5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €
Das Liebeschaos vor der Kulisse Londons geht weiter
Eine romantisch-turbulente Liebeskomödie, die ans Herz geht
Sue Watson hat eigentlich alles, was das Herz begehrt: eine glückliche Beziehung mit Rupert, ihrem Chef, und einen herausfordernden, kreativen Job beim besten Verlag Londons. Selbst eine Einladung zu einer waschechten Filmpremiere steht auf dem Plan! Sue schwebt im Glück – wäre da nicht die Freundschaft zu ihrem Ex-Verlobten Lance, die noch gerettet werden muss und ein folgenschwerer Auftritt in einer Liveübertragung mit Neuautor Ben Forster, der das Chaos gehörig ins Rollen bringt: Nicht nur landet sie ungefragt einen viralen Hit, nein, sie kriegt auch noch ein Jobangebot eines ominösen Fremden. Als sich dann auch noch Rupert immer distanzierter verhält, gilt es für Sue herauszufinden, wie sie ihr Glück festhalten kann. Immerhin naht Weihnachten, das Fest der Besinnung, Vergebung und Liebe – was könnte also schon schief gehen?
Erste Leserstimmen
„Zum Mitlachen, Mitfühlen und Verlieben!“
„Sue Watson in ihrem Gefühlschaos zu begleiten hat wieder sehr viel Spaß gemacht.“
„Eine romantische Komödie mit unvergleichlich erfrischendem Schreibstil!“
„Leichter, humorvoller und unterhaltsamer Liebesroman, perfekte Urlaubslektüre.“
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 476
Veröffentlichungsjahr: 2021
Sue Watson hat eigentlich alles, was das Herz begehrt: eine glückliche Beziehung mit Rupert, ihrem Chef, und einen herausfordernden, kreativen Job beim besten Verlag Londons. Selbst eine Einladung zu einer waschechten Filmpremiere steht auf dem Plan! Sue schwebt im Glück – wäre da nicht die Freundschaft zu ihrem Ex-Verlobten Lance, die noch gerettet werden muss und ein folgenschwerer Auftritt in einer Liveübertragung mit Neuautor Ben Forster, der das Chaos gehörig ins Rollen bringt: Nicht nur landet sie ungefragt einen viralen Hit, nein, sie kriegt auch noch ein Jobangebot eines ominösen Fremden. Als sich dann auch noch Rupert immer distanzierter verhält, gilt es für Sue herauszufinden, wie sie ihr Glück festhalten kann. Immerhin naht Weihnachten, das Fest der Besinnung, Vergebung und Liebe – was könnte also schon schief gehen?
Erstausgabe Oktober 2021
Copyright © 2023 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-96817-741-0 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-761-8
Covergestaltung: Anne Gebhardt unter Verwendung von Motiven von freepik.com: © macrovector, © freepik.com shutterstock.com: © kiuikson, © Dean Drobot, © ASDF_MEDIA Lektorat: Katharina Strzoda
E-Book-Version 23.08.2023, 11:40:51.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier
Website
Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein
Newsletter
TikTok
YouTube
O Gott, das ist furchtbar.
Einfach nur furchtbar.
Ich weiß gar nicht, warum ich nicht einfach Nein gesagt habe. Das dürfte doch nicht so schwer sein. Ich hätte Ben tief in die Augen blicken und mit aller Kraft „Nein!“ sagen sollen. Aber jetzt sitze ich mit geschlossenen Augen hier, in einem Raum oberhalb unseres Verlagsbüros, zusammen mit acht anderen Menschen, und versuche nicht zu denken. Dabei denke ich an so einiges.
Ben schlägt sanft gegen eine Klangschale. „Fühlt die Vibrationen … wie sie durch euren Körper schwingen …“
Zum Beispiel denke ich daran, dass ich dringend noch den Klappentext von Bens Buch fertigstellen muss. Wobei das Manuskript noch gar nicht zu Ende geschrieben ist. Ehrlich gesagt bin ich nicht mal sicher, ob er schon angefangen hat, seine Tagebucheinträge in ein ordentliches Format zu übertragen, auf richtigem Papier, mit ausreichend Adjektiven und Kommasetzung und so.
Ich atme tief durch, blase meine Wagen auf.
Im Grunde genommen ist das alles Marcs Schuld. Seit dem einen Männerabend bei ihm zu Hause ist Bens Jungle Feeling unser Topprojekt. Keine Ahnung, was für ein Buschgewächs genau sie durchgezogen haben, aber plötzlich hieß es nur noch „Zeichen der Urmutter“ und „Hollywood wird es lieben!“ (Ich weiß wirklich nicht, ob Hollywood überhaupt etwas davon mitkriegen wird. Obwohl Marc meinte, er hätte in seinen Schauspielkreisen Verbindungen und könnte Ben problemlos mit Guy Ritchie bekannt machen.) Rup war davon weniger begeistert, musste sich allerdings auch eingestehen, dass das angestrebte interaktive Konzept für Bens Buch bei unseren anderen Projekten von A Wisdom’s Journey schon unglaublich gut funktioniert. Diese Mehrteiler sind regelrechte Bestseller in allen Altersklassen. Viel spannender und interessanter als all die anderen staubigen Schinken über Allgemeinmedizin und Quantenphysik. Auch verstehe ich das meiste, was ich lese, was ganz erfrischend ist (bis auf den Band „Der Mythos des Pythagoras“, in dem es um den Ursprung der Zahlen und der Mathematik geht. Himmel, war das ein zäher Wälzer).
Generell hat sich unser Image unter der Führung von Rup in den letzten zwei Monaten ziemlich gewandelt. Seit er und nicht mehr sein Vater das Sagen hat, sind wir unheimlich hip unterwegs, mit neuem Briefpapier, dem modernen abgeschliffenen Holzboden und unseren Bluetoothmäusen. Obwohl er etwas viel arbeitet und oft und gerne an Fernsehabenden auf der Couch einschläft, leitet er den Verlag mit fester Hand, sodass wir auf einem guten Weg sind, uns zwischen der Konkurrenz zu etablieren. Wir kriegen viele Anfragen und Zuschriften, haben unserem Team offiziell den Begriff Team verliehen (kein Witz, steht auf der Homepage und an der Kühlschranktür) und können uns insgesamt nicht beklagen.
Und nun bin ich hier, stellvertretend für den Verlag, und weil Ben meinte, es würde ihm sehr viel bedeuten. Im ersten Moment musste ich mit Schrecken an die letzte Meditation mit ihm in der Nacht vor der Hochzeit denken, aber da er mir versichert hat, dass heute nichts geräuchert wird, habe ich zugesagt. Außerdem meinte Ben in seiner sonoren Art und Weise, dass es lediglich darum gehe, Frieden und Ruhe in die Welt zu tragen. Ich kann mich an einige Ausdrücke erinnern, aber das Wort Liveübertragung hat er beim besten Willen nicht erwähnt.
„… spürt, wie die Klänge eure Muskeln lösen …“
Meine Güte. Ich hätte nichts gegen etwas, das meine Muskeln löst. Ernsthaft, ich glaube, ich bringe meine Beine nie mehr aus diesem Knoten. Selbst mein Kopf ist durch das ständige gerade Hochhalten völlig versteift und ich glaube, mein Rücken ist eingeschlafen.
„Wir atmen tief ein … wir ziehen die Luft durch unsere Lungen, lassen sie jede unserer Zellen durchströmen …“
Um ehrlich zu sein, ist es doch wie damals in Hertfordshire. Miranda sitzt erneut neben mir, atmet wie eine Dampflok und bringt mich komplett aus meiner Routine. Ich versuche es ihr gleichzutun und sie zu ignorieren.
Ein und aus. Ein … und aus.
Aber ich kann sie nicht ignorieren. Nicht, wenn sie so atmet. Und nicht, wenn sie so nah neben mir sitzt, das macht mich ganz nervös. Tatsache ist: Jetzt, da wir seit einer guten Dreiviertelstunde zusammen in einem Raum sind, will ich sie zur Seite ziehen und über Lance ausfragen. Immerhin verbringen sie andauernd Zeit miteinander. Natürlich hat mir Sophie vor ein paar Tagen das Video von den beiden auf dem Eisfeld geschickt, aber es brennt mir unter den Nägeln. Morgen sind es schon drei Monate, in denen Lance und ich nicht mehr gesprochen haben. Drei Monate seit unserer geplatzten Hochzeit. Ben selbst hält sich mit Informationen zurück und versichert mir stets, dass die Zeit alle Wunden heile und Lance noch mehr davon braucht. Von der Zeit offensichtlich, nicht den Wunden. Also gedulde ich mich und warte auf den richtigen Moment. Ich hoffe, Ben hat damit recht, zumindest sind sie beste Freunde. Er muss es also wissen, richtig?
Davon abgesehen bin ich mir ziemlich sicher, dass Miranda mir nicht antworten würde. Als sie den Raum betreten hat, versuchte ich es mit einem freundlichen „Hallo, Miranda“, woraufhin sie mir mit einer flotten Drehung ihre rote Mähne ins Gesicht geworfen und mich keines Blickes gewürdigt hat. Da ist also keine Spur von Frieden oder Ruhe. Wobei ich mich nur bei Lance entschuldigen will. Für die Art und Weise, wie wir auseinandergegangen sind, für den Kuss mit Rup am Abend vor der Hochzeit und dafür, dass ich nicht ehrlich zu ihm war. Ich will mit ihm reden können, von einem Erwachsenen zum anderen. Ich will wieder an den Punkt gelangen, an dem wir uns in die Augen blicken können und es okay sein wird, dass er mit Miranda zusammen ist und ich mit Rup zusammen bin. Es wäre … Es wäre einfach schön.
Aber stattdessen sitzt sie da, ignoriert mich eiskalt und straft mich mit ihrer Atmerei.
Vorsichtig schiele ich durch meine Wimpern. Das rote Licht der Kamera vor uns ist geradewegs auf mich gerichtet, und weil es mich blendet, schließe ich die Augen schnell wieder.
Gott sei Dank habe ich mich für das kurze Top entschieden. Während draußen gefühlte Minusgrade sind, herrschen hier drin bestimmt gute dreißig Grad. Ich frage mich weshalb, und gleichzeitig verwerfe ich den Gedanken, so wie immer, wenn es etwas mit Ben zu tun hat. Als ich ihn nach dem Grund fragte, warum er denn alles immer halbnackt tun müsse, antwortete er mit einem halbstündigen Plädoyer und sagte Dinge wie „es fördere die Rückkehr und den Respekt zur Natur“ und „der Naturismus werte die Elemente Sonne, Luft und Wasser auf“, woraufhin ich dann nur meinte: „Okay“.
„Und wir lassen unsere Gedanken los … Wir lösen unseren Geist …“
Geist lösen. Geist lösen.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie der Sex mit Ben sein muss. Wahrscheinlich unglaublich langsam. So richtig, richtig langsam.
„… fühlt die Schwerelosigkeit, die euch umgibt wie eine warme Brise …“
Und tiefgehend. In einer spirituellen Art. Nicht anatomischen. Vielleicht sollte ich mal Ellie fragen, nur so aus Neugierde.
Keinen Schimmer, wieso ich jetzt solche Sachen denke.
Auf jeden Fall bin ich froh um die Ablenkung, die Jungle Feeling mit sich bringt. Zumindest scheint schon reges Interesse an Ben und seinen Erfahrungen in den Dschungeln rund um den Globus zu bestehen. Aufgrund seiner Tagebucheinträge haben wir einen Blog ins Leben gerufen, drei neue IT‑Mitarbeiter eingestellt und ein paar Meditationsveranstaltungen organisiert (wovon diese hier die erste ist). Zu unserem Erstaunen sind die nächsten Sitzungen alle beinahe ausgebucht, weswegen wir uns dazu entschieden haben, den leer stehenden Raum zwei Stockwerke über dem Verlag dazu zu mieten. Und nun verweilen wir hier bei schummrigem Licht zwischen unzähligen Büschen und komischen Tiergeräuschen, die irgendwo aus einem versteckten Lautsprecher kommen müssen.
„Euer Geist beginnt zu schweben …“
Aber nun gut.
Der heutige Kurs dauert genau eine Stunde und dreizehn Minuten. So lange geht das. Und in etwa 24 Minuten … wird mir der Sauerstoff ausgegangen sein. Echt jetzt, was macht Miranda da?
Ben schlägt erneut sanft gegen ein paar Schüsseln.
Egal. Ich muss mich auf mich konzentrieren. Schließlich habe ich das schon einmal geschafft.
Langsam neige ich meinen Kopf von einer Seite zur anderen und versuche, die Schwerelosigkeit vordringen zu lassen. Ich löse mich von meinen Gedanken, lasse sie ziehen …
Dabei fällt mir ein, dass ich mich endlich mal um ein Kleid kümmern sollte. Bis zur Premiere von Marcs neuem Film sind es nur noch zehn Tage. Schon allein beim Gedanken daran durchflutet mich die pure Vorfreude und ich werde ganz hibbelig. Ich liebe Filme. Ich liebe Filmstudios, Dreharbeiten, Blicke hinter die Kulissen. Einmal durfte ich die Harry-Potter-Studios draußen in Leavesden besuchen und war kurz davor, mich dort für einen Job zu bewerben, als ich just die Zusage vom Verlag gekriegt habe. Und nun darf ich selbst ein Teil davon sein, hochoffiziell im Curzon in Mayfair, mit rotem Teppich, geladenen A-Promis, Schauspielern, Cherrytomaten an Spießen und alles. Es ist Marcs erster großer Schritt von der Theaterbühne auf die Filmleinwand und ich kann es gar nicht mehr erwarten, die funkelnde Atmosphäre aufzusaugen wie ein Schwamm. Als ich Sophie gefragt habe, ob sie sich denn auf ihren ersten offiziellen Auftritt an der Seite von Marc freut, hat sie gekichert und ist rot angelaufen. Meine beste Freundin – rot angelaufen! Ich glaube, der Idiot tut ihr richtig gut (ihre Worte, nicht meine).
Vielleicht kann ich nach der Meditation einen Abstecher in die Oxford Street machen …
Wieder erklingt das sanfte Vibrieren der Schalen.
Um Himmels willen.
Mirandas Knie berührt vor lauter Rumzucken meines. Entweder hat sie eine höhere Stufe der Heilfrequenz erreicht oder sie hat einen epileptischen Anfall. Eigentlich ist der Titel der Meditation Balsam für Körper und Geist, aber so wie ich das sehe, findet hier neben mir ein Exorzismus statt. Echt jetzt, ich würde nur zu gerne hingucken. So ganz unbemerkt.
„Spürt das warme Gefühl der Zufriedenheit, das sich langsam … und stetig … in eurer Brust ausbreitet … Spürt das sanfte Kribbeln unter eurer Haut … die Wärme, die sich aus eurem inneren Sonnengeflecht löst …“
Das Einzige, das ich spüre, ist das schwindende Gefühl in meinen verknoteten Beinen. Und ein Kratzen, das von meinem Rücken ausgeht. Von meinem einstigen Meditationserfolg mal abgesehen, bin ich dafür einfach nicht geschaffen. Mir ist bewusst, dass ich mich eigentlich leichter fühlen sollte, aber irgendetwas scheine ich falsch zu machen. Irgendwie habe ich das Gefühl, als würde eine Last auf mir liegen.
„Öffnet euren Geist, damit das Licht durch eure Mitte strömen kann … Die Schwere, die sich auf euren Häuptern und Schultern befindet, schwindet und verblasst … Stellt euch nun vor, wie sich das Licht weiter ausbreitet …“
Ich blinzle. Ich muss einfach. Ohne meinen Kopf zu bewegen, erkenne ich Miranda, die mit offenem Mund den Kopf in den Nacken gelegt hat. Schnell lasse ich meinen Blick über die sieben anderen Köpfe schweifen. Einige Teilnehmer sind eingenickt, andere sitzen stocksteif da und wieder andere haben … Moment mal.
„Lasst die aufkommenden Gedanken gewähren … gebt ihnen Raum und Beachtung …“
Neben meinem Ohr beginnt es zu Knacken und zu Knabbern. Was zum …
„… nehmt eure Umgebung wahr …“
Plötzlich löst sich etwas Nasses von meiner Schulter und läuft in einem kribbelnden warmen Rinnsal meinen Arm hinunter. Ich zähle eins und eins zusammen und halte automatisch die Luft an. Die Last auf meiner Schulter. Die Geräusche aus den Büschen. Kantige feuchte Stückchen von irgendwas, die in mein Dekolleté und auf meine Beine fallen. Die flauschigen dünnen langen Seile, die hinter den anderen Teilnehmern hervorgucken.
O mein Gott.
Ich bin 3 Sekunden von einer Panikattacke entfernt.
Völlig in meine mathematischen Grundkenntnisse vertieft, brauche ich ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass der Lift bereits in unserem Stockwerk angekommen ist.
Wenn ich mich nicht verzählt und das anstehende Interesse an Bens Kursen richtig miteingerechnet habe, dann müssten um die hundert Leute den Livestream verfolgt haben. Oder, wenn ich Pech habe, tausend. Tausend Leute, die mir dabei zugesehen haben, wie ich …
Gut.
Eigentlich möchte ich gar nicht daran denken. Ich hoffe nur inständig, dass Rup, Mum, Dad, Sophie, die Kollegen und Orlando Bloom die Liveübertragung nicht gesehen haben. Und Marc. Marc würde sich bestimmt noch in zehn Jahren daran erinnern und jedes Mal erneut einen Lachanfall bekommen.
Mit der letzten mir aufzubringenden Würde schließe ich die Tür zu unserem Büro auf.
„Sue!“ Marcy springt bei meinem Anblick auf, besinnt sich dann eines Besseren und setzt sich eilig wieder hin, tunlichst darauf bedacht, mich nicht anzuschauen. Ich versuche, ihren Blick zu ignorieren, und recke mein Kinn in die Luft. „Es ist alles gut. Alles bestens.“
So ruhig wie möglich, gehe ich an ihrem Tisch vorbei. Die Gespräche im Großraumbüro verstummen langsam, bis auf Joshs, der Gott sei Dank am Telefon hängt.
„Liem?“ Bemüht gelassen komme ich vor dem Tisch des jungen Inders zum Stehen und streiche mein Top zurecht. „Würdest du bitte … bitte die Übertragung der Meditation eben von Bens Homepage löschen? Und dem Blog? Und …“ Flüchtig schaue ich zu den anderen. „… wenn du gerade dabei bist … aus dem Internet?“
„Äh, ja … die Sache ist nur die …“ Liem klickt nervös mit dem Kugelschreiber in seiner Hand. „… das Video ist ein ziemlicher Knüller.“
„Aha“, mache ich und meine Stimme zittert leicht. „Ein Knüller.“
„Hör zu.“ Liem lehnt sich ein Stück vor. „Es ist absolut verständlich, wie du dich deswegen fühlen musst.“
„Angepisst!“ Ich schrecke regelrecht zusammen, als Josh einen Tisch weiter seinen Telefonhörer auf die Gabel knallt und triumphierend die Arme in die Luft reckt. „Du – wurdest – angepisst!“
„Josh!“ Emilia wirft ihm über den Rand ihres Bildschirmes hinweg einen strengen Blick zu.
„Was?“ Unschuldig legt er die Hände an seine Brust und dreht sich wieder in meine Richtung. „Habe ich was Falsches gesagt? Wurdest du etwa nicht angepisst?“ Er grinst mich feixend an. „Ich und 12.750 Zuschauer haben es doch gesehen.“
Zwölftau… Gut, ich glaube, etwas in mir ist gerade gestorben. Wahrscheinlich meine Würde.
Marcy schreckt hoch, um mir einen Stuhl hinzuschieben. „Hier, Sue! Setz dich!“ Dann packt sie mich an der Schulter, drückt mich runter und kann sich wenige Sekunden später ein langgezogenes „Iiih“ nicht verkneifen. Als sich ihre Hand von meiner Haut löst, bleibt diese leicht kleben.
Jetzt ist mir schlecht.
„Tja!“, sage ich nach ein paar Sekunden und meine Stimme schwankt zwischen steigender Verzweiflung und gekünstelter Leichtigkeit. „Es könnte … schlimmer sein. Oder?“
„19.000 Klicks …“, bemerkt Liem neben mir. „Wir haben … Krass.“ Er schiebt seinen Kopf nach vorne Richtung Bildschirm. „Die Seite ist gerade gecrasht.“
Josh brüllt auf vor Lachen. „Wir sollten dich öfter in den Außendienst schicken, Watson.“
Im Versuch, mich an das letzte bisschen Stolz zu klammern, das ich auftreiben kann, schlucke ich schwer.
„Josh, jetzt halt endlich deine Klappe!“
„Warum? Die Idee ist doch gar nicht mal so übel“, rechtfertigt sich Josh grinsend. „Wir könnten uns einen Haufen Kohle sparen, wenn wir Watson als Werbefläche nutzen würden.“ Er dreht sich wieder zu mir um. „Hattest du nicht mal diese schräge Idee, einen Soundtrack zu veröffentlichen? Jede Wette, der geht durch die Decke mit dir als –“
„Als was?“
Ich hebe meinen Blick. Eine schwache Welle der Erleichterung durchflutet mich.
Rup steht, in der Hand ein paar lose Dokumente, im schwarzblauen offenen Karohemd vor den Türen seines Büros und blickt Josh auffordernd an. „Bitte, sprich nur weiter. Auf deine Ausführung bin ich wirklich gespannt.“
Dieser verzieht sein Gesicht und lacht unangenehm berührt auf. „Ach, das war nur Blödsinn, Chef, wir haben nur rumgealbert.“
„Mit wir meinst du bestimmt dich“, schlussfolgert Rup, „denn soweit ich das sehe, fühlt sich keiner dazu berufen, noch mehr auf Sue rumzureiten. Wie wäre es also, wenn du dich an das Wort Teamgeist erinnerst und dich darauf konzentrieren würdest, einfach deinen Job zu erledigen, so wie jeder hier auch!“
Josh presst die Lippen zusammen, räuspert sich und setzt sich aufrecht hin. „Klar.“
Rup verzieht genervt sein Gesicht, ehe er zu uns herüberläuft und sein Blick sich etwas entspannt. „Alles in Ordnung?“
„Ja!“ Meine Stimme schnellt eine Oktave hoch. „Ja, klar. Es ist alles … alles wunderbar!“
Ich könnte heulen. Echt jetzt.
Bis vor zwei Minuten habe ich mir noch eingeredet, dass es gar nicht so schlimm ist. Dass das jedem hätte passieren können. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist es schlimm. 19.000 Menschen machen sich über mich lustig, meine Schulter ist von Urin ganz klebrig und steif und am liebsten würde ich mich einfach nur noch in seine Arme werfen. Das Einzige, das mich davon abhält, ist die Tatsache, dass wir uns entschieden haben, in der Arbeitswelt professionell miteinander umzugehen. Ernsthaft, ich könnte schwören, dass man gar nicht merkt, dass wir zusammen sind. Deswegen wäre es völlig unangebracht, wenn ich mich jetzt einfach so im Innern seines Hemds verkriechen würde. Zumindest habe ich noch nie jemanden gesehen, der sich heulend in die Arme seines Vorgesetzten wirft. Gut, mit Ausnahme von Sandra Bullock in Ein Chef zum Verlieben. Oder Bridget Jones. Oder Ryan Reynolds in Selbst ist die Braut.
Hm.
Wenn eines Tages gar nichts mehr geht, könnte ich mein Leben ja verfilmen. Das wäre sicher total spannend. Und ich wette, Rup sieht wahnsinnig gut aus mit Puder im Gesicht.
„Hast du denn nichts gespürt?“
Marcy reißt mich aus den Gedanken und augenblicklich fühle ich mich nicht mehr wie der nächste aufgehende Stern am Hollywood-Himmel. Im Gegenteil.
„Nein“, sage ich wahrheitsgemäß und streiche mir möglichst gefasst eine Strähne meiner braunen Haare aus dem Gesicht, die sich aus dem Zopf gelöst hat. „Die Meditation war sehr … intensiv. Ich habe weder meinen Körper noch … noch das Ding gespürt.“
Ich nenne es mit Absicht Ding, weil ich es mir möglichst nicht bildhaft vorstellen möchte. Weder das Ding noch das, was kurz vor Abriss des Livestreams passiert ist.
„Dinger.“
„Wie?“ Mein Blick fällt auf Stu, der sich gerade ein paar Brezeln in den Mund geschoben hat und dadurch Krümel auf seinem Poloshirt verteilt.
„Dinger“, wiederholt er mampfend und deutet wedelnd mit dem Finger auf mich. „Mehrzahl. Da waren mehrere.“
Was? Mehrere?
„Du meinst …“ Um Fassung bemüht räuspere ich mich. „… mehrere auf … auf mir?“
O Gott, bitte nicht.
„Auf dir war nur einer, aber neben dir, über –“ Er verstummt, als er Rups Blick bemerkt. „Ich meine, könnte auch ein Bildfehler gewesen sein.“ Mit einer schnellen Drehung seines Stuhls wendet er sich von mir ab.
Richtig. Könnte es gewesen sein. Wenn ich nicht selbst die Kamera installiert und die Linse geschlagene fünf Minuten lang angehaucht und geputzt hätte. Keine Chance der Welt, dass es ein Bildfehler war.
„Liem, kannst du das Video von der Homepage löschen, bitte?“, fragt Rup.
„Schon erledigt.“
„Gut. Alle anderen zurück an die Arbeit. Sue? Auf ein Wort bitte in die Küche.“
Nickend stehe ich auf und bemühe mich, Rup möglichst gelassen zu folgen. Selbst die kleinste Bewegung lässt die Haut an meiner Schulter furchtbar eklig spannen. Außerdem habe ich das Gefühl, als würde mir noch was im Sport-BH stecken.
Himmel, ist das eklig. Vielleicht sollte ich unsere Abmachung mal eben vergessen. Nur für eine Sekunde.
„Kannst du bitte in meinem … meinem …“ Ohne hinunterzugucken, deute ich mit zusammengepressten Lippen zu meinem Top.
Rup zieht die Augenbrauen hoch und sieht mich leicht konfus an. „Was soll ich?“
Ich blicke kurz am Kühlschrank vorbei, um mich zu vergewissern, dass uns keiner sieht. „Kannst du bitte in meinem Ausschnitt nachsehen?“, flüsterte ich und schaue ihn flehend an.
Rups Blick wandert konzentriert runter zu meinen Brüsten und wieder hoch. „Du willst, dass ich dir in den Ausschnitt fasse?“
„Es fühlt sich so an, als wäre da noch was … drin“, schließe ich keuchend und erschaudere beim bloßen Gedanken. Mit geschlossenen Augen höre ich lediglich Rups Aufseufzen. Dann vernehme ich ein Rascheln und nach ein paar Sekunden wird es plötzlich furchtbar kalt und ich zucke vor lauter Schreck zusammen.
Ich reiße die Augen auf. „Eine Grillzange?“
Rup verzieht das Gesicht zu einem trockenen Schmunzeln. „Im Gegensatz zu dir habe ich den Livestream mit offenen Augen verfolgt.“
„Ach komm schon“, jammere ich und klammere mich mit den Händen an der Küchenabdeckung hinter mir fest. „Du hast doch genug zu tun.“
„Trish hat mich angerufen.“
Kopfschüttelnd blicke ich zur Decke. „Wieso musstest du meiner Mum auch das Internet erklären?“
„Na komm. So schlimm ist es nicht“, antwortet er mit einem leichten Schmunzeln.
„Mir steckt eine Grillzange im Ausschnitt, Rup!“, entgegne ich vehement.
„Sei lieber froh, wenn das das Einzige ist, dass dir im –“
„Rupert?“
Ach du scheiße.
„Ja?“ Rup hat schnell von mir abgelassen und guckt Clarice mit so geschäftiger Miene an, als wäre das eine vollkommen normale Situation. Als würde mir kein Küchenutensil wie eine Eins zwischen den Brüsten stecken.
„Anne Burrows. Schon wieder“, sagt Clarice mit einem kleinen Notizblock in der Hand. Mir gegenüber sagt sie nichts. Sie sieht mich nicht mal an. Womöglich weil sie mich nicht sieht, denn sie hat ihre Brille nicht auf und ist mit ihren beinahe sechzig Jahren ohne sie praktisch blind. Das wäre in diesem einen Fall toll.
„Sagen Sie ihr, ich rufe zurück“, erwidert Rup und nickt ihr zu.
„Und wann?“ Ihr vernebelter Blick schwebt in meine Richtung und verharrt einen Moment auf der Grillzange. „Wenn die Brüste durch sind?“
Rup öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, doch Clarice winkt ab und zottelt davon. „Diese Jugend.“
Perplex begegne ich Rups Blick, der sich nach einem kurzen Seufzen wieder meinem Ausschnitt widmet.
Ich atme tief durch und versuche, meine Konzentration auf ihn zu lenken. Auf den säuberlich hochrasierten Ansatz seiner blondbraunen Haare. Den Schatten eines Bartes. Auf die von ihm abgehende Wärme, seinen männlichen Davidoff-Duft. Seine wohltuende … entspannende, ablenkende Gesell…
„Sue?“
Herrgott noch eins! Erschrocken reiße ich die Arme nach oben und werde gleichzeitig schützend hinter Rup gedrückt. Vor uns in der Tür steht Ernie, den Mund speerangelweit offen, in der Hand einen dicken Umschlag haltend. Seine dunkelblaue Postuniform sitzt wie immer etwas schief und die Fellmütze mit den angenähten Ohrenschützern wirkt zwei Nummern zu groß. „Du hast … da was zwischen …“
„Hey! Mann.“ Rup unterbricht Ernie in ernstem Tonfall, während ich versuche, die Zange aus meinem Ausschnitt zu ziehen. Nur hat sich das Ding irgendwie im Gummizug verheddert.
„Hier gibt es nichts zu sehen, in Ordnung?“
„Ja klar, sorry, tut mir leid“, sagt Ernie schnell und kratzt sich verlegen am Nacken, blickt dann auf den Umschlag und schaut wieder flüchtig auf. „Ich wollte nur … Ich habe per Zufall die Übertragung gesehen, von der … und da wollte ich nur sehen, ob du … du weißt schon, ob bei dir alles in Ordnung ist, Sue. Mir wurde gesagt, dass du hier bist, also … wollte ich nur kurz nachfragen.“
„Ja! Ja, danke, Ernie es ist alles … Es ist alles bestens!“, antworte ich nervös lächelnd und rüttle an dem verdammten Ding rum, das mir bei der ganzen Fuchtelei ins Gesicht zu schlagen droht.
„Oh, gut, gut … Das freut mich“, sagt Ernie mit einem schrägen Grinsen und hält dann den Umschlag hoch. „Würden Sie dann hier vielleicht kurz unterzeichnen, Mr Clarks?“
Rup seufzt auf und geht auf Ernie zu, während ich mich abwende, den Stiel der Zange mit beiden Händen packe, hinunterblicke und … o Gott.
Ich glaub, ich muss kotzen.
„… und wenn man diese Zahl dann durch die Anzahl der Länder rechnet, beschränkt sich der Anteil an Zuschauern in Großbritannien … das heißt, wenn ich Taiwan miteinrechne …“ Marcy nuschelt vor sich hin und drückt anhand der Geräusche hie und da auf die Tasten eines Taschenrechners.
Derweil hocke ich hinter der geschlossenen Toilettentür und versuche, die Überreste einer halbzerkauten Heuschrecke gründlich aus meinem Dekolleté zu entfernen. Ich weiß, dass da mittlerweile nichts mehr sein sollte. Dass ich da nun mindestens fünf Minuten dran rum geschrubbt habe und die Stelle glänzen sollte wie ein polierter Babyhintern. Nur kriege ich dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Und genau das wird von nun an passieren: Wann immer ich meine Brüste sehe, werde ich an diese Heuschrecke denken müssen.
Vorsichtig schiele ich hinunter.
Na toll. Die ganze Fläche ist glühend rot und übersät mit winzigen Punkten. Als hätte ich eine allergische Reaktion.
„… und das dann abzüglich Schottland, Wales und Nordirland …“
Dabei mag ich meine Brüste. Sie sind jetzt keine Mordsdinger, aber ich find sie schön.
„… und dann noch all die Babys und Kleinkinder subtrahiere …“
O Gott. Wenn das eine Auswirkung auf mein Sexleben hat, dann bringe ich Ben um.
„Sechzehn!“, ruft Marcy plötzlich triumphierend und lässt sich, dem Geräusch nach zu schließen, vom Waschtisch gleiten. „Sechzehn Leute haben das Video potenziell in London gesehen. Das ist doch toll, nicht wahr?“
„Ja“, antworte ich minder begeistert. „Toll.“
„Lass dich nicht unterkriegen, Sue.“ Marcy tritt näher an die Tür. „Du bist doch so taff und mutig. An deiner Stelle hätte ich wohl ganz genau gleich reagiert.“
Das glaube ich ihr sogar. Trotzdem muss ich schmunzeln. „Danke, Marcy. Und danke für den Waschlappen.“ Schwerfällig halte ich das Stück Stoff vor mich hoch, obwohl ich weiß, dass sie mich nicht sieht.
„Weißt du was, ich hol dir meinen Ersatzpulli!“, ruft sie plötzlich begeistert. „Dann fühlst du dich gleich besser!“
„Oh, nein, Marcy, danke, aber das ist schon …“, hebe ich an, doch ich höre nur noch, wie die Tür ins Schloss fällt. Frustriert blase ich einige Strähnen aus meinem Gesicht und sacke auf dem Klodeckel zusammen. Obwohl ich die Haare heute Morgen noch sorgsam geglättet und zu einem Zopf geflochten habe, fallen sie mir jetzt in wilden Locken ins Gesicht. Erneut wage ich einen Blick auf meine Brüste und verziehe angewidert das Gesicht.
Als die Tür ein weiteres Mal aufgestoßen wird, lasse ich den Kopf in den Nacken fallen. „Wirklich, das ist echt lieb von dir, aber ich –“
„Was? Dass ich dir eine zerkaute Heuschrecke aus dem Ausschnitt gezogen habe?“
„Ich habe doch gesagt, dass ich das Wort nie mehr hören möchte.“ Noch vom Klodeckel aus öffne ich die Tür und blicke Rup aus schmalen Augen entgegen, der mich mit einem breiten Grinsen anschaut.
„Ach komm, so schlimm war es nicht.“
„Nicht so schlimm?“, frage ich und lasse dann den Lappen in meinen Schoss fallen. Sein Gesicht zuckt beim Anblick meiner leuchtenden Haut am Dekolleté merklich zusammen. „Schau mich an, Rup! Ein Affe hat mich vollgepinkelt, den Rest seines Nachmittagssnacks in meinem Ausschnitt entsorgt und mich so damit erschreckt, dass ich … ich …“ Stockend breche ich ab und erlaube mir ein paar Sekunden. Dann stehe ich auf und schließe einen Moment die Augen, um ruhig fortzufahren. „Ich habe nicht darüber nachgedacht, was ich da mache, ich habe nur … reagiert. Und als ich dann plötzlich realisiert habe, was gerade passiert, ist dieses Ding aus … Versehen auf Miranda gelandet.“
„Ja, der Teil war gut.“
Entgeistert starre ich Rup an, dessen fröhliches Grinsen sofort von seinem Gesicht verschwindet. Er räuspert sich und greift hinter seinem Rücken an den Waschtisch. „Ich meine furchtbar. Absolut furchtbar.“
„Ja! Es war furchtbar! Nur weil sie mich ignoriert, muss ich sie ja nicht gleich mit einem Affen bewerfen.“
„Insbesondere bei Mirandas Mundgröße.“ Er bemüht sich, ernst zu bleiben, kann aber ein amüsiertes Zucken an seinen Mundwinkeln nicht unterdrücken. „Ich dachte, der Affe würde darin verschwinden. Wie in einem schwarzen Loch.“
Seufzend fahre ich mir mit einer Hand übers Gesicht. „Ehrlich, Rup, es ist mir ein Rätsel, wie ich ihr noch ins Gesicht sehen soll.“
„Na komm, als ob das so ein großer Verlust wäre.“
„Sie weiß, wie es Lance geht. Ich wollte nur … Ich dachte, wir könnten kurz miteinander reden.“
„Hey. Schau mich an.“ Rup wartet, bis ich meinen Blick hebe. „Du hast das Video von ihm gesehen. Es geht ihm gut. Natürlich muss er Mirandas Lachen ertragen und das wird ihn wohl auf Dauer einen guten Teil seines Gehörs kosten, aber ansonsten scheint er es zu verkraften.“
Wenig überzeugt verziehe ich mein Gesicht.
„Sue. Hör zu.“ Rup stößt sich von dem Waschbecken ab, tritt auf mich zu und schaut mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Wir hatten doch das Thema. Lance und ich haben darüber gesprochen und die Sache aus der Welt geschafft.“
„Er hat dir eine reingehauen.“
„Ganz richtig.“
„Mitten auf der Straße.“
Den Blaustich um sein Auge erkennt man noch immer.
„Na siehst du. Und damit ist das Thema gegessen. Wir haben die Sache wie Männer geregelt. Okay?“ Mit einem Lächeln umfasst er meine Wangen und lässt seine Daumen darüberstreichen.
Zweifelnd erwidere ich seinen Blick. „Und was, wenn er dir übernächste Woche wieder eine reinhaut?“
„Sue.“ Er lässt seine Hände sinken und blickt seufzend weg, doch ich kann meine Sorgen nicht einfach wegschieben. Im Gegenteil. „Ernsthaft, Rup, was, wenn ihr euch wiederseht und dann haut er dir noch eine rein, mitten auf dem roten Teppich von Marcs Filmpremiere. Und dann mischen sich auch noch andere ein und schlussendlich springt ihr … aufeinander rum wie beim Wrestling!“ Mit aufgerissenen Augen starre ich auf einen Punkt vor mir. „Und dann seid ihr begraben unter einem Haufen Promis und irgendwelchen breiten Bodyguards, die sich von morgens bis abends mit Eiweiß aufpumpen und die ganze Welt schaut zu, weil alle Fotografen es festhalten.“
Da ist es, ganz deutlich vor meinem inneren Auge. Ein riesiges Promi-Sandwich mit Rup und Lance irgendwo dazwischen. Ganz flach.
„Sue …“
„In knapp zwei Wochen ist Weihnachten“, fahre ich fort und schaue ihn flehend an. „Und ich möchte das Fest und die Bescherung unter uns genießen können, so wie die letzten Jahre, mit allen unter einem Dach. In Pyjamahosen, so wie wir immer miteinander feiern.“
Als Sophie, Jess, Ellie und ich noch keine Beziehungen hatten, haben wir uns mindestens einmal pro Monat zu einer Pyjamaparty getroffen und vor etwa zehn Jahren die Tradition ins Leben gerufen, den 24. Dezember zusammen in Pyjamas zu verbringen.
„Und das kann ich nicht, wenn diese Sache immer noch zwischen uns steht und eine riesige Kluft in unsere Gruppe reißt.“
Er seufzt. „Und was soll ich deiner Meinung nach, tun? Hm?“
„Du … Nichts. Du kannst nichts tun.“ Betrübt senke ich den Blick. „Ich hatte nur gehofft, dass wir nach all der Zeit endlich wieder miteinander reden können.“
„Das werdet ihr. In Ordnung? Komm.“ Er zieht mich zu sich und streicht mir beruhigend über die Haare. „Mach dir keinen Kopf.“
Mir ist klar, dass ich mir nicht so viele Sorgen machen sollte. Allerdings hat mir Mirandas Nichtachtung einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Und statt einem annähernden Wortwechsel habe ich sie aus dem Nichts mit einem Affen beworfen. Keine Ahnung, ob ich noch selbst mit mir sprechen würde.
„Sue, ich hab den Pull… Oh.“
Wir zucken auseinander und blicken Marcy entgegen, deren breites Strahlen unter ihrer Pilzfrisur erlischt, kaum dass sie uns gesehen hat. „Das … Das ist aber die Damentoilette“, sagt sie vorsichtig mit Blick auf Rup, ganz, als ob sie sich doch nicht so sicher wäre.
„Richtig“, antwortet Rup und nickt, als wäre es die logischste Sache der Welt. „Und das da ist ein ziemlich …“ Er hält mit offenem Mund inne. Offensichtlich will er „hässlich“ sagen, aber im letzten Moment ringt er sich ein künstliches Lächeln ab. „… gewagter Pullover, Marcy.“
Mein Blick schweift hinunter und … oh. Oh.
Der Pullover in Marcys Hand muss aus mindestens zehn Knäueln grüner Wolle bestehen. Aus der Ferne erkenne ich Rudolph, dessen Nase in Form eines wuchtigen roten Klumpens hervorsteht. Darüber, geradewegs unter dem Ausschnitt, baumeln diverse Bommel in allerlei Farben.
Marcy senkt den Blick. „Den wollte ich für das Weihnachtsfest anziehen …“
Rup und ich schauen einander an, ehe ich mich wieder an Marcy wende. „Es ist … Das ist ein schöner Pullover, Marcy“, sage ich bestimmt und lächle ihr aufmunternd zu. „Danke dir.“
Mit roten Flecken auf den Wangen beginnt sie wieder zu lächeln und nestelt am Garn rum. „Die Nase und die Girlanden kann man auch zum Leuchten bringen, schau!“
Okay. Es ist doch ein ziemlich hässliches Teil.
Marcy jedoch feiert dieses Kleidungsstück so sehr, dass ich gar nicht anders kann, als ihn ihr abzunehmen. Dann stehe ich unschlüssig da und gucke auf den Discopullover in meinen Händen. Die Bommel der Girlande blinken mir entgegen und irgendwo zwischen der ganzen Wolle fühle ich ein schmales Gehäuse, in dem die Batterie sein muss. Mit einem Blick auf Marcy weiß ich, dass sie sehnsüchtig darauf wartet, dass ich ihn anziehe. Also ringe ich mich zu einem Lächeln durch und ziehe den kratzigen Stoff über meinen Kopf.
„Oh, wie schön!“ Marcy klatscht in die Hände, als ich meinen zerzausten Zopf aus dem eng gestrickten Kragen ziehe. „Wenn du magst, kannst du den Pullover für die Weihnachtstage haben. Ich habe noch einen zweiten, mit Lametta dran!“
„Das glaub ich sofort“, nuschelt Rup mehr zu sich selbst, doch Marcy deutet das als Zustimmung. „Ja, und Musikuntermalung!“ Sie schenkt uns ein freudiges Lachen und lässt uns wieder allein zurück.
Als die Tür hinter ihr zuschwingt, bemerke ich Rups Blick. Offensichtlich weiß er nicht so genau, ob er bei meinem Anblick lachen oder weinen soll.
Ich wende mich dem Spiegel zu. Wenn ich mit dem Ding auf die Straße gehe, gibt das vor lauter Geblinke einen Verkehrskollaps.
„Hier.“
Rup streckt mir sein schwarzblaues Karohemd entgegen. Meine Augen wandern automatisch weiter über seine definierten Unterarme. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass mich Arme mal so … na ja, so … rawr. Dann wiederum könnte ich ihn einfach nur anstarren, minutenlang. Seine blondbraunen Haare, die dunklen getrimmten Bartstoppeln an seinen Wangen, die kleinen Grübchen, die sich bilden, wenn er lächelt. Das stolze, leidenschaftliche Funkeln in seinen blauen Augen, wenn wir einen erfolgreichen Release geschafft haben. Die entspannten Gesichtszüge, wenn er vor dem Fernseher schläft und das Fernbleiben der Runzeln auf seiner Stirn, wenn auch nur für eine kurze Dauer.
„Es wäre ratsam, das Hemd zu nehmen“, bemerkt er.
„Oh. Ja. Moment.“ Nach einem Blick zur Tür fasse ich schnell nach dem Saum des Pullovers und fange an zu ziehen. Um die Wolle über meinen Kopf zu kriegen, beuge ich mich vornüber, nur … scheint sich die blöde Batterie irgendwo verheddert zu haben. Resigniert seufze ich auf und stelle mich wieder gerade hin, die Arme zur Decke gestreckt, die Wolle irgendwo auf Halbmast. „Kannst du mir mal helfen, bitte?“
Rup wirft, dem Geräusch nach zu urteilen, sein Hemd auf das Waschbecken und das nächste, das ich … das … Oh.
Seine Hände legen sich auf die nackte Haut meiner Taille und schieben sich dann Stück … für Stück … für … Ich sollte den Pullover behalten.
Definitiv.
Er wird Teil unserer wöchentlichen Sexabende. (Nicht, dass wir geplante Sexabende hätten. Nur arbeitet Rup so viel und lange, dass es manchmal gar nicht so verkehrt wäre, hie und da etwas zu koordinieren. Natürlich nicht offiziell oder so. Es würde wohl ziemlich merkwürdig aussehen, wenn in seinem Kalender ständig Sexabend stehen würde.)
Meine Arme beginnen langsam zu kribbeln. Seine Hände schieben den Stoff über meine Rippen und streifen den Rand meines Sport-BHs. Dann tasten seine Finger sich bis zu meinem Rücken vor und lösen das kleine Kästchen mit der Batterie aus dem Gummizug.
Als seine Finger sich unter den Elastikbund schieben, zieht er die Luft ein.
O mein Gott.
Ich kann nicht anders. Ich will diesen Pullover nie mehr ausziehen. Oder noch besser: Ich will diesen Pullover nur noch ausziehen. Ständig. An jedem einzelnen Tag. Und wenn nötig, sende ich ihm eine Outlookeinladung.
Mein Kopf fällt automatisch in den Nacken, als seine Daumen über die Wölbung meiner Brüste streichen und ich beiße mir vor lauter Verlangen auf die Lippen. Die blinkenden Disco-Bommel werfen bunte Schatten auf meine geschlossenen Lider. Meine Beine beginnen sich zu verdrehen, mein Puls beschleunigt sich, meinen Lippen entweicht ein flehendes Keuchen und alles, woran ich denken kann, ist …
Plötzlich knallt die Tür auf und Clarice’ Stimme hallt von den Wänden wider. „Anne Burrows will Sie. Jetzt.“
Was?
Nein!
Wer … Ich will ihn! Ich!
Mit einem Satz lässt Rup von mir ab. Was … Ich kann gar nicht folgen. Gerade noch war ich im siebten Discohimmel und jetzt weiß ich nicht mal, wo ich hingucken soll. Rup legt schützend eine Hand an meine Hüfte. Offensichtlich hat er sich vor mir positioniert.
„Clarice.“ Obwohl ein Lächeln in seiner Stimme mitschwingt, bemüht er sich um Fassung. „Wie viele Male habe ich schon gesagt, dass Sie anklopfen sollen?“
„Wusste nicht, dass das auch für die Damentoilette gilt“, antwortet Clarice und hält dann einen kurzen Moment inne. „Ist das Marcy da hinten?“
„Nein. Nein, das ist … Nein. Sicher nicht“, antwortet Rup und ich muss mir ein Kichern verkneifen. „Sagen Sie Anne, ich bin in einer Minute da.“
Clarice grummelt zustimmend und ich höre, wie die Tür wieder zuschwingt.
Ich pruste los und fange an, ungeduldig zu zappeln. „Langsam hab ich kein Gefühl mehr in den Armen.“
Im Gegensatz zu vorhin greift Rup nun beherzt nach dem Saum und zieht ihn mir mit einem Ruck über den Kopf. Als nur noch meine Arme drinstecken, schenke ich ihm durch die zerzausten Haare, die mir abstehen, ein wohliges Grinsen. Rup verdreht die Augen und hält mir erneut das Hemd hin. „Jetzt zieh das besser an.“ Dann dreht er sich um und spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht.
„Wir sehen uns aber später, oder?“, frage ich und schlüpfe in das Hemd, das mir fast drei Nummern zu groß ist. Dabei beginne ich mir schon auszumalen, wie er nach Hause kommt und wir genau da weitermachen. Ich werde den Pullover anziehen und einfach darauf warten, dass er ihn mir wieder auszieht. Oder noch besser – ich lasse ihn einfach die ganze Zeit über an, so halbwegs, damit ich nicht sehe, was er tut. Das ist noch aufregender. Die Beleuchtung können wir ja weglassen.
„Klar.“ Er drückt mir einen Kuss auf die Lippen und will schon zur Tür raus, als sein Handy piept und er die Augen zusammenkneift. „Verdammt, nein, das geht nicht.“
„Du kommst nicht vorbei?“, frage ich verwundert.
„Heute ist das Abendessen mit Andrew West, diesem Typen von dem Magazin, der einen Artikel über den Verlag bringen will. Könnte spät werden. Am besten, ich übernachte dann in meiner Wohnung“, sagt er mit konzentrierter Miene und starrt in sein Handy. „Aber … mach dir einen netten Abend. Okay?“ Er wirft mir ein kurzes Lächeln zu.
„Klar! Ja, sicher. Kein Problem.“ Und dann, bevor er ganz zur Tür raus ist, rutscht es mir einfach so raus. „Ich liebe dich!“
In meiner Bewegung, den Pullover zusammenzulegen, halte ich inne und blicke auf.
Ach du dickes Ei.
Mein Blick flattert zur Tür.
Ich kann … einen Anflug eines Zögerns erkennen. Einen klitzekleinen Anflug und … jetzt ist er weg. Tür zu.
Hab ich das jetzt wirklich gesagt? So … laut? Richtig hörbar? Kurz lasse ich meinen Blick durch den Raum flitzen und ziehe das Hemd vorn enger zu.
Nun. Und wenn schon. Oder? Ist ja nichts Schlimmes. Die Amerikaner sagen das doch nahezu ständig, richtig? Zu ihrer Familie, den Freunden, den Haustieren … dem Typen, der den Tank vollmacht. Da ist nichts dabei.
Ich klemme mir das dicke Bündel Wolle unter den Arm und recke mein Kinn hoch. Eine ausgiebige Dusche und eine Familienpizza – das ist der Plan. Und dann werde ich den heutigen Tag vergessen.
Bis auf die Sache mit dem Pullover. Die Sache mit dem Pullover darf gern jeden Tag passieren.
Mit positiver Energie begebe ich mich zum Ausgang des Büros.
„Hey, Watson.“
Auf dem Weg nach draußen halte ich inne und schenke selbst Josh, der mit einer Kaffeetasse in der Hand Richtung Sitzungszimmer unterwegs ist, ein selbstbewusstes Lächeln. „Hm?“
„Dir klebt noch ein Käfer im Haar.“
Jetzt wäre ich fast in den Garderobenständer gelaufen.
Ich weiß, dass ich mir keine Gedanken darüber machen wollte. Über das Ich-liebe-dich-Thema und so. Allerdings macht man sich doch schon in dem Moment welche, in dem man sich vornimmt, nicht an das zu denken, woran man nicht denken möchte. Oder? Dementsprechend war ich am nächsten Samstag ganze fünfzehn Minuten lang damit beschäftigt, mir während des Schamponierens nicht das Gehirn zu zermartern, dass ich gar nicht realisiert habe, dass Sophie plötzlich im Badezimmer stand. Seit sie kurzerhand bei Marc eingezogen ist, bin ich zwar sehr dankbar, in ihrer Wohnung leben zu können, aber irgendwie kommt sie selten auf den Gedanken, mal anzuklopfen, auch wenn sie immer noch einen Schlüssel hat. Ich meine, ich könnte ja Gott weiß was da drin machen.
Und jetzt, ganze vier Stunden erfolglosen Kleidershoppings später, hocke ich neben Sophie im Doppeldecker Richtung Covent Garden und googele. Gegen ein bisschen Weltoffenheit spricht ja auch wieder nichts, oder?
Ich tippe: Wann ist es okay „Ich liebe dich“ zu seiner Jugendliebe zu sagen und drücke auf Suchen.
Über 300.000 Ergebnisse springen mir entgegen. Mit dem Ellbogen auf dem Fensterbrett klemme ich die Spitze meines Daumens zwischen meine Zähne und scrolle ein bisschen runter, um die verschiedenen Titel zu lesen.
Unglaublich. Da gibt es tatsächlich ganze Manuals zu diesem Thema. Sogar Tipps und Tricks, Regeln und so ein Zeugs. Ich kneife meine Augen zusammen und klicke auf: Ich liebe dich – finden Sie den richtigen Zeitp…
Während die Seite lädt, schiele ich zu Sophie hinüber. Sie ist damit beschäftigt, mit Marc zu texten (wobei ich kein Wort davon verstehe, selbst wenn ich es wollte. Die zwei schaffen es doch tatsächlich, sich hauptsächlich via Emojis zu unterhalten. Vielleicht ist das so ein Promi-Ding, aber selbst das MI6 hätte Mühe bei den beiden, ziemlich sicher).
Der Bus kommt mit quietschenden Bremsen zum Stillstand und als sich die Türen unten öffnen, weht ein kühler Luftzug die Treppe hoch. Durch die beschlagenen Scheiben sind die Leute draußen kaum zu erkennen. Allesamt sind sie unter einer dicken Mantelschicht und Wollmützen versteckt und jeder zweite ist mit prall gefüllten Einkaufstüten unterwegs.
Der Bus kommt wieder brummend in Bewegung und ich widme mich dem nun geladenen Artikel. Nur ganz schnell.
Dem Durchschnittsmann von Heute gelingt es im Leben vier Mal, seine Liebe einer Frau zu gestehen. Frauen sagen durchschnittlich drei Menschen, dass sie sie lieben. Nicht selten häufen sich somit die Fragezeichen vor dem ersten „Ich liebe dich“.
Moment. Nur drei Mal? Bestimmt habe ich schon mehr als drei Menschen gesagt, dass ich sie liebe. Da wären meine Eltern, Sophie, der nette Kassierer vom Starbucks in Mayfair, der mir immer extra Schlagsahne auf den Frappuccino macht und … Lance. Habe ich Lance mal gesagt, dass ich ihn liebe? Ich meine, ich habe gedacht, dass es so wäre, aber … habe ich es jemals ausgesprochen?
Wem Rup wohl so seine Liebe gestanden hat? Ich kann mir kaum vorstellen, wie er es zu seinem Vater sagt. Vielleicht wohl eher zu einem Haustier. Einem Goldfisch. Vielleicht sollte ich ihn mal fragen, so ganz ungeniert durch die Blu…
„Sag mal, wusstest du, dass es schon ein GIF von dir gibt?“
Ich zucke zusammen. „Was?“
„Ein GIF.“ Sophie streckt mir amüsiert ihr Handy entgegen.
Ach du heiliger Bimbam.
„O mein Gott. Soph, das ist …“, hebe ich lahm an, doch ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Wenn’s nicht ich wäre, würde ich es ja fast noch lustig finden, aber so? Ich wirke wie eine Wahnsinnige. Mit wehenden Haaren und wild herumfuchtelnden Armen. Immer und immer wieder reiße ich mir das Top vom Kopf und immer wieder fliegt der Affe durchs Bild Richtung Mirandas Kopf. Das kann ich nicht mitansehen.
„Wo hast du gelernt, dich so zu bewegen?“, fragt Sophie interessiert und als ich nicht antworte, stupst sie mich wohlwollend an. „Oh, Sue, komm schon, du musst das Ganze locker sehen! Du kannst es nicht ungeschehen machen.“
„Soph.“ Der Bus rumpelt über eine Bodenwelle und ich blicke sie nüchtern an. „Dieser Affe hat seine ganze Blase auf und in mir entleert.“
„In dir?“ Sie verzieht das Gesicht. „Was heißt das denn?“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Arm den Urin aufgesogen hat wie Dünger.“
Meine Haut ist von Natur aus so trocken, dass ich mich auf dem gesamten Weg runter zum Büro gefragt habe, wo das Zeug eigentlich hin ist. Kein Witz.
Sophie fängt bei meinem Gesichtsausdruck an zu lachen und schenkt mir einen mitfühlenden Blick. „Sue, ich gehe jede Wette ein, dass morgen kein Mensch mehr davon spricht. Außerdem erkennt man dich gar nicht!“ Sie hält das Handy hoch und tippt drauf. „Hier, ich sehe nur herumwirbelnde Haare, einen fliegenden Affen und Unterwäsche.“
„Unterwäsche?“ Wo bitte sieht man denn meine … Tatsächlich. Man sieht meine Unterwäsche. Nur ganz kurz und direkt am Schluss aber … der pinke Sport-BH ist eindeutig sichtbar und wenn man ganz genau hinguckt, erkennt man sogar den Saum meiner Spitzenunterhose.
Ein Wunder, dass sich Mum noch nicht aus ihrem dreiwöchigen Karibikurlaub gemeldet hat.
„Mach dir keine Sorgen. Das Beste, das du tun kannst, ist mitzulachen. In Ordnung? Lächle es einfach weg!“
„Hat Marc dir das geschickt? Das GIF?“, frage ich.
„Ja. Zusammen mit dem Printscreen von YouTube.“
„Von YouTube?“ Obwohl ich es besser wissen müsste, greife ich nach ihrem Handy und glotze auf das Display. Ich muss ein paar Mal blinzeln, um die Titel richtig einzuordnen, aber … tatsächlich. Das Video mit der Überschrift OMG Live-Übertragung Meditation Ben Foster eskaliert ist auf Platz drei der … Nein. Das kann nicht wahr sein.
„Liem hat doch das Video gelöscht …“, murmle ich manisch. „Er hat doch … Wie kann es denn …“ Mein Kopf schnellt einer Eingebung folgend hoch. „Hat Marc den Printscreen vielleicht gefälscht? Hat er sich einen Spaß erlaubt?“
Sophie verzieht das Gesicht. „Ich glaube nicht.“
Wieder starre ich auf das Display. Lese einen Buchstaben nach dem anderen. Platz drei. Der Trends. In ganz Großbritannien.
So viel zu Marcys Berechnungen.
Ich bin so perplex, ich kriege nur annähernd mit, wie das Dröhnen des Motors zurückgeht und der Bus sich verlangsamt. Meine Augen verschmälern sich und ich schiebe meinen Kopf vor. Wenn ich mich nicht verlese, dann steht da … dann steht da … ach du Scheiße.
Das steht doch im Leben nie da.
„553.341 Klicks.“ Ellie blickt mit offenem Mund von ihrem Handy hoch und ich habe gerade den ersten Whiskeyshot meines Lebens getrunken.
Ich knalle das Glas auf den Tisch und wische mir die übrigen Tropfen vom Kinn. „Das ist furchtbar.“
„Na ja!“, hebt Ellie bemüht fröhlich neben mir an. „Es gibt auch welche, die haben nach vierundzwanzig Stunden schon Millionen von Klicks!“
„Ich meine den Whiskey“, bemerke ich und schenke Ellie ein schwaches Lächeln. „Aber danke.“
Normalerweise würde ich hoffen, dass ich mich schlichtweg verhört habe – zumindest ist das Whitbys brechend voll und wir haben glücklicherweise eine Sofanische im hinteren, etwas ruhigeren Teil des Pubs bekommen. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass es vor einer guten Stunde noch 552.000 Klicks waren. Tausend Klicks. In einer Stunde. Hätte Soph mich nicht an die Hand genommen, ich glaube, ich wäre im Bus die Treppe runtergefallen.
Fünfhundertdreiundfünfzigtau… Ernsthaft, die Zahl ist sogar für mein Gehirn zu lang.
„Ich brauche noch einen von … dem hier.“ Schwerfällig schiebe ich mich von der Bank, wedle mit dem leeren Glas in der Luft und blicke fragend in die Runde. „Will noch jemand einen? Ist echt hässlich, aber er brennt jegliche Art von merkwürdigen Gedanken weg, also … Nein?“
„Ich hätte gern eine Cola, wenn es dir nichts ausmacht!“, bittet Ellie und ich nicke ihr zu.
„Hab alles. Danke!“, sagt Jess und tippt etwas in ihr Handy.
„Eine Cola. Kommt sofort.“ Mit hochgeschobenen Ärmeln beginne ich mich schlängelnd und drückend zur Bar durchzukämpfen. Nach ein paar Minuten habe ich Glück und kann mir einen freien Platz ergattern. Mit den Handflächen trommle ich auf dem glänzenden Holz rum und versuche, die Aufmerksamkeit von Philip, dem Barkeeper, zu erlangen.
„Na, wenn das nicht Miss Watson ist!“
Mitten in der Bewegung halte ich inne. Die Stimme kenn ich doch.
Oh, bitte nicht. Bitte nicht Creepy James.
Wo ist Philip?
Auf den Zehenspitzen beuge ich mich vornüber, um durch Winken die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen, als plötzlich ein halb ausgetrunkenes Pint Bier neben mir auf der Bar landet. Der Schaum schwappt über und benetzt meinen Unterarm. Igitt.
Dann blicke ich auf und schaue in das schmierige Gesicht von Creepy James.
Irgendwie hat er es geschafft, neben mich an die Bar zu kommen, und schiebt nun seinen Körper und sein Bier mit knapp zwei Zentimetern Abstand in meine Komfortzone.
„James“, sage ich minder begeistert. „Hallo.“
„Die kleine Miss Watson.“ Ein anzügliches Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht und es dauert keine drei Sekunden, bis er eine Unterhaltung mit meinen Brüsten beginnt. „Dass du dich hier noch blicken lässt.“ Er leckt sich mit frivoler Geste über die Lippen. „Man ging ja schon davon aus, du hättest die Stadt verlassen.“
Ich bin echt froh, einen hochgeschlossenen Pullover zu tragen, denn Creepy James schaut mir deshalb tatsächlich wieder in die Augen. Nicht, dass das weniger unheimlich wäre. Allerdings frage ich mich wirklich, wie er sich als Zahnarzt überhaupt beweisen kann, wenn er Frauen nur in den Ausschnitt starrt. Bestimmt erkennt er seine Patientinnen nicht am Namen, sondern an der Körbchengröße. Von der Zusammenarbeit mit Lance in der Praxis mal abgesehen, ist es mir ein Rätsel, wieso er mit ihm befreundet ist.
Ohne meinen Blick von ihm zu lassen, strecke ich meinen Arm so weit wie möglich nach vorn über die Bar und winke. „Wieso sollte ich denn bitte die Stadt verlassen?“
„Na ja …“ Creepy James holt tief Luft und berührt mit seinem Bauch beinahe meinen. „Die Sache, die du da mit Lance abgezogen hast … Mann, Mann, Mann.“
Eine Welle Bier und Schweiß schwappt in meine Richtung und ich versuche, einen Schritt nach hinten zu machen. Die Bar ist jedoch so voll, dass ich regelrecht gefangen bin.
Himmel, ist der Typ widerlich. Und er scheint es nicht mal zu merken.
„Das muss bestimmt schwer für euch zwei sein“, redet er weiter und stützt sich auf der Bar ab, während er mich mit seinen dunklen Augen wieder von oben bis unten scannt. „Euch dauernd über den Weg zu laufen …“
Mein Arm fällt plump auf den Tresen. „Die Stadt hat ungefähr acht Millionen Einwohner, James. Da liegt ein zufälliges Treffen bei unter null Komma einem Prozent.“
„Mhmm.“ Creepy James zieht seinen Mundwinkel nach oben. „Und wir zwei treffen uns hier. Zufall? Schicksal, vielleicht?“ Seine Augen blitzen auf und er nimmt einen großen Schluck von seinem Guinness, ohne seinen Blick auch nur eine einzige Sekunde von mir …
Gott, ist er grässlich.
Ich blicke wieder nach vorn und springe auf, als Philip mich entdeckt. Eilig gebe ich meine Bestellung auf und krame das nötige Kleingeld heraus. Endlich!
„Aaach, lass stecken.“ James’ Hand landet auf meiner Schulter und mit einem Ruck zieht er mich unter seine Achselhöhle. „Ich übernehm die Bestellung der jungen Lady hier!“ Ein dickes ledriges Portemonnaie landet auf der Bar.
„Das ist echt nicht nötig, James“, sage ich und will mich aus der Umarmung befreien, doch er verstärkt seinen Griff nur.
„Nein, nein, nein, ich will das so!“ Er lallt ein wenig und ich fühle, wie meine Schulter, die unter seiner Achselhöhle gefangen ist, kühl und feucht wird. Seine Kleidung, sein Atem, sein ganzes Auftreten, alles riecht furchtbar streng nach Alkohol, Schweiß und einem viel zu intensiven Aftershave.
Philip stellt meine Bestellung auf den Tresen und ich versuche erneut, mich irgendwie aus der Lage zu befreien. Ich winde mich und will bereits nach meinen Gläsern greifen, als James mich mit einem Ruck an sich drückt. Gerade noch so kann ich meine Arme zwischen uns schieben und mein Gesicht wegdrehen.
„Acht Millionen Einwohner. Aber weißt du was?“ Seine Stimme hört sich unglaublich schmierig an und sein Gesicht ist viel zu nah. „Nur eine einzige richtig gute Zahnarztpraxis.“
„James, lass mich los!“ Mit beiden Händen an seiner Brust versuche ich mich abzustoßen, doch ihn scheint das nur noch mehr anzufeuern.
„Soll heißen, wenn du mal … du weißt schon…“ Ich ziehe meinen Kopf zurück, doch er schiebt seinen Mund nur weiter vor, sodass seine Lippen mein Ohr streifen. Eine starke Alkoholfahne weht mir entgegen. „… wenn du mal eine richtige Füllung willst …“
„Du sollst mich loslassen, sagte ich!“ Mit aller Kraft drücke ich gegen seinen Oberkörper, doch er lässt sich nicht …
„Ich glaube, die Worte der Lady waren klar genug.“
Eine Hand legt sich mit festem Griff auf James’ Schulter und im selben Moment lässt dieser von mir ab. So weit wie möglich weiche ich zurück und ziehe meinen Pullover zurecht.
Ein hochgewachsener Typ mit kurzen, leicht verstrubbelten, braunen Haaren hat sich mit starrem Blick hinter James aufgebaut und deutet nun mit der anderen Hand zum Ausgang. „Dort ist die Tür. Ich empfehle Ihnen jetzt zu verschwinden, andernfalls bin ich gezwungen, die Polizei zu rufen.“
„Die Polizei?“ Creepy James lacht brüllend auf und Tränen lösen sich aus seinen Augen. „Mach dich doch nicht lächerlich, Junge.“
„Noch eine Chance“, erwidert der Mann ruhig und sein Mundwinkel zuckt kaum merklich nach oben. „Dann haben Sie Hausverbot.“
Das Wort Hausverbot scheint Wirkung zu zeigen, denn das Lachen erlischt langsam auf James’ Gesicht. Mit Blick auf mich streicht er sich den Sabber vom Mund, greift nach seiner Jacke und zwinkert mir zu. „Du weißt, wo du mich findest, kleine Lady.“ Ein letzter scannender Blick, und er verschwindet mit frivolem Grinsen in der Menge.
Kaum ist er weg, breche ich auf der Bar zusammen und atme tief durch. Dann fällt mein Blick auf meine Bestellung und ohne zu überlegen, greife ich nach dem Whiskeyshot und kippe ihn runter. Mein Rachen brennt wie Feuer und meine Organe ziehen sich automatisch zusammen. Immerhin scheint sich das Hämmern meines Herzens etwas zu stabilisieren.
„Alles in Ordnung mit dir?“
Eine Hand streift meine Schulter, und ich zucke automatisch zusammen.
„Oh, hey, keine Sorge. Ich bin’s.“ Der Fremde hält beide Hände vor sich hoch und lächelt mich freundlich an. „Geht’s dir gut?“
„Ja. Ja!“, bringe ich hervor und presse kurz die Hand an die Stirn, um das Brennen des Whiskeys zu ertragen. „Danke für die Rettung, das war … Ich glaube, wenn nicht bald was passiert wäre, dann hätte ich geschrien. Oder ihm in die Eier getreten.“
„In diesem Fall wäre Letzteres wohl angemessen gewesen.“
„Mir war gar nicht klar, dass das Whitbys neuerdings Türsteher hat“, sage ich und greife nach dem prallgefüllten Glas Cola für Ellie.
„Ich glaube, das hat es auch nicht.“ Der Fremde verzieht nachdenklich das Gesicht und blickt sich kurz um. „Zumindest habe ich noch nie einen gesehen.“
Mir klappt der Mund auf. „Dann sind Sie kein Türsteher?“
„Nein.“
„Wer sind Sie dann?“, frage ich blöd und werde von hinten angerempelt, weswegen ich mich mit der freien Hand an der Bar halten muss. Es dauert eine Sekunde, bis nichts mehr schwankt.
„Jake“, sagt der Fremde und hält mir seine Hand hin. „Eigentlich Jackson, aber alle Welt nennt mich Jake.“
Prüfend blicke ich ihn einen Moment lang an. Er ist schlank und besitzt ein markantes Kinn und buschige Augenbrauen. Als er mir ein offenes Lächeln zuwirft, sehe ich, wie sich kleine Grübchen auf seinen Wangen bilden. Im Gegensatz zu Creepy James sieht er anständig und freundlich aus. Und auf dem bordeauxfarbenen Pullover unter seinem offen stehenden Mantel ist kein einziger Schweiß- oder Bierfleck zu sehen.
Entschlossen greife ich nach seiner Hand. „Sue. Eigentlich Susan, aber alle Welt nennt mich Sue.“
Jake verzieht das Gesicht. „Jaa, um ehrlich zu sein, wusste ich das schon.“
„Was meinst du?“
„Sagen wir, dass ich dich erkannt habe.“
Es dauert einen Moment, bis mir ein Licht aufgeht. Sofort schrumpfe ich beim Gedanken daran innerlich zusammen. „Das Video.“
„Das Video“, wiederholt er.
„Na dann.“ Obwohl ich versuche, Sophs Rat mit dem Lächeln zu befolgen, bringe ich nur ein paar Gesichtszuckungen zustande, die ich selbst nicht recht einordnen kann. „Ich bin grad nicht in der Stimmung für Fotos oder Autogramme, also … danke für die Hilfe, Jake, aber ich sollte dann auch wieder zurück zu meinen Freundinnen.“
„Ja, sicher. Kein Problem. Allerdings …“ Er nestelt an der Innentasche seines Mantels und hält eine mintgrüne Karte vor sich hoch. „Jetzt, wo ich dich gerade zufällig treffe, kann ich dir auch das hier überreichen.“
