Plötzlich Krise – was jetzt? - Carolin Oder - E-Book

Plötzlich Krise – was jetzt? E-Book

Carolin Oder

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Beschreibung

"Unser Leben meint es gut mit uns." Carolin Oder sprüht vor Energie und Lebensfreude – doch sie kennt auch Krisen und den Kampf um innere Stärke. Nach schweren Schicksalsschlägen und der Diagnose einer seltenen, lebensbedrohlichen Erkrankung ihres Sohnes entwickelte sie das GENAUSO-Prinzip: sieben kraftvolle Wege, um in den dunkelsten Momenten innere Stärke zu finden – für sich oder für andere. Dieses Buch hilft dir, Unsicherheiten zu überwinden, Resilienz aufzubauen und in deiner Krise ein erfülltes Leben zu führen. Reflexionsfragen und praxisnahe Tipps zeigen dir, wie du das GENAUSO-Prinzip auf deine persönliche Situation anwendest. Denn eines ist sicher: Krisen kommen. Die Frage ist nicht, ob – sondern wie du ihnen begegnest. Bist du bereit, deine innere Stärke zu entdecken?

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EPUB
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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Impressum

Zitat

Einleitung

Vorwort

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Teil 8

Teil 9

Teil 10

Teil 11

Teil 12

Teil 13

Teil 14

Teil 15

Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0942-7

ISBN e-book: 978-3-7116-0943-4

Lektorat: Lektorat KL

Umschlagfoto: Alexander Stertzik

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Carolin Oder, Bild 13: Universitätsspital Zürich, Pfeil: © Maxborovkov | Dreamstime.com

www.novumverlag.com

Zitat

„Ich kenne kaum Eltern, die so viel ertragen mussten wie sie.Dieses Buch trägt die Autorität gelebter Erfahrung.“

Prof. Dr. René Prêtre

Einleitung

Ein Wort zur Sprache

Um den Lesefluss möglichst angenehm zu gestalten, haben wir uns entschieden, auf die gleichzeitige Nennung männlicher und weiblicher Formen zu verzichten. Gemeint sind selbstverständlich immer alle Menschen – ganz unabhängig vom Geschlecht. Diese Entscheidung soll niemanden ausschließen, sondern dient allein der besseren Lesbarkeit.

Vorwort von

Prof. Dr. René Prêtre

Trotz allem aufrecht.

Ein Punchingball! Ein Punchingball, der von einem Boxer malträtiert wird und der gleichgültig gegenüber den Schlägen ist, die ihm versetzt werden. Dieses Bild ging mir manchmal durch den Kopf, wenn ich Eltern sah, die von einem unerbittlichen Schicksal schwer gebeutelt wurden (manchmal mit unserer unfreiwilligen Mithilfe als Chirurgen, die auch nicht immer frei von Fehlern sind); ein Schicksal, das einem wahnsinnigen Boxer gleicht, betäubt von seiner Besessenheit, der auf ihr armes Kind einschlägt – und im selben Moment auch auf sie.

Mehr als einmal habe ich in meinen Berufsjahren festgestellt: Eltern leiden mehr unter der Krankheit ihrer Kinder als die Kinder selbst. Sie wären bereit, ihre Plätze zu tauschen, die Krankheit und all ihre belastenden Behandlungen zu ertragen. Sie wären sogar bereit, ihr eigenes Leben zu opfern, um das ihres Kindes zu retten. Doch gerade wegen dieser Hilflosigkeit, die ihnen jede Möglichkeit nimmt, ihrem Kind zu helfen, treffen die Schläge des wahnsinnigen Boxers sie nur umso härter. Und oft kommen sie in schneller Abfolge. Es beginnt mit der Mitteilung einer lebensbedrohlichen Diagnose. Dann folgt die Aufzählung der notwendigen Behandlungen, um den Verlauf der Krankheit einzudämmen. Der letzte und härteste Schlag trifft mit brutaler Wucht, wenn das Aufwachen nach einer Operation nicht so verläuft, wie erhofft – wenn eine Komplikation das nahende Ende oder irreversible Schäden ankündigt.

Ich habe viele dieser Eltern gesehen, die „stehend k. o.“ waren, als sie an diesem entscheidenden Punkt ankamen – verzweifelt auf der Suche nach einem Hoffnungsschimmer im Leid ihres Kindes. Einem letzten Strohhalm, an den sie sich klammern konnten, weil sie, bewusst oder unbewusst, nicht bereit waren, die Hoffnung aufzugeben. Oft habe ich mich gefragt, woher sie die Kraft nahmen, um weiterzumachen, um nicht unter der Wucht dieser Schicksalsschläge zusammenzubrechen. Diese Frage stellte ich mir auch bei den Eltern von L.

Ich erinnere mich gut an seine chirurgische Odyssee – oder besser gesagt, seine chirurgischen Odysseen, denn es gab zahlreiche davon. Für mich begann diese Geschichte mit einem Anruf von Prof. B., der Leiterin der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich. Ich befand mich gerade am Ende einer humanitären Mission in Kambodscha, als mir von einem neun Jahre alten Jungen berichtet wurde, dessen Aortenwand teilweise eingerissen war (nur eine der drei Schichten hielt das Blut noch zurück). Blut hatte sich bereits zwischen diesen Schichten gesammelt und dehnte die Arterie unterhalb der Rissstelle gefährlich aus. Auch der Aortenabschnitt oberhalb der Verletzung war stark erweitert und seine Wand äußerst dünn. Ein erneuter Riss der bereits erweiterten Aorta stand unmittelbar bevor. Die Situation war prekär, aber noch unter Kontrolle, da der Blutdruck des Jungen streng auf einem sehr niedrigen Niveau gehalten wurde. Die Lösung bestand darin, die Aorta vom Herzen bis hinunter in den Bauchraum zu ersetzen, wobei alle wichtigen Gefäßäste in das eingesetzte Ersatzgefäß neu eingepflanzt werden mussten. Diese gewaltige, hochriskante Operation musste in zwei Etappen durchgeführt werden: zuerst der Ersatz der Aorta vom Herzen bis zur Rissstelle, möglichst unter Erhalt der Aortenklappe, und anschließend der Ersatz des stark erweiterten Abschnitts unterhalb des Risses. Kaum angekommen, traf ich L. und seine Eltern. Angesichts der enormen Risiken, die wir mit diesen beiden Wahnsinnsoperationen eingingen, fand ich sie erstaunlich gefasst. Sie kannten die Risiken, aber sie wussten auch, dass L.s Überleben einzig vom Gelingen dieses gewaltigen Unterfangens abhing. Am Ende unseres Gesprächs bemerkte ich sogar eine gewisse Erleichterung in ihren Augen – endlich würde es vorwärtsgehen, endlich würde das quälende, beängstigende Warten ein Ende haben. Ein letztes beruhigendes Wort, um ihr Vertrauen zu festigen, ein wenig Erholung vom Kambodscha-Jetlag – und ich fühlte mich bereit, gemeinsam mit meinen Kollegen aus der Gefäßchirurgie diesen chirurgischen Marathon anzugehen. Ja, ein Marathon war es tatsächlich. Unzählige Nähte mussten gesetzt werden (sehen Sie sich einfach die Zeichnung „Vaskuläre Landkarte“ von Carolin Oder auf Seite: 123 an). Aufgrund der fragilen Gewebestrukturen und der hauchdünnen Arterienwände mussten wir feinere Nadeln und Fäden als üblich verwenden. Ich erinnere mich, dass ich beim Öffnen des Herzbeutels durch die fast transparente, dünn gewordene Aortenwand hindurch die Bewegung des Blutes im Inneren sah – harmonische Strudel, angetrieben von jeder einzelnen Herzkammerkontraktion. Damit unsere Nähte mit diesen feinen Fäden stark genug waren, mussten wir engere Abstände setzen und mehr Stiche als gewöhnlich machen. Erst spät am Abend konnten wir endlich die Eltern anrufen und sie über den erfolgreichen Verlauf der schwierigen Operation informieren. Ihre Sorge hatte ihren Höhepunkt erreicht, war mit der langen Wartezeit noch gewachsen. Ich erinnere mich an ihre Erleichterung bei unserer frohen Nachricht und an ihren von Emotionen erstickten Dank. Zwei Tage später führten die Gefäßchirurgen des Universitätsspitals Zürich den zweiten Teil der Operation durch – diesmal kaum weniger riskant – und auch dieses Mal gelang alles.

Ich wurde regelmäßig über L.s Fortschritte informiert, konnte ihn aber nur selten besuchen, da ich damals nur als externer Berater am Kinderspital Zürich tätig war. Doch eine letzte Begegnung mit ihm ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Er hatte die Intensivstation verlassen, und als ich sein Zimmer betrat, genoss er mit schelmischem Blick ein Eis – das Eis, das ihm seine Eltern so lange versprochen hatten. In seinem Blick und seinem Lächeln lag der Stolz eines Siegers, eines Kämpfers. Ein Stolz, der vollkommen berechtigt war, nach dem titanischen Kampf, den er gegen das Schicksal geführt – und gewonnen – hatte. Die Statusinformationen über L. wurden seltener, blieben aber durchweg positiv. Zwar gab es noch drei weitere gefäßchirurgische Eingriffe, erst an den empfindlichen Armarterien, später ein weiterer Ersatz der Bauchaorta. Doch jedes Mal mit gutem Ergebnis.

Dann kam dieser Januartag im Jahr 2022. Prof. Cesnjevar, der zwischenzeitlich mein Nachfolger am Kinderspital Zürich geworden ist, informierte mich, dass L. erneut operiert werden müsse – diesmal am Herzen. Eine Sehne der Mitralklappe war gerissen, was einen massiven Blutrückfluss in die Lunge verursachte. Da ich seine Geschichte kannte und eng in seine Behandlung eingebunden war, lud mich der Kollege ein, bei der Operation dabei zu sein. Ich folgte der Einladung. Er führte den Eingriff mit großem Geschick durch und schaffte eine schwierige Reparatur. Fünf Stunden später konnten wir die Eltern beruhigen. Ich kehrte erleichtert in die Westschweiz zurück, überzeugt, dass diesmal alles gut – und schnell – verlaufen würde. Doch oft trifft einen das Unglück genau dann, wenn man es nicht mehr erwartet. Ein plötzlicher Atemstillstand brachte L.s Herz zum Stehen. Doch er konnte wiederbelebt werden und sein Herz schlug weiter, als sei nichts geschehen. Unter Narkose lässt sich das Gehirn leider nicht beurteilen – und es ist das Organ, das bei einem Atemstillstand als Erstes versagt. L. war dem gefürchteten Grenzbereich gefährlich nahegekommen – der Moment, der über Leben oder bleibenden Schaden entscheidet. Und wieder mussten wir den Eltern die Nachricht überbringen. Ein Schlag ins Gesicht – gerade hatten wir sie beruhigt, und nun das. Doch L., der Kämpfer, wachte ohne bleibende Schäden auf.

Ich kenne kaum Eltern, die so viel ertragen mussten wie sie. Und dennoch: Sie blieben aufrecht. Carolin Oder hat unter der Wucht der Schläge aktiv ihre eigenen Abwehrmechanismen aufgebaut. Ich habe das Wort „aktiv“ mit Absicht (und treffend) gewählt, denn diese Entwicklung, diese Resilienz entsprangen nicht einfach automatischen, angeborenen Mechanismen – sie wurden geschaffen. Sie wurden durchdacht, erprobt, verbessert und schließlich durch all diese leidvollen Erfahrungen bestätigt. Ihr GENAUSO-Prinzip wurde mit kritischem Pragmatismus und großer Intelligenz aufgebaut. Diese sieben Wege ermöglichen es ihr und ihrem Ehemann, beinahe übermenschliche Prüfungen zu überstehen, bis heute.

Sie werden jedem eine wertvolle Stütze sein, der sich in einer Krise befindet oder sich einem schweren Schicksalsschlag stellen muss, jedem, der ins Wanken gerät, am Rande des Zusammenbruchs unter den Schlägen des Lebens. Eine Hilfe, die ich sogar als unfehlbar bezeichnen würde – denn diese Hilfe, um trotz allem aufrecht zu bleiben, trägt die Autorität gelebter Erfahrung.

Herzlichst Ihr

Prof. Dr. René Prêtre

Einer der angesehensten Herzchirurgen der Welt

Spezialist für angeborene Herzfehler

Schweizer des Jahres 2009

Autor des Buches „In der Mitte schlägt das Herz“ (Rowohlt Verlag | 2017)

Was dich hier erwartet

Wenn du dieses Buch in den Händen hältst, dann hast du wahrscheinlich auch schon gespürt, dass unser aller Leben nicht planbar ist. Jederzeit schickt dir das Universum, wie aus dem Nichts, ein klares, manchmal auch weniger klares Zeichen. Du sollst deine Einstellung, dein Verhalten, deine Entscheidungen, deine Pläne anpassen oder es zwingt dich sogar zu einem kompletten Richtungswechsel. Prüfungen bestehen, daraus lernen und daran wachsen. So wäre es ideal.

Tatsächlich ist es aber meistens alles andere als ideal, wenn das Schicksal zuschlägt. Die Mehrzahl von uns rutscht dann, früher oder später, in ein tiefes Loch, eine Krise. Eine innere, psychische Krise entsteht, einfach ausgedrückt, wenn ein Mensch vor einer (Lebens-)Aufgabe steht, für die ihm Bewältigungsstrategien fehlen.

Es ist mir wichtig zu unterstreichen, dass sich Krisen individuell sehr verschieden zeigen und somit viele Gesichter haben. Es kann beispielsweise sein, dass du einen sicheren Job hast, deine Leistung entspricht auch den Anforderungen, doch die wirtschaftliche Lage deines Arbeitgebers sieht schlecht aus. Entlassungen stehen an. Du gehst davon aus, dass es dich nicht treffen wird. Der Schock sitzt tief, als du das Entlassungsschreiben in den Händen hältst. DieExistenzängste nehmen dich schlagartig ein. Wie sollst du die Miete bezahlen, die Steuerzahlung ist auch fällig, und die hohen Rechnungen der Versicherungen müssen noch bezahlt werden. Deine Frau ist keine Hilfe. Im Gegenteil. Schon lange kriselt es bei euch, und als sie von der Entlassung hört, nimmt sie eure Tochter und zieht mit ihr zu ihren Eltern. Du stürzt ab, in eine tiefe, existenzielle Krise. Geht nicht in Deutschland, denkst du? Mag sein, dass du recht hast. Unser Sozialstaat fängt die meisten auf. Jedoch nicht emotional! Es ist harte Arbeit, mit der Unsicherheit umzugehen. Jetzt stell dir dieses Szenario in einem anderen Land vor. Ein Land, das kein stabiles soziales Netz für Menschen bietet. Unter anderem die Vereinigten Staaten. Einem Bekannten in Kalifornien ging es nämlich genauso. Job weg, Haus weg, Suppenküche in San Francisco zweimal pro Woche. Das ist kein Hollywood-Drehbuch, sondern Realität. Wie soll man mit so einer Krise nur positiv umgehen?

Eventuell arbeitest du schon viele Jahre an deiner Ehe. Aber es ist so anstrengend, und du hast wirklich keinen Bock mehr. Das sieht dein Mann auch so. Jetzt scheinen die Kinder alt genug, und ihr zieht einen Schlussstrich. Natürlich, ihr habt es so gewollt, aber das große Fragezeichen, wie es weitergehen soll, hat sich in deinem Kopf verankert. Wirst du alleine dein Leben finanzieren können? Kommen die Kinder nach wie vor gerne zu dir mit ihren Sorgen? Wohnen sie bei dir oder deinem Mann? Und wie soll das alles nur werden, wenn mal ein(e) neue(r) Partner(in) in dein oder das Leben deines Mannes tritt? Diese Zukunftsängstekommen immer wieder hoch und vermischen sich mit dem Gefühl des Alleinseins, emotionaler Leere und der fehlenden Geborgenheit der Person, die immer für dich da war.

Natürlich kann es auch sein, dass du Anfang 70 bist und du dich einfach nur traurig, wütend und machtlos fühlst. Denn dein 48-jähriger Sohn ist von der bislang unheilbaren Krankheit COPD betroffen. Eine fortschreitende, obstruktive Lungenerkrankung. Es geht ihm schlechter und schlechter. Du stehst hilflos daneben. Dir sind die Hände gebunden und du als Elternteil wünschst dir nichts sehnlicher, als ihm zu helfen. Aber wie?

Du kannst es kaum fassen, was in diesem Jahr alles passiert ist. Zuerst begleitest du deine Mutter in den Tod. Das ist bestimmt noch irgendwie machbar und auch in Ordnung in ihrem hohen Alter. Der Tod gehört nun mal zum Leben. Wochen später hängt deine linke Gesichtshälfte, kaum merklich, weiter unten als die rechte Seite. Dir fällt es nicht wirklich auf, sondern ein Arbeitskollege spricht dich darauf an. Zwei Tage später holt dich der Notarzt mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Du hast einen Schlaganfall, mit gerade mal 52. Auch das lässt sich nach all dem Stress, den du erlebt hast, noch gut rationalisieren. Du kämpfst und ackerst dich durch die monatelange Therapie und Reha, um deine linke Körperhälfte wieder fit zu machen, und schaffst es sogar. Du bist stolz und erleichtert. Bis du per Zufallsdiagnose erfährst, dass du außerdem an Multipler Sklerose (MS) leidest, die chronische, entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein. Wie sollst du die Unsicherheit um deine Gesundheit nur ertragen?

Vielleicht erwartet ihr euer erstes Kind. Wie besonders und wunderbar. Vor allem nach den vielen Versuchen und Strapazen rund um die künstliche Befruchtung. Endlich hat alles geklappt. Ihr seid überglücklich, und alle freuen sich mit euch. Die Schwangerschaft verläuft unauffällig und ist bis auf die letzten Wochen sogar angenehm für dich. Kurz nach der Geburt stellen die Ärzte diesen seltenen, angeborenen Herzfehler fest. Sie sprechen von vier Herzoperationen über die nächsten sechs Lebensjahre, um eurem Mädchen ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen. Die Sorge um deine Tochter, dieVerlustangst und damit einhergehende Unsicherheit übermannt dich. Doch einer muss stark bleiben. Das bist du. Du bist ratlos: Wie soll das gehen? Die Hilflosigkeit und Angst zerreißen euch beide, und eure Ehe wird auf eine harte Probe gestellt.

Du hast persönlich vielleicht gar keine Krise. Aber du bist aus dem medizinischen Umfeld, Arzt/Ärztin, Pflegekraft oder Therapeut, und der Umgang mit den Krisen und Ängsten deiner Patienten und deren Angehörigen ist dein Tagesgeschäft. Natürlich liegt dein Fokus auch auf der psychologischen Betreuung der Patienten und Angehörigen, aber offen gesagt lässt dein stressiger Arbeitsalltag dafür nicht genug Raum. Dennoch, die Ängste und die Unsicherheiten, die bei schwer erkrankten oder verunfallten Patienten im Akutfall vorwiegend die Angehörigen betreffen, beeinflussen deine Arbeit stark. Du weißt, wenn du in der Kinderheilkunde zu Hause bist, dass der emotionale Zustand der Eltern sogar eine wichtige Rolle in der Heilung der kleinen Patienten spielt. Du bist immer offen, die „andere Seite“ besser kennenzulernen und möchtest gerne deinen Umgang mit Angehörigen und Patienten weiter optimieren, um ihnen noch besser durch ihre Unsicherheit helfen zu können.

Ich könnte noch Dutzende Seiten mit Beispielen von schweren Lebenskrisen füllen. Es gibt so viele Arten von schweren Krisen, wie Unfälle, Entführungen, unterschiedlichste Suchterkrankungen, Krebsdiagnosen, Fehlgeburten oder Totgeburten, Misshandlung, Missbrauch und so viele verschiedene psychische Erkrankungen. Die Liste könnte ewig weitergehen. Wenn du in einer schweren Krise steckst, ganz egal welcher Art, oder jemanden kennst, dem du durch eine Krise hindurchhelfen möchtest, dann bist du in meinem Buch genau richtig.

Mein GENAUSO-Prinzip beschreibt sieben Wege, die dir helfen, deine innere Stärke zu finden – für dich selbst oder für andere –, um jede Krise zu meistern. Es ist weder wissenschaftlich bewiesen noch ein lang erforschtes Modell. Es basiert auch nicht auf mehreren Tausend Interviews mit Betroffenen und ist schon gar kein Allheilmittel. Aber es sind diese sieben Wege, die ich seit zwei Jahrzehnten in meinem Leben anwende. Sie ermöglichen mir, mit meinen diversen Lebenskrisen und unabänderlichen Unsicherheiten umzugehen. Und zwar so, dass es mir und somit denen, die mir nahestehen, gut geht. Es ist mir vollkommen bewusst, dass es für jeden unter uns unterschiedliche Rahmenbedingungen, Limitierungen, Grenzen, Möglichkeiten, Talente und Fähigkeiten hat. Es gibt natürlich Situationen, die wir nicht beeinflussen können und die nicht in unserer Hand liegen. Aber was wir immer in der Hand haben und wir sehr wohl beeinflussen können, ist unser Umgang mit den Situationen und die Bewertung der Gegebenheiten. Wir alle sind in der Lage, jede entstandene Situation immer wieder neu zu bewerten und entsprechend darauf zu reagieren. Wenn wir uns bewusst dazu entscheiden, können wir auch entgegen unserer eingefahrenen Verhaltensmuster handeln.

Ich liebe Zusammenfassungen und Nachschlagewerke. Deshalb habe ich das Buch so aufgebaut, dass du jederzeit wieder darauf zurückgreifen kannst. Daher findest du nach jedem beschriebenen Weg des GENAUSO-Prinzips eine kurze Zusammenfassung. So hast du das Wesentliche immer zur Hand. Auf den vorhandenen Leerseiten hast du Platz für deine eigenen Notizen. Außerdem gibt es an manchen Stellen einen Hinweis zu einem „Deep Talk“ von mir. Über einen QR-Code gelangst du zu einer Audiodatei, in der ich noch tiefer über gewisse Themen, Situationen oder Herausforderungen spreche und dir ganz persönliche Einblicke in meine dazugehörige Gefühlswelt gebe. Das ist für all diejenigen gedacht, denen mehr Kontext guttut oder für diejenigen, die sich aktuell in einer ähnlichen Situation befinden. Wenn du gezielt nach Wegen suchst, mit deiner Krise umzugehen, kannst du natürlich auch sofort auf „Meine Wege“ ab Seite 127springen. Wenn du aber verstehen möchtest, wie ich mein GENAUSO-Prinzip lebe, wie es zustande kam und wie ich es schaffe, nach jedem Schlag immer wieder aufzustehen und weiterzugehen, dann sind die Kapitel zu „Mein Leben“ relevant. Ich überlasse es dir.

Der Dalai Lama sagte mal:

„Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln.“

Rückblickend auf die letzten zwei Jahrzehnte meines Lebens kann ich seine Aussage nur bestätigen. Daher ist das Ziel des Buches,

dir sieben Wege aufzuzeigen, die helfen, herausfordernde Zeiten lebensfroh und positiv zu durchleben und gestärkt daraus hervorzugehen.dir Sicherheit, Struktur und Halt zu geben, um dich durch schwere Krisen zu führen.dir zu zeigen, wie du trotz der emotionalen Belastung deine Leistungsfähigkeit und Produktivität im Alltag und Beruf hochhalten kannst.dir Wege an die Hand zu geben, mit denen du nicht nur dir selbst helfen kannst, sondern auch anderen Menschen auf ihrem steinigen Weg eine Stütze bist.

Ich wünsche mir, dass du den folgenden Seiten mit Offenheit begegnest. Lass dich darauf ein, was ich dir vorschlage. Reflektiere, was du in dein Leben übernehmen kannst. Was könnte dir helfen? Worin findest du dich bereits heute schon wieder?

Menschen in meinem Umfeld beschreiben mich als Powerfrau, die gerne albern ist, laut und viel lacht und vor Lebensfreude nur so sprüht. Aber ich kenne auch die Schattenseiten des Lebens. Die traurigen, schweren und unerwarteten Schicksalsschläge des Lebens – die ich hier mit dir teilen werde. Es kann daher sein, dass dich manche Situationen traurig oder betroffen machen. Gehe da mit mir durch. Lass dir Zeit mit dem Lesen, gib deinen Emotionen nach, lass deine Verletzlichkeit zu. Das ist okay und keine Schwäche. Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn du das Buch mal weglegst. Lass dich auf meine Reise ein und sei dir sicher, dass unser Leben es gut mit uns meint!

Ich wünsche dir Spaß beim Lesen, eine Menge an eigenen Erkenntnissen und viel Umsetzungsfreude. Und jetzt: Anschnallen und Schutzhelm auf!

Deine CARO

Mein Leben

Teil 1

Fuck you, Universe: Genug ist genug!

„Einatmen, tief einatmen!“, sagt die Intensivärztin laut und bestimmend zu L. Er reagiert nicht, sein Kopf sinkt auf die Brust. Er ist blass, die Lippen werden blau, der Überwachungsmonitor alarmiert auf allen Ebenen der Vitalwerte. Piieeep-piieeep-piiieeep! Es ist der 26. Januar 2022. Mein Mann Steffen und ich stehen am Fenster im Zimmer der Intensivstation des Kinderspitals Zürich und beobachten fassungslos die Situation, die wir bereits etliche Male ganz anders erlebt haben. Unser Sohn L. hatte am Vortag seine 18. Operation in 14 Lebensjahren erfolgreich überstanden. Gerade wurde er extubiert. Das heißt, der flexible Kunststoffschlauch, auch Tubus genannt, der während der Vollnarkose dafür sorgt, dass er genügend Sauerstoff bekommt, wurde aus seiner Luftröhre gezogen. Anspannung und Unruhe machen sich breit. „Einatmen, L., tief einatmen!“, sagt die Ärztin noch einmal. Er reagiert nicht. Sie greift sich den Ambu-Beutel, das ist der blaue Beatmungssack, den du sicher schon mal in einer Notfall-Szene im Fernsehen gesehen hast. Sie presst die Maske mit ihrer rechten Hand auf L.s Mund und Nase, während ihre linke Hand seinen Kopf in den Nacken zieht. Mit ihrem Ellbogen pumpt sie zügig den Beatmungssack auf und zu.

„Ich brauche die Beatmungsmaschine, sofort!“, ruft sie den Pflegenden zu. „Was dauert da so lange?“, ruft sie noch lauter. In dem Moment schaut sie zu mir auf, während ihr Ellbogen ununterbrochen Luft in L.s Lunge pumpt, und sagt: „Wenn er nicht gleich selbst atmet, muss ich ihn wieder intubieren!“ Steffen steht blass, still und zitternd neben mir. Ich nicke nur mit dem Kopf. Sie fragt mich: „Wollen Sie dazu wirklich noch im Zimmer bleiben?“, ihr Ellbogen pumpt weiter. Ich antworte gefasst: „Nein!“, greife mir Steffens Hand und ziehe ihn aus dem Zimmer.

Wir setzen uns auf die Bank vor der Station. Ich breche in Tränen aus, Steffen hält mich fest und drückt meine Hand, immer noch zitternd. In dem Moment geht über der Zimmertür die rote Lampe an. „Code Rot“ wurde ausgelöst. In Krankenhäusern wird ein „Code Rot“ ausgelöst, um auf eine lebensbedrohliche Situation hinzuweisen, die sofortige Aufmerksamkeit und Handeln erfordert. Mehrere Ärzte stürmen an uns vorbei in L.s Zimmer. Kurz darauf kommt die leitende Ärztin der Intensivabteilung zu uns und erklärt – ruhig und empathisch –, dass aufgrund von Sauerstoffmangel das Herz von L. kurzzeitig stehen geblieben ist. Sie haben ihn aber erfolgreich wiederbelebt. Er ist nun wieder sicher intubiert, also beatmet, schläft tief in Narkose und seine Vitalwerte seien stabil. Sie ergänzt: „Sie dürfen gerne in ein paar Minuten zu ihm, gehen Sie doch vorher noch etwas an die frische Luft.“ Wir folgen ihrem Rat. Als wir uns gesammelt haben, gehen wir zurück. L. sieht friedlich aus und schläft.