Poetry Slam - Jens Goldbach - E-Book

Poetry Slam E-Book

Jens Goldbach

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2,99 €

Beschreibung

Thomas Laue, gefährlicher Gewaltverbrecher, will Poetry Slammer werden. Mit Hilfe seiner Justizvollzugsbeamten wird er der beste seiner Generation.Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, will er seinen Mitmenschen etwas von dem zurückzugeben, was er erhalten hat. Und er gibt es ihnen, wie es seine Art ist: Aufs Maul Jens Goldbach seziert die Poetry Slam Szene. Scheibe für Scheibe. Meinungen: Die Geschichte macht Spaß, wo man keinen haben sollte, und Angst, wo sie vielleicht angebracht ist. Und keiner merkt`s, weil alle in Ironie ersaufen. - Christian Ritter Dieses Buch ist wie die Unmittelbarkeit eines Jazzkonzertes. Niemand will gewinnen. Goldbach gewinnt trotzdem. - Dirk Bernemann Wenn Poetry Slam im Koma liegt (und wer würde das ernsthaft bezweifeln wollen?), dann ist Jens Goldbach sein würdiger Sterbehelfer. - Jan Off

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Seitenzahl: 94

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©opyright 2014 by Autor

Umschlaggestaltung: D-ligo

Titelfoto: Sophia Vogel

Lektorat: Christian Ritter

Satz: Fred Uhde, Leipzig (www.buch-satz-illustration.de)

ISBN: 978-3-95791-026-4

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Unsichtbar Verlag | Wellenburger Str. 1 | 86420 Diedorf

Jens Goldbach

Poetry Slam

Auf’s Maul

Für Dirk

Inhalt

Poetry Slam

Benjamin Seckers, 40

(Justizvollzugsbeamter)

Er kam zu uns in einem Zustand und mit einer Einstellung … sagen wir nicht gerade konstruktiv. Thomas’ erste Jahre waren einfach schwierig. Für ihn und auch für uns. Erst mal war es vielleicht nicht die schlaueste Entscheidung, so ehrlich vor Gericht zu sein. Also einerseits … natürlich ist es eigentlich schon eine gute Idee, ehrlich vor Gericht zu sein. Aber … einige Sachen fallen wohl unter ›höfliche Ehrlichkeit‹ und andere unter ›beleidigende oder kränkende‹. Oder auch ›dumme Ehrlichkeit‹. Das wusste Thomas damals wohl nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er das heute weiß. Kurz gesagt, er schrie die ganze Zeit, dass er es immer wieder machen würde und dass das Scheißschwein bekommen hat, was es wollte. Das hat seine Chancen nicht sehr verbessert. In seinen ersten Tagen und Monaten bei uns war es dann problematisch. Er schaffte das aber doch irgendwie alles ganz gut alleine. Immer wachsam. Immer über die Schulter gucken, was hinter dem Rücken passiert. Die anderen wollten an ihn ran. Richtig schafften sie das aber nie.

Roland Pfitzeck, 55

(Direktor Justizvollzugsanstalt)

Es ist immer schwierig, etwas Abschließendes oder Verurteilendes über einen unserer Insassen zu sagen. Prinzipiell gestehen wir jedem seine Rehabilitierung zu. Viel mehr als das. Unsere Aufgabe im stationären Strafvollzug ist es, jeden unserer Inhaftierten dabei zu unterstützen, wieder ein funktionierendes Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Bei Herrn Laue war das von Anfang an mit vielerlei Schwierigkeiten behaftet. Er weigerte sich, an sämtlichen Maßnahmen teilzunehmen, die wir im Vollzug zur Vorbereitung auf die Wiedereingliederung anboten. Dazu gehörte die Herstellung von Topflappen und Schürzen, die dann auf dem Wochenmarkt verkauft wurden. Auch beschäftigungs- und kunsttherapeutische Angebote wie die Musikgruppe wurden von Laue stets abgelehnt.

Jürgen Pelipper, 31

(Sozialarbeiter)

Ich kann mich erinnern, dass Laue bei einer Probe der Gefängnisband »Dicke Eier« dabei war und versucht hat, alles kaputt zu machen. Also deren Arbeit regelrecht zu sabotieren. Ein paar guckten immer zu, ein paar andere versuchten mal ein bisschen mit den Instrumenten rumzuspielen. Naja und ein paar konnten sogar ein bisschen was an ihren Instrumenten. Ein paar Rhythmen auf dem Schlagzeug, ein paar Akkorde greifen und so. Die Jungs wollten »Smoke on the Water« üben und waren gerade mit dem Intro beschäftigt. Laue wusste, was »Smoke on the Water« bedeutete.

Gernot Pfeffer, 43

(schwerer Raubüberfall, 7 Jahre und 6 Monate)

Thomas hatte immer ’ne Kippe in der Hand. Er blies also mit seinem Rauch mit voller Kraft in sein Wasserglas. Echt. Nicht nur ein bisschen. Das Wasser spritzte raus. Und spritzte die anderen alle voll. Die mochten das gar nicht. Das war ein bisschen wie im Kindergarten. Das gab da oft Geschreie und auch oft Prügel. Es war nicht so, dass das nur bei dem Lied so war. Er wollte immer … ich weiß nicht, ob er immer im Mittelpunkt stehen wollte. Er wollte zumindest nicht, dass jemand anders im Mittelpunkt stand. Und er konnte es auch nicht ertragen, dass andere sich etwas kontinuierlich erarbeiteten. Einen Plan machten. Zusammen arbeiteten. Er hatte keine klare Vorstellung, was genau er lieber machen wollte. Das war aber auch egal, weil so weit dachte er glaub ich gar nicht. Aber bis er darauf kommen würde, was er lieber machen würde, war er recht zufrieden damit, den anderen alles kaputt zu machen. Vielleicht hat er sich gedacht: Lieber etwas Beschissenes im Keim zerstören. Am Ende wird es ja eh nur scheiße. Wenigstens das wusste er vorher schon.

Thomas Laue, 38

(gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge, 4 Jahre und 3 Monate)

Ich fand das immer ziemlich spaßig. Und ich weiß auch nicht, wieso das alle immer so ernst genommen haben. Am Ende haben die da n bisschen ihren Kack geklimpert und aufs Schlagzeug gehauen. Was haben die erwartet? Weltstars zu werden? Jungs: Ihr seid IM KNAST. Glaubt ihr, ihr kommt da schneller raus, nur weil eure Scheißkapelle »Lemon Tree« spielen kann? Echt nicht. Dann lieber mit Absicht. Also mit Absicht nix machen. Idioten. Ha Ha Ha. Ich klatsch auf Euerm Konzert.

Roland Pfitzeck, 55

(Direktor Justizvollzugsanstalt)

Diese Einstellung war nicht gerade etwas, was einer möglichen zukünftigen Rehabilitierung Herrn Laues zuträglich war. Üblicherweise kommen uns die Häftlinge entgegen. Wir denken, dass sie auch Interesse daran haben, wieder in Freiheit zu gelangen. Wir konnten Herrn Laue aber leider auch nicht untersagen, an den Bandproben teilzunehmen. Die Mitglieder der Band äußerten ihren Unmut ihm gegenüber dann direkt im Vollzugsalltag. So wurde bei der Essensausgabe in sein Essen gespuckt, oft direkt vor seinen Augen. Auch während des Essens gab es Vorfälle, bei denen Häftlinge sich neben Laue stellten und während dieser aß in sein Essen spuckten. Offenbar liebten unsere Inhaftierten ihre Musik wirklich.

Jürgen Pelipper, 31

(Sozialarbeiter)

Irgendwann schnappte mal einer das Wort POETRY SLAM auf. Glaube das hat sogar einer unserer Häftlinge aufgebracht, weil er mal sowas gesehen hatte als er noch draußen war. Wir wussten nicht genau, worum es ging. Wir sind aber von der Gefängnisleitung stets dazu angehalten, das Kulturprogramm innerhalb unseres Hauses zu erweitern. Schließlich ist ja auch Kultur eine Stufe auf der Treppe zurück in ein eigenverantwortetes Leben. Also bestellten wir uns ein Arbeitsbuch zu dem Thema. Darin ging es um alles Mögliche, was Poetry Slam betraf. Tonfall, Wortschatz, Performance. Glaub das war ursprünglich für eine neunte bis elfte Klasse gymnasiale Oberstufe gedacht.

Bea Rubow, 22

(Studentin, Kulturanthropologie)

Ich bin Bea. Mein Text für diesen Slam entstand als ich mit ein paar Freunden im Park war und einer hatte seine Shisha dabei. Ich dachte: Da kann man bestimmt ’nen tollen Text draus machen!

Lockungen

von Bea Rubow

Lockungen

Aus dem Bauch der Shisha

Lockungen und Verlockungen.

Verlockungen aus Rauch

Rauch in deiner Lunge und meinem Gesicht

Rauch, das mag ich

Und du nicht

Rauch aus Pflanzen, Rauch aus Blättern

Der fliegt und sich verteilt

Rauch mit Aroma und ganz lecker

Rauch der riecht

ganz ausgefeilt

Wir liegen uns in den Armen

Und jemand schaut uns zu

Wir brauchen mehr zu rauchen

Und Penny hat schon zu.

Thomas Laue, 38

(gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge, 4 Jahre und 3 Monate)

Ich wusste nicht, was die Spinner wollen. Eine Show, wo wir alle nur reden und rumhampeln. Solche Schwuchteln. Jep. Ihr seid mal alle die krassen Poeten. Also ich wollte das nicht. Wollte sehen, ob die Wichser sich da auch so viel Mühe geben wie beim Musik machen. Aber noch peinlicher konnte es ja eh nicht werden. Ging auf jeden Fall superpeinlich los.

Benjamin Seckers, 40

(Justizvollzugsbeamter)

Erstmal mussten wir unseren Inhaftierten klar machen, dass es beim Poetry Slam Regeln gibt, die alle zu befolgen haben. Weil ohne Regeln funktioniert einfach nichts im Leben. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie unser Alltag hier im Strafvollzug ablaufen würde, wenn wir keine Regeln hätten. Dann könnte jeder kommen und gehen wann er will. Wir würden einfach irgendwann die Zellen abschließen. Und der Freigang würde irgendwann anfangen und irgendwann aufhören. So geht das nicht. Also war es für uns betreuendes Personal selbstverständlich, dass wir uns die Regeln aneignen und die Poetry Slams so durchführen, wie sie auch draußen durchgeführt werden. Das heißt, mit korrekt eingehaltenen Redezeiten, das sind bei uns fünf Minuten. Ohne Requisiten wie zum Beispiel einer Gitarre oder ähnlichem. Jeder kommt pro Slam einmal auf die Bühne und trägt einen selbstverfassten Text vor. Und das Publikum bewertet dann die Texte. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt.

Jürgen Pelipper, 31

(Sozialarbeiter)

Ich kann gut verstehen, dass eine Missachtung oder Lockerung der Regeln einfach das ganze Konzept zerstören würde. Ich kann auch verstehen, dass es das Ganze vielleicht auch etwas auflockern würde. Aber wo fängt es dann an? Und wo hört es auf? Weil ja alle unsere Poeten auf der Bühne die gleichen Chancen haben sollen.

Irgendwann ist Poetry Slam aus Amerika nach Deutschland gekommen und hier boomt es seitdem ziemlich. Vielleicht weil Deutschland einfach dieses Kulturland ist und die jungen Menschen fühlen sich berufen und das finde ich ehrlich gesagt schon toll. Also die Zuschauer und die Slammer selbst. Dass die nicht alle nur vorm Fernseher oder Computer hocken oder auf ihrem Telefon rumdrücken. Sondern, dass die wirklich sehen: Wow, da gibt es mal was in unserem Land. Da sind mal Leute, die wollen etwas beitragen und die haben was zu sagen und das sagen die dann auch. Ist auch ein schönes Vorbild für unsere Jugend. Und wenn wir ein bisschen was von diesem freien Geist auch hier bei uns im Vollzug haben, ist das doch ziemlich toll. Wie heißt es doch so schön in diesem Lied: »Die Gedanken sind frei.« Das finden wir auch. Und darum motivieren wir alle hier, einfach mal teilzunehmen, reinzuschnuppern und ihre poetische Seite zu entdecken.

Gernot Pfeffer, 43

(schwerer Raubüberfall, 7 Jahre und 6 Monate)

Ich wusste erst nicht genau, wie ich anfangen soll. Was ich hier vorlese, ist eine wahre Geschichte. Ich habe ich mich einfach an … also daran orientiert, wie es echt passiert ist.

Mein Schulweg

von Gernot Pfeffer

Als ich noch klein war, ging ich von der Schule nach Hause. Ich konnte die lange Straße den Hügel runter gehen. Das machte ich manchmal. Aber kürzer war direkt durch den Wald. Das war nicht so geschlängelt. Dieses Mal hatte ich keine Lust auf die Straße. Ich hatte auch außerdem was gehört, was ich eigentlich nicht hören sollte: Im Wald hatte sich jemand erhängt. Ich war da ungefähr acht oder so. Ich hatte also noch nie eine Leiche in echt gesehen. Wurde mal Zeit langsam. Bin dann einfach losgelaufen. Weil hat eh keiner gemerkt. Schule war ja aus. War hell, Sonne schien. Dann eigentlich überall auf dem Weg die Augen aufgerissen und geguckt. Hab mich da schon gefragt: »Wo würde ich mich aufhängen wenn ich ’ne Leiche wäre?« Wohl irgendwo am Rand, wo mich keine Kinder finden würden. Obwohl das wäre ja egal, weil ich eh tot wäre.

Jürgen Pelipper, 31

(Sozialarbeiter)

Bei aller Mühe, die sich Pfeffer gemacht hat und allem nötigen Respekt: Seine Geschichte führte zu nichts. Er suchte eine Leiche. Das war ereignislos und letztlich langweilig. Die anderen Häftlinge fingen an, mit harten Brotresten und Seifenstücken zu werfen. Das klingt wie ein schlechtes Klischee. Aber im Gefängnis ist Seife eine tödliche Waffe. Außerhalb vielleicht auch. Aber da gibt es ja auch Messer, die sind etwas praktischer.

Gernot Pfeffer, 43

(schwerer Raubüberfall, 7 Jahre und 6 Monate)