Poet auf zwei Rädern - Lisa Schoeps - E-Book

Poet auf zwei Rädern E-Book

Lisa Schoeps

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Beschreibung

"An Wasser kann man sich nicht festhalten, nur wer darauf vertraut, dass es trägt kann mit ihm schwimmen und geht nicht unter." In diesem Sinn wird der Leser auf eine Reise der großen Gefühle mitgenommen, nimmt teil an einer Achterbahnfahrt der Emotionen zweier Menschen. Bekommt Einblick in ihren Lebenstraum, der durch einen Moment Unaufmerksamkeit fast zerstört wurde. Durch einen schrecklichen Motorradunfall, der von einer Sekunde auf die andere, alles veränderte. Facettenreich werden die Gefühle, und der eiserne Wille im Kampf zurück ins Leben, den jeder auf seine eigene Art, gegen die Widrigkeiten des Alltags und die Gespenster der Vergangenheit führt, beschrieben. Als Gerüst im Hintergrund dient die Leidenschaft für Motorräder, eine Reise zum Nordkap und der Glaube, dass man mit dem puren Willen Berge versetzten kann. Und es ist die Geschichte einer großen Liebe, um die lange gekämpft werden musste, und die hin und wieder auf tönernen Füßen stand, jedoch durch ihre Intensität und Leidenschaft alles zusammenhielt. Die Geschichte wird erzählt aus Sicht einer jungen Frau, die ihre Erinnerungen mit einer seltenen Leichtigkeit in Worte fasst, präzise formuliert, manchmal amüsant, manchmal zum mitweinen, aber immer so, dass Kino im Kopf des Lesers entsteht - sie ihn durch ihre Sprache in ihre magische Welt entführt.

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lisa Schoeps

Poet auf zwei Rädern

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Impressum neobooks

Kapitel 1

Das erste Geräusch des Tages, das ich wahrnahm, war das unerbittliche Rasseln des Weckers. Es bohrte sich wie aus weiter Ferne in mein Unterbewusstsein. War es schon wieder Zeit zum Aufstehen? Wer hatte dieses Folterinstrument nur erfunden?

Es war groß, rot, mechanisch, eines der Modelle die ein rundes Gehäuse mit großen Zahlen auf dem Zifferblatt und obendrauf zwei glockenartige Metallhütchen haben. Zwischen denen bewegte sich ein Messingschlägel wie wild hin und her und erzeugte das laute, schrille, durch alle Fasern dringende, unerbittliche Signal, das es Zeit zum Aufstehen war. Eigentlich hatte ich keine Lust, ich war noch müde, wollte die wohlige Wärme des Betts nicht verlassen. Das Klingeln bohrte sich hartnäckig in mein Bewusstsein.

Ich war ganz nah an Michael geschmiegt, lag wie fast immer in seiner Armbeuge. Seine andere Hand lag auf meiner Hüfte. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter, atmete seinen vertrauten Geruch ein, fühlte die von der Nacht noch erwärmte, glatte Haut an meiner Wange. Ich blinzelte. War es hell, wirklich schon Tag? Am liebsten wollte ich gar nicht aufwachen, zurück gleiten in die süße Welt der Träume. Immerhin war es Freitag, zumindest das war gut, der letzte Arbeitstag vor dem Wochenende. Ein zweiter Blick auf den Wecker bestätigte, dass es bereits morgens fünf Uhr dreißig war. Mein Zug fuhr um zehn nach sechs.

„Guten Morgen, Kleines“, flüsterte mir Micha mit noch schlaftrunkener, samtener Stimme ins Ohr. Er war disziplinierter als ich, er löste die Umarmung, zog seinen Arm unter meinem Kopf hervor und war im nächsten Moment auch schon aufgestanden und in Richtung Badezimmer verschwunden. Ich gönnte mir noch einen Moment in der Geborgenheit unseres Betts, schloss die Augen, zog mir die Decke über den Kopf.

Kurze Zeit später schallte es ermahnend „Aufstehen Kleines!“ aus dem Bad. Der Mann war gemein. Langsam räkelte ich mich aus den Kissen und Decken. Warum war in unserem Bett morgens immer alles durcheinander?

Ich streckte mich, schlurfte in die Küche und setzte Wasser für Tee auf. Ganz automatisch schaltete ich das Radio ein, es lief „Ebony & Ivory“, das Paul McCartney und Stevie Wonder im Duett sangen. Ich summte mit. Durch das Küchenfenster schien die Sonne, es versprach ein angenehmer Tag zu werden. In diesem Jahr hatten wir bislang einen eher durchwachsenden Frühsommer gehabt.

Ich träumte vor mich hin während ich darauf wartete, dass das Wasser zu Kochen anfing. Wir frühstückten Wochentags nicht. Ich wollte meine Ruhe. Am liebsten wäre ich zurück in unser Bett geschlichen, aber die Vernunft siegte. Schlaftrunken nahm ich die blaue Blechdose aus dem Regal, öffnete sie und gab einige Löffel Früchtetee in die naturbraune Filtertüte und steckte sie in die Glaskanne mit dem roten Plastikdeckel. Der Tee roch himmlisch nach Gummibärchen und als das Wasser kochte, schüttete ich es darüber. Sofort verfärbte es sich rot. Ich betrachtete fasziniert das Spiel der Farben wie jeden Morgen. Es bildeten sich dünne Steifen im Wasser, die sich mehr und mehr ausbreiteten, es erinnerte mich an Flugzeuge die am blauen Himmel ihre Kondensstreifen ziehen.

Nachdem der Tee gezogen hatte, goss ich jedem von uns eine große Tasse ein. Es waren große Kaffeebecher mit Micky Mouse Motiven. Wir hatten sie auf einem Markt gekauft, bei einem unserer Ausflüge mit dem Motorrad. Auf meiner Tasse war Minnie Mouse, rosa mit großen Kulleraugen. Ich saß gedankenverloren mit meiner Teetasse, die ich in beiden Händen hielt, auf der Fensterbank und sah nach draußen.

Unser Haus war sehr alt, mit dicken, soliden Wänden. Die Mauer war ungefähr einen halben Meter dick. Die Küche lag im zweiten Stock, eigentlich war es nur eine provisorische Küche, nichts passte zusammen, wir waren Mitten in der Renovierung des Hauses. Da wir alles in Eigenarbeit machten, ging es nur in kleinen Schritten voran. Macht nichts, dachte ich. Ich hatte ein blaugestreiftes Kissen auf die tiefe Fensterbank gelegt und somit einen gemütlichen, sonnigen Sitzplatz geschaffen.

Micha war morgens viel besser drauf als ich, ich fragte mich oft, wie jemand zu dieser Zeit schon so aktiv sein könnte.

Zweimal die Woche stand er bereits um fünf Uhr morgens auf, um noch vor Dienstbeginn zum Schwimmtraining zu gehen. Mir war das unverständlich, aber jeder hat seinen eigenen Splen.

Schon fertig angezogen und geduscht fragte er mich, „Was wollen wir am Wochenende machen?“ während er seine Teetasse nahm und sich gegen den Küchentisch lehnte. Seine Haare waren noch feucht und er roch nach Rasierwasser.

Ich antwortete nicht gleich, ich konnte noch nicht schnell denken, in meinen Gedanken befand ich mich noch in der wohligen Wärme des Betts. Ich beobachtete geistesabwesend die Straße. In der kleinen Bäckerei auf der anderen Straßenseite wurden die letzten Vorbereitungen getroffen. Sie öffneten jeden Tag um sechs Uhr morgens. Jeden Tag von Montag bis Samstag, jahrein, jahraus. Der vertraute Anblick verströmte Sicherheit. Die Stadt war auch noch nicht richtig erwacht, genauso wie ich. Die Sonne stand noch tief, es lagen lange Schatten zwischen den Häusern. Vereinzelt liefen ein paar Leute auf der Straße herum.

Ich drehte mich zu ihm und antwortete, „Weiß ich noch nicht. Ich habe Schicht im Glamour. Lass uns heute Nachmittag darüber sprechen. Spätestens um vier bei Oma Helene.“

Die Zeit drängte, ich musste mich noch duschen und anziehen. Der Zug fuhr pünktlich. Irgendwie lief die Zeit frühmorgens viel schneller, zumindest empfand ich es so. An der Tür der obligatorische Abschiedskuss und schon war ich verschwunden.

„Ja - ich liebe dich auch. Einen schönen Tag, pass auf dich auf, bis heute Nachmittag…“

Michas Dienst, er war Zeitsoldat, fing um sechs Uhr dreißig an und er hatte nur zehn Minuten zur Kaserne. Er stand trotzdem mit mir auf, auch dafür liebte ich ihn. Den Tag miteinander zu beginnen und gemeinsam wach werden.

Gehetzt fuhr ich zum Bahnhof, fand natürlich nicht gleich einen Parkplatz. Das war Murphys Law, wenn man spät dran war, gab es auch keinen Parkplatz nahe dem Bahnsteig. Ich ergatterte einen am anderen Ende und rannte so schnell ich konnte zum Bahnsteig zurück.

Den Zug erreichte ich atemlos in der letzten Minute. Als ich eingestiegen war ließ ich mich auf den ersten freien Sitz fallen. Geschafft. Auf der Fahrt träumte ich vor mich hin, die schnell vorbei ziehende Landschaft verwob sich mit meinen Gedanken. Ich hatte sie schon tausendmal gesehen. Der Zug stoppte hin und wieder und vierzig Minuten später war ich am Münchener Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig das übliche Gedränge. Menschen mit Koffern, die vereisen wollten, Berufstätige, die zur Arbeit eilten. Menschen die nur herumstanden. Ich bahnte mir meinen Weg zur U-Bahn durch das Getümmel, vorbei an den immer selben Geschäftsauslagen und Werbeschildern.

Bahnhöfe haben einen seltsamen Geruch, es fällt mir schwer ihn zu beschreiben, aber jedes Mal wenn ich durch die Gänge lief, nahm ich ihn unbewusst wahr. Es war eine Mischung aus Staub, dem Geruch nach Menschen, Urin und Bratfett. Ich sehnte mich danach tief durchatmen zu können und aus dem Untergrund zurück an die frische Luft zu gelangen.

Zur U-Bahn führten Rolltreppen weiter nach unten. Die ganz eiligen Passagiere rannten die Rolltreppen hinunter. Noch dreißig Sekunden gewinnen. Der Ort strahlte Rastlosigkeit und stetige Betriebsamkeit aus. Der Bahnsteig war übervoll mit Menschen die auf die nächste U-Bahn warteten. Wie ein Heer Ameisen. Das Zischen der herannahenden U-Bahn war zu hören. Die Luft vibrierte kurz bevor der Zug einfuhr. Ich stieg ein wie eine der vielen anderen Ameisen.

Weitere zwanzig Minuten vergingen, dann war ich endlich angekommen. Im Büro, holte ich mir Kaffee. Inzwischen war ich wach und in der Stimmung mit anderen zu reden. Zurzeit war ich in einer Kanzlei beschäftigt. Das bedeutete ich koordinierte Kundentermine, führte Listen über entnommene Akten, sortierte Belege und servierte Kaffee.

Es war bestimmt nicht der Job fürs Leben, aber es gab Geld dafür und ich hatte nette Menschen um mich herum. Der Tag verging wie im Flug. Freitags hatte ich bereits um fünfzehn Uhr Schluss. Da die Züge zu dieser Tageszeit aber nur in wesentlich größeren Abständen als zu den Stoßverkehrszeiten fuhren, konnte ich entweder bereits um vierzehn Uhr dreißig fahren oder musste bis um fünf auf meinen Anschlusszug warten. Offiziell gab es keine Gleitzeit für Praktikanten.

So saß ich in meinem Regionalzug und sah dieselbe Landschaft wie am Morgen erneut an mir vorbei ziehen. Nur in umgekehrter Richtung und in einem anderen Licht. Den Kopf ans Fenster gelehnt verschwamm das Bild. Als ob ein Film rückwärts laufen würde. Ich hing meinen Gedanken nach.

Dachte an unsere Hochzeit, Micha und ich wollten im Juli heiraten. Es war noch soviel zu organisieren, unsere Eltern nervten. Jeder wollte mitreden. Trotzdem freute ich mich, dachte an Michael und lächelte still vor mich hin.

Er war bei mir, auch wenn wir nicht zusammen waren, ich vermisste ihn. Bei dem Gedanken an ihn spürte ich Wärme und Licht. Endlich hörte ich das Quietschen der Bremsen und die Ansage des Bahnbediensteten zum nächsten Halt. Wir waren überpünktlich. Ich stieg aus, lief beschwingt zu meinem Auto. Als ich die Tür aufschloss, schlug mir die aufgestaute Hitze entgegen. Die Sonne hatte bereits viel Kraft, wenn sie schien.

Kurz nach vier war ich bei Oma Helene. Sie wohnte in einem Ort zwanzig Kilometer nördlich vom Bahnhof. Wir, Tom, Ramona, Michael und ich, trafen uns regelmäßig bei ihr, immer freitags. Manchmal war auch Ricky, der jüngste Bruder, dabei. Es war eine liebgewonnene Gewohnheit und symbolisierte sozusagen den Beginn des Wochenendes.

Der Wetterbericht hatte Recht behalten, es war ein wunderschöner Frühsommertag, endlich warm genug um draußen zu sitzen. Endlich lag ein Hauch des Sommers in der Luft.

Oma Helene wohnte in einem kleinen, weißen Haus aus den fünfziger Jahren, mit grünen Fensterrahmen und passenden Fensterläden. Es war ebenerdig, hatte ein rotes, spitzes Ziegeldach, der Kamin befand sich in der Mitte des Dachs. Vor dem Haus parkten zwei Motorräder. Toms schwarze Kawa und Michas blaue Honda Bol’Or. Die Sonne erzeugte Reflexe auf dem Lack und an den Chromteilen. Beide Mopeds standen hintereinander geparkt auf dem Seitenständer. Die Helme hingen am Lenker. Ich parkte meinen roten Golf dahinter.

Ohne zu klingeln öffnete ich das etwas altersschwache, schmiedeeiserne Gartentor. Es knarrte. Der Weg zum Haus war mit großen, hellen Steinplatten ausgelegt, die inzwischen von der Patina vieler Jahre überzogen waren und eher grau und grünlich schimmerten. Der Weg führte weiter um das Haus herum. Ihr Garten war liebevoll gepflegt, sie hatte viele Blumen gepflanzt. Im Sonnenlicht schillerten die rosa, violetten, roten und weißen Schleifenblumen. Die Margeriten und Glockenblumen bildeten einen schönen Kontrast vor den grünen Sträuchern auf der anderen Seite des Weges. Ein Bogen mit der schon sehr alten Kletterrose überspannte den Eingang zum Garten. Die Rose blühte noch nicht, vielleicht in ein paar Tagen. Die Knospen waren bereits groß und prall und sahen aus, als würden sie jeden Moment platzen. In einem anderen Teil des Gartens zog sie Gemüse, Salat, Karotten, Radieschen, Zwiebeln, Erbsen. Die Bohnen schlängelten sich an dem eigens hierfür von Tom gezimmerten Gestell nach oben. An den ordentlich in mehreren Reihen gepflanzten Erdbeerpflanzen hingen bereits große Früchte, aber die meisten waren noch ganz grün. Ein paar Tage Sonne und dann könnte man sie bestimmt ernten. Im hinteren Teil des Gartens standen viele alte Obstbäume. Das Gras dazwischen war von Gänseblümchen und Ehrenpreis durchzogen. Oma Helene ließ die Wildpflanzen im Rasen.

Aus diesem Teil des Gartens hörte ich Stimmen. Die beiden Jungs saßen zusammen mit Oma Helene um den großen, massiven Holztisch. Auf dem Tisch lag eine bunte Gartentischdecke mit Sonnenblumenmuster, ein Tablett mit Tassen, Tellern, Besteck, Gläsern und ein Krug mit Wasser standen ebenfalls darauf.

Beide Männer waren noch in ihrer Arbeitsuniform. Ein sehr vertrauter Anblick, der olivfarbene feste Baumwollstoff. Tom, Michaels jüngerer Bruder, war ebenfalls Zeitsoldat, jedoch bei einer anderen Einheit.

Ich war ganz leise, sie bemerkten mich zuerst nicht. Micha saß mit dem Rücken zu mir. Tom sah mich, ich legte den Finger an die Lippen und schüttelte den Kopf. Ich wollte Micha überraschen. In der nächsten Sekunde stand ich hinter ihm und hatte meine Arme um ihn geschlungen. Er zog mich zu sich, er hatte gefühlt dass ich da war. Wir küssten uns zärtlich.

Oma Helene hatte Erdbeerkuchen gebacken, mit den ersten reifen Erdbeeren aus ihrem Garten, wie sie stolz verkündete. Deshalb waren nur noch grüne an den Stauden, schoss es mir durch den Kopf.

Sie freute sich auf den Plausch mit uns, es war ihr Wochenhighlight. Sie liebte es, Kuchen für uns zu backen und uns zu verwöhnen. Sie erzählte uns vom Klatsch und Tratsch mit den Nachbarn oder von Dingen, die sie in der Zeitung gelesen hatte.

Und sie war ganz begeistert von den Hochzeitsvorbereitungen. Seit Wochen war es ihr Lieblingsthema.

Die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft in Spanien war das andere Topthema, zumindest bei den Männern. Wie würde sich die deutsche Mannschaft schlagen? Die Vorrunde hatte gerade angefangen.

Und natürlich unsere Reise zum Nordkap, die beiden Jungs planten seit Wochen an einer optimalen Route und hatten so ziemlich jeden Reiseführer gelesen, dessen sie habhaft werden konnten. Es würde Michas und meine Hochzeitsreise sein.

Tom war aufgestanden und deckte den Tisch und ich holte den Kaffee aus der Küche. Ramona, die jüngere Schwester der beiden, war immer noch nicht da. Wir verteilten schon mal den Kuchen mit reichlich Sahne, gossen Kaffee ein und unterhielten uns. Mit der Zeit wandte sich das Gespräch auch praktischeren Dingen, wie dem Was-machen-wir-am-Wochenende, zu.

„Ich werde, während Miri sich ausschläft, im ersten Stock die Türstöcke streichen, das macht keinen Krach“, sagte Michael, „und dann endlich das Material für die Küche besorgen. Wir haben uns vorgestellt, sie aus Y-Tong Steinen zu mauern. Kommst du morgen Früh mit das Material besorgen?“

„Klar, dann aber gleich ganz früh, bevor ich schlafen geh. Ab morgen Früh um sechs bis Sonntagabend habe ich frei, ich komme, gleich nach Dienstschluss. Ich muss heute auch früher los, ich habe heute Nachtwache“, erzählte Tom mit wenig Begeisterung.

„Ich besorge Brötchen für uns drei, dann können wir noch gemeinsam frühstücken, bevor ich schlafen gehe“, bot ich an.

Ich arbeitete an drei Wochenenden im Monat in der Disco Glamour als Bedienung, und kam meist gegen fünf Uhr morgens nach Hause. Ich hätte genug Zeit zum Duschen und ein wenig die Beine hochzulegen und würde dann beim Bäcker auf der anderen Seite der Straße frische Brötchen holen.

Ramona war in der Zwischenzeit mit dem Zug eingetroffen. Sie fragte mich, ob ich sie hinterher nach Hause fahren könnte. Selbstverständlich, kein Problem.

Der selbst gebackene Erdbeerkuchen schmeckte köstlich. Oma Helene hatte sogar den Biskuitboden selbst gemacht. Wenn ich Obstkuchen mache, nehme ich immer fertigen Boden aus dem Supermarkt. Ehrlich gesagt konnte ich es auch nicht. Die Sahne war mit Vanille verfeinert.

Ramona hatte eine große Tüte dabei, sie hatte sich einen neuen Fotoapparat gekauft. Ich war ebenfalls ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf. Wir fachsimpelten über ihre neue Errungenschaft. Es war eine Yashica F3 mit Wechselobjektiven. Nachdem wir unseren Kuchen aufgegessen hatten, wanderten wir durch den Garten, spielten mit der Tiefenschärfe und den Bildausschnitten. Wir fotografierten Blumen, die Motorräder, Details. Dann meinte Ramona sie wolle auch noch Menschen fotografieren. Die Jungs hatten erst keine Lust, aber ihre kleine Schwester konnte sehr überzeugend sein.

„Jetzt stellt euch nicht so an“, kommandierte sie herum, „ich möchte ein paar schöne Bilder von euch haben, nicht nur Herumblödeln“.

Es entstanden etliche Schnappschüsse. Mal jeder allein, dann alle zusammen, dann Micha und ich, dann ich und Oma Helene.

Oma Helene und ihre Enkelkinder, wobei das Bild etwas Groteskes in sich barg. Micha und Tom waren beide um die zwei Meter groß und Oma Helene vielleicht einen Meter fünfzig. Es sah aus als hätte sich ein Zwerg zwischen zwei Riesen verirrt. Nicht, dass man Oma Helene hätte übersehen können.

Sie war zwar klein, aber die Energie, die sie trotz ihres hohen Alters ausstrahlte, übertraf so machen anderen Menschen. Sie hatte schneeweißes Haar, das sie auf altmodische Weise zu einem Knoten geschlungen trug. Ihre Haut war faltig, die kleinen blauen Augen blitzten vor Scharfsinn und Lebensweisheit. Sie hielt sich erstaunlich gerade. War eher der Typ klein, zierlich, drahtig. Ihr Gang war immer noch sehr elastisch. Und sie war einer der herzlichsten Menschen die ich kannte. Wir liebten sie.

Auch ich kam mir winzig vor zwischen den beiden Jungs, sie wirkten wie Leuchttürme neben mir.

„Stellt euch unter den Apfelbaum, Miri du in die Mitte und Tom und Micha jeder an eine Seite. Näher zusammen,“ scheuchte sie uns herum.

Sie überragten mich um mehr als einen Kopf. Wir lachten und blödelten herum, bald hatte sie einen weiteren Film verschossen.

Sie würde auch die Bilder bei unserer Hochzeit machen. Nachdem die Fotosession beendet war, lenkte Oma Helene geschickt das Gespräch auf ihr Lieblingsthema zurück. Unsere Familien waren aufgeregter als wir zwei, und es waren nur noch sieben Wochen bis zum Termin. Für Oma Helene war es das ganz große Ereignis: ihr Lieblingsenkel würde Heiraten. Sie freute sich sehr für uns.

Sie erzählte Ramona und mir, dass sie diese Woche in die Stadt gefahren war und einen neuen Hut gekauft hatte. Extra für den großen Anlass. Sie ging zurück ins Haus und kam mit einer großen cremefarbenen, runden Schachtel zurück. Behutsam öffnete sie die Schachtel und nahm den Hut aus dem Seidenpapier. Sie strahlte über das ganz Gesicht als sie uns ihren neuen Hut vorführte. Er war ein wenig altmodisch, aus feinem geflochtenem Stroh, elfenbeinfarben, mit einer Seidenschärpe und Stoffblumen aus demselben filigranen Material. Die breite Krempe umrahmte ihr Gesicht. Der kleine Schleier, der an der Krempe angebracht war, war nach oben in die Krempe gerollt.

„Du siehst phantastisch aus mit dem neuen Hut, er umrahmt dein Gesicht ganz schmeichelhaft“, bestätigte Ramona anerkennend.

„Danke, es ist auch ein besonders schöner Hut, die Verkäuferin war auch ganz angetan davon.“

Ramona und ich sahen uns an und mussten grinsen, nur dieses Mal war die Verkäuferin ehrlich gewesen.

„Hast du nun endlich ein Kleid gekauft?“, bohrte Ramona nach.

„Ja, ich habe es in der „Kurz und Fündig“ gefunden“, antwortete ich ganz beiläufig um sie zu necken.

„Los erzähl!“ kam es fast wie aus einer einzigen Kehle der beiden Frauen. Sie waren sehr neugierig.

Das Hochzeitskleid hatte sich irgendwie zu einem Problemfall entwickelt, entweder sah ich in ihm wie ein rüschenüberflutetes Etwas aus - bieder, altbacken, oder wie ein Lady-Di-Verschnitt. Kleider in diesem Stil waren zurzeit groß in Mode, nur passte ich nicht zur Mode.

Es hatte einige Zeit gedauert das richtige Kleid zu finden, zuerst war ich mit Ramona endlos durch die Geschäfte gezogen. Ohne jeden Erfolg, wenn mir ein Kleid dann doch gefiel, war es so sündhaft teuer, dass es meine Möglichkeiten überstieg.

Letztendlich hatte ich nach langem Suchen mein Traumkleid im Secondhand gefunden. Die Frau, die es verkauft hatte, war mir auf Anhieb sympathisch und das Kleid passte, als wäre es für mich gemacht worden.

„Jetzt mach schon, los beschreibe es“, drängelte Ramona. Ich ließ sie noch einen Moment zappeln, dachte daran, wie ich mich selber im Spiegel betrachtet hatte und fing an, es zu beschreiben.

„Es ist weiß, bodenlang, schmal geschnitten, ganz schlicht, ohne jegliche Rüschen und aus Rohseide. Vorne eher hochgeschlossen und am Rücken tief ausgeschnitten. Es hat seitlich im Rock einen langen Schlitz. Dazu gehört ein langer Schleier mit kleinen Rosen.“

Oma Helene strahlte über das ganze Gesicht. Die Jungs interessierten sich plötzlich auch für unser Frauengespräch. Sie hatten sich vorher in ihrer Unterhaltung wieder der Fußballweltmeisterschaft zugewandt. Jetzt hörten sie gespannt zu, Micha hatte das Kleid noch nicht gesehen. Ich würde es ihm auch nicht zeigen, das brachte angeblich Unglück. Für ihn war das „Was-ziehe-ich-an“ kein Problem, er würde in Uniform heiraten.

„Du wirst bestimmt eine besonders schöne Braut“, sagte Oma Helene ganz überzeugt.

Sie stand auf und ging ins Haus. Als Sie zurückkam, brachte sie eine kleine Schatulle mit. In ihr war eine Perlenkette, sie legte sie mir um. Es war eine ganz schlichte Perlenkette, deren Schönheit und Reiz in ihrer Einfachheit lag.

„Die hat mir meine Mutter geschenkt, als ich geheiratet habe. Ich würde mich freuen wenn du sie trägst.“

Ich nahm sie in den Arm und war ganz gerührt. Sie strahlte noch mehr über das faltige Gesicht. An diesem Freitag verabschiedeten wir uns früher als sonst, weil Toms Dienst bereits um 18 Uhr anfing. “Bis nächsten Freitag….“

Wir gingen gemeinsam zur Gartentür.

Kapitel 2

Ramona und ich stiegen ins Auto, kurbelten die Fenster nach unten, um die Wärme entweichen zu lassen. Die Jungs waren noch mit Anziehen beschäftigt. Micha schloss den Kinngurt seines Helms und setzte sich auf sein Motorrad, startete die Maschine und wendete.

Tom zog den Reisverschluss seiner dünnen Jacke über der Arbeitsuniform zu. Ein Handschuh war herunter gefallen, er ging um sein Motorrad herum und hob ihn auf.

Die vertraute Ruhe in der kleinen Straße wurde durch das kernige Röhren der Motoren unterbrochen. Für uns klang es wie Musik. Ich drehte am Ende der Sackstraße um. Wir winkten noch mal zum Abschied und bogen in Richtung Hauptstraße ab. Am Marktplatz mit der Kirche und dem Wirtshaus vorbei, bogen wir auf die B17 Richtung Süden. In der Gegenrichtung war viel Verkehr. Typisch Freitagnachmittag und Berufsverkehrszeit.

In unsere Richtung war es ruhiger, es waren immer wieder größere Lücken im Verkehr. Mit Tempo 90 schwammen wir im Verkehr mit. Ramona und ich fuhren mit meinem Golf ein Stück hinter den Motorrädern. Nebenbei liefen im Radio die Nachrichten, es wurde wieder über Reagans Besuch in Berlin und die daran geknüpften Erwartungen gesprochen, aber auch über die Ausschreitungen. „…Es war ein Tag, den viele Berliner im Gedächtnis behalten haben: West-Berlin stand gleichsam vor dem Bürgerkrieg. Es war der Höhepunkt schwerer Auseinandersetzungen mit der Hausbesetzer-Szene, die beim Reagan-Besuch ihren Antiamerikanismus brutal austobte….“ Das Ganze sollte als die "Schlacht am Nollendorfplatz" in die linke Geschichtsschreibung eingehen. Dann kam die Meldung, dass Curd Jürgens gestorben sei. Schade ich mochte ihn als Schauspieler. Der Wetterbericht versprach, dass das Hochdruckwetter anhalten sollte. Hoffentlich!

Bei den ersten Klängen von „Bohemien Rhapsodie“ dachte ich, „Endlich mal etwas Vernünftiges und nicht nur dieses Neue Deutsche Welle Gedudel!“ Oder noch schlimmer Nicole, sie hatte vor kurzem mit „Ein bisschen Frieden“ den Grand Prix de Eurovision gewonnen, und der Song wurde im Radio rauf und runter gespielt. Ich dachte an das Mädchen mit den langen, blonden Haaren, dem altmodischen schwarzen Kleid mit weißen Tupfen und dem großem Kragen und der weißen Gitarre - ich konnte den Song nicht mehr hören.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir alle zusammen feiern würden. Ich freue mich, dass wir als eine große Familie wieder zusammen sein können“, sagte Ramona mehr zu sich selbst, aus dem Fenster blickend. Die Landschaft zog an ihr vorbei. Sie hing ihren eigenen Gedanken nach. Nach einiger Zeit sprach sie weiter, „Mama probiert immer wieder neue Menüs aus, sie will, dass an diesem Tag alles perfekt ist. Hättest du mich vor zwei Jahren gefragt, ob das so sein würde, hätte ich gesagt du spinnst.“

„Es hat sich viel getan“, antwortete ich nachdenklich, „jetzt haben wir ein Happy End, wie in einem billigen Groschenroman.“

Es entstand eine neuerliche Pause. Bei dem Gedanken, was sich die letzten zwei Jahre abgespielt hatte, mussten wir beide lachen. Lachen war besser als weinen. Zeitweise hatte, das was sich zwischen uns und unseren Familien abspielt hatte, die Qualität eines billigen Groschenromans. Im Nachhinein mussten wir uns alle die Frage stellen, warum wir uns das nur gegenseitig angetan hatten.

Wir kamen zügig voran, die halbe Strecke lag bereits hinter uns. Wir steuerten auf eine lang gezogene Rechtskurve zu. Harmlos könnte man denken, aber der Schein trügt. Sie will nicht enden und man wird viel weiter hinausgetragen, als man eigentlich geplant hatte.

Woher ich das wusste? Wir waren sie jeder schon mal am Limit mit dem Motorrad gefahren. Ein ganzes Stück vor uns nahm ich im Gegenverkehr einen roten Kadett wahr, vor ihm hatte sich eine größere Lücke gebildet. Er fuhr langsamer, schnitt die Kurve. Er fuhr weit über der Mittellinie. Aus heiterem Himmel bekam ich Gänsehaut. Michael und Tom fuhren zügig und sicher, hatten einige Autos überholt, waren aber noch in Sichtweite. Kannten die Strecke. Genossen das Fahren bei dem schönen Wetter.

Nachdem es ein eher nasses und kaltes Frühjahr war, freuten wir uns über jeden trockenen und sonnigen Tag, an dem wir Gelegenheit zum Motorradfahren hatten. Warum lenkte der Kadett nicht auf seine Spur zurück, er musste die Motorräder doch schon längst bemerkt haben?

Micha fuhr ein Stück vor Tom. Die beiden hielten einen Abstand von ungefähr dreißig Metern zueinander, fuhren leicht versetzt. Sie waren schon bedrohlich nahe an dem Kadett. Sahen die beiden das Auto nicht?

Wie in Zeitlupe ereignete sich die Katastrophe. Im Bruchteil von Sekunden, und doch kam es mir vor, als ob die Zeit stillstand, beziehungsweise sich wie in Superzeitlupe in unsäglicher Langsamkeit dehnte.

Das rote Auto fuhr stur weiter auf der falschen Fahrbahnseite, erfasste die Bol d’Or frontal. Ein lauter Knall, metallische Geräusche. Das Quietschen von Reifen. Tom versuchte dem Hindernis auszuweichen. Sein Bremslicht leuchtete auf, erlosch. Er riss sein Moped herum. Kämpfte, versuchte, der über die Straße schlitternden Bol’Or auszuweichen.

Michael wirkte wie eine Puppe, erst schlug er auf dem Auto auf, um dann hoch in die Luft gewirbelt zu werden. Wie eine Feder oder ein Blatt im Herbst. Ich war gefangen in der Regungslosigkeit des Entsetzens.

Wie in Trance erlebte ich die Szene, die sich vor mir abspielte. Tief in meiner Erinnerung spüre ich den Rhythmus pulsierender Donnerschläge, mein Herz raste. Intuitiv wusste ich, es war etwas Schreckliches passiert.

Mein Auto stand. Ich war wie gelähmt, mein Geist hatte sich von meinem Körper abgekoppelt. Mechanisch stieg ich aus dem Auto und rannte in die Richtung in die ich Michael fliegen gesehen hatte. Dort angekommen kehrte Stille um mich herum ein.

Ich starrte auf seinen regungslosen Körper. Erstickendes, kaltes, unbeschreibliches Grauen umfing mich. Er lag da, als wenn er schlafen würde. Durch das Visier sah ich, dass die Augen fest geschlossen waren. Tom und Ramona waren neben mir.

Bald standen viele Leute um uns herum. Stimmengewirr umgab uns, sie hörten sich wie ein byzanthistischer Chor an. Klangen schrill. Zu laut, zu verworren. Wo kamen all die Leute her?

Das Unheil und die Dramatik des Geschehenen, lies uns vier wie in einem Bühnenbild erscheinen. Jegliches Zeitgefühl hatte mich verlassen. Um uns herum herrschte hektische Betriebsamkeit.

Trotzdem wirkte das alles weit weg, wie durch eine Nebelwand. Tom, Ramona und ich waren ganz still, wie innerlich erstarrt. Tom nahm Micha den Helm ab, ich hielt seinen Nacken. Ramona war zurück zum Auto gelaufen und holte eine Decke. Wir funktionierten, kümmerten uns um ihn. Die Handgriffe geschahen mehr aus Instinkt als aus rationaler Handlung. Der Horror des Geschehenen hielt uns fest in seinem Bann. Wir hatten ihn auf die Seite gelegt und zugedeckt.

Tom hielt mich an sich gepresst. Der Schmerz der Verzweiflung breitete sich aus. In meiner Erinnerung höre ich einen unwirklichen Schrei, der Gedanke daran lässt mich noch heute erschaudern. Ich hatte das Gefühl mittendrin und doch nicht wirklich dabei zu sein. Mein Herz raste, bebte, mit jedem Schlag zog es mich tiefer in die Gewissheit, dass ich ihn verlieren würde.

Nach einiger Zeit war ein Martinshorn zu hören. Ob nur ein paar Minuten oder bereits Stunden vergangen waren bis der Notarzt eintraf, konnte ich nicht beurteilen. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Jemand zog an mir.

„Bitte lass ihn los“, befahl die Stimme. Sie wollte, dass ich ihn loslasse, ihn gehen lies.

Nein, niemals! Ich fühlte, wie mich jemand festhielt, jemand auf mich einredete. Es klang weit weg. Es war als wenn die Erde stillstehen würde, grenzenlose Ohnmacht. Ich war zu keinem Wort, zu keiner Bewegung fähig, meine Knie waren weich. Wir lebten, aber der Tod war ganz nah.

Jemand legte eine Decke um meine Schultern. Zog, trug mich von ihm weg. Völlig teilnahmslos saß ich einige Momente später, mit dem Rücken an ein Fahrzeug gelehnt, im Gras.

Aus der Entfernung beobachtete ich wie das Notarztteam in seiner trainierten, professionellen Weise Micha versorgte. In den Gesichtern konnte man nicht lesen. Einer der Männer war zum Wagen zurückgelaufen, hantierte mit dem Funkgerät. Ein anderer Mann betrachtete den Helm eingehend, drehte, wendete und befühlte ihn. Seine Mine war ernst, er legte den Helm in den Krankenwagen.

Wie aus dem nichts tauchte ein neues Geräusch auf, wie ein großer Schwarm Bienen. Neben uns auf dem Feld fing die Luft an zu vibrieren. Ein Hubschrauber landete. Zwei weitere Männer in orangen Overalls entstiegen ihm, sie liefen in Michas Richtung. Die Männer redeten miteinander. Kurz darauf sah ich, wie er auf einer Bahre in den Hubschrauber verladen wurde. Einer der Männer hielt eine Infusion hoch. Sie nahmen den Helm mit. Micha konnte ich nicht sehen.

Ich wollte aufstehen, bei ihm sein, doch meine Beine weigerten sich das Gewicht meines Körpers zu tragen. Der Sanitäter sagte, „Bleiben sie hier, sie können jetzt nichts tun.“ Er legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. Die Luft wirbelte wieder, tosend hob der Hubschrauber ab, dann war nur noch ein Punkt am Himmel sichtbar. Und Stille.

Zwei Polizisten kamen in unsere Richtung, trotz der Decke zitterte ich am ganzen Körper und war starr vor Entsetzen. Einer der Polizisten sprach mit dem Sanitäter, der sich um uns kümmerte. Sie wollten wissen ob wir auch in den Unfall verwickelt waren.

Tom saß jetzt neben mir. Ich sah zu ihm auf, sein Gesicht spiegelte etwas Unbestimmtes, ein Aufgewühlt sein, das nur ihn alleine betraf. Etwas stecke tief in ihm, das keiner nachempfinden konnte. Die Frage warum Micha, warum nicht ich. Normalerweise fuhr immer Tom vor.

Ramona saß neben mir mit tränenüberströmtem Gesicht. Sie hatte mit ihren Armen ihre Knie umschlossen. Die Wimperntusche hatte ihr Gesicht zu einer grotesken Maske verschmiert. Verwirrung, Schrecken, Fassungslosigkeit wechselten sich in ihrem Blick ab.

Die Polizisten stellten Fragen, Tom war als einziger im Stande einen vernünftigen Gedanken zu fassen, er beantwortete ihre Fragen zum Unfallhergang. Äußerlich war er unversehrt, doch der Schock saß ihm genauso tief in den Knochen. Er war aufgestanden und unterhielt sich ganz ruhig mit den Polizisten. Ich hörte nicht richtig hin. Mein Blick schweifte ziellos umher.

Der Mann mit dem roten Kadett hatte eine Wunde am Kopf, er saß ganz benommen in der Nähe, er konnte das gerade Erlebte auch noch nicht begreifen. Er war etwa Mitte vierzig, trug eine helle Stoffhose, die jetzt Flecken vom Blut hatte und ein weißes Hemd. Er hatte dunkle Haare, er sah in diesem Moment unendlich alt aus. Ich empfand eine grenzenlose Wut auf ihn, er hatte mir das Liebste im Leben genommen. Eine Weile lang fixierte ich ihn mit meinem Blick. Er schien mich nicht zu bemerken oder ignorierte er mich? Er schüttelte immer wieder den Kopf. Sprach aber mit keinem.

Einer der Polizisten fragte wer ich sei, Tom antwortete die Freundin des Motorradfahrers. Er sah mich mitfühlend an.

Um uns herum herrschte immer noch geschäftiges Treiben. Ich tauchte in eine Parallelwelt ein, versank wie ein Stein im undurchdringlichen See meiner Gefühle. Das Bild des gerade Erlebten hatte sich in mein Innerstes eingebrannt, wie ein Blatt im Wind fliegend sah ich Michael. Wieder und wieder. Eine Zeitlang versank ich, lies mich tragen. Mit der Zeit wurde alles wahr, war schwindelerregend, gegenwärtig. Das Zittern verschlimmerte sich, alles in mir war in Aufruhr.

Allmählich verschwanden die Schaulustigen. Nachdem alle Beweise und Spuren gesichert waren, wurde die Unfallstelle aufgeräumt. Die Polizei versuchte den Verkehr wieder in Gang zu bekommen. Jemand rief in die Menge der noch umherstehenden Menschen, wem der rote Golf gehöre. Mein Auto stand noch immer mitten auf der Fahrbahn, es war mir egal. Irgendjemand fuhr ihn zur Seite.

Nach einiger Zeit begann ich aus der Ohnmacht in die Realität zurück zu gleiten. Grauen umklammerte mich, Panik, Horror. Ich starrte Löcher in die Luft. Tom hielt mich wieder fest. Er wirkte ganz ruhig und stark.

„Sag, dass es nicht wahr ist, bitte!“ flehte ich ihn mit tränenerstickter Stimme an.

Er schüttelte nur den Kopf, hatte einen unendlich traurigen Ausdruck in seinen Augen. Die furchtbarsten Minuten unseres Lebens. Fassungslosigkeit überlagerte alles.

Der ausklingende, schöne Sommertag hatte für uns er jegliche Wärme und Farbe verloren. Auf der Fahrt zum Krankenhaus starrte ich aus dem Fenster. Tom fuhr. Im Nachhinein der glatte Wahnsinn. Er sagte, dass wir damit rechnen müssen, dass er sterbe oder bereits gestorben ist.

„Nein! Das will ich nicht.“ Widersprach ich, wie ein trotziges Kind.

Ich war außerstande, die Lage rational zu betrachten. Die Fahrt erschien mir unendlich lang. Wir steckten immer wieder im Freitagabend Feierabendverkehr fest. Warum dauerte das so lange?

Das Unfallkrankenhaus, in das sie ihn geflogen hatten, wirkte monströs und modern. Ein imposanter Bau, in Mitten der Voralpenlandschaft. Vom Parkplatz waren es nur wenige Minuten bis zum Eingang. Ich stolperte hinter Tom her, er zog mich mehr als ich bewusst ging.

Die Eingangshalle war kühl und sachlich. Tom erkundigte sich nach dem Weg, wir liefen durch viele Gänge. Ich nur hinterher, wie ein kleines Kind. Da war der typische Krankenhausgeruch nach Desinfektionsmittel und Pfefferminztee. Die Gänge kamen mir wie lange Schläuche vor, die alle gleich aussahen und miteinander verbunden waren. Hellerleuchtet, viele gleiche Türen. Gleichförmigkeit, Eintönigkeit, Stoßkanten an den Wänden auf der Höhe der Krankenhausbetten. Leere Betten auf den Gängen, blauer Linoleumfußboden, pastellfarbene Wände. Am Ende eines Ganges ein Treppenhaus, manchmal ein Fenster.

Endlich sah ich in einem Wartebereich Michas Mutter Sabine und Ramona, sie waren kurz vor uns angekommen. Die Polizei hatte Ramona schon etwas früher nach Hause gebracht, sie hatte es Sabine erzählt.

Wir haben uns angeschaut, aber nichts gesagt. Sabine und ich das war eine schwierige Beziehung. Tom ging zu seiner Mutter und nahm sie in den Arm. Sie weinte stumm, sah um Jahre gealtert aus, in sich zusammengesunken. Ich stand stumm neben ihm. Er hat gefragt wie es inzwischen aussähe, sie hat mit den Schultern gezuckt.

„Wir wissen es nicht, eine Schwester sagte, die Notfall OP kann noch mehrere Stunden dauern.“ Ihre Stimme hatte einen fremden Klang angenommen.

In der Besucherecke standen mehrere Plastikstühle. Die Sorte weiß und unbequem, nach einiger Zeit weiß man nicht mehr, wie man sich setzen soll, eine bequeme Stellung gibt es nicht.

Es war ein offener Bereich, in ein paar Metern Entfernung eine Theke, hinter der zwei Krankenschwestern arbeiteten. Es war ein Kommen und Gehen, sie händigten Krankenblätter aus, telefonierten. Mit der Zeit wurde es ruhiger. Wir waren die einzigen Wartenden in diesem Bereich.

Wir saßen still in der Besucherecke. Die Zeit zog sich in unsäglicher Langsamkeit, Minuten wurden zu Stunden. Jeder war in seinen eigenen Ängsten gefangen. Keiner wollte etwas sagen. Keiner wollte das Unaussprechliche aussprechen. Tom saß neben mir und gab mir Halt. Ramona saß bei ihrer Mutter.

Es war inzwischen tiefe Nacht. Hin und wieder liefen wir etwas im Raum auf und ab. Ricky, hatte einen Kaffeeautomaten gefunden, die zum Teil noch halbvollen Plastikbecher standen auf einem Tablett am Boden. Der Kaffee war scheußlich und inzwischen kalt.

Der Philodendron, der als Hydrokulturgewächs in der Ecke stand, hatte siebzehn, zum Teil etwas eingestaubte Blätter. Die Wasserstandsanzeige stand auf halbvoll. Der Gang, in den wir sahen, hatte acht große und ebenso viele kleine Fenster.

Zählen, die Dinge ganz genau zu betrachten, immer noch mal nachkontrollieren, diese Rituale hielten mich davon ab, den Verstand zu verlieren. Jeder Muskel schmerzte, doch der Schmerz hatte etwas Erlösendes. Er bestätigte, dass ich hier war. Ich zählte alles, die Blätter des Philodendron unterschieden sich in der Anzahl der Zacken. Die Deckenelemente, große und kleine, alles was man zählen konnte. Es beruhigte meine Nerven.

Dann, es fühlte sich an, als wäre eine Ewigkeit vergangen, erschien einer der Ärzte. Er sah müde aus, er trug noch die grüne Kleidung aus dem OP. Auf dem Kittel zeichneten sich Schweißränder ab. Er hatte auch kleine Flecken, die bei genauerem hinsehen Blut waren.

Wir sahen ihn alle schweigend und mit der Hoffnung an, dass er nicht den Satz, vor den wir uns alle fürchteten, aussprechen würde. Er hatte nicht mehr allzu viele Haare, die übrigen waren schon grau. Er blickte in die Runde, Sorge und Müdigkeit hatte unsere Gesichter gezeichnet. Er ging auf Sabine zu.

„Sind sie die Mutter?“

Sie nickte.

„Würden sie bitte für einen Moment mit mir kommen?“

Sabine stand auf und folgte ihm. Warum hat er nichts gesagt, der Horror breitete sich wie ein Wirbelsturm in mir aus. Ich konnte keinen ansehen, starrte auf den Boden. Stumm betete ich darum, dass er lebte. Die Anspannung war unerträglich. Um nicht verrückt zu werden und meine Panik zu unterdrücken, zählte ich ein um das andere Mal die Platten der Deckenverkleidung im Wartebereich.

Die Zeitspanne, die verging bis sie zurückkam erschien mir wiederum endlos. Wir sahen sie an. Tom war aufgestanden und stand jetzt neben ihr, er hatte den Arm schützend um sie gelegt. Vier Augenpaare starrten sie erwartungsvoll an.

„Er lebt….noch…“ ihre Stimme war gebrochen, das Ende des Satzes hing in der Luft.

Dann wiederholte sie mit einer fremdklingenden, monotonen Stimme den Bericht des Arztes. „Sein Zustand ist immer noch sehr instabil, bei den Verletzungen handelt es sich um ein so genanntes Polytrauma. Die OP ist den Umständen entsprechend gut verlaufen. Über die Auswirkungen des Schädel-Hirn-Traumas und der damit einhergehenden Blutung konnte der Arzt noch keine Prognose abgeben, man muss die nächsten Stunden und Tage abwarten.

Er hat eine instabile Beckenfraktur, die dadurch verursachten Blutungen wurden gestoppt, er hat aber viel Blut verloren. Mehr können sie im Moment nicht tun.“

Alle anderen Verletzungen könnten erst im zweiten Schritt behandelt werden, da von ihnen keine akute Lebensgefahr ausging. Mehr würde er jetzt nicht verkraften. Sorge bereitete den Ärzten ein Serienbruch der Rippen auf der rechten Seite, der die Atmung zusätzlich beeinträchtigte. Er hätte aber Glück, die Lunge sei nicht beschädigt. Er hatte noch mehrere kleinere Brüche, diese wären jedoch unkompliziert.

Es hörte sich so sachlich an, unwirklich. Der Bericht erschlug uns, wir saßen stumm da. Gab es noch irgendeinen Teil seines Körpers der nicht in Mitleidenschaft gezogen war? Ich weinte still vor mich hin, Sabine kam auf mich zu, sie nahm mich in den Arm. Eine vorher nicht gekannte Nähe war plötzlich entstanden.

„Wir können für einen Moment zu ihm“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Sie nahm mich bei der Hand, die anderen blieben zurück. Wir mussten uns umziehen, Plastiküberzieher für die Schuhe, grüne Kittel. Eine Schwester begleitete uns. Sie hatte ein nettes, rundes Gesicht, versuchte uns zu beruhigen, uns Mut zuzusprechen. Sie öffnete eine Schiebetür. Der Raum war hell und hoch technisiert, er hatte etwas aus einem Science Fiction Film. Micha lag in einem Bett, das neben drei anderen aufgereiht war. Trotz seiner Größe sah er sehr zerbrechlich aus.

Die Augen waren fest geschlossen, die blonden Haare unter dem Verband kaum zu sehen. Das Beatmungsgerät erzeugte ein gleichmäßiges zischendes Geräusch, der Schlauch, der in seinem Mund steckte, war mit einem transparenten Pflaster fixiert.

Es war gespenstisch, viel Verband, viele Schläuche und das kontinuierliche Piepsen des Überwachungsmonitors. Er war nur mit einem dünnen Laken zugedeckt, ob er friert?

Die ganze Zeit über hatte ich mir eingeredet, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Als ich neben ihm stand, wurde das Geschehene immer realer. Bis dahin war alles nicht ganz wahr gewesen, mein Herz hatte es nicht geglaubt. So standen Sabine und ich eine Weile an seinem Bett. Ich hatte seine Hand in meine gelegt und umschlossen, er lag neben mir und war doch unerreichbar.

Wieder draußen auf dem Gang trafen wir nochmals den Arzt mit dem Sabine gesprochen hatte, er hatte sich umgezogen, trug jetzt einen frischen, weißen Mantel.

Er sah uns an und sagte, „Man muss die Nacht und sie nächsten Tage abwarten, sehen in wieweit sich sein Zustand stabilisiert, mehr können wir im Moment nicht tun. Sie sollten sich auf das Schlimmste einstellen. Es ist besser, wenn sie nach Hause fahren und sich ausruhen, beten könnte vielleicht helfen.“

Es klang so nüchtern. Wie oft hatte er Angehörigen schon Ähnliches mitteilen müssen. Sich auf das Schlimmste einstellen, es klingt so unpersönlich. Dabei ging es hier um den Menschen den ich mehr alles andere liebte.

Er kann doch nicht so einfach aus unserem Leben verschwinden. Nur weil ein Autofahrer nach einem Päckchen Zigaretten im Handschuhfach gekramt hat. Und kurz unaufmerksam war.

Tom hatte es uns während des Wartens erzählt. Der Mann in dem roten Kadett hatte das gegenüber der Polizei an der Unfallstelle ausgesagt. Warum? Es war so sinnlos. Ich wollte lieber mit ihm sterben als ihn verlieren.

Kapitel 3

Tom fuhr mit mir nach Hause. Keiner konnte etwas sagen. Tief in meinem Herzen spürte ich die grausame Wahrheit, sie brachte mich fast um. Ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Alles hatte sich in einer Sekunde verändert. Zu Hause angekommen verkroch ich mich an Michaels und meinem Lieblingsplatz, auf unsere Dachterrasse. Mit dem T-Shirt, das Michael zuletzt an hatte und einer Decke. Ich starrte in die Dunkelheit der Nacht. Alles, was stark in mir war, sehnte sich danach, ihn in den Arm zunehmen, ihn zu beschützen. Doch ich konnte nichts tun.

In der Stadt brannten um diese Zeit nur wenige Lichter. Das Geschehene war so unglaublich. Wieso? Nur wenige Geräusche drangen wie aus weiter Ferne gedämpft durch den Nebel. Stille umgab mich. Es war kalt, die Feuchte legte sich über alles wie ein Schleier.

Es waren keine Sterne zu sehen, ich fragte mich ob es einen Gott gibt. Wenn ja warum tut er so etwas, wie kann er so etwas zulassen. Gibt es Schutzengel, wenn ja, hatte der gerade Pause. Wut und Verzweiflung mischten sich. Warum bin ich nicht im Krankenhaus geblieben? Was wenn er ganz allein stirbt?

Nein er darf nicht sterben, wenn es einen Gott gibt, dann lässt er es nicht zu. Irgendwann fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Als ich aufwachte, war es kalt und der Morgen graute bereits. Vielleicht war alles nur ein böser Traum.

Die Stadt sah aus wie immer, das gleiche Bild, die gleichen Häuser. Die gleichen Gerüche und Geräusche. Als wenn nichts gewesen wäre. Es war Samstag. Die Decke in die ich mich gewickelt hatte, war ganz durchfeuchtet vom Nebel. Unangenehme Kälte hatte von meinem Körper Besitz ergriffen.

Ich streckte meine steifen Glieder, massierte meine Hände und Füße, sie waren wie Eisklumpen. Mein Körper fühlte sich seltsam tot an, es störte mich nicht. Es fühlte sich an als wäre eine Dampfwalze darüber gerollt. In meinem Kopf pochte ein gemeiner Schmerz, mein Nacken war so steif, dass ich Schwierigkeiten hatte den Kopf zu drehen. Langsam stand ich auf, blickte starr auf die Umgebung und fragte mich zum tausendsten Mal: Warum?

Rastlos wanderte ich durch das Haus, alles erinnerte mich an Michael. Das ganze Haus war für mich voller Erinnerungen, ich konnte nichts auswählen, sie stürmten auf mich ein. Ich dachte, gleich geht die Tür auf und eine vertraute Stimme ruft „Hallo Kleines“. Aber es kam niemand.

Solange ich im Haus war, war er auch da, in diesem Haus war etwas das uns liebte. Tausend Gedanken jagten mir durch den Kopf, schöne, schmerzliche, wie Lichtblitze, sich im Nichts wieder auflösend.

Ich sah aus dem Fenster, die gegenüberliegende Häuserfront lag noch im Dunkeln. In unserem Schlafzimmer standen Farbeimer herum. Das Bett war leer und unbenutzt, Michael hatte am gestrigen Morgen noch aufgeräumt. Auf dem Stuhl neben dem Bett lagen ordentlich zusammengefaltet seine Lieblingsjeans und der blaue Pullover. Michael war sehr ordentlich, er ließ seine Sachen selten herumliegen. Er war stets darauf bedacht, dass alles seinen Platz hatte und angemessen behandelt wurde. Er war direkt aus der Kaserne in seiner Arbeitsuniform zu Oma Helene gefahren.

Mein Blick schweifte weiter umher. Da lagen neben dem Sessel der Gedichtband von Lord Byron aus dem er mir oft vorlas, James Joyce Ulysses und ein Reiseführer über Norwegen. Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen, ich strich zärtlich über den schon etwas abgegriffenen Einband des Gedichtbands. Tief in mir konnte ich seine sanfte, tiefe Stimme hören mit einem Zitat von Lord Byron hören:

„Die Liebe ist im Leben des Mannes eine Sache für sich, für die Frau ist sie das ganze Leben.“

Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut, ich fröstelte, spürte wie mir das Atmen schwer fiel, ich eine nicht gekannte Enge in der Brust fühlte. Ich drückte das Buch fest an mich. In meinem Kopf hörte ich ihn, er war da.

Der Schmerz der Trennung hielt mich gefangen, schärfte meine Wahrnehmung, so dass sie fast über real wirkte. In der Stille hörte ich in meinen Gedanken vertraute Geräusche, Lachen, Hämmern, Summen, Musik. Jetzt drehe ich durch.

Im Bad standen seine Sachen, es roch nach ihm. Ich sog die Luft ein, wie ein Ertrinkender, ich wollte einen Teil von ihm für mich retten.

Ich blickte zu Boden, der Fußboden im Bad war noch immer nicht verfugt. Mein schönes Rosenmuster. Wie hatte er sich über mich lustig gemacht, ich, die noch nie in ihrem Leben gefliest hatte und von einem Rosenmosaik als Fußboden im Badezimmer träumte.

Er hatte mir gesagt, wenn ich es unbedingt so haben wollte, soll ich es bitte selber machen. Wenn er Fliesen verlege, dann ganz Normale, ich hätte die Wahl. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt und dann damit angefangen. Ich hab’s gelegt, aus vielen kleinen Fliesenscherben in verschiedenen rosa und roten Tönen. Es war ein langwieriges Projekt, ich musste immer wieder etwas verändern um das Bild, das in meinem Kopf existierte in die Realität umzusetzen. Es sah etwas eigenwillig aus. Es war fast fertig, jetzt hätte es verfugt werden können.

Ich lief weiter durchs Haus, in unserer Küche war Tom auf einem Küchenstuhl eingeschlafen. Sein Kopf lag auf zum Kopfkissen verschränkten Armen. Die Haltung musste schrecklich unbequem sein. Ich holte eine Decke aus dem Wohnzimmer. Ich drückte mein Gesicht in den weichen Stoff, Micha und ich hatten oft auf dem Sofa unter ihr zusammen gekuschelt.

Wie soll das nur weiter gehen? Alles und jedes führte mir vor Augen, wie schmerzlich ich ihn vermisste. Es war als wäre ein Teil aus mir herausgerissen. Der Schmerz fühlte sich wie eine große, klaffende Wunde an, die sich nicht schließen will.

Zurück in der Küche legte ich die gelb-orange gestreifte Baumwolldecke behutsam über Toms breite Schultern. Er rührte sich nicht, er schien tief zu schlafen.

Von der anderen Seite des Raums an den kleinen Schrank aus Kiefernholz, auf dem die Kochplatten standen gelehnt, betrachte ich ihn. Michael und Tom waren sich auch äußerlich sehr ähnlich, nachdem sie auch nur elf Monate auseinander waren konnte man sie glatt für Zwillinge halten. Toms Haar war einen Tick dunkler und weniger störrisch. Er hatte dieselben feinen Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, große mandelförmige Augen. Nur dass seine dunkel waren. Dichte Wimpern umkreisten sie. Die Brauen formten einen ebenmäßigen Bogen. Seine Lippen waren schmäler, er hatte dieselben Grübchen, die sich vor allem beim Lachen abzeichneten. Seine Haut war gleichmäßiger, er hatte keine Sommersprossen. Er sah so friedlich aus.

Er trug wie immer die Kette mit dem Medaillon um den Hals, sie verlieh ihm etwas Feminines, passte nicht wirklich zu ihm, aber er legte sie nie ab. Er hatte den Anhänger mit der Hand fest umfasst, als wollte er etwas festhalten, bewahren. Seine Schultern bewegten sich im Rhythmus seiner gleichmäßigen Atemzüge. An was er jetzt wohl dachte, träumte er? Hoffentlich ein guter Traum. Seine langen Beine reichten bis zum anderen Ende des Tisches.

Er war noch athletischer als Michael, machte mehr Sport. Spielte Basketball, lief Langstrecke in einem Tempo bei dem keiner von uns mithalten konnte und war genauso wie seine Brüder ein guter Schwimmer.

Die perfektere Ausgabe von den beiden. Tom machte alles in seinem Leben ein Stück perfekter als alle anderen. Nur zu Frauen hatte er ein etwas eigentümliches Verhältnis, er behandelte sie wie Wegwerfartikel, warum war mir schleierhaft. Er war mein bester Freund. Ich war sehr dankbar, dass er da war.

Zurück im Wohnzimmer, suchte ich nach unserem medizinischen Lexikon, ich wollte einige Begriffe nachzuschlagen. Begriffe die der Arzt gestern Abend gebraucht hatte, in meinem Kopf bildeten sie bislang nur leere Worthülsen. Ich konnte mich an jeden einzelnen erinnern, mein Gedächtnis war schon immer exzellent. Das lag an den Spielen die ich schon seit frühester Kindheit machte, alles zu zählen, mir Dinge ganz genau einzuprägen und sie mir dann vor mein geistiges Auge zurückzuholen. Ich machte das um meiner Angst Herr zu werden und um mich aus dem Hier und Jetzt zu verabschieden, in meine Feenwelt zu flüchten. Halt zu finden.

In der Schule hatte mein außerordentlich gutes Gedächtnis mir viele Vorteile eröffnet, ich lernte schnell, konnte mir Dinge, die ich wissen musste kurzfristig exzellent merken und wie aus einem photographischen Gedächtnis abrufen.

In der Ecke des Raumes waren noch viele nicht ausgepackte Kisten gestapelt. Ich suchte weiter nach dem Buch, es musste irgendwo sein. Wir müssen unbedingt dieses Kistendurcheinander in den Griff bekommen dachte ich, man findet nichts auf Anhieb. Ich suchte eine nach der anderen systematisch durch. ‚Wir könnten einen eigenen Bücherladen eröffnen‘, ging es mir durch den Kopf. Bislang hatten wir nur einen Bruchteil unserer Bücher ausgepackt. Diese füllten jedoch bereits eine ganze Wand.

Wir wollten, sobald die Küche im ersten Stock fertig war, dort eine weitere Bücherwand installieren und eine weitere entlang der Treppe. Im Schlafzimmer lagen unsere Lieblingsbücher gestapelt auf dem Boden. Wir hatten vor, auch dort noch ein Regal zubauen. Endlich fand ich es in der vorletzten Kiste. Das Gesundheitslexikon war ein dickes Buch mit vielen Illustrationen und in blauem Leder gebunden. Es fasste sich schön an.

Die Liebe zu Büchern war ein weiterer Punkt, der uns verband.

Ich schlug den Begriff Polytrauma nach und fand folgendes:“ Definition nach TSCHERNE, 1978; ‚Unter einem Polytrauma versteht man ein gleichzeitig entstandenes Verletzungsmuster mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, von denen mindestens eine Verletzung oder die Kombination mehrerer lebensbedrohlich sein müssen.‘

Klang nichtssagend, das wusste ich schon, es folgte eine Abhandlung der einzelnen Detailbilder, die ich schnell überflog. Jetzt war ich auch nicht schlauer als vorher. Danach blätterte ich weiter zum Buchstaben S. Der nächste Begriff war Schädelhirntrauma; „Unter einem Schädelhirntrauma (SHT) versteht man eine vorübergehende oder dauerhafte Schädigung des Gehirns als Folge der Einwirkung eines stumpfen oder penetrierenden Traumas. In der klinischen Beurteilung hat sich die 1974 von TEASDALE und JENNETT eingeführte Glasgow Coma Scale (GCS) international durchgesetzt. Sie dient der initialen Bestimmung der Schwere eines Schädelhirntraumas, der Verlaufsbeurteilung und der Prognoseabschätzung. Es erfolgt die Unterscheidung in

- Leichtes SHT: 15-13 Punkte

- Mittelschweres SHT: 12-9 Punkte

- Schweres SHT: 8-3 Punkte“

Ich konnte mir der Erklärung nicht viel anfangen. Klang wie böhmische Dörfer. Ich legte das Buch wieder weg. Irgendwie fehlte mir die innere Ruhe, um mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Was bedeutete ein Traumawert von 8? War es gut, besorgniserregend, sein Todesurteil? Normalerweise wäre ich jetzt in die nächste Bibliothek und hätte mir sämtliche verfügbare Literatur besorgt, um den Sachverhalt bis ins letzte Detail zu verstehen. Auch eine Macke von mir, ich verspüre den Zwang, Dinge zu verstehen, damit ich sie begreifen kann, damit ich mich sicher fühle.

Wie eine Katze um den hießen Brei schlich ich um das Telefon. Starrte es an, wünschte mir es sollte klingeln, aber bitte nur mit guten Nachrichten. Überlegte ob ich im Krankenhaus anrufe, verwarf den Gedanken wieder. Nahm den Hörer in die Hand, fing an zu wählen, legte wieder auf. Die würden mir sowieso nichts sagen, für die war ich kein Familienmitglied. Wir waren noch nicht verheiratet. Sollte ich Sabine anrufen? Nein sie hätte bestimmt angerufen, wenn es irgendetwas Neues geben würde. Ich hypnotisierte das Telefon, es tat sich nichts. Ich lief hin und her, soll ich oder soll ich nicht? Die Ungewissheit zerfraß mich. Mit weichen Knien wählte ich die so gut bekannte Nummer. Beim ersten Klingeln hatte Sabine schon abgehoben.

„Hallo...“ hörte ich ihre vertraute Stimme in den Hörer hauchen, die Stimme die sonst einen dunklen, festen Klang hatte, klang jetzt zerbrechlich und rau.

„Hallo Sabine, ich bin’s”. Ich nahm einen Seufzer der Erleichterung wahr. „Hast du schon irgendetwas aus der Klinik gehört?“

„Ich hab vorher angerufen, es hat sich nichts verändert. Wir sollten uns darüber freuen, es bedeutet auch, dass es nicht schlimmer geworden ist.“

„Kann es überhaupt noch schlimmer werden?“ fragte ich mit bereits brüchiger Stimme, ich wollte nicht Heulen, aber der Klos in meinem Hals wuchs sekündlich. Ich schluckte ein paar Mal, kniff mich in den Arm.

„Wahrscheinlich nicht, ich begreife das Ganze nicht, irgendwie will ich es nicht wahrhaben. Mein armes Baby.“

Bei dem Gedanken, das sie Michael immer noch als ihr Baby bezeichnete, huschte unwillkürlich ein Lächeln über mein Gesicht, für sie würde er es wohl immer bleiben. Ich war einen Moment unaufmerksam.

„… ich bin nachdem wir aus der Klinik zurückgefahren waren, gleich zu meiner Mutter weiter gefahren. Ich war die ganze Nacht bei ihr. Ramona hat bei uns zu Hause das Telefon bewacht. Sie kann es gar nicht fassen.“

„Wie geht es ihr?“

„Sie ist nur noch ein Häufchen Elend. Micha war schon immer ihr Lieblingsenkel.“

„Ich weiß, sie hängt sehr an ihm, bei ihr ist er immer Kind.“

„Ist Tom bei dir?“

„Ja, er schläft in unserer Küche. Wann fährst Du wieder hin?“

„Ich gehe jetzt Duschen und danach fahre ich los, mich bringt die Warterei noch um. Ich komme mir vor wie ein Tiger im Käfig.“

„Ich komme später mit Tom, wenn irgendetwas ist, ruf mich bitte an.“

„Klar, er ist stark, er wird es schaffen, bis später“, sagte sie mehr zu sich selbst zum Abschied.

Ohne ein Geräusch zu verursachen ging ich zurück auf die Dachterrasse. Dicker Nebel lag noch über dem Fluss, inzwischen war es ganz hell. Hier oben fühlte ich mich ihm nah. Wir hatten uns sofort beide in das Haus verliebt, als wir es das aller erste Mal besichtigt hatten. Es war das einzige weit und breit, das ein flaches Dach hatte. Der grandiose Ausblick hoch über den Dächern der Stadt war unbezahlbar, wenn die Sicht gut war, konnten wir das gesamte Alpenpanorama der Werdenfelser und Allgäuer Alpen sehen. Unser Haus war bereits über zweihundert Jahre alt, es hatte solide dicke Mauern. Es war unser Heim, unsere Burg, in die wir uns zurückziehen konnten. Das Haus steht in Mitten des historischen Hexenviertels. Wir mussten viel Überzeugungsarbeit im Vorjahr bei meinen Eltern leisten bis ich die Erlaubnis bekam, es gemeinsam mit Michael zu kaufen.

Sie hielten es für eine wahnwitzige Idee, ihnen ging die Geschichte mit Michael viel zu schnell. Wieder so sinnlos verschwendete Energie, warum taten wir uns solche Dinge nur gegenseitig an? Wir hatten uns gegenseitig sehr verletzt. Beim Kampf gab es keine Gewinner. Am Ende hatte ich mich durchgesetzt, aber um welchen Preis.

Liebevoll hatten wir es das letzte Jahr über renoviert, waren aber lange noch nicht fertig. Es hatte drei Stockwerke, die Front war schmal mit vielen Fenstern. Nach hinten bot es viel Platz, hatte aber keine Fenster, da die Häuser aneinander gebaut waren wie viele Häuser in der Gegend.

Als wir es kauften hatte es viele lange schmale Zimmer. Michael und ich hatten mit Toms Hilfe einige Wände eingerissen und somit größere Räume geschaffen. Es war noch viel zu tun, im Moment lebten wir hauptsächlich in Provisorien.

Ich musste daran denken, wie lange wir kein fließendes warmes Wasser gehabt hatten. Ein Luxus den ich sehr vermisst hatte. Wenn ich mir die Haare waschen wollte musste ich Wasser in der Küche auf unseren Kochplatten heißmachen. Danach habe ich es töpfeweise ins Bad getragen, na ja, mein Bad war halt nur lauwarm. Den ganzen letzten Sommer lang. Trotzdem erschien mir die Zeit wundervoll. Ich dachte an letzten Sommer.

Draußen war es heiß. Ich hatte mir Bademilch ins Wasser gemixt. Es roch betörend nach Maiglöckchen. Ich wusch meine Haare und rief Micha damit er mir beim Abspülen half. Das ging zu zweit eindeutig besser. Er goss mir aus einem Topf lauwarmes Wasser über den Kopf, um den Schaum aus meinen langen Haaren zu waschen.

Seine Hilfe barg Zärtlichkeit und Fürsorge in sich. Er liebte meine langen Haare, spielte gerne damit, manchmal half er mir auch beim Kämmen. Schon wieder füllten sich meine Augen mit Tränen.

Ich schaute zum Himmel und fragte mich ein weiteres Mal: Warum!?!

Warum konnte dieses Auto nicht 20 cm weiter auf seiner Fahrbahnseite fahren, warum sind wir nicht fünf Minuten früher losgefahren? Warum musste der Mann seine Zigaretten ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt suchen? Warum? Es war so sinnlos. Warum hat Micha selbst nicht früher reagiert? Warum waren wir zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort? Wo war der Sinn in dem Ganzen? Es war unbegreiflich. Warum!

Das Knarzen der Dachbodentreppe, die auf die Dachterrasse hinauf führte, verriet mir, dass Tom wach war. Im nächsten Moment sah ich ihn durch die Luke empor steigen. Ich versuchte ihn anzulächeln. Der Versuch missglückte. Er kam auf mich zu, nahm mich in den Arm, hielt mich fest, sodass es fast schmerzte.

Das Warten lähmte uns, es machte blind und taub, verwandelte die Welt um uns herum in konturlose Schatten. In mir stiegen Gefühle hoch gegen die ich nicht gewappnet war, ich atmete wie bewusstlos, unterbrochen von tiefem Schluchzen. Bilder flimmerten vor meinem inneren Auge vorbei. Ich versuchte sie zu erfassen, ehe sie in der Dunkelheit versanken. Ich sah Michael deutlich, lächelnd, die Gedanken brachten mich fast um. Tom ging es nicht viel besser.

Unser Atem stockte, unsere Herzen pochten schwer, weil die Katastrophe mit jeder Minute realer wurde. Wir standen eine ganze Zeit eng umschlungen da, mir liefen Tränen über das Gesicht. Ich konnte nichts sagen. Ich wollte schreien, aber ich brachte keinen Laut heraus.

Tom hatte auch Tränen in den Augen. Die Erinnerung an das Geschehene war so präsent, sie war so überwältigend, jede Pore meines Herzen zog sich in Panik zusammen bei dem Gedanken, Michael zu verlieren.

Gegen Mittag fuhren wir mit Toms Motorrad ins Krankenhaus. Als wir uns vor dem Haus anzogen fragte er mich, „Ist es wirklich ok für dich oder willst du lieber Auto fahren?“

„Nein, so sind wir schneller.“

Er bestieg sein Motorrad und ich setzte mich hinter ihn. Tom drehte den Zündschlüssel auf Fahrstellung und drückte den Elektrostarter. Mit einem entschiedenen Fauchen erwachte der Motor zum Leben. Im nächsten Moment gab die Kawa das so vertraute dumpfe Röhren von sich, lief mit höheren Touren, da der Choke gezogen war. Tom drehte sich um, “Alles ok?“

Ich nickte und umklammerte seine Taille. Er trat den ersten Gang nach unten, die Kupplung rastete ein. Er verlagerte das Gewicht und schaute sich ganz automatisch um, ob sich ein anderes Fahrzeug nähert bevor er los fuhr. Die Maschine setzte sich kraftvoll in Bewegung. Sicher ließ er sie den Berg hinunter rollen, schaltete in den zweiten Gang, gab Gas und bremste gleich wieder an der nächsten Kreuzung. Ich rutschte ein Stück nach vorn. Um in Richtung Weilheim zu kommen, mussten wir erst den Kern der Altstadt umfahren, alle Straßen waren zu Einbahnstraßen erklärt worden. Das überall vorhandene Kopfsteinpflaster brachte uns und das Motorrad zum Vibrieren.

Tom fuhr gelassen und sicher. Meine Gedanken eilten voraus, was würde uns erwarten? In meinem Inneren hatte sich eine beklemmende Angst festgesetzt. Ich hielt mich an Tom fest, seltsamer Weise beruhigte das Motorradfahren meine Nerven, es fühlte sich an wie ein sanftes hin und her wiegen. Motorradfahren verband ich unbewusst mit vielen guten Erinnerungen.

Die Landstraße schlängelte sich durch die Dörfer. Dazwischen Felder, Wald und Wiesen, saftig grün, Blumen wie bunte Tupfen am Straßenrand, Weizen, der noch grün war, der Mais noch nicht zu seiner vollen Höhe aufgeschossen. Es roch nach Bergwiese und frischem Gras.

Die Sonne schien, es war ein warmer Tag, nur wenige kleine weißen Wölkchen am strahlend blauen Himmel. Die Dörfer sahen so idyllisch aus, ordentliche Gärten, die Häuser gepflegt, mit prächtigen Geranien an den Balkonen. Alles wie vor ein paar Tagen, als wäre nichts gewesen.

Tom überholte einige Autos, fuhr an den wenigen Ampeln, an denen wir halten mussten, immer an die Spitze der wartenden Fahrzeuge. Er stand so sicher mit seinen langen Beinen, er hatte kein Problem den Boden zu erreichen. Ich berührte nur mit den Zehenspitzen den Asphalt wenn ich selber fuhr. Ich fuhr gerne, blieb aber nicht gerne stehen, weil ich dann unsicher war. Ich hielt mich mit beiden Armen an ihm fest, spürte die langen geschmeidigen Muskeln.

Tom erhöhte die Geschwindigkeit, die Kawa dröhnte, ich spürte kaum Fahrtwind hinter seinem breiten Rücken. Ich schloss die Augen.