Seele, das Verhältnis von Rede, Wahrheit und Macht sowie der Einsatz von Mythen als erkenntnisleitenden Bildern. Stilistisch reicht die Spannweite von knappen Prüfgesprächen bis zu ausgreifenden Konstruktionen, ohne die dialogische Suche nach Gründen preiszugeben.

PLATON - Gesammelte Werke

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Platons Leben und Werk
Werke:
Tetralogie I
Euthyphron (Über die Frömmigkeit)
Apologie des Sokrates
Kriton
Phaidon (Über die Unsterblichkeit der Seele)
Tetralogie II
Kratylos (Über die Sprachkunde)
Theaitetos (Die Erkenntnistheorie)
Der Sophist
Der Staatsmann (Politikos)
Tetralogie III
Parmenides
Philebos (Verhältnis von Lust, Intelligenz und Gut)
Symposion (Das Gastmahl)
Phaidros (Vom Schönen)
Tetralogie IV
Alkibiades (Der sogenannte Erste)
Alkibiades (Der sogenannte Zweite oder Kleiner Alkibiades)
Hipparchos
Die Nebenbuhler (Anterastai)
Tetralogie V
Theages
Charmides (Die Bedeutung der Besonnenheit)
Laches (Über die Tapferkeit)
Lysis (die Natur der Philia)
Tetralogie VI
Euthydemos
Protagoras (Über die Lehrbarkeit der Tugend)
Gorgias (Rhetorik als Propagandamittel)
Menon
Tetralogie VII
Hippias maior (Das größere Gespräch dieses Namens)
Hippias minor (Das kleinere Gespräch dieses Namens)
Ion
Menexenos (Die Rhetorik der Parodie)
Tetralogie VIII
Kleitophon
Politeia (Der Staat)
Timaios (Über die Natur, Kosmologie und Weltseele)
Kritias (Über Atlantis)
Tetralogie IX
Minos
Nomoi (Gesetze)
Epinomis
Briefe

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Platons Leben und Werk

Plato dankt einmal den Göttern für vier Dinge: daß er geboren sei 1.als Mensch, 2.als Mann, 3.als Grieche und 4.als Bürger Athens zu Sokrates' Zeit. Aus einem der vornehmsten Geschlechter entstammend – die Legende schrieb ihm später, genau wie Jesus, einen göttlichen Vater (Apollo) und eine jungfräuliche Mutter zu–, wurde er denn auch körperlich und geistig aufs sorgfältigste erzogen und mit der ganzen wissenschaftlichen und künstlerischen Bildung des damaligen Athens ausgerüstet. Und doch galt ihm dies alles nichts – er soll unter anderem seine Jugendgedichte verbrannt haben – imVergleich zu dem vertrauten Umgange mit seinem geliebten Meister Sokrates, den er von seinem 21. bis 28.Lebensjahre (406 bis 399) genoß. Nach dessen Tod verließ er die ihm auch politisch unerfreulich gewordene Vaterstadt und ging auf Reisen, die ihn unter anderem zu dem Mathematiker Theodoros in Cyrene (Nordafrika), nach dem Lande uralter Priesterweisheit am Nil, zu den Pythagoreern in Tarent und an den Hof des älteren Dionys in Sizilien führten. Nach Athen heimgekehrt, gründete er vierzigjährig, also 387 seine Philosophenschule nahe einem dem Halbgott Akademos geweihten Gymnasium, daherAkademiegenannt. Hier hat er, abgesehen von zwei Reisen nach Syrakus (367 und 361), wo er vergeblich auf den jüngeren Dionys im Sinne seines Staatsideals (siehe unten) einzuwirken hoffte, zurückgezogen von den öffentlichen Angelegenheiten bis zu seinem achtzigsten Jahre gelebt und gewirkt.

Glücklicherweise sind alle seine Schriften, gegen dreißig an der Zahl, erhalten. Sie sind sämtlich in der Form von Zwiegesprächen(Dialogen)abgefaßt und zeigen eine von keinem anderen griechischen Prosaiker erreichte Künstlerschaft der Sprache, die mit plastischer Anschaulichkeit und zuweilen dramatischer Lebendigkeit des Gesprächs gepaart ist. Der Hauptredner ist jedesmal Sokrates, dem der dankbare Jünger seine eigene Philosophie in den Mund legt, während der Titel des Dialogs gewöhnlich nach dem wichtigsten Mitunterredner gewählt ist.

In den frühesten Dialogen entfernt sich Plato noch nicht besonders weit von der Lehre des Meisters. Der erste, die sogenannte »Apologie des Sokrates«, ist dessen von Plato selbst in Worte gefaßte Verteidigungsrede vor Gericht; das Thema des zweiten im Gefängnis spielenden: weshalb Sokrates die ihm von seinem alten Freunde Kriton angebotene Gelegenheit zur Befreiung nicht annehmen will. Vier andere kleinere Gespräche erörtern nacheinander die Bedeutung bestimmter Tugenden: der Tapferkeit, Besonnenheit, Frömmigkeit, Freundschaft und Liebe. Fünf weitere Dialoge setzen sich mit den Sophisten auseinander; ebenso auch das erste Buch seines späteren Hauptwerks, des »Staates«. Seine eigene Philosophie kommt erst in den Schriften seiner Reifezeit zum Durchbruch, die seineIdeenlehreenthalten.

Mit Plato stehen wir an dem Quellpunkt desIdealismusund damit zugleich alles wissenschaftlichen Denkens. Er faßt zum erstenmal mit aller Klarheit – die Eleaten, Demokrit, Sokrates bildeten nur Vorstufen dazu – den Gedanken eines rein gedachten Seins, welches dadurchist, daß esgedachtwird. Diese ganz neue Art des Seins und zugleich das Denken derselben bezeichnet er nun auch mit einem damals noch ganz neuen Namen: derIdee, die wörtlich ein geistiges »Schauen« bedeutet. Natürlich behandelt er auch die zu ihr führenden Vorstufen der Erkenntnis. Deren unterste Stufe stellt die sinnliche Wahrnehmung dar, die für sich allein selbstverständlich keine sichere Erkenntnis zu liefern vermag. Auch die zusammenfassende und vergleichende Überlegung, mit der die Seele die ihr gebotenen Sinneswahrnehmungen erst zur »Vorstellung« schlechtweg, dann zur richtigen Vorstellung weiter verarbeitet, führt noch nicht zur Erkenntnis des wahrhaft Seienden, des Bleibenden im Fluß der Erscheinungen, mit einem Wort zur Wissenschaft. Das vermag nur die Idee. »Auf die Idee hinschauend«, als das Muster, das ihm vor Augen steht, verfertigt schon der Tischler seine Bettstelle, der Techniker sein Modell, aber auch der größte Künstler sein Werk. Die Idee ist das sich gleich Bleibende, das dem vielen Gleichbenannten Gemeinsame, das wirklich und wahrhaft Seiende.

Um sie vor aller Versinnlichung zu schützen, stellt Plato die Ideen in seiner bilderreichen Sprache wohl auch als »thronend an einem überhimmlischen Ort«, als »unkörperliche, unräumliche, unsinnliche Wesenheiten«, als »ewig, farblos, gestaltlos« dar; Eigenschaften, die alle auch auf unsereGedankenzutreffen. Das mag verschuldet haben, daß weniger poetische Naturen – schon sein Schüler Aristoteles beginnt damit – sie als eine Art außerhalb der übrigen Welt irgendwo ein Sonderdasein führender Geister oder persönlicher Wesen mißverstanden hat. Und doch sagt unser Philosoph ganz klar, daß seine Ideen, die es von allem möglichen, Hohem wie Niedrigem gibt – zum Beispiel von Tisch, Bett, Messer–, nurGedankendingesind, die unsere eigene Seele erst erzeugt. Der Drang zu ihrer Hervorbringung, zum Gebären dessen, womit die Seele schwanger geht, ist es, der den Philosophen wie den Künstler macht; es ist der Eros, das ist das liebendeVerlangen, der geistige Zeugungs- und Schaffenstrieb, den der Dialog »Das Gastmahl« so unübertrefflich schön geschildert hat.

Aber Sinn und Geltung bekommen die Ideen erst dadurch, daß sie sich auf Sinnendinge beziehen. Ein Hauptmittel dazu ist dieMathematik, die zwischen dem Vernunft-Denken und den sinnlichen Wahrnehmungen in der Mitte steht. Sie wurde von Plato und seinen Jüngern aufs eifrigste gepflegt. »Kein der Geometrie Unkundiger trete ein!« soll über dem Eingang seiner Akademie gestanden haben. Vom ewig wechselnden Werden zum beständig Seienden führen die »Wecker zum reinen Denken«: die Zahlenkunst (Arithmetik) und Geometrie. Der mathematischen Methode ist auch einer der bis heute wichtigsten Grundbegriffe wissenschaftlichen Denkens entlehnt: derjenige der»Hypothese«, als derVoraussetzung, die das Gesuchte vorläufig als gefunden annimmt, um es sodann durch die aus ihr gezogenen Folgerungen und deren Verknüpfung wirklich zu finden. Auch die Idee ist eben»Hypothesis«,Grundsatzim eigentlichsten Sinne des Worts, selbst unbedingte letzte Voraussetzung und Unterlage des philosophischen Denkens. Die Wissenschaft von den Ideen nennt Plato dieDialektik, weil erst die gemeinsame Erzeugung der Begriffe in der Unterredung (dem »Dialog«) mit anderen zum Reiche der Ideen führt.

Wir müssen weitere schwierige Einzelheiten, wie die Lehre von der Materie, hier übergehen. Desgleichen seine erst in einem seiner spätesten Dialoge entwickelteNaturphilosophie. Sie bildet den schwächsten Teil von Platos philosophischem System, den er selbst gelegentlich als ein geistreiches »Spiel« bezeichnet, und für den er nur Wahrscheinlichkeit, nicht wissenschaftliche Wahrheit in Anspruch nimmt. DieWeltseele, die er hier als eine Art Mittelding zwischen dem Einen und dem Vielen, dem Schaffenden und dem Geschaffenen annimmt, und die den von dem göttlichen Weltbildner erschaffenen Urquell alles Lebens darstellt, hat allerdings genug Unheil von der spätantiken und mittelalterlichen bis zur neueren Philosophie (Schelling) angerichtet.

Gleich ihr ist auch die Einzelseele des Menschen in erster Linie jedenfalls nur Lebensprinzip, diePsychologiealso –wie fast bei allen Denkern des Altertums – bloß ein Teil der allgemeinen Naturlehre. Steine werden bewegt; Pflanzen, Tiere und Menschen dagegen bewegen sich selbst, was wirlebennennen. Über die Unsterblichkeit des Einzelnen spricht er sich an verschiedenen Stellen verschieden aus; jedenfalls glaubt er sie nicht mathematisch beweisen zu können. Jener Dreiteilung der Seele in bezug auf das Erkennen (Wahrnehmung, Vorstellung, Idee) entspricht eine ebensolche für die Welt des Willens: das Begehren, das Mutartige oder die Willenskraft, das vernunftgemäße Wollen. Das letztere lenkt als Einsicht, nach dem schönen Gleichnis im Phädrus, das übrige Zweigespann, von dem das edlere Roß (die Willenskraft) das zügellose (die Begierde) bändigen hilft.

Damit stehen wir am Eingang in den dritten und letzten Teil von Platos Philosophie: seinerEthik. Auch sie findet, gleich der Wissenschaft, ihre Begründung in der Ideenlehre. Die höchste aller Ideen ist dieIdee des Guten. Auch sie muß in schwieriger Untersuchung erst gefunden werden. Denn sie ist das Letzte alles Erkennbaren, »mit Mühe nur zu schauen«, »hoch über allem Sein«, dafür auch die Erkenntnis der Wahrheit »an Würde und Kraft« noch überragend. Von allen anderen Ideen, selbst der des Schönen, gibt es Abbilder hienieden; von der des Guten nicht. Sie ist wie die Sonne, die alles Seiende erst erleuchtet und fruchtbar macht; weshalb sie gelegentlich auch mit dem Begriff gleichgesetzt wird, in den der Mensch das Höchste, was er nicht mehr auszudenken, sondern nur noch zu empfinden vermag, zu fassen sucht: derGottheit. Der Mensch muß sich, wie das wunderbar schöne Gleichnis im siebten Buche des »Staates« ausführt, an ihre »Schau« erst gewöhnen, nachdem er bis dahin, gefesselt an die Höhle des Scheins, bloß Schattenbilder erblickt hat. Und eine zweite »Verwirrung der Augen« überkommt ihn, wenn er dann, noch geblendet von ihrem Glanz, wiederum hinabsteigt zu seinen früheren Mitgefangenen in der Höhle, das heißt der Welt des täglichen Lebens, die, weiter in ihrer Dämmerung dahinlebend, jenen Künder der Idee – wie es ja immer den großen Idealisten und Propheten einer neuen Idee ergangen ist – nicht begreifen, ja als irrsinnig verspotten. Wie bei allen großen Ethikern (Kant, Fichte), wird ferner auch bei Plato das Guteaufs schärfste vom bloß Angenehmen, also auch von derLustgeschieden, für die schon die Tiere als »vollgültige Zeugen« genügen würden. Damit wird die Freude am Natürlichen und Schönen nicht verbannt. Ist doch der Eros, das liebende Verlangen (siehe oben), auch die Wurzel alles künstlerischen Schaffens. Und die Idee des Guten stimmt die Seele zu einer inneren Harmonie, deren Seligkeit aller vergänglichen mit Irrtum und Täuschung gemischten Lust weit überlegen ist.

Aber die Ethik bedarf derAnwendung, der Verwirklichung im Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit. Wohl möchte, wer aus der dumpf-dunklen Höhle der Alltäglichkeit zur sonnenbeglänzten Höhe der Idee emporgestiegen, am liebsten stets in ihrem Anschauen verweilen, aber gerade die Idee des Guten treibt ihn wieder hinab zu jenen Armen an Geist, den »Höhlenbewohnern«, um auch sie emporzuführen zum Licht, das sie noch nicht kennen. – Die Tugenden des Einzelnen sind: Besonnenheit oderSelbstbeherrschung, die den begehrlichen Teil des Menschen in Schranken hält,Mannhaftigkeit, die seiner Willenskraft, Einsicht oderWeisheit, die dem vernünftigen Teile der Seele entspricht. Die höchste aber, die drei andern beherrschende Grundtugend ist die derGerechtigkeit, das Thema seines größten Werkes, der »Republik«. Denn das sittliche Leben des Einzelnen kann sich nur verwirklichen in dem Abbilde des Menschen im großen, demStaate. Platos Hauptwerk handelt denn auch vom Staat.

In ihm gipfelt seine Philosophie. Die zehn Bücher der Politeia (Staatsverfassung), gewöhnlich mit ihrem lateinischen Namen »Republik« zitiert, enthalten theoretische Philosophie, Ethik, Geschichtsphilosophie, Gesellschaftskritik, Erziehungs- und Staatslehre, alles in einem. Die Grundzüge seiner theoretischen und Moralphilosophie haben wir schon kennengelernt. Beginnen wir also mit seinen geschichtsphilosophischen Ausführungen überEntstehungundEntwicklungdes Staates. Denn es steht keineswegs so, daß der große Idealist sein sozialistisches Staatsideal ohne Kenntnis der wirtschaftlichen Grundlagen des Staates und seiner historischen Entwicklung entworfen hätte. Er läßt ihn vielmehr, im zweiten Bucheseines Werkes – das erste war allgemeinen Betrachtungen über den Begriff des Gerechten oder Sittlichguten gewidmet–, aus den alltäglichsten Bedürfnissen vor unseren Augen entstehen. Er schildert, wie diese Bedürfnisse dann zu verschiedenen Arten der Technik, zur Arbeitsteilung, zur Warenerzeugung und zum Warenhandel, zur Ausbildung des Geldes als Tauschmittel führten; wie dann infolge von Gebietsstreitigkeiten und Kriegen zu der erwerbenden eine kriegerische und eine regierende Klasse hinzukamen.

Er übt ferner, hauptsächlich im achten Buch seiner Politeia, eineKritik der zu seiner Zeit bestehenden Gesellschaftsordnung, die an Eindringlichkeit und Schärfe von der sozialistischen Kritik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, von Marx bis Trotzky, kaum überboten worden ist. Die Jagd nach dem Gelde ist für einen bedeutenden Teil der Gesellschaft die alleinige Triebfeder des Handelns geworden. Durch die schrankenlose Erwerbsmöglichkeit, wie sie der wirtschaftliche Individualismus gerade dem Willensstarken und Skrupellosen, zumal unter den schon von Haus aus Begüterten bietet, wird der eine Teil der Bevölkerung überreich, der andere sinkt zum Bettlertum hinab. Neben dem »Drohnentum« der Müßiggänger und Verschwender, das den gesellschaftlichen Körper »wie Schleim und Galle« durchseucht, macht sich ein profitgieriges, unbarmherziges Spekulantentum breit, protzenhaft und ungebildet, einzig auf weitere Kapitalanhäufung bedacht; denn der Kapitalismus ist seiner Natur nach unersättlich. Seine Opfer sind mit Schulden überhäuft, ihrer Ehre und jedes Einflusses im Staate beraubt und brüten infolgedessen über Umsturzpläne. Schon bei Plato findet sich das Wort von den »zweiStaaten«, die sich in jedem derartigen Staate feindlich gegenüberstehen: dem der Armen und dem der Reichen. Von dem letzteren (der Plutokratie, der Herrschaft des Reichtums) ist der bestehende Staat immer abhängiger geworden, wie Bebel oder Liebknecht es einmal im Reichstag ausgedrückt hat: die Staatsregierung ist, ob bewußt oder unbewußt, zum »Kommis der besitzenden Klassen geworden«.

Die seelische Rückwirkung auf die Massen bleibt nicht aus. Sie sagen sich: »Unsere Herren sind nichts wert.« Schließlich wird die verhaßte Geldaristokratie gestürzt, die Demokratie(Volksherrschaft) tritt an ihre Stelle. Doch in ihr wirkt nun die vom Kapitalismus großgezogene Profitsucht weiter. Nichts gilt mehr als das materielle Interesse, alles andere erscheint dumm oder lächerlich. Es entsteht ein Kampf aller gegen alle (Marx: ein »allseitiger Kampf von Mann gegen Mann«). Sitte, Religion, Rechtschaffenheit sind außer Kurs gesetzt, in tierischem Genuß »nach Art des Viehs« lebt man dahin. Bis endlich in diesem Kampf, in dem ruinierte Nichtstuer sich oft schlau zu Führern der arbeitenden Massen emporschwingen, der Rücksichtsloseste und Stärkste siegt, die größte »Freiheit« in die schlimmste Knechtschaft, die Gewaltherrschaft eines Tyrannen umschlägt.

Was soll nun geschehen, um diesen »Fieberzustand« des Staates zu heilen? Mit kleinen Hilfsmitteln, die sich auf dem Boden der bestehenden Ordnung bewegen, ist es nach Plato nicht getan; sie gleichen dem Probieren von immer neuen Kuren, die in Wirklichkeit die tiefsitzende Krankheit des Patienten bloß mannigfaltiger machen. Es bedarf vielmehr einerRadikalkur, die auch vor dem »Brennen und Schneiden« des Gesellschaftskörpers nicht zurückscheut. Alle die schönen und nützlichen Dinge, mit denen die »großen« Führer der Demokratie, ein Themistokles und Perikles, Athen ausgerüstet: Tempel und Theater, Werften und Häfen, Flotte und Heer, ausgedehnte Festungswerke usw., können einen Staat nicht groß machen, wenn es an der inneren Einheit und Tüchtigkeit der Bürger fehlt. Eine von Grund auf veränderteErziehungist vonnöten, Erziehung zu einer völlig neuen Gesellschaftsordnung. So wird bei Plato die Pädagogik, wie überall, wo sie einen wahrhaft großen Zug genommen hat (Pestalozzi, Fichte, Natorp), aus einer Individual- zurSozialpädagogik: Erziehung nicht durch einzelne, wie die Sophisten meinten, sondern durch die neue Gesellschaftsordnung selbst.

Diese neue Erziehung, die einen wesentlichen Teil der »Republik« ausmacht, wird nun allerdings von unserem Philosophenzunächstnur für dieregierendenKlassen des neuen Staates gefordert. Das hängt mit den allgemeinen und besonders wieder mit den psychologischen, von uns schon oben (Seite37) angedeuteten, freilich wohl auch den politisch-aristokratischen Grundanschauungen unseres Denkers zusammen.Da der Staat das im großen, was der Einzelmensch im kleinen ist, nämlich ein in sich zusammenhängender Organismus, so entsprechen die drei Grundschichten der Gesellschaft den drei Grundtätigkeiten der menschlichen Seele. Ihrem »begehrlichen« Teil, den sinnlichen Trieben entspricht im Staatswesen der größte Teil des Volkes, die Masse derer, welche für die notwendigen wirtschaftlichen Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Hausrat usw.) des Ganzen sorgen, also die Bauern, Handwerker und Kaufleute. Dem »Mutartigen« oder der Willenskraft der Einzelseele entsprechen politisch die »Wächter« oder »Hüter«, die den Bestand des Staates nach außen durch die Abwehr feindlicher Angriffe, nach innen durch die Durchführung der neuen Gesetze sichern, also unseren Heeresangehörigen und Beamten vergleichbar sind. Der Vernunftkraft des einzelnen endlich entspricht diejenige Schicht, der Plato die oberste Leitung der Gesetzgebung und vor allem des Wichtigsten, der Erziehung anvertrauen will: die Philosophen. Die Haupttugend des ersten oder Nährstandes ist die Selbstbeherrschung oder Besonnenheit, welche die Triebe zügelt, die des zweiten oder Wehrstandes die Mannhaftigkeit, die des obersten oder Lehrstandes die Weisheit. Über sie alle ragt, als sie alle beherrschende und umfassende, dieGerechtigkeit, die jedem das Seine gibt, empor. So finden wir in dem Aufbau des neuen Sozialstaates sowohl die psychologischen wie die ethischen Grundzüge der platonischen Philosophie wieder.

Für die erwerbende Masse, die »Lohngeber und Ernährer« der beiden anderen Stände, zu denen übrigens die Tüchtigeren unter ihnen emporsteigen können, bleiben Privateigentum und Sonderfamilie bestehen. Sie sind nicht bloß Bürger, sondern auch »Freunde«, ja Brüder der anderen, von denen sie geschützt und gefördert werden. Die neueErziehungdagegen wird vorläufig nur den beiden oberen Ständen zuteil. Schon vor deren Geburt ist der Staat für die Tüchtigkeit seiner künftigen Erhalter und Leiter besorgt. Die tüchtigsten und kräftigsten Männer sollen sich mit den besten und edelsten Frauen verbinden. Nach den ersten drei Jahren vorherrschend leiblicher Pflege soll die von jetzt ab gemeinsame Erziehung, um harmonische Menschen heranzubilden, in gleichem Maße auf die körperliche wie auf die geistige Ausbildung gerichtetsein. Die erstere war ja im alten Griechenland sowieso zu Hause; ich brauche nur an die Worte Gymnastik und Gymnasium (griechisch Gymnasion, eigentlich eine Stätte, wo man unbekleidet oder leichtbekleidet turnt) zu erinnern. Sie soll auch bei Plato, durch die verschiedenen Altersstufen hindurch in verschiedenem Maß, gepflegt werden. Die geistige Ausbildung geschieht zunächst, dem frühen Kindesalter gemäß, durch Erzählungen aus der Märchen- und Sagenwelt, aus denen jedoch alle unsittlichen, der Götter oder Helden unwürdigen Züge, auch zum Beispiel Schilderungen angeblicher Schrecknisse in der Unterwelt (beim Christentum Hölle) zu verbannen sind. Dann folgt Lese- und Schreibunterricht. Der begeisterungsfähigen Jugend von vierzehn bis sechzehn Jahren werden vor allem Gedichte, namentlich lyrische (Lieder), und die damit verwandte Musik, unter Ausschaltung alles Üppigen und Weichlichen, Leidenschaftlichen und Zweideutigen, als seelische Kost geboten; dem angehenden Jünglingsalter vom sechzehnten bis achtzehnten Jahre die ernsteren mathematischen Wissenschaften, einschließlich Physik und Astronomie. Nur die auf das wahrhaft Gute und Schöne gerichtete Kunst soll zugelassen sein, damit eine ernste, sittliche Gesinnung, eine reine und hohe Gottesvorstellung, eine mutvolle Verachtung des Todes und der vergänglichen Güter des Lebens in den jungen Seelen erzeugt wird. Auch dasweiblicheGeschlecht soll an dieser Erziehung teilnehmen. Plato ist einer der frühesten Vertreter der Frauenemanzipation (das heißt Befreiung des weiblichen Geschlechts aus seiner Sklaverei). Er meint, daß die beiden Geschlechter nur im Grad, nicht in der Art ihrer Kräfte verschieden seien. Deshalb sollen die Mädchen und Frauen auch an den gymnastischen Übungen, gegebenenfalls sogar am Kriege teilnehmen; nur sollen ihnen dabei die leichteren Beschäftigungen zugewiesen werden.

Nach Beendigung des Kursus in Musik und Mathematik erhalten sodann die Achtzehnjährigen, ähnlich wie bis vor kurzem bei uns, eine zweijährige militärische Ausbildung. Darauf tritt eine erste Auslese ein. Die wissenschaftlich weniger Begabten verbleiben im Stande der »Hüter«; die übrigen betreiben fortan die Wissenschaften eingehender und in mehr systematischer Form, etwa wie auf unseren Universitäten. Danacherfolgt eine zweite Auslese: die minder Vorzüglichen gehen nun zu allerlei praktischen Staatsämtern über; die Begabtesten aber widmen sich noch fünf weitere Jahre der Erkenntnis des Seienden (Ideenlehre), um sodann ihrerseits höhere Regierungsämter zu übernehmen. Falls sie sich in diesen fünfzehn Jahren bewähren, sind sie mit fünfzig Jahren reif, unter die Zahl der »Herrschenden« oder Philosophen aufgenommen zu werden. Ihr Beruf ist von jetzt an die Gesetzgebung und die Überwachung von deren Ausführung. Die von ihrem jeweiligen Amte, zu dem das Los sie beruft, freie Zeit widmen sie weiterer philosophischer Vertiefung.

Damit nun die beiden regierenden Stände, die Philosophen und die Hüter, durch keine persönlichen Interessen an der Hingabe für das Ganze gehindert werden, soll keiner von ihnen eigenes Vermögen besitzen: weder Gold und Silber, noch eine eigene Wohnung, noch Vorratskammern, in die nicht jeder gehen könnte. Den nötigen Lebensunterhalt empfangen sie in bestimmter Ordnung von den Bürgern der erwerbenden Stände in der Weise, daß sie keinerlei Mangel leiden, indes auch nichts für das nächste Jahr übrig behalten. Sie wohnen und speisen gemeinschaftlich. Ebenso sind ihnen auch die Frauen und Kinder gemeinsam, so daß weder ein Vater das eigene Kind kennt, noch das Kind den Vater. Alle bilden eben eine große Familie; teilen soweit wie möglich Freuden und Schmerzen miteinander. Erst ein solcher Zustand, in dem niemand mehr etwas sein eigen nennt als seinen Leib, wird die Befreiung von aller Zwietracht bringen sowie von allen Rechtshändeln, die jetzt um den Besitz irdischer Güter unter den Menschen entbrennen.

Wie man sieht, ein sehr weitgehender Kommunismus, der allerdings nur auf die Angehörigen der beiden oberen Stände sich bezieht, also nur einenHalbkommunismusdarstellt. Von einer Ausdehnung auf das erwerbende Volk hielt Plato wohl zunächst, wie schon angedeutet, sein aristokratisches Mißtrauen gegen die »von Natur unphilosophische« Masse ab. Dann aber waren ja auch zu seiner Zeit die wirtschaftlichen Vorbedingungen (Großbetrieb usw.) für einen Voll- und Produktionssozialismus bei weitem nach nicht vorhanden. Und die Herbeiführung des neuen Sozialstaates durch völlige Umgestaltungdes bisherigen kann er sich eben nur als von oben herunter geleitet vorstellen. Zuerst hoffte er wohl, daß die in seiner »Akademie« in seinem Sinne erzogenen Jünger das neue Geschlecht mit dem neuen Geiste erfüllen sollten; denn Staatsverfassungen wachsen nicht auf den Bäumen, sondern wurzeln in der Sinnesart der Bürger. In diesem Sinne war wohl auch sein bekannter Satz gemeint: »Nicht eher wird eine Erlösung von den Übeln in den Staaten, ja beim Menschengeschlecht überhaupt eintreten, ehe die Philosophen zur Regierung kommen oder die jetzigen Könige und Machthaber gründlich philosophieren.« Und er hat auch mehrmals – bei dem älteren wie bei dem jüngeren Dionys – einen praktischen Versuch gemacht. Allein seine Hoffnungen, einen ähnlichen politischen Einfluß wie einst der Bund der Pythagoreer in Griechenland (siehe Seite18) zu gewinnen, schlugen fehl. Dennoch versiegte sein hochgespannter Idealismus nicht. Gegen Ende seines Lebens entwarf er in einem neuen Buche, den»Gesetzen«, die Grundzüge eineszweitbesten Staates, der den bestehenden Verhältnissen besser angepaßt, mehr Aussicht auf Verwirklichung böte.

Er denkt ihn sich als eine Art Agrarkolonie im Innern der großen Insel Kreta, die, nebenbei bemerkt, ebenso wie das alte Sparta in vergangener Zeit allerlei sozialistische Einrichtungen besessen hatte und so einen gewissen Anknüpfungspunkt bot. Das ganze Staatsgebiet ist, ähnlich wie im Sparta des sagenhaften Gesetzgebers Lykurg, in lauter gleiche »Landlose« (5040 an Zahl) für alle Vollbürger aufgeteilt. An die Stelle völliger Aufhebung der Familie für die beiden oberen Stände ist eine sorgfältige Überwachung der Ehen und des häuslichen Lebens aller, an die Stelle der »Ideen«erkenntnis eine mathematisch-musische (siehe oben) Ausbildung nebst einer geläuterten Staatsreligion getreten, an Stelle der »Philosophen« regiert eine Vereinigung der einsichtigsten und bewährtesten Bürger nach geschriebenen, aber fortbildbaren Gesetzen. Mit dieser Abschwächung des Staatsideals der »Republik« sind jedoch andererseits wesentlicheFortschritte(inunseremSinne) verbunden. Die starre Trennung der Stände ist gemildert, die Kluft zwischen Herrschenden und Beherrschten beinahe geschlossen; der Wert der wirtschaftlichen Arbeit wird stärker gewürdigt,der VolksbildungallerKlassen, nicht zu vergessen der weiblichen Jugend, größere Aufmerksamkeit geschenkt. Der bedeutsamste Fortschritt aber ist der, daß im Gegensatz zum Halbkommunismus der »Republik« derVollsozialismus, das heißt die volle Wirtschaftsgemeinschaft für sämtliche Staatsbürger – zu denen allerdings die unfreien Landarbeiter nicht gehören – wenigstens grundsätzlich ins Auge gefaßt wird. Jeder soll sein Ackerlos, ja »sich selbst und seine Habe« als »Gemeingut des ganzen Staates« ansehen. Eine Gemeinsamkeit alles Eigentums und der gesamten Bewirtschaftung von Grund und Boden wäre noch »zu groß für das heutige Geschlecht und die Art, wie es aufwächst und erzogen wird«. Es bleibt, zusammen mit der Gemeinsamkeit der Frauen und Kinder und aller Habe, ein Ideal »vielleicht für Götter und Göttersöhne«, von dem der Philosoph nicht weiß, »ob es irgendwo existiert oder dereinst kommen wird« (Fünftes Buch der »Gesetze«).

*

Wir haben den Hauptinhalt von Platos Staatslehre auch deshalb etwas ausführlicher dargestellt, weil man darin noch einmal den ganzen Plato mit seiner Ideenlehre, Psychologie und Ethik, überhaupt in seiner Eigenart wie in einen Brennpunkt zusammengefaßt erblickt. Die Hoffnung, die er auf seine Schüler setzte, erfüllte sich nicht. Wohl hat die »Akademie« länger als irgendeine andere Philosophenschule, beinahe noch ein Jahrtausend hindurch bestanden. Aber in all dieser Zeit hat sie wohl manchen redlichen Mann, aber keinen einzigen hervorragenden Kopf hervorgebracht, außer dem erst sechs Jahrhunderte später lebenden Plotín. Sie haben sich gerade an das weniger Dauerhafte in ihres Meisters Lehre, an die mystischen Neigungen und pythagorisierenden Gedanken seines Alters, die wir mit Absicht übergangen haben, angeschlossen und außerdem populären praktisch-ethischen Erörterungen sich zugewandt, denen wir in anderem Zusammenhang noch begegnen werden. Der einzige seiner Schüler, der weltgeschichtliche Bedeutung für sich in Anspruch nehmen kann, schlug völlig andere Bahnen ein. Es warAristóteles.

Werke

Inhaltsverzeichnis

Tetralogie I

Inhaltsverzeichnis

Euthyphron (Über die Frömmigkeit)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Als Erörterung über den Begriff der Frömmigkeit, die im »Protagoras« ebenfalls unter den Teilen der Tugend aufgeführt wird, schließt sich auch der »Euthyphron« an jenes Gespräch. Allein mit dem »Laches« und »Charmides« verglichen erscheint er dennoch als eine sehr untergeordnete Arbeit, weil nicht nur seine dürftige Bekleidung gegen den Reichtum und die Pracht in jenen beiden sehr nachteilig absticht, sondern auch sein innerer Gehalt mit jenen verglichen sich nicht viel besser ausnimmt. Denn man kann im »Euthyphron« weder eine fortschreitende Berichtigung der allgemeinsten ethischen Ideen nachweisen, noch auch, wenn man bei dem einzelnen Begriff stehen bleiben will, der den unmittelbaren Gegenstand der Untersuchung ausmacht, finden sich hier solche indirekte Andeutungen, welche den aufmerksamen Leser hinreichend mit der Ansicht des Verfassers bekannt machen; sondern sowohl die Beschränktheit des Zwecks als die bloß skeptische Behandlung des Gegenstandes liegt hier ganz deutlich zu Tage. Daß nun ein so wesentliches Element der den Platonischen Gesprächen eigenen Bildung hier gänzlich fehlt, dieses könnte leicht den Verdacht erregen, ob nicht unser Gespräch hier unter diejenigen gehöre, die dem Platon abzusprechen sind; und bestärkt wird dieser Verdacht durch manche Einzelheiten in der Ausführung, welche anstatt des schon bewährten und gebildeten Meisters eher einen nicht ganz unglücklichen und deshalb selbstgefällig sich brüstenden Nachahmer verraten, der das mäßige Erwerbtum einer leichteren Dialektik und einer ziemlich oberflächlichen Ironie gern recht hoch ausbringen möchte. Indes kommt es darauf an, wieviel folgende Gründe vermögen, um diesen Verdacht zu beseitigen. Zuerst ist das dialektische Übungsstück, welches der »Euthyphron« enthält, wenn gleich nicht so umfassend als das im »Charmides« aufgestellte, doch nicht minder sowohl ein natürlicher Auswuchs des »Protagoras« als eine eigne Annäherung und Vorbereitung zum »Parmenides«. Dies gilt besonders von der Entwickelung des Unterschiedes zwischen dem, was das Wesen eines Begriffs, und dem, was nur eines seiner Verhältnisse bezeichnet, und von der Ableitung des Sprachgebrauches, den Platon in der Folge zur Bezeichnung dieses Unterschiedes durchgängig beobachtet. Ferner verschwindet in den übrigen Platonischen Werken der Begriff der Frömmigkeit aus der Reihe der Vier Haupttugenden, denen er im »Protagoras« noch beigesellt ist, auf eine solche Art, daß ein eigner Wink darüber ganz notwendig ist, und wenn er sich nicht fände, als verloren gegangen müßte vorausgesetzt werden. Zwar enthalten spätere Gespräche einzelne positive Äußerungen über das Wesen der Frömmigkeit und ihr Verhältnis zu jenen Tugenden; aber das versteckte geht ja überall bei unserm Schriftsteller dem offenen und unverhohlenen voran; und eben jene Äußerungen schließen sich unmittelbar an das bloß verneinende Resultat des »Euthyphron«. Endlich muß man hinzunehmen, daß dieses Gespräch unstreitig zwischen der Anklage und der Verurteilung des Sokrates geschrieben ist, und daß sich unter diesen Umständen fast unvermeidlich für den Platon zu dem Zweck den Begriff der Frömmigkeit dialektisch zu erörtern der andere gesellen mußte, den über eben diesen Gegenstand angeklagten Lehrer auf die ihm eigene Art zu verteidigen. Ja es konnte je dringender die Umstände waren um desto leichter diese apologetische Absicht die ursprüngliche ethisch dialektische so weit verschlingen, daß Platon darüber verabsäumte, der skeptischen Behandlung nach gewohnter Weise auslegende Winke beizumischen, ohne daß man dennoch sagen könnte, er sei sich selbst untreu geworden oder habe sich gänzlich verläugnet. So erklären sich bei dieser unläugbaren Verflechtung der Absichten aus dem Drang des Bestrebens, soviel nur irgend möglich, die gemeinen Begriffe in ihrer Blöße darzustellen, und aus der Eilfertigkeit der Abfassung, wie es scheint, die gerügten und nicht abzuläugnenden Mängel des kleinen Werkes wenigstens so weit, daß, da wir keine Spuren haben von einem Sokratiker, der so platonisch noch als dieses ist, komponiert und geschrieben hätte, und in die späteren Zeiten eigentlicher Nachahmer die Schrift wohl nicht zu setzen ist, ich noch immer nicht wage das Verdammungsurteil über sie entscheidend auszusprechen.

Fährt man also fort sie als platonisch anzunehmen, so hat sie zwar wegen des Übergewichts der Nebenabsicht auf der einen Seite sehr viel von dem Charakter einer bloßen Gelegenheitsschrift an sich, kann aber doch auf der andern nicht ohne Unbilligkeit aus dieser an den »Protagoras« sich anschließenden Reihe ausgeschlossen werden, in welcher sie zwar ohne die Verhältnisse des Sokrates ihren Platz wahrscheinlich noch würdiger ausgefüllt haben würde, ihn aber doch auch jetzt noch wenn man ihr einige Nachsicht angedeihen läßt, wohl behaupten kann.

Den Euthyphron dabei zum Unterredner zu machen war ganz in der Weise des »Laches«, wo auch Sokrates mit ausgezeichnet Sachverständigen zu tun hat. Dieser Mann war nämlich, wie aus seinen eignen Äußerungen hervorgeht, eine sehr bekannte etwas lächerliche Person, ein Wahrsager wie es scheint, und der sich besonders auf das Göttliche zu verstehen vorgab, und die rechtgläubigen aus den alten theologischen Dichtern gezogenen Begriffe tapfer verteidigte. In gleichem Charakter erscheint auch unstreitig derselbe Euthyphron im »Kratylos« des Platon. Diesen nun gerade bei der Anklage des Sokrates mit ihm in Berührung, und durch den unsittlichen Streich, den sein Eifer für die Frömmigkeit veranlaßte, in Gegensatz zu bringen, war ein des Platon gar nicht unwürdiger Gedanke. Ziemlich deutlich trägt der Rechtsstreit des Euthyphron gegen seinen Vater das Gepräge einer wahren Begebenheit, wäre sie auch von andern Zeiten oder Personen übertragen. Auch ist die Art, wie er behandelt wird, fast zu vergleichen mit der Geschichte vom Sichelspeer im »Laches«; nur daß die Klage des Euthyphron weit genauer zur Sache gehört, und daß weder die größere Ausführlichkeit noch das öftere Zurückkommen darauf bei der unverkennbaren apologetischen Absicht als etwas Fehlerhaftes kann angesehen werden.

EUTHYPHRON

EUTHYPHRON • SOKRATES

(2) Euthyphron: Was hat sich doch Neues ereignet, o Sokrates, daß du dem Aufenthalt im Lykeion entsagend dich itzt hier aufhältst bei der Halle des Basileus? Denn du hast doch wohl nicht auch einen Rechtsstreit bei dem Basileus, wie ich?

Sokrates: Wenigstens, o Euthyphron, nennen dies die Athener nicht einen Rechtsstreit, sondern eine Staatsklage.

Euthyphron: Was sagst du? eine solche hat Jemand gegen dich eingeleitet? Denn du gegen einen Andern, das kann ich von dir nicht denken.

Sokrates: So ist es auch nicht.

Euthyphron: Sondern ein Anderer gegen dich.

Sokrates: Freilich.

Euthyphron: Wer doch?

Sokrates: Ich kenne den Mann selbst nicht recht, Euthyphron; jung scheint er mir wohl noch zu sein, und ziemlich unbekannt. Man nennt ihn, glaube ich, Melitos, und von Zunft ist er ein Pitthier, wenn du dich etwa auf einen Pitthier Melitos besinnst mit glattem Haar, noch schwachem Bart und Habichtsnase.

Euthyphron: Ich besinne mich nicht; aber was für eine Klage hat er denn gegen dich eingegeben?

Sokrates: Was für eine? die ihm nicht wenig Ehre bringt, dünkt mich. Denn so jung noch sein und schon eine so wichtige Sache verstehn, ist nichts geringes. Nämlich er weiß, wie er behauptet, auf welche Weise die Jugend verderbt wird, und wer sie verderbt. Er mag also wohl ein Weiser sein, und weil er meine Unweisheit inne geworden, als durch welche ich seine Altersgenossen verderbe: so geht er, wie zur Mutter, zum Staat, um mich zu verklagen. Und er allein unter allen öffentlichen Männern scheint mir die Sache recht anzufangen: Denn ganz recht ist es, zuerst für die Jugend zu sorgen, daß sie aufs beste gedeihe; wie auch ein guter Landmann immer zuerst für die jungen Pflanzen sorgt, und hernach für die übrigen. So wahrscheinlich will auch Melitos zuerst uns vertilgen, die wir den frischen (3) Trieb der Jugend verderben, wie er sagt; hernach aber wird er natürlich auch für die Älteren sorgend dem Staat ein Urheber sehr vieler und großer Vorteile werden, wie man ja erwarten muß von dem, der mit einem solchen Anfang anfängt.

Euthyphron: Das wünschte ich wohl, o Sokrates! Allein es graut mir, daß es nur nicht das Gegenteil sei. Denn mich dünkt er recht vom heiligsten Grund aus den Staat mißhandeln zu wollen, da er sich bemüht, dich zu verletzen. Aber sage mir doch, wodurch behauptet er denn, daß du die Jugend verderbest?

Sokrates: Unsinnig genug, mein Guter, wenn man es so hört. Er sagt nämlich, ich erdichtete Götter, und als ein Erdichter neuer Götter, der an die alten nicht glaubt, verklagt er mich eben deshalb wie er sagt.

Euthyphron: Ich verstehe, Sokrates. Weil du immer sagst, das Dämonische sei dir widerfahren; so stellt er diese Klage gegen dich an, als gegen einen Neuerer in göttlichen Dingen, und kommt um dich zu verläumden vor Gericht, weil er weiß, daß dergleichen Verläumdungen sehr leicht Eingang finden bei den Meisten. Denn auch mit mir, wenn ich in der Gemeinde etwas rede von göttlichen Dingen, und ihnen vorhersage was geschehen wird, treiben sie Spott wie mit einem Wahnsinnigen, und doch ist nichts was nicht eingetroffen wäre von Allem was ich vorhersagte. Aber doch sind wir Alle ihnen verhaßt. Aber man muß sich nur nichts um sie kümmern, sondern gerade zu gehn.

Sokrates: Lieber Euthyphron, bespöttelt zu werden, das ist nun eben keine große Sache. Und weiter, wie mich dünkt, kümmern sich die Athener nicht sonderlich um einen, wenn sie ihn auch für noch so gewaltig halten, der nur nicht lehrlustig ist mit seiner Weisheit. Von wem sie aber glauben, er wolle auch Andere zu solchen machen, dem zürnen sie, sei es nun aus Haß, wie du meinst, oder aus was sonst.

Euthyphron: Was dies betrifft, begehre ich gar nicht zu versuchen, wie sie über mich denken.

Sokrates: Weil du eben das Ansehn hast, dich selten zu machen, und Niemanden deine Weisheit lehren zu wollen; ich aber befürchte, daß ich bei ihnen in dem Ruf stehe meiner Menschenliebe wegen, was ich nur weiß verschwenderisch Jedermann zu sagen nicht nur unentgeltlich, sondern auch noch gern etwas dazugebend wenn mich nur Jemand hören will. Wie ich also eben sagte, wenn sie mit mir nur Scherz treiben wollten, wie du behauptest, daß sie es dir machen: so wäre das gar nicht übel, scherzend und lachend vor Gericht zu stehen. Wenn sie aber Ernst machen wollen, so kann wohl Niemand leicht wissen, wie die Sache ablaufen wird, außer Ihr, Wahrsager.

Euthyphron: