Platzangst - Kerstin Honerkamp - E-Book

Platzangst E-Book

Kerstin Honerkamp

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Beschreibung

Paulina Wagenfeld arbeitet mit ihren Freundinnen Nele und Schnürrchen in der Zahnarztpraxis von Dr. Bendix. Hier lernt sie auch Lars von Holthusen kennen und lieben. Als ihre Beziehung eskaliert, flüchtet sie sich auf die Insel, auf der ihre Mutter wohnt, um mit sich ins Reine zu kommen. Alles würde gut, wäre da nicht Manuel ... Dies ist ein Buch über Gewalt in der Beziehung und Agoraphobie (Platzangst), wie sie das Leben und das Verhalten von Menschen beeinflussen können und wie es einen möglichen Weg aus einem solchen Dilemma gibt.

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Platzangst

von Kerstin Honerkamp

Buchbeschreibung:

Paulina Wagenfeld arbeitet mit ihren Freundinnen Nele und Schnürrchen in der Zahnarztpraxis von Dr. Bendix. Hier lernt sie auch Lars von Holthusen kennen und lieben. Als ihre Beziehung eskaliert, flüchtet sie sich auf die Insel, auf der ihre Mutter wohnt, um mit sich ins Reine zu kommen. Alles würde gut, wäre da nicht Manuel ...

Dies ist ein Buch über Gewalt in der Beziehung und Agoraphobie (Platzangst), wie sie das Leben und das Verhalten von Menschen beeinflussen können und wie es einen möglichen Weg aus einem solchen Dilemma gibt.

Über die Autorin:

Kerstin Honerkamp ist 1969 geboren, lebt heute in Bünde und hat selbst Erfahrungen mit Agoraphobie gemacht, einer Phobie, die ihr viel Lebensqualität geraubt hat, bis sie sich entschloss, sich therapieren zu lassen.

Sie hat 2007 mit dem Roman "Zwischen den Stühlen" debütiert.

Heute schreibt sie gerne Theaterstücke, einige sind im Plausus Verlag erhältlich.

Impressum

© 2022 Baltrum Verlag GbR

BV 2213 – Platzangst – Kerstin Honerkamp

Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR

Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR

Herausgeber: Baltrum Verlag GbR

Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch

ISBN: 978-3-910388-04-8

Internet: www.baltrum-verlag.de

E-Mail an [email protected]

Druck: BoD

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Platzangst

Von Kerstin Honerkamp

Baltrum Verlag

Weststraße 5

67454 Haßloch

Wenn ich stark genug bin, sähe ich Vergissmeinnicht.

»Das wollte ich nicht«, stieß er erschrocken hervor.

»Raus, sofort!«, zischte sie. Ihre Stimme klang zittrig, was sie verärgerte. Sie tastete mit den Fingerspitzen an ihre Unterlippe. Diese fühlte sich auf merkwürdige Art taub an, schmerzte widererwartend aber kaum.

Er hob die Hand, um sie ihr versöhnend auf die Schulter zu legen. Sie zuckte zurück, trat dabei auf die Scherben des Tellers, den sie vor Schreck hatte fallen lassen und stieß mit der Hüfte leicht gegen die Anrichte. Das Geschirrhandtuch hielt sie noch in der Hand und blickte verwirrt auf den karierten Stoff. Was war passiert?

»Es tut mir leid. Bitte, verzeih mir.«

Sie schaute auf ihre Fingerkuppen, tiefrot vom Blut. Im Nu waren ihre Gedanken wieder klar.

»Ich sagte raus und ich sagte sofort!«, stieß sie jetzt mit fester und klarer Stimme hervor.

Lars nahm den Arm zurück, den er versöhnend ausgestreckt hatte und ließ ihn schlaff neben seinem Körper hängen.

»Paulina, bitte!« Er sah sie an, erkannte aber an ihrem entschlossenen Blick, dass es besser war, das Feld zu räumen.

»Okay, wir reden später. Ich wollte das nicht, wirklich nicht.«

Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, löste sich der Knoten in ihrem Bauch und die Tränen bahnten sich ihren Weg.

Mit einem im Wasser getränkten Papiertaschentuch stand sie nun im Bad vorm Spiegel und tupfte das Blut von ihrer aufgeplatzten Lippe.

»So ein verdammtes Arschloch«, murmelte sie und begutachtete die Wunde an ihrem Mund. Es war ein kleiner Riss, der senkrecht an der Seite ihrer Unterlippe verlief. Nicht besonders tief, dennoch konnte sie die Tränen der Demütigung nicht zurückhalten.

Das Klingeln ihres Mobiltelefons ließ sie zusammenzucken, sodass sie mit dem Tuch gegen die Wunde stieß, der Schmerz schoss stechend durch ihre Lippe. Sie schmiss das Taschentuch ins Waschbecken, wischte sich mit dem Handballen die Tränen aus dem Gesicht und zog die Nase hoch. Niemand sollte merken, dass sie geweint hatte, keiner durfte wissen, was passiert war. Sie zog ihr Telefon aus der Gesäßtasche und ging ins Wohnzimmer hinüber.

»Du glaubst nicht, was mir heute passiert ist. Diese blöde Kuh sagt mir doch tatsächlich ab?«, begann ihre Mutter zu reden, ohne abzuwarten, dass sie sich meldete.

»Wer hat abgesagt?«, frage sie.

»Na die Göhme! Nicole Göhme! Meine Urlaubsvertretung.«

»Was ist denn passiert?« Paulina setzte sich auf die Lehne der kleinen Rundecke, ein Erbstück aus längst vergangenen Zeiten.

»Also«, begann Jasmin. »Übermorgen fahre ich doch zu meiner Freundin nach Bochum. Als Urlaubsvertretung habe ich der Hausverwaltung die Göhme vorgeschlagen. Ich habe ihr alles gezeigt und erklärt was sie machen muss. Ich meine, das ist ja nun wirklich kein Hexenwerk und als ich sie heute anrufe, weil wir abgemacht haben, dass ich ihr die Schlüssel bringe, sagt sie doch glatt zu mir: ›Du, ich habe mir das noch mal überlegt, ich kann die Urlaubsvertretung nicht machen.‹ Jetzt stehe ich da wie eine doofe Kuh und weiß nicht wo vorne und wo hinten ist.«

»Das ist wirklich ein starkes Stück. Und findest du niemand anderen der dich vertreten kann?«

»Nein. Wie denn? Du weißt doch, wir sind chronisch unterbesetzt und wer will denn schon putzen.«

»Ich könnte das machen, wenn du magst.«

»Du? Ich dachte ihr fahrt in Urlaub?«

»Hat sich kurzfristig zerschlagen.« Sie rollte die Augen über das unbeabsichtigte Wortspiel und verzog sarkastisch den Mund zu einem Lächeln, doch der Schmerz zwang sie jäh, sich das Lächeln zu verkneifen.

Vor sieben Jahren war ihr Vater plötzlich gestorben. Ein schmerzlicher Verlust, ein gravierender Einschnitt in ihr Leben. Von einer Sekunde auf die Andere war nichts in ihrem Leben mehr so, wie es war. Alles hatte sich geändert, mit einem Wimpernschlag.

Plötzlich fand sie sich mit ihrer Mutter in einem Haus wieder, das sie allein nicht halten konnten und ohnehin für sie beide nun viel zu groß war. Krampfhaft hatten sie einige Zeit versucht, so etwas wie normalen Alltag zu leben, ohne Erfolg. Der Zug des Lebens war mit dem Tod ihres Vaters in voller Fahrt aus den Gleisen gesprungen und so hatte sich ihre Mutter Jasmin entschlossen, das Haus zu verkaufen und in das Haus auf der Nordseeinsel zu ziehen, dass sie von ihren Eltern, Paulinas Großeltern, geerbt hatte.

Sie war in Bünde geblieben, einer kleinen Stadt am Rande des Wiehengebirges, wo sie sich eine kleine Zweizimmerwohnung, in einem Mehrfamilienhaus gemietet, und einen Teil der Möbel aus ihrem Elternhaus übernommen hatte. So wie diese kleine blau-beige Rundecke auf dessen Lehne sie gerade saß und den Fernseher, der in der Ecke des Raumes stand. Ihre Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten hatte sie vor vier Jahren abgeschlossen und arbeitete nun in der Praxis von Dr. Kai Bendix. Innerhalb der Schulferien machte die Praxis Betriebsferien und morgen war Freitag, was hieß, dass sie lediglich bis Mittag arbeiten musste und dann zwei Wochen Urlaub vor ihr lagen, von denen sie jetzt, aus einem Bauchgefühl heraus, eine ganze Woche verplant hatte.

»Was soll das heißen du haust ab?«, gekonnt tupfte Nele die Jodtinktur auf Paulinas verletzte Lippe. »Halt still!«, befahl sie, als Paulina zurückzuckte.

»Was für ein Idiot. Ich hoffe, du hast ihm in die Eier getreten, aber ordentlich!« Nele richtete sich auf und betrachtete ihr Werk.

»Hm, nein. Ich habe ihm nur gesagt, dass er gehen soll.«, Paulina rutsche unruhig auf dem Armlehnstuhl hin und her, senkte den Blick und schämte sich für ihre Tränen.

»Er ist es nicht wert Paulina, dass du auch nur eine Träne vergießt«, Nele ging zur Dunstabzugshaube, zupfte sich eine Zigarette aus einer Packung und betätigte den Schalter des Dunstabzuges, der daraufhin ein leises Summen von sich gab. Dann zündete sie die Zigarette an. Sie nahm zwei tiefe Züge.

Paulina beobachtete, wie der ausgestoßene Qualm von der Haube aufgesogen wurde und verschwand.

»Ich dachte du wolltest aufhören?«

Nele zuckte mit den Schultern »Leichter gesagt als getan«, sagte sie, lehnte an die Anrichte und schaute hinüber zu ihrer Freundin, die wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl lümmelte.

»Also, haust du jetzt erst mal ab, oder was?«

»So in etwa. Ich fahre auf die Insel. Ich brauche Abstand, ich muss erst mal ...«, sie wies mit der Hand auf ihre Lippe, unfähig den Satz zu Ende zu bringen, weil ein dicker Kloß in ihrem Hals saß.

»Schon gut«, Nele zog nochmal an ihrer Zigarette, inhalierte den Rauch tief, um ihn dann mit vorgeschobener Unterlippe in Richtung Dunstabzugshaube auszustoßen. Dann drückte sie die Zigarette aus, kam zurück zum Küchentisch und setzte sich ihrer Arbeitskollegin und Freundin gegenüber.

»Weißt du, ich denke dein Lars hat Torschlusspanik. Nicht, dass ich das Arschloch in Schutz nehmen will, aber er ist halt acht Jahre älter als du. Psychologisch gesehen ist es wahrscheinlich, dass er heiraten und Kinder kriegen will.«

»Das ist mir gerade aber sowas von scheißegal.«

»War nur so ein Gedanke. Sorry.«

»Tut mir leid. War nicht gegen dich.«

»Alles gut. Mach dir keine Gedanken.«

Sie sah ihre Freundin Nele an, sie kannten sich seit der fünften Klasse und waren seitdem unzertrennlich. Nele war das genaue Gegenteil von ihr. Ihr Haar war kastanienbraun und schulterlang, Neles blond und kurz. Sie trug Konfektionsgröße 36, Nele 42. Nele beneidete sie um ihre schlanke Figur, sie Nele um ihren wohlgeformten Körper.

»Wie geht es dir eigentlich? Ich bin so mit mir selbst beschäftigt, dass ich gar nicht gefragt habe.«

Nele legte ihr eine Hand aufs Knie.

»Du bist süß, weißt du das? Mach dir doch um mich keine Sorgen.«

Nele war überzeugter Single, was nicht hieß, dass sie sich nicht von Zeit zu Zeit in eine Affäre stürzte. Ihre jüngste Eroberung hieß Marc und war Inhaber eines Autohauses in Bad Oeynhausen einem Kurort zwanzig Autominuten entfernt von Bünde und ein Mekka für Neu– und Gebrauchtfahrzeuge aller Art. Er trug sie auf Händen und Nele genoss seine Aufmerksamkeiten in vollen Zügen. Es gab da nur eine winzige, nicht erwähnenswerte Kleinigkeit, wie Nele meinte, die das vollkommene Glück störte. Marc besaß den Makel verheiratet und eine ständig auf ihn wartende Ehefrau zu haben.

Als Paulina sich nach ihm erkundete, leuchteten Neles Augen freudig auf.

»Er nimmt sich ein paar Tage frei und hat uns ein Zimmer in einem fünf Sterne Bunker in Paris gebucht. Ist das nicht romantisch?«

»Und seine Frau?«

»Die denkt, er ist auf einer Präsentation von irgendeinem neuen Elektroauto.«

»Stört es dich denn gar nicht, dass er verheiratet ist?«, wollte sie wissen.

Nele winkte ab »Quatsch. Solange keiner von uns zu viele Gefühle investiert, ist alles gut. Wir haben Spaß und außergewöhnlich guten Sex. Weißt du, null Verpflichtungen, hundert Prozent Spaß. Was willst du mehr?«, sie grinste schelmisch.

Paulina schaute auf die Küchenuhr.

»Oh Mensch, es ist schon nach eins. Ich muss nach Hause, sonst komme ich morgen früh nicht aus dem Bett.« Sie stand auf und verabschiedete sich von ihrer Freundin.

»Fahr vorsichtig und mach dir nicht so viele Gedanken, ja?«, meinte Nele.

Paulina verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Ja, Mama.«

Nele lachte. »Ich hab' dich auch lieb, doofe Kuh«, dann drückte sie ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange und schloss die Tür.

Von Neles Wohnung, in dem kleinen Ort Stift Quernheim, bis zu ihrer Wohnung in Bünde fuhr sie fast eine halbe Stunde mit dem Auto. Obwohl die beiden Ortschaften nicht sehr weit auseinanderlagen, gelangte man von einem zum anderen Ort nur über kurvenreiche Landstraßen, die durch bewaldete, dunkle Gebiete führten. Paulina mochte Stift Quernheim, in deren Ort einer Sage zufolge die Hedwigte vor langer Zeit entstanden. Milch-Hefe-Brötchen, mit dicken Rosinen, die auch heute noch an Kinder verteilt werden. Damals, laut Sage, eine lebensrettende Aktion, heute eine absolute Köstlichkeit.

Die Scheinwerfer warfen einen hellen Kegel auf die nachtdunkle Straße, im Radio sang Bonnie Tyler: »I need a hero!«

Paulina warf einen Blick auf ihr Handy. Keine Nachricht von Lars. Komisch, dass er sich nicht meldete.

»I holding out for a hero till the end of the night!«

Eigentlich hatte sie eine Nachricht von ihm erwartet, eine Entschuldigung oder wenigstens die Frage, ob es ihr gut ging.

»He’s gotta be strong and he’s gotta be fast and he’s gotta be fresh from the fight«.

Bestimmt machte er sich wahnsinnige Vorwürfe.

Ob ihr Entschluss, morgen auf die Insel zu ihrer Mutter zu fahren, nein zu flüchten, richtig war? Absagen konnte sie jetzt auf keinen Fall mehr. Ihre Mutter verließ sich auf sie und sie wollte sie auf keinem Fall enttäuschen. Aber was sollte sie Lars sagen? Sollte sie ihm überhaupt sagen, dass sie auf die Insel fahren würde?

Nein, warum auch?

Es war vorbei.

Wahrscheinlich würde er sich sowieso nicht mehr melden. Nicht, nachdem was vorgefallen war.

Als Bonnie erneut »I need a Hero!«, schmetterte, knipste sie das Autoradio aus und konzentrierte sich auf die Straße. Es hatte keinen Sinn, darüber zu sinnieren. Es würde jetzt nichts ändern und sie würde jetzt keine ultimative Lösung finden.

Morgen würde die Welt schon wieder anders aussehen, hatte Nele gesagt und bestimmt hatte sie recht. Sie musste sich nur an dieses Gefühl gewöhnen, jetzt alleine zu sein.

Sie stellte ihren Wagen auf den Parkplatz vor dem Wohnhaus, in dem sie wohnte. Alle Fenster waren dunkel. Die anderen Mieter, ausnahmslos schon im Rentenalter schliefen wahrscheinlich längst. Auf Zehenspitzen schlich sie durch Treppenhaus und schlüpfte, so leise wie möglich durch die Wohnungstür um niemanden, in dem hellhörigen Haus zu wecken.

Obwohl schon spät und müde, fand sie nur mühsam in den Schlaf. Wenn sie die Augen schloss, sah sie Lars wütendes Gesicht und seine Hand, die sich unaufhaltsam ihrem Gesicht näherte, unfähig zu reagieren oder auszuweichen, traf er immer wieder mit präziser Genauigkeit, und sie fuhr erschrocken aus dem Schlaf. Dementsprechend gerädert fühlte sie sich am nächsten Morgen, als sie die Praxis erreichte. Mit dem Gefühl, eine tonnenschwere Last mit sich zu schleppen, öffnete sie die Praxistür. Sie war sich sicher, jeder konnte ihr ansehen, was gestern passiert war. Der Riss auf ihrer Lippe hatte eine Borke gebildet und ihre Unterlippe war leicht angeschwollen und tuckerte nervös im Inneren. Sie hatte vergebens versucht, die Schwellung mit etwas Make-up zu retuschieren. Auch die Augenringe hatte sie übergeschminkt. Mit gesenktem Kopf huschte sie in die Umkleide und zog ihre Praxiskleidung an. Als sie gerade ihre weißen Schuhe zuschnürte, kam Nele herein. »Na, wie geht es dir?«

»Beschissen. Schau mich an. Jeder kann sehen, was passiert ist.«

»Zeig mal her.« Nele begutachtete ihre Lippe. »Sieht gar nicht so schlecht aus. Du kannst es noch ein wenig kühlen, dann geht die Schwellung zurück. Wenn du möchtest, kannst du ein Schmerzmittel nehmen, falls es weh tut. Ich gebe dir etwas, das ist auch gut, damit es sich nicht entzündet.«

»Danke.«

»Nicht weinen. Der Typ ist es nicht wert. Du wirst ihn vergessen haben, noch bevor deine Lippe verheilt ist. Oder hat er sich etwa bei dir gemeldet? Das würde mich wundern.«

»Nein. Er hat nicht mal gefragt, wie es mir geht. Er hätte doch fragen müssen, oder? Ich meine, er hat mich geschlagen, er hätte doch fragen müssen, ob es mir gut geht – oder nicht?«

»Was soll ich dazu sagen, Süße? Vielleicht ist es besser, wenn du nie wieder etwas von ihm hörst.«

»Ich weiß auch nicht. Ich hoffe nur, dass dieser Tag schnell rumgeht. Ich will einfach nur weg hier. Ob es richtig ist einfach abzuhauen? Ich bin mir so unsicher.«

»Es ist das Beste was du machen kannst. Fahr zu deiner Mutter, komm zur Ruhe, entspann dich und nächste Woche sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«

Zum Glück wurden an Freitagen keine großen Eingriffe vorgenommen, sondern nur Kontrollen, halbjährliche oder solche, die nach Extraktionen gemacht wurden.

Fäden ziehen, Zahnreinigungen, nur selten kam ein Patient mit Schmerzen und musste behandelt werden, was zum Glück heute nicht der Fall war.

Katharina Schnürrmann, von allen nur Schnürrchen genannt und der Doktor waren, zu Paulinas Erleichterung, so mit den letzten Urlaubsvorbereitungen der Praxis beschäftigt, dass sie ihre Niedergeschlagenheit nicht bemerkten. Nur Nele, die wusste, was am gestrigen Abend passiert war, schenkte ihr ab und zu ein aufmunterndes Lächeln, wenn sie sich in den Praxisräumen begegneten. So ging der Vormittag schneller vorbei, als Paulina befürchtet hatte. Die Arbeit lenkte sie ab, worüber sie sehr froh war. Als der Feierabend näher rückte, hatte sie sich so weit unter Kontrolle, dass ihr nicht dauernd die Tränen in die Augen stiegen. Schnürrchen hatte eine Flasche Sekt geöffnet, um auf den bevorstehenden Urlaub anzustoßen. Paulina begnügte sich mit einem Glas Wasser, sie wollte keinen Alkohol trinken. Sie hatte die Schmerztabletten genommen, die Nele ihr gegeben hatte, außerdem wollte sie die Fähre, die sie heute Nachmittag noch zur Insel transportieren sollte, erreichen. Es würde eine lange und anstrengende Autofahrt werden, in drei verschiedenen Bundesländern begannen die Schulferien und alle würden in Scharen in die Urlaubsparadiese an die Nordsee strömen.

An die Anrichte der Küchenzeile gelehnt, in der sie normalerweise ihre Pausen verbrachten, lauschte sie Schnürrchens Schwärmereien von Berlin und dem umliegenden Brandenburg.

Paulina lauschte Schnürrchens Berliner Akzent, den sie gerne hörte, und Schnürrchen konnte reden wie ein Wasserfall, und das ohne Punkt und Komma.

»Ick freu mir ma richtich uff Berlin. Meene janze Familije is da«, schwärmte Schnürrchen, dass ihrer Meinung nach viel zu steife Hochdeutsch, kam ihr nie so recht über die Lippen, weswegen der Versuch, akzentfrei zu sprechen, jedes Mal kläglich scheiterte.

»Fährste nich och wech? Österreich oder sowat?«, erkundigte sie sich bei Paulina.

Sie schluckte hart. »Ja, erstmal fahre ich aber meine Mutter besuchen.«

»Nordsee, wa?«

»Ja, war schon lange nicht mehr da.«

»Wat haste denn mit deener Schnute anjestellt?«, wollte Schnürrchen wissen, wobei sie sich selbst mit den Fingern an die eigene Unterlippe fasste, um auf die Stelle zu deuten an der Paulina verletzt war.

Sie wechselte einen hastigen Blick mit Nele, meinte dann so gelassen wie möglich. »Ach das, hab mich an einem kaputten Glas geschnitten.«

»Dit hat bestimmt wehjetan, wa? Ick hoff ja mal, det haste jut desinfiziert und dit kaputte Glas sollteste entsorjen, nich wahr? Nich dat de nochma draus trinkst, weeste , sonst siehste nachher aus wie ne Boxerlejende.«

»Ja habe ich. Es heilt ja auch schon wieder, nicht der Rede wert.« Den körperlichen Schmerz kann ich vertragen, dachte sie und die Wunde heilt, aber … Sie schluckte erneut den Kloß in ihrem Hals hinunter und nahm einen Schluck Wasser aus ihrem Glas, verschluckte sich, hustete, Tränen traten aus ihren Augen. »Mist!«, fluchte sie. Schnürrchen klopfte ihr beherzt auf den Rücken, »so, jeht dit wieder wa?

»Ja, danke.« Sie stellte das Glas auf die anthrazitfarbene Arbeitsplatte, wischte sich die Tränen, die nicht nur vom Verschlucken herrührten, was zum Glück aber niemand merkte, vom Gesicht und nahm erleichtert wahr, dass Schnürrchen sich nun Nele zuwandte.

»Und du Nele, wo willst'n du hin?«

»Och, ich habe noch keine Pläne«, log sie, nippte an ihrem Sekt und warf Paulina einen vielsagenden Blick zu. »Frau Schnürmann will mal wieder alles ganz genau wissen.«

»Ja klar will ick dat. Passiert ja sonst nüscht uff'm Kuhdorf wa?«, protestierte Schnürrchen.

»Was willst du denn hören? Mord und Totschlag oder heiße, unerlaubte Affären?«

»Verschon mir nich mit Details?«, Schnürrchen lachte und schenkte noch mal nach.

Paulina musste schmunzeln über Neles Unverfrorenheit. Was für ein Theater. Sie standen hier im Aufenthaltsraum der Praxis und einer nach dem Anderen tischte Schnürrchen eine fette Lüge auf. Das hatte Schnürrchen nicht verdient, sie war ihre Freundin und sie beide logen sie an. Paulina fühlte sich deswegen schlecht. Niemand wusste, von Neles Verhältnis mit Marc dem Autohändler, außer ihr. Eine innere Stimme sagte ihr, dass Marc nicht der richtige Mann für Nele war. Doch gerade sie war wohl sicher nicht die Richtige, um solche Behauptungen aufzustellen. Sie erahnte, wie viele Lügen hinter Neles Affäre stecken mussten. Der Doktor riss sie aus ihren Gedanken, als er in den Aufenthaltsraum trat um seine Angestellten in den wohlverdienten Urlaub, wie er es nannte, zu schicken.

»Meine Frau hat zwei Wochen Toskana gebucht, ich werde mich ihren Wünschen wohl oder übel beugen müssen«, sagte er schmunzelnd, als er nach seinen Urlaubsplänen gefragt wurde.

Schnürrchen wies alle darauf hin, nicht zu vergessen viele Fotos zu machen und via WhatsApp zu senden. »Nich dat ick auss'm Urlaub wieder komm und nich mehr weeß wer ihr seid«, scherzte sie. Sie drückte alle herzlich zum Abschied. »Da kenn ick keen Erbarmen Herr Doktor«, meinte sie lachend und drückte ihn ebenfalls herzlich an die Brust.

»Kein Problem Schnürrchen. Ich wünsche euch allen einen erholsamen Urlaub, und kommen sie mir ja alle gesund und munter wieder, ja?«, er klopfte ihr leicht auf den Rücken in seiner etwas ungelenken Umarmung.

Am frühen Nachmittag stellte Paulina ihre rote Sporttasche und den Trolli in den Kofferraum ihres Ford C-Max. Auch das Auto hatte ursprünglich ihren Eltern gehört. Nachdem ihre Mutter auf die autofreie Insel gezogen war, hatte sie den Wagen übernommen. Jetzt kam er langsam in die Jahre, fuhr trotzdem zuverlässig, hatte sie noch nie im Stich gelassen. Wie schnell die Zeit doch rennt. Sie würde sich nur schweren Herzens von diesem Auto trennen, wenn er irgendwann nicht mehr durch den TÜV kommen würde. Den Rucksack, in dem sie ihre Schuhe gepackt hatte, warf sie neben die Sporttasche. Dann nahm sie ihre Marschverpflegung, die aus einer Tüte Chips und einer Flasche Cola bestand und fuhr los. Von ihrem Wohnort bis zu ihrem Ziel lagen 230 Kilometer Autobahn und ein gutes Stück Landstraße vor ihr, danach würde sie mit der Fähre auf die Nordseeinsel übersetzten. Sicher lenkte sie den Wagen auf die Autobahn. Erst als sie die A30 in Osnabrück/Lotte verließ und sich auf der A1 in Richtung Bremen eingefädelt hatte, entspannte sie sich und steckte sich ein paar Chips in den Mund.

Das Salz brannte in der Wunde ihrer Lippe. »Mist!«, fluchte sie. Mit einem Schluck Cola versuchte sie das Brennen zu löschen und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

Wie hatte er ihr das antun können? Sie hatten sich schon oft gestritten, aber nie hatte Lars sie geschlagen. Dabei hatte es harmlos angefangen. Er wollte einen neuen Fernseher kaufen für ihre Wohnung. Einen der größer war, eine höhere Bildqualität versprach, damit er Fußball und Spielfilme gucken konnte, wenn er bei ihr war. Demzufolge fand er es nur gerecht, dass sie die Hälfte des Kaufpreises dazu beisteuerte. Sie hatte ihm erklärt, dass ihr Auto eine Reparatur brauchte, der TÜV war fast abgelaufen, somit blieb nichts übrig für Extraanschaffungen. Woraufhin Lars vorschlug, dass sie ihr Auto verkaufen, ihre Wohnung aufgeben und bei ihm einziehen solle. Sie hatte im deutlich erklärt, dass sie ihr unabhängiges Leben mochte, auch wollte sie nicht nach Osnabrück in die Stadt ziehen. Die Argumente, dass sie hier ihre Freundinnen und ihre Arbeit hatte, wischte er wirsch zur Seite.

»Freunde kann man neue finden, Arbeit ebenso. Man muss es nur wollen«, hatte er gemeint.

»Was soll das heißen, nur wollen?«, hatte sie seinen Vorwurf nachhaken wollen, doch damit war der Streit eskaliert, in dessen Folge Lars davon ausging, dass sie keinen Bock auf ihn habe und eifersüchtig fragte, ob der Grund männlich wäre und sie deshalb nicht zu ihm ziehen wollte.

Sie hatte mit einem sarkastischem »Klar, ich vögel jeden, der nicht bei drei auf dem Baum ist«, geantwortet, woraufhin er unmittelbar zugeschlagen hatte. So heftig, dass ihr Kopf zur Seite geflogen war und ihre Unterlippe, dort wo seine Hand sie getroffen hatte, aufgeplatzt war. Nun brannte das Salz in der Wunde ihrer Lippe, sowie die Demütigung auf ihrer Seele. Sie hatte wieder diesen Kloß im Hals und gegen ihren Willen sammelten sich Tränen in ihren Augen. Wütend über sich selbst, schlug sie mit der Hand, auf das Lenkrad ihres Wagens, wobei sie die Hupe auslöste, sich erschrak und zusammenfuhr.

»Mist!«, fluchte sie erneut. Sie wollte nicht um ihn weinen. Er hatte es nicht verdient, dass sie um ihn weinte, auch nicht vor Wut.

*

Sie schreckte hoch, als die Fähre mit einem kräftigen Rumps anlegte, nahm ihre Sachen und trottete der Menschenmenge hinterher. Alle mit dem gleichen Ziel, von der Fähre in den Zug, der sie vom Hafen zum Inselkern transportieren würde. Anders ging es hier nicht weiter, es sei denn, man wollte einen Fußmarsch durch das Naturschutzgebiet machen, den Salzwiesen und Dünen. Man würde Stunden brauchen, allerdings war es strengstens verboten, auch nur einen Fuß in das Naturschutzgebiet zu setzten.

Die rote Reisetasche im Gepäcknetz verstaut, ihren Trolli zwischen ihren Füßen auf den Boden, saß sie nun im vorletzten Abteil des Zuges am Fenster mit dem Rucksack auf ihrem Schoß, um den sie die Arme gelegt hatte, und schaute hinaus. Der Himmel war strahlend blau, es war heiß, die Luft stand flirrend über dem Hafengelände. Im Zugabteil war es stickig und sie war froh, dass sich niemand zu ihr setzte und sie auf der Bank, auf der sie Platz genommen hatte, einengte. Sie schwitzte und ihre Kleidung fühlte sich vom Schweiß klamm an. Nach kurzer Zeit hatte sie das Gefühl, auf der grünblauen Bank festzukleben. Die Luft wurde immer stickiger. Schade, dass es keine Möglichkeit gab, zum Inselkern zu laufen. Sie hätte lieber den Fußmarsch in Kauf genommen, als hier im Zugabteil bei lebendigem Leibe gedünstet zu werden. Sie schaute weiter aus dem Fenster, konzentrierte sich auf ihren Atem und verschränkte ihre Finger ineinander. Ruckelnd und quietschend setzte sich die Bahn quälend langsam in Bewegung und damit auf den Weg, seine Passagiere zum kleinen Ortskern der Insel zu bringen, um sie dort wieder auszuspucken. Kinder, die von ihren Eltern kaum zu bändigen waren, liefen durch das Abteil, kreischend vor Vergnügen, quetschten sich an die Fenster und starrten aufgeregt hinaus.

»Warte«, wies sie einen etwa vierjährigen, rothaarigen Jungen an, der versuchte, sich an ihr vorbeizuquetschen, um ans Fenster zu gelangen. Sie stellte ihren Rucksack zur Seite und schob ihren Trolli weiter unter den Sitz, um dann selbst auf den Nachbarsitz an den Gang zu rutschen. »Danke«, meinte der junge Fahrgast und setzte sich auf den nun frei gewordenen Platz am Fenster und schaute hinaus. In selben Moment tauchte seine Mutter auf. »Hier bist du«, sagte sie mit einem leichten englischen Akzent.

»Ich will raus gucken«, protestierte der Rotschopf, ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden.

»Das geht nicht, Cillian. Du kannst andere Fahrgäste nicht belästigen«, tadelte die Mutter.

»Das stört mich nicht«, sagte Paulina schnell. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, darf Cillian gerne hier sitzen bleiben.«

»Siehst du, ich gelästere keine Pagagiere«, meinte Cillian, jetzt guckte er erst zu ihr, dann zu seiner Mutter, die ihm ein ergebenes Lächeln schenkte. Cillians Mutter betrachtete Paulina einen Moment mit einem prüfenden Blick.

Oh je, das hätte ich nicht sagen dürfen, ging es Paulina durch den Kopf. Nun hatte sie sich in die Erziehung des Jungen eingemischt. Doch dann lächelte Cillians Mutter und sagte: »Okay, aber wenn das Zug anhält, dann du kommst sofort zurück, understood?«

»Ja«, antwortete der Rotschopf prompt.

»Danke schön«, sagte die Mutter an Paulina gewandt.

»Kein Problem. Bevor der Zug stoppt, schicke ich ihn zu Ihnen zurück.«

Cillians Mutter ging zurück zu ihrem Sitz, wobei sie sich rechts und links mit beiden Händen an den grünblauen, billigen Lederimitaten der Sitze krallte, weil der Zug ruckelnd und schaukelnd durch eine Kurve fuhr.

Dann setzte sie sich in eine Bank, aus dessen Seite Schaumstoff quoll, weil das grünblaue Lederimitat gerissen war zu Ihrem Mann und zwei weiteren Kindern, welche auf ihre Smartphones starrten, wahrscheinlich Cillians ältere Geschwister, mutmaßte Paulina.

Paulina war dankbar für die Ablenkung. Cillian stellte tausend Fragen, die sie nicht beantworten konnte. So verging die Fahrt in dem stickigen Zug nun doch relativ schnell, und sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken, wie viel oder wenig Sauerstoff in der Luft noch zur Verfügung stand, oder ob sie sich nur einbildete schlechter atmen zu können.

Sie stieg aus dem Zug, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihr kleiner Sitznachbar, wohlbehalten zu seiner Familie zurückgekehrt war. Nachdem dreiviertel der Passagiere den Zug drängelnd und ungeduldig, fast fluchtartig verlassen hatten, machte auch sie sich auf den Weg zum Ausgang und balancierte ihre Taschen zwischen den Sitzreihen wie im Spiel 'der heiße Draht', bloß nirgends anecken oder hängen bleiben. Sie blieb kurz in der Tür stehen, nahm einen befreienden Atemzug. Außerhalb des Wagons kam ihr die warme Luft des Sommers kühl und erfrischend vor. Nun schaute sie suchend den Bahnsteig ab, stieg dann aber mit ihrer roten Sporttasche und den Trolli in der Hand aus. Den Rucksack trug sie auf dem Rücken, wo der Absatz eines Schuhs sich schmerzhaft in ihr Fleisch bohrte. Wahrscheinlich hatte sie sowieso viel zu viele Schuhe mitgenommen. In ihrer unüberlegten Flucht hatte sie nicht wirklich darüber nachgedacht, was sie alles mitnehmen muss. Sicherlich waren Schuhe mit Absatz nicht sonderlich praktisch am Strand oder beim Putzen eines Treppenhauses, aber zum Glück hatte sie auch ihre Laufschuhe eingepackt. T-Shirts und Tops? Ja, hatte sie, ebenso wie zwei dicke Pullover und lange Hosen. Es sah zwar nicht danach aus, dass sie sie brauchen würde, aber der Norden Deutschlands war für sein unbeständiges Wetter bekannt. Ihre Mutter war nirgends zu sehen. Sie ging am Fahrkartenschalter des Bahnhofgebäudes vorbei, an dem ein emsiger Betrieb, wie in einem Bienenstock herrschte, weil Abreisende ihre Fahrkarten kauften und Ankommende Informationen suchten. Sie schaute auf die große Standuhr, die sich, wie ein Zeitzeuge längst vergangener Tage, direkt zu Beginn der Fußgängerzone neben einem Kiosk präsentierte. Vor dem Kiosk hatte sich eine Menschentraube gebildet, dort wurden nicht nur Zigaretten und Zeitungen angeboten, sondern auch freie Zimmer, Appartements oder Ferienwohnungen vermittelt. Es war jetzt früher Abend, sie atmete tief die Luft ein, die ihr immer noch frischer und kühler als im Zug, auch als am Festland vorkam und irgendwie würziger schmeckte. Sie war verschwitzt und hatte Hunger, außer einem mageren Frühstück und einer Tüte Chips, die sie auf der Fahrt gegessen hatte, hatte sie heute noch nichts zu sich genommen. Sie schaute sich noch einmal um, aber weil sie niemanden sah, machte sie sich alleine auf den Weg und verließ den Bahnsteig. Um sich herum nahm sie Menschen wahr, die sich freudig in die Arme fielen, ihr Wiedersehen zelebrierten und das hervorragende Wetter lobten, andere, die ihre Koffer in Bollerwagen mit Metallgittern hievten oder diskutierten, wie sie das Gepäck am besten in einen kleinen Wagen stapelten. Ihr fielen die dicken Vollgummireifen an den Bollerwagen auf. Wahrscheinlich, damit sie nicht so viel Lärm verursachten und leichter zu ziehen waren, dachte sie sich. Ältere Männer boten einen Gepäcktransfer zum Urlaubsdomizil gegen einen kleinen Obolus an. Ein kleiner Junge mit einem rosa Plüschschwein im Arm trat schreiend gegen die Bereifung eines Bollerwagens, weil für ihn kein Platz darauf war, er würde wohl oder übel laufen müssen.

Autos suchte man vergebens auf dieser Insel. Nur der Arzt besaß eines, der Getränkehändler auch, eines mit elektrischem Motor, denn diese Insel, auf die sie sich geflüchtet hatte, war autofrei.

»Paulina!?«

Sie erkannte die Stimme aus dem Wirrwarr von Diskussionen und Kindergeschrei sofort. Sie hatten oft telefoniert, aber sich nur selten gesehen in der letzten Zeit, so stiegen beiden Frauen vor Freude Tränen in die Augen. Dieser Besuch war längst überfällig gewesen, tadelte sie sich selbst.

»Gut siehst du aus, Mama«, sagte sie, ließ die Tasche zu Boden sinken und nahm ihre Mutter herzlich in den Arm. Obwohl die Vierzig überschritten, strahlte sie immer noch jugendliche, elegante Frische aus, daran änderten die ersten grauen Strähnchen, die sich im dunklen Haar bildeten, auch nichts.

»Jetzt bist du gerade hier und ich muss morgen schon wieder weg«, sagte Jasmin an ihr Ohr gedrückt.

Sie lösten sich aus dem Pulk von Menschen, Bollerwagen und Koffern und machten sich auf den Weg zum Haus ihrer Mutter.

»Wie war deine Fahrt?«, erkundigte sich Jasmin.

»Gut. Ich bin gut durchgekommen, wenig Stau und am Festland habe ich einen günstigen Parkplatz bekommen.«

»Das ist gut. Ich freue mich, dass du hier bist.«

»Ich auch«, meinte Paulina mit einem erleichterten Seufzer. Sie war froh, dass sie nun wirklich hier war, keine kalten Füße bekommen oder gekniffen hatte. Sie hatte einfach ihre Taschen gepackt und war gefahren und das, ohne Lars darüber in Kenntnis zu setzten, worauf sie, ehrlich gesagt, sogar ein wenig stolz war. Diese Insel schien ein guter Ort, um abzuschalten und nachzudenken, wie es mit Lars und ihr in Zukunft weiter gehen sollte, falls es überhaupt weitergehen sollte. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Warum hatte er zugeschlagen? Eine Handlung im Affekt? Sie war Lars keine gute Partnerin, sie hatte als Freundin versagt, konnte ihm nicht das geben, was er brauchte, es spiegelte sich in so vielen Kleinigkeiten. Schon alleine deswegen, weil sie sich nicht für Fußball begeistern konnte, sie konnte sich ja noch nicht mal die kleinste Spielregel merken.

»Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Jasmin.

»Entschuldige bitte, ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.«

»Ja, das habe ich gemerkt«, sagte Jasmin.

Paulina zwang sich, ihre Konzentration wieder in das Hier und Jetzt zu lenken.

»Oh, hier wird gebaut«, stelle sie überrascht fest, als sie an einem großen Baukomplex vorbeikamen, an dem der Ausleger eines Baukrans surrend über ihren Köpfen schwebte.

»Tourismus halt«, meinte Jasmin achselzuckend und erzählte ihr, was sich in der letzten Zeit alles auf der Insel verändert hatte.

Sie gingen die Einkaufszone, dem Kern und Mittelpunkt der Insel hinauf. Das rote Pflaster unter ihren Füßen war abgetreten und über die vielen Jahre und Füße fast wie blank gebohnert. Die Geschäfte bereiteten den Ladenschluss vor. Verkäufer zogen ratternd die Einkaufständer, auf denen sich allerhand Krimskrams befand, in das Innere der Verkaufsräume, es erinnerte Paulina an Schnecken, die sich in ihre Häuser zurückzogen, und sie wünschte sich für einen Moment, sie hätte ihr eigenes Schneckenhaus, in das sie sich verkriechen konnte. Aus einer Kneipe erklang lauter Jubel.

Sie sah ihre Mutter fragend an.

»Wahrscheinlich hat Deutschland gerade ein Tor geschossen.«

»Stimmt. Heute spielt Deutschland gegen England«, sagte sie. Ein Klassiker und absolutes Pflichtprogramm für Lars und seine Freunde. Er würde noch gar nicht gemerkt haben, dass sie weggefahren ist. Er wird beschäftig sein den Trainer der Nationalmannschaft und seine Taktiken zu kritisieren, als wenn er selbst das Maß aller Dinge wäre, und er wird mit seinen Kumpels Bier trinken und sich nach dem Spiel ein Taxi bestellen, um nach Hause zu kommen.

Das wird der Grund sein, warum er sich bis jetzt nicht bei ihr gemeldet hatte. Gestern Abend hätte es keinen Zweck gehabt mit ihr zu sprechen, sie hätte sowieso keinen seiner Anrufe entgegengenommen, dazu war sie viel zu verletzt gewesen. Das wird er wissen und deswegen wird er sich nicht gemeldet haben, aus Rücksicht. Und heute, hat er sich wahrscheinlich gleich nach der Arbeit mit seinen Freunden getroffen, alles eingefleischte Fußballfans. Bestimmt würde er sich nach dem Spiel bei ihr melden und sie fragen, wie es ihr geht. Ob sie dann bereit sein wird, ein Gespräch mit ihm zu führen?

Zwischen einem Souvenirgeschäft und einem Goldschmied befand sich ein kleiner Patweg, der zwischen den Gärten der Inselhäuser jenseits der Fußgängerzone verlief. Hier bogen die beiden Frauen ein. Jasmin, die zu jedem Garten etwas zu erzählen hatte, an dem sie nun vorbeigingen, plauderte fröhlich auf Paulina ein.

Äste der Sträucher, die aus den Gärten durch den Maschendrahtzaun ragten, der als Grenze die Gärten der Häuser vom Weg trennte. Baumkronen stießen über ihnen zusammen und bildeten ein grünes Dach, das den Weg in ein gedämpftes Licht tauchte. Es roch nach Laub, irgendwie erdig, nach frisch gemähtem Rasen und Gegrilltem.

Eine Familie aus Düsseldorf, die jeden Sommer hier residierte, wusste Jasmin zu berichten.

Riecht es hier nach Schwimmbad, dachte Paulina verwirrt. Im Vorbeigehen schaute sie in die Gärten und entdeckte einen Swimmingpool.

»Geruchssinn intakt«, murmelte sie zu sich selbst. Im nächsten Garten bellte sie ein Hund an und rannte aufgeregt am Zaun auf und ab, einen richtigen kleinen Patt hatte der Kleine schon getrampelt, was darauf schließen ließ, dass er jeden und alles anbellte, der oder was vorbeikam.

»Ist gut Rocky. Dein Frauchen kommt gleich wieder«, meinte Jasmin zu dem kleinen Terrier, griff über den Zaun und streichelte den kleinen weißbraunen Hund.

»Er gehört zu Erika, sie arbeitet in der Apotheke. Dienstags gehe ich immer mit Rocky spazieren, denn dann arbeitet Erika den ganzen Tag.«

Etwas weiter stand ein Gewächshaus im Garten und der Garten, der danach kam, bestand aus Rasenfläche, die lange keinen Rasenmäher mehr gesehen hatte, er wirkte wild und verlassen.

»Frau Küsters, aber die ist jetzt im Altenheim. Das Haus wird wohl verkauft werden«, sagte Jasmin mitleidsvoll und deutete auf jenes Haus mit Garten.

Nach zwei Drittel des Weges hatten sie das Haus von Jasmin Wagenfeld erreicht. Wenn man den Weg weiter verfolgte, endete er abrupt vor den Dünen.

»Du musst aufpassen, das Tor fällt von allein zu. Halte es fest, damit es nicht zuknallt«, sagte Jasmin, als sie das schmiedeeiserne Tor zu ihrem Garten öffnete. Das Haus war aus roten Ziegeln gebaut, auf sie machte es stets den Eindruck, als hätte man wahllos Steine aufeinandergestapelt, die man zufällig gefunden hatte. Dennoch wirkte das Gebäude sehr solide, die grünen Fensterrahmen gaben einen schönen Kontrast. Mit den bunten Blumen in den Blumenkästen, die mit kleinen Elfenfiguren und Windrädchen geschmückt waren, wirkte es wie verzaubert. Der verkrüppelte, etwas schrullig anmutende Apfelbaum vorm Haus gab sein Übriges zum Ambiente hinzu. Jasmin öffnete die grüne Haustür und stellte den Trolli in den Flur. Früher, sehr viel früher, war dieses Haus ein Teil eines Bauernhofes gewesen, der ganz im Norden der Insel gelegen hatte. Doch im Laufe der Jahre hatte sich die Insel verändert. Stürme hatten große Mengen Sand und Land abgetragen und hinter der Insel wieder angespült, so dass die Insel Jahr um Jahr wanderte und das Haus von Jasmin Wagenfeld befand sich nun ein gutes Stück weiter im Inneren der Insel, als noch vor hundert Jahren. Sie stellte ihre Tasche neben den Trolli, dann stiegen sie die enge Holztreppe hinauf ins Obergeschoss. Dort angekommen fanden sie sich in einem großzügig gestalteten Raum wieder. Die Wände waren in einem zarten Altrosa gestrichen, die Balken der Decke und der Wände dagegen in Dunkelbraun.

Die Fenster in der Dachschräge warfen ein warmes, klares Licht in den Raum. In der hinteren Ecke stand ein beiges Sofa, auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein Kiefernschrank mit Fernseher und Stereoanlage. Auf der linken Seite sah sie eine Küchenzeile, mit Spülmaschine und Mikrowelle war sie viel besser ausgestattet als ihre in Bünde. Davor gab es einen Tisch, auf dem ein Strauß Blumen stand, sowie vier Stühle ringsum. Das Schlafzimmer und das Badezimmer lagen sich gegenüber im hinteren Teil des Dachbodens. Beides in Cremefarbe gehalten.

»Du hast es renoviert.«

»Ja, wie gefallen dir die Farben?«

»Sehr gut. Sie harmonieren miteinander und sind nicht schrill. Das sieht schön aus.«

»Der letzte Gast fand es grausam. Er sagte es sähe aus wie ein Mädchenappartement in Pink«, kicherte Jasmin und Paulina stimmte mit ein.

»Hast du Hunger? Es gibt Gulasch.«

»Ja, einen Bärenhunger. Gulasch klingt gut. Aber ich glaube ich sollte erst duschen. Ich bin ziemlich verschwitzt.«

Jasmin stellte die Schale mit den Kartoffeln auf den Tisch, dazu den Kochtopf mit dem Gulasch und erklärte ihr nebenbei die Einzelheiten der Arbeit, für die Paulina sie vertreten würde.

Sie sollte in der kommenden Woche die Ferienwohnungen in einem Gebäudekomplex an der Seeseite endreinigen.

Auch sollte Paulina das Treppenhaus putzen, in dem die Ferienwohnungen lagen. Jasmin würde morgen früh mit der ersten Fähre zum Festland übersetzten, um dann ihre Freundin Silvia in Bochum zu besuchen.

»Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Schwierigkeiten haben werde«, beteuerte sie und band ihre noch feuchten Haare mit einem Zopfgummi zusammen.

»Im Hauswirtschaftsraum findest du Gummihandschuhe. Bitte ziehe sie an, vor allem wenn du die Badezimmer reinigst und den Müll rausbringst. Wenn du Fragen hast, rufst du an. Aber eigentlich weißt du ja alles.« Jasmin knetete ihre Kartoffeln und ertränkte sie in der Soße, so dass eine breiige Masse entstand, das machte sie immer so und Paulina wurde durch diese Gewohnheit ihrer Mutter, die ihr so sehr vertraut war, bewusst, wie sehr sie ihre Mutter vermisst hatte. Sie war schon viel zu lange nicht mehr hier gewesen, warum eigentlich nicht? Irgendwie war immer etwas zu tun gewesen, meistens hatte Lars keine Zeit und alleine wollte er sie die weite Strecke nicht fahren lassen. Warum eigentlich nicht? Traute er es ihr nicht zu? Sie verwarf die Gedanken. Jetzt war sie hier.

»Mach dir nicht so viele Gedanken. Ich schaffe das schon«, beruhigte sie ihre Mutter und steckte den Generalschlüssel, der ihr jede Tür öffnen würde, in die Hosentasche.

»Vergiss nicht Spülmaschinentabs in den Küchen bereitzulegen und du musst das Geschirr kontrollieren. Oftmals geht etwas kaputt, oder die Urlauber nehmen es als ein Andenken mit. Gerade erst letzte Woche hat ein Ehepaar zwei Bilder aus einer Ferienwohnung mitgenommen. Stell dir das mal vor. Würde mir nie in den Sinn kommen.« Jasmin erzählte, wie sie in die Ferienwohnung kam und feststellen musste, dass die Feriengäste lange Finger gemacht hatten, was zu Folge hatte, dass sie eine Bestandskontrolle machen musste, um festzustellen, was noch alles fehlte.

»Und? Habt ihr die Bilder zurückbekommen?«

»Ja, die Hausverwaltung hat sie angerufen, dann haben sie die Bilder zurückgegeben.«

»Ich werde alles kontrollieren, hat ja das letzte Mal auch funktioniert, warum sollte es diesmal anders sein und sollte irgendetwas nicht stimmen, kann ich dich oder die Hausverwaltung anrufen.«

Sie hatte vor ein paar Jahren schon einmal in Vertretung für ihre Mutter gearbeitet. Damals hatte Jasmin versucht, einen toten Baum in ihrem Garten zu fällen. Der Baumstamm war ihr auf die Hand gefallen. Sie hatte Glück gehabt, dass sie sich nur zwei Finger angebrochen hatte.

»Was hast du mit deiner Lippe gemacht«, fragte Jasmin, als sie sich eine Gabel mit dem Kartoffelbrei in den Mund steckte.

Instinktiv tastete sie mit den Fingern nach der Wunde und sofort war der Knoten in der Magengegend wieder da, der ihr jetzt den Hals zuschnürte.

»Ich, ich habe mich an einem kaputten Glas geschnitten«, versuchte sie im Konversationston zu erklären. Das Gleiche hatte sie vorgestern auch Nele erzählt, doch Nele kannte sie viel zu gut, als dass sie ihr diese Lüge abgenommen hätte. Sie hatte nur gesagt: »Gute Ausrede. Reinkommen! Hinsetzten! Auspacken.« 

Dann hatte sie Nele alles erzählt, was sich zugetragen hatte. Nele hatte ihre Wunde versorgt, die jetzt abheilte und eine dunkle Borke gebildet hatte, welche sich vom zarten Rosa ihrer Lippe abhob. Sie hatte nicht vorgehabt Nele von dem Vorfall zu erzählen, auch waren sie nicht verabredet gewesen. Sie hatte nur nicht allein sein wollen, nachdem was zwischen ihr und Lars vorgefallen war. Nele war eine gute Freundin und sie war froh sie, zu haben. Es hatte gut getan ihr zu erzählen, was Lars getan hatte. Dabei mimte er in der Öffentlichkeit immer den perfekten Gentleman, doch hinter verschlossenen Türen konnte der Ton schon etwas rauer sein, die Worte nicht von Liebesbekundungen getränkt, sondern durchaus verletzend und oftmals vorwurfsvoll, dass sie das Gefühl bekam, sich nicht gut um Lars zu kümmern, wenn er seine Zeit mit ihr verbrachte.

Warum kam sie jetzt darauf? War das ein Zeichen? Warum hatte sie dieses Signal nicht schon vorher registriert. War irgendetwas mit ihrer Beziehung nicht in Ordnung? War etwas mit ihr nicht in Ordnung?

»Autsch, wie fies«, meine Jasmin.

Sie nickte. »Nicht so schlimm wie es aussieht.« Ihr Gesicht brannte und sie hoffte, dass ihre Mutter ihr ihre Lüge nicht ansehen würde, so wie Nele es getan hatte.

»Wolltest du nicht eigentlich mit Lars in Urlaub fahren?«, Jasmin runzelte die Stirn. »Du hast am Telefon erzählt, dass daraus nichts wird.«

Paulina stocherte verlegen im Essen herum. »Urlaub wäre schön.« Sie verdrehte die Augen. »Er muss in Wien arbeiten und er wollte, dass ich ihn begleite.«

»Wien, sehr schöne Stadt.«

»Sicher, aber nicht, wenn man bis nachmittags um fünf im Hotel sitzt, weil er vorher keine Zeit hat.«

Sie überlegte, wie sie das Gespräch auf ein anderes Thema lenken konnte. Ihr drehte sich buchstäblich der Magen um, sie weigerte sich, darüber nachzudenken, warum Lars sie geschlagen hatte. Liebte er sie nicht mehr? Oder war er so wütend geworden, weil er sie so sehr liebte und der Gedanke, dass sie mit anderen Männern … Hatte sie ihn mit ihrer Antwort, die sie ihm im Streit an den Kopf geworfen hatte, schlichtweg zur Verzweiflung gebracht? Er war eifersüchtig und sie hatte Öl ins Feuer geschüttet, indem sie sagte, sie würde mit jedem 'vögeln', der nicht bei drei auf einem Baum ist. Ein blöder Spruch, mehr nicht. Ein Grund zuzuschlagen?

»Hast du keinen Hunger? Paulina? Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Jasmin besorgt.

»Alles in bester Ordnung, Mama«, sie versuchte ein Lächeln. Unauffällig, bevor ihre Mutter nach weiteren Gründen fragte, versuchte sie das Thema zu wechseln.

»Nele fährt nach Paris«, sagte sie schließlich.

Nachdem sie berichtet hatte, dass Nele mit ihrem Freund – dass er verheiratet war, verschwiegt sie – Urlaub in Paris machte, schlug Jasmin vor, einen Likör zu trinken.

»Selbstgemachter Eierlikör, das Rezept habe ich von einer Freundin«, sagte Jasmin stolz und schenkte das dritte Glas nach. Der Alkohol verfehlte seine Wirkung nicht und die Müdigkeit übermannte sie nach kurzer Zeit. Hundemüde kuschelte sich kurz darauf in das frisch bezogene Bett in der Dachgeschosswohnung. Sie roch, dass ihre Mutter immer noch das gleiche Waschmittel wie früher benutzte, das löste ein wohliges Gefühl von Geborgenheit aus. Eine Kindheitserinnerung. Durch das offene Dachfenster meinte sie das Wellenrauschen der Nordsee zu hören, eine Möwe schrie. Die Dämmerung umfing sie und ihr Kopf sank in die weichen Daunen ihres Kissens. Das plötzliche Klingeln ihres Handys riss sie aus dem Schlaf. Im ersten Moment war sie der festen Überzeugung, dass es ihr Wecker war. Sie schlug die Decke zurück, um sich für die Praxis fertig zu machen, doch die Umgebung passte nicht. Verwirrt schaute sie sich um. Nicht mein Zimmer, nicht mein Bett. Dann starrte sie auf das Mobiltelefon.

›Eingehender Anruf Lars‹, stand da. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück. Sie strich mit dem Daumen von links nach rechts über das Display und wehrte so den Anruf ab. Sie wollte nicht mit ihm sprechen, sie wollte nicht mal seine Stimme hören. Sie wollte seine Vorwürfe nicht hören, dass sie Hals über Kopf abgehauen war, ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzten, wohin sie fuhr und wann sie wiederkam. Obwohl sie auf seinen Anruf so sehr gewartet hatte. Sekunden später ertönte ein Gong. Der Ton, der signalisiert, dass sie eine SMS erhalten hatte. Sie fühlte sich schlecht, sie hätte Bescheid sagen müssen.

Auf dem oberen Drittel des Displays öffnete sich ein Fenster in dem stand:

Lars: ›Wo bist du? Kann dich nicht erreichen. Können wir reden? Bitte‹, darunter die Auswahlmöglichkeiten, als gelesen markieren oder antworten. Sie zögerte, tippte dann auf Antworten, die App öffnete sich.

›Bin bei meiner Mutter.‹

›Kann ich dich anrufen?‹

Jetzt fragt er wenigsten, dachte sie und tippte ›Ich möchte im Moment nicht mit dir reden.‹

›Rufe dich morgen an. ILD Lars‹

Sie tippte ›Gute Nacht‹ und einen Kusssmiley ein, das ILD für ich liebe dich, das sie normalerweise mit einem ILDNVM, ich liebe dich noch viel mehr beantwortete, ignorierte sie, überlegte kurz – löschte dann den Smiley, sendete die Nachricht und schloss die App.

Nun lag sie mit geöffneten Augen im Bett und starrte in die Dunkelheit in Richtung Decke. Sie versuchte, einfach an nichts zu denken, lauschte durch das geöffnete Dachfenster auf die Geräusche draußen. War das Meeresrauschen oder nur ein Luftzug in den Baumwipfeln? Zwei Menschen gingen den Patweg am Haus entlang. Sie unterhielten sich angeregt, sie konnte die Worte nicht verstehen, aber sie lachten, redeten weiter, bis ihre Stimmen erstarben. Dann war es wieder still.

Wieder stieg ihr der Duft frisch gewaschener Wäsche in die Nase. Sie hätte viel öfter hierherkommen sollen. Aber nach dem Tod ihres Vaters war alles schwieriger geworden. Das Zusammensein war erdrückend, obwohl sie den gleichen Schmerz fühlten. Das miteinander Reden, obwohl sie das gleiche Thema bedrückte.

Sie waren trotzdem oder gerade deswegen eng zusammengerückt in der schweren Zeit der Trauer. Keiner wusste so recht, wie er mit seinem Schmerz, dem Verlust zurechtkommen sollte. Wie es möglich sein sollte, ohne den Vater, den Fels, das alles zusammenhaltende Fundament ihrer kleinen, so glücklichen Familie weiterzuleben. Es war eine nicht zu bewältigende Aufgabe, die sie beide maßlos überfordert hatte. Und nie zuvor hatte sie sich so allein gefühlt, so verlassen, so einsam. Es war schier unerträglich. Sie hatten das Thema vermieden, waren ausgewichen. Die Wunden, über die sich gerade eine zarte Haut gelegt hatte, der Schmerz, so unerträglich brutal. Sie konnte es nicht ertragen, ihre Mutter weinen zu sehen, die Wunden aufreißend, also schwieg sie.

Dann hatte Jasmin erklärt, dass sie das Haus verkaufen und sich auf die Nordseeinsel zurückziehen werde.

Sie stritten sich. Paulina hatte ihr vorgeworfen, ihr ihre gesamten Kindheitserinnerungen zu nehmen. Ihr das zu Hause zu rauben. Sie spürte keinen Halt mehr, alles schien zu zerbrechen, ihr durch die Finger zu rinnen, unhaltbar wie eine Hand voll Sand, aber Jasmin hatte eine Entscheidung getroffen.

»Hör zu, Kleines. Ich kann hier nicht bleiben. Jedes Zimmer, jeder Winkel in diesem Haus erinnert mich an Ludger. Die Ecke des Sofas, auf dem er gesessen hat, seine Lieblingstasse, aus der er getrunken hat. Einfach alles. Jede Straße, jedes Restaurant, das wir besucht haben. Ich ertrage es nicht. Ich muss nach vorne schauen, wir müssen unser Leben weiterleben und wir müssen akzeptieren, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Verstehst du das?«

»Nein! Nein! Nein! Mama! Bitte, geh nicht. Ich habe doch niemanden außer dich.«

»Ich bin doch nicht weg. Komm doch mit. Das Haus ist groß genug für uns beide. Ich werde das Dachgeschoß ausbauen lassen, dort kannst du wohnen. Aber bitte versteh mich.«

»Nein. Was soll ich auf der Insel? Ich habe hier meine Arbeit, meine Freunde sind hier. Deine auch. Du verlässt mich. Wie kannst du das tun, wie kannst du nur? Ich verstehe dich nicht. Du machst mein zu Hause kaputt. Du zerstörst meine Erinnerungen an Papa, als wenn es ihn nie gegeben hätte!«, hatte sie wütend geschrien.

»Paulina, bitte«, hatte Jasmin versucht ihre Tochter zu erreichen, aber sie hatte die Türen hinter sich zugeschlagen und war in ihr Zimmer gerannt. Wütend und zornig hatte sie sich auf Bett geworfen und geheult. Sie war wütend auf ihre Mutter, die eine Entscheidung ohne sie getroffen hatte. Sie war wütend auf ihren Vater, darauf, dass er gestorben war und sie allein gelassen hatte. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie nicht in der Lage war, ihre Gefühle zu beherrschen. Die Gefühle beherrschten stattdessen sie.

Danach war der Kontakt eine Zeitlang sporadisch geworden. Sie war in die kleine Zweizimmerwohnung gezogen und auch wenn sie sich dort wohlfühlte, konnte sie einfach nicht verstehen, warum ihre Mutter gegangen war.

Jasmin hatte ihr gesagt: »Du bist einundzwanzig Jahre alt. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass du nicht auf eigenen Beinen stehen könntest, wäre ich nicht gegangen, aber du bist eine selbstständige junge Frau. Ich muss mir um dich keine Sorgen machen. Außerdem ist hier immer und zu jeder Zeit ein Bett für dich, das weißt du.«

Erst als Jasmin sich meldete, und ihr erzählte, dass sie sich bei Gartenarbeiten verletzt hatte, wurde ihr klar, dass sie sich in ihrer blinden Wut vollkommen verrannt hatte. Sie war auf die Insel gefahren und hatte als Vertretung für ihre Mutter die Ferienwohnungen gereinigt. Sie hatten geredet, viel geredet über die Zeit als sie noch als Familie in Bünde gelebt hatten über die Urlaube, die sie gemeinsam verbracht hatten, und sie hatten sich Anekdoten erzählt, Missgeschicke und Geschichten, die ihnen passiert waren, die ihnen als Familie passiert waren.

Sie hatte sich bei ihrer Mutter entschuldigt, doch Jasmin meinte nur: »Da gibt es nicht zu entschuldigen. Jeder Mensch hat eine andere Art seine Trauer zu bewältigen. Die einen werden schneller damit fertig, die anderen brauchen länger, manche kommen gar nicht damit zurecht. Du must dich bei mir nicht rechtfertigen und schon gar nicht entschuldigen, dass deine Art zu trauern eine andere ist als meine. Alles ist so wie es ist in Ordnung.«

»Ja, jetzt. Damals war es nicht so. Es tut mir leid, dass ich versucht habe dich am Weggehen zu hindern. Diese Insel ist dein zu Hause und ich war verletzt und wütend.«

»Ach Schatz.« Jasmin hatte ihre Tochter in den Arm genommen und fest an sich gedrückt. »Wäre ich geblieben, wäre ich umgekommen vor Kummer. Bünde ist eine schöne Stadt, ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt, aber es ist, wie du sagst. Ich bin hier zu Hause. Hier finde ich meine Ruhe. Kein Autohupen, keine großen Menschenmengen, kein Gedränge. Ich kann hier ganz ich sein und meine Seele baumeln lassen und ich mag mein Leben so wie es ist, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass es anders verläuft. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, aber vielleicht wirst du es eines Tages.«

»Ich werde es versuchen, auf jeden Fall akzeptiere ich deine Entscheidung«, versicherte sie ihrer Mutter.

Der Wäscheduft weckte Sehnsucht in ihr. Sehnsucht nach längst vergangenen Tagen.

Nichts bleibt so, wie es ist. Doch manche Sachen ändern sich einfach nie.

*

Nackt und mit nassen Haaren kramte sie in den Untiefen ihrer Reisetasche die Sachen hervor, die sie heute anziehen wollte. Sie nahm sich vor ihre Wäsche nachher in den dafür vorgesehen Schrank zu räumen.

Schon um halb sechs hatte sie ihre Mutter zum Bahnhof begleitet, die heute Morgen aufgebrochen war, um eine Freundin in Bochum zu besuchen.

Danach war sie in ihre Joggingsachen gesprungen und eine große Runde gelaufen. Es hatte gutgetan und ihre wirren Gedanken geordnet. Richtung Westende der Insel gab es nichts als satte grüne Wiesen und goldene Felder. Weit hinten lag ein Bauernhof; eine Pferdekutsche, die über den holprigen Weg ratterte, hatte den Müll abgeholt. Auch die Müllabfuhr war auf der Insel nicht motorisiert.

Ein Traktor hatte ein einfaches, sich wiederholendes Muster aufs Feld gezeichnet, vom satten Dunkelbraun des Ackers hatten sich deutlich hunderte schreiende, weiße Möwen abgehoben, die ihm gefolgt waren.

Nachdem sie dem Land den Rücken zugewandt hatte, sah sie, dass die Ebbe die typische Wellenform im sandigen Meeresboden hinterlassen hatte.

Der Sonnen-Wolken-Mix hatte ein interessantes Schattenspiel über die Landschaft geworfen und die atemberaubende Kulisse unterstrichen. In weiter Ferne war ein Nebelhorn erklungen und obwohl sie schon lange nicht mehr gelaufen war, hatte sie ihre Kondition nicht im Stich gelassen.

Sie hatte die salzige Luft tief eingeatmet, auf ihren Lippen geschmeckt. Sie war stehen geblieben und hatte diesen einen Moment genossen, die Kunstwerke, die ihr die Natur in diesem Moment geschenkt hatte, in sich aufgesogen und versucht, sie in ihrem Inneren zu konservieren, damit sie diesen Moment, dieses Gefühl nicht wieder vergessen würde. Sie fühlte sich befreit und auf eine komische Art und Weise erleichtert. Erleichtert darüber, dass sie hier war, dass sie alleine war. Keine Rechenschaft abgeben musste, warum und weshalb sie gefahren war, sich keiner endlosen Diskussion stellen musste, an dessen Ende Lars ihr sowieso nur wieder das Wort im Munde umdrehte, um recht zu haben. Es war so, als ob die Seeluft eine reinigende Wirkung besäße.

Jetzt war sie geduscht, das Thermometer zeigte schon über 20°C, der Wetterbericht im Radio kündigte einen grandiosen Sommertag, mit mehr als neun Sonnenstunden an. Über den Tag sollte es richtig heiß werden, über dreißig Grad, hatte der Moderator gesagt, nur ein laues Lüftchen sollte wehen. Perfektes Wetter, um Urlaub zu machen, schlecht für diejenigen, die arbeiten mussten. Um zehn Uhr mussten die Urlaubsgäste, deren Urlaub endete, die Ferienwohnungen verlassen haben und ab 16 Uhr konnten die neu angekommenen Gäste die Ferienwohnungen wieder beziehen. In der Zwischenzeit hatte sie sechs Stunden Zeit, um die Wohnungen zu reinigen und herzurichten.

Der Gebäudekomplex, den sie betreuen wollte, hatte sechs Wohneinheiten auf drei Etagen. Es war ein weißgeklinkertes Haus mit großen Panoramafenstern, die in blaue Rahmen gefasst waren, direkt hinter der Promenade, mit unverbautem Blick auf die Nordsee. Sie blickte zum obersten Fenster, von dort hatte man einen tollen Blick über das Wattenmeer. Der Eingang in das Gebäude bestand ebenfalls aus einer großen Fensterfront. Sie blieb davor stehen, blickte auf die Glasscheibe der Eingangstür und sah die vielen Finger und Handabdrücke, meist von Kindern, die sich mit den Händen gegen die Glasscheibe gestemmt hatten, um die Tür aufzudrücken, anstatt den Türgriff zu benutzen, sie holte einmal tief Luft.

»Na dann, wollen wir mal«, sagte sie zu sich selbst und betrat das Haus. Das Treppenhaus war freundlich in blauen und gelben Tönen gehalten, mit interessanten Repliken von Hundertwasser an den Wänden. Sie machte sich auf den Weg zum Keller. Die Treppenstufen waren aus dunkelrotem Stein. »Pflegeleicht«, dachte sie. »Komisch, dass man sich niemals Gedanken darüber macht, wer die Treppenhäuser reinigt, oder ob sie gut oder schlecht zu reinigen sind.« Wie oft war sie selbst durch Treppenhäuser gelaufen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass hinter der Sauberkeit eine fleißige Person stand, die fegte und wischte. Nur wenn Treppenhäuser zugemüllt und stinkend waren, dann fragte man sich, ob niemand zuständig war, der sauber machte. »Diese Sauberkeit war eine Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft«, dachte sie, »und wird viel zu gering vergütet.