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Pippi Langstrumpf, Köttbullar und eine gewisse Möbelhauskette … das ist alles, was Sandra spontan zu Schweden einfällt. Bis sie eines Tages eine Nachricht erhält, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. Als sie dann noch ihren Verlobten mit einer sexy Blondine im Bett erwischt, muss sie erst mal raus aus Deutschland. Wohin? Richtig, nach Schweden! Dort trifft sie prompt auf den attraktiven Lars. Und während sie feststellt, dass Schweden mehr zu bieten hat als Kinderbücher, Fleischbällchen und Einrichtungsgegenstände, kommt sie ganz nebenbei noch dem Geheimnis um eine erfolgreiche schwedische Liebesromanautorin auf die Spur …
Achtung: Überarbeitete Neuausgabe. Erstmals erschienen 2016
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Talia Berg
Plötzlich Schwedin
SIE
Als die Urne in die Erde gelassen wird, rollt eine einzelne Träne über meine Wange. Allerdings nicht, weil ich Tante Hedwig so nahestand und jetzt ganz furchtbar traurig bin. Und auch nicht, weil ich sie so schrecklich vermissen werde oder die Erinnerung an sie mir das Herz schwer werden lässt.
Nein, ich weine wegen der Zwiebeln.
Während die Umstehenden allesamt mit ihren Gedanken bei der Verstorbenen oder deren Erbe sind, muss ich an Jan denken. Dass jetzt nur nicht der Eindruck entsteht, ich fange schon beim bloßen Gedanken an meinen Verlobten an zu heulen! Nein, nein, so ist es nicht. Es liegt nur an den Zwiebeln. Ehrenwort.
Jan ist nämlich erkältet. Und die meisten von Ihnen werden sicher nur zu gut wissen, wie es ist, einen erkälteten Mann zu Hause zu haben. Jan ist am Ende. Körperlich, seelisch. Ein Häufchen Elend. Wirklich, er leidet ganz furchtbar. Und natürlich möchte ich ihm als treusorgende Verlobte in dieser schweren Zeit etwas Gutes tun. Ihn umsorgen. Nun, für jeden anderen Mann hätte ich auf dem Weg nach Hause wahrscheinlich an einer Apotheke Halt machen und einen ganzen Schwung verschiedener Kombipräparate kaufen können. Ganz einfach. Nicht so bei Jan. Denn Jan ist … ja, was ist er eigentlich? Ziemlich speziell, würde ich mal sagen.
Am Anfang unserer Beziehung hielt ich ihn für eine Art Öko-Freak. Jan isst nämlich ausschließlich Sachen aus dem Bio-Laden und achtet streng auf Dinge, über die ich mir in meinem Leben noch nie einen Kopf gemacht habe. Begriffe wie Gluten, guter Zucker und schlechter Zucker, Lactose und weiß der Teufel was kannte ich zwar damals schon, man lebt schließlich nicht hinterm Mond, aber dass ein Mann sich darum schert, war mir bis dahin noch nicht untergekommen. Schnell bekam ich heraus, dass das alles nicht von ihm selbst, sondern von seiner Mutter kommt. Sieglinde Hermine Jakob. Deutschlands Ernährungsberaterin Nummer Eins. Zumindest, wenn man der Meinung einer großen Frauenzeitschrift Glauben schenkt, in der sie eine wöchentliche Kolumne hat.
Nun, anfangs fand ich da noch nichts bei. Dann ist Jan eben anders, dachte ich mir damals. Ist ja auch nichts dabei. Im Gegenteil: Irgendwie machte ihn das sogar für mich erst recht interessant. Ich konnte mir eine solche Ernährung zwar nicht für mich selbst vorstellen, aber das war ja egal. Jeder so, wie er will, sage ich immer.
Tja, das Problem ist nur, dass Jan das etwas anders sieht. Eher so nach dem Motto: Jeder so, wie Jan will. Und je mehr Zeit wir miteinander verbrachten, desto mehr gelang ihm das Kunststück, mich so zu formen, wie er mich gerne haben wollte. Nicht, dass ich mich jetzt nur noch gesund, gluten-, lactose- und wer-weiß-was-frei ernähre. Aber spätestens seit Jan bei mir eingezogen ist, mache ich gewisse Dinge heimlich. Wie zum großen M zu fahren und mir dort Burger und Pommes schmecken zu lassen. Ich bin halt so. Ich mag Fast Food, liebe Schokolade, und ja, man möge mich schlagen, auch gegen Glutamat, Cola und Fertiggerichte habe ich absolut nichts einzuwenden. Mir schmeckt das Zeug, das war schon immer so. Natürlich weiß ich, dass es alles andere als gesund ist und dass das mit meinen Speckrollen auch nicht an den Drüsen liegt, aber damit kann ich gut leben. Ich übertreibe es ja nicht. Wobei … seit Jan bei mir wohnt, ist es schon mehr geworden. Liegt es einfach am Zusammenleben? Lasse ich mich gehen, weil ich mich in einem sicheren Hafen wähne? Hört man schließlich immer wieder, dass eine Ehe oder feste Partnerschaft dazu verleiten soll, nicht mehr so auf sich zu achten. Daheim koche ich übrigens genau so, wie Jan es bevorzugt, und hin und wieder schmeckt es mir sogar. Warum also diese heimlichen Fast-Food-Eskapaden? Na, egal.
Um auf die Zwiebeln zurückzukommen: Die muss ich nach der Beerdigung noch besorgen. Im Bio-Laden. Natürlich. Aber nicht, weil ich sie fürs Essen brauche, sondern um Hustensaft zu machen. Denn Jan achtet nicht nur bei der Ernährung streng auf Bio und Natur, sondern auch in Sachen Medikamente.
„Was habe ich davon, wenn ich mich gesund ernähre, aber gleichzeitig Chemie in mich reinpumpe, sobald ich mal krank bin?“, sagt er immer.
Deshalb sind bei ihm ausschließlich Hausmittel erlaubt. Streng nach den Rezepten seiner Mutter zubereitet. Natürlich. Wie der Hustensaft, den ich nachher aus den Zwiebeln machen muss. Und Sie können mir glauben, ich hasse es, Zwiebeln zu schneiden. Drei Mal dürfen Sie raten, warum. Genau! Weil mir dann die Augen brennen, mir die Tränen in Sturzbächen übers Gesicht laufen und ich mindestens eine Stunde brauche, bis ich wieder einigermaßen klar sehen kann. Deshalb fange ich meistens auch schon allein beim Gedanken ans Zwiebelschneiden an zu weinen.
So wie jetzt, auf Tante Hedwigs Beerdigung.
Die Urne (übrigens ganz nett anzusehen, silbergrau mit stilisierten kupferfarbenen Efeuranken) ist inzwischen an ihrem endgültigen Platz angelangt, ich habe eine Blume hinterhergeworfen und bereite mich nun darauf vor, Tante Hedwigs Familie mein Beileid auszudrücken. Mein ernstgemeintes Beileid, wohlgemerkt. Auch wenn vorhin der Eindruck entstanden ist, dass mich der Tod meiner Tante völlig kalt gelassen hat, ist dem selbstverständlich nicht so. Natürlich tut es mir leid, dass sie gestorben ist, es ist nur so, dass ich die Schwester meiner Mutter überhaupt nicht gekannt habe. Und wenn ich sage, überhaupt nicht, dann meine ich auch überhaupt nicht. Nicht so wie bei Verwandten, die man als Kind des Öfteren sieht und später dann gar nicht mehr oder höchstens mal auf irgendwelchen besonderen Familienfeiern. Nein, das mit Tante Hedwig und mir ist anders. Denn ich habe nicht einmal gewusst, dass meine Mutter eine Schwester hatte.
Bis vor zwei Tagen der Anruf von Hedwigs Tochter kam.
„Ich bin Nina“, sagte sie. „Wir kennen uns nicht, aber Ihre Tante Hedwig ist gestorben.“
Ich so: „Ach. Und wer soll das sein?“
„Die Schwester Ihrer Mutter.“
„Meine Mutter ist tot.“ Schon seit neun Jahren. Ich war damals gerade zwanzig und … Ach was, das spielt jetzt keine Rolle.
„Meine jetzt auch“, erwiderte die Frau. Nina.
„Das tut mir leid.“ Was sollte ich auch anderes sagen?
Einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann: „Ich möchte Sie bitten, zur Beerdigung meiner Mutter zu kommen. Wäre Ihnen das möglich? Es ist zwar schon übermorgen, findet aber hier in Hamburg statt. Sie brauchen also keinen weiten Weg auf sich nehmen.“
Ah, gut. Weite Wege mag ich nämlich nicht. Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen und war eigentlich immer nur hier. Als ich noch klein war, ist meine Mutter ab und zu mit mir nach Rügen an die See gefahren. Die See war ja ganz nett, aber dieses Kaff dort … Schon damals war wohl klar, dass ich ein Großstadtmensch bin und es nicht so wirklich mit der Natur habe. Meine Mutter war da ganz anders. Sie liebte die Natur und träumte immer davon, eines Tages mit mir nach Schweden auszuwandern. Überhaupt hatte sie es mit Schweden. Das war irgendwie so ihr Hobby. Kitschige Schweden-Liebesromane, am liebsten von Pia Berglund, hatten es ihr ebenso angetan wie großformatige Bildbände mit Fotos von schwedischen Landschaften. Tja, da passte es natürlich, dass sie bei einer großen schwedischen Möbelhauskette arbeitete … Sie wissen bestimmt sofort, welche ich meine. Die Kolleginnen waren so was wie eine Familie für sie, und dank des Mitarbeiterrabatts gab es bei uns natürlich ausschließlich Möbel dieser Kette. Ich habe diese Teile mit den dämlichen schwedischen Namen gehasst. Noch mehr habe ich es gehasst, mit meiner Mutter durchs Möbelhaus zu bummeln, wenn mal wieder etwas gebraucht wurde. Stundenlang hat sich das jedes Mal hingezogen! Und die beliebten Köttbullar? Richtig, die habe ich auch gehasst. Überhaupt war Schweden und alles, was damit zusammenhing, schnell ein rotes Tuch für mich. Ist es auch bis heute. Meine Mutter ließ sich davon nicht beirren. Ziemlich oft sprach sie auch davon, zumindest mal nach Schweden in den Urlaub zu fahren. Aber dafür reichte das Geld dann doch nie.
Wie dem auch sei, die Frage, die sich mir während des Telefonats mit Nina stellt, ist nicht die, ob es mir möglich ist, zur Beerdigung dieser ominösen Tante Hedwig zu fahren, sondern vielmehr, warum ich das tun soll. Ich kannte diese Frau schließlich nicht.
„Sie war die Schwester Ihrer Mutter“, scheint Nina meine Gedanken zu erraten. „Und es war Ihr letzter Wunsch, dass Sie zu ihrer Beerdigung kommen. Ich … ich soll Ihnen dann auch etwas überreichen.“
„Etwas überreichen?“ Ich horche auf. Was kommt jetzt?
„Ja, einen versiegelten Umschlag. Klingt ganz schön geheimnisvoll, was?“
Geheimnisvoll? Nö. Eher ziemlich strange. Und für mich steht in diesem Moment fest, dass ich ganz bestimmt nicht zu dieser Beerdigung kommen werde. Ich kannte die Verstorbene nicht, habe nie etwas mit ihr oder ihrer Familie zu tun gehabt. Warum, um Himmels willen, soll ich dieser Trauerfeier beiwohnen?
Tja, nun bin ich also doch hier gelandet. Auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg. Warum? Fragen Sie mich was Leichteres. Nach dem Anruf hatte ich eine ziemlich komische Nacht, in der ich viel von meiner Mutter geträumt habe. Gestern konnte ich dann den ganzen Tag lang an nichts anderes als diese geheimnisvolle Tante Hedwig denken. Was mochte sie für eine Frau gewesen sein? Warum hatte meine Mutter mir nie von ihr erzählt? Und was war das für ein Umschlag, den ihre Tochter mir auf der Beerdigung überreichen soll?
Ja, ich war versucht, Nina mit der Bitte anzurufen, mir den Umschlag einfach per Post zu schicken, weil ich aus beruflichen Gründen nicht zur Trauerfeier kommen könne. Aber irgendwie wäre das doch ziemlich pietätlos gewesen – und außerdem eine glatte Lüge. Denn was die Arbeit betrifft, ist es bei mir nicht gerade so, als ließe sie mir kaum Luft zu atmen. Ich gehöre nämlich nicht zu denen, die mit Beginn der Volljährigkeit mit einem super Abi im Gepäck eine eindrucksvolle Karriere hingelegt haben. Ja, ich habe ein gutes Abi. Jetzt nicht spitzenmäßig toll, aber ganz brauchbar, doch. Das Problem war nur, dass ich von Anfang an keinen Schimmer hatte, wozu ich es brauchen sollte. Ich hatte noch nie einen richtigen Berufswunsch, wollte weder Ärztin noch Rechtsanwältin oder sonst irgendetwas werden. Nicht mal Tierpflegerin. Nicht, dass ich Tieren so gar nichts abgewinnen kann. Aber vor Hunden habe ich Angst, Katzen sind mir auch nicht geheuer, und was eine Tierpflegerin so alles machen muss, hat ja doch wieder viel mit Natur und so zu tun, und mit der stehe ich ja, wie schon erwähnt, so ein bisschen auf Kriegsfuß.
Nach dem Abi habe ich also erst mal ein bisschen rumgehangen und gar nichts gemacht. Wahrscheinlich wäre das auch so weitergegangen, wenn … ja, wenn der plötzliche Tod meiner Mutter eben diesem Plan nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Es dauerte ein paar Tage, bis mir klar wurde, dass es nach der Zeit der Trauer irgendwie weitergehen musste. Sprich: Ich brauchte Geld, und zwar nicht zu knapp. Zwar bekam Geld aus der Lebensversicherung meiner Mutter ausgezahlt, aber da es eine Kapitallebensversicherung war und meine Mutter noch nicht allzu lange eingezahlt hatte, hielt sich die Höhe der Summe in Grenzen. Wohnung, Lebensunterhalt … all das kostet ja nun mal und musste auch in Zukunft bezahlt werden. Also dachte ich auch gar nicht erst über eine schlecht bezahlte Ausbildungsstelle nach, sondern suchte mir gleich was „Richtiges“. Gelandet bin ich dann recht schnell bei einem großen Telekommunikationsunternehmen. Als Call-Center-Agentin. Die haben sich damals weder für Berufserfahrung noch für sonstige Referenzen interessiert und wohl so ziemlich jeden genommen, von der Studentin bis zum gerade arbeitslos gewordenen fünfzigjährigen Bauarbeiter. Hauptsache, man verfügte über eine einigermaßen angenehme Telefonstimme. Ja gut, die Bezahlung war jetzt auch nicht gerade super, aber es reichte, um über die Runden zu kommen, und es sollte ja nicht für immer sein. Sagte ich mir damals.
Und sage ich mir heute noch.
Worauf ich eigentlich hinauswollte: Ich kann mir meine Schichten da relativ frei einteilen und auch kurzfristig mal was umstellen. Brauchte ich in diesem Fall aber gar nicht, weil ich am Tag von Tante Hedwigs Beerdigung, also heute, sowieso Spätschicht habe. Von halb vier bis Mitternacht (ja, auch spät abends und sogar mitten in der Nacht rufen noch irgendwelche bescheuerten Kunden an, die Fragen zu ihrer Rechnung oder sonst irgendwelche Probleme haben – sorry, sollte ich jetzt aus Versehen Sie damit angesprochen haben). Und da mich die vielen Fragen, die seit Ninas Anruf in meinem Kopf herumspuken, einfach nicht mehr losließen, beschloss ich schließlich, den Wunsch meiner unbekannten Tante nachzukommen und ihr einen ersten und letzten Besuch abzustatten.
Als ich Nina nun gegenüberstehe, ihr die Hand schüttele und ein ehrliches, aber unbeholfenes „Tut mir leid“ über die Lippen bringe, schaue ich ihr in die Augen. Eigentlich wollte ich das vermeiden, aber nun ist es halt so. Was ich sehe, ist Trauer, aber auch ehrliche Freude darüber, dass ich gekommen bin. Es scheint ihr viel daran zu liegen, den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen.
„Danke“, sagt sie dann auch. „Danke, dass Sie … dass du gekommen bist.“
Nun bin ich froh, hier zu sein. Nicht nur, weil ich meine vielen Fragen beantwortet haben möchte, sondern auch wegen Nina. Ich weiß, wie es jetzt in ihr aussieht, oder kann es mir zumindest sehr gut vorstellen. Schließlich habe ich das auch schon durchgemacht.
„Es ist doch okay, wenn wir uns duzen?“, fragt sie nach einer Pause unsicher. „Ich meine, wir sind ja immerhin Cousinen.“
Ja, richtig, das wird mir jetzt erst bewusst. Ich habe eine Cousine. „Klar“, sage ich dann auch sofort.
Sie lächelt, als sie nach rechts deutet. Neben ihr stehen ein Junge von etwa sieben oder acht Jahren und ein großer, schlanker, ein wenig biederer wirkender Mann. „Das sind mein Mann Mike und mein Sohn Kai“, sagt sie. „Mike, Kai, das ist Sandra.“
Ich nicke ihnen zu und ringe mir ein Lächeln ab.
„Ich gehe mal nicht davon aus, dass du nachher mitkommen willst, oder?“, fragt Nina noch. „Also, du weißt schon, wenn wir noch eine Kleinigkeit essen gehen …“
Natürlich weiß ich. Der Leichenschmaus. Mir läuft es schon bei dem Gedanken daran kalt den Rücken hinunter. Ich kann diesem Brauch so gar nichts abgewinnen. Sicher ist mir klar, dass es für viele Hinterbliebene wichtig ist, aber für mich ist das nichts. Damals bei meiner Mutter … sie hatte neben der Lebensversicherung auch eine hohe Sterbegeldversicherung abgeschlossen. Meine Mutter war zwar noch nicht alt gewesen, wollte aber wohl als Alleinerziehende für den Fall der Fälle vorgesorgt haben. Jedenfalls hat die Frau vom Bestattungsinstitut sich direkt um alles gekümmert, und zwar so, dass der volle Betrag ausgeschöpft war. Auch für eine Nachfeier sorgte sie dabei, und so saß ich nach der Beerdigung im Kreise von Nachbarn und Kolleginnen meiner Mutter zusammen. Alles Leute, die ich nicht oder kaum kannte. Verwandte waren ja keine mehr da.
Ich schüttele den Kopf. „Tut mir leid, aber ich muss nachher noch arbeiten und …“
„Ist schon okay.“ Rasch öffnet sie ihre Handtasche und holt etwas daraus hervor: einen braunen A5-Umschlag. „Hier“, sagt sie. „Den soll ich dir geben. Ich hab mal meine Nummer drauf notiert. Vielleicht hast du ja Lust, dich mal zu melden, dann könnten wir uns ein bisschen kennenlernen …“
Ich nehme den Umschlag entgegen und sehe Nina an. „Ja“, sage ich und meine es ehrlich. „Klar, ich melde mich. Versprochen.“
Drei Stunden später, gegen vierzehn Uhr, betrete ich Jans und meine Wohnung. Ich habe den Brief noch nicht geöffnet. Eigentlich wollte ich es sofort tun, noch im Wagen auf dem Parkplatz vom Friedhof. Aber irgendwie konnte ich nicht. Stattdessen habe ich noch einen Spaziergang gemacht und bin anschließend eine ganze Weile ziellos herumgefahren.
Und natürlich habe ich noch die Zwiebeln besorgt. Allerdings, wie ich gestehen muss, nicht im Bio-Laden, weil dort kein Parkplatz zu bekommen war, sondern im Supermarkt. Wo ich mir auch gleich noch eine Tafel Schokolade gekauft habe. Die mit ganzer Nuss. Die mag ich besonders gerne.
Natürlich habe ich nicht vor, Jan zu sagen, dass die Zwiebeln aus dem Supermarkt sind. Das würde ihn nur unnötig aufregen. Und für den Hustensaft wird das ja wohl reichen.
Ich drücke die Wohnungstür hinter mir zu, lege Handtasche und Schlüsselbund auf die Kommode (die übrigens nicht vom bekannten schwedischen Möbelhersteller stammt), und hänge meine Jacke an die Garderobe. Gerade will ich Jan Bescheid geben, dass ich wieder da bin, als ich ihn aus dem Schlafzimmer qualvoll aufstöhnen höre.
Automatisch verdrehe ich die Augen. War ja klar. Nachdem er wahrscheinlich die ganze Zeit wie das blühende Leben in der Wohnung herumgeturnt ist, muss er jetzt wieder, kaum dass er mich gehört hat, den Schwerkranken geben. Ich schüttele den Kopf. Diese Männer-Grippe ist eine wirkliche Plage.
Wieder das Stöhnen. Dieses Mal noch lauter, noch gequälter. Jetzt höre ich auch eine Art Röcheln. Ich runzele die Stirn, verspüre einen Anflug von Besorgnis. Vielleicht ist ja doch etwas mit Jan? Was, wenn er keine Luft mehr bekommt und schon ganz blass und mit blau angelaufenen Lippen auf dem Boden neben dem Bett liegt?
Jetzt bekomme ich es doch mit der Angst. Stürme zum Schlafzimmer, stoße die Tür auf – und bleibe wie erstarrt stehen, während sich die Szenerie vor mir in mein Gedächtnis einbrennt. Immer tiefer und tiefer, damit auch ja nie wieder etwas davon verloren geht: Da liegt er nämlich, mein Verlobter. Allerdings nicht, wie befürchtet, neben unserem Bett, sondern auf dem Bett. Rücklings. Nackt. Auf ihm sitzt eine sexy Blondine, höchstens Anfang zwanzig, und reitet wie der Teufel. Und Jans vermeintliches Röcheln entpuppt sich als lustvolles Gestöhne.
„Ich habe die Zwiebeln mitgebracht. Für deinen Hustensaft.“
Seltsamerweise sind es genau diese Worte, die in diesem Moment über meine Lippen kommen. Man stelle sich das mal vor: Da erwische ich meinen Verlobten beim Seitensprung mit einer sexy Blondine, und ich rede von Zwiebeln und Hustensaft.
Nun, zumindest in einer Hinsicht verfehlen meine Worte ihre Wirkung nicht: Endlich bemerken Jan und seine Geliebte mich. Während die sexy Nackte mich nur verdattert anstarrt, reißt Jan erschrocken die Augen auf, bemüht sich, seine Gespielin von sich runter zu bugsieren, was sich als gar nicht so einfach erweist, weil die mit einem Mal versteinert zu sein scheint, und stammelt etwas von „Sandra, ich … Also … das ist nicht so, wie es aussieht, ich … Betty ist eine Kollegin und hat mir nur ein paar Medikamente aus der Apotheke mitgebracht …“
Nun, meinem Herrn Verlobten scheint nicht wirklich klar zu sein, dass sein armseliges Gestammel alles nur noch schlimmer macht. Damit, dass er von seiner Betty Medikamente aus der Apotheke annimmt, um fit genug für Bettsport mit ihr zu sein, während ich ihm Zwiebel für seine blöden Hausmittelchen kaufen muss, sammelt er jedenfalls keine Pluspunkte bei mir. Plötzlich bin ich sehr froh, dass ich nicht doch noch extra für ihn in den Bioladen gegangen bin.
Ich weiß auch nicht, warum ich in dieser Situation so … ruhig bleibe. Hätte ich anders reagieren sollen? Schreien? Um mich schlagen? Meine Nebenbuhlerin an den Haaren aus dem Zimmer zerren und sie nackt, wie Gott sie vor höchstens zweiundzwanzig Jahren geschaffen hat, vor die Wohnungstür setzen?
Möglich. Aber alles, was ich mache, ist, mich umzudrehen, in die Diele zu gehen und den Hemdchenbeutel mit den drei Zwiebeln aus meiner Tasche zu nehmen; dann gehe ich zurück ins Schlafzimmer, wo sexy Blondchen sich inzwischen bequemt hat, von meinem Verlobten abzusteigen; hilflos steht sie jetzt da und hält sich meine – meine! – Bettdecke vor ihren knackigen Körper, um ihre Nacktheit zu verdecken.
Im Gegensatz zu Jan. Der scheint, weiterhin auf dem Rücken liegend, noch immer nicht realisiert zu haben, dass seine Betty nicht mehr auf ihm sitzt, und macht keinerlei Anstalten, sich in irgendeiner Form zu bedecken. Einen Moment lang ruht mein Blick auf seinem halbschlaffen kleinen Freund. Immerhin hat Jan an ein Kondom gedacht, geht es mir durch den Kopf.
Ich stelle mich vor sexy Betty hin. „Hier“, sage ich, noch immer überraschend ruhig, und reiche ihr den Beutel. Mit der nun freien Hand streiche ich mir das Haar zurück hinters Ohr. „Die Zwiebeln für Jans Hustensaft. Das Rezept liegt auf der Arbeitsplatte in der Küche.“
Verdattert ergreift sie den Beutel, ohne die Decke – meine Decke! – loszulassen. Mein Blick wandert noch einmal zu Jan hinüber, dann drehe ich mich um und verlasse mit langsamen Schritten das Schlafzimmer, noch immer ganz ruhig. Jan ruft mir noch irgendetwas hinterher, aber ich beachte seine Worte gar nicht.
Zwanzig Minuten später sitze ich in der Filiale einer Fast-Food-Kette (Sie wissen schon, das große M) und mache mich gierig über Unmengen Burger, Pommes und Cola her.
Und wenn Jan jetzt hereinkäme und mich dabei erwischen würde, wie ich dieses „Zeug“ in mich hineinstopfe, wäre es mir … scheißegal, jawohl!
Wissen sie, warum ich zu einem Fast-Food-Menü immer Cola light statt der zuckerhaltigen Variante wähle? Falls ja, dann sind Sie schlauer als ich. Ich habe nämlich keine Ahnung.
Sicher, ich könnte natürlich sagen, Burger, Pommes und Ketchup oder Majo haben schon genug Kalorien, da will ich wenigstens beim Getränk sparen – aber mal ehrlich, was soll das da noch bringen? Wahrscheinlich liegt es also einfach nur daran, dass ich mir so vormachen kann, doch irgendwie auf meine Figur zu achten. Was auch immer es ist, an diesem Tag ist es mir sowieso egal. Ernsthaft: Ich habe meinen Verlobten soeben in flagranti mit einer sexy blonden Betty erwischt. Was soll ich mich da um solche Lappalien kümmern?
Nachdem ich den ganzen Kram in mich hineingestopft habe, nehme ich mein Handy und rufe auf der Arbeit an. Sage, dass ich heute unmöglich kommen kann, weil ich meinen Verlobten gerade beim Fremdgehen erwischt habe.
„Ach du meine Güte“, erwidert meine Abteilungsleiterin am anderen Ende der Leitung unbeholfen. So viel Offenheit scheint etwas viel für sie zu sein. „Ich … weiß nicht, was ich sagen soll. Das tut mir soooo leid, meine Liebe. Klar, nimm dir erst mal frei, wir regeln das hier schon.“
Nach dem Telefonat überlege ich, ob ich noch ein Softeis essen soll, doch ich bin zu faul zum Aufstehen. Stattdessen kommt mir wieder meine Tante Hedwig in den Sinn. An den Brief, den mir ihre Tochter gegeben hat, habe ich wegen Jan und seiner sexy Betty gar nicht mehr gedacht. Nun krame ich ihn aus meiner Handtasche hervor. Ein einfacher brauner Umschlag, wie ich es ja auf dem Friedhof schon feststellen konnte. Erst jetzt bemerke ich jedoch, ist, wie er versiegelt wurde: nämlich auf die ganz altmodische Weise, mit Bändchen und Wachsstempel. Mein Name oder irgendetwas anderes steht übrigens nicht auf dem Kuvert.
Einen Augenblick sitze ich reglos da, überlege, was ich tun soll. Öffnen ist sicher naheliegend, aber irgendwie bin ich unschlüssig. Vor allem wohl deshalb, weil ich keine Ahnung habe, was mich dabei erwartet. Etwas Wichtiges? Etwas, das mein Leben verändert? Klingt komisch, aber ich gehe beinahe davon aus. Warum sonst dieser ganze Aufwand? Immerhin kannte ich meine Tante überhaupt nicht, und sie mich auch nicht. Wenn sie also einen Brief ausgesetzt hat, den ich nach ihrem Tod bekommen soll, wird da bestimmt nicht bloß „Guten Tag, liebe Nichte, schade, dass wir uns nicht kennengelernt haben“ drinstehen. Nein, es muss etwas anderes sein. Etwas mit Bedeutung. Oder habe ich vielleicht ein Vermögen geerbt?
Ich atme noch einmal tief durch, dann öffne ich den Umschlag und breche damit das Siegel. Heraus ziehe ich ein einmal gefaltetes Blatt Papier und ein Foto. Letzteres sehe ich mir zuerst an. Es zeigt drei Personen, die nebeneinander stehen und in die Kamera lachen. Ein Mann und zwei Frauen. Der Mann steht in der Mitte, die Frau rechts neben ihm kenne ich nicht, die andere Frau aber … ist meine Mutter. Ja, eindeutig. In jungen Jahren zwar, aber es gibt keinen Zweifel, denn ich kenne andere Fotos, auf denen meine Mutter etwa in diesem Alter war. Das muss vor meiner Geburt gewesen sein.
Stirnrunzelnd falte ich nun das Blatt Papier auseinander. Es ist handbeschrieben, die Schrift gut leserlich und sehr sauber.
Liebe Sandra,
wenn Du diese Zeilen liest, weile ich nicht mehr unter den Lebenden. Sicher wirst du dich fragen, warum ich auf diesem Weg mit Dir in Kontakt trete und mich nicht schon eher bei Dir gemeldet habe. Nun, Du kannst mir glauben, dass ich oft genug mit dem Gedanken gespielt habe. Aber am Ende brachte ich es doch nicht über mich. Zuviel ist in der Vergangenheit passiert. Genauer gesagt in einem ganz bestimmten Sommer in Schweden. Es sind Dinge, auf die ich nicht stolz bin. Und die dafür sorgten, dass Deine Mutter mich nie wiedersehen wollte.
Ich kann mir vorstellen, dass Du jetzt viele Fragen haben wirst. Ich kann Dir diese Fragen nicht in diesem Brief beantworten. Das würde den Rahmen sprengen. Aber es gibt eine Person, die Dir alles erklären kann. Sein Name ist Gunnar Eriksson, und was ich Dir jetzt sage, wird Dich sicher sehr durcheinanderbringen. Denn ich weiß, was Deine Mutter Dir über Deinen Vater gesagt hat. Und ich weiß auch, dass sie Dich in dieser Hinsicht belogen hat.
Ich unterbreche das Lesen und hebe den Blick. Moment mal, worauf läuft das hier gerade hinaus? Ich meine, natürlich weiß ich, was meine Mutter mir über meinen Vater erzählt hat. Dass er verunglückt ist, kurz bevor ich zur Welt kam. Keine Ahnung, wie alt ich war, als ich davon erfuhr. Ich glaube vier oder fünf. Ich habe meine Mutter wohl ständig mit Fragen genervt. Die üblichen halt, wenn man nur mit seiner Mutter aufwächst. „Warum haben die anderen Kinder einen Papa“ und so was. Nachdem ich erfuhr, dass mein Papa gestorben ist, war ich erst traurig, aber dann … wie soll ich das sagen? Ich fing an, ihn mir in meiner Fantasie auszumalen, und nach und nach entstand so eine Art Heldenfigur für mich. Irgendwie war mein Papa, den ich nie kennengelernt hatte, doch immer bei mir. Bei Arztbesuchen, an Geburtstagen und Weihnachten, bei der Einschulung … Das ging eine ganze Weile so. Später verblasste das Ganze dann natürlich wieder.
Jetzt zu lesen, dass meine Mutter mich angelogen hatte … Ich schlucke schwer. Nein, das kann nicht sein. Und wieso sollte ich dieser mir völlig unbekannten Frau überhaupt glauben?
Dennoch … zunächst einmal muss ich wohl weiterlesen. Ich senke den Blick wieder und suche den Text nach der entsprechenden Stelle ab.
Dein Vater ist nicht tot, Sandra. Natürlich weiß ich nicht, wann genau du diesen Brief zu lesen bekommst, aber jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, erfreut er sich bester Gesundheit. Zwar habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm, aber ich habe da meine Informationsquellen. Dein Vater ist Gunnar Eriksson, der Mann, der Dir alles erklären kann. Du siehst ihn auf dem Foto zwischen deiner Mutter und mir. Es entstand, als die Zeiten noch besser waren. Allerdings weiß Gunnar bis heute nichts von Dir, sprich: Er weiß nicht, dass er eine Tochter hat. Und deshalb bitte ich Dich, nach Schweden zu fahren und das Gespräch mit ihm zu suchen. Er wird dir eine Menge erklären können – und er hat das Recht darauf, zu erfahren, dass er eine Tochter hat. Leider hat Deine Mutter das anders gesehen und ihm nie etwas gesagt. Auch mir hat sie verboten, darüber zu sprechen. Reise nach Schweden, Sandra, und bring die Dinge in Ordnung.
Deine Tante Hedwig
P. S. Auf der Rückseite des Fotos findest Du Gunnars derzeitige Adresse.
Damit endet der Brief. Und ich sitze da wie festgewachsen. Starre immer weiter auf die Zeilen, die langsam vor meinen Augen verschwimmen. Kann das alles nicht fassen. Ich soll die Tochter eines Schweden sein? Und zu ihm reisen, um ihn von meiner Existenz in Kenntnis zu setzen? Ich und Schweden?
Entschieden schüttele ich den Kopf und streiche mir eine Haarsträhne zurück hinters Ohr. Nein, niemals. Weder zehn Pferde noch hundert Elche werden es je schaffen, mich nach Schweden zu bringen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!
Kuckuck, da bin ich wieder. Und drei Mal dürfen Sie raten, wo.
In Schweden, richtig!
Das ist schon so eine Sache mit mir und meiner Wankelmütigkeit. Ja, ich war fest entschlossen, niemals nach Schweden zu fahren. Überhaupt nie. Auf gar keinen Fall! Erstens kann ich, wie ja schon erwähnt, Schweden einfach nichts abgewinnen, und zweitens bin ich nun mal ein totaler Stadtmensch, und dieser Gunnar Eriksson wohnt, wie ich schnell herausgefunden habe, in einem totalen Kaff. Warum also bin ich jetzt doch hier, werden Sie sich sicher fragen. Nun, eigentlich gibt es dafür mehrere Gründe.
Zum einen sind da die vielen Fragen, die Tante Hedwigs Brief aufgeworfen hat. Ich will nicht so einfach hinnehmen, dass meine Mutter mich wirklich mein ganzes Leben lang belogen haben soll. Sicher können Sie sich vorstellen, dass die Zeilen meiner unbekannten Tante mich weitaus mehr geschockt haben, als es womöglich den Anschein hat. Ich meine, man stelle sich einmal vor, was es bedeutet, wenn meine Tante wirklich nicht gelogen hat: Dann habe ich einen Vater – hatte die ganzen Jahre einen Vater –, von dem ich nichts wusste. Und der bis heute wohl nichts von mir weiß. Dass meine Mutter mich also all die Jahre im Glauben gelassen hat, mein Vater sei tot, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Wie könnte eine Mutter ihrem Kind so etwas antun?
Dieser Sache muss ich also auf den Grund gehen. Und für mich gab es nur eine Möglichkeit, dies zu tun: indem ich mich auf den Weg nach Schweden machte. Nach Paleå, einem winzig kleinen Kaff in Mittelschweden. Wo Gunnar Eriksson (mein Vater?) meinen Internetrecherchen zufolge eine kleine Pension betreibt.
Aber diese Fragen, die so dringend beantwortet werden wollen, sind nicht der einzige Grund für meinen Entschluss, meine Prinzipien über Bord zu werfen und nach Schweden zu fahren. Ein weiterer Grund ist, so verrückt es auch klingen mag, Jan. Ja, der Jan, den ich heiraten wollte und den ich vor nunmehr drei Wochen mit sexy Betty im Bett erwischt habe.
Fassen wir noch mal zusammen: Nachdem ich anschließend aus der Wohnung gestürmt bin, habe ich mich direkt auf den Weg zum großen M gemacht, um Trost in einer Fressattacke zu suchen. Anschließend habe ich Tante Hedwigs Brief gelesen. Immer wieder und wieder. Bin dann spazieren gegangen, um den Kopf freizubekommen. Was natürlich vergebliche Liebesmüh war. Aber an der frischen Luft kam mir dann irgendwann doch der Gedanke, dass es aus oben genannten Gründen gar nicht mal so verkehrt wäre, diesem Gunnar Eriksson einen Besuch abzustatten. Ein Gedanke, den ich sofort wieder verschlug. Und warum – beziehungsweise wegen wem?
Richtig, wegen Jan!
Plötzlich dachte ich nämlich daran, dass es Jan sicher nicht gefallen würde, wenn ich allein wegfahre.
Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich musste mich praktisch daran erinnern, dass ich Jan erst vor wenigen Stunden beim Poppen mit einer Jüngeren zusehen „durfte“. Und um diesen verlogenen Mistkerl machte ich mir tatsächlich noch einen Kopf? Das musste aufhören, und zwar schnell!
Ich beschloss, nach Hause zu fahren, um Jan vor die Tür zu setzen. Der Mietvertrag der Wohnung ist von Anfang an auf mich ausgestellt gewesen, weil ich zuerst allein dort wohnte, bis Jan zu mir gezogen ist. Und es war ja wohl klar, dass ich unter diesen Umständen auf keinen Fall mehr mit ihm zusammenwohnen konnte.
Doch schon auf dem Weg nach Hause überkamen mich Zweifel. Sicher bereute Jan längst, was er getan hatte. Und ein Ausrutscher kann schließlich jedem mal passieren, dachte ich plötzlich, als ich daheim aus dem Wagen stieg und auf das Mehrfamilienhaus zuging, in dem sich meine Wohnung befindet. Überhaupt – was sollte ich denn ohne Jan in Zukunft machen? Mein ganzes Leben war schließlich auf ihn ausgerichtet. Und ihm erging es sicher ebenso. Er wusste doch überhaupt nicht, wohin. Konnte ich ihm das wirklich antun, ihn so einfach vor die Tür zu setzen?
Tja, die Illusion, dass Jan in irgendeiner Weise auf mich angewiesen war, zerplatzte in dem Moment wie eine Seifenblase, in dem ich unsere – meine – Wohnung betrat.
