Plötzlich Pflegeväter - Hans van der Gees - E-Book

Plötzlich Pflegeväter E-Book

Hans van der Gees

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Beschreibung

Die siebzehnjährigen Boys Adam und Ingo verlieben sich in einander. Nach einigem Hin und Her entsteht eine tiefe Verbindung, die jahrelang hält. Der experimentierfreudige Ingo überfordert den bedächtigen Adam aber auf die Dauer. Die Beziehung scheint zu Ende zu sein. Ingo geht weg. Adam bleibt seinem Freund im Herzen aber treu. Mehr als drei Jahre später muss Ingo einsehen, dass er Adam nach wie vor über alles liebt. Ihre Freundschaft stabilisiert sich. Durch Zufall kommen sie mit Adams Arbeitskollegin Rosann, die ein Kind ihrer Schwester bei sich aufnimmt, in Verbindung. Sie ziehen zusammen, damit Rosann ihre Aufgabe nicht allein erfüllen muss. Die kleine Sonja wird Liebling der drei Erwachsenen. Als das Mädchen nach drei Jahren zu ihrer Mutter zurückkehrt, ist das Trio unglücklich. Das Verlangen nach einem Kind in ihrer Mitte führt dazu, dass Ingo Rosann schwängert. Kurz vor der Geburt des Kindes kommt Sonja zu ihnen zurück. Sie kann sich bei ihrer Mutter nicht eingewöhnen. Die Patchworkfamilie zählt bald fünf Personen. Als ein tödlicher Verkehrsunfall Rosann wegrafft, hinterbleiben Adam und Ingo mit den Kindern. Schaffen sie das?

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hans van der Geest

Plötzlich Pflegeväter

Von Hans van der Geest im Himmelstürmer Verlag bisher erschienen:

 

Wilde Treue

Frühjahr 2015 ISBN 978-3-86361-548-2

 

Himmelstürmer Verlag, part of Production House, Hamburg

www.himmelstuermer.de

E-Mail:[email protected]

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

 

Coverfoto: ©dreamtime.de

 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg.

www.olafwelling.de

 

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

ISBN print 978-3-86361-570-3

ISBN e-pub 978-3-86361-571-0

ISBN pdf 978-3-86361-572-7

 

 

Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt.

 

Mit Dank an Peter Schär für die sprachlichen Korrekturen.

Zürich, 2016

Nur wer wagt, gewinnt

„Straßenfeste sind nicht mein Ding!“, knurrt Adam seine Mutter an, als sie ihn auffordert, auf Bennis Bitte einzugehen.

„Tu ihm doch den Gefallen! Ihr versteht euch doch gut! Und du bist schon genug allein!“ Mini Rohrbach spornt ihren Sohn dauernd zu Kontakten an. Der Siebzehnjährige ist zu sehr in sich gekehrt, findet sie.

Adam gibt nach und brummt nur noch: „Okay, liebe deinen Nächsten wie – wie geht das auch wieder?“

„Komm nicht allzu spät nach Hause! Zehn Uhr, einverstanden?“

Noch widerwillig zieht Adam seine Jacke an. „Alles kostet!“, meckert er.

Mini steckt ihm zehn Franken zu.

Draußen wartet der Nachbarsjunge Benni. „Hurra! Du kommst! Du wirst es nicht bereuen. In dem Quartier gibt es sehr, sehr, sehr schöne Frauen! Hui! Titten wirst du sehen!“

Missbilligend schließt Adam die Augen. „Du mit deinen Titten!“

Benni ist noch mehr eine Bohnenstange als Adam. Mit Riesenschritten gehen die zwei nebeneinander.

„Schau!“, sagt Benni und streckt seine Muskelbündel am rechten Oberarm vor Adam aus. „Sie sind wieder größer geworden.“

„Wie neidisch machst du mich!“, spottet der. „Du bekommst sicher einen Job als Schienenverleger.“

„Dafür braucht man heute keine Muskeln mehr. Geht alles mit Maschinen.“

 

Bald sind sie am Platz, wo das Fest stattfindet. Es herrscht Lärm und nochmals Lärm, und es wimmelt von Leuten. Ein Kinderkarussel dreht seine Runden, beim Schießstand stehen Haufen Jungs und Männer, und der Duft von Bratwürsten weckt Appetit.

Zuerst stehen sie beim Schießen an. Nach ein paar Minuten erwischt Adam ein Gewehr. Er ist ein guter Schütze. Dreimal Schuss, dreimal im Ziel! Er gewinnt einen Teddybären. Benni wagt sich nicht einmal.

Mit dem Plüschding schlendern sie zum Wurststand. Anstehen und warten. Da erkennt Benni einen Schulkollegen. „Hey, Ingo!“, ruft er.

Der schwarzhaarige junge Mann am Grill schaut auf. „Hoi, Benni! Ich schmeiße für dich einen extra dicken drauf!“ Während er die Würste wendet, schaut er ein paar Mal nach Adam, und Adam schaut auf ihn.

Sie kommen dran. Auf einer Pappschüssel serviert Ingo ihnen zwei Würste. „Ehrlich teilen!“, mahnt er und schaut wiederum nach Adam. „Wer bist denn du?“, fragt er.

Adam, verlegen wie immer, sagt: „Ich heiße Adam, Adam Rohrbach.“

Ingo schaut ihn fast zudringlich an. „Ich bin Ingo.“

„Ingo!“, wiederholt Adam.

„Ingo Hartdorf“, ergänzt er und lacht Adam an.

„Er hat leider nicht alle Tassen im Schrank“, spottet Benni über Ingo, während er die Würste bezahlt. Adam steht unbeholfen dabei. Bis er weiß, wie er etwa reagieren könnte, ist der passende Moment längst vorbei. Er beißt in die Wurst. Heißer Saft spritzt heraus, wie beim Wichsen.

Er vernimmt, dass Ingo und Benni in derselben Gymiklasse zur Schule gehen. „Er ist ein Streber“, sagt Benni, „und abonnierter Klassenbester.“

„Aber in Ordnung?“, fragt Adam.

„Ja, ja, sicher zu mir. Nur weiß er immer alles besser.“

Benni geht auf Ingo zu. „Ist das deine Mutter?“, will er wissen und weist auf die übergewichtige Frau, die das Zepter im Wurststand zu schwingen scheint.

„Meine Mutter liest ausschließlich Bücher, weißt du doch? Ich bin hier Aushilfe, weil der Griller krank ist.“

„Du stinkst sicher nach Fett, wenn du ins Bett gehst“, scherzt Benni.

„Nicht doch! Ich gehe regelmäßig unter die Dusche. Solltest du auch mal ausprobieren! Dich riecht man sogar ohne Bratwurst!“

Dann scheint Friede zu herrschen.

„Und du, was hast denn du für Hobbys?“, fragt Ingo Adam, während er sich weiter um Würste bemüht.

„Ich? Eh, willst du es wirklich wissen?“

„Wirklich!“, lacht er ihm kurz zu.

Ingos Interesse macht ihn mutig. Er macht einen Gegenzug. „Rate mal!“

„Puppen aufreißen!“, wirft Benni kichernd ein.

„Schnauze, Drecksack!“, ruft ihm Ingo zu.

„Nun, rate!“, drängt Adam.

„Eh, Fußball!“

„Hahaha!“ Benni bricht in schallendes Gelächter aus. „Fußball! Der ist gut! Adam und Fußball!“

Adam lässt sich nicht ablenken. Er bewegt sich noch ein bisschen näher an Ingo heran und schaut ihm in die Augen. „Botanik“, antwortet er ernsthaft. „Ich suche überall nach Pflanzen und Blumen, vor allem nach Bäumen. Lieber als Straßenfeste besuchen.“

„Wow! Das ist etwas ganz Besonderes!“, findet Ingo.

In dem Moment fällt ein kleines Mädchen, das auf einen Stuhl geklettert ist, hinunter. Es schreit laut auf. Sein Papi nimmt es hoch und schließt es in die Arme.

Adam tritt auf sie zu und gibt dem Kind den Teddybären. „Hier, den habe ich für dich gewonnen. Bist du lieb zu ihm?“

Die Kleine, mit Tränen noch auf den Backen, staunt, zögert zuerst, nimmt dann den Bären und drückt ihn fest an sich.

Das Gedränge der hungrigen Leute wird stärker. Ingo hat alle Hände voll zu tun. Die Jungs merken, dass es Zeit ist weiterzuziehen. Sie werfen brav den Abfall weg und winken Ingo Tschüss.

Viel Zeit verbringen sie nicht mehr auf dem Platz. Adam informiert sich noch bei seinem Kameraden, wo die Titten jetzt seien. Benni schaut in die Runde, zuckt mit den Achseln und findet, sie seien wohl zu spät.

Beim Weggehen steuert Adam ihre Schritte so, dass sie noch einmal bei Ingo vorbeikommen. Adam winkt ihm zu und Ingo schwingt beide Arme.

Noch vor zehn Uhr ist Adam zuhause. Seine Mutter fragt, wie es war.

„Langweilig!“, schnödet er. Das stimmt nicht ganz. Die Begegnung mit dem Wurstmann ist aufregend gewesen. Sein offener Blick und seine Aufmerksamkeit sind Adam noch gegenwärtig. Aber das behält er für sich.

 

Als Adam im Lauf der nächsten Woche im Treppenhaus Benni trifft, hört er, dass Ingo nach Adams Telefonnummer gefragt hat.

„Hast du sie ihm gegeben?“

„Klar, wieso nicht? Er hat mich gefragt, ob ich im Wurststand mithelfen will. Die stehen jedes Wochenende irgendwo anders. Vielleicht will er dich auch fragen.“

Von da an wartet Adam mit Spannung, ob Ingo tatsächlich anrufen wird.

Es dauert noch einige Tage. Endlich: „Adam, jemand für dich!“, ruft seine Mutter vom Telefon her.

„Hallo, Adam, hier ist Ingo, der Griller. Erinnerst du dich?“

„Klar, Ingo! Was ist?“

„Hey, ich wollte dich fragen, ob du mich einmal mitnimmst, wenn du auf Blumensuche gehst. Mich würde das interessieren! Kann ich mal mitkommen?“

„Oh ja, gern! Das würde mich echt freuen.“

„Machen wir das schon bald?“

„Von mir aus ja. Samstagnachmittag?“

„Das wäre super.“

„Komm mit dem Fahrrad!“

Sie vereinbaren Zeit und Ort. Es fällt Adam auf, dass Ingo ihn nicht zur Beihilfe in der Wurstbude einlädt, sondern mit ihm allein sein will. Er stellt sich vor, dass Ingo und er Freunde werden. Es lässt ihn fast zittern vor Aufregung. Sein Herz schlägt wie verrückt. Aber er ist auch nervös. Was, wenn Ingo ihn langweilig findet?

 

Ingo kommt.

Während sie durch die Stadt fahren, erzählt ihm Adam, dass er in die letzte Klasse der Sekundarschule geht und Mühe mit den Sprachen hat. Ingo geht in die vorletzte Klasse ins Gymnasium, aber ohne Mühe mit den Sprachen.

„Du bist gescheiter als ich“, schließt Adam.

„Möglich. Aber ich habe nicht so schöne Augen wie du, da bin ich echt neidisch!“

Darauf weiß Adam nichts zu sagen. Er errötet nur. Schließlich sagt er doch noch: „Ach, nicht wichtig!“

„Was? Nicht wichtig?“ Ingo packt ihn beim Arm, schaut ihn an und sagt: „Sprachen kann man lernen, aber Augen, die kann man nicht ändern!“

„Du hast auch schöne Augen!“

„Echt? Findest du?“ Wieder schaut Ingo ihn eindringlich an. Adam errötet erneut.

An einem kleinen Platz halten sie. Dort stehen mächtige Bäume. Adam erklärt, dass der größte eine Bergulme sei, dass Ulmen sich breit verzweigten, ihre Staubgefäße weit aus der Blüte hinausragten und noch andere Besonderheiten.

Wenn er über diese Sachen spricht, kann er seine Verlegenheit gut überspielen. Er kennt sich aus. Während er redet und Ingo zuhört, sieht er, wie aufmerksam Ingo ihn anschaut.

Nachher schauen sie sich die Platanen in der Umgebung an. Adam zeigt unten am Fluss noch andere Platanen mit Blättern wie bei Ahornen.

„Ich verstehe alles nur halb“, sagt Ingo. „Was du alles weißt!“ Er klopft Adam auf die Schulter.

Es wird dunkel, und sie treten den Rückweg an. Bei seiner Wohnung fragt Adam: „Soll ich dir noch Bilder zeigen, die ich gemalt habe?“

„Oh ja, gern!“

Sie gehen im Haus die Treppe hoch und treten in die Wohnung.

Dort erscheint Adams Mutter.

Mit einem klaren „Grüezi, Frau Rohrbach!“ geht Ingo auf sie zu und reicht ihr die Hand. „Ich bin Ingo Hartdorf.“

Mini schaut Ingo wie verzaubert an und grüßt ihn. „Sind Sie von Adams Schule?“

„Nein, wir haben uns auf dem Straßenfest kennengelernt.“

„Ja was? Und du wolltest gar nicht hingehen, Adam!“ ruft sie triumphierend aus.

„Jetzt siehst du, was das für Konsequenzen hat!“, scherzt Adam.

Ingo sagt: „Wenn ich ehrlich bin, habe ich solche Feste auch nicht gern, Frau Rohrbach. Ich musste nur einspringen!“

„Komm“, drängt Adam, „ich zeige dir meine Bilder!“ und nimmt Ingo mit auf sein Zimmer. Dort fallen sofort die vielen Bilder auf, die an der Wand hängen.

Da staunt Ingo. „Sind das Gemälde?“

„Nein, Aquarelle. Schau, das Papier ist leicht gewellt.“

„Kauft man das so?“

„Nein, bevor man es bemalt, muss man es leicht anfeuchten, das macht die kleinen Unebenheiten.“

„Und du hast die alle gemalt? Mann, du bist ein Künstler!“

„Geht so. Ich bin noch nicht zufrieden. Das Blau ist noch zu hell, siehst du?“

Die Mutter ruft, dass Essenszeit sei. Die Jungs verabreden sich für den nächsten Samstag.

Als sie sich bei der Wohnungstür verabschieden, kommt gerade Benni die Treppe hoch.

„Hey! Was machst denn du hier?“, fragt er Ingo.

„Adam hat mir hochinteressante Bäume gezeigt. Und seine Aquarelle!“

„Oh, schade, dass ich nicht dabei war. Macht ihr das wieder?“

Ingo schaut nach Adam. Der bewegt sich nicht.

„Ja, möglich“, sagt Ingo.

„Dann komme ich mit!“

„Okay, wir sagen es dir!“

Ingo winkt nochmals nach Adam und verschwindet.

„Wir!“, denkt Adam. „Ingo sagte Wir!“ Es gefällt ihm, dass Ingo eine Art Freundschaft mit ihm begonnen hat. Er hat noch nie einen echten Freund gehabt. Ingos zupackende Art tut ihm gut. Er freut sich riesig auf den nächsten Samstag.

 

Ingo sagt Benni in der Schule, dass sie am Samstag losziehen. So gehen sie zu dritt. Benni hat eine Trillerpfeife bei sich und einen lustigen Hut auf dem Kopf. Die Pfeife lässt er ab und zu lärmen. Das ärgert Adam, aber er lässt es sich nicht anmerken. Er führt sie zu neuen interessanten Bäumen in der Stadt. Blumen gibt es in dieser Jahreszeit nur wenige. Sie machen einen Rundgang durch den botanischen Garten.

Benni jubelt, als sie auf einer Parkbank drei Mädchen entdecken. Obwohl dort kaum Platz ist, will Benni sich zu ihnen setzen. Ingo und Adam schauen sich an und teilen ihren Ärger. „Komm“, ruft Ingo. „Dafür haben wir keine Zeit!“

„Sind dir die toten Bäume wichtiger als lebendige …“

„Bäume sind gar nicht tot, Dummkopf!“, weist ihn Ingo zurecht.

Bennis Geschwätz passt gar nicht zu der Stimmung zwischen Ingo und Adam. Es nervt. Schon ziemlich früh kehren sie zurück. Als Benni sich entfernt, bleiben Ingo und Adam noch beisammen.

„Schade, das machen wir nie wieder, nicht wahr?“, sagt Ingo.

„Nein. Mit dir allein ist es angenehmer.“

„Finde ich auch. Soll ich noch zu dir mitkommen?“

„Ja, hast du noch Zeit?“

„Meine Mutter kommt heute erst spät nach Hause“, sagt Ingo.

„Meine Mutter übrigens auch.“

„Dann haben wir die ganze Bude für uns allein?“, will Ingo wissen.

Sie gehen die Treppe hoch.

„Hast du noch Geschwister?“, fragt Ingo, als sie die Wohnung betreten.

„Ich habe eine Schwester, aber die kommt auch erst später.“

„Ist sie hübsch?“, fragt Ingo lachend.

„Eh, ja, ordentlich. Sie hat einen Freund.“

„Ist sie älter als du?“

„Ja, zwei Jahre.“

„Wenn sie so hübsch ist wie du, ist sie sehr hübsch!“

„Aha! Und du, hast du …?“ Ingos Kompliment macht ihn völlig verlegen.

„Ja, zwei Halbschwestern“, sagt Ingo. „Meine Eltern sind nicht mehr zusammen. Von meiner Mutter bin ich der Einzige.“

In seinem Zimmer steht Adam unschlüssig herum. Der initiative Ingo setzt sich auf sein Bett. „Komm doch, setz dich neben mich!“, fordert Ingo ihn auf.

Doch Adam setzt sich auf den Bürostuhl. Ingos Nähe gefällt ihm zwar, macht ihm aber auch Angst.

Sie reden und reden, während etwas Undefinierbares in der Luft liegt. Adam spürt es, und Ingo scheint es noch anzustacheln. Es fasziniert ihn, macht ihn aber auch hilflos. Er ist der Wucht, die von Ingo ausgeht, nicht gewachsen.

Ingo sagt: „Komm doch, ich will dir noch etwas sagen, aber dafür musst du neben mir sitzen.“

Adam wagt sich nicht zu wehren, steht auf und setzt sich zu Ingo.

„Ich mag dich, Adam“, sagt Ingo in leisem Ton, während er seine Hand auf dessen Schulter legt. „Ich möchte dein Freund sein!“

Das Geständnis ist Adam peinlich. „Gut“, reagiert er verlegen.

„Willst du es auch?“

„Doch, ja!“

Ingo nimmt Adams Hände, schaut ihn an und sagt: „Ich finde dich schön, Adam. Ich könnte dich, glaube ich, sehr gern haben! Weißt du, was ich möchte? Ich möchte dich küssen! Darf ich das?“

Schockartig zieht Adam die Hände zurück und bewegt sich von Ingo weg. „Nein, nein, das geht nicht!“

Sofort ändert sich die Stimmung. Adam ist es höchst unangenehm geworden. Er steht auf und putzt sich überflüssigerweise die Nase. Ingo ist erschrocken von der Reaktion auf seinen Vorstoß. Er steht auch auf. „Entschuldigung, Adam, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich will nichts tun, was du nicht willst.“

„Ich sollte langsam das Essen vorbereiten, die Eltern kommen bald.“

Ingo versteht die Botschaft. Er muss verschwinden.

„Nochmals herzlichen Dank für die schöne Führung! Wir machen das doch wieder?“

„Jetzt kommt zuerst die Schule. Ich muss einiges nachholen.“

Unbeholfen gestaltet sich der Abschied. Adam zittert. Er ist froh, als Ingo endlich verschwunden ist.

Ingo hat ihn schockiert.

Als Ingo sein Fahrrad losmachen will, bricht er in Tränen aus. Adams Abweisung hat ihm bis in die Seele wehgetan. Traurig steht er bei seinem Rad und weint. Dann fasst er sich, fürchtet, dass irgendeine Passantin ihn fragen könnte, ob alles in Ordnung sei. Er löst die Kette und wimmernd fährt er nach Hause. Er wirft sich vor, zu weit gegangen zu sein. Immer wenn ich Angst habe, wage ich mich zu schnell hinaus, sagt er sich.

Schon lange sehnt er sich nach einem Freund. Er weiß, dass er mit Mädchen in dieser Hinsicht nichts anfangen kann. Er steht auf Männer. Nein, auf Adam. Vom ersten Moment an, als er ihn gesehen hat. Diesen schönen Jungen! Seine helle Haut, seine dunkelblonden Haare, seinen geheimnisvollen Blick! Außerdem hat er festgestellt, dass Adam gern mit ihm zusammen ist. Deshalb hat er gehofft, gehofft. Und nun das!

 

Adam hat noch nie etwas Erotisches mit einem anderen Menschen erlebt. Vage hat er schon eine Zeit lang gehofft, eine Freundin zu finden, wie viele andere bei ihm in der Klasse. Dann war Ingo erschienen, dieser leicht gebräunte Schwarzhaarige mit seinen lebendigen Augen! Mit ihm war er zufrieden, ja echt glücklich gewesen, als Freund. Da entpuppt sich Ingo plötzlich als Liebhaber! Ein schwuler Kerl! Es war wie ein Bombenangriff.

Wie schade! Wie hat er die Stunden, die Mittage mit Ingo genossen! Wie hat er sich auf die neuen Treffs gefreut! Ingo hat ihn stets so freudig angeschaut! Und dann kommt er mit solchem Blödsinn! Jetzt hat er richtig Angst vor ihm. Hoffentlich bleibt er ihm aus dem Weg!

Er nimmt es Ingo übel. Alles mit einem Schlag zu verderben!

Noch größer als sein Ärger ist die Enttäuschung. Endlich hatte er einen Freund, und schon ist alles im Eimer. Nein, er kann unmöglich weiter mit Ingo verkehren! Wie dieser ihn angeschaut hat, neben ihm auf dem Bett, richtig voller Begehren, nein, diese Angst will er nicht nochmals erleben.

Seine Mutter merkt, dass er Besuch gehabt hat. „Ach, Ingo? Der nette Gymischüler!“

Wenn du wüsstest, denkt Adam.

Eine trübe Zeit bricht an, Zeit ohne Ingo. Tage. Wochen.

In der Schule muss er sich anstrengen. Es ist nicht sicher, dass er es schafft.

Die Treffen mit Ingo wollen ihm nicht aus dem Sinn. Wie schön war es mit ihm! Und wie schrecklich dieser unerwartete Moment! Wie kann jemand so geschmacklos sein!

Manchmal fürchtet er, dass Ingo ihn besuchen könnte. Oder ihn irgendwo aufwarten. Oder telefonieren.

Dauernd kommt ihm alles wieder zum Bewusstsein. Noch nie hat er dermaßen mit zwiespältigen Gedanken gekämpft. Die schönen Erinnerungen. Und dann diese verstörenden Worte: ‚Darf ich dich küssen?‘

Langsam beruhigt sich seine Stimmung. Die verheerenden Worte erschrecken ihn nicht mehr, wenn er an sie denkt. Sie haben ihn so oft in seinen Gedanken bewegt, dass sie an Schärfe eingebüßt haben.

Als ob sich ein Schleier lüftete, ist er auf einmal in der Lage, Ingos abstoßende Worte neu zu hören. Er stellt fest, wie respektvoll Ingo eigentlich gewesen ist. Er hat Adams Nein sofort akzeptiert. Er hat nicht gedrängt oder als Munition Argumente vorgebracht, wie seine Mutter das tut, wenn sie eine Auseinandersetzung haben. Er hat nachher weder telefoniert noch ihm nachgestellt. Er lässt ihn in Ruhe.

Jetzt kann Adam genauer hinhören. Was hat Ingo gesagt? Er wolle ihm nahe sein und küssen. Er hat es nicht einfach getan. Er hat bloß darum gebeten und ihn nicht überfallen. Es war kein Angriff, schon gar kein Bombenangriff, es war eine ordentlich vorgebrachte Bitte.

Er versucht sich vorzustellen, was Ingo gewollt hat: einen Kuss, Ingos Gesicht an seinem Gesicht, seine Lippen auf den seinen. Noch zögernd lässt er die Vorstellung in sich aufleben, langsam, wie wenn er vorsichtig eine Schutzschicht von etwas ablösen müsste.

Wäre ein Kuss nicht schwul?

Zum ersten Mal in seinem Leben überlegt sich Adam, ob er Freude bei einer schwulen Begegnung erleben könnte.

Doch nein, er stößt es von sich. Das wäre ja schrecklich! Wenn eine solche Tendenz in ihm vorhanden sein könnte, will er die bekämpfen, mit aller Macht.

Jeden Tag schaut er in der Schule die Mädchen an. Es gibt welche, die ihm durchaus gefallen. Sobald er sich vorstellt, eins zu küssen, vergleicht er es mit Ingo.

Was für ein Unterschied! Die netten Küsschen mit den Damen sind mit den leidenschaftlichen Zusammenstößen mit Ingo, die er sich vorstellen könnte, kaum vergleichbar.

Merkwürdig! Zuerst hat ihm das Begehren in Ingos Augen Angst gemacht. Jetzt zieht es ihn an! Es ist verwirrend für ihn. Was bin ich für ein Mensch, fragt er sich. Was lebt in mir, was will ich, was soll ich, was darf ich?

Schließlich findet er, vor Ingo brauche er keine Angst zu haben. Ingo sei rücksichtsvoll. Er könne ihm vertrauen.

Daraufhin verwandelt sich seine Einstellung noch weiter. Er beginnt nach Ingo zu verlangen! Käme er doch einmal vorbei! Ach nein, er ist gleichzeitig froh, dass Ingo das eben nicht tut.

Er versucht sich in Ingo einzufühlen. Der ist sicher schwer enttäuscht gewesen. Natürlich wagt er sich nicht ein zweites Mal an mich heran, denkt er. Normalerweise kann man ein Nein eines Freundes gut ertragen, aber nicht, wenn es etwas so Persönliches betrifft wie einen Kuss.

Er sieht ein, er müsste selbst aktiv werden, wollte er Ingo sehen. Das braucht Mut! Er riskiert, sich lächerlich zu machen. Oder noch schlimmer: Ingo könnte ihn höhnisch abweisen. Aber er muss es wagen, auf die Gefahr hin, dass er erbarmungslos scheitert. Sonst bewegt sich nichts.

Wie heißt Ingo? Hartenbach? Etwas mit Hart, oder nicht? Er weiß es nicht mehr. Das Telefonbuch kann nicht weiterhelfen. Er könnte Benni fragen. Nur wird der sicher neugierig. Das geht nicht gut.

Soll er beim Gymnasium herumschauen, mit irgendeiner Ausrede? Ach nein! Auf einem Straßenfest suchen, ob er Würste grillt? Nur dumm, im Februar gibt es keine Straßenfeste.

Schließlich fragt er doch Benni, ob er Ingos Telefonnummer habe. Natürlich. Er klaubt die Nummer hervor. „Was willst du von ihm? Wieder eine botanische Wanderung?“

„Nichts Besonderes! Sag ihm aber nichts!“ Er fragt Benni nach dem nächsten Eishockeymatch. Das ist gut genug, um einen Themenwechsel zu provozieren. Benni gibt breite Auskunft und vergisst Ingo.

 

Adam braucht für jeden kleinen Schritt einen langen Anlauf. Erst Tage später wagt er es, die Nummer zu wählen.

Eine Frauenstimme ertönt. „Myra Kohlhammer!“

„Guten Tag, hier ist Adam Rohrbach. Ist Ingo da?“

Kurz darauf kommt Ingos Stimme: „Hey, bist du das, Adam?“

„Ja, hallo. Wie geht es dir?“

Ingo nimmt sofort sein heiteres Staunen zurück und schaltet eine Quint tiefer. „Mir? Ach ja, es geht. Man bekommt nicht alles, was man sich wünscht.“

Adam versteht, das ist auf ihn gemünzt. Er weiß nicht, wie darauf einzugehen. „Ich habe gedacht, ob wir uns wieder einmal sehen können. Oder möchtest du das nicht?“

Ingo braucht nur kurz, bevor er freudig antwortet: „Klar, Adam, ich würde dich gern treffen. Sag wann und wo!“

„Es ist noch Winter, aber ich weiß einen Ort, wo man sieht, wie es Frühling wird. Mit dem Fahrrad ist es nicht weit.“

 

Am nächsten Tag treffen sie sich. Beim Fahren reden sie miteinander, als ob alles normal zwischen ihnen wäre. Ihr peinlicher Abschied vor ein paar Monaten wird nicht erwähnt. Beim Waldeingang halten sie an. Adam zeigt einiges an Botanik, an den Zweigen der Bäume, am Boden zwischen Gras und Sträuchern. Nach zwanzig Minuten sagt er: „Das war es, was ich dir zeigen wollte.“

Nicht weit vom Ort, wo sie stehen, befindet sich eine Bank. Zum Glück ist sie trocken. Sie stellen die Räder ab und setzen sich, in ihren dicken Winterjacken.

„Hey, Ingo! Was ich dir zeigte, war ein Anlauf, ein Vorwand.“

„Ja was?“, reagiert Ingo, also ob ihm das nicht von Anfang an klar gewesen wäre.

„Ich rede nicht so gut wie du, aber heute habe ich mir vorgenommen, dir alles zu sagen, was mir wichtig ist.“

„Nur zu, Adam!“

Was er bereits Wochen lang im Kopf hat, hundert Mal gleichsam geübt, bringt er heraus. „Ich hatte Angst vor dir. Als du gesagt hast, du wollest mich küssen, bin ich total erschrocken. Das hat noch nie jemand zu mir gesagt.“

„Das war falsch von mir! Ich bin zu impulsiv!“

„Nein, wart! Du warst ehrlich und offen. Das muss ich noch lernen. Ich behalte alles viel zu lang in mir. Und zu dir: Ich habe erst später entdeckt, dass du mich respektiert und mich nicht bedrängt hast. Darum habe ich Vertrauen zu dir. Ich muss keine Angst vor dir haben.“

Ingo will reagieren.

„Nein, hör zu. Ich bin noch nicht fertig. Also. Ich habe dich vermisst. Und …“ – er wechselt zum Flüsterton – „ich mag dich sehr!“ Mutig und zitternd blickt er Ingo direkt in die Augen.

Der blickt zurück, überrascht, still. Überwältigt von Adams Liebeserklärung übernimmt er zielsicher die Führung. Er legt seine Hand auf Adams Hand. Der legt seine andere Hand obendrauf.