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Jonathan ist jung, attraktiv, lebt in Berlin und hält sich mit Modeljobs und kleinen Filmrollen über Wasser. Die Frauen liegen ihm zu Füßen, er genießt ausgiebig, aber keine seiner zahlreichen Bekanntschaften mündet in eine ernste Beziehung. Doch dann nimmt Jonathan eine Rolle für einen Film an, in dem er eine erotische Liebesszene mit einem Mann spielen soll. Sein Partner ist ausgerechnet der bekannte Schauspieler Sebastian Maus, der sich unwiderstehlich zu Jonathan hingezogen fühlt ...
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Jonathan
Die Schale eines Apfels verrät nichts über seinen Kern
Aus dem guten Kern wächst der gesunde Apfel: Sebastian
Bedenkt man, wie viele Milliarden Menschen unseren Erdball bevölkern, so ist man leicht geneigt, einen Individualismus abzustreiten. Aber nicht allein die Frage einer Individualität, sondern die alltäglichen Geschehnisse, das, was um einen herum passiert, lassen oftmals vergessen, dass ja jedes Lebewesen seine eigene, ganz besondere, eben individuelle Geschichte hat. Nun ist dies ganz sicher keine sonderlich bahnbrechende neue Erkenntnis, ganz im Gegenteil, über Jahrhunderte hinweg haben sich Philosophen, Dichter, Wissenschaftler und wahrscheinlich jeder denkende Mensch mit dem sehr komplexen Thema der individuellen Persönlichkeit beschäftigt. Vieles davon ist in literarischen Werken manifestiert oder einfach auch nur im Gespräch mit Freunden durchdiskutiert worden. Aber wie leicht betrachtet man den einzelnen Menschen nur als einen Teil einer großen Masse, etwa beim Betrachten der Bilder von verheerenden Katastrophen, bei denen Menschen zu gesichtslosen Marionetten degradiert werden, Berichten von Kriegsschauplätzen, in denen Menschenleiber nichts weiter zu sein scheinen als die Einheit einer grausam spektakulären Opferzahl? Ist nicht jeder schon einmal an am Straßenrand hockenden armseligen Bettlern verstohlen auf den Boden schauend vorbeigelaufen, ohne auch nur einen Gedanken des Mitgefühls aufzubringen oder gar Überlegungen darüber anzustrengen, welchem grausamen Schicksal man gerade keinerlei Beachtung geschenkt hat? Natürlich ist es unmöglich, sich über einen jeden Einzelnen Gedanken zu machen oder gar in Schwermut zu verfallen, aber es wäre durchaus wünschenswert, sich hin und wieder mehr den Menschen im eigenen Umfeld zu widmen, ihnen die Chance zu bieten, von ihrem persönlichen Leben zu berichten und gegebenenfalls Irrtümer zu korrigieren, die oftmals durch allzu schnell leichtfertig gefällte Vorurteile entstanden sind. Eine allzu hastige Ablehnung hat manches Mal zur Folge, dass ein wertvoller Edelstein im Staub zertreten wird, nur weil dessen Oberfläche nicht glänzend funkelte, sondern matt und unauffällig am Boden lag. Erst eine genauere Betrachtung oder aber auch das Gebot einer zweiten Chance, der eine nichterfüllte Erwartung vorausgegangen war, verleiht doch eine größere Gewissheit, nicht einen dummen Fehler begangen zu haben.
Wohl jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens schon einmal das Gefühl des Missverstandenseins über sich ergehen lassen müssen. Es gibt gewiss augenscheinlich bestens ausgerüstete Personen, denen das Glück in die Wiege gelegt und ein permanenter Zuspruch ihrer Mitmenschen sicher zu sein scheint, die aber in Wirklichkeit unaufhörlich mit den Widersprüchen zwischen ihrem Erscheinungsbild und dem wahren Charakter zu kämpfen haben. Eine dieser Spezies ist Jonathan Roth – ein in Berlin in der kurzen Zeitspanne vom Übergang des analogen zum digitalen Zeitalter geborener junger Mann, dessen auf den ersten Blick vielleicht etwas kleinbürgerlich wirkende, jedoch durchaus weltoffene Eltern ihn zu einem sehr stattlichen, freundlichen Mann erzogen hatten. Die Mutter, streng gläubig, präsentierte gern voller Stolz ihren wahrlich hübschen Sprössling der mitunter fast schon neidvollen Nachbarschaft. Sie und ihr Ehemann waren im kleinbürgerlich miefigen Nachkriegsdeutschland in zwei nicht weit voneinander entfernten westdeutschen Kleinstädten herangewachsen und hatten sich nach ihrer Heirat entschlossen, gemeinsam sich den Herausforderungen der Großstadt zu stellen. Dies war ihnen auch tatsächlich recht gut gelungen, wenngleich Mutter Roth oftmals sehr das katholisch-religiöse Umfeld vermisste. Jonathan genoss sämtliche Vorzüge eines Einzelkindes. Seine Eltern setzten alles daran, ihrem Sohn die bestmöglichen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben zu bieten. Eine stabile finanzielle Grundlage sowie die nicht nur optische, sondern auch charakterliche Stärke des heranwachsenden Jungen ließen eigentlich nur eine positive Entwicklung zu. Es wäre nun vollkommen falsch, das Gegenteil zu behaupten, jedoch musste sich der arme Jonathan in späteren Jahren mit einem außerordentlichen Manko herumschlagen: der Unfähigkeit, eigenes Verlangen in die Tat umzusetzen, sondern stets den einfacheren Weg zu gehen, der jedoch nie zu optimaler Erfüllung führte. Größtes Hindernis hierfür war wohl die Diskrepanz zwischen der sittsam katholischen Erziehung seiner Eltern und dem zunehmend sich verstärkenden säkularen Einfluss seiner außerhäuslichen Umwelt. Diese heile häusliche Welt ließ ihn außerhalb oftmals wie einen lebenden Anachronismus erscheinen und dies machte sich vor allem in seinem Liebesleben bemerkbar. Sein sehr attraktives Äußeres und eine durchaus zeitgemäße Attitüde führten eigentlich immer zu Fehleinschätzungen, die seinen sämtlichen Beziehungen oft schon nach kurzer Zeit ein Ende setzten. Es war ganz gewiss nicht die Schuld seiner immer auf Anstand und christliches Handeln bedachten Mutter, sondern das Wohlgefühl, das ihm dieses Elternhaus vermitteln konnte. Die Mutter war keine bigotte Glaubensverfechterin, die versucht hätte, dogmatisch ihre Ziele durchzusetzen, sondern eher eine bescheidene und auch weltoffene Frau, die lediglich für sich selbst den Halt in allem Kirchlichen suchte. Aber weder die Eltern noch Jonathan selbst waren sich der unheilvollen Vermischung dieser beiden Welten bewusst, und so wurde aus Jonathan nach und nach ein zwar stattlicher erwachsener Mann, dessen Liebesleben jedoch nie von wahrer Liebe erfüllt wurde.
Jonathan fühlte sich unausgeschlafen, hatte er doch die ganze Nacht daran denken müssen, dass er zum ersten Mal eine Liebesszene mit einem Mann drehen musste, aber die Gage war zu verlockend, als dass er sich das hätte entgehen lassen wollen, oder besser gesagt entgehen lassen können. Bislang sprudelten die Angebote, die er von seiner Vermittlungsagentur erhielt, nicht gerade so. War es doch sowieso sehr verwunderlich, dass gerade er, der sich bislang nie besonders durch großartige filmische Leistungen hervorgetan hatte, für diese wenn auch sehr kleine, aber dennoch recht lukrative Rolle auserwählt wurde. Sicherlich lag es aber wie schon so oft an seinem wahrhaftig markanten Äußeren, dem er schon des Öfteren kleinere Filmrollen, besonders Werbeaufträge, zu verdanken gehabt hatte.
Die kurze Fahrt mit der U-Bahn verging zu schnell, um sich noch intensiver mit dem Bevorstehenden zu beschäftigen. Der Treffpunkt am ersten von drei Drehtagen war in einem Café in Mitte, nur noch wenige Schritte entfernt. Jonathan öffnete etwas zaghaft die Tür und wurde von der ihm wohlbekannten nervösen Stimmung eines Filmsets empfangen. »Ah, da ist ja unser Nathan!«, wurde er fast erwartungsvoll von dem ihm bereits bekannten Produzenten und Produktionsleiter Wolfgang Meier begrüßt. »Darf ich dir gleich mal den Sebastian vorstellen. Mit ihm wirst du die nächsten drei Tage fast ausschließlich drehen und, wie du ja weißt, auch sehr engen Kontakt haben. Aber du kannst mir glauben, mit ihm hast du den besten Partner für diese Rolle bekommen.« Besagter Sebastian stand weiter hinten im Raum und unterhielt sich gerade mit einem Kameramann. Wolfgang packte Jonathan leicht am Arm und geleitete ihn in Richtung Sebastian. »Hallo Sebastian, darf ich dir den Jonathan vorstellen, er wird für die nächsten drei Tage dein Filmpartner sein, und ich hoffe, wir haben da eine gute Wahl getroffen.« – »Freut mich sehr, Jonathan. Auf den ersten Blick kann ich unserem Wolfgang nur Recht geben. Könntest glatt ein Wunschpartner sein.« Er reichte Jonathan die Hand zu einer etwas förmlichen Begrüßung und grinste dabei leicht schelmisch.
Jonathan war merklich erleichtert. Sebastian machte einen wirklich sympathischen Eindruck, und er wirkte auch erfrischend natürlich, gar nicht wie ein bekannter Filmstar, der er dank mehrerer größerer Filmerfolge bereits war. »Jetzt stelle ich dich erst mal unserem Drehbuchautor und Regisseur Tayfun Batman vor und dann können wir auch gleich loslegen.« Wolfgang zog Jonathan leicht am Arm und ging mit ihm Richtung Tayfun. Dies war ein junger, sehr ambitionierter Filmemacher, der vor mehreren Jahren aus der Türkei nach Berlin gekommen war und hier seine Abschlussarbeit an der Filmhochschule mit dem Film »Cyberlove« leisten wollte. »Cyberlove« war ein Filmprojekt, das in der jungen Hipstergemeinde von Berlin-Mitte angesiedelt war. Beim Durchlesen des Drehbuchs fand Jonathan die Story ein wenig zu zeitgeistig und übertrieben. Aber das war ihm so ziemlich schnuppe, Hauptsache, es kam wieder mal etwas Bares in die Haushaltskasse. Wolfgang jedenfalls war sehr überzeugt von dem Stoff, und wie sein bisheriger Erfolg zeigte, hatte er immer ein sicheres Händchen, was neue Filmprojekte anging.
»Das ist hier also der hübsche Nathan, der den Jerome spielen wird. Eigentlich heißt er ja Jonathan Roth, aber die meisten nennen ihn wohl Nathan.« Wolfgang legte jeweils eine Hand auf die Schultern der beiden, sodass sofort eine freundschaftliche Basis entstand. »Nattan«, wiederholte Tayfun leicht abgewandelt Jonathans Namen, »es ist gut, dass du endlich hier bist. Wir befinden uns hier permanent unter Zeitdruck. Ich stelle dich mal eben unserem Filmteam vor, und dann können wir schon gleich mit der ersten Einstellung beginnen.« So geschah es dann auch, und da sich Jonathan anhand des Drehbuchs bereits gut vorbereitet hatte, lief alles zu allseitiger Zufriedenheit perfekt ab.
Die Zusammenarbeit mit Sebastian war angenehm, und Jonathan war erstaunt, wie leicht es ihm fiel, mit Sebastian ins Spiel zu kommen. Als er sich von allen verabschiedet hatte, fühlte er sich schon bedeutend leichter als am Morgen. Und auch dieses mulmige Gefühl, das er wegen der homoerotischen Szenen am übernächsten Tag erst noch gehabt hatte, war plötzlich längst nicht mehr so dominierend. Und wieder einmal schien es sich zu bewahrheiten, dass je mehr er sich vor etwas graulte, es in der Ausführung meist harmloser ausfiel. Es blieb ihm nur zu hoffen, dass dies auch an den beiden nächsten Tagen so ablaufen würde.
Die darauffolgende Nacht verlief für Jonathan verhältnismäßig entspannt. Der zweite Drehtag war fast noch perfekter als der vorherige. Einzig die stetige Ungeduld Tayfuns sowie das etwas nervige »Nattan« machten ihm ein wenig zu schaffen. Es mochte der großen Herausforderung seines bedeutenden Erstlingsfilms geschuldet sein, aber über einen längeren Zeitraum hätte Jonathan die fortwährende Aufgeregtheit dieses Regisseurs nur schwer ertragen.
Nun hieß es für Jonathan, sich auf den für ihn schwierigsten dritten Drehtag vorzubereiten. Er musste dafür nach Friedrichshain in eine zu einem schicken Loft umgebaute Fabriketage fahren. Der Drehtermin war bereits für 7.00 Uhr morgens angesetzt, sodass ihm nach einer kurzen, unruhigen Nacht nur eine hektisch getrunkene Tasse Kaffee und ein trockenes sowie reichlich zähes Croissant ausreichen mussten, um sich in das Abenteuer zu stürzen. Die Fahrt in der reichlich überfüllten U-Bahn war kürzer als gedacht, und so konnte Jonathan den Drehort, den er auch erstaunlich schnell fand, überpünktlich erreichen. Dennoch herrschte gewohnte Filmset-Hektik, und es blieb auch keinerlei Zeit für ihn, um sich ein wenig zu akklimatisieren. Sofort stürzte sich Tayfun auf ihn, gerade so, als hätte er ihn bereits lange erwartet. Mit der ihm bereits bekannten Aufforderung zur Eile griff er Jonathan bei der Hand und zog ihn mit zu Sebastian, der ihn, wie auch an den anderen Tagen, mehr als freundlich, nein geradezu erwartungsvoll und liebenswürdig begrüßte.
»Es ist schön, dass wir uns heute endlich näherkommen werden. Ich hoffe, du musst dich nicht überwinden. Ich werde auch ganz lieb sein.« Das verführerische Grinsen, das er dabei auflegte, war schon sehr gekonnt, und Jonathan war tatsächlich sofort entspannt, ja sogar erwartungsvoll.
Tayfun rief alle anwesenden Darsteller sowie die Komparsen zu sich, um mit ihnen den Ablauf des gesamten Drehtages durchzugehen. Er wies auch gleichzeitig darauf hin, dass die Lokation nur für einen Drehtag zur Verfügung stehe und dass, wie sollte es anders sein, keine Zeit zu verlieren sei und doch jeder sein Bestes geben solle. Irgendjemand konnte es sich dann auch nicht verkneifen, »Das tun wir doch sowieso!« dazwischenzurufen. »Dann aber heute ein Quäntchen mehr, wenn’s denn möglich wäre«, erwiderte Tayfun leicht gereizt. »Oh Mann, der ist aber heute besonders angespannt. Hoffentlich liefern wir da gut ab«, raunte Sebastian zu Jonathan rüber. Dies wiederum ließ in Jonathan ein unangenehmes Gefühl aufkommen. Diese Anspannung legte sich jedoch im Laufe des Tages und wich einer geradezu lockeren Atmosphäre. Alles schien zu Tayfuns Zufriedenheit zu laufen und seine für ihn völlig ungewöhnliche Gelassenheit hatte eine sehr positive Auswirkung auf das gesamte Set.
Langsam näherte sich die für Jonathan gänzlich neue Herausforderung einer Liebesszene mit einem Mann, mit Sebastian. Der Verlauf der Story war, dass sich beide nach einem Kennenlernen im Café in Mitte nun auf einer Startup-Party näherkommen sollten. Das Drehbuch sah vor, dass sich beide nach einiger Zeit, die sie im Partygetümmel verbracht hatten, in einen Nebenraum begeben und mit einer stürmischen Liebesszene beginnen sollten, die sich dort dann derart zuspitzen sollte, dass letztlich bei einer oralen Befriedigung Jonathan einen Höhepunkt vorzugeben hatte.
»Jetzt legen wir mal los. Sebastian, Jonathan – seid ihr bereit? Dann ACTION!« Tayfun hatte somit den Startschuss für Jonathans bislang größte filmische Herausforderung gegeben. Nun lag es einzig an ihm, wie glaubwürdig und somit auch erfolgversprechend er seinen Part an Tayfun Batmans Abschlussarbeit an der Filmhochschule abliefern konnte.
Die Kameras hatten sich postiert und es bedurfte lediglich der Aufforderung des Regisseurs, und eine neue Ära in Jonathans Filmkarriere konnte beginnen. Nachdem Tayfun sein Startzeichen gegeben hatte, legte Sebastian seine Hände hinterrücks an Jonathans Hüfte und schob ihn in besagten Raum. Dort drehten sich beide zueinander, fassten sich gegenseitig heftig bei den Oberarmen und fingen wild an, sich zu küssen. Jonathan war spontan überwältigt, er fühlte sich wie von einem Blitz getroffen. Für einen kurzen Augenblick vergaß er gar die Kameras und die Anwesenheit anderer Personen um sich herum. Damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Dieser enge, intime Kontakt mit Sebastian versetzte ihn unverzüglich in einen ihm gänzlich unbekannten Zustand, der sein Glied für ihn unerklärlich und unkontrollierbar anschwellen ließ. Als sich Sebastian an seinem Hosenschlitz zu schaffen machen begann, legte sich seine Erregung jedoch schlagartig. Jonathan war heilfroh darüber, denn er wollte diese für ihn vollkommene »Überraschung« gern geheim halten. So hoffte er denn auch, dass seine Spontanerregung von Sebastian nicht bemerkt worden war. Sebastian sank in die Knie und markierte einen heftigen Oralsex, genauso wie es laut Drehbuch vorgesehen war. Währenddessen krallten sich seine Finger derart stark in Jonathans Hinterteil, dass dieser schon vor Schmerz zu stöhnen begann, was der gesamten Szene sehr zugutekam. Tayfun geriet regelrecht in Verzückung ob dieser wahrhaft gelungenen Darstellung, sodass er vor Begeisterung ausrief: »Das nehmen wir sofort, besser bekommen wir, beziehungsweise ihr, das nicht noch einmal hin. Ich befürchte eher, ein weiterer Take käme niemals so überzeugend rüber. Nattan, du warst einfach wunderbar. Wolfgang äußerte größte Bedenken bezüglich dieser Szene. Er meinte, du seist sicherlich viel zu schüchtern dafür und das ganze müsse wahrscheinlich x-mal wiederholt werden, aber da kennt er dich wohl schlecht.« Jonathan war zwar überglücklich, aber auch ziemlich irritiert. So etwas hatte er tatsächlich noch niemals gehört, geschweige denn selbst erlebt. Gleich der erste Take war so perfekt, dass ein weiterer überflüssig wurde. Er hörte dann jedoch, dass dies bei Tayfun bereits das dritte Mal der Fall war, sodass sich das Erstaunen bei allen anderen sehr in Grenzen hielt. Jonathan knöpfte sich gerade die Hose zu, als er Sebastian ein »Eigentlich schade« murmeln hörte. Noch konnte er diese Bemerkung überhaupt nicht einordnen, sollte Sebastian doch eigentlich auch zufrieden sein. Naja, vielleicht würde er ihn später einmal diesbezüglich fragen. Für Jonathan war jedenfalls die Mitarbeit an »Cyberlove« somit beendet, und er machte sich daran, seine Sachen zusammenzupacken und sich von seinen Kollegen, mit denen er die letzten drei Tage zusammengearbeitet hatte, zu verabschieden. Als er zu Sebastian kam, streckte der ihm seine Visitenkarte entgegen und bat ihn, sich doch am nächsten Tag einmal bei ihm zu melden. »Bitte wähle die Festnetznummer. Mobil bin ich schlecht zu erreichen, da ich mein Smartphone ständig verlege oder auch der Akku leer ist. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen und bin ab dem frühen Nachmittag ansprechbar. Heute wird das hier noch eine lange Nacht für mich, aber dafür habe ich morgen drehfrei. Es wäre daher wirklich schön, wenn du es dann einrichten könntest, dich morgen Abend mit mir zu treffen. Wer weiß, wann ich sonst wieder Zeit haben werde.« Jonathan nahm das Kärtchen, konnte jedoch sein verblüfftes Gesicht nicht verbergen. Noch nie hatte er privaten Kontakt zu Kollegen aus dem Filmset gehabt. Und jetzt war es sogar der berühmte Sebastian Maus. Hatte er tatsächlich solch einen Eindruck hinterlassen, dass ihm Sebastian eventuell zu einer weiteren Rolle verhelfen wollte? »Ich melde mich auf alle Fälle, und Zeit habe ich auch immer reichlich.« Jonathan verstaute die Karte in seiner Hosentasche und verabschiedete sich mit einem leisen »Tschüss denn«.
Auf seinem Heimweg waren Jonathans Gedanken nicht mehr klar strukturiert. Sie sprangen ständig hin und her zwischen der Freude über seinen gelungenen Aufritt und der gänzlich unerwarteten Einladung zu einem Treffen mit Sebastian. Er konnte sich einfach nicht entscheiden, worüber er sich mehr freuen sollte. Letztlich war es dann aber doch die bevorstehende Begegnung mit Sebastian, von der er sich doch irgendwie einiges versprach. Die darauffolgende Nacht verlief mal wieder recht unruhig. Immer wieder wachte Jonathan auf und konnte jedes Mal nur schwer wieder einschlafen. Der bevorstehende Tag versprach sehr ereignisreich zu werden, und dies obwohl doch bereits in den drei vergangenen Tagen für seine Verhältnisse äußerst viel passiert war. Der Morgen kam dann aber schneller als gedacht und endlich war auch wieder Zeit und Muße für ein ausgiebiges Frühstück. Jonathan besorgte sich frische Croissants, die er doch so gerne aß, und konnte nun auch wieder in aller Ruhe seinen morgendlichen Kaffee genießen. Die Zeit bis zum frühen Nachmittag verbrachte er mit diversen Betätigungen im Haushalt, bis es ihm endlich an der Zeit schien, Sebastian anzurufen. Das Visitenkärtchen hatte er sich bereits am Vorabend zurechtgelegt, und nun musste er nur noch darauf achten, dass er die richtige Nummer, nämlich die vom Festnetz, wählte, und der Verabredung mit Sebastian stand nichts mehr im Wege.
»Ja, Maus!« Sebastians Stimme klang recht förmlich, als er sich meldete.
»Ja, hier ist Jonathan. Wir wollten uns doch für heute verabreden.«
»Au klar! Entschuldige meinen wohl etwas energischen Ton, aber ich habe tatsächlich noch fest geschlafen. Wir haben noch bis heute Morgen fünf Uhr im Loft gesessen, aber dann war Gott sei Dank alles im Kasten. Die armen Leute von der Technik haben bestimmt noch einiges länger zu tun gehabt. Aber du bist hoffentlich gut ausgeruht. Klingst jedenfalls recht frisch.«
»Ja klar. Habe lange geschlafen und ausführlich gefrühstückt. Musste immer an euch arme Würstchen denken, wie lange euch der ›Cyberlove‹ noch malträtieren wird. Jetzt aber freue ich mich auf heut Abend. Was hast du dir denn so vorgestellt?«
»Naja, ich hab da einen exzellenten Caterer, bei dem könnte ich alles bestellen, was dein Herz begehrt. Worauf hättest du denn Appetit?«
»Na, vielleicht Hummer?«
»O. k. – Hummer. Wirklich?«
»Quatsch! Jonathan und Hummer ist wie Bolle und Champagner.«
»Nun gut, ich kenne zwar diesen Herrn Bolle nicht, aber entnehme dem, dass dies wohl nicht ernst gemeint war. Wie wär’s denn mit Kartoffelsalat und Würstchen?«
»Das nicht gerade, aber ich hätte mal wieder Lust auf so ’n richtig saftiges Steak.«
»Das lässt sich ganz bestimmt einrichten. Englisch, medium oder well done?«
»Na, so am besten in der Mitte schön rosa.«
»Also medium. – Heute Abend so um acht?«
»Das passt sehr gut. Du kannst damit rechnen, dass ich pünktlich bin. Also bis um acht.«
»Die Bestellung ist so gut wie raus. Ich freu mich echt. Also bis dann.«
»Tschüss, und ich freu mich auch.«
Sebastian machte sich sofort daran, die Bestellnummer des Caterers herauszusuchen, um Jonathans Wunsch nach einem saftigen Mediumsteak zu erfüllen. Er hatte die Cateringfirma bei einem Filmdreh vor mehreren Jahren kennen- und schätzen gelernt. Bereits mehrmals hatte er seine Gäste damit verwöhnen können. Und auch heute Abend lag ihm sehr daran, dass jedes Detail stimmte. Galt es doch herauszufinden, wie seine Chancen bei Jonathan stünden. Immerhin war er seit dem Casting für »Cyberlove«, wo er Jonathan das erste Mal gesehen hatte, sehr daran interessiert gewesen, ihn kennenzulernen – hatte er sich doch auch vehement dafür ins Zeug gelegt, Jonathan für die Rolle des »Jerome« zu besetzen. Er hatte es sogar geschafft, sich gegen Wolfgang zu behaupten, der Jonathan als gänzlich ungeeignet für diesen Part angesehen hatte. Sebastian, der im Allgemeinen die Coolness in Person verkörperte, war an diesem Tag tatsächlich etwas aufgeregt. Kaum konnte er die Stunden bis zum Erscheinen Jonathans abwarten. Er deckte sorgsam den kleinen Tisch, der sich so ziemlich in der Mitte des großzügigen Wohnbereichs befand, indem er das formschöne Porzellangedeck, welches er sich einst in Kopenhagen zugelegt hatte, auflegte, platzierte das edle Designerbesteck, zwei Weingläser und als Krönung kamen die feinen Damastservietten, gehalten von einem silbernen Serviettenring, zu ihrem Einsatz. Auch die Steaks sowie kleine Röstkartöffelchen und eine Prinzessbohnenbeilage wurden zeitig geliefert, sodass nur noch Jonathan fehlte. Mit nur unwesentlicher Verspätung traf dieser ein. Sebastian empfing ihn in eng sitzenden Jeans und blütenweißem Oberhemd und sah darin unglaublich attraktiv aus. Jonathan hatte dafür jedoch keinen Blick. Für ihn waren Äußerlichkeiten seit jeher so ziemlich schnurz und so konzentrierte er sich mehr, nach kurzer Begrüßung, auf die für ihn doch sehr beeindruckenden Räumlichkeiten. »Das ist ja ein regelrechter Palast!«, platzte es spontan aus ihm heraus. »Hätte nicht gedacht, dass es in Kreuzberg so tolle Wohnungen gibt. Dagegen ist ja meine Butze geradezu ein Loch.«
»Naja – auch Löcher können manchmal ihren Charme haben. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht. Ich finde, Hauptsache ist, dass man sich wohlfühlt, dort, wo man sich am meisten aufhält. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass du aus deinem Loch sicherlich etwas Gemütliches gezaubert hast. Oder liege ich da falsch?«
»Ganz und gar nicht. Ich fühle mich in meinem Heim sauwohl. Es ist eben nur bedeutend bescheidener.« Jonathan schaute begeistert herum, bis sein Blick auf ein einen großen Teil des Raumes beherrschendes Gemälde fiel. »Das ist ja geil! So was würd ich mir auch hinhängen. Soll ich dir mal meinen Geburtstag verraten?«
»Den kannst du mir gern verraten, aber wenn du darauf spekulierst, meinen ›Warhol‹ zu ergattern, so muss ich dich leider enttäuschen. So gern ich dir auch eine Freude bereiten würde. Ich habe mir den ›Sitting Bull‹ vor einigen Jahren selbst zum Geburtstag geschenkt und das, was man einmal geschenkt bekommen hat, sollte man doch auch nicht weiterverschenken. Oder?«
»Nein, nein, hab ich doch nur gesagt, um meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Also, dieser Indianer ist Sitting Bull? Das war doch dieser Siouxhäuptling, wenn ich mich recht erinnere.«
»Du erinnerst dich richtig. Ich war, als ich es sah, genau wie du sofort davon angetan. Und da dachte ich mir, mach dir mal ne Freude und schenk dir mal was Schönes zum Geburtstag. Ich kann dir sagen, eine größere Freude hätte ich mir damals nicht bereiten können.«
»Das glaub ich. Die Geschenke, die ich mir machte, waren da deutlich bescheidener. Eigentlich hab ich mich, glaub ich, sogar nie beschenkt. Hab mich einfach immer vernachlässigt.«
»Oje, da hast du wirklich was verpasst. Glaub mir, die besten Geschenke macht man sich meist selbst. Aber du kannst dich ja in den nächsten Jahren vielleicht mehr berücksichtigen.«
»Diesen Ratschlag befolge ich nur allzu gern, befürchte nur, dass derartige Geschenke mein Budget vollkommen überschreiten. Aber auch sonst muss ich sagen, gefällt mir dein Zuhause außerordentlich.«
»Das hör ich gern, dass es dir bei mir gefällt. Ich fühle mich hier jedenfalls sauwohl und freue mich immer, besonders nach längerem Aufenthalt außerhalb, wenn ich hier wieder in meinen eigenen vier, na o. k., das ›vier‹ streichen wir mal, also in meinen heimischen Wänden bin. So ganz nach dem Motto ›My home is my castle‹. Geht es dir denn nicht genauso?«
»Also, so oft bin ich nun nicht außerhalb, aber meine Wände habe ich natürlich genauso gern.«
»Lebst du eigentlich allein?«
»Ja, seit ich von Zuhause ausgezogen bin, habe ich noch nie mit jemandem zusammengewohnt. Irgendwie hat es da niemals jemanden gegeben, bei dem ich es mir hätte vorstellen können. Aber sicherlich wird sich das irgendwann einmal ändern, ich bin ja nicht unbedingt der geborene Einzelgänger. Auch wenn man das bei meinen 28 Jahren fast meinen möchte.«
»Soso, dann bist du ja sogar drei Jahre älter als ich. Das hätte ich eigentlich nicht gedacht. Wenigstens gleichaltrig hätte ich dich geschätzt. Zumindest wenn man dich etwas kennenlernt, wirkst du doch viel jünger.«
»Sag ruhig infantiler. Das jedenfalls hab ich bereits mehrfach von meinen Freundinnen zu hören bekommen. Eine sagte auch mal, ich sei ja noch grün hinter den Ohren. Und das nur, weil ich nicht immer gleich den Macho raushängen lasse. Das heißt, der ist erst gar nicht in mir drin.«
»Das finde ich sehr, sehr gut. Diese Aufreißertypen und Möchtegernkerle sind mir ziemlich zuwider. Ich mag es, wenn jemand seine Kindlichkeit lange bewahrt. Aber gerade in der Filmbranche findet man ja so jemanden kaum. Aber lass uns jetzt erst einmal die Steaks essen. Zwar ist alles in einer Warmhalteverpackung, aber allzu lang sollte man das Fleisch nicht darin warten lassen. Außerdem habe ich schon richtig Appetit. Also Herr Roth, Ihr Tisch ist gedeckt.«
Sebastian geleitete Jonathan zum gedeckten Tisch, platzierte Steaks, Böhnchen und die Pommes auf den Tellern, füllte die beiden Gläser mit argentinischem Rotwein und setzte sich Jonathan vis-à-vis. »Ich freue mich, einen wohl sehr lieben Kollegen kennengelernt zu haben, und hoffe, dass wir, auch wenn wir nicht nochmals zusammenarbeiten sollten, weiter in Verbindung bleiben werden.« Er erhob sein Glas und gestikulierte ein Zuprosten in Richtung Jonathan. Dieser agierte spiegelgleich und beide begannen, an den Gläsern zu nippen.
»Dann hau rein! Ich hoffe, es ist alles nach deinen Wünschen.« Beide schnitten jeweils eine Ecke des Fleisches ab und begutachteten den Grad des Bratzustands. »Genau so wollte ich es haben. Dieses Bild hatte ich vor meinen Augen, als ich dir meinen Menüwunsch verriet.« Jonathan schob sich genüsslich den Fleischbrocken in den Mund und schloss dabei gleichzeitig genießerisch beide Augen. »Hervorragend, wirklich köstlich!« Seine Begeisterung war dabei wahrlich nicht übertrieben, denn ein Steak derartig zart und saftig hinzuzaubern, war schon eine große Herausforderung. »Auch der Wein passt klasse dazu«, schob er eifrig hinterher, nachdem er einen kräftigen Schluck vom Rotwein getrunken hatte. »Na, da bin ich aber sehr beruhigt, sollst dich doch bei mir richtig wohlfühlen. Den Wein habe ich in Argentinien kennen- und lieben gelernt und das Steakfleisch ebenso. Es wird wohl direkt von dort importiert, habe mich mal beim Caterer sachkundig gemacht«, erwiderte ihm Sebastian hocherfreut.
Jonathan hatte sich in der Zwischenzeit an der umringten Serviette zu schaffen gemacht. Beim Abstreifen des Silberringes fiel ihm ein kleines eingraviertes Mäuschen auf. »Das ist ja niedlich!«, prustete es aus ihm heraus. »Ist das etwa eine Sonderanfertigung für dich?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe sie einmal geschenkt bekommen. Aber weil ich nur diese beiden habe, kommen sie nur sehr selten zum Einsatz. Und auch nur dann, wenn mein Gast etwas ganz Besonderes ist. Sebastian Maus sozusagen ganz und gar.« Nun wurde es Jonathan doch etwas unheimlich. Warum wurde ausgerechnet ihm, dem unbedeutenden Kleindarsteller, eine derartige Ehre zuteil? Hätte nicht viel eher Ruben Macoy darauf Anspruch? Immerhin war er doch der Co-Hauptdarsteller in »Cyberlove«. Um aber seine große Verwunderung etwas zu überspielen, begann er sofort Sebastian mit Fragen über Ruben zu bombardieren. »Wer ist eigentlich dieser Ruben Macoy? Hab noch nie was von dem gehört. Ist das überhaupt sein richtiger Name?«
»Nein, er heißt eigentlich Jan van sowieso, was weiß ich. Er ist gebürtiger Flame und kam vor etwa vier Monaten aus Antwerpen über Amsterdam nach Berlin. Er hofft hier die besten Voraussetzungen für den großen Sprung nach Hollywood vorzufinden. Ich glaube aber, da ist er etwas blauäugig. Diesen Namen hat er sich zugelegt, weil er ihn für eine internationale Karriere einfach besser findet, und zumindest damit mag er sogar recht haben. Ruben deshalb, weil er unbedingt seine Herkunft im Namen kenntlich machen will, und da fand er es nur allzu logisch, den wohl berühmtesten Flamen überhaupt, den Barockmaler Paul Peter Rubens, herbeizuziehen. Woher er nun sein ›Macoy‹ hat, weiß ich allerdings auch nicht.«
»Das klingt ja alles sehr interessant. Und wie kommt dein Name zustande? Ist das vielleicht auch ein Künstlername?«
»Nun, Sebastian Maus klingt ja nicht grade nach Hollywood. Nein, nein, ich bin damit geboren und aufgewachsen. In meinen Teenagerjahren habe ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, mir einen klangvolleren Namen, so etwas in der Richtung wie James Dean oder Clark Gable, zuzulegen, aber das erschien mir dann doch ziemlich albern, und so blieb ich bei meinem Sebastian Maus. Und damit bin ich bislang auch sehr gut gefahren, denn dieser Name lässt sich sehr leicht merken und prägt sich auch wunderbar ein.«
»Und er inspiriert zu so hübschen Ideen – wie diese Serviettenringe«, warf Jonathan ein.
»Also, ich habe mir über meinen Namen bis auf eine kleine Ausnahme noch nie Gedanken gemacht, geschweige denn über eine eventuelle Namensänderung. Aber ich finde, Jonathan Roth hört sich doch ganz o. k. an. Allerdings scheint sich dieser Name bei den für mich wichtigen Leuten nicht so eingeprägt zu haben. Von Überbeschäftigung kann jedenfalls nicht die Rede sein. Dein Name ist mir seit dem Film MERCADO ein Begriff. Es ist aber das einzige Mal, dass ich dich bewusst in einem Streifen gesehen habe, aber seitdem ist mir der Name Sebastian Maus tatsächlich ein Begriff. Jedoch viel weiß ich über diesen Herrn Maus dennoch nicht. Dieser ganze ›Celebritykram‹ geht mir ehrlich gesagt am Arsch vorbei. Ich glaube, deshalb wird man mich auch nie über den roten Teppich dackeln sehen. Wie ist das bei dir? Stehst du gern im Rampenlicht? Aber eigentlich ist es wohl ziemlich blöd, dir so eine Frage zu stellen.«
»Nein, blöd ist die absolut nicht. Oft genug geht mir das alles ganz schön auf die Nerven. Aber erst ist man regelrecht süchtig nach all diesem Blitzlichtgewitter und den Interviews, aber irgendwann mag man keine schwachsinnigen Fragen mehr beantworten und die diversen Events, auf denen man sich zeigen muss, werden nur noch lästig. Wobei ich eingestehen muss, dass ich manchmal auch meinen Spaß hatte. Ich erinnere mich da an eine Premiere, bei der nach erfolgreichen Dreharbeiten mit einem tollen Team auch der Gang über den Teppich und die Party danach mir sehr viel Vergnügen bereitet haben. Und da du den Film MERCADO erwähnt hast, er wurde in Buenos Aires uraufgeführt und das war für mich schon ein großes, wunderbares Ereignis. Dies lag aber sicherlich auch daran, dass es für mich ein vollkommen neuer Ort einer Filmpremiere war und außerdem die erste große Rolle überhaupt. Was waren denn so deine Highlights?«
»Also, mit derart exotischen Orten wie Buenos Aires kann ich schon erst mal gar nicht aufwarten und mit besonders nennenswerten Rollen oder Partys auch nicht. Ich halte mich hauptsächlich mit kleinen Werbespots oder Werbefotos, bei denen ich nicht die Klappe aufmachen muss, über Wasser.«
»Aber wieso? Du hast doch eine angenehme Stimme.«
»Naja, es ist ja auch nicht meine Stimme, die einer größeren Karriere im Wege steht, sondern mehr mein kaum vorhandenes schauspielerisches Talent. Und darüber bin ich mir völlig im Klaren. Ich bin immer dann gut, wenn ich aus dem Bauch heraus spiele, und das reicht nun mal überhaupt nicht, um etwas Größeres zu erreichen.«
»Aber gestern warst du doch ganz großartig. Hast sogar den Regisseur total überzeugt. Das war im Laufe der Drehzeit nun wahrlich nicht sehr häufig der Fall. Wie kam’s?«
»Nun, ich war wohl sehr aufgeregt und dann bin ich auch schon mal sehr gut. Hinzu kommt, dass ich mich in deiner Gegenwart sehr sicher fühle, und das ist für mich schon mal eine wichtige Voraussetzung. Aber nun noch mal zum Essen«, Jonathan wollte eigentlich sehr gern wieder von dem Thema der letzten Filmszene ablenken, weil er immer noch hoffte, dass seine kurzzeitige Erregung von Sebastian unbemerkt geblieben war. »Du hast mich wirklich von deinem Caterer überzeugt, Kompliment!«
»Na, das hör ich ja mal gerne, sollst dich doch bei mir so richtig wohlfühlen. Wie wär’s denn, wenn wir uns die Gläser greifen und uns rübersetzen, wo es sicherlich viel gemütlicher ist?« Sebastian deutete mit einem leichten Kopfnicken in Richtung Sofa, das sich wahrlich sehr verlockend und zum Herumlümmeln einladend an der anderen Seite des Zimmers befand. Die große, mit vielen Ton in Ton gehaltenen kleinen Kissen übersäte Couch war quasi das Epizentrum des wahrlich sehr geschmackvoll eingerichteten Wohnraums. Die in Moosgrün und Grautönen gehaltenen Kissen schob Sebastian etwas beiseite, sodass beide es sich genüsslich bequem machen konnten. Jetzt war es an der Zeit, dass Sebastian sein eigentliches Ziel, nämlich Jonathan näherzukommen, mit viel Geschick zu erreichen versuchte. An und für sich war er recht geübt darin, schien sich aber im augenblicklichen Fall nicht gerade sonderlich zu profilieren. Jonathan wirkte plötzlich merklich verkrampft und befand sich mit einem Male in einer für ihn vollkommen ungewohnten Situation.
»Kann es sein, dass sich gestern beim Dreh unserer letzten Szene etwas in deiner Hose getan hat?«, ging Sebastian sofort in die Offensive. »Ich meinte da einen kleinen Druck in Höhe deines Hosenschlitzes verspürt zu haben, als wir uns so heftig zu umarmen begannen. Ich muss dir gestehen, mich hat dieser Moment total überwältigt. Es schien, als hätte sich ein Stromkreis geschlossen und 220 Volt wären schnurstracks in meinen Schwanz gefahren und hätten den spontan aktiviert.«
Jonathan schoss der Schrecken durch sämtliche Glieder. Das war ja weitaus schlimmer, als er befürchtet hatte. Er meinte regelrecht sich ertappt zu fühlen und glaubte, dass ihm die Röte ins Gesicht steige. So hatte Sebastian nicht nur sein ›Malheur‹ bemerkt, sondern obendrein mit seinem Selbsterlebten so ziemlich das ausgedrückt, was er selbst glaubte in seinem Körper verspürt zu haben. »Das muss bei mir die reine Aufregung gewesen sein, und von deinem ›Stromschlag‹ habe ich überhaupt nichts bemerkt. Und wie erklärst du dir das?«
»Nun, bei mir war das sicherlich ebenfalls die Aufregung, aber viel eher, und da bin ich mir ganz und gar sicher, war es die Erregung, die mich regelrecht in einen Rausch versetzt hat. Leider war deine Aufregung ja nur von kurzer Dauer, denn als mein Gesicht bei dir die Schwanzhöhe erreicht hatte, war davon nichts mehr zu spüren. Als meine Hände dann deinen Hintern umfassten, hatte ich wirklich sofort das Gefühl, einen Basketball zu umklammern, wie man ihn kurz vor einem Freiwurf zwischen die Finger presst und sich voll darauf konzentriert, den Korb zu treffen. Ich habe wohl ziemlich fest zugedrückt, denn dein leichtes Stöhnen kam zwar sehr passend für die Situation, war aber wohl eher auf den Schmerz zurückzuführen.«
»Das war tatsächlich nicht ohne«, konnte Jonathan gerade noch klar antworten. Aber eigentlich hatte es ihm über das gerade Gehörte eher die Sprache verschlagen.
»Du solltest viel öfter aufgeregt sein, das würde mir gut gefallen«, führte Sebastian die inzwischen für ihn sehr prickelnd gewordene Situation fort. Er schob nun langsam seine linke Hand in Jonathans leicht geöffnetes Hemd und begann sanft, dessen Brust zu massieren.
»Soll das heißen, du magst auch Männer?«, stammelte Jonathan, noch immer stark unter dem Einfluss größter Verwirrung, hervor.
»Auch ist gut. Eigentlich weiß so ziemlich alle Welt, dass ich schwul bin. Ist das gänzlich an dir vorbeigegangen?«
»Also, wie du ja bereits weißt, interessiere ich mich so gut wie gar nicht für Klatschgeschichten, weder im TV noch in der Presse. Das Einzige, was ich intensiv lese, ist das wöchentliche Sportjournal, und darin hab ich über dich noch nichts erfahren.« Jonathan versuchte krampfhaft wieder Herr der Lage zu werden, obwohl ihm Sebastians Hand an seiner Brust erneut zu schaffen machte.
»Ich muss dir gestehen, dass du es wohl mir zu verdanken hast, die Rolle in ›Cyberlove‹ erhalten zu haben. Nachdem ich dich beim Casting gesehen hatte, wollte ich dich unbedingt für die Rolle haben. Wolfgang winkte gleich ab und sagte wörtlich ›Dit packt der Kleene nich‹, und wollte damit wohl nur sagen, dass, so wie er dich kennt, du dafür äußerst ungeeignet seist. Aber sonst mag er dich wohl sehr, sehr gern. Wohl auf deine ›Bauchgefühlrollen‹ anspielend, lobte er dich geradezu. Ich hatte aber meiner Mitwirkung am Projekt nur zugestimmt, sofern mir ein Mitspracherecht an gewissen Punkten eingeräumt werde. Also hast du den Zuschlag erhalten.«
»Das finde ich ja wirklich sehr nett«, reagierte Jonathan recht unbeholfen, »aber ich glaube, du missdeutest das alles, und ich fürchte auch, es ist das Beste, wenn ich mich jetzt verabschiede. Ich habe mich über die Einladung wirklich sehr gefreut, aber nun bin ich doch reichlich verwirrt. Ich hoffe, du verstehst das und bist deshalb nicht sauer.« Jonathan erhob sich ziemlich flott und ließ einen wahrlich reichlich frustrierten Sebastian zurück. Hatte der sich diesen Abend doch gänzlich anders gewünscht. Er stellte das Geschirr in die Spülmaschine und quälte sich den Rest des Abends ganz und gar uninteressiert durchs Fernsehprogramm.
Jonathan war derweil bei sich zu Hause angelangt. Auf dem gesamten Heimweg war ihm das Vorangegangene wieder und wieder durch den Kopf gegangen. In einer derartigen Situation hatte er sich noch nie befunden. Ganz besonders hatte ihn aber verwundert, dass ihn die Vorkommnisse zwar verwirrten, er sie aber keineswegs abstoßend fand. Schlummerten da in seinem Innersten womöglich Gefühle, an die bislang nicht im Geringsten zu denken gewesen war? Irgendwie musste er sich schnellstmöglich darüber Klarheit verschaffen. Nur wie? Am besten erst mal eine Nacht darüber schlafen und dann mit wieder freiem Kopf planen, was am besten zu tun wäre. Die darauffolgende Nacht verlief, wie bei Jonathan üblich, wenn irgendwelche Dinge bevorstanden oder aber passiert, jedoch ungewohnt oder gar neu waren, recht unruhig. Bereits beim Frühstück fasste er den Entschluss, baldmöglichst eine Schwulenbar aufzusuchen, um seine eigenen Reaktionen zu testen. Wie würde er sich fühlen, wie würden andere auf ihn reagieren? Alle dann erworbenen Erfahrungen könnten ihm dann vielleicht mehr Gewissheit bringen.
Im Internet war das Angebot an Ausgehmöglichkeiten unerwartet groß. Aus dieser Vielzahl an Möglichkeiten wählte er die drei für ihn am besten infrage kommenden Bars aus. Sie befanden sich alle ziemlich dicht beieinander in Schöneberg. Erst vor Ort wollte sich Jonathan dann entscheiden, welche der drei er aufsuchen würde. Auf einen kleinen Zettel notierte er sich Namen und Adressen der Etablissements und machte sich noch am selben Abend auf den Weg. Es war schon deshalb Eile geboten, weil seine Freundin Verena von einer Geschäftsreise zurückkehrte und er bis dahin schon mal ein wenig klarer sehen wollte. Die Bars öffneten alle um 20.00 Uhr, und so schien es ihm am besten, gegen 21.00 Uhr die Angelegenheit in Angriff zu nehmen. Es war bereits 21.40 Uhr, als er vor der ersten Adresse stand: ›BAD BOY‹ stand dort in großen Neonlettern und über dem großen ›A‹ leuchtete in kurzen Abständen ein kleines ›e‹ in roter Leuchtschrift auf. Das ist ja ein neckisches Wortspiel: ›BÖSER JUNGE‹ – ›BeTTJUNGE‹. Das klang doch schon mal recht vielversprechend, dachte sich Jonathan und betrat mit leicht erhöhtem Puls den Laden. Er befand sich sofort in dem wohl einzigen, recht großen Raum, der jedoch durch einzelne Wände in kleinere nischenartige Räume unterteilt war. Im hinteren Bereich standen kleine Tischchen, an denen sich insgesamt etwa ein Dutzend Gäste leise unterhielten. Die Bar war recht dunkel gehalten, einzig der Tresen und die dahinter aufgereihten Getränke wurden rötlich-gelb angestrahlt. Ein einzelner etwa dreißigjähriger Mann saß an einem der Tische vor einem geöffneten Notebook, sodass sein vom weißen Licht angestrahltes Gesicht ziemlich gespenstisch wirkte. Von Jonathan nahm eigentlich niemand Notiz, nicht einmal der Barmann, der sich angeregt mit einem etwas älteren Gast unterhielt, der hinter dem Tresen stand. Jonathan setzte sich auf einen Barhocker, schaute um sich, bis er plötzlich bemerkt wurde. »Hola!«, begrüßte ihn der etwa vierzigjährige Barmann. Er kam auf Jonathan zu und lächelte freundlich. »Was kann ich für dich tun?«, fragte er ihn auffordernd. Jonathan war nun doch überrascht, wahrgenommen worden zu sein. Nach kurzer Überlegung schoss »Ein San Miguel por favor« aus ihm heraus. Eine Leuchtschrift des spanischen Bieres prangte an der Wand und sprang ihm sofort ins Auge. Er kannte es bereits von seinen häufigen Besuchen bei seinen Eltern, die sich vor fast neun Jahren in einem kleinen andalusischen Nest bei Almeria niedergelassen hatten. Sie waren die kalten und verregneten Wintermonate in Berlin leid und waren nach Spanien gezogen. Dies war im Rahmen der EU-Freiheiten auch überhaupt kein Problem. In der kleinen Bodega in dem Ort trank er auch hin und wieder dieses San Miguel, welches der ganz offensichtlich spanische Barmann hier wohl aus seiner Heimat eingeführt hatte. »Sehr wohl!«, kam es dann aber recht deutsch aus ihm heraus und er hatte es schnell bei der Hand und stellte es geöffnet vor Jonathan auf den Tresen. Er wandte sich rasch wieder seinem Gast, mit dem er vorher so angeregt geplauscht hatte, zu und überließ Jonathan wieder seinem Schicksal. Der begann mehr oder weniger gelangweilt an der Flasche herumzunuckeln und stellte fest, dass er sich nicht so recht wohlfühlte. Er hatte vielmehr den Wunsch, sobald als möglich wieder das Lokal zu verlassen. Er trank noch vier, fünf diesmal kräftige Schlucke und fragte nach der Rechnung. »Drei siebzig!«, rief ihm der Barmann, der sich anscheinend schon etwas gestört fühlte, zu. Jonathan zog zwei Zweieuromünzen aus der Hosentasche, legte sie auf den Tresen und verließ zwar gänzlich unbefriedigt, aber dennoch erleichtert die Bar. Das war wohl nichts, genauso schlau wie vorher, dachte er sich, als die Tür vom ›BAD BOY‹ hinter ihm zuschlug. Da heißt es doch immer, es sei so lustig bei den Schwulen, aber da hatte er schon weitaus Lustigeres erlebt. Für ihn war jedenfalls diese Art von Selbstfindungstest erst einmal erledigt. Die Frage aber über seinen Gefühlszustand, wie seine Erregung bei der Umarmung Sebastians zu erklären war, blieb weiterhin offen. Vielleicht war er ja irgendwie bisexuell? Aber warum dann das Desinteresse bei Sebastians Annährungsversuch? Gab es so etwas wie ›Kopfschwul‹ und ›Schwanzhetero‹? Oder auch umgekehrt? Vielleicht war er ja eine ganz neue Spezies mit bis dato unbekanntem Sexualverhalten? Sei’s drum, übermorgen würde Verena zurückkommen und diese ganze Angelegenheit wohl bald vergessen sein. Irgendwie dann doch erleichtert, machte sich Jonathan wieder auf den Heimweg.
Die folgenden Wochen verliefen wie gedacht. Jonathan vergaß so ziemlich das Ereignis mit Sebastian, aber auch der war zu sehr mit der Beendigung des Films beschäftigt, um sich noch näher mit seinem verpatzten Date zu beschäftigen. Nach etwa fünf Wochen erhielt Jonathan die Einladung zur Filmpremiere von »Cyberlove«. Sie sollte in ca. zwei Wochen in einem der großen Premierenkinos stattfinden. Danach wurde zur Premierenfeier in einem bekannten Hotel geladen. Jetzt, mit dieser Einladung in den Händen, kam Jonathan die Erinnerung wieder. Das erste Zusammentreffen mit Sebastian seit dem etwas abrupten Abschied vor Wochen. Würde er ihn überhaupt noch freundlich begrüßen? Könnte Sebastian womöglich annehmen, sein Verhalten habe ihn brüskiert? Dies war nun wirklich nicht der Fall, bestenfalls von einer Verwirrung konnte da die Rede sein. Auf jeden Fall musste er Sebastian klarmachen, dass er keinesfalls schockiert oder gar verärgert war.
Der Abend der Premiere war gekommen. Jonathan hatte einen schicken grauen Anzug herausgesucht und ließ sich bei der Krawattenwahl von Verena beraten. Die wiederum wollte ihn nicht begleiten, weil es für sie am nächsten Morgen bereits wieder auf Geschäftsreisen ging. Sie war Leiterin eines mittelgroßen Modelabels und musste häufig nach Osteuropa reisen, um die Produktion zu überwachen. So musste sich Jonathan ohne jeglichen Beistand auf den Weg begeben. Dies war ihm aber eigentlich sehr recht, denn nur ungern wäre er mit seiner Freundin auf Sebastian gestoßen. Ein Fahrdienst wartete bereits vor der Haustür. Der brachte ihn pünktlich zum Premierenkino, wo sich bereits eine größere Menschenmenge versammelt hatte. Für ihn war ein derartiges Spektakel zwar nicht neu, aber doch recht ungewohnt. Er lief vorbei an den kreischenden Fans und war sich dabei aber so ziemlich sicher, dass von denen keiner wirklich etwas mit ihm anzufangen wusste. Im Foyer konnte er zwischen all dem Getümmel und den Absperrkordeln glücklicherweise Wolfgang entdecken. Er stürzte sofort zu ihm und war erleichtert, gleich herzlich begrüßt zu werden. »Nathan, schon aufgeregt? Ist doch für dich sicherlich schon ein größeret Ding.«
»Hallo Wolfgang, denke mal, du bist da aufgeregter als ich. Immerhin steckt doch sicherlich ne Menge Geld von dir im Projekt.«
»Naja, uffjerecht schon, aber mit der Zeit is da doch schon Routine drinne.« Dass er tatsächlich so ziemlich entspannt war, merkte Jonathan daran, dass Wolfgang leicht berlinerte, was immer ein Zeichen von gewisser Gelassenheit bedeutete. »Die haben uns hier alle nen Platz zugewiesen, ick globe, du sitzt neben Sebastian. Haste den denn schon begrüßt?«
»Nein, noch nicht.«
»Na denn, auf geht’s, die Show startet bestimmt gleich!« Er schob Jonathan Richtung Kinosaal und deutete ihm den Bereich, der für die Darsteller reserviert war. Sebastian war noch nicht zu sehen, aber Jonathan spürte, wie sein Herz plötzlich schneller schlug. Er suchte sich seinen Platz in der zweiten Sitzreihe. Aus irgendwelchen Gründen glaubte er sich hier ein wenig sicherer, geschützter. Plötzlich erblickte er in einer größeren Gruppe, die sich direkt auf ihn zubewegte, Sebastian. Sein Herz fing mit einem Male noch heftiger an zu schlagen. Dieses Gefühl hatte er noch niemals beim Anblick einer Frau verspürt. Das Einzige, woran er sich erinnerte, war, dass er ähnliches Herzklopfen wohl in der Schulzeit gehabt hatte, wenn es darum ging, ein Referat vor versammelter Schülerschar zu halten. Sebastian kam auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen, die er über die vordere Stuhlreihe halten musste, und strahlte über das ganze Gesicht. Es war ehrliche Freude, dessen war sich Jonathan vollkommen sicher.
»Es ist schön, dich endlich wiederzusehen. Habe mich wirklich schon sehr darauf gefreut und fast befürchtet, du würdest nicht erscheinen.«
»Warum sollte ich unsere große Premiere verpassen? Schließlich erlebe ich so etwas wahrlich nicht alle Tage. Aber auch ich habe mich gefreut, dir wiederzubegegnen«, schob Jonathan noch schnell hinterher.
»Darf ich dir eben meinen Freund Ruben vorstellen. Er hat ja in dem Film gemeinsam mit mir eine Hauptrolle übernommen. Ich glaube, ihr habt euch während des Drehs niemals gesehen.« Sebastian drehte sich kurz nach rechts, wo ein hübscher junger blonder Mann darauf zu warten schien, bekanntgemacht zu werden.
»Hi Jonathan! Sebastian hat schon viel von dir erzählt. Endlich lerne ich dich mal kennen.« Er sprach mit ziemlich starkem holländischem Akzent, den Jonathan als recht putzig empfand. »Ich weiß im Gegensatz dazu von dir so gut wie gar nichts, aber das wird sich ja, nachdem ich den Film gesehen habe, sicherlich ändern.« Nachdem auch die beiden sich begrüßt hatten, konnte Sebastian gerade noch den Wunsch äußern, sich später auf der Party intensiver zu unterhalten, als Wolfgang, vor der noch verhangenen Leinwand stehend, mit einer kleinen Ansprache begann. Der daran anschließende Premierenfilm dauerte knappe hundert Minuten und schien zu Jonathans leichter Verwunderung recht gut gelungen. Jedoch regelrecht Freude kam bei ihm auf, als er im Abspann beim Cast seinen Namen an dritter Stelle gleich nach Sebastian Maus und Ruben Macoy erblickte. Er konnte es kaum glauben, so eine winzige Rolle und sein Name prangte gleich hinter den beiden Hauptakteuren. Gänzlich beseelt von diesem Eindruck fiel er in den inzwischen aufbrandenden Beifall ein. »Wir sehen uns gleich auf der Party!«, rief Sebastian ihm gerade noch zu, als er sich mit Ruben und mehreren anderen Leuten auf den Weg machte.
Die Premierenfeier fand in einem benachbarten großen Hotel statt, wo eigens dafür ein Festsaal hergerichtet und mit einem üppigen Büffet ausgestattet worden war. Die Location füllte sich schnell, und es kam eine recht angenehme, fröhliche Stimmung auf, denn »Cyberlove« schien ein erfolgversprechendes Filmdebüt zu sein. Jonathan machte sich gerade am Büffet zu schaffen, als Ruben sich neben ihn gesellte und mit den Worten »Du bist also mein Nebenbuhler?« ein Gespräch begann.
»Wie meinst du das denn?«, fragte Jonathan ziemlich verschreckt zurück.
»Na, du bist doch der Jerome, der sich an meinen Liebhaber rangemacht hat.«
»Ach so, das meinst du«, erwiderte Jonathan jetzt sichtlich erleichtert. Glaubte er doch ganz kurz, Sebastian hätte von ihrem Abendessen und dem anschließenden Debakel erzählt.
»Du hast ja mit deinem Auftritt richtig Furore gemacht. Sebastian sagte mir, für dich sei das etwas gänzlich Neues gewesen, mit einem Mann Sex zu machen.« Und wieder war es der Akzent, der das Gesagte irgendwie lustig klingen ließ.
»Ja, damit hat er vollkommen recht. Für mich gab’s immer nur Frauen, vor und hinter der Kamera. Also auch privat, meine ich damit.«
»Ist schon klar, aber das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen.«
»Kein Problem für einen Schauspieler wie mich. Ich bin eben jeder Herausforderung gewachsen.« Jonathan hatte dabei größte Mühe, um das, was er da gerade von sich gab, glaubwürdig rüberzubringen.
»Na, für mich war es da ja wesentlich einfacher. Sebastian und ich sind ja schließlich bereits seit Monaten auch privat ein Paar. Aber ich muss sagen, vor der Kamera ist das dann doch schwieriger, und wir mussten einige Szenen ziemlich oft drehen, bis Tayfun zufrieden war. Vielleicht sind wir dann bei Weitem nicht so talentiert wie du.«
Und wieder hatte es Ruben geschafft, Jonathan zu beunruhigen. Wieso hatte das zwischen ihm und Sebastian auf Anhieb geklappt, während die beiden ganz offensichtlich Schwierigkeiten hatten? Irgendetwas Übermächtiges musste da wohl die Hand im Spiel gehabt haben. Ruben schob sich derweil ein sehr schmackhaft aussehendes Häppchen, das mit kleinen Shrimps belegt war, in den Mund, machte einen genießerischen Gesichtsausdruck und stieß ein sehr überzeugtes »Lecker« aus. »Ich muss dann mal weiter – ›Kontaktflejche‹, wenn du weißt, was ich meine.« Er tätschelte Jonathan kurz am Oberarm und machte sich von dannen. Nun machte sich bei Jonathan jenes Gefühl breit, weshalb er derartigen Veranstaltungen eigentlich lieber fernblieb. Viele Menschen, viel Gerede, aber kein wirkliches Gespräch. Zu seiner Erleichterung erspähte er Wolfgang, der sich angeregt mit Tayfun unterhielt, in der Menge. Erleichtert steuerte er auf die beiden zu und wurde von ihnen auch gleich sehr herzlich begrüßt. »Na, da ist ja unser Nathan!«, rief ihm Tayfun entgegen und zog beim Aussprechen des Namens das erste ›A‹ ein wenig in die Länge. »Ja, ich habe von Wolfgang Sprachunterricht bekommen. Er mochte es einfach nicht länger mit anhören, wie ich deinen Namen verunstaltet habe. Ich hoffe, du bist jetzt auch zufrieden.« Jonathan nahm es wohlwollend zur Kenntnis und nickte zaghaft. »Ich weiß das sehr zu schätzen«, antwortete er und begrüßte beide mit einem kurzen Handschlag. »Ich muss euch jetzt aber leider gleich mal allein lassen, denn dort drüben werde ich bereits erwartet.« Tayfun deutete auf ein Grüppchen junger Männer auf der anderen Seite des Saales und ließ Jonathan mit Wolfgang allein. »Endlich komme ich mal dazu, dich für deine tolle Leistung zu loben. Ich konnte mich ja eben selbst überzeugen und muss sagen ›jut jemacht, Kleener‹, aus dir wird sicherlich doch noch mal ein großer Star.« Er klopfte Jonathan dabei leicht auf die Schulter und lächelte ihn zufrieden an. »Ich hatte doch meine allergrößten Bedenken, bist ja mehr oder weniger der große Weiberheld. Aber Sebastian hat sich derart für dich einjesetzt, dass Tayfun und ick nicht mehr nee sagen konnten. Ick habe Tayfun dann auch gebeten, dich um Himmels willen nicht zu sehr herauszufordern und dich bei der erstbesten gelungenen Einstellung sofort zu entlasten. Dass dies so hervorragend geklappt hat, kann ick eigentlich immer noch nicht glauben. Da sich Sebastian beim Projekt ›Cyberlove‹ ein gewisses Mitspracherecht erbeten hatte, wurde ihm auch der Wunsch erfüllt, deinen Namen im Abspann janz weit oben zu platzieren. Junge, Junge, du musst dem janz schön den Kopf verdreht haben. Aber sofern ick ditt als Heteromann beurteilen kann, is ditt nur allzu verständlich.« Während er das sagte, musterte er Jonathan ganz kurz und strahlte ihn dann zufrieden an. Jonathan spürte, wie sein Gesicht leicht errötete. Nach kurzem Zögern fand er endlich die Kraft, um zu reagieren. »Nun ja, er ist ja wirklich äußerst sympathisch, aber dass ich ihm nun gleich den Kopf verdreht habe, halte ich doch für ziemlich übertrieben.«
»Ditt glob ick nu nich«, erwiderte ihm Wolfgang nun plötzlich wieder stärker berlinernd, was er immer dann tat, wenn ihm etwas ganz besonders am Herzen lag, »ick kenn den Jungen fast sein janzet Leben lang und da kann ick ihn inzwischen schon janz jut beurteilen.«
Nun wusste Jonathan überhaupt nicht mehr, wie er das Gespräch weiterführen könnte. Da kam ihm unverhofft Isabel, eine Darstellerin aus dem Film, zu Hilfe, die sich auf Wolfgang stürzte und ihn mit den Worten »Hab ich dich endlich« zu sich zog. »Entschuldige bitte, aber du siehst …! Wir können ja später weiterreden«, ließ sich Wolfgang förmlich entführen. Eigentlich hätte Jonathan derartiges Verhalten unmöglich gefunden, aber in diesem Falle kam es ihm gerade recht. Nun stand er aber wieder etwas verloren im Raum und blickte in die Runde, ob er eventuell Sebastian erspähen konnte. Aber der war einfach nirgends zu erblicken. Plötzlich hielt ihm jemand rechts ein Glas Rotwein vor die Nase und begrüßte ihn mit den Worten: »Ist zwar kein argentinischer, aber trotzdem durchaus trinkbar.« Sebastian hatte ihn schon längst erspäht und sich mit zwei Gläsern Rotwein zu Jonathan begeben. »Endlich find ich dich. Komm, lass uns ein ruhiges Plätzchen suchen und wir können uns ein wenig unterhalten.« Er führte Jonathan in einen Bereich, der mit kleinen Tischchen und bequemen Stühlen eingerichtet war und sich für ein ruhiges Gespräch zu eignen schien. Sie setzten sich vis-à-vis und waren dank der winzigen Tische höchstens einen halben Meter voneinander entfernt. »Das, was da am Abend bei mir in der Wohnung passiert ist, tut mir wahnsinnig leid«, Sebastian hatte tatsächlich merklich Schwierigkeiten, die rechten Worte zu finden, »ich war unglaublich unverschämt, dich derart zu überrumpeln, wie ich es getan habe. Als du fort warst, habe ich mich regelrecht geschämt und mir schwere Vorwürfe gemacht. Gern hätte ich mich schon längst bei dir entschuldigt, aber ich wusste nicht, wie ich dich erreichen sollte, und jemanden nach deiner Telefonnummer fragen, das wollte ich auch nicht. So habe ich mich schon sehr auf heut Abend gefreut, wo ich ja stark annehmen konnte, dich wiederzusehen. Und jetzt sitze ich dir gegenüber und bin tatsächlich aufgeregt wie ein Schuljunge. Bitte lieber Jonathan, hab Erbarmen mit mir und zeig mir mit einem kleinen Lächeln, dass ich mir keinerlei Gedanken mehr machen muss.« Er setzte seinen schönsten Dackelblick auf und rückte noch näher an Jonathan heran. Dieser starrte ihn an und verzog sein Gesicht fast wie in Zeitlupe zu einem umwerfend charmanten Grinsen. Es war für beide die schönste Art, das Geschehene zu bewältigen. Nun, auf dieser schmalen Distanz, konnte Sebastian seinem Jonathan ganz tief in die Augen sehen. So verharrten beide schweigend einige Sekunden lang. »Denk nicht mal daran!«, platzte es plötzlich aus Jonathan heraus und dies überraschte ihn selbst, da er überhaupt nicht vorgehabt hatte, derartiges zu äußern. »Woher willst du wissen, was ich denke?«
»Na, am liebsten damit fortzufahren, wo wir an jenem Abend aufgehört haben.«
»Da denkst du aber ziemlich gehässig über mich. Meine Entschuldigung eben war sehr ernst gemeint. Vielmehr habe ich in deine Augen geschaut und festgestellt, dass sie unglaublich ehrlich auf mich wirken, aber auch ein Quäntchen Angst in ihnen steckt. Diese Kombination finde ich einfach faszinierend. Ich bilde mir ein, bei einem Menschen in den Augen lesen zu können, und was ich den deinen lese, ist Aufrichtigkeit und viel Herz.« Eigentlich wollte Sebastian noch viel mehr über seine Erkenntnisse in Jonathans Augen preisgeben, da polterte Ruben dazwischen: »Na, ihr zwei Turteltäubjes? Stör ich euch beim tête-à-tête?«
»Nein, ich habe Jonathan gerade lediglich gesagt, was für wundervoll schöne, ausdrucksvolle Augen er doch hat«, Sebastian schien ziemlich gereizt über Rubens poltrigen Auftritt und dessen zickige Bemerkung.
»Jaja, die hat er«, zischte Ruben darauf erwidernd zurück. Er griff Sebastian am Arm, zog ihn zu sich hoch und deutete ihm an, mit ihm zu kommen. Die gesamte Aktion begleitete er mit den Worten: »Komm mal mit mir mit, ich muss dir noch viele andere schöne Augen zeigen.« Sebastian fühlte sich von dieser Situation regelrecht überrumpelt. Er konnte sich gerade noch von Jonathan verabschieden und ihn bitten, sich am nächsten Tag mal bei ihm zu melden. Reichlich verärgert zog er mit Ruben von dannen und ließ einen recht verdutzten Jonathan allein am Tisch sitzen. »Blöder flämischer Arsch«, dachte er sich wütend. Hätte er doch allzu gern mehr von Sebastians Fähigkeiten, in seinen Augen lesen zu können, erfahren. Fast gedankenlos schnappte er sich sein Glas, trank es mit einem kräftigen Zug leer und tat dasselbe mit dem von Sebastian zurückgelassenen. Er wollte umgehend die Party verlassen und machte sich auf den Weg Richtung Ausgang. Dabei konnte er sich gerade noch von Wolfgang verabschieden, der ihm auf dem Weg dorthin in die Arme lief.
Diesen Abend konnte Jonathan nur als einen Teilerfolg verbuchen. Einerseits hatte es ihn riesig gefreut, Sebastian wiedergetroffen zu haben, und andererseits war da dieser blöde Ruben-Auftritt. Das einzige, was seine Stimmung nicht wirklich sinken ließ, war die Tatsache, dass ihn Sebastian gebeten hatte, sich am nächsten Tag bei ihm zu melden. Und so ging er schließlich doch beruhigt und zufrieden zu Bett.
Der nächste Tag begann für Jonathan entspannt und ruhig. Verena war bereits wieder auf Geschäftsreisen und somit konnte er sich voll und ganz dem Thema Sebastian widmen.
Allzu früh mochte er sich jedoch nicht bei ihm melden, hatte er doch die Befürchtung, Ruben könnte sich dort aufhalten. Aber andererseits war es ja Sebastians Wunsch und einen Zeitpunkt hatte er auch nicht genannt. Gegen Mittag hielt er es dann aber einfach nicht mehr aus und er setzte sich mit Sebastian in Verbindung. Er war sehr erleichtert, dass sich Sebastian rasch meldete, und war regelrecht entzückt, als dieser das mit einem kurzen »MAUS!« tat.
»Ja, hier Nathan, du hast mich doch um einen Anruf gebeten.«
»Mensch, Jonathan, so wie das gestern abgelaufen ist, tut mir echt leid. Ich habe Ruben tüchtig die Leviten gelesen, er ist dann schmollend allein nach Haus gegangen. Derartige Zickereien kann ich absolut nicht ab. Ich hoffe, dir ist dadurch nicht der gesamte Abend versaut worden. Es lief doch gerade so gut und ich möchte, dass wir uns so bald wie möglich wiedertreffen und zwar an einem Ort, an dem wir garantiert ungestört sind. Was hältst du von dem Café in Mitte, in dem wir unseren ersten gemeinsamen Drehtag hatten?«
»Das ist eine tolle Idee. Jetzt müssen wir uns nur noch auf einen Zeitpunkt einigen.«
»Von mir aus kann das gleich heute sein. Was hältst du von siebzehn Uhr?«
»Volle Zustimmung! Zieh dir was Hübsches an, ich werd mich auch etwas zurechtmachen.« Jonathan hoffte mit dieser Bemerkung Sebastian klarzumachen, dass ihn die Sache nicht allzu sehr getroffen hatte.
»O. k., ich werd mir da was überlegen. Also bis um fünf. Mach’s gut!«
Jonathan verabschiedete sich ebenfalls und war nun glücklich darüber, dass alles seinen rechten Weg zu gehen schien.
Als sie sich um siebzehn Uhr im besagten Café trafen, glaubten beide ihren Augen nicht zu trauen. Hatte sich doch jeder eine Schleife umgebunden, um Jonathans Wunsch, sich nett zurechtzumachen, Folge zu leisten.
»Da haben wir doch beide den gleichen Geschmack, zumindest was das Outfit betrifft.«
Beide ruckelten jeweils bei dem andren an dessen Halsschmuck herum und gaben sich wortlos zu verstehen, dass jeder mit seinem Gegenüber vollkommen einverstanden war. Sie setzten sich an einen Fensterplatz und hatten somit einen Blick auf die um diese Zeit recht belebte Straße.
»So können wir sofort sehen, wenn Ruben kommt«, scherzte Sebastian. »Aber keine Angst, dass er sich hierher verirrt, ist sehr unwahrscheinlich.«
»Hoffe, dass du recht behältst. Noch so eine Szene würde ich nicht mehr ohne Gegenwehr über mich ergehen lassen. Ich bin doch schließlich kein ›Hanswurst‹, den man wie einen dummen Jungen dastehen lässt.«
»Das scheint dich ja doch ziemlich verärgert zu haben, was ich auch durchaus verstehen kann. Aber wie gesagt, ich hab Ruben klar zu verstehen gegeben, dass ich so ein Verhalten sehr missbillige. Ich glaube sogar, er hat das eingesehen. Er war jedenfalls ziemlich still, als er so schmollend gestern Abend davonzog.«
»Wolln ’s Beste hoffen. Aber lass uns doch lieber dort anknüpfen, wo wir so bösartig unterbrochen wurden. Du hattest gerade …«, und prompt wurden sie doch wieder unterbrochen, aber diesmal nicht »bösartig« von Ruben, sondern vom Kellner, der nach der Bestellung fragte. Sebastian orderte zwei Cappuccini und war sich nun sicher, nicht mehr gestört zu werden. »Du wolltest sicherlich gerade fragen, was ich noch alles in deinen Augen lesen konnte. Nun, lass mich dich anschauen.« Sebastian blickte liebevoll in Jonathans Augen und begann nach einer intensiven Betrachtung dieser mit seinen vermeintlichen Entdeckungen. »Es gibt da eine wesentliche Veränderung zu gestern Abend. Ich kann dieses Quäntchen Angst im Moment nicht entdecken. Es scheint also nichts von Dauer zu sein. Aber diese überwältigende Ehrlichkeit, die ich in deinen Augen zu sehen glaubte, ist gottlob immer noch vorhanden. Das scheint dann wohl ein fester Bestandteil deiner Persönlichkeit zu sein. Ich muss zu meiner großen Freude aber auch feststellen, dass die Angst in deinen Augen einem gewissen Glücksausdruck gewichen ist. Irgendetwas muss da über Nacht passiert sein.«
