Über das Buch:
Die kleine Lucy und ihr Kindermädchen Emma kehren von einem Besuch auf dem Spielplatz nicht zurück. Am Abend taucht das Kind jedoch unversehrt wieder auf - Emma hingegen wird im Park tot aufgefunden. Was für Inspector Steve McCarthy wie ein Routinefall beginnt, entwickelt sich zu einem mysteriösen, ja sogar lebensbedrohlichen Fall. Denn wenig später entdeckt man eine zweite Leiche: Lucys ehemalige Kinderfrau...
Edel eBooks
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH
Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2000 by Danuta Reah
Original title: SILENT PLAYGROUNDS
First published in Germany under the title PLÖTZLICHE STILLE by Blanvalet Verlag
Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin
Konvertierung: Jouve
Table of Contents
KurzbeschreibungTiteleiCopyright Page12345678910111213141516171819202122
Only the blue delphiniums showThat these were gardens, long ago …
(aus: Silent Playgrounds
1
Es war dunkel, die Finsternis drang bis in die Winkel hoch oben unterm Dach, in die letzten Ecken und zu den schweren, verhüllten Formen. Hinter den geschlossenen Fensterläden hörte man Wasser, tropf… tropf… tropftropftropf … tropf. Nur die glühenden Kohlen gaben ein schwaches Licht. Die Asche fiel flüsternd durch den Rost in die Feuerstelle. Die Wärme des Feuers ließ bereits nach, aber selbst als es noch lodernd brannte, hatte es die Schatten nicht weit zurückdrängen können. Die Steinplatten des Fußbodens waren feucht, das Gebälk vermodert und zerfallen, das Eisengitter verrostet. Aber der metallene Gegenstand davor glänzte, Flammen spiegelten sich in der Schneide, wurden von dem hellen Stahl eingefangen und ließen ihn tiefrot glühen. Stimmen hallten in seinem Kopf:
Wann?Bald, Ashley, bald.Wie bald?Jetzt gleich.
VORSICHT, WENN IHR ALLEIN DURCH DIE
SCHREBERGÄRTEN GEHT!
Die Worte waren mit rotem Filzstift auf ein liniertes DIN-A-4-Papier geschrieben, das beim Parkeingang an einem Schild mit der Aufschrift HUNDE AN DER LEINE FÜHREN befestigt war. Das Stück Papier strahlte hell in der Sonne, die Schrift war ungelenk wie die eines Kindes. Es hatte in der Nacht geregnet, aber
das Papier war nicht nass und die Schrift nicht verwischt. Es hatte gegen fünf Uhr morgens aufgehört zu regnen. An diesem Tag waren die Männer um sechs Uhr mit dem Reinigungsfahrzeug durchgekommen, hatten die Abfallkörbe geleert und herumliegenden Müll und Glasscherben aufgesammelt. Ein Mädchen, das Zeitungen austrug, sah die Notiz, als sie auf ihrem Weg zum nächsten Häuserblock durch den Park ging. Sie blieb stehen, las den Zettel, zuckte die Schultern und ging weiter.
Das Blatt Papier war immer noch da, als Suzanne kurz nach zehn vorbeikam. Sie hatte sich vorgenommen, durch die beiden Parks zu joggen, die sich – in der Nähe ihrer Straße mit Reihenhäusern aus rotem Backstein – wie grüne Finger zur Stadt ausstreckten. Hin und zurück waren es etwa drei Kilometer, und gestern hatte sie sie beinahe ohne Pause geschafft. Heute würde sie es hinkriegen und dann versuchen, ihre Route durch den Wald noch ein Stück auszudehnen. Sie ließ sich den Plan für den heutigen Tag durch den Kopf gehen. Freitag war eine Menge zu tun. Sie war an der Reihe, Michael für das Wochenende zu nehmen, und sie plante solche Wochenenden gern vollkommen durch, so dass sie ausgefüllt waren mit Orten, die man besuchen, und Leuten, mit denen man Zeit verbringen konnte.
Der Zettel fiel ihr ins Auge, sie blieb stehen und las ihn.
Merkwürdig. Was war denn nur geschehen, dass jemand eine solche Warnung aufhängte? Sie blickte den großen Weg neben dem gemähten Gras und den schön bepflanzten Blumenbeeten entlang, der schmaler und dunkler wurde und sich schließlich im Schatten unter den Bäumen verlor. Vor ungefähr einem Jahr war in diesem Waldstück eine Frau überfallen worden. Sie sah sich um. So früh am Morgen war der Park leer, aber durch die strahlende Sonne des Frühsommers, die Blumen und das frische Grün der jungen Blätter wirkte der Wald sanft und freundlich. Warum die Schrebergärten? Sie waren auf der anderen Seite des Flusses.
Sie hätte nicht stehen bleiben sollen. Ihr wurde kalt, und sie
spürte die Müdigkeit. Sie hätte ewig weiterlaufen können, wenn sie nur nicht angehalten hätte. Ihr Blick wanderte wieder zu dem Zettel, und ihr war unbehaglich bei dem Gedanken an den einsamen Weg durch den Wald, der an Wochenenden, wenn Familien den Pfad am alten Damm entlangspazierten, so bevölkert war, und während der Woche, wenn die Kinder in der Schule und ihre Eltern bei der Arbeit waren, so verlassen. Schluss damit!
Sie joggte in flottem Tempo weiter, und als sie aus der Sonne heraus unter die Bäume lief, geriet sie tiefer in die Schatten. Es war windstill, und der Weg lag ruhig und mit sonnigen Flecken vor ihr. Die frühen Spaziergänger mit ihren Hunden waren schon weg und die Nachzügler noch nicht da.
Der Weg gabelte sich. Sie konnte hier den Fluss überqueren und auf der anderen Seite weitergehen, wo der Pfad schmal und schlammig war. Der Porter Brook floss ruhig durch den Wald und die Parks, doch in früheren Jahren hatten an seinen Ufern kleine Wasserräder und Fabriken gestanden, die die Wasserkraft des Flusses für die Schmiedehämmer und Schleifscheiben der frühen Industrialisierungszeit nutzbar machten. Man konnte die Überreste der alten Anlagen sehen, wo der Fluss gestaut und in Kanäle umgeleitet wurde und die alten Teiche verlassen dalagen, die jetzt verschlammt oder in Spielplätze umgewandelt waren. An Wochenenden und während der Ferien gingen die Besucher an den Teichen entlang und fütterten die Wasservögel, die sich dort niedergelassen hatten, ließen kleine Boote fahren oder angelten.
Suzanne blieb einen Moment stehen und folgte dann dem Weg über die Brücke zu dem schmalen Pfad, der an den Schrebergärten entlangführte. Sie umrundete vorsichtig die Pfützen, die durch die Reifen der Mountainbikes im zerwühlten Matsch entstanden waren. Der Pfad lag noch im Schatten der Bäume, aber auf die Schrebergärten fiel schon die Sonne. Sie warf einen Blick auf die Gärten. Manche waren sorgsam gepflegt, mit
ordentlichen Reihen von Grün, gejätet, mit dem Rechen geglättet und in Beete aufgeteilt. Aber die meisten waren vernachlässigt oder aufgegeben, und Büsche, Brombeeren und wilde Himbeeren wuchsen zwischen alten Hütten und Geräteschuppen und manchmal sogar aus ihnen hervor. Es war still. Ein älteres Paar, in Pullover und Gummistiefeln, arbeitete in einem Garten am Bach, aber die anderen Schrebergärten waren leer. Eine dünne Rauchsäule stieg vom Dach einer Hütte auf. Sie fragte sich, ob sie das Paar wegen der Warnung ansprechen sollte. Vorsicht …
Sie runzelte die Stirn und bemerkte, dass ihre Schritte so langsam geworden waren, dass sie fast stehen geblieben wäre, und sie joggte wieder entschlossen auf dem Pfad weiter. Sechs Schritte joggen, sechs Schritte gehen, sechs Schritte joggen, sechs Schritte gehen. Es war friedlich im Park, weit weg von den Anforderungen durch Arbeit und Haushalt. Sie konnte die Gedanken frei schweifen lassen, die Muster des Sonnenlichts auf dem Weg und die Strudel und Wirbel des Wassers auf den Steinen und am Ufer betrachten. Es war fast wie in der Bibliothek. Ein Ort, an dem sie einfach nur da sein konnte, ohne voraus oder zurück zu denken.
Einige ihrer besten Ideen kamen ihr in der Bibliothek und im Park. Suzannes Leben konzentrierte sich derzeit auf die Forschung über jugendliche Straftäter, junge Männer mit krimineller Vergangenheit, in deren Kindheit Vernachlässigung und Gewalt immer wieder eine Rolle gespielt hatten. Junge Männer wie ihr Bruder Adam. Sie hatte zu ihrer intuitiven Überzeugung, dass viele dieser jungen Männer Probleme mit Sprache und Kommunikation hatten, eine These erstellt und ausgearbeitet und wollte prüfen, ob sich das Ergebnis ihrer empirischen Beobachtungen auch mathematisch erfassen und messen ließ. Die monatelange Arbeit in der Bibliothek, wo sie über Zeitschriften gehockt, telefoniert und mit anderen Wissenschaftlern diskutiert hatte, die mit jungen Straffälligen arbeiteten, hatte sich gelohnt
und sie war aufgrund dieser Forschungsidee für einen Studiengang mit Magisterabschluss angenommen worden. Es war ihr gelungen, ein kleines Stipendium zu erhalten, und sie arbeitete jetzt an einem Programm für jugendliche Straftäter, dem Alpha-Projekt, mit. Wenn ihre Arbeit überzeugte – und überzeugen konnte Suzanne –, würde sie eine Verlängerung des Stipendiums bekommen und promovieren können.
Sie befand sich auf der Höhe von Shepherd Wheel, einer der alten Werkstätten, die man in wohlhabenderen, optimistischeren Zeiten wiederhergestellt hatte. Man hatte hier noch nach einem regelmäßigen Tagesrhythmus gearbeitet, der davon bestimmt wurde, wann man das Wasser aus dem Teich auslaufen ließ, das das Rad in Bewegung setzte, wodurch über die Zahnräder und Riemen die Schleifsteine angetrieben wurden. Aber eine Kürzung der Mittel hatte diesem extravaganten Projekt der Denkmalschützer ein Ende gesetzt, und mittlerweile war das Gebäude geschlossen, die Türen waren verriegelt, die Fensterläden zu, und das Wasserrad war dabei zu verrotten. Sie verlangsamte ihre Schritte wieder und ging, einem plötzlichen Impuls folgend, den Pfad zur Werkstatt entlang, die Stufen hinauf und durch das Tor, das zum Hof hinter der Mühle führte.
Undeutlich war tief unten in einem schmalen Schacht das Rad zu sehen. Sie konnte die Schaufelkammern erkennen, die das Wasser auffingen und das Rad drehten – sie waren leer. Suzanne beugte sich über die Mauer und spähte in die Dunkelheit um das Rad hinunter. Das Schleusentor, das das Wasser zurückhielt, war oberhalb von ihr, und der feuchte, bemooste Stein unter ihr. Ein verschwommenes Spiegelbild glänzte zu ihr herauf. Sie winkte, und ihr Spiegelbild winkte zurück. Ein modriger Geruch von stehendem Wasser drang zu ihr herauf. Sie schauderte. Da unten herrschte die Dunkelheit eines Ortes, den niemals ein Sonnenstrahl traf.
Sie wandte sich wieder dem Weg zu und ging am Damm entlang weiter. Vor gerade mal ein paar Wochen war das Wasser hier
praktisch noch ein See mit Fischen und Wasservögeln gewesen. Jetzt, im trockenen Sommer, war es nur ein Rinnsal, das sich seinen Weg durch dicken Schlamm suchte. Suzanne betrachtete die frischen Vogelspuren, die sich bereits mit Wasser füllten und verschwanden. Näher am Ufer war der Schlamm zerfurcht und das grüne Moos an der Oberfläche aufgewühlt, als hätte hier jemand gegraben. Da man den Damm jahrelang vernachlässigt hatte, waren in seinen Steinmauern Risse und Spalten entstanden. Sie lief weiter und gelangte zum Ende des Parks, wo der richtige Wald anfing. Beinahe hätte sie in einer Anwandlung von Trotz die Straße überquert, als der Gedanke an ihre angefangene Arbeit sie stehen bleiben und umkehren ließ. Sie lief wieder schneller und fing an zu joggen. Auf dem Rückweg ging es immer nur abwärts, und das war leicht zu schaffen.
Als sie zum zweiten Mal am Shepherd Wheel vorbeikam, sah sie aus dem Hof mit dem Rad hinter dem Haus, wo sie selbst kurze Zeit zuvor gewesen war, einen Mann herauskommen. Ihr Herzschlag stockte, und es lief ihr eiskalt über den Rücken. Vorsicht … Dann dachte sie einen Moment, sie hätte ihn erkannt, einen der jungen Männer vom Alpha-Projekt, Ashley Reid. Sie sah ganz kurz das blasse Gesicht unter dem dunklen Haar und wollte ihm schon zulächeln und winken, als sie erkannte, dass es ein Fremder war, ein anderer junger Mann mit blassem Gesicht und dunklen Augen. Sie sah schnell weg, da ihr bewusst wurde, dass sie ihn angestarrt hatte.
Lucy saß auf der Schaukel und schwang so weit zurück, wie es ging. Dann hob sie die Beine hoch und lehnte sich auf dem Sitz weit nach hinten. Zurück lehnen und nach vorn fliegen, zurück lehnen und wieder nach vorn fliegen. Am Anfang des Sommers hatte sie noch nicht allein schaukeln können. Jetzt konnte sie sich selbst abstoßen und viel höher schaukeln, als wenn Emma sie anschob. Emma würde sauer sein – Mums Lieblingswort. »Warte auf dem Spielplatz«, hatte Emma gesagt. Sie hatte
den kleinen Spielplatz gemeint, aber Lucy hielt sich nicht daran. Sie ging lieber auf den großen, auch wenn er weiter weg war. Sie hatte ärgerlich und verdrossen auf dem kleinen Spielplatz gewartet. Es war unfair! Dann war er plötzlich da – »Schnell, Lucy, komm schnell!« –, und sie liefen los auf einen verzauberten Rundgang über den Spielplatz, durch den Wald und über die große Straße, die sie allein nicht überqueren durfte.
Emma würde sie schon finden. Zuerst auf die Schaukeln, dann auf die große Rutschbahn, danach ein Eis. Wenn Emma nur nicht zu sauer war. Zurücklehnen und nach vorn fliegen. Die Schaukel schwang hoch hinauf. Lucy überlegte, dass, wenn sie sich nicht festhalten müsste, sie vielleicht die Blätter berühren könnte. Sie schloss die Augen und spürte das flimmernde Licht auf ihren Lidern. Zurück lehnen und nach vorn fliegen. Sie strengte sich noch mehr an, flog immer höher und hörte die Ketten in der Aufhängung knirschen. Hoch genug! Sie schwang wieder nach unten und ließ sich erneut hochtragen, und einen Augenblick schien es ihr, als stehe sie still und der Spielplatz drehe sich um sie wie ein verschwommener Wirbel. Die Schaukel schwang nach unten und flog hoch, nach unten und wieder hoch, doch jedes Mal ein bisschen weniger, und Lucys Schuhsohlen schleiften über den Boden, sobald sie am niedrigsten Punkt angelangt war. Sie hielt die Schaukel an, saß leicht schwankend da und schaute hoch. Sie hatte angefangen, sich zu drehen, um sich dann in die andere Richtung herumwirbeln zu lassen, als sie sah, dass jemand sie beobachtete. Er stand neben der Bank am Rand des Spielplatzes, wo der Wald anfing. Es war der Ashman. Sie drehte sich weiter auf der Schaukel, versuchte, die Kette weiter zusammenzudrehen, damit sie schneller herumgewirbelt würde. Als sie sich in die andere Richtung drehte – die Schaukelketten waren wirklich nicht so gut wie die im Garten ihrer Freundin Lauren, denn sie ruckelten unregelmäßig hin und her –, überlegte sie, wo Emma war.
»Emma ist fort.« Sie sah sich um. Er stand hinter ihr und
starrte auf sie hinunter. »Wir haben Emma verloren«, sagte er. Lucy saß ganz still. Sie mochte den Ashman nicht. Er sah ihr weiter zu, ergriff dann die Ketten der Schaukel und drehte sie so hoch nach oben zusammen, dass Lucys Füße den Boden nicht mehr berührten. Als sie herumwirbelte, wurde ihr schwindelig. »Wir haben Emma verloren«, sagte er wieder.
Lucy sah zu ihm auf. Sein Haar warf Schatten auf sein Gesicht. Er hatte es zweimal gesagt. »Ich weiß «, erwiderte sie.
Es war halb elf, als Suzanne wieder am Parktor ankam. Im Kreisverkehr bei Hunters Bar fuhren jede Menge Autos, und nach der sauberen Luft im Park war es hier heiß und roch nach Metall. Sie ging die Brocco Bank hinauf und bog in die Carleton Road ein, die kurze, steile Straße, in der sie wohnte. Es war eine für Sheffield typische Straße mit Reihenhäusern aus rotem Backstein, die an einem Abhang standen, der Gehweg war ein Puzzle aus Steinplatten und Asphalt mit Unkraut und Gräsern in den Ritzen und an der Wand.
Sie sah ihre Freundin und Nachbarin Jane mit einem Skizzenblock auf der Treppe vor dem Haus sitzen, ihre Tuschefläschchen standen auf der Stufe neben ihr. Jane war Grafikerin, ihre Zeichnungen erschienen hauptsächlich in Kinderbüchern. Sie lächelte, als sie Suzanne sah. »Warst du im Park?« Suzanne nickte und blieb stehen, um sich mit ihr zu unterhalten, und lehnte sich an die Wand. Jane sah auf ihren Zeichenblock hinab. »Diese Schatten hier«, sagte sie, »ich will das Rot des Backsteins und den schwarzen Schatten einfangen, solange die Sonne genau richtig steht. Meine Auftraggeber möchten ›eine Kombination des Alltäglichen mit dem Unheimlichen‹.« Sie sah einen Moment auf ihre Zeichnung und legte dann den Pinsel auf dem Rand des Fläschchens ab. »Was hast du gestern Abend gemacht? Das war ja ein ziemlich protziger Range Rover, der dich nach Hause gebracht hat.«
Suzanne seufzte. Jane führte zurzeit einen Feldzug, um das
Leben ihrer Freundin etwas aufregender zu gestalten. Die beiden Frauen hatten vor sechs Jahren, kurz nach Michaels Geburt, Freundschaft geschlossen. Sie hatten sich im Park kennen gelernt, wo Jane zur Erheiterung der sechs Monate alten Lucy die Enten mit Brot fütterte. Für Suzanne mit ihrem chaotischen Familienleben, die nach der Geburt mit Depressionen zu kämpfen hatte, war Janes madonnenhafte Abgeklärtheit wie eine Oase des Friedens gewesen.
»Es war nur Richard Kean vom Alpha-Projekt«, antwortete Suzanne. Richard war einer der Psychologen des Zentrums und einer der wenigen Menschen, die ein echtes Interesse an Suzannes Arbeit hatten.
»Richard? Ist das der große dunkelhaarige Typ? Wieso hat er dich mitten in der Nacht heimgebracht?«
»Es war halb zehn«, gab Suzanne gereizt zurück.
»Für deine Verhältnisse ist das mitten in der Nacht«, sagte Jane verständnisvoll. Sie hielt nichts von Suzannes enthaltsamem Leben.
»Hm«, antwortete Suzanne, ohne sich festzulegen. Es gab nichts zu erzählen. Sie hatte an einer abendlichen Versammlung im Rahmen des Alpha-Projekts teilgenommen, und Richard hatte sie auf dem Heimweg abgesetzt. Sie wollte Jane ablenken und sagte daher: »Als ich im Park war, habe ich etwas gesehen …«
Jane unterbrach sie. »Hast du Em und Lucy gesehen?«
»Ist Em wieder da?« Emma, Janes Babysitter, war die Woche zuvor weg gewesen, und Jane hatte nur durch flexible Zeiteinteilung und fremde Hilfe einen bald fälligen Abgabetermin einhalten können. Von einer Atmosphäre der Konzentration umgeben, hatte Jane es wie immer geschafft.
»Ja. Sie ist heute früh einfach so wieder aufgetaucht.« Jane runzelte die Stirn und zog mit dem Finger eine Linie auf ihrem Blatt nach. »Hat nicht mal angerufen oder so. Aber eigentlich war es ganz praktisch.« Sie sah stirnrunzelnd und immer noch
unzufrieden auf die Zeichnung. »Ich krieg das nicht richtig hin. Ich weiß nicht recht, was ich will.« Sie sah zu Suzanne auf. »Lucy hat einen Termin in der Klinik. Sie wollte nicht gehen, da habe ich ihr eine Stunde mit Em im Park erlaubt und hinterher noch ein Eis.« Suzanne zuckte verständnisvoll die Schultern. Lucy litt an schwerem Asthma und hasste die ständigen Klinikbesuche. Das Eis war ein großes Zugeständnis, denn Jane lebte fanatisch gesund.
Jane fragte noch einmal: »Du hast sie nicht gesehen? Sie sind zum Spielplatz gegangen.« Suzanne war dort vorbeigekommen, aber er war leer gewesen. Jane runzelte die Stirn und riss sich von ihrer Zeichnung los. Ihr unbestimmter, zerstreuter Blick wurde klar und konzentriert. »Sie hätten dort sein sollen. Ich hab Emma gesagt , dass sie nicht mit ihr ins Café gehen soll… Du weißt ja, ich bin nicht glücklich mit der Situation. Na ja, es ist nichts Ernstes«, fügte sie hinzu. »Es geht nicht so sehr darum, dass sie einfach verschwindet, es ist nur…«
Im vergangenen Monat hatte Emma jeden Tag ein paar Stunden auf Lucy aufgepasst. Davor hatte Jane Sophie als Babysitter engagiert, eine Studentin im ersten Semester, die eine Einzimmerwohnung in einem Studentenwohnhaus nebenan gemietet hatte. Sie war kurz vor Vorlesungsbeginn bei Jane erschienen, hatte sich vorgestellt und ihre Dienste als Babysitter angeboten. Nachdem Jane mit ihren Eltern, Kleinbauern an der Ostküste, gesprochen hatte, nahm sie das Angebot erfreut an, und die Sache hatte für beide gut funktioniert. Sophie hatte keine Erfahrung und war ein eher schlichtes Gemüt, aber sie war intelligent, vernünftig und lustig. Jane mochte sie, und Lucy himmelte sie an, sie wohnte nebenan und konnte sich Janes häufig wechselndem Zeitplan anpassen. Aber dann brach sie ganz plötzlich ihre Kurse ab und ging weg.
Emma war eine Mitstudentin. Sie war oft als Besucherin zu den Studenten nebenan gekommen – ein Haus, in dem viele ein und aus gingen. Aber Jane und Suzanne hatten Emma bis nach
Weihnachten, als Sophie sie vorstellte, eigentlich nicht kennen gelernt: »Geht es in Ordnung, wenn Emma mich und Lucy begleitet?« Und so war sie fast unmerklich in ihr Leben eingetreten, eine ruhige, ziemlich ernste junge Frau im Gegensatz zur munteren Sophie. Sie war im März in das Nachbarhaus gezogen und hatte sich etwas zaghaft als Ersatz für Sophie angeboten, als diese ging. Jane war zuerst froh gewesen, besonders darüber, dass sie ein Mädchen hatte, das sie und Lucy schon kannten, aber allmählich kamen ihr Bedenken. Emma war jünger als Sophie und, wie Suzanne bemerkte, weniger verantwortungsbewusst. Sie hörte mit wachsendem Unbehagen zu, als Jane über ihre Zweifel sprach. Seit Sophie nicht mehr hier war, war Emma launisch und unzuverlässig geworden. Lucy hatte immer öfter Albträume von Monstern, von dem »Ashman«, wie Jane sagte, und davon, dass Emma von Monstern verfolgt wurde. Manchmal kam sie, den Geruch von Zigaretten in den Kleidern, vom Park zurück. »Ich weiß, dass Em raucht«, sagte Jane. »Ihre Lunge ist ihre eigene Sache. Aber sie weiß doch, dass sie in Lucys Nähe nicht rauchen soll.«
»Was hat sie dazu gesagt?«
»Ach, sie sagte, sie hätte gemeint, draußen im Freien würde es nichts ausmachen. Ich glaube … ich weiß nicht … ich will nicht, dass Lucy schon wieder einen Wechsel verkraften muss. Sie mag Emma. Es ist nur…«
»Die Monster?«
»Ja …« Jane sah stirnrunzelnd auf ihr Bild und wischte dann eine winzige Spinne weg, die darüber lief. »Nein.« Sie sah zu Suzanne auf. »Ich habe mich entschieden. Ich lasse Emma nicht mehr auf sie aufpassen. Ich werde ein anderes Mädchen suchen.«
Nach Suzannes Gespräch mit Jane war es fast elf. Suzanne ging durch die Hintertür ins Haus und stieg über den Haufen Schuhe auf der Fußmatte. Das Geschirr vom Frühstück stand noch in
der Spüle; die Arbeitsplatte, wo sie gefrühstückt hatte, war mit Toastkrumen, Butter und einer eingetrockneten Pfütze aus Milch und Zucker besudelt. Eine Fliege hockte darauf, und Suzanne holte aus, um sie totzuschlagen. Aber sie flog auf, erfüllte die Luft einen Moment mit ihrem lauten Summen und ließ sich wieder nieder.
Suzanne ging durch das mittlere Zimmer zur Seitentür, um die Post zu holen. Drei braune Umschläge lagen auf der Matte. Sie hob sie auf und sah sie flüchtig durch. Rechnungen, aber keine Mahnungen. Sie legte sie in die Ablageschale, die immer auf dem Esstisch stand. Die neu hinzugefügten Rechnungen ließen den Stapel einstürzen, und sie sammelte einen Stoß vom Boden auf und warf alles in die Schale zurück.
Sie musste sich an die Arbeit machen.
Oben in ihrem Arbeitszimmer schloss sie die Tür hinter sich und tauchte in eine Atmosphäre von Ruhe und Frieden ein. Ihr Arbeitszimmer war der kleine Raum unterm Dach. Es hatte ein hohes, schmales Gaubenfenster, gerade in der richtigen Höhe, um, die Arme auf das Fenstersims gestützt, über die Dächer hinaussehen zu können. Dies tat sie jetzt und freute sich über den weiten, wolkenlosen Himmel und das glänzende Sonnenlicht auf den nassen Dächern, die sich gegenüber auf der ansteigenden Seite des Tals aneinander reihten. Direkt vor ihr fiel das Schieferdach ihres eigenen Hauses zur Regenrinne ab und verdeckte die Sicht auf die Straße. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie Jane auf ihren Stufen sitzen sehen, die in ihre Zeichnung vertieft war.
Aber sie musste arbeiten. In ihrem Arbeitszimmer war es kühl und schattig. Ihr Schreibtisch befand sich im Licht, das vom Fenster hereinfiel. Weiter hinten standen an den Wänden Bücherregale mit den nach Themen und Autoren geordneten Büchern. Ein praktischer, grauer Metallaktenschrank stand an der schmalen Wand, und in einer Ecke bildete ein feuerroter Sessel unter einer kleinen Leselampe einen Farbtupfer. Neben
ihrem Schreibtisch war ein Regal mit den Kassetten, deren Aufnahmen die Grundlage ihres Forschungsprojekts bildeten.
Wenn sie die Kommunikationsfähigkeit der jungen Männer im Alpha-Projekt untersuchen wollte, musste sie Tonbandaufnahmen machen und ihre Sprache analysieren, um zu sehen, ob sie alle Strategien und Fähigkeiten zur Verständigung einsetzten, die die Forschung im Lauf der Jahre herausgearbeitet hatte. Wenn der Umgang miteinander in Gewalttätigkeiten ausartete, geschah das deshalb, weil sie kämpfen, sich behaupten und ihre Dominanz festigen wollten? Oder passierte es, weil sie die feinen Sprachsignale nicht verstanden, die solche Sätze wie: »ich bin höflich; was du sagst, gefällt mir nicht; ich bitte dich, etwas zu tun« ausdrücken? Wenn sie etwas nicht zu verstehen schienen und nur vage zustimmend nickten bei etwas, das sie nicht gehört oder begriffen hatten, wollten sie dann einfach nichts hören, oder wussten sie selbst nicht, dass sie nichts verstanden hatten, oder konnten sie dies nur nicht zum Ausdruck bringen? Und war es dann die Frustration, die sich in dieser Situation in asozialem Verhalten entlud?
Als ersten Schritt hatte sie einige ziemlich unpersönliche Gespräche und Befragungen der jungen Männer, die am Programm teilnahmen, auf Band festgehalten. Man hatte ihrer Bitte entsprochen, mit den Männern arbeiten zu dürfen, die bereits am schwersten oder häufigsten vorbestraft waren. Einer der frustrierenden Begleitumstände war, dass sie nicht wusste, was sie tatsächlich getan hatten, und es vielleicht nie erfahren würde, wenn sie es nicht aus freien Stücken selbst erzählten. Die Leiter des Projekts hatten ihr die Erlaubnis nur zögernd gegeben und auf strengster Vertraulichkeit bestanden.
Sie holte die Bänder mit den Aufnahmen aus ihrer Tasche. Eigentlich durfte sie sie nicht nach Hause nehmen. Offiziell mussten sie in der Universität eingeschlossen werden. Sie hatte bis jetzt mit drei der jungen Straftäter Gespräche geführt und sie aufgezeichnet. Dean, siebzehn, für den die Teilnahme am Programm
zu den Bewährungsauflagen gehörte, schätzte sie so ein, dass er mit Sicherheit gewalttätig werden konnte. Er war einsilbig, verdrossen und manchmal aggressiv gewesen. Dann hatte sie mit Lee gesprochen, der ebenfalls siebzehn, intelligent und lebhaft war und immer irgendwelchen Ärger hatte. Er schien ab und zu plötzlich einsichtig, wenn er auf seine manische Neigung zum Herumalbern verzichtete. Und Ashley. Das Gespräch mit ihm war merkwürdig gewesen. Sie kannte Ashley besser als die anderen, aber trotzdem erzählte er nur stockend, und das was er sagte, war unzusammenhängend und widersprüchlich. Seit der Zeit vor vier Wochen, als sie die Aufnahmen gemacht hatte, hatte sie sie mehrmals abgehört, aber immer noch Schwierigkeiten, den Sinn zu verstehen.
F: Erzähl mir von deiner Familie, Ashley .
A: Äh … Sie ist nicht…
F: Tut mir Leid, du brauchst es mir nicht zu sagen, wenn du nicht möchtest .
A: Ja.
F: Willst du es mir erzählen ?
A: Brüder und Schwestern?
F: Wenn…
A: (lacht) Brüder und Schwestern.
F: Sorry, Ashley, ich verstehe nicht .
A: Äh … so … em … los …
F: Was ?
A: Simon.
F: Simon ist dein Bruder ?
A: Ja.
F: Erzähl mir von Simon .
A: (lacht) Simon sagt…
F: Ja ?
A: Nicht viel. (lacht)
Damals hatte sie immer wieder gedacht, wie merkwürdig er klang. Schließlich war ihm immer unbehaglicher geworden, und er hatte das Gespräch abgebrochen. Sie fragte sich, ob er sie noch einmal eine Aufnahme machen lassen würde. Er wäre vielleicht der Erste, der ihr Material liefern würde, mit dem sich ihre Theorie untermauern ließ. Ironischerweise hatte sie gezweifelt, ob er für ihr Forschungsprojekt geeignet sei, da man ihm bescheinigt hatte, dass er »Lernschwierigkeiten« hätte, und sie war sich nicht sicher, ob das ihre Ergebnisse verfälschen würde. Sie brauchte mehr Hintergrundwissen über Ashley, bevor sie ihrer Analyse trauen konnte. Sie dachte an die neuen Erkenntnisse, die durch ihre Arbeit gewonnen werden könnten und die die Voraussetzungen der Jugendkriminalität besser erklären und vielleicht dazu führen würden, Jungen wie ihrem Bruder Adam besser helfen zu können, bevor… Tagträume! Sie zwang sich, zu ihrer Arbeit zurückzukehren.
Um halb eins räumte sie alles zusammen. Sie musste zur Universität gehen. Sie spulte das Band zurück, notierte die Ziffer auf dem Zähler und steckte es wieder in ihre Aktentasche. Sie fühlte sich angeregt und optimistisch, genoss diese Stimmung, und das Gefühl der Leichtigkeit war dauerhaft. Es war, als sei in letzter Zeit etwas Dunkles, Schweres, dessen sie sich nicht bewusst gewesen war, von ihr gewichen, und als verstünde sie erst jetzt, wie sehr es sie belastet und eingeengt hatte. Sie dachte an das Wochenende mit Michael, und statt der Ängstlichkeit und Spannung, die ihr sonst wie ein Kloß im Hals saß, merkte sie, dass sie sich fast darauf freute.
Vielleicht konnte sie doch mit der Verantwortung fertig werden. Vielleicht gab es keinen Grund, zu befürchten, dass etwas Schreckliches geschehen würde. Vielleicht machten sich alle Mütter Sorgen um ihre Kinder. Vielleicht, sie wagte es kaum auszusprechen, war sie normal. Sie fuhr sich mit dem Kamm durch die Haare und band sie zurück, überlegte, ob sie Make-up auflegen sollte, und entschied sich dagegen. Vielleicht hatte
Jane Recht. Vielleicht war es an der Zeit, aus sich herauszugehen. Sie nahm ihre Aktentasche, lief nach unten, holte Tasche und Schlüssel und ging los. Als sie die Tür hinter sich abschloss, sah sie Jane an ihrem Tor stehen und ängstlich die Straße hinunterblicken. »Hi«, grüßte Suzanne mit fragendem Unterton. »Ist etwas los?«
Jane strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Emma und Lucy sollten längst zurück sein.« Sie sah auf die Uhr.
»Wann hätten sie denn da sein sollen?«, fragte Suzanne.
Jane sah noch einmal auf die Uhr. »Vor über einer Stunde. Lucys Arzttermin war um Viertel vor zwölf.«
Suzanne erinnerte sich an die frühere Unterhaltung und fühlte ein schleichendes Unbehagen in sich aufsteigen. Monster … sie versuchte, beruhigend zu reagieren. »Ich würde mir keine Sorgen machen«, sagte sie. »Lucy ist wahrscheinlich weggerannt und hat sich versteckt, und die arme Emma ist außer sich. Wir könnten mal nachsehen.« Beide Frauen waren an Lucys Versteckspiele gewöhnt.
Janes Gesicht war angespannt. »Ich bin gerade zurückgekommen. Ich bin schon durch beide Parks gegangen. Sie waren nicht da. Ich hab im Café nachgefragt. Da sind sie nicht gewesen. Dann dachte ich, sie seien vielleicht zurückgekommen… Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Suzanne überlegte. »Em weiß Bescheid, dass Lucy sich oft versteckt, oder?«
»O ja. Sie hat Sophie geholfen, damit fertig zu werden. Ich hab ihr das Handy gegeben. Nur für alle Fälle.« Sie sah Suzanne an und schüttelte den Kopf. »Ich hab die ganze Zeit angerufen, aber niemand nimmt ab.«
Das ließ Suzanne aufhorchen. Dafür gab es keine gute Erklärung. »Vielleicht ist der Akku leer. Oder sie hat es irgendwo unten in ihrer Tasche vergraben, und es hat sich abgeschaltet. Vielleicht ist es gestohlen worden …« Ihre Ideen klangen lahm,
und sie sah, dass Jane gleich widersprechen würde, deshalb redete sie schnell weiter. »Aber ich meine, du solltest trotzdem jemanden anrufen. Nur für den Fall. Vielleicht ist ein Unfall passiert.«
Jane sah jetzt bestürzt und erschrocken aus. »Ich weiß nicht …«, sagte sie.
Suzanne war überfordert. Normalerweise war sie diejenige, die gestresst und aufgeregt wurde, und Jane blieb ruhig und gelassen. »Komm«, sagte sie. »Bestimmt ist es nichts. Du wirst am Ende schrecklich wütend auf Lucy sein und dich fragen, warum du dich so aufgeregt hast. Aber lass uns auf Nummer sicher gehen. Wenn wir angerufen haben, gehe ich in den Park zurück und sehe nach.«
»Du warst doch schon im Park.« Janes weit aufgerissene Augen waren voller Angst. »Und du hast sie auch nicht gesehen, oder?«
Suzanne schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich habe sie auch nicht gesucht.«
»Wenn Lucy weggelaufen wäre, sich versteckt und Em dich gesehen hätte, dann hätte Em dich um Hilfe gebeten. Wir haben doch beide nachgesehen. Sie sind nicht dort.«
Suzanne führte Jane ins Haus zurück und zum Telefon. »Doch, sie sind dort«, sagte sie. »Wir haben sie nur nicht gesehen. Der Park ist groß. Soll ich anrufen?« Jane schaute sie voller Panik an. Suzanne zögerte. Sie war nicht sicher, welche Nummer sie wählen sollte. Sie mussten Kontakt mit der Polizei aufnehmen. Als sie über die Situation nachdachte, wurde sie besorgter. Es stimmte, der Park war groß, aber von der Form her war er schmal, und sie kannte die Plätze, wo Em und Lucy oft hingingen. Wenn sie dort gewesen wären, hätte sie sie gesehen, oder die beiden hätten Suzanne gesehen. Lucy hätte sich unter den Umständen wahrscheinlich nicht bemerkbar gemacht, aber Em wäre froh und erleichtert gewesen, Suzanne zu sehen, falls Lucy ihr einen ihrer Streiche gespielt und sich versteckt hatte.
Sie dachte an Lucy, ihre spindeldürren, zerbrechlichen Gliedmaßen, ihren eisernen Willen. Sie nahm den Hörer ab und probierte es mit Janes Handynummer. Sie ließ es klingeln. Keine Antwort. Dann rief sie 999 an. Entweder klärte sich die Sache bald auf, oder es war ein ernster Notfall.
2
Suzanne war mit Krisen vertraut. Eine Krise war etwas, das man kühl und beherrscht durchstehen musste wie ein Beobachter seines eigenen Lebens. Eine Krise packte einen und ließ einen hinter einer erstarrten Fassade in Angst und Schrecken verfallen. Wenn sie vorbei war, war man ausgelaugt und kaputt. Für Suzanne war der Begriff Krise identisch mit ihrem jüngeren Bruder Adam, der seit sechs Jahren tot war, identisch mit dem schmalen, korrekten Gesicht ihres Vaters und seiner Stimme: Dafür bist du verantwortlich, Suzanne !
Sie hörte, wie die Polizistin Jane erklärte, es käme oft vor, dass Kinder verschwänden, das zuverlässigste junge Mädchen der Welt könne einmal abgelenkt sein, und Suzanne wünschte, sie könnte der Zeit bis zu einem Zeitpunkt nach der Krise vorauseilen, ganz gleich, wie diese ausgehen mochte.
Auf Suzannes Anruf hin waren mit lobenswerter, aber beängstigender Schnelligkeit zwei Polizeibeamte erschienen. Ein Mann und eine Frau. Die Frau stellte sich vor, sie war ruhig, einfühlsam, professionell. »Hazel Austen. Ich bin wegen Ihrer Tochter gekommen. Sie heißt Lucy, nicht wahr?« Mit ein paar schnellen Fragen hatte sie das Wesentliche der Situation erfasst und sprach nun mit Jane der Reihe nach durch, wohin Emma und Lucy zu gehen vorgehabt hatten und wohin sie sonst immer gingen. »… jetzt gleich durch den Park gehen, aber ich möchte nur noch von Ihnen wissen…«
Um sich von ihrer Spannung abzulenken, ließ Suzanne den Blick in dem vertrauten Zimmer umherwandern. Es gab Bilder: gerahmte Drucke, einige von Janes Zeichnungen und Lucys eigene Bilder, die mit Klebstreifen an Wänden und Tür befestigt waren. Ihre Spielsachen und Bücher lagen in einer Ecke aufgetürmt und kreuz und quer durcheinander auf dem Regal, das neben dem Fenster stand. Ein Foto von Lucy mit ihrem Vater Joel war mit einem Reißnagel am Regal festgemacht. Das war etwas Neues. Es sah aus wie eine von Janes Fotografien, und das Format und die hochgebogenen Ecken ließen darauf schließen, dass sie es vermutlich auch selbst entwickelt hatte. Beide Gesichter sahen vor einem Hintergrund diffuser Lichtquellen ernst aus, Lucys helles Haar berührte das dunkle ihres Vaters. Lucys Zeichnungen waren leicht zerknittert und hingen niedrig, etwa in Kopfhöhe, manche ein wenig schief. Die Überschriften hatte Lucy selbst geschrieben, indem sie Janes Schrift sorgfältig abgemalt hatte, jeden Buchstaben in einer anderen Farbe.
Die Bilder gehörten zu Lucys Fantasiewelt. Flossy, meine Katze im Park , ein Bild mit einem gestreiften Tier mit sehr vielen Zähnen; Ich und meine Schwestern im Park , eine kleine Gestalt mit hellen Haaren neben zwei anderen Figuren, eine hell-, die andere dunkelhaarig; Meine Mum und Dad , zwei große Gestalten, beide mit blondem Haar wie Lucy; Ashmans Bruder im Park , ein dunkelhaariges, lächelndes Wesen. Lucys erfundene Familie hatte einen Vater, der präsent war, im Gegensatz zu dem abwesenden Joel, der ständig unterwegs war, und Katzen und Hunde, Schwestern und manchmal Brüder gehörten auch dazu. Der Rest ihrer Welt war mit noch merkwürdigeren Wesen bevölkert, wie zum Beispiel mit ihrem imaginären Freund Tamby und dem finsteren Ashman – und jetzt anscheinend auch mit Monstern.
Suzanne und Jane hatten in diesem Zimmer vor kurzem eine Flasche Wein getrunken und sich mitten in dem Durcheinander unterhalten, während Lucy am Tisch saß und malte. Das Zimmer war ihr beim Plaudern mit Jane und erfüllt mit Lucys Geplapper warm und einladend vorgekommen. Jetzt sah das Wirrwarr nicht mehr freundlich und tröstlich aus, sondern zerstört, als wäre ein heftiger Wind durch den Raum gefegt und hätte alle Gegenstände wahllos zu Boden geworfen.
»… Tasse Tee.« Suzanne schrak auf. Hazel hatte mit ihr gesprochen. Als sie Suzannes ratlosen Blick sah, wiederholte sie: »Ich glaube, Jane hätte gern eine Tasse Tee.«
Einen Moment waren es nur Worte ohne Bedeutung, dann sagte Suzanne: »Ach ja, natürlich.« Sie lief schnell durch den gemeinsamen Hof zu ihrer Hintertür und brachte Tee und Kekse aus ihrer eigenen Wohnung. Mit einem Tablett kam sie ins Zimmer zurück und beschäftigte sich damit, die Tassen hinzustellen, Tee einzugießen und die Kekse auf einen Teller zu legen.
»Sie ist sehr selbstständig und weiß genau, dass sie nicht mit Fremden sprechen soll, wissen Sie … Sie würde nicht mit jemandem mitgehen.« Jane versuchte sich selbst zu beruhigen, als käme dadurch, dass sie Hazel überzeugte, alles wieder in Ordnung. Es stimmte, dass Lucy erfinderisch und clever war, dachte Suzanne, aber sie war erst sechs Jahre alt.
Sie gab Jane eine Tasse Tee und versuchte, ihr zu helfen. »Lucy ist sehr vernünftig«, sagte sie zu Hazel, und Jane warf ihr einen dankbaren Blick zu.
Lucys Malblock und Wachsstifte lagen auf dem Tisch, und Suzanne schob sie zur Seite. Sie wollte das Bild nicht ansehen, das Lucy gemalt hatte, aber es zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, und schließlich starrte sie es an, während sie zuhörte, wie Hazel zu Jane sagte, dass es noch früh sei und dass die meisten vermissten Kinder gesund und munter wieder auftauchten. Es war ein typisches Kinderbild, auf der oberen Hälfte der Seite ein blauer Himmel und unten grünes Gras. Die zwei Gestalten, eine große und eine kleine, standen auf dem Rasen. Ihre Arme waren seitlich ausgestreckt, jeder einzelne Finger war sorgfältig gezeichnet, und sie hielten einander an den Händen. Lucy und Jane. Suzanne sah genauer hin. Nein, die größere Person hatte braune Haare. Lucy und Sophie? Sie konnte sich vorstellen, wie Lucy am Tisch saß, ganz vertieft und mit ernstem Gesicht über das Papier gebeugt, und wie sie beim Malen halb zu sich selbst, halb mit ihrer Mutter und Suzanne sprach. Und sie sind im Park, dann gehen sie über das große Feld, halten sich an den Händen und lächeln, siehst du … Aber diese Gesichter lächelten nicht, bemerkte sie. Die Mundwinkel waren grimmig nach unten gezogen.
Sie schaute auf und sah, dass auch Janes Blick auf den Block fiel. Sie hätte ihn weglegen sollen. Jane nahm ihn in die Hand. »Das hier hat sie gemalt«, sagte sie, und ihr Blick irrte zwischen den beiden Frauen hin und her. »Gestern Abend. Sie kann gut …« Ihre Stimme wurde leise, und sie schluckte.
Der Polizist war wieder hereingekommen. Er schaute zu Jane und Hazel hin, die miteinander sprachen, und gab dann Suzanne mit einem Blick ein Zeichen. Sie ging zu ihm, und er führte sie aus dem Zimmer. Jane sah auf, als sie hinausging, aber nur einen Augenblick. Der Mann wartete neben dem Telefon im Flur. »Sie sagten, dass Sie das Handy angerufen haben, das das junge Mädchen bei sich hat?«
»Ja. Es wurde nicht abgenommen.«
Er sah sie an. »Aber es war angeschaltet?«
Suzanne schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nie ein Mobiltelefon gehabt und kannte sich damit nicht aus. »Ich weiß nicht. Woran merkt man das?«
Als Antwort wählte er die Nummer und hielt ihr das Telefon hin. Sie hörte ein Krachen, bevor eine Verbindung zustande kam, und dann eine Aufnahme: »Diese Nummer ist zur Zeit nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später.« Suzanne schaute ihn an und schüttelte den Kopf. »Nein. Letztes Mal hat es nur geklingelt.«
»Und das war …?«
»Vor einer halben Stunde etwa. Bevor ich Sie angerufen habe.« Er sagte nichts, deshalb fragte sie ihn: »Was hat das zu bedeuten?«
»Es ist nichts. Wahrscheinlich ist es nicht wichtig.«
Damit wollte sie sich nicht zufrieden geben. »Aber vielleicht doch. Was bedeutet es?«
Er zuckte die Schultern. »Es bedeutet wahrscheinlich, dass der Akku leer ist. Oder dass jemand das Handy abgeschaltet hat, seit Sie die Nummer angerufen haben.«
Lucy war im Park gewesen. Sie fanden Spuren von ihr, viel weiter weg als an den Stellen, die ihre Mutter beschrieben hatte. Wenn man etwa anderthalb Kilometer durch den Wald ging, kam man beim Forge Dam, dem letzten Teich, zu einem Spielplatz. Im Café bei dem Spielplatz am Waldrand trat der Besitzer in die Sonne hinaus, um eine Zigarette zu rauchen, und sagte: »Ja, ein kleines Mädchen, blond, ja, sie war am Vormittag hier, so um zehn herum. Sie hat ein Eis gekauft.« Er dachte nach. »Und ein Stück Kuchen. Ich fragte sie, ob es für die Enten sei. Ich hab sie schon öfter hier oben gesehen, ihre Mum kauft Kuchen für die Enten.«
»Ist sie das?« Der Polizeibeamte zeigte ihm ein Bild, und er nickte.
»Ja, das ist sie. Ist ihr etwas …?«
»War jemand bei ihr?« Aus dem Funkgerät an der Jacke des Mannes krachte es, aber die Worte, die danach kamen, verstand der Cafébesitzer nicht. Der Polizist sprach leise eine kurze Antwort in das Gerät und kam dann auf seine Frage zurück.
»Ja … also, ich glaube schon.«
»Wer? Könnten Sie die Person beschreiben, die bei ihr war?«
Der Cafébesitzer war jetzt beunruhigt und überlegte. Er hatte eigentlich nichts gesehen, wenn er es sich genau überlegte. Sie war zweimal zum Seitenfenster gekommen, einmal wegen Eis und einmal, um Kuchen und ein Getränk zu holen. Er hatte eigentlich niemanden gesehen. »Ich weiß nicht«, sagte er langsam. »Ich hab einfach angenommen… Ich habe niemanden gesehen.«
Es war nicht viel los gewesen an diesem Vormittag, an diesem Tag. Kurz nach neun waren ein paar Spaziergänger vorbeigekommen und tranken eine Tasse Tee. Er hatte Leute gesehen, die zum Teich hinauf- oder dann weitergingen. Der Weg gehörte zum Sheffield Round Walk, und von hier gab es für die Wanderer auch eine Möglichkeit, in den Derbyshire Peak District zu kommen. Es war ein viel genutzter Weg. Einige der Spaziergänger waren vielleicht am Teich geblieben, hatten dort den Tag verbracht, vielleicht geangelt, er wusste es nicht. Er hatte sich um das Café gekümmert – es war nicht viel los, wie schon gesagt, er hatte die Buchführung gemacht, dann eine Weile ferngesehen. Der Beamte machte Notizen und vermutete bereits missmutig, dass irgendjemand alle diese Leute würde finden müssen, wenn aus der Sache eine richtige Untersuchung wurde, und dass sie befragt werden müssten, was sie gesehen hatten, und dass herauszufinden wäre, wer hier durchgekommen war, ohne sich zu melden. Wenn diese Person sich nicht gemeldet hatte, vielleicht deshalb, weil sie nur allzu gut wusste, was mit dem verschwundenen Kind geschehen war.
Suzanne wurde klar, dass die Polizei die Sache mittlerweile aus irgendeinem Grund etwas ernster nahm. Als ein Mann in Zivil, ein Kriminalbeamter, gekommen war, krampfte sich ihr Magen zusammen. Sie fühlte sich in der Nähe der Polizei unbehaglich. Sie hatte zu viele Erinnerungen an Adam, an die Stimme am Telefon. Wir haben Adam leider wieder hier. Er hat … Und ihr Vater. Kümmere du dich darum, Suzanne . Es ist deine Sache . Sie hatte ihnen damals vertraut, hatte auf sie gehört und getan, was sie sagten. Sie hörte noch immer die Stimme der Frau. Sagen Sie uns doch, wo Adam ist. Wir wollen dem Jungen helfen, Suzanne.
Der Mann stellte sich als Detective Inspector Steve McCarthy vor. Er sprach schnell die Fakten durch, nach denen Hazel gefragt hatte, und fügte noch die eine oder andere Frage hinzu. Es beeindruckte Suzanne, wie effizient er vorging, aber sie fand ihn barsch und kalt. Dann fing er an, Fragen über Emma zu stellen, wie gut Jane sie kannte, was sie beruflich tat, wo sie wohnte. Jane wurde blasser, als er ihr sagte, Emma sei überhaupt keine Studentin und offiziell auch nie eine Mitbewohnerin des Hauses Nummer vierzehn gewesen.
Suzanne war nicht klar gewesen, wie sehr sie Emma in gutem Glauben vertraut hatten, weil sie sie kannten oder jedenfalls zu kennen glaubten. Deshalb war die Polizei besorgt. Etwas mit Emma stimmte nicht. Suzanne ging zu Janes Sessel, setzte sich auf die Lehne, legte den Arm um sie und sagte: »Emma kennen wir beide gut. Sie ist Sophies Freundin.« McCarthy hob fragend eine Augenbraue, und sie begriff, wie mager sich diese Empfehlung anhörte.
Sie erzählte ihm von Sophie, ihren Eltern, ihrem Tutor an der Universität und den Kursen, die sie belegt hatte. »So haben wir Emma kennen gelernt«, erklärte sie. Als er nichts antwortete, fragte sie: »Was ist denn? Mit Emma ist etwas nicht in Ordnung, nicht wahr?«
»Wir brauchen einfach Hintergrundinformationen«, sagte er, ihrer Frage ausweichend. Mit ausdruckslosem Gesicht machte er sich Notizen und stellte dann Fragen über Lucys Vater. »Wo wohnt er? Sieht er Lucy häufig? Könnte es sein, dass Lucy zu ihm gegangen ist?«
Jane schüttelte den Kopf. Suzanne konnte sich nicht zurückhalten. »Lucy hat Joel immer nur hier gesehen.« Suzanne wollte Joel nicht Lucys Vater nennen, er verdiente es nicht. Er war fast nie da und widmete seine Zeit, soweit sie wusste, seinen zwielichtigen Geschäften mit Clubs und Partys in Lagerhäusern. Wenn er Lucy tatsächlich einmal besuchte, nahm er alle Vorteile für sich in Anspruch. Er brachte ihr Geschenke, spielte manchmal mit ihr, aber immer in unregelmäßigen Abständen, und wenn sie ihn brauchte, war er nie da. Wenn er Lucy enttäuschte, was sehr oft vorkam, oder wenn er ihren Geburtstag vergaß, hieß es: Es ist doch nur ein Datum auf dem Kalender . Reg dich nicht so auf, Jane . Er versprach, zu ihrer Geburtstagsparty zu kommen, und blieb einfach weg, mit der Erklärung: Ich kann keinen ganzen Nachmittag mit schreienden Kindern aushalten . Oder er sagte: »Natürlich komme ich und sehe mir das Stück an, in dem du mitspielst, Schatz«, tauchte aber dann nicht auf, und Lucy weinte und wollte nicht spielen und sagte: »Wir können nicht anfangen, mein Daddy ist noch nicht da.« Na ja. Etwas ist dazwischengekommen. Hör auf, herumzunörgeln, Jane . Wenn er seine Versprechen gegenüber Lucy nicht einhielt, fand Jane Entschuldigungen und versuchte, ihn in Lucys Augen immer gut dastehen zu lassen. Aber wie sollte man das erklären? Sie versuchte, es kurz zusammenzufassen, und es kam ihr vor, als blickte sie der Polizeibeamte leicht belustigt an. »Joel würde Lucy nicht entführen«, fügte sie hinzu. »Er würde eher jemandem ein Lösegeld zahlen, damit er sie ihm abnimmt.«
Jane vergrub das Gesicht in den Händen und sah dann auf. »Joel wohnt nicht in Sheffield«, sagte sie müde. »Lucy ist nicht bei ihm.« Suzanne bemerkte, dass DI McCarthy und Hazel Austen einen schnellen Blick austauschten. Sie wurde rot. Sie hätte es ihnen gleich sagen sollen. Jane kam der nächsten Frage zuvor. »In Leeds«, sagte sie. »Er wohnt in Leeds. Und im Moment ist er geschäftlich in London.« Ihr normalerweise blasses Gesicht war weiß, und sie sah erschöpft aus. Die Worte brachen aus ihr heraus, als seien sie ihre letzte Waffe, und danach würde sie mit leeren Händen dastehen. »Sie wird doch Hunger bekommen. Sie hat nichts zu Mittag gegessen. Sie ist noch so klein und hat Asthma. Lucy ist sehr tapfer, aber im Dunkeln hat sie Angst. Sie muss wieder zurück sein, bevor es dunkel wird. Sie wird schreckliche Angst bekommen, wenn sie allein ist.« Sie sah den Mann an, der sich alles ungerührt anhörte. »Ich muss sie suchen gehen.«
McCarthy sah Jane einen Augenblick an und schien Mitgefühl mit ihr zu haben. Seine Stimme klang weicher. »Da draußen sind Leute, die nach ihr suchen.« Suzanne sah ihn einen Moment an und las in seinen Augen, dass er glaubte, Lucy sei eine der wenigen, bei denen sich die Sache als nicht harmlos herausstellt. Sie fühlte sich schrecklich hilflos.
Lucy kroch um die Büsche herum und horchte. Die Geräusche veränderten sich. Vorher waren es Schritte, die auf den trockenen Blättern zwischen den Büschen weich und gedämpft klangen. Sie war so leise wie möglich gewesen. Zischend hatte sie ein Fahrrad auf dem nassen Weg vorbeifahren hören, aber sie hatte sich nicht bemerkbar gemacht. Sie war dem Ashman davongelaufen, aber im Wald gab es Monster.
Sie hatte zwischen den Steinen Plätze gefunden, wo sie sich verstecken konnte und wo niemand sie finden würde. Einmal hatte sie jemanden »Lucy! Lucy!« rufen hören. Aber es war eine Stimme gewesen, die sie nicht kannte, deshalb war sie ganz still gewesen und hatte sich vorgestellt, sie flüstere Tamby zu wie eine Maus . Sie hörte die Stimmen von Kindern auf dem Spielplatz. Vielleicht war jetzt alles in Ordnung. Sie krabbelte zwischen den Büschen durch und fand zum Weg zurück. Sie ging nicht zum Spielplatz. Sie wollte nach Hause. Sie sollte nicht allein durch den Wald gehen, und vor allem sollte sie Straßen nicht allein überqueren. Sie wünschte, Sophie wäre hier. Sophie würde wissen, was zu tun wäre.
Sie sprang die niedrigen Stufen hinunter, die zum Bach führten, und balancierte auf den Steinen am Rand des Weges. Von einem Stein hüpfte sie auf den nächsten, von einem Fuß auf den anderen, schnell, bevor sie das Gleichgewicht verlor. Dann war sie an der Stelle, wo der Weg sich teilte, und sie kletterte rasch auf den Damm hinauf. Manchmal waren Angler da und oft hatten Lucy und Sophie ihnen zugesehen. Lucy schaute gern in die Behälter mit zappelnden Maden. Einmal sah Lucy einen der Angler die Maden essen, aber Sophie sagte, das sei ekelhaft . »Aber das hat er wirklich getan«, hatte Lucy gesagt. »Wirklich. Ich hab sie in seinem Mund gesehen.« Ekelhaft . Lucy sah sich um, aber Emma war nicht da. Auch keine Angler. Niemand war am Teich, nirgends. Sie wollte, Sophie wäre da. Sie wollte, ihre Mum wäre da. Sie wollte nach Haus gehen. Ihre Brust tat weh, und sie hatte ihre Medizin nicht bei sich, denn Emma hatte sie. Sie lief weiter den Weg entlang bis zum Ende des Damms. Sie war müde . Jetzt war sie bei den Cottages und der langen Reihe von Stufen angekommen, die wieder zum Bach hinunterführten. Sie ging hinunter, vorsichtig immer eine Stufe nach der anderen nehmend, und passte auf, dass ihr Fuß nie auf einen Riss traf. Wenn man dabei nicht aufpasste, würden einen die Monster holen.
Suzanne sah auf ihre Uhr und erinnerte sich schuldbewusst, dass sie in der Schule sein und Michael abholen sollte. Sie hätte beim Konzert seiner Klasse dabei sein sollen, wo er mitsang. Sie hatte es versprochen. Und sie hatte es Dave versprochen. Sie sah zu Jane hin, wollte aber nichts von Kindern erwähnen, die von der Schule abzuholen waren, um Jane nicht daran zu erinnern, dass sie normalerweise jetzt Lucy abholen würde, sondern sagte nur: »Ich bin bald wieder da.«
Sie rannte den Abhang zum Tor der Schule hinunter, die glücklicherweise nur fünf Minuten entfernt war. Sie dachte an Michael, der allein auf dem Spielplatz wartete oder sich vielleicht aufgemacht hatte, um sie zu suchen. Es konnte so leicht passieren, ein Fehler, ein Augenblick der Unachtsamkeit und … Dafür bist du verantwortlich, Suzanne! Plötzlich schien die Luft, die sie atmete, ganz dünn zu werden, als sei ihr aller Sauerstoff entzogen. Gesicht und Hände kribbelten und in der Brust saß ein stechender Schmerz. Sie erreichte den Spielplatz, draußen vor dem Fertigbau, in dem Michaels Klasse Unterricht hatte. Sie blieb stehen, lehnte sich gegen die niedrige Wand und konzentrierte sich darauf, ihren keuchenden Atem unter Kontrolle zu bekommen.
Früher war es häufig vorgekommen. Sobald sie allein und für Michael verantwortlich war, bekam sie Panik. Sie erinnerte sich an Daves Blick, zuerst voll Mitgefühl, dann voll Sorge und schließlich voll Ärger und Wut. »Postnatale Depression«, hatte ihr Arzt vage diagnostiziert. Aber es war nie besser geworden.
Ihre frühere Lebensfreude war in einem schwarzen Abgrund aus Angst, Schuldgefühlen und Nervosität versunken, und sie gestand sich ein, dass sie es nicht schaffen würde. Nicht jetzt, wo Lucy weg war, nicht jetzt, wo das Wochenende vielleicht wer weiß was alles bringen würde. Diese Entscheidung half ihr, sich zu beruhigen und das Klassenzimmer zu betreten, um noch bis zum Ende des Konzerts dabei zu sein.
Sie winkte Michael zu, dessen Gesicht strahlte, als er sie sah. Lisa Boyden, Michaels Lehrerin, huschte zu ihr herüber, um sie flüsternd nach Lucy zu fragen. Natürlich, die Polizei hatte bestimmt auch in der Schule nachgefragt. Sie schüttelte den Kopf, es gebe keine Neuigkeiten, und wartete ungeduldig auf das Ende des Konzerts.
Es war schon nach vier, als sie mit Michael aus dem Schultor kam. Er redete die ganze Zeit, war froh, sie zu sehen, freute sich auf sein Wochenende und quoll über von den Erlebnissen des Schultages und vom Konzert, und vergab ihr, dass sie so spät gekommen war, weil sie wenigstens am Ende doch noch aufgetaucht war. Sie lächelte mit starrem Gesicht und sagte: »Wirklich? Tatsächlich?« und »Schön«, als sie die Straße entlanggingen. Dabei konzentrierte sie sich darauf, tief und ruhig zu atmen, und hörte nichts von dem, was er sagte. Sie merkte, wie das Gespräch langsam erstarb und wie unaufmerksam sie war. Sie hätte ihn gern hochgehoben, um ihn zu umarmen und ihm zu sagen, dass es ihr Leid tat, sagte aber stattdessen: »Wir gehen zuerst bei Daddy vorbei.« Er sah sie an und nickte resigniert, ein bisschen zu reif, ein bisschen zu wissend – das tat ihr weh. Verantwortlich!
Dave wohnte auf der anderen Seite des Parks, ganz in Gedanken versunken trat sie mit Michael durch das Tor. »Sieh mal, so viele Polizisten!« Er war begeistert. »Ein Räuber ist da gewesen«, sagte er.
Suzanne sah sich um. Zwei Streifenwagen parkten beim Sportplatz, und Männer in Uniform sprachen mit Spaziergängern und zeigten ihnen Fotos. Und ein Transporter, ein Polizeitransporter, stand da, auf dem unter der normalen Aufschrift etwas in dunklen Buchstaben geschrieben stand. Sie kniff die Augen zusammen, um es lesen zu können. UNDERWATER SEARCH. Die Teiche. Sie war schockiert, bekam keine Luft. »Ja, ich vermute, sie haben ihn gefangen«, sagte sie und strengte sich an, dass ihre Stimme nicht zitterte. »Komm, wir gehen, lass uns zu Dad gehen. Mal sehen, was er macht.«
»Ich will zusehen. Ich will dableiben«, sagte Michael mit weinerlicher Stimme und zog an ihrer Hand. Er merkte, dass sie schnell weg wollte.
Sie bezwang ihre Ungeduld. Aber sie mussten aus dem Park draußen sein, bevor… »Komm, Michael.« Ihre Aufregung klang wie Ärger, und sie hasste sich deswegen. Er gab nach und kam mit, zeigte aber seinen Zorn, indem er mit den Schuhen in die Erde kickte und immer wieder an Suzannes Hand zog.
Als sie sich Daves Haus näherten, hörte Suzanne schon die Musik aus der Stereoanlage, die disharmonischen Klänge moderner Komponisten, die sie verabscheute und die Dave liebte. Wenigstens war er zu Hause. Sie drückte auf die Klingel, erinnerte sich dann, dass sie nicht funktionierte, und klopfte an. »Dad hört das nicht«, war Michaels Kommentar, und er hämmerte mit den Fäusten an die Tür.
»Schon gut. Ich hab’s gehört.« Daves bissiger Gesichtsausdruck wurde freundlicher, als er Michael sah, und dann wieder unfreundlich bei Suzannes Anblick. Er hob sich seinen Sohn zur Begrüßung auf die Schultern. »Hi, Mike, kleiner Kumpel. Bist du früher gekommen?«
»Kann ich Cartoons sehen?« Suzanne merkte, dass er sie mitsamt dem Räuber im Park vergessen hatte und einfach nur froh war, zu Hause zu sein, und es gab ihr einen Stich ins Herz.
»Geh, Mike. Ich komm gleich«, sagte Dave, der Suzanne immer noch mit unfreundlichem Blick betrachtete. Er wusste, warum sie hier war. »Und?« Er würde ihr nicht entgegenkommen. »Schaffst du es nicht einmal…?« Er sah sie genauer an, und auf seinem Gesicht lagen Ärger und Ungeduld.
»Es tut mir Leid«, sagte sie. Aufgeregt erzählte sie ihm von Lucy und der Situation, die sich einem unabwendbaren Ende zu nähern schien. »Ich will nicht, dass Michael bei mir ist, wenn … Ich finde, er sollte da nicht in der Nähe sein.« Es hätte vernünftig und praktisch geklungen, wenn sie es klarer hätte ausdrücken können.
»Kann Mike das verstehen? Ach Gott, Suze, ich sehe ein, was das Problem ist… aber wie oft darf Mike schon Zeit mit dir verbringen?« Suzanne fühlte, wie Schuldgefühle in ihr aufstiegen. Dave hatte Recht.
»Es ist schon Stunden her«, sagte sie. »Und da muss es irgendetwas geben, was die Polizei uns nicht sagt. Ich glaube, es ist etwas passiert.« Er sah sie an und nickte. »Wenn ich mich irre, kann Michael morgen wiederkommen, er kann das Wochenende mit mir …«
Dave schüttelte den Kopf. »Er ist doch kein verdammtes Haustier, Suze. Wenn er heute Abend nach Hause kommt, dann bleibt er hier. Du kannst ihn stattdessen nächstes Wochenende nehmen. Ich fahre weg, und es ist ohne Mike praktischer.« Ging es um seine neue Freundin, von der sie gehört hatte? Michael hatte schon einmal von ihr erzählt – wie hieß sie noch mal? Carol? Carol kann Eier mit Gesichtern backen … Sie war verwirrt, orientierungslos, hatte plötzlich das Gefühl, dass ihr alles entglitt. »Wenn du dir solche Sorgen über Jane machst«, sprach er weiter, und vor Ungeduld klang es böse, »dann solltest du dich erst mal selbst in den Griff kriegen.«
Jane. Und Lucy. Sie selbst war jetzt schon eine Stunde weg. Alles Mögliche konnte passiert sein. Sie versuchte, sich von Dave mit einem versöhnlichen Gruß zu verabschieden, aber sein Gesichtsausdruck blieb verschlossen. Michael saß vor den Cartoons und wandte sich ungeduldig ab, als sie ihm einen Kuss geben wollte.
Ihr Kopf dröhnte. Dave hatte Recht. Sie musste sich beruhigen, bevor sie zurückkehrte. Sie beschloss, durch den Park zu gehen, und nahm die Straße, die zu einem anderen Tor führte, das weiter im Wald lag. Sie konnte Jane nicht mehr helfen. Was konnte sie tun oder sagen? Es gab nichts zu tun oder zu sagen. Sie begriff, dass dieser Mann von der Kripo das wusste. Er verstand, dass Worte nichts brachten. Nur was man tat, zählte.
Sie ging in den Park hinein. Mit Michael war sie hier am Suchteam der Polizei vorbeigekommen. Jetzt wollte sie sehen, was weiter drinnen los war. Ihr war unwohl, als sie an das merkwürdige Warnschild dachte, das durch die späteren Ereignisse aus ihrem Gedächtnis verdrängt worden war. Sie hätte jemandem davon erzählen sollen. Sie musste es ihnen sagen, sobald sie zurückkam. Aber es konnte nichts mit dieser Sache hier zu tun haben. Lucy und Emma waren zum Spielplatz im ersten Park gegangen. Eine größere Straße und ein langer Weg führten von dort herüber. Sie sah sich um. Keine Polizei. Kein Streifenwagen, niemand, der die Büsche durchsuchte. Dieser Teil des Parks war menschenleer, als hätten sie aufgegeben und seien weggegangen.
Die Sonne stand jetzt schon tief, und die Schatten der Bäume fielen auf den Weg. Suzanne ging langsam weiter, die Stille beruhigte sie, und sie konzentrierte ihre Sinne auf den Park. Sie sah die Muster von Licht und Schatten auf dem Weg und fühlte die frühe Abendsonne auf ihren Armen. Sie stand unter den Bäumen und horchte auf in der Ferne spielende Kinder, auf die Vögel am Teich, das Geräusch… Das war neu, anders. Ein rhythmischer, knarrender Laut, den sie nicht erkannte, und wirbelndes Wasser, das wie unter Druck schnell floss. Sie sah sich um und versuchte herauszufinden, woher das kam. Man konnte sich bei Geräuschen im Wald irren, sie prallten von Mauern und Bäumen zurück und täuschten einen, so dass man in der falschen Richtung und an den falschen Stellen suchte. Dann wurde ihr klar, dass sie das Geräusch schon eine ganze Weile hörte. Sie sah zu Shepherd Wheel auf der anderen Seite des Bachs hinüber. Das war es, es kam von dort. Sie brauchte einen Augenblick, bis sie das Geräusch eingeordnet hatte, und dann war sie nicht mehr sicher. Es war bestimmt das Geräusch des Wasserrads, das sich drehte.
Fast wäre sie weitergegangen, aber warum drehte sich das Wasserrad zu dieser Tageszeit? Warum drehte es sich überhaupt? Der Stadtrat hatte schon vor Jahren entschieden, das Gebäude zu schließen. Langsam wandte sie sich um und ging auf der Brücke über den Bach. Als sie sich dem Gebäude näherte, überlegte sie, wie man überhaupt hineinkam. Türen und Fenster waren geschlossen. Sie folgte dem Weg zum Hof. Das Tor war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Sie runzelte die Stirn. Jetzt konnte sie das Rad ganz deutlich knarren hören. Sie rüttelte am Tor, das Schloss klapperte. Sie ging zurück und versuchte es mit der Tür. Aber sie war fest verriegelt, und ein glänzendes Vorhängeschloss hing davor.