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Die junge Georgierin Tamar wird im Westen als Künstlerin bekannt. Es sind die nuller Jahre, der Osten scheint sich einer grenzenlosen Freiheit zu öffnen. Da stirbt Tamars Mentorin Rachel Grabinsky, die sie nach Kanada holte. Tamar stößt auf unerwartete Spuren, die sie zurück nach Georgien und tief in die Vergangenheit führen. Wer war Rachel, die rastlose Demokratie-Aktivistin, wirklich? Und was ist mit jenem Gary Ruckler aus ihrer Vergangenheit, von dem Geheimdienstberichte erzählen: Der Amerikaner kam 1974 als Student nach Moskau, fand Freunde, unter ihnen der charismatische Aslan, der insgeheim über Stalins Verbrechen schrieb. Und dann so spurlos verschwand wie Gary. Tamar und Rachels Sohn Joseph beginnen in Tiflis eine gefährliche Suche. Während gegen die Verzweiflung über russische Bomben Charlie Parker ertönt, stoßen die beiden auf Rätsel ihrer Herkunft, brüchige Identitäten und ein Gespinst aus Verrat, Liebe und Rache – die weltpolitischen Beben der Neunziger wirken in jedes Leben hinein. Niemand bleibt von der Geschichte unberührt. Ein atemberaubender Roman, schnell, mit Tiefe und dunklem Humor erzählt, der die Balance hält zwischen dramatischer Familiengeschichte und politischem Thriller.
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jonathan Garfinkel
Roman
Die junge Georgierin Tamar wird im Westen als Künstlerin bekannt. Es sind die nuller Jahre, der Osten scheint sich einer grenzenlosen Freiheit zu öffnen. Da stirbt Tamars Mentorin Rachel Grabinski, die sie nach Kanada holte. Tamar stößt auf unerwartete Spuren, die sie zurück nach Georgien und tief in die Vergangenheit führen. Wer war Rachel, die rastlose Demokratie-Aktivistin, wirklich? Und was ist mit jenem Gary Ruckler aus ihrer Vergangenheit, von dem Geheimdienstberichte erzählen: Der Amerikaner kam 1974 als Student nach Moskau, fand Freunde, darunter der charismatische Aslan, der insgeheim über Stalins Verbrechen schrieb. Und dann so spurlos verschwand wie Gary.
Tamar und Rachels Sohn Joseph beginnen in Tiflis eine gefährliche Suche. Während gegen die Verzweiflung über russische Bomben Charlie Parker ertönt, stoßen die beiden auf Rätsel ihrer Herkunft, brüchige Identitäten und ein Gespinst aus Verrat, Liebe und Rache – die weltpolitischen Beben der Neunziger wirken in jedes Leben hinein. Niemand bleibt von der Geschichte unberührt.
Ein atemberaubender Roman, schnell, mit Tiefe und dunklem Humor erzählt, der die Balance hält zwischen dramatischer Familiengeschichte und politischem Thriller.
Jonathan Garfinkel, geboren 1973 in Toronto, arbeitete als Kellner und Tischler. 2021 erschien sein autobiographischer Band «Gelobtes Haus» über eine Reise nach Israel. International bekannt wurde Garfinkel als Dramatiker; er arbeitete in Georgien, auch in Deutschland fanden seine Stücke, etwa «Die Demjanjuk-Prozesse», viel Beachtung. Garfinkel lebt in Berlin und erhielt unter anderem ein Stipendium der Akademie Schloss Solitude. «Platz der Freiheit» ist sein erster Roman.
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel «In a Land Without Dogs the Cats Learn to Bark» bei House of Anansi Press, Toronto.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2023
Copyright © 2023 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
Copyright © 2023 by Jonathan Garfinkel
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München
Coverabbildung Matilda Delves/Trevillion Images
ISBN 978-3-644-01618-7
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Paul Thompson – der den Anstoß gab.
Für Anastasia Aphkhazava – die mich an den Fluss führte.
Und für den Geist des Basement Theatre.
September 1974–Januar 1975
«Frohsinn ist die hervorstechendste Eigenschaft der Sowjetunion.»
Josef Stalin
Denim und Genom:
Die Legende des Midnight Wrangler
Von Aslan Varajew
Übersetzt von Gary Ruckler
Meinem Sohn Akhmad gewidmet
In euren Klassenzimmern wird der Name Trofim Lyssenko nicht fallen. In euren sowjetischen Schulbüchern werdet ihr ihn nicht lesen. Während der Recherche für meine Promotion in Genetik entdeckte ich nur sporadische Verweise auf ihn. Dieser ketzerische, aus dem kollektiven Gedächtnis verbannte Wissenschaftler weckte meine Neugier. Ich wurde jedoch rasch enttäuscht: Seine wissenschaftliche Arbeit war eine Katastrophe. In seiner Rolle als Biologe und Agrarwissenschaftler verwarf er während der 1930er und 1940er die Theorie der DNA zugunsten politisch opportuner Ideen. So vertrat er im Hinblick auf Kühe die Ansicht, eine erhöhte Milchproduktion verdanke sich guter Ernährung und Pflege, nicht einer genetischen Veranlagung zu besseren Milchdrüsen.
Lyssenko vertrat auch die Theorie, Pflanzen würden sich füreinander opfern. Wenn eine Sonnenblume eingehe, behauptete er, dann nicht wegen eines Mangels an Licht oder Feuchtigkeit, sondern zum Wohle des besseren, gesünderen Lebens aller anderen Pflanzen. (Man stelle sich vor, die tapfere Tomate, Fußsoldatin des Gemüseackers, ließe ihren ermatteten Leib vor die Füße einer Kartoffel sinken. Lob und Preis der heroischen Solanum lycopersicum!) Auf Grundlage seiner «Lebensgesetze der Arten» forderte Lyssenko die Bauern auf, Pflanzen möglichst dicht auszusäen, weil sie angeblich in kollektiver Eintracht zusammenwirkten – zur Hölle mit Darwin. Er ließ Getreide in eisiges Wasser tauchen, um die Körner zu lehren, während kälterer Jahreszeiten zu gedeihen. Künftige Generationen von Setzlingen, so sein Glaube, würden sich an diese glorreichen sowjetischen Lektionen erinnern. Eine ebenso absurde Vorstellung wie die, man müsse den Schwanz einer Katze kappen, damit sie schwanzlose Junge zur Welt bringe. Und dieser Mann stand an der Spitze der biologischen und genetischen Forschungsprogramme unseres Landes.
All dies könnte man getrost belachen, nur wurde Lyssenkos Pseudo-Wissenschaft von Stalin hoch geschätzt. Sie entsprach der damaligen Ideologie. Stalin benutzte Lyssenko, um die Existenz des Homo sowjeticus zu beweisen. Im Verbund mit Stalins Kollektivierungsplänen führten Lyssenkos aberwitzige landwirtschaftliche Theorien dazu, dass in der Ukraine Millionen Menschen verhungerten. (Lyssenko hat zig Menschen auf dem Gewissen. Als Leiter des Instituts für Genetik ließ er viele gute Wissenschaftler in den Gulag stecken. Mit seinen geliebten Kühen, Mathilde, Lali und Anastasia, soll er dagegen sehr zärtlich umgegangen sein.)
Marx, stets der Ökonom, schrieb: «Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.» Der neue sozialistische Mensch ist seines Schicksals Schmied, er formt sich gemäß seinem Selbstbild. Marx sagte: Wir werfen diese Ketten ab. Einzig die leuchtende Zukunft zählt, der wir mutig entgegenstreben. Hand in Hand.
Stalin, der blutrünstige Irre, trieb diese Logik ins Extrem. Er pervertierte sie. Er zerstörte die Auffassungen, die Menschen von Kultur, Identität und Genealogie hatten. Stalin vernichtete die Lebensweise unzähliger Ethnien, indem er sie auseinanderriss und mit anderen vermengte, als würde er Gewürze mixen. Er ließ Georgier nach Abchasien umsiedeln, Aserbaidschaner nach Bergkarabach, Russen ins Baltikum, Moskauer und Leningrader Juden nach Birobidschan. Und wieso? Weil er in seiner Paranoia einen Verrat zu wittern meinte, der nie begangen worden war. Stalins Schreckensherrschaft ist Geschichte, aber sein Vermächtnis wirkt bis heute nach. Wir bezahlen immer noch für seine Lügen und die Lügen Lyssenkos.
Genealogie ist wichtig. Wie jeder gute Tschetschene kann ich meine Vorfahren aus sieben Generationen aufzählen. Ich trage die Geschichte meines Volkes in mir. Die Vergangenheit gleicht einem Phantomglied. Unser Körper vergisst nichts. Wir spüren die Gliedmaße, obwohl sie fehlen. Die verstümmelte Katze wirft keine Kätzchen ohne Schwanz, aber Schmerzen und Traumata bleiben.
Ich bin Genetiker. Ich glaube an das Prinzip der Doppelhelix, deren Leiter und Kette die Geschichte eines Vogels oder Baums in sich bergen, deine und meine Geschichte. Ich glaube, unser Körper ist ein Buch – würden wir ihn lange genug studieren, dann könnten wir unsere Identität und unsere Ursprünge ergründen. Wer und was ist Akhmad? Du trägst vieles von uns in dir. Andererseits triffst du eigene Entscheidungen, gehst deinen eigenen Weg. Um dies tun zu können, musst du deine Ursprünge kennen. Das ist wahre Dialektik.
Ich glaube an die Freiheit. Als Kaukasier entstammen wir dem Land des Prometheus, jenes Titanen, der den Göttern das Feuer raubte und an die Menschen weitergab. Ein tragischer Held. Aber vielleicht ist er der wahre Homo sowjeticus, sind wir seine rebellischen Söhne und Töchter. Die Frage – das Problem – stellt sich weiter: Wie mit der Vergangenheit umgehen?
Meine Erinnerung ist bruchstückhaft. Ich war ein Kind, als sie uns holten. Ich erwachte mitten in der Nacht, meine Mutter zitterte, da waren Soldaten in knöchellangen, wogenden Wollmänteln. Ich weiß noch, dass meine Mutter sagte, wir würden in Urlaub fahren, eine schöne Vorstellung, obgleich mir Urlaub unbekannt war. Mir war nicht klar, was es hieß, fortzugehen. Was es hieß, von seinem Zuhause, von den Nachbarn, von den Apfel- und Pflaumenbäumen im Garten hinterm Haus Abschied zu nehmen.
Danach: eine Zugfahrt. Dauerte sie Stunden oder Wochen? Ich weiß es nicht mehr. Ich liebe Züge – ihre Geschwindigkeit, ihre Geräusche. Die Türen wurden verriegelt. Und obwohl es dunkel und stickig war, glaubte ich, alles werde gut. Ich schlief, an ein Bein meiner Mutter gelehnt, und träumte, es wäre der Baum hinten im Garten, der mit den herrlichen Äpfeln, rot und braun und grün. Ich träumte, das Morgen entspräche dem Heute, sehnte mich nach dem Gestern. Ich träumte von Zahlen und Gleichungen, vom Durchmesser des Beins meiner Mutter, aus dem ich das Ausmaß ihrer Liebe berechnen konnte.
Schließlich hielt der Zug, die Türen gingen auf. Alles war anders. Die Luft, das Licht, die harschen und brutalen Stimmen. Das Brot schmeckte nach Asche. Die Suppe roch nach Fremde. Müde, unbekannte Gesichter. Und meine Mutter war nicht mehr bei mir, ich sollte sie niemals wiedersehen.
Ich wurde in einem Land großgezogen, das nicht das meine war. Ich habe mich zeitlebens fremd gefühlt. Sogar in Moskau habe ich das Gefühl, im Exil zu leben. Ja, die Vergangenheit ist eine Narbe. Sie wirkt nach, sie prägt uns. Und doch definieren Narben unsere Identität genauso wenig, wie mein Freund Zaza durch die Narbe in seinem Gesicht definiert wird.
Zur Strafe für den Raub des Feuers wurde Prometheus von Zeus im Kaukasus an den Kasbek gekettet. Bis in alle Ewigkeit sollte ein Adler kommen und seine Leber fressen. Seine Leber wurde tagsüber aufgefressen; über Nacht wuchs sie nach. Ein endloser Kreislauf von Gewalt und Trauma und Heilung. Gefolgt von neuerlicher Gewalt und erneuter Traumatisierung. Herkules, auch ein tragischer Held, forderte Zeus, seinen Vater, heraus, indem er den Adler tötete und Prometheus’ Ketten sprengte. Zeus ließ dies zu, wenn auch unter einer Bedingung: Prometheus musste einen Ring mit einem Stein des Berges tragen, an den er gekettet gewesen war.
Jeder von uns trägt zum Zeichen seiner Herkunft einen solchen Ring. Irgendwann werden wir in Freiheit leben. In einer besseren Welt, in einer freien Gesellschaft wäre das möglich. Eine solche Welt wünsche ich mir für dich, Akhmad. Aber wie können wir sie verwirklichen, und an welchem Ort? Ich dachte lange, wir müssten auswandern. Im Westen eine bessere Zukunft suchen. In Amerika. Aber warum ein Exil gegen ein anderes eintauschen? Ich möchte nicht auch noch meine letzten Wurzeln kappen. Ich will nicht tun, was Stalin und Lyssenko mir angetan haben.
Aslan war auf dem Markt Feuer und Flamme gewesen, übergab mir sein Manuskript aber erst Monate später. Er hatte ständig neue Ausflüchte parat: Es sei noch nicht fertig, er müsse noch etwas ändern, er finde, ich sei noch nicht «richtig im Kopf». Manchmal bezweifelte ich, dass sein Manuskript überhaupt existierte. Kurz vor Thanksgiving gab er mir endlich einen braunen Umschlag voller loser Blätter, und kurz darauf wurde ich in ein fremdes Leben gesogen. Vielleicht willigte ich deshalb in die Übersetzung ein. Ich wollte hinschauen und hinhören. Eine fesselnde Andersartigkeit entschlüsseln. Gut möglich, dass Jim recht hatte. Vielleicht bedeutet Literatur, einen Blick in das ebenso unermessliche wie unzugängliche Innere anderer Menschen zu werfen. Nur handelte es sich in diesem Fall nicht um Ein Held unserer Zeit. Stattdessen war es ein intimer, privater Text, den ich als sonderbar verstörend empfand.
In jenen Monaten entwickelte mein Moskauer Leben einen stillen, monotonen, fast rituellen Rhythmus des Lesens und Schreibens. Ich nahm an Seminaren teil und erkundete die Stadt zusammen mit meinen amerikanischen Landsleuten. Wenn Aslan kam, tranken wir Wodka und hörten LPs. Gelegentlich spielte er Trompete für mich. Einerseits bedauerte ich, mein Instrument zurückgelassen zu haben, andererseits war Aslan viel besser als ich. Er spielte, wie er redete: absurd, tiefsinnig, provokant. Sein Manuskript war nie Thema. Der Umschlag lag in meinem Schreibtisch wie ein vergessenes Geheimnis. Im Laufe der Wochen arbeitete ich mich langsam durch den Text, übersetzte sorgsam die Worte und notierte Anmerkungen am Rand – Fragen, die ich nach Fertigstellung der ersten Fassung zu stellen gedachte.
Während dieser Zeit mied ich Anna Litvak. Schwer zu sagen, wieso; vielleicht ahnte ich, dass sie ein Störfaktor wäre. Nach den Seminaren plauderten wir manchmal über Belanglosigkeiten, ihre Einladungen zu weiteren Lyriklesungen und Partys schlug ich aus. Eines Januarnachmittags lief ich ihr dann doch über den Weg. Ihre Kleidung, graue Bluse und schwarze Jeans, schillerte vor dem Hintergrund der pfirsichfarbenen Cafeteria-Wände eigentümlich im Neonlicht.
«Du hast mich gemieden», sagte sie.
«Ah, ja?», erwiderte ich, auf meine Schuhe starrend.
«Hast du etwa jemanden kennengelernt?», fragte sie spöttisch.
«Nein.»
«Jammerschade. Eine Freundin würde dir guttun, Gary. Du wirkst immer so einsam.»
«Ich habe geschrieben», erwiderte ich, was der Wahrheit entsprach. Ich beäugte den rosa Druckbleistift in ihrer Brusttasche. Wie sie mir nach einem Seminar bestätigt hatte, stammte er tatsächlich aus tschechoslowakischer Produktion. Sie hatte mir auch den Anspitzer gezeigt, genial hinten im Stift versteckt. Ich fügte hinzu: «Ich habe etwas für dich. Könntest du nachher bei mir vorbeischauen?»
Sie musterte mich halb misstrauisch, halb neugierig.
«Na gut.»
Zurück in meinem Zimmer, räumte ich auf. Die große Frage lautete: Wie meine Bücher ordnen? Alphabetisch oder thematisch? Sollte ich sie willkürlich da und dort platzieren oder wie Soldaten in Reih und Glied auf den Schreibtisch stellen? Ich rannte nach unten zum Kiosk, um Wodka und, zum Hinunterspülen, ein paar Zhigulevskoye-Biere zu kaufen. Außerdem ein Roggenbrot und eine Konserve geräucherten Stint aus dem Baltikum. Wieder oben, wollte ich das Hemd wechseln. Als mir einfiel, dass Aslan kürzlich mein bestes «erworben» hatte – mintgrün, von Pierre Cardin –, entschied ich mich für ein zwangloses, gelbes Poloshirt mit einem wie hingehauchten Tomatenfleck. Dann nahm ich das erste Kapitel von Aslans Manuskript lässig zur Hand.
Um fünf nach acht spazierte Anna in einer weiß-grau karierten Bluse und einem schwarzen Bügelfaltenrock zur Tür herein. Sie pflanzte sich aufs Bett und zündete eine Kasbek an, benannt nach dem berühmten, auch von Lermontow erwähnten Berg. Ich nahm auf dem Schreibtischstuhl Platz – die einzige andere Sitzmöglichkeit – und hielt Feuer an einen Joint.
«Haschisch?»
Ich nickte. «Afghane.» Ich reichte ihn ihr.
«Lass mich raten – Aslan?»
«Wer sonst?»
Aslan eilte ein Ruf voraus. Sein Schwarzmarkt-Handel mit amerikanischer Kleidung war unter den Studierenden der MSU wohlbekannt, und man schätzte ihn, zumal es hieß, er könne alles beschaffen, was das Herz begehrte. Wir waren während der letzten Monate gute Freunde geworden. Ich hatte gemerkt, dass er über die Geschäftstüchtigkeit hinaus viele andere Charakterzüge hatte, doch je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto stärker wurde mein Gefühl, ihn gar nicht richtig zu kennen.
In letzter Zeit hatte er sich oft um seinen Sohn gesorgt, laut seinen Worten ein kränkliches Kind, das, so seine Befürchtung, nicht genug aß. Als er gestand, Schuldgefühle zu haben, weil er seine Familie so selten sah, beruhigte ich ihn: Er studiere ja, um seinem Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das schien ihn ein Stück weit mit sich selbst zu versöhnen. Danach, denke ich, fasste er mehr Vertrauen zu mir. Das Manuskript von Denim und Genom bot Einblicke in das unbekannte Innere eines Menschen, und das fand ich spannend, aber es belastete mich auch. Warum empfand ich diese persönlichen Bekenntnisse als bedrohlich? Für wen war die Übersetzung bestimmt? Und warum wollte ich Anna Litvak den Text zeigen? Um sie zu beeindrucken, nehme ich an. Zugleich hoffte ich, sie könnte mir helfen, ihn besser zu verstehen. Und die Frage beantworten, ob er etwas taugte oder nicht.
Anna umschloss den Joint mit den Lippen, ein süßer Duft erfüllte den Raum. Ich riss das Fenster und zwei Bierdosen auf. Das Zhigulevskoye war warm. Anna kippte es hinunter. Ich zog Led Zeppelin II aus der Hülle. Robert Plants Falsettstimme dröhnte aus den Lautsprechern.
«Warum singt er so? Klingt echt komisch.»
Nüchtern betrachtet klang Robert Plant tatsächlich komisch.
«Er hat den Text von Willie Dixon geklaut», erwiderte ich.
«Siehst du? Seine Stimme verrät mir, dass er lügt.»
«Bist du eine Spionin?»
«Eine der Top-Spioninnen Moskaus.»
Anna zog am Joint.
«Woher kommst du?», fragte ich.
«Aus Vilnius. Ich bin vor fünf Jahren hierhergezogen. Hatte mich in einen Hippie verknallt.»
«Hippies in der Sowjetunion? Gibt’s das?»
Sie reichte mir den Joint zurück.
«Wir haben die Beatles gehört, ohne ein einziges Wort zu verstehen. Wie kommt’s, dass du so gut Russisch sprichst?»
Ich erzählte von meinem russischen Kindermädchen, das mir viel vorgelesen hatte. Und dass ich bereits in jungen Jahren der Literatur verfallen war, vermutlich wegen ihrer Stimme. Die Sprache setzte sich in mir fest wie Musik. Daraufhin beschloss ich, meine Lieblingsautoren im Original zu lesen, nicht zuletzt, um von ihnen zu lernen. Ich wollte schreiben wie sie.
Sie nickte. «Das Buch, das du mir zeigen willst, stammt also von dir?»
Ich schüttelte den Kopf und gab ihr den russischen Text. Anna verschlang die Sätze, die Silben, die Syntax, die Grammatik. Ich trank und rauchte und beobachtete sie eindringlich. Irgendwann legte sie die Seiten behutsam ab, griff nach dem Zeppelin-II
