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Wir schreiben das Jahr 2015. Annett Schulz lebt als alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter ein ganz normales Leben: Viel arbeiten, nebenbei den Alltag managen, alles unter einen Hut bringen. Der Vater ihrer Tochter unterstützt sie kaum, kümmert sich nur im Rahmen der regelmäßigen Besuchszeiten um sein Kind ... Doch dann geschieht das Unfassbare: Die Tochter beschließt mit 11 Jahren, zum Vater zu ziehen. Von heute auf morgen, ohne eine Erklärung. Fortan besteht nur noch sporadischer Kontakt zur Mutter, der einige Zeit später dann komplett abbricht - für unfassbare 18 Monate. Für Annett stürzt eine Welt zusammen. Fragen über Fragen quälen sie tagein, tagaus. "Was habe ich falsch gemacht? Habe ich als Mutter versagt? Warum behandelt mich meine Tochter so?" Diese und tausend weitere Gedanken kreisen fortan in Annetts Kopf. Immer und immer wieder bemüht sie sich, den Kontakt zu ihrer Tochter wiederherzustellen und erfährt eine schmerzhafte Zurückweisung nach der nächsten. Zusätzlich belasten sie ständige Auseinandersetzungen mit dem Vater ihrer Tochter sowie der Sorgerechtsstreit, Unterhaltsforderungen und und und. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass sie auch beruflich neue Wege einschlagen will, einschlagen MUSS, denn alles, was bisher ihr Leben erfüllt hat, erweist sich nun als überhaupt nicht erfüllend. So macht sich Annett auf die Suche ... auf die Suche nach Antworten, nach neuen beruflichen Möglichkeiten, nach einem Weg, mit der ganzen Situation klarzukommen und letztendlich auf die Suche nach sich selbst. Wir dürfen sie auf diesem Weg begleiten. In ihrem ersten Buch "Plötzlich allein - erziehend" nimmt uns Annett mit auf diese Reise voller Höhen und Tiefen. Sie lässt uns teilhaben an ihren Emotionen, ihren Gedanken, ihren Erfahrungen und Erkenntnissen. Vor allem jedoch zeigt sie ihren Leser*innen, wie sie allen Umständen zum Trotz - oder gerade dank dieser Umstände - das Wichtigste im Leben gefunden hat: Sich selbst, die Liebe und das Geschenk der Vergebung.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Der Wunsch, Eltern zu werden
Samstag, der 28.01.2019
Vorhang auf
Die Schauspielkunst
Die Männerwelt
Das erste Wiedersehen
Neues Jahr – neues „Glück“
Hoher Besuch
Es gibt doch Hörer
Alles auf Anfang
Die Zeit vergeht
Das geteilte Sorgerecht
Die Aussätzige
Allein mit mir auf Reisen
Die Familie
Mein beruflicher Bruch
Aufräumen
Der Kinder-Geburtstag
Die Welt dreht sich weiter – der Anfang von etwas Neuem
Weihnachten – das Fest der Liebe
Neustart
Mein neuer beruflicher Wirkungsbereich
Meine kleine Wohngemeinschaft
Mein Alltag
Therapeutische Hilfe von außen
Die Begegnung, die alles veränderte
Vom Loslassen
Meine Begegnung mit Gott
Meine Begegnung mit mir selbst – Eat pray love
Der Zauber des Neuanfangs und des Loslassens
Mein eigenes Himmel-Reich
Der Liebeskontakt
Nachwort
Über mich
Dieses Buch ist in einem Zeitraum von ca. 2,5 Jahren entstanden und gibt meine persönliche Reise wieder. Meine Reise, auf der ich durch die Trennung von meiner Tochter zu mir selbst zurückfand.
Wobei es nicht nur MEINE Reise-Geschichte ist. Es ist UNSERE Reise und Geschichte. Die Geschichte einer gemeinsamen Reise zwischen einer Mutter und ihrer Tochter.
Lange habe ich gebraucht, um mit unserer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich schämte mich. Ich hatte Angst. Ich fühlte mich schlecht.
Irgendwann jedoch begann ich damit, alles aufzuschreiben. Es half mir. Es half mir auf meiner Reise zu mir selbst zurück und um Frieden zu finden.
Umso mehr ich mich diesem Thema hingegeben habe, desto mehr begegneten mir ähnliche Fälle, die sowohl Mütter als auch Väter erlebt haben.
Das bestärkte mich.
Dieses Buch soll Mut machen, inspirieren und unterstützen. Es soll jene Menschen unterstützen, die sich ebenfalls schämen, die sich klein und hilflos fühlen, die an sich, dem Leben und auch an ihren Kindern zweifeln. Es soll dazu dienen, zu erkennen, dass die einzige Antwort auf alle verzweifelten Fragen, Situationen und Konflikte in jedem Kontext des Lebens die Liebe ist. Die Liebe zu seinem Kind, zu anderen Personen, zum Leben und letztlich zu sich selbst.
Ich danke meiner Tochter aus tiefstem Herzen, dass sie uns dieses Geschenk gemacht hat. Ich danke ihr für ihre Beharrlichkeit und den Instinkt, auf ihre innere Stimme gehört zu haben und ihrem Wunsch gefolgt zu sein, auch wenn sie zunächst nicht wusste, was sie wirklich damit auslöste. Sie hatte einen Traum. Und sie tat alles, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Ich danke ihr, dass sie es befürwortet hat, unsere Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen und somit für andere Menschen zugänglich zu machen. Mein Dank gilt weiterhin meinen Eltern, die immer für uns da waren und es jetzt auch noch sind, obwohl sie selbst so sehr mit ihrem eigenen Schmerz zurechtkommen mussten. Ich danke meiner Mutter für die vielen Gespräche, die wir geführt haben. Ich danke meinem Vater für seine Tränen, die er als Opa vergossen hat. Ich bin so dankbar für meine Familie, die ich durch unsere Geschichte neu und anders kennenlernen durfte. Ich danke ihnen für ihre unerschütterliche Liebe für meine Tochter und mich. Und dass sie stets an uns geglaubt haben, bis heute.
Mein tiefer Dank gilt auch der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Sybille Peters, die meine Tochter und mich über viele Jahre hinweg begleitet hat und mehr als nur eine Therapeutin war. Sie war und ist Freundin und Wegbegleiterin.
Weiterhin möchte ich auch der Psychotherapeutin Frau Nies-Lohrengel recht herzlich danken. Auch sie war mehr als nur eine Therapeutin für mich. Sie hat mich sehr lange Zeit begleitet und unterstützt. Ich erinnere mich gerne an ihre Worte zurück: „Frau Schulz, im Grunde brauchen sie mich nicht. Sie machen alles genau richtig.“
In diesem Buch teile ich meine Erlebnisse, Erfahrungen, Gefühlswelten und werde den einen und anderen Tipp beziehungsweise Impuls geben, wie es möglich ist, auch in den dunkelsten Momenten das Licht zu sehen.
Es hat mich zutiefst berührt, dass ich die letzte Zeile der ersten Fassung dieses Buches am 12.09.2020, dem 16. Geburtstag meiner Tochter, verfasste.
DANKE! In tiefer Verbundenheit und Liebe
Wenn wir uns als Frau oder auch als Paar dazu entschließen, ein Kind zu bekommen, denken wir nicht daran, dass es eines Tages seinen eigenen Weg gehen wird. Wir sind vernarrt in diesen bezaubernden Gedanken, Eltern werden zu wollen.
Manche planen den perfekten Zeitpunkt. Wenn es diesen denn überhaupt gibt. Andere wiederum ereilt dieses wundervolle geheimnisvolle Phänomen des Lebens ganz plötzlich und ungeplant.
Meine Tochter wählte diesen ganz plötzlichen, ungeplanten Weg. Nachdem mir sechs Monate vor ihrer Empfängnis nach einem gynäkologischen Eingriff mitgeteilt wurde, dass meine Chance, schwanger zu werden, wie ein 6er im Lotto ist.
Während meiner Studienzeit Ende der 90er Jahre hatte ich mit einer damaligen Freundin unbewusst Pläne geschmiedet. Ich wollte drei Kinder. Das erste wollten wir nach Abschluss des Grundstudiums gemeinsam bekommen.
Nun, meine Tochter wurde zwei Jahre nach Beendigung meines Studiums geboren. Die anderen beiden Kinder durfte ich im Rahmen einer Patchwork-Familienkonstellation kennenlernen und ein Stück ihres Weges begleiten.
Das Universum hatte demnach meinen Wunsch erfüllt.
Der 6er im Lotto wurde meine Tochter. Sie machte es mir leicht. Ganz lieb und fest hatte sie sich in mir eingenistet, bereitete mir keinerlei Schmerzen oder Unannehmlichkeiten in Form von Übelkeit oder körperlichen Einschränkungen (bis auf den Bauch in den letzten vier Wochen der Schwangerschaft). Ich fühlte mich lebendig und pudelwohl. Nur die Größe meines Bauches und die ab und an unangenehme Lage vom Mäuschen auf meinen Rippen verrieten mir und anderen Menschen, dass ich ein Kind erwartete.
Die Empfängnis jedoch hatte ich sofort in meinem Körper gespürt. Ich erinnere mich daran, wie schummerig mir war an diesem Abend. Ich hatte das Gefühl, ich würde schweben und wäre in einer anderen Welt. Wie benebelt nahm ich alles um mich herum wahr.
Der Kindsvater und ich waren am späten Abend zu einem Konzert in der Columbiahalle in Berlin-Tempelhof bei Within Temptation. Der Bass und die Stimme der Sängerin dröhnten in meinen Ohren. Mein Körper vibrierte. Ich hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Nichts schmeckte mir an diesem Abend, kein Mixgetränk und auch keine Zigarette.
Der 6er im Lotto hatte es sich innerhalb von ein paar Stunden schon richtig gemütlich gemacht. Als meine Frauenärztin mir ein paar Wochen später bestätigte, dass ich schwanger sei, weinte ich vor Freude. Ich rief eine Freundin an und bekam vor lauter Freudenweinen kein klares Wort heraus. Ich war tatsächlich schwanger. Ich bekam ein Kind. Dieselbe Freundin offerierte mir stets, dass es ein Mädchen wird. Und so war es auch.
Ich habe bislang niemanden getroffen, der sich bei der Geburt seines Kindes gefragt hat, wann denn das Kind auszieht. Ich jedenfalls nicht. Ich war so damit beschäftigt, das Mutter-Sein zu erforschen.
Tatsächlich ist es so, dass wir zum größten Teil ganz unbewusst mit unseren Kindern in ihrer Entwicklung mitwachsen, ohne zu bemerken, wie wir selbst daran wachsen. Wir feiern ganz fürstlich den ersten Geburtstag, den zweiten, den dritten und so weiter, um dann ganz plötzlich festzustellen: Oh je, sie haben das Alter erreicht, in dem sie eingeschult werden. Spätestens hier wird vielen Eltern – besonders den Müttern – klar: Mein Kind wird zunehmend unabhängig und groß. Gutschi-gutschi und dadada sind nun vorbei.
Ja, die Kinder wachsen heran und wir ebenso. So langsam schleicht sich in uns das Wissen ein, dass unsere Kinder irgendwann, vielleicht schon bald, die erste Null erreichen und anfangen, unabhängig von uns ihr Leben zu gestalten. Nun, das Wissen darüber ist das Eine, wenn es jedoch dann soweit ist, ist das „Geschrei“ groß. Nix da. Mein Kind ist doch noch zu jung, noch nicht soweit, zu klein, zu unselbstständig et cetera. Im Grunde sind WIR das alles. Wir Eltern sind zu unselbstständig und noch nicht soweit loszulassen, das Kind „schon“ gehen zu lassen.
Den Einen erwischt es kalt: Wenn klein Fritzchen plötzlich groß Fritzchen ist und offeriert, er zieht aus, womöglich zu seiner Freundin. Andere Elternteile dürfen sich schleichend und sanft auf die Abnabelung des Kindes vorbereiten. Und wiederum andere eröffnen ein Hotel-Mama für die Kinder auf Lebenszeit. In den ersten beiden Fällen ist dennoch der Abschied schwer. Ich gehöre zu Kategorie 1. Die, die es kalt erwischt (hat).
Es hat mich nicht nur kalt erwischt. Es war sibirisch eisig kalt mit starkem, frostigem Wind. Ich stand kurz vor der Erfrierung.
Ich war zu einem Teamtreffen in der Praxis einer Heilpraktikerin, bei der ich Entspannungskurse, Faszientraining und Coachings gab. Es handelte sich um einen Neujahrsempfang und wir Trainer, die diese Praxis durch ihre Angebote füllten, hatten die Gelegenheit, uns alle einmal persönlich kennenzulernen.
Ein paar Jahre zuvor hatte ich Veranstaltungen, die mit einem beruflichen Kontext zu tun haben und dann auch noch außerhalb der regulären Arbeitszeit liegen, versucht zu meiden. Aus Mangel an Zeit und wirklichem Interesse.
Vor ein paar Jahren – um genau zu sagen, vor drei Jahren und drei Monaten, hatte ich noch ganz andere Verpflichtungen und Verbindlichkeiten. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich künftig meine Abende überwiegend mit Kurstraining, Coachingsitzungen, Lernen und Marketing sowie auf (Netzwerk-) Veranstaltungen verbringe und mir das auch noch Spaß macht und mich erfüllt, den hätte ich für verrückt erklärt. Niemals im Leben. Damals war ich zufrieden, wenn ich ein wenig Zeit nur für mich allein hatte.
Ja damals. Damals, das hört sich irgendwie so abgedroschen und lange her an – als hätte ich schon so einige Jahrzehnte (mehr als vier) hinter mir gelassen. Witzig.
Damals halt, im Jahre 2016. Da war ich fest angestellt bei einem gemeinnützigen sozialen Träger als Projektmanagerin in der Abteilung Baumanagement. Ich hatte einige Neubauvorhaben im Bereich Errichtung und Herrichtung von Flüchtlingsunterkünften und einige soziale Objekte, wie Behinderten- und Pflegeeinrichtungen in der Bestandsbetreuung für Instandsetzungs- und Umbaumaßnahmen in Verantwortung. Mein Einzugsbereich erstreckte sich im nördlichen Umland von Berlin bis hoch nach Eisenhüttenstadt und Schwedt. Die Hauptverwaltung des Trägers lag im südlichen Bereich von Berlin. Ich tingelte also umher, verbrachte viel Zeit im Auto. Habe Strecke gemetert. So bezeichne ich es gerne. Hätte es Streckenbonuspunkte gegeben, ich hätte immer die volle Prämie abgesahnt. Wie meine genaue Arbeitszeit war, konnte ich zum Schluss meiner Tätigkeit im Jahre 2016 gar nicht mehr so richtig definieren. Irgendwas zwischen 07:00 Uhr morgens und 22:30 Uhr abends.
In diesem Zeitfenster pendelte sich alles an Tätigkeiten ein, was so ging. Beruflicher, persönlich, privater und familiärer Natur – meist on the road zwischen der Autobahn A10, A111, A12 und der Bundesstraße 158 … irgendwo im nirgendwo – mit meinem Privatwagen, wohlgemerkt. Ich meinte, ich hätte immer den Überblick über alles. Leitende Funktion mit viel Budgetverantwortung, Haus und Hof, alleinerziehend mit einer Tochter (mit starker ADHS) und einem Hund. Das klang gut und war erstrebenswert.
Aus heutiger Sicht alles Augenwäscherei und ein Trugschluss, wie sich herausstellen sollte. Der Laptop ging gefühlt mit meinem ersten Augenaufschlag an und mit dem letzten aus. Das Telefon war immer an und ich immer erreichbar – für andere. Ich switchte zwischen all den Themen wie ein Flummi hin und her. Der Hund kam teilweise mit auf die Baustelle, damit er nicht zu lange allein zu Hause sein musste und ich besser die Kontrolle darüber hatte, wann er denn mal musste und ich ihn vorschieben konnte, um eine ausgiebige Pause zwischendurch machen zu „müssen“, in dem Falle zu können. Irgendwann hatte ich eine Hundesitterin engagiert, weil mich mein schlechtes Gewissen und die Eingeschränktheit von außen dann doch zu sehr plagten. Ich lebte im ständigen Hetz- und Keine-Zeit-Modus mit dem Anspruch, Allen und Allem gerecht werden zu wollen. Hinzu kam der 14tägige Wochenendmodus meiner Tochter. Alle 14 Tage war sie von Donnerstag bis Montag bei ihrem Vater und ich hatte kindfrei. Manchmal blieb sie auch ein paar Tage länger dort oder verbrachte zusätzliche freie Tage bei ihm.
Unser Leben, der Alltag, war strikt getimet, geplant und geordnet. Das Blöde war nur, wenn irgendetwas nicht lief, wie es sollte. Wenn zum Beispiel die Hundesitterin kurzfristig absagte oder die Schule anrief, dass meine Tochter nach Hause müsse, weil sie krank war oder ich zwar pünktlich vom Büro los fuhr, freudig, mein Versprechen einhalten zu können, etwas eher zu Hause zu sein, dann aber stundenlang im Stau stand.
Dann fing die Kacke an zu dampfen. Das schön geplante Überlebensgerüst bröckelte und fiel zusammen. Quasi kommt dann das Leben und haut mit Messers Schneide ordentlich durch deinen tollen Plan. Und ganz blöd ist es, wenn das irgendwie regelmäßig so ist – aber egal, ein Indianer bzw. eine Indianerin kennt keinen Schmerz, weiter geht’s, für alles gibt es eine Lösung. Das hat meine Mutter schon immer zu mir gesagt. Neuer Plan. Umorganisieren. Schacka. Darin bin ich richtig gut geworden in all den Jahren und letztlich macht das auch die Haupttätigkeit meiner beruflichen Tätigkeit aus. Organisieren, Koordinieren, Risiko- und Changemanagement betreiben, alles zusammenhalten.
Tja, und da saß ich nun, ein paar Jahre später, in dieser netten Runde, mit diesen netten Frauen zum Neujahrsempfang … wir plauderten, wie Frauen ebenso plaudern. Sie kommen schnell vom Hölzchen ins Stöckchen oder sagen eben gar nichts, wenn sie sich nicht sympathisch sind. In unserem Falle war das nicht so. Ich bin mit solchen Runden mittlerweile schon sehr vertraut und kenne die Dynamik, die sich entwickelt. Meist reden 2-3 sehr aktiv miteinander und der Rest hört entweder den Gesprächen anderer zu oder hat selbst einen eigenen Dialog mit jemand anderem.
Keine Ahnung, wie es dazu kam, aber plötzlich befand ich mich im Erzählmodus und plauderte rein gefühlt wie wild einen Bruchteil meiner Lebensgeschichte der letzten Jahre aus. Ich war im Redefluss. Geschichten erzählen – haha – lach. Die groben Eckdaten davon. Vielleicht das Wesentliche?! Was ist aber das Wesentliche? Keine Ahnung – zu sehr in die Tiefe zu gehen, würde letztlich den Rahmen der Veranstaltung sprengen. Ich möchte niemanden überfordern.
Was jedoch vermutlich auch ein Grund sein könnte, ist, dass ich selbst noch eine gewisse Hemmung und Scham in mir trug, über all das, was gewesen ist und wie ich mich fühle und gefühlt habe, zu sprechen. Vielleicht glaubte ich aber auch, dass niemand wirklich den ganzen Inhalt dazu hören will. Wieso? Weil sich viele Menschen mit Schicksalen anderer Leute schnell überfordert fühlen. Mütter beziehungsweise Frauen sowieso.
Das war meine bisherige Wahrheit. Dennoch war mir zu jenem Zeitpunkt bewusst, dass ich selbst nur Heilung und Hilfe erfahren kann, wenn ich alles raus lasse und mich dem Thema in Gänze stelle. Ich war schon ziemlich weit mit meiner Selbstheilung, der Auf- und Verarbeitung der Dinge, die mich in den letzten 3 bis 15 Jahren bewusst begleitet haben. Dazu mehr im Laufe dieses Buches. Es muss unweigerlich auf’s Blatt Papier – umgangssprachlich gesagt, auf den Tisch.
Ok, zunächst zurück zu meiner Erzählstunde bei diesem besagten Neujahrsempfang. Der Kreis der Zuhörerinnen wurde größer, viele Augen starrten mich an, die Ohren waren gespitzt. Ich konnte erkennen, wie es in manchen ratterte. Sie nahmen Bezug zu sich selbst und stellten sich selbst gedanklich Fragen.
Vielleicht hatten sie bereits Ähnliches erfahren oder waren gerade in einer gleichen Situation? Vielleicht kannten sie auch jemanden in ihrem privaten Umfeld, hatten Bekannte oder Freunde, denen es so erging?
Ich erzählte und berichtete diesen Frauen Auszüge aus meiner Geschichte. Im Laufe meiner Erzählungen kam die eine, für mich entscheidende Aussage. Zwei Wörter nur, dennoch ein Satz:
„Du Arme!“
„Duuu Aaarme!“
Können Sie den Klang hören? Die Vibration spüren? Besonders, wenn man das „u“ vom Du und das „A“ von Arme so schön in die Länge zieht?
Oh, wie schön der Satz klingt und schwingt. In einer Melodie aus viel Schwere.
Ja, er klingt schön. In gewissen Momenten, zu gegebener Zeit. Er bringt einem sofort das Leid, welches man – in dem Falle ich – ertragen hat, ins Ohr und ins Gehirn. Es wird serviert auf einem Silbertablett. Hier, für dich. ISS! Und ich habe gegessen, wenn nicht sogar gefressen – bis es mir aus den Ohren wieder heraus kam.
Dieser Satz war meistens die erste Reaktion, die damals auf meine Ausführungen folgte. Gepaart mit den immer größer werdenden Augen des Gegenübers, die mir signalisierten: „Sch…, was sag ich jetzt bloß? Wie soll ich reagieren?“
Ich sah und sehe jetzt noch Gesichtszüge, die sich von Wort zu Wort mehr und mehr versteifen, teilweise verharren, in einem ängstlich mitleidenden Blick … oder es wird am anderen Ende stiller und stiller, wenn es sich um ein Telefonat handelte. Und dann kommt: „Du Arme!“
Am Anfang des Dramas ist es auch genau das, was man hören will, weil man es so empfindet. Ich habe es so empfunden. Ich Arme! Ich bin so arm dran, dass ich Leid ertragen musste, dass mir das passiert ist, dass Menschen mir Leid zugefügt haben, für die ich doch alles gegeben habe. Es sind nicht nur einfach Menschen gewesen, sondern es sind bestimmte Menschen. Einem Menschen, dem ich verholfen habe, auf dieser Welt zu sein. Ihm Leben geschenkt habe, dem ich mein Leben gab. Von einem Menschen, mit dem ich mein Leben für eine gewisse Zeit geteilt, mich ihm anvertraut und ihm das Geschenk des Lebens bereitet habe.
Wer diese Menschen sind?
Das ist zum einen meine Tochter.
Und die zweite Person ist der Vater meiner Tochter.
In der Zeit vor dem Neujahrsempfang hatte mich die Melodie des „Du Arme“ genau richtig ergriffen, abgeholt an dem Punkt, wo ich stand. Wie ungerecht kann das Leben nur zu mir sein?! Es war das, was ich hören wollte und zutiefst fühlte. Ich Arme! Ein Opfer!
Ein Opfer des Lebens.
Warum passiert mir das?
Ich habe doch nichts falsch gemacht …
Oder doch?
Das waren die Fragen, die mich immer wieder umtrieben.
Vielleicht erinnern Sie sich jetzt gerade an Situationen, in denen es Ihnen auch schon einmal so ging, in denen Sie auch diesen Satz gesagt bekommen haben.
Oder vielleicht haben Sie sich diese Fragen auch schon öfter Mal in ihrem Leben gestellt?!
Das ist gut so. „Du Arme“ ist wichtig. Der Ausspruch ist wichtig, um eine gewisse Anteilnahme für seine eigene Gefühlslage und Situation zu vernehmen. Ich meine, er ist sogar in gewissem Maße gesund, um das Ausmaß der Krise oder des Konfliktes richtig wahrzunehmen. Um wahrzunehmen: Ey, hier stimmt gerade etwas ganz und gar nicht. Irgendetwas läuft hier nicht rund.
Unangebracht wird er erst, wenn man diesen Opferzustand als seinen zukünftigen Dauerzustand annimmt und in ihm bleibt.
Und letztlich weiß ich, dass es meine Freunde und Bekannten nur gut gemeint haben. „Du Arme“ ist gut gemeint. Immer. Davon können Sie stets ausgehen.
Damals ist nicht heute.
Heute steigt mein Puls, mein Blutdruck geht hoch, ich starte mein Abwehrprogramm, wenn ich diesen Satz höre. Sofort „schreit“ es aus mir heraus: „Nein, ich bin nicht arm! Ich bin reich! Ich bin kein Opfer! Ich bin eine Siegerin! Ich wurde reich beschenkt! Ich wurde mit diesem Erlebnis vom Leben beschenkt, um endlich aus meinem eigenen Lebens-Wahnsinn aufzuwachen! Es war genau richtig so, dass das passiert ist! Ich habe eine Chance geschenkt bekommen. Die Chance, mich selbst wiederzufinden!“
Vielleicht wird der ein oder andere jetzt erschrocken sein, dass ich das so sage. Ich konnte es an den Gesichtern der Frauen sehen und wie sich, zum Teil virtuell, die Frage in ihren Köpfen breit machte: „Wassss??? Spinnt DIE???“
Jupp. Die spinnt!!!
Und wie! Lach.
Wie ich zu dieser Erkenntnis kam und was überhaupt der Auslöser für all mein Leid und der Weg daraus waren, werde ich nun in den folgenden Seiten bis ins fast kleinste Detail erzählen. Ich werde es versuchen. Einiges habe ich bereits vergessen, einiges habe ich vielleicht in meiner Wahrnehmung verzerrt. Das, was da ist – immer noch – in meinem Herzen, in meinen Erinnerungen, habe ich hier zu Papier gebracht. Nicht, um mir mein eigenes Leid nochmal selbst zu präsentieren oder Mitleid zu erhaschen, sondern, um mir selbst den letzten Schamzipfel vom Opfertuch, der noch da ist, abzuschneiden. Ja, Sie haben richtig gelesen. Scham. Die Scham vor mir selbst und vor anderen Menschen. Nicht das Erlebnis als solches ist das Leid, sondern die Scham, die ich dabei empfand und die mich anfänglich zu einem Opfer werden ließ. Ich schämte mich für mich selbst und ich schämte mich vor anderen.
Ich erzähle meine Geschichte, um anderen Müttern oder auch Vätern, die in einer ähnlichen Situation sind oder waren, zu zeigen, dass sie nicht allein damit sind. Ich möchte Mut machen. Ich möchte inspirieren. Ich möchte motivieren. Ich möchte anstiften. Anstiften zu mehr Glauben an sich selbst und seine Fähigkeiten als Eltern und als Mensch, als einzigartiges Individuum.
Es war der 09.11.2015. Ein Montag.
Ich weiß es deshalb so genau, weil ich, seit ich denken kann, Tagebuch schreibe, um die Dinge zu notieren, die mich bewegen und damit sie vor lauter Erlebtem nicht im Nirwana verschwinden. Außerdem hilft mir das Tagebuchschreiben, meinen Geist zu leeren, zu reinigen und zu stärken. Das Tagebuch ist wie eine imaginäre beste Freundin für mich, der ich alles erzähle.
