Plötzlich auf Liebe programmiert.... - Anette Judersleben - E-Book

Plötzlich auf Liebe programmiert.... E-Book

Anette Judersleben

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Job im fernen Deutschland? Garett Parker ist zunächst entsetzt über dieses Angebot. Nur zögernd lässt der verwitwete Informatiker sich darauf ein. Zu seinem Erstaunen fühlt er sich in Köln jedoch rasch wohl. Wäre da bloß nicht seine neue Nachbarin Constanze Vogel. Diese Frau ist ein Albtraum! Anfangs zumindest, doch dann geschieht etwas absolut Unerwartetes und Garett muss seine Meinung gründlich revidieren. Eigentlich ist sie ja ganz nett. Nur wenige Wochen später gesteht er sich ein, dass er auch mit dieser Einschätzung komplett falsch lag. Constanze ist nicht nett - nein, sie ist eine echte Traumfrau! Leider hat ihre letzte Beziehung tiefe Narben in ihr hinterlassen, wie er inzwischen weiß. Wird es ihm trotzdem gelingen, ihr Herz zu erobern?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Anette Judersleben

Die gebürtige Schwäbin, Jahrgang 1965, lebt seit 1993 mit ihrer Familie in der Nähe von Köln. Sie schreibt u.a. Kurzgeschichten und für Zeitschriften, doch der Schwerpunkt ihrer literarischen Tätigkeit liegt auf Liebesromanen mit Herz, Hirn und Humor. Weitere Informationen über die Autorin finden Sie unter: www.judersleben.de

Zu diesem Buch:

Ein Autor denkt sich meistens seine Figuren aus. Manchmal tauchen sie allerdings auch von selbst auf. So erging es mir mit Garett Parker. Er war einfach plötzlich da, in meinem Kopf. Anfangs noch etwas schemenhaft, doch rasch bekam ich ein klares Bild von ihm und so entschied ich mich, seine Geschichte aufzuschreiben. Da ich allerdings nicht gewillt war, zur Recherche in die Vereinigten Staaten zu fliegen, habe ich ihm kurzerhand einen Job in Köln besorgt und ihn so nach Deutschland gelockt. Nun musste ich nur noch sein brachliegendes Liebesleben wieder aktivieren. Das war gar nicht so einfach; anfangs hat er sich total dagegen gesperrt, doch ich blieb hartnäckig. Dieser Mann, der mir schnell ans Herz gewachsen war, sollte sein Happyend bekommen. Es hat mir außerordentlich viel Freude bereitet, ihn auf diesem Weg zu begleiten und ich hoffe, dass es meinen Lesern und Leserinnen genauso geht.

Gewidmet meinen Kindern.

Anette Judersleben

Plötzlich auf Liebe programmiert….

www.tredition.de

Impressum

© 2015 Anette Judersleben

Covergestaltung: TJ Design

Lektorat, Korrektorat: Sophia Hein, Herbert Müller

Autorenfoto: Privat

Köln-Foto Rückseite: pappnas-photo.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

Paperback: 978-3-7323-6468-8

e-Book: 978-3-7323-6469-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

„Bis heute Abend, ich liebe dich.“

Garett küsste seine Frau ein letztes Mal und sprintete dann zu seinem Wagen. Er war viel zu spät dran, aber das war ihm egal, denn es gab einen himmlischen Grund dafür. Normalerweise lehnte Rebecca Sex am frühen Morgen ab. Vorhin jedoch hatte sie ihn überrascht. „Ich sehne mich nach dir“, flüsterte sie ihm mit heiserer Stimme zu, nachdem der Wecker geklingelt hatte. „Lieb mich, Garett.“ Nur zu gern war er ihrem Wunsch nachgekommen.

Wer hätte gedacht, dass Schwangerschaftshormone derart positive Auswirkungen haben können, dachte er nun und grinste sich zufrieden im Rückspiegel an. „Garett Parker, du bist ein verdammt glücklicher Mann.“ Er wurde Vater! Becky war jetzt im dritten Monat; es ging ihr hervorragend. Und beruflich lief bei ihm auch alles bestens. Das Leben war wunderbar!

Sein Glücksgefühl hielt den ganzen Morgen an und sorgte dafür, dass ihm die Arbeit noch leichter von der Hand ging als sonst. Kurz vor Elf machte er gerade eine kurze Pause, da klopfte es an seiner Tür und Maureen, die Assistentin seines Teamleiters kam herein.

„Entschuldige die Störung“, sagte sie mit besorgter Miene, „aber vorne bei mir stehen zwei Detectives, die dich sprechen wollen.“

„Detectives?“ wiederholte Garett verdutzt. Was wollte denn die Polizei von ihm? Er war ein unbescholtener Bürger! Wahrscheinlich handelte es sich um einen Irrtum. „Okay, schick sie rein“, sagte er stirnrunzelnd zu Maureen, rückte die Krawatte zurecht und erhob sich.

Aber es war kein Irrtum. Zwei Minuten später brach er weinend neben seinem Schreibtisch zusammen. „Neeiin!!“ Doch sein verzweifelter Schrei änderte nichts an der grausamen Wahrheit: Sein wunderbares Leben hatte sich soeben in die Hölle verwandelt.

Kapitel 1

Garett bückte sich und stellte die rote Rose in die schlichte Vase, die vorne auf der Grabplatte stand. In der protzig-kitschigen dahinter, steckte das neue Bukett seiner Ex-Schwiegereltern. Sie sandten jeden Monat einen Strauß über einen Blumenversand. Es war das einzige Lebenszeichen, das er regelmäßig von ihnen erhielt. Die beiden hatten ihn nie akzeptiert; diesen „verdammten Yankee“, der ihre jüngste Tochter geheiratet und diese aus dem warmen Süden in den kühlen, fernen Norden „entführt“ hatte. Bei der Beerdigung von Rebecca hatten sie kein einziges Wort mit Garett gesprochen und sich seither nie wieder gemeldet. Es war ihm gleichgültig. Nicht sie waren es, die ihm fehlten.

Mit starrer Miene schaute er auf den Grabstein. Becky wäre heute 34 Jahre alt geworden. Würde sie noch leben, säßen sie jetzt gemeinsam mit ihrer Tochter oder dem Sohn fröhlich am Frühstückstisch. Doch sie war tot. Genauso wie sein Kind, das er nie in den Armen gehalten hatte. Garett schluckte schwer und wandte sich ab. Es war sinnlos, länger zu bleiben. Anfangs war er täglich hier gewesen, verzweifelt schluchzend. Mittlerweile kam er nur noch selten her und geweint hatte er schon lange nicht mehr. Die abgrundtiefe Trauer war im Laufe der Zeit einer gedämpften Melancholie gewichen, die ihn wahrscheinlich für den Rest seines Lebens begleiten würde.

Langsam ging er durch die Gräberreihen zurück zum Parkplatz, stieg in seinen Wagen und machte sofort das Radio an. Stille ertrug er heute nicht. In seinem Appartement angekommen, schaltete er den Fernseher ein und setzte sich an den Laptop. Er musste sich ablenken, diesen Tag irgendwie überstehen. Viele Stunden lang arbeitete er hochkonzentriert, ohne Pause. Sein Smartphone klingelte einmal, doch das ignorierte er geflissentlich. Alle, die ihn kannten, wussten, dass er heute mit niemandem sprechen wollte.

Angesichts dessen, was er durchgemacht hatte, war Garett größtenteils stabil, aber an drei Tagen im Jahr kapselte er sich nach wie vor von der Umwelt ab. An Beckys Geburtstag, der diesmal auf einen Samstag fiel. So hatte er wenigstens keinen Urlaub dafür nehmen müssen. Der zweite Termin war ihr Hochzeitstag im Mai. Den sechsten hatten er und Rebecca damals noch glücklich miteinander gefeiert. Mit einem romantischen Dinner, dem eine leidenschaftliche Nacht folgte. Nur knapp vier Monate danach, am späten Morgen des 18. September, war seine persönliche Apokalypse über ihn hereingebrochen. Dreieinhalb Jahre waren seither vergangen. Eine lange Zeit, doch sie hatte seine Wunden nicht wirklich geheilt. Er hatte bloß gelernt, mit ihnen zu leben.

Garett speicherte die Programmierung, die er durchgeführt hatte und ging in die Küche, um sich einen weiteren Kaffee zu holen. Im Display des Smartphones sah er, dass er eine Nachricht auf der Mailbox hatte.

„In Gedanken bin ich bei dir. Ich liebe dich.“

Die vertraute, liebevolle Stimme entlockte ihm ein Lächeln. Seine Mum! Was hätte er nur ohne sie getan, in jenen ersten Tagen und Wochen nach dem entsetzlichen Schicksalsschlag?

Garett war damals, nachdem er von Rebeccas Tod erfahren hatte, in eine Klinik eingeliefert worden, denn er, der sonst so ruhig und ausgeglichen war, rastete völlig aus in seinem Schmerz. „Der Mann ist hochgradig Suizid gefährdet“, sagte die Ärztin in der Notaufnahme und ordnete an, ihn ans Bett zu binden. Drei Pfleger waren hierfür nötig gewesen. „Lasst mich los! Ich will hier raus! Ich will auch sterben!!“, schrie Garett, doch sie überwältigten ihn schließlich und eine äußerst schmerzhafte Beruhigungsspritze senkte gnädige Dunkelheit auf ihn. Als er Stunden später erwachte, saß seine Mutter am Bett. Maureen hatte sie darüber informiert, was geschehen war und Sheila Parker war sofort losgefahren.

„Mum, oh mein Gott, Mum, ich ertrage es nicht.“ Garett weinte schier endlos in ihren Armen, bis er irgendwann erneut einschlief; gänzlich erschöpft und doch getröstet. Er war nicht länger allein.

Während er schlief, handelte seine Mutter. Sie rief in der High-School an, an der sie unterrichtete und ließ sich für drei Wochen beurlauben. Resolut erklärte sie danach der Ärztin, dass ihr Sohn sich garantiert nichts antun würde und verlangte dessen Entlassung noch am selben Tag. „Ich übernehme die volle Verantwortung.“ Widerstrebend gab die Ärztin nach. Mit einer Packung Valium und der Visitenkarte eines erfahrenen Psychologen in der Jackentasche, betrat Garett am frühen Abend gemeinsam mit seiner Mutter den Bungalow, den er und Becky erst vor einem halben Jahr gekauft hatten. Die furchtbare Stille darin und das grausame Wissen, niemals mehr von seiner geliebten Frau begrüßt zu werden, lösten einen weiteren, stundenlangen Weinkrampf bei ihm aus. Die Tage darauf hatte Garett nur nebelhaft in Erinnerung. Etliche Nachbarn und Arbeitskollegen kamen vorbei, aber seine Mutter schickte sie weg, denn er wollte niemanden sehen. Irgendwie überstand er die Beerdigung, vollgepumpt mit Valium. Danach hatte seine Mutter die Tabletten entsorgt. „Du musst dich deinem neuen Leben stellen, Garett.“

Was soll das für ein Leben werden, hatte er betäubt gedacht und doch gewusst, dass sie Recht hatte. Eine Woche später suchte er erstmals den Psychologen auf, der ihm riet, möglichst bald wieder arbeiten zu gehen. Garett folgte diesem Rat ebenso wie dem seiner Mum, den Bungalow zu verkaufen. Kurz nach ihrer Abreise war er in sein jetziges Appartement eingezogen und ging wieder täglich in die Firma.

Der Weg aus der Trauer war lang und sehr, sehr mühsam gewesen. Es dauerte Monate, ehe er das erste Mal wieder gelächelt hatte. Mittlerweile gab es in seinem Leben aber auch häufig wieder fröhliche, unbeschwerte Momente, das konnte Garett nicht bestreiten. Am vergangenen Samstag war er gemeinsam mit drei Arbeitskollegen in einer Country-Kneipe gewesen. Der lustig-feuchte Abend dort gipfelte darin, dass sie den Taxifahrer, der sie nach Hause fuhr, beinahe in den Wahnsinn trieben, weil sie vierstimmig und schrecklich schief Songs von Jonny Cash gegrölt hatten.

Bei der Erinnerung daran musste Garett unweigerlich grinsen. Das nahm dem heutigen Tag etwas von seiner Traurigkeit. Dankbar dafür, schlenderte er zurück ins Wohnzimmer und setzte sich wieder an den Laptop.

Maureen telefonierte, als er am Montagmorgen in die Firma kam. Sie winkte ihm und zeigte mit befehlender Geste auf die Tüte, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Garett lachte ertappt und nahm gehorsam einen Donut heraus. Es war unheimlich, aber die mollige Assistentin seines Teamleiters besaß einen siebten Sinn dafür, wenn er morgens nichts aß, was häufig vorkam. Das gemeinsame Frühstück mit Becky war eines der Dinge, die er am meisten vermisste.

Um halb elf fuhr er mit dem Aufzug hoch in den dritten Stock zum wöchentlichen Meeting. Im zweiten stieg ein Kollege aus einem anderen Team zu und begrüßte ihn freundlich. „Guten Morgen, Garett.“

Garett nickte ihm bloß wortlos zu, denn seine Kehle war plötzlich eng geworden. Es war schon lange nicht mehr vorgekommen, aber nun sprang ihn der Neid an wie ein Raubtier, weil dieser Kollege all das verkörperte, was er selber nie mehr sein würde: Jung, verheiratet, glücklich. Düster blickte Garett in den wandhohen Spiegel, der erbarmungslos zeigte, was aus ihm geworden war: Ein einsamer, vor seiner Zeit gealterter Witwer. Die Trauer hatte sich unübersehbar in sein Gesicht eingegraben. Diese tiefen Furchen um seinen Mund, die viel zu früh ergrauten Schläfen! Jemand, der ihn nicht kannte, würde niemals glauben, dass er erst Vierunddreißig war.

„Garett Parker, hör sofort auf, in Selbstmitleid zu baden.“

Erschrocken zuckte er zusammen, denn die imaginäre, resolute Stimme seiner Mutter drang so deutlich an sein Ohr, als würde sie leibhaftig vor ihm stehen.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Der Kollege sah ihn verwundert an.

„Äh, ja.“

Garett lächelte schwach und kratzte sich verlegen an der linken Wange. Er wusste genau, was seine Mum als nächstes sagen würde:

„Du gönnst diesem jungen Mann hoffentlich sein Glück.“

Das tat er; selbstverständlich tat er das! Es schmerzte halt nur in diesem Moment mal wieder, dass er selber nie mehr ein solches Glück erleben würde. Gewiss, es hatte in den vergangenen Jahren durchaus Möglichkeiten für ihn gegeben, aber Garett wehrte bis heute jegliche Annäherungsversuche rigoros ab. Nicht bloß, weil manche Frauen unangenehm aufdringlich dabei vorgingen. So, wie diese künstlich blonde Sally Bird zum Beispiel, die seit kurzem im Appartement über ihm lebte. Wann immer er ihr begegnete, flirtete sie ihn hemmungslos an. Vielleicht waren seine Ansichten altmodisch, aber der Mann sollte die Frau erobern, nicht umgekehrt. Der Hauptgrund für seine Abwehrhaltung war jedoch, dass er sich nicht verlieben wollte. Niemals mehr, denn die Angst vor einem möglichen weiteren Verlust war übermächtig. Davon abgesehen konnte Garett sich ohnehin nicht vorstellen, eine andere Frau als Becky zu küssen oder mit ihr ins Bett zu gehen. Klar fehlte ihm manchmal der Sex. Aber auch das änderte nichts an seinem Entschluss, für den Rest seines Lebens alleine zu bleiben.

Das Meeting dauerte an diesem Morgen nicht sehr lange. Ihr derzeitiges Projekt war beinahe abgeschlossen und jeder wusste, was noch zu tun war.

„Okay Leute, weiter an die Arbeit.“

Dean Miller, der Teamleiter, nickte in die Runde. „Garett, du bleibst noch, wir beide müssen reden.“

„Worüber?“

Garett, der ihm gegenüber saß, blickte seinen Vorgesetzten verblüfft an.

„Sag ich dir gleich“, entgegnete Dean knapp.

Beunruhigt überlegte Garett, ob er womöglich einen gravierenden Fehler gemacht hatte in einer seiner letzten Programmierungen. Dies war offenbar nicht der Fall, denn nachdem die anderen verschwunden waren, lächelte Dean ihn wohlwollend an.

„Ich hatte heute früh ein ausführliches Gespräch mit Big Black.“ Er sprach von Gordon Blackwood, dem hünenhaften, kritischen Firmenboss, der von seinen Mitarbeitern gleichermaßen gefürchtet und verehrt wurde. „Unsere deutsche Niederlassung benötigt ab Juni einen neuen Teamleiter für die Maschinensteuerungsoptimierung.“ Der bisherige, ein Schwede, hatte vor einigen Wochen gekündigt. Hans-Gerd Holtdorf, der Geschäftsführer von Blackwood Germany suchte seither einen Nachfolger für ihn, bislang leider ohne Erfolg. Deshalb hatte er bei Gordon Blackwood nachgefragt, ob im Hauptsitz eventuell jemand dafür infrage käme, der oder die Lust hätte, nach Deutschland zu gehen. „Big Black sagte ihm, es gäbe einen Mann, den er uneingeschränkt empfehlen könne.“

Dean beugte sich vor. „Er meinte dich, Garett.“

„Mich?“

Entgeistert starrte Garett in das sommersprossige Gesicht seines Teamleiters. „Das, das ist nicht dein Ernst“, stammelte er fassungslos. „Wieso bist du so überrascht?“, fragte Dean zurück. „Du bist verdammt gut, das wissen alle. Big Black ist äußerst beeindruckt von deinen Leistungen. Also, wie sieht‘s aus, hast du Interesse?“

Nein! Nein, auf keinen Fall!!

Garett wand sich unbehaglich und kämpfte gegen die in ihm aufsteigende Panik an. Ihm war natürlich bewusst, welch große Ehre es bedeutete, vom Firmenboss persönlich empfohlen zu werden. Unabhängig davon, hoffte er schon seit geraumer Zeit auf einen Posten als Teamleiter. Aber doch nicht im fernen Deutschland! Was sollte er denn dort? Das einzige, was er über dieses Land wusste, war, dass es von einer Frau namens Angela Merkel regiert wurde, die Hauptstadt Berlin hieß und wo sich die Niederlassung befand. In Köln, einer Stadt, die am weltberühmten Rhein lag.

Dean sah ihm seinen Widerwillen offensichtlich an, denn er runzelte die Stirn und sagte scharf: „Hör mir erst mal zu, ehe du unüberlegt nein sagst.“

Im Gegensatz zum amerikanischen Hauptsitz mit seinen fast hundert Angestellten, gehe es bei Blackwood Germany viel beschaulicher zu, erklärte er Garett. Es gab dort insgesamt nur vierzehn Mitarbeiter. Fünf von ihnen, drei Deutsche, ein Belgier und ein Portugiese, bildeten sein Team.

„Du bekommst sechs Monate Probezeit.“

Innerhalb dieser Frist könne Garett jederzeit nach Seattle zurückkehren auf seinen alten Posten. Entschied er, in Köln zu bleiben, müsste er sich dann allerdings für mindestens drei Jahre verpflichten. „Ich weiß, das klingt erst mal nach einer langen Zeit, aber finanziell lohnt sich das auf jeden Fall für dich.“ Dean nannte eine Summe, bei der Garett unwillkürlich die Luft einsog, was seinem Teamleiter ein amüsiertes Grinsen entlockte. „Das ist noch nicht alles.“

Zusätzlich zu der erheblichen Gehaltserhöhung, übernahm die Firma einen Heimatflug pro Jahr. Was den unvermeidlichen Papierkram anbelangte, dafür war Maureen zuständig. Nur das Visum musste Garett persönlich beantragen. Die Kosten hierfür bekam er selbstverständlich ersetzt.

„Für deine Unterkunft sorgen die Kölner, in Abspche mit dir, und eins kann ich dir sagen: Hans-Gerd ist einer der sympathischsten Menschen, denen ich je begegnet bin.“ Dean hatte den deutschen Geschäftsführer vor Jahren bei einem Treffen der führenden Mitarbeiter kennen gelernt. „Man sagt den Deutschen ja nach, sie wären steif und meckerten ständig, aber auf ihn trifft das definitiv nicht zu. Er ist total locker drauf.“ Einer dieser Chefs, die ab und zu mit ihren Mitarbeitern nach Feierabend gerne mal ein Bier trinken gehen. „Überdies hasst er Anzüge und Krawatten wie die Pest.“ In der deutschen Niederlassung herrsche deshalb, anders als hier in Seattle, keine strenge Kleiderordnung. „Klingt das nicht verlockend für dich?“, fragte Dean schmunzelnd. Von dem angenehmen beruflichen Umfeld abgesehen, sei Köln eine interessante Stadt, fügte er hinzu. Davon könne Garett sich gern im Internet überzeugen.

„Big Black erwartet jedenfalls von dir, dass du ernsthraaft über das Angebot nachdenkst.“

Dean nahm seine Unterlagen und erhob sich. Ein unmissverständliches Zeichen, dass die Unterredung beendet war. „Du hast eine Woche Zeit.“

Kapitel 2

Er war seit über einer halben Stunde zurück in seinem Büro, doch noch immer konnte er sich nicht aufraffen, weiter zu arbeiten. Garett blickte auf die Zahlencodes auf seinem Bildschirm, ohne sie richtig wahrzunehmen. Seine Gedanken spielten Ping-Pong.

Teamleiter Garett Parker.

Heaven, das klang phantastisch und die dazu in Aussicht gestellte Gehaltserhöhung war schlicht der Hammer! Aber dafür nach Deutschland gehen? Seattle verlassen? Nein, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Allein schon wegen Beckys Grab. Und er musste auch an seine Mutter denken. Sie wäre sicher alles andere als begeistert, wenn ihr einziger Sohn für Jahre nach Europa verschwand.

„Du bist verdammt gut, das wissen alle. Big Black ist äußerst beeindruckt von deinen Leistungen.“

Andererseits hatte ihn Gordon Blackwood höchstpersönlich empfohlen. Der kritische Big Black! Das war eine Auszeichnung, um die ihn seine Kollegen beneiden würden, wenn sie es erfuhren. Im Umkehrschluss bedeutete es allerdings, dass er ein mächtiges Problem hätte, wenn er den Job ablehnte. Garett war völlig klar, dass er so schnell keine zweite Chance auf einen Teamleiter-Posten bekommen würde. Mit einem abgrundtiefen Seufzer vergrub er sein Gesicht in den Händen. Damned, was sollte er bloß tun?

Du hast eine Woche Zeit, also hör auf zu grübeln und arbeite endlich!

„Okay.“

Garett atmete zehn Mal tief durch und legte dann entschlossen die Finger auf die Tastatur. „Let’s go, Parker.“

Am späten Nachmittag verließ er erleichtert das Firmengebäude. Der Tag war, wenig überraschend, keiner seiner produktivsten gewesen. Auf dem Heimweg hielt er in Downtown an einem chinesischen Imbiss an und verschlang heißhungrig zwei frittierte Gemüserollen. Obwohl sein Magen rebellisch geknurrt hatte, war er am Mittag nicht wie sonst mit den Kollegen in die Kantine gegangen. Er hatte befürchtet, dass man ihm ansah, wie aufgewühlt er war und keinerlei Lust verspürt, diesbezüglich Fragen zu beantworten. Eine Person hatte auf jeden Fall bemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Maureen, ihr entging nichts! Taktvoll wie sie war, hatte sie ihn jedoch nicht darauf angesprochen. Eventuell wusste sie aber auch schon Bescheid. Sie und Dean hatten ein enges Verhältnis. Rein beruflich, beide waren glücklich verheiratet. Gut möglich also, dass sein Teamleiter die Assistentin bereits darüber informiert hatte, dass sie zukünftig einen Donut weniger kaufen musste, falls Garett Ja sagte.

Aber er wollte nicht Ja sagen!

Oder vielleicht doch?

Garett seufzte tief, wischte seine Hände an der Serviette ab und fuhr nach Hause.

Just in dem Moment, als er den Schlüssel ins Schloss steckte, schlug oben im ersten Stock eine Tür zu und eine helle Stimme zwitscherte: „Hier ist Sally, ich bin unterwegs, bis gleich.“

Oh, nein!

Nicht die, nicht nach diesem Tag! Blitzschnell betrat Garett sein Appartement und schloss lautlos die Türe. Dabei durchzuckte ihn der Gedanke, dass Sally Bird unbestritten ein erstklassiges Argument für einen Umzug nach Köln wäre. Doch sie war nicht ausschlaggebend. Er zog das Smartphone aus der Jackentasche und rief seine Mutter in Portland an.

Sheila Parker lebte noch immer in dem Haus, in dem er aufgewachsen war. Sie und sein Vater hatten sich getrennt, als Garett in die Schule gekommen war. Oder korrekter formuliert: Seinem „Dad“ war plötzlich eingefallen, dass er „keinen Bock auf ein spießiges Familienleben“ hatte, sondern lieber in Freiheit leben wollte. Er zog nach New York und außer den Schecks für seinen Unterhalt, die bis zu seiner Volljährigkeit regelmäßig eingetrudelt waren, hatte Garett nie wieder von ihm gehört. Es war ihm egal. Er wollte nichts zu tun haben mit diesem Mann, der sich feige aus der Verantwortung geschlichen hatte.

Mit seiner Mum hingegen hatte er ein inniges Verhältnis. Ungeduldig wartete Garett jetzt darauf, dass diese abhob.

„Garett!“, rief sie erfreut aus. „Wie geht es dir?“

„Nicht gut“, stieß er hervor und sprudelte sofort mit der Neuigkeit heraus. Das unfassbare Angebot, seine Zerrissenheit darüber und die Bedenken wegen ihr. Sollte er zusagen, lägen schließlich nicht bloß 170 Meilen zwischen ihnen, sondern ein ganzer Ozean! Seine regelmäßigen Besuche bei ihr jeden zweiten, dritten Monat, würden somit buchstäblich ins Wasser fallen.

„Wie alt bin ich?“, fragte seine Mutter ruhig. Die Frage irritierte ihn, Garett musste kurz überlegen.

„Äh, fünfundfünfzig?“

„Richtig, und somit kein altersschwaches Mütterchen, um das du dich permanent kümmern musst“, erwiderte Sheila Parker trocken. „Außerdem bin ich nicht allein. Ich habe Freunde und Scott ist auch noch da, schon vergessen?“ Scott Taylor war ein Lehrerkollege, mit dem sie seit Jahren liiert war. „Natürlich würde ich dich vermissen, aber dies ist eine großartige Chance, die du unbedingt nutzen solltest.“

Garett schluckte schwer. Seine Mum gab unumwunden ihr Ja dazu? Damit hatte er nicht gerechnet.

„Aber was ist mit Beckys Grab?“, sagte er rau und blickte zu dem gerahmten Foto, das auf dem Sideboard neben dem Fernseher stand. Seine verstorbene Frau lächelte ihn liebevoll an. „Ich geh zwar nicht mehr so oft…“

„Was denkst du, hätte Rebecca zu dem Jobangebot gesagt?“, unterbrach ihn seine Mutter.

Das ist wunderbar, Darling. Wann fliegen wir?

Garett schloss seine Augen, die plötzlich brannten. Becky wäre ihm ohne zu zögern nach Köln gefolgt, das wusste er und die nächsten Worte seiner Mutter zerbröselten sein letztes Argument endgültig. „Garett, es ist nur ein Grab“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Du trägst deine Erinnerungen an sie doch in dir und nimmst sie überallhin mit.“

Sie hatte Recht. Ob in Seattle, Köln oder sonst wo: Rebecca war für immer in seinem Herzen. Erneut schluckte Garett heftig und es dauerte einige Sekunden, bis er seiner Stimme genügend traute. „Du bist also der Meinung, ich sollte zusagen.“

„Ja“, erwiderte Sheila Parker resolut. Es konnte das Abenteuer seines Lebens werden und er habe ja sechs Monate Zeit, um sich endgültig zu entscheiden. Zudem solle er mal darüber nachdenken, wie entspannend es wäre, nicht mehr von Miss Sally Bird belästigt zu werden. „Gib zu, dieses aufdringliche Vögelchen wäre doch ein erstklassiger Grund, schon morgen in den Flieger zu steigen, oder?“, rief sie heiter, als Garett verblüfft auflachte. „Überleg nicht lange, sondern tu es!“

Nervös, aber mit fest entschlossener Miene, marschierte Garett am Dienstagmorgen auf die Firma zu. Sein anfänglich striktes „Nein“ von gestern war einem, zugegeben noch etwas zaghaftem „Ja“ gewichen. Dank seiner Mum, deren klares Statement ihn letztendlich davon überzeugt hatte, es wenigstens zu versuchen.

Nach dem Telefonat mit ihr, hatte er sich im Internet ausgiebig über Köln informiert. Dabei wurde ihm rasch klar, dass Dean keineswegs übertrieben hatte. Es war eine faszinierende Metropole; reich an Geschichte und unzähligen Freizeitmöglichkeiten. Garett war vor allem begeistert über den Zoo. Unbestritten ein großer Pluspunkt für Köln! Ein weiterer Klick führte ihn auf die zweisprachige Homepage von Blackwood Germany. Es war Jahre her, seit er sie das letzte und einzige Mal angeschaut hatte. Ganz zu Anfang, nachdem er seinen Job hier in Seattle angetreten hatte. Seither nie wieder, wozu auch? Aber jetzt war er selbstverständlich neugierig auf die Menschen, mit denen er ab Juni zusammen arbeiten würde. Wie lange auch immer. Zwar waren nur die leitenden Angestellten mit Foto und Namen abgebildet, doch das genügte ihm vorerst.

Hans-Gerd Holtdorf wirkte so sympathisch, wie Dean ihn geschildert hatte. Weiße Mähne, freundliche blaue Augen, verschmitztes Lächeln.

„Er hasst Krawatten und Anzüge wie die Pest.“

Garett zog schmunzelnd seine Krawatte aus und schleuderte sie demonstrativ von sich. Dieser verflixte Dean hatte das absichtlich erwähnt. Sein Teamleiter wusste ganz genau, dass er sich in Jeans und Shirt am wohlsten fühlte.

Miriam Knessel, die Assistentin von Hans-Gerd, war eine hübsche Rothaarige mit Brille. Garett schätzte sie auf ungefähr Vierzig. Der Teamleiter für die Systemsteuerung hieß Kilian Klein und sah ihm ein bisschen ähnlich. Dunkelblond, graue Augen. Er schien auch etwa in seinem Alter zu sein, allerdings sah er erheblich jünger aus als Garett. Sein Gesicht war beneidenswert faltenfrei. Der andere Teamleiter war Jasper Lindberg; unverkennbar ein Skandinavier. Ihn also würde Garett ersetzen. Bei der Vorstellung, dass ab Juni ein Foto von ihm auf der Homepage stehen würde, hatte sein Herz aufgeregt gepocht.

So wie jetzt, denn nun wurde es ernst.

„Guten Morgen.“

Maureen begrüßte ihn fröhlich und hielt ihm sofort die Tüte hin.

„Jetzt nicht, danke.“

Garett winkte ab und ging geradewegs auf Deans Büro zu. Dabei spürte er deutlich ihren neugierigen Blick im Rücken. Einen kurzen Moment lang zögerte er, dann holte er tief Luft und klopfte an die Tür.

„Ist das dein Ernst?“

Sein Teamleiter starrte ihn perplex an, nachdem er ihm seinen Entschluss mitgeteilt hatte. Offenbar hatte Dean nicht mit einer positiven Antwort gerechnet, noch dazu innerhalb eines Tages. Doch als Garett entschieden nickte, sprang er auf und drückte ihm mit einem erfreuten Lächeln die Hand. „Gratuliere, du wirst es garantiert nicht bereuen.“

Ich hoffe, du behältst Recht.

Die nächsten Tage verflogen unglaublich rasch und als Garett am Freitag nach Hause fuhr, verspürte er trotz aller Skepsis, die ihn nach wie vor begleitete, erstmals auch leichte Vorfreude. Dazu trugen sicher die unzähligen Gratulationen bei, die er die ganze Woche über erhalten hatte. An der Spitze die von Big Black. Dean hatte darauf bestanden, dass er es dem Firmenboss persönlich mitteilte. Den anerkennenden Blick in dessen kritischen Augen, würde Garett so schnell nicht vergessen.

„Ich bin sicher, du wirst deinen Job hervorragend machen.“

„Danke, Sir.“

Auch seine Team-Kollegen, allen voran Maureen, beglückwünschten ihn überschwänglich. Ebenso viele Mitarbeiter aus anderen Abteilungen. Es hatte sich rasch rundgesprochen, dass Garett Parker auf ausdrückliche Empfehlung von ganz oben Teamleiter in Köln wurde.

Bei Blackwood Germany freute man sich ebenfalls sehr über seine Zusage. Am Mittwoch war eine Mail von Hans-Gerd gekommen, in der er Garett mit herzlichen Worten dafür dankte und heute früh hatten sie erstmals miteinander telefoniert. Es war bloß ein kurzes Gespräch gewesen, doch es hatte den positiven Eindruck untermauert, den Garett von dem deutschen Geschäftsführer hatte. Seine Stimme klang angenehm heiter und er sprach so locker mit ihm, als würden sie einander schon ewig kennen.

„Miriam, meine Assistentin, meldet sich demnächst bei dir wegen der Wohnung. Hast du dir diesbezüglich schon Gedanken gemacht?“

„Ein möbliertes Appartement genügt für den Anfang, denke ich“, erwiderte Garett ruhig. Ich weiß nämlich noch nicht, wie lange ich bleibe.

„Aha, du bist vorsichtig.“ Hans-Gerd lachte leise. „Verständlich, aber ich bin überzeugt davon, dass es dir hier so gut gefallen wird, dass du gar nicht mehr weg willst.“ Deshalb rate er Garett auch, vorab schon etwas Deutsch zu lernen. Firmenintern sprach man ja englisch, aber für das Leben außerhalb sollte er zumindest einige Floskeln wie „Vielen Dank“ oder „Guten Tag“ kennen. Schon aus Respekt gegenüber den Menschen des Landes, in dem er bald zu Gast sein würde. „Und das länger als nur ein paar Monate, wie ich stark hoffe.“

Garett, dem es ein wenig peinlich war, dass sein zukünftiger Boss ihn durchschaut hatte, lachte befangen und hatte Hans-Gerd aufrichtig versprochen, fleißig Deutsch zu üben.

Aus diesem Grund hielt er nun kurz an einer kleinen Buchhandlung an und kaufte ein Wörterbuch. Wenige Minuten später war er sehr dankbar für diesen Einfall, denn im Hausflur kam ihm Sally Bird entgegen. „Mr. Parker, wie wunderbar, Sie zu sehen“, flötete sie und bedachte ihn, wie immer, mit einem koketten Lächeln. „Wie geht es Ihnen?“

Normalerweise hätte Garett höflich „danke gut“ geantwortet und wäre dann so rasch wie möglich geflüchtet. Doch nun beschloss er, dem aufdringlichen Vögelchen eine Antwort zu geben, die sie hoffentlich ab sofort von ihm fernhalten würde, bis er im Juni für immer von hier verschwand. Sein Appartement hatte er bereits zum Verkauf ausgeschrieben. Sollte er innerhalb der Probezeit doch nach Seattle zurückkehren, würde er sich eine Bleibe am anderen Ende der Stadt suchen. Weit weg von Miss Bird.

Seine Mum hatte ihn zu einem ehrlichen Menschen erzogen, aber sie wäre bestimmt einverstanden, dass er jetzt die Wahrheit ein wenig verbog.

„Es geht mir hervorragend, Miss Bird!“ Garett lächelte enthusiastisch und schwenkte das Wörterbuch vor ihrer Nase. „Ich habe heute erfahren, dass ich nach Deutschland versetzt werde.“ Er seufzte übertrieben glücklich. „Da wollte ich schon ewig hin.“

„Nach Deutschland?“, piepste seine Nachbarin schockiert. „Wie lange werden Sie denn dort bleiben?“

Eventuell nur kurze Zeit, aber das würde er ihr garantiert nicht sagen. „Nun, ich hoffe für immer“, erklärte Garett im Brustton der Überzeugung. „Es ist mein absolutes Traumland.“

Das Ergebnis seiner dreisten Lüge war beeindruckend. Sally Bird starrte ihn völlig entgeistert an. Ihr grellrot geschminkter Mund klappte auf und zu, auf und zu, sekundenlang. Schließlich schaffte sie es doch, etwas zu sagen. „Dann wünsche ich Ihnen alles Gute“, krächzte sie heiser und entfloh Hals über Kopf durch die Türe nach draußen.

„Vielen Dank“, sagte Garett auf Deutsch und lachte schallend los. Was auch immer in Deutschland auf ihn zukam und egal, wie lange er dort blieb: Für diese Szene hatte sich sein hart erkämpfter Entschluss bereits gelohnt.

Kapitel 3

Am ersten Juni, einem Samstag, landete Garett frühmorgens in Frankfurt. Sein Herz klopfte ungestüm, als er den Flieger verließ. Zweieinhalb Monate waren vergangen seit seiner Zusage, nach Deutschland zu gehen. Jetzt war er hier. Das Abenteuer, wie seine Mum es nannte, hatte begonnen.

Der Abschied in der Firma war ihm zu seinem eigenen Erstaunen relativ leicht gefallen. Gewiss, er hatte wehmütig geseufzt, als er das Gebäude am vergangenen Dienstag zum letzten Mal verlassen hatte und sich noch mehrmals umgedreht auf dem Weg zum Auto. Aber er war okay gewesen. Das Lebwohl mit seiner Mutter hingegen war, wie nicht anders zu erwarten, ein emotionaler Kraftakt gewesen. Obwohl sie sich beide fest vorgenommen hatten, nicht zu weinen, flossen doch einige Tränen, als sie sich am Flughafen in Portland voneinander verabschiedeten.

„Pass auf dich auf, Darling. Ich liebe dich.“

„Ich dich auch, Mum. Auf Wiedersehen.“

Jetzt schien ihre letzte innige Umarmung bereits Lichtjahre her zu sein.

Der Abschiedsschmerz war während des langen Fluges zum Glück abgeebbt. Stattdessen erfüllte Garett nun fiebrige Ungeduld auf das Ende seiner Reise. Erfreulicherweise ging die Einreise zügig vonstatten. Nur vierzig Minuten nach der Landung bestieg er am Fernbahnhof einen ICE, der ihn binnen zwei Stunden nach Köln bringen würde. Nachdem er seinen Koffer verstaut hatte, zog er das Smartphone aus der Jackentasche und schickte zuallererst eine Nachricht an Hans-Gerd, damit dieser wusste, wann genau er ankam. Danach lehnte er sich zurück und schaute aus dem Fenster. Die Menschen um ihn herum unterhielten sich angeregt während der Fahrt, doch Garett hatte bereits am Flughafen einsehen müssen, dass er seine „Deutschkenntnisse“ komplett überschätzt hatte. Er verstand so gut wie nichts. Dabei hatte er sich wirklich Mühe gegeben!

Ja klar, Parker.