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Jeder hat eine zweite Chance verdient – auch ein Bad Boy … Im verschlafenen Healy Creek fliegen die Funken: Hass auf den ersten Blick! Mona braucht dringend Unterstützung auf ihrer Husky-Auffangstation, die geradeso mit Spendengeldern und gutem Willen über die Runden kommt. Doch Nate ist nicht die Aushilfe, die sie sich gewünscht hätte: Sein zwielichtiger Ruf eilt ihm voraus und die Arbeit auf dem Hof ist seine letzte Chance, bevor er hinter Gittern landet. Aber ohne ihre Schwester Tess, die ihre kranke Mutter pflegt, hat Mona alle Hände voll zu tun – welche Wahl bleibt ihr also? Umso überraschter ist sie, als der grobe, unfreundliche Nate zwischen den Hunden aufzublühen scheint – und bald blüht auch etwas in Monas Herzen … Ist Nate womöglich nicht der Bad Boy, der er vorgibt zu sein? Eine cozy Small-Town-Romance voller heißer Schokolade, kuscheligen Hunden und ganz viel Herz – Fans von Julie Caplin und Lucie Score werden begeistert sein! In Band 1 der Healy-Creek-Reihe »Nordlichter über Alaska« trifft Monas Freundin Hailey auf ein Rudel wilder Schlittenhunde – und die Liebe ihres Lebens … Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Im verschlafenen Healy Creek fliegen die Funken: Hass auf den ersten Blick! Mona braucht dringend Unterstützung auf ihrer Husky-Auffangstation, die geradeso mit Spendengeldern und gutem Willen über die Runden kommt. Doch Nate ist nicht die Aushilfe, die sie sich gewünscht hätte: Sein zwielichtiger Ruf eilt ihm voraus und die Arbeit auf dem Hof ist seine letzte Chance, bevor er hinter Gittern landet. Aber ohne ihre Schwester Tess, die ihre kranke Mutter pflegt, hat Mona alle Hände voll zu tun – welche Wahl bleibt ihr also? Umso überraschter ist sie, als der grobe, unfreundliche Nate zwischen den Hunden aufzublühen scheint – und bald blüht auch etwas in Monas Herzen … Ist Nate womöglich nicht der Bad Boy, der er vorgibt zu sein?
Originalausgabe Dezember 2025
Copyright © der Originalausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Redaktion: Katja Szimmat – Die Dauerlektorin
Korrektorat: Monia Pscherer – Th Write Spirit
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock /shutterstock AI
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-336-3
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Maria Winter
Roman
»Auf gar keinen Fall!«
Obwohl mir der 60 Pfund schwere Sack mit Hundefutter gerade den gesamten Atem raubte, brachte ich genug Kraft auf, um die Worte nicht nur zu sagen, sondern zu brüllen. Was ungewöhnlich für mich war – nicht nur wegen der fehlenden Atemluft. Es war nicht meine Art, meine Meinung so offen und laut kundzutun. Doch in diesem Fall war es mehr als angebracht.
Frustriert ließ ich von dem Sack ab und rang nach Sauerstoff, ehe ich mich aufrichtete und mir dabei eine meiner schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht blies. Natürlich rutschte sie sofort wieder an Ort und Stelle zurück. Wie sollte es in dieser Situation auch anders sein.
Ein gutes Dutzend schwere Futtersäcke, David Allreds überraschender Besuch und mein widerspenstiges Haar – diese drei Dinge rundeten die Gesamtsituation wunderbar ab.
Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und starrte den Alaska State Trooper zornig an, in der Hoffnung, dass er erkannte, wie wenig begeistert ich von seiner Anwesenheit war. Oder vielmehr von dem Grund dafür.
Doch im Gegenteil, dieser Mistkerl schien keine Spur von meiner offensichtlichen Abneigung beeindruckt zu sein. Er wirkte auf mich, als würde ihn mein Anblick ziemlich amüsieren.
Was wiederum mein Blut in Wallung brachte und Hitze in meine Wangen trieb.
David blickte mich viel zu gelassen mit seinen hellblauen Augen an. Er wusste, was diese Augen mit seinem Gegenüber anstellen konnten. Sicher hatte er mit ihnen bereits zu High-School-Zeiten etlichen Mädchen den Kopf verdreht. Um seine Mundwinkel spielte ein verschmitztes Lächeln. Wenn ich ihn nicht besser kennen würde, hätte ich glatt denken können, dass er versuchte, mit mir zu flirten.
Aber das war Davids Art. Er war ein Gute-Laune-Mensch und liebte es, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Wie ich ihn bisher kennengelernt hatte, übte er diesen Beruf nicht aus, um anderen seine Macht aufzuzwingen, sondern vielmehr, um seine Mitmenschen zu beschützen und ihnen zu helfen. Diese Tatsache und seine charmante Ader machten ihn immer wieder zu einem gern gesehenen Gast in Healy, wo er aufgewachsen war.
»Habe ich dich und Tess in den letzten anderthalb Jahren je hängen lassen?«, fragte er nun.
Nein, das hatte er nicht.
Ich hatte mich bisher immer gefreut, ihn zu sehen. Seit meine Schwester Tess und ich in diesen wunderbar kleinen Ort in Alaska gezogen waren, hatte David uns stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Schon als wir uns das erste Mal begegneten und er von unserem Vorhaben hörte, hatte er uns sofort seine Unterstützung angeboten. Wir könnten ihn immer erreichen, wenn wir etwas über die Gegend wissen wollten oder auch wenn wir eine behördliche Meinung benötigten, hatte er betont.
Worauf wir gerade in der Anfangszeit oft zurückgekommen waren.
Ich konnte, ohne zu übertreiben, behaupten, dass David ein guter Mensch war. Umso irritierter war ich von dieser verrückten Idee, mit der er zu mir gekommen war.
Guter Mensch hin oder her, es änderte nichts an den Tatsachen. »Dir ist schon klar, dass das bei mir nicht funktioniert«, sagte ich und spielte damit auf seinen verzückten Augenaufschlag an. Er sollte ruhig wissen, dass ich seine Taktik längst durchschaut hatte.
Doch meine Worte bewirkten genau das Gegenteil. Davids Lächeln wurde breiter und in seinen Blick schlich sich ein Funkeln.
»Versuchen kann man es ja mal«, gestand er und zuckte unschuldig mit den Schultern.
Ich rollte mit den Augen und packte den Futtersack am oberen Ende, um mein Vorhaben erneut in Angriff zu nehmen. Immerhin war es mir bereits gelungen, den Sack von der Ladefläche des Pick-ups zu hieven. Jetzt musste ich ihn nur noch zum Eingang der Hütte schleifen. Zumindest läge er dort fürs Erste sicher.
Ich zerrte mit aller Kraft, doch der Neuschnee wölbte sich auf, bremste den Sack und meine Bemühungen vollständig aus. Als ich versuchte, ihn auf meine Schulter zu heben, um ihn das letzte Stück zu tragen, traten mir trotz der Kälte Schweißperlen auf die Stirn. Warum auch hatte der örtliche Supermarkt lediglich diese unsagbar schweren Abmessungen im Angebot? Die konnte doch wirklich niemand allein schleppen!
»Wie lange wird Tess überhaupt in L.A. sein?«
Davids Frage erinnerte mich an den eigentlichen Übeltäter, der für meine schlechte Laune verantwortlich war.
Begonnen hatte das ganze Dilemma mit dem Anruf meiner Mum, die sich eigentlich in Los Angeles in der Sonne rekeln sollte. Stattdessen hatte sich das Dusselchen den Knöchel gebrochen, während sie auf einer asphaltierten Straße joggen gewesen war. Einer Straße ohne Schlaglöcher, wohlgemerkt. Für meine Mutter war nichts unmöglich, leider auch im negativen Sinne.
Wenn ich daran dachte, begannen die Flammen auf meiner Wange erneut zu pulsieren. Dieses Mal nicht vor Anstrengung, sondern vor Wut. Da half es auch nichts, zu wissen, dass diese Wut mehr als unangebracht war.
Immerhin konnte meine Mum nichts für diesen Unfall, es war wirklich einfach blöd gelaufen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Trotzdem, wenn sie nicht umgeknickt wäre, würde ich jetzt nicht mit dem bescheuerten Futtersack im Neuschnee unserer Einfahrt feststecken. Ich würde nicht mit David diskutieren und Tess würde mir helfen. Zusammen würden wir diesen Sack bezwingen, so, wie wir es mit allem in unserem Leben getan hatten.
»So lange, bis Mum wieder laufen kann.«
Als ob ein gebrochener Knöchel allein nicht schon unschön genug wäre, sorgte dieser Unfall dafür, dass Mum ihre geliebte Pension verlieren könnte, die sie an der palmenbesetzten Küste in Malibu im Alleingang betrieb. Der Bruch musste nicht operiert werden, doch der Gips an ihrem Bein schränkte sie mehr als ein, zumal sie sich ausruhen und auf keinen Fall arbeiten sollte.
Da Mum allerdings mindestens ebenso starrköpfig war wie ihre beiden Töchter, war Letzteres so gut wie ausgeschlossen. Niemals würde sie riskieren, die Pension zu verlieren, um deren Erwerb sie mehrere Monate gekämpft hatte. Ihre Selbstständigkeit war ihr Ein und Alles. Dafür würde sie im schlimmsten Fall auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.
Weil wir das nicht zulassen konnten, hatte sich meine Schwester Tess kurzerhand entschieden, zu ihr zu fliegen und dafür zu sorgen, dass sich Mum in ihrem Arbeitseifer nicht noch mehr Schaden zufügte.
»Das klingt sehr vage.« David konnte es nicht lassen, weiter in diese Richtung zu sticheln.
Ich seufzte. »Ich weiß.« Dann schluckte ich. »Mindestens zwei Wochen, denke ich.«
Ich hatte wenig Hoffnung, dass Tess vor dem dritten Adventswochenende wieder zurück wäre.
Tess, die nicht nur meine große Schwester, sondern auch die inoffizielle Leiterin des Safe Heaven for Nordic Dogsin Healy war.
Während ich die Versorgung und die Resozialisierung der Hunde übernahm, kümmerte Tess sich um die Außenwirkung der Auffangstation. Sie tätigte den Kontakt mit der Presse, pflegte den Webseiten- und Social-Media-Auftritt und formulierte Spendenbriefe.
Und sie hätte sich um David Allred gekümmert, wenn sie jetzt hier gewesen wäre.
Doch Tess war nicht da.
Und während sie unserer kranken Mutter dabei half, ihre Existenz nicht zu verlieren, fehlte sie hier an jeder Stelle.
Die Weihnachtszeit stand vor der Tür. Bereits in wenigen Tagen war der erste Adventssonntag.
»Du brauchst Hilfe, Mona«, sprach David das mehr als Offensichtliche und gleichzeitig das, was ich nicht hören wollte, aus. »Weihnachten steht vor der Tür und Tess ist nicht da, um die Spendenaktionen zu managen. Wie willst du das alles alleine schaffen?«
Ich warf David einen grimmigen Blick zu. Er musste mir nicht erklären, dass wir auf das Fest der Liebe und des Mitgefühls angewiesen waren. Für uns stellte diese Zeit die wichtigste des gesamten Jahres dar.
Unsere Auffangstation war eine gemeinnützige Organisation. Wir finanzierten uns ausschließlich über Spenden, weswegen wir im Dezember stets mehrere Aktionen planten, was sich bereits in unserem ersten Jahr in Healy ausgezahlt hatte.
Die Einnahmen in dieser Zeit machten fast ein Drittel der gesamten Jahreseinnahmen aus, weshalb wir wirklich alles geben mussten.
Für die zwölf Hunde nordischer Rassen, die wir aktuell betreuten und die auf eine zweite oder gar dritte Chance hofften.
Und für die unzähligen Hunde, denen wir noch helfen wollten.
Auch in diesem Jahr, obwohl ich ganz allein mit den Vierbeinern, den Spendenaufrufen und meiner mittelmäßig ausgeprägten Sozialphobie dastand.
Und dann kam auch noch David um die Ecke und versuchte, mir mithilfe eines Augenklimperns einen Straftäter aufzubrummen.
Merry Christmas, Mona Goodwin, dachte ich grimmig.
»Oh, und du glaubst also, dass ein ortsbekannter Straftäter dafür genau der Richtige wäre? Als würden die Leute kein Problem damit haben, einem Kriminellen ihr Geld in die Hand zu drücken!«
Sah ich etwa so aus, als wollte ich mich inmitten dieses ganzen Chaos auch noch mit einem Kriminellen beschäftigen?
Allein der Gedanke daran war vermessen. Als würde ich jemanden in unsere Auffangstation, in unser Heiligtum lassen, der mit seinen 26 Jahren bereits im Knast gesessen hatte. Bei aller Liebe, aber das konnte David doch nicht ernst meinen!
»Hast du überhaupt eine Ahnung, was du damit anrichten könntest? Was das für uns bedeuten würde?«
Doch David zuckte nicht einmal. Er stand nach wie vor nur da und sah mich mit schief gelegtem Kopf an. So, als würde ich maßlos übertreiben.
Diese Tatsache brachte das Fass in mir endgültig zum Überlaufen. Am liebsten hätte ich irgendetwas durch die Gegend geschmissen, doch ich reagierte mich stattdessen an dem Futtersack vor mir ab. Ich packte, zerrte und zerrte und hustete und prustete. Und ich verfluchte mich dafür, die Sackkarre eingespart zu haben, die wir schon seit Langem hatten anschaffen wollen. Ich hatte es immer wieder als unnötige Ausgabe abgetan, weil Tess stets da gewesen war, um mir zur Hand zu gehen.
Dieses verdammte Mistding!
Mein Blick fiel auf die tiefe Kuhle, die ich mit meinem Vorhaben im Schnee hinterließ, und ich musste unwillkürlich an jemanden denken, der eine Leiche hinter sich her schleifte. Genau das würde der nächste Besucher wahrscheinlich vermuten, wenn er vorbeikam und diese Spur sah.
Ich biss mir auf die Lippen, schüttelte mit dem Kopf und kämpfte weiter.
»Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?«
Ich konnte deutlich den amüsierten Tonfall in Davids Stimme hören.
Okay, das gab mir den Rest!
Ich ließ den Sack unachtsam in den Schnee plumpsen und richtete mich abermals auf. Wütend presste ich meine Schuhsohlen in den Boden unter mir.
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich gerade jetzt jemanden herhole, den ich den ganzen lieben langen Tag beaufsichtigen muss. Nein, noch besser: Dem ich wahrscheinlich ständig seinen Mist hinterhertrage, weil er vermutlich überhaupt keinen Bock hat zu arbeiten. Gerade jetzt, wo ich für so etwas weder Zeit noch Nerven habe.« Ich schnaufte laut hörbar. »Mal ganz abgesehen davon, dass der Kerl bereits eingesessen hat.«
Davids Blick wurde etwas aufmerksamer. Endlich schenkte er meiner Situation die notwendige Ernsthaftigkeit.
»Das mit dem Gefängnis stimmt nicht. Das ist nur das, was der örtliche Klatsch verbreitet.«
Diese Aussage trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Sie fachte sogar meinen Zorn weiter an.
»Oh, du behauptest also, dass ganz Healy damit falschliegt und nur Mist erzählt?«
Als ich die Worte ausgesprochen hatte, bemerkte ich selbst, wie sie klangen. Nämlich überhaupt nicht nach mir. In der Regel gab ich nichts auf die brodelnde Gerüchteküche des Dorfes. Außerdem war David ein Mann des Gesetzes und wenn einer die Wahrheit kannte, dann er. Trotzdem schaffte es David, mich mit seiner Art auf die Palme zu bringen. Oder vielmehr auf die Hemlocktanne.
»Yep.« Er schaute mich fest an, doch sein Blick war entspannt. Viel zu entspannt, für meinen Geschmack.
Dann beugte er sich unerwartet nach dem Futtersack, warf ihn sich lässig über die Schulter und trampelte in Richtung unserer Hütte.
»Hey!«, protestierte ich perplex, aber viel zu langsam. Er ließ den Sack bereits auf der schmalen Veranda wieder herunter und schob ihn an die Wand neben der Eingangstür.
Als er sich diesmal zu mir umwandte, erkannte ich aufrichtige Wärme in seinen Augen.
»Okay, ich verstehe deine Bedenken, Mona. Aber Fakt ist, dass dir ein wenig Unterstützung aktuell nicht schaden könnte. Zumindest bei den körperlich schwereren Arbeiten. Wenn du ehrlich zu dir bist, weißt du, dass ich recht habe.«
Ich wollte schon trotzig etwas darauf erwidern, doch David winkte ab.
»Wenn du dich dazu entscheidest, mir zu helfen, verspreche ich dir, dass dir Nate Kendall keinen Ärger machen wird. Du brauchst keine Angst zu haben. Er ist ja kein verurteilter Mörder oder so.« Wahrscheinlich versuchte David, lustig zu wirken, um die Situation zwischen uns etwas zu entschärfen. Doch darauf konnte ich nicht so einfach einsteigen.
»Ich habe gehört, er ist gewalttätig.« Ich hatte keine Ahnung, ob das stimmte, aber das war etwas, das ich während dieser ganzen Diskussion nicht einfach ignorieren konnte. Noch weniger, als jemanden, der stahl, wollte ich jemanden hier haben, der vielleicht auf mich losging, wenn ihm etwas nicht passte.
Die Skepsis in meinen Augen verfehlte ihre Wirkung nicht. Davids Augen blitzten, als hätte er nicht mit einer solchen Aussage von mir gerechnet. Er fing sich jedoch schnell wieder und wurde sachlich.
»Es geht keine Gefahr von ihm aus.« Die Worte sprach er extra langsam und betont aus, damit sie mich erreichten, was mein Misstrauen jedoch nicht gerade abflachen ließ. »Und, Mona, ich lüge nicht. Er war tatsächlich noch nie im Gefängnis, egal, was sich die Leute in Healy unter der Hand über ihn erzählen. Du kannst mir vertrauen, ich würde dich nie irgendeiner Gefahr aussetzen.«
Daran hatte ich keinen Zweifel. Trotzdem war mir seine Reaktion auf das Thema mit der Gewalttätigkeit nicht entgangen und sie ließ mich innerlich stutzen.
David trat einen Schritt näher an mich heran und legte seine behandschuhten Hände auf meine Schultern.
»Nate ist kein schlechter Mensch, er …« David schien zu überlegen, wie er seine Meinung am besten in Worte fassen sollte, als sich einer seiner Mundwinkel leicht hob. »Das solltest du besser selbst herausfinden, denke ich. Es ist eine Chance, Mona.«
Warum kam es mir so vor, als würde sich das Wort »Chance« nicht nur auf mich und die Auffangstation beziehen?
Zugegeben, David wusste genau, wie er sein Gegenüber erreichen konnte und ich ertappte mich dabei, wie ich tatsächlich eine Sekunde lang über sein Angebot nachdachte.
Könnte dieser Nate Kendall tatsächlich eine Bereicherung für mich und die Hunde sein? Was, wenn er wirklich kein so übler Kerl war, wie ganz Healy behauptete?
»Ich kann nicht, David«, sagte ich dennoch nach einer Weile entschlossen und bekam damit rechtzeitig die Kurve. Auch wenn ich dadurch vielleicht diese Chance vergab: Es war das einzig Vernünftige!
»Ich bitte dich doch nur, darüber nachzudenken, Mona«, versuchte es David weiter. Natürlich gab er nicht so einfach auf. David wäre nicht David, wenn er das täte. Nicht umsonst hatte er es bis zu den State Troopers geschafft.
»Du weißt, du kannst dich jederzeit bei mir melden.«
Ich nickte, was ihm reichte, um sich endlich von mir zu verabschieden und mich weiter meine Arbeit verrichten zu lassen. Davon gab es schließlich noch mehr als genug.
David ging in dem Glauben, dass ich mich noch umstimmen lassen könnte.
Wenn er mich allerdings mittlerweile gut genug kannte, wusste er, dass ich meine Meinung nicht ändern würde. Und dass ich es auch nicht konnte.
»Jaja. Gleich geht’s los«, versuchte ich, Cody zu besänftigen, während ich die eine Hand mit dem Handy an mein Ohr presste und mit der anderen bemüht war, den proppenvollen Futternapf nicht fallen zu lassen.
Das kam einer Mammutaufgabe gleich, weil mich der ungestüme junge Husky-Rüde unentwegt ansprang. Er erreichte locker mit jedem Hüpfer mein Gesicht und nicht selten bekam ich dabei das eine oder andere Küsschen ab.
Heute jedoch war ich schneller.
Ihm Manieren beizubringen, war nach wie vor meine Hauptaufgabe bei ihm. Kein Wunder, immerhin war er genau aus diesem Grund bei uns abgegeben worden. Das junge Pärchen war schlichtweg mit dem pubertierenden Energiebündel überfordert gewesen.
Ich unterbrach sein stetiges Hüpfen, indem ich mein Knie vorschob und Raum zwischen uns brachte.
Cody krallte sich in meine Winterjacke und hielt kurz vor dem Napf inne. Seine eisblauen Augen stachen aus seiner schwarz-weißen Maske hervor, seine Zunge hing schief aus seinem Maul. Er schien mich förmlich anzugrinsen, ehe er an meiner Hand zu lecken begann.
»Cody«, sagte ich scharf und als der Hund schließlich von mir abließ, stellte ich den Napf mit dem Trockenfuttergemisch vor ihm auf den strohbelegten Boden. Das war noch nicht perfekt, aber ein Anfang.
Ich trat aus dem Zwinger auf den Mittelgang der Scheune und schloss die Tür hinter mir.
Cody stürzte sich natürlich sofort auf sein Abendbrot.
»Cody?«, erinnerte mich Tess Stimme an das Telefonat, das ich gerade führte. Ich hörte deutlich den amüsierten Unterton in ihr mitschwingen. Sie kannte den Rüden nur zu gut.
»Ungeduldig wie immer«, gab ich zurück, während ich beobachtete, wie der Hund das Futter regelrecht einsaugte, und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
»Und sonst ist alles gut bei dir?«, fragte Tess, als ich einen weiteren Napf aus der Holzkiste holte und die nächste Zwingertür öffnete. Dort erwartete mich ein wesentlich ruhigerer Zeitgenosse.
Sparkle gehörte mit seinen zwölf Jahren bereits zu den Hunde-Opas und war daher auch ausgeglichener.
Der schwarz-weiß gefleckte Rüde wedelte leicht mit dem Schwanz und schmiegte sich mit seinem Kopf an meine gepolsterte Winterhose.
Grinsend kraulte ich ihn hinter den Ohren, was er besonders mochte.
Es gab ohne Zweifel keinen anderen Husky auf unserer Auffangstation, der schöner bettelte.
»Mona?«
Ups, ich hatte ganz vergessen zu antworten.
»Alles gut. Ich komme zurecht«, antwortete ich daher schnell. Ich wollte nicht, dass sich meine Schwester Sorgen um mich machte, während sie mehrere Hundert Kilometer weit weg war und quasi nichts für mich tun konnte. Zudem hatte sie mit Mum wahrscheinlich bereits genug zu tun. Apropos …
»Wie geht es Mum?«
Ich hörte Tess seufzen.
Oje.
»Sie ist ein wirklich, wirklich schlechter Patient. Im Krankenhaus würden die Schwestern wahrscheinlich verrückt mit ihr werden.« Meine Mundwinkel zuckten bei dieser Vorstellung. Ich wusste nur zu gut, was Tess meinte. Wenn sich meine Mutter einmal etwas in dem Kopf gesetzt hatte, dann zog sie es für gewöhnlich durch. Das war ihre Art zu leben.
So hatte sie ihre zwei kleinen Mädchen allein großgezogen, weil sich die Väter entweder bereits vor der Geburt oder kurz danach aus dem Staub gemacht hatten – zumindest bei einem von ihnen war es ein Segen gewesen.
Und so hatte Mum die verlassene Pension in L.A. gekauft, um sie zu renovieren und dann wieder neu zu eröffnen.
»Ständig erwische ich sie hinter dem Tresen oder in der Küche, weil sie sich einfach nicht ausruhen möchte. Ich muss sie andauernd zurück auf ihren Platz schicken. Manchmal komme ich mir vor wie bei unseren Hunden.« Tess lachte auf und ich stimmte mit ein. Der Vergleich unserer Mutter mit einem sturen nordischen Dickkopf passte nur zu gut.
»Ich sehe schon, ihr zwei kommt herrlich miteinander aus.« Ich schmunzelte und stellte Sparkle seinen Napf hin.
Der Rüde beschnupperte sein Fressen ausgiebig, als würde er sich die besten Stücke zuerst rauspicken wollen.
»Ja, total.« Tess’ Stimme triefte vor Sarkasmus.
Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie gerade am anderen Ende der Leitung die Augen verdrehte. Aber mal abgesehen von den aktuellen Schwierigkeiten, wusste ich, dass es genau so war: Tess kam wesentlich besser mit unserer Mutter klar als ich – beziehungsweise hatte sie sie besser im Griff, wie man so schön sagte.
Tess war einer der wenigen Menschen, die unserer Mutter eindrucksvoll die Stirn boten und damit meistens sogar Erfolg hatten. Etwas, das mir nie so ganz gelungen war, und weshalb sich meine jetzige Lage darstellte, wie sie sich eben darstellte.
Ich kümmerte mich nun ganz allein um die Auffangstation, während die eigentliche Leiterin versuchte, unsere Mutter zu bändigen.
»Hey, ich weiß, dass das Ganze nicht einfach für dich ist. So ganz alleine in Healy, zusammen mit der Meute, und auch noch jetzt in der Adventszeit. Und es tut mir wirklich leid, dass wir keine andere, bessere Lösung auf die Schnelle gefunden haben.«
Die Stimme meiner Schwester klang gequält und mein Herz zog sich zusammen. Egal wie verrückt mich das alles gerade machte, ich konnte meine Schwester nicht leiden hören und ich wollte nicht, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte.
»Es ist schon okay, Tess. Mach dir bitte keine Sorgen. Auch diese Phase geht vorbei und ich bin ja schon groß«, versuchte ich zu witzeln. Mit Erfolg, wie ich zufrieden feststellte.
»Stimmt, das vergesse ich immer wieder. Und spätestens bis zum Hoffest am letzten Adventssonntag bin ich wieder da, wenn nicht sogar schon eher.«
Natürlich hoffte sie, schnellstmöglich wieder heimkommen zu können, genau wie ich.
Doch es brachte auch nichts, etwas zu überstürzen. Mum musste sich auskurieren und solange brauchte sie nun einmal jemanden, der auf sie aufpasste.
»Du kannst mich immer anrufen, Mona. Auch mitten in der Nacht. Scheu dich bitte nicht davor.«
Ich lehnte mich gegen Sparkles’ geschlossene Zwingertür. Mein Blick glitt zu den einzelnen ehemaligen Reitboxen, die als größere Zwinger umfunktioniert waren. Wie früher waren sie mit Stroh ausgelegt, damit sich die Hunde einkuscheln konnten, wenn sie es sich nicht in ihren Holzhütten bequem machen wollten. Die meisten von ihnen hatten bereits ihr Futter bekommen, weshalb gefräßige Stille in der Scheune herrschte.
Mein Blick glitt über die massiven Holzbalken zur Decke der Scheune, wo ich ein schiefes Brett ausmachte. Löste sich dort etwa schon wieder ein Stück Holz? Die Scheune hatte bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Dass sie noch dazu jeden Tag Wind und Wetter ausgesetzt war, kam noch erschwerend hinzu.
Bereits von Anfang an flickten Tess und ich, was zu flicken war. Aber die Scheune würde eines Tages von Grund auf saniert werden müssen, wenn wir unsere Arbeit hier fortsetzen wollten. Bisher fehlten uns dazu jedoch die finanziellen Mittel, weshalb ich zunächst nur das Loch würde stopfen können.
»Na, bei dieser netten Aufforderung werde ich auf jeden Fall darauf zurückkommen«, sagte ich und lachte. »Dass ich ganz alleine bin, ist übrigens auch schon anderen aufgefallen. Der Buschfunk in Healy funktioniert mal wieder ausgezeichnet. David Allred war heute Vormittag hier und hat versucht, mir Nate Kendall aufzudrücken. Na ja, beziehungsweise will er, dass der Kerl so etwas wie Sozialstunden bei uns ableistet. Und da ich gerade jede Hilfe brauche, hält er das für eine tolle Idee.«
»Nicht dein Ernst«, empörte sich Tess. »Der Kerl hat doch schon mindestens einmal gesessen.«
»Anscheinend nicht.«
Ich dachte an Davids Worte zurück und wusste noch immer nicht so recht, was ich davon halten sollte. Natürlich sagte er die Wahrheit, aber trotzdem konnte ich seine Worte nur schwer mit dem Bild in Einklang bringen, das Healy bisher von Nate Kendall gezeichnet hatte.
»Aber keine Sorge, ich habe David natürlich abblitzen lassen. Außerdem habe ich bereits eine andere Idee, sollte ich wirklich mal Hilfe benötigen.«
»Der kann sich auf jeden Fall etwas anhören, wenn ich zurück bin«, schimpfte Tess. »Im Ernst, ich will nicht, dass dieser Straftäter auch nur einen Fuß in die Auffangstation setzt.« Tess’ entschiedener Tonfall duldete keine Widerrede.
Und ich konnte sie nur zu gut verstehen.
»Es sind nicht alle wie dein Dad«, warf ich dennoch ein.
»Nenn ihn nicht so«, sagte Tess eine Spur schärfer als beabsichtigt, weshalb sie seufzend hinterher schob: »Er war nie einer.«
Tess’ Dad oder Tess’ Erzeuger war nicht nur ein Taugenichts gewesen, der den lieben langen Tag auf der faulen Haut gelegen hatte. Er hatte Mum auch regelmäßig bestohlen, während diese um ihre eigene Existenz und um die ihrer Tochter kämpfte.
Als sie es herausfand, war der Schaden bereits angerichtet, und sie musste mit Tess aus der Mietwohnung in einen Trailerpark ziehen, wo Tess schließlich aufwuchs. Ohne ihre Freunde und mit jeder Menge Mobbing in der Schule.
Das war etwas, was Tess ihrem Dad nie verziehen hatte. Und weshalb sie eine strenge Abneigung gegen jeden hegte, der auch nur den Ruf hatte, kriminell zu sein.
»Das musst du mir versprechen, Mona.« Ihr war diese Sache sehr wichtig und das konnte ich nur zu gut nachvollziehen.
Ich dachte zwar, dass ich ihr bereits deutlich gemacht hatte, dass ich das Ganze ähnlich wie sie sah, doch ich stimmte ihr noch einmal laut zu. »Nate Kendall wird unseren Hof nie betreten, Tess. Da bin ich voll bei dir.«
Tess atmete hörbar aus, während im Hintergrund bei ihr etwas schepperte. Gefolgt von einem lauten Fluch, der ohne Frage von unserer Mutter stammte.
»Ich glaube, du musst jemanden mal wieder auf seinen Platz schicken«, sagte ich grinsend und Tess stöhnte genervt.
»Wir hören uns, Mona. Knuddle das Rudel von mir! Und halt die Ohren steif, Schwesterherz. Du schaffst das!«
»Na klar«, antwortete ich und legte auf, obwohl ich mir dessen nicht so sicher war.
Als Tess’ Stimme verklungen war, fühlte ich mich mit einem Mal schrecklich einsam. Noch nie waren wir für eine so lange Zeit voneinander getrennt gewesen.
Zudem schwebten die bevorstehenden Aufgaben über mir wie ein Damoklesschwert.
Ich wandte mich zu Sparkle, der sein Futter Brocken für Brocken kaute und dabei stetig mit dem Schwanz wedelte.
Nur zu gut erinnerte ich mich daran, wie abgemagert er aufgrund von Vernachlässigung zu uns gekommen war, und dass wir in den ersten Tagen nicht wussten, ob er es überhaupt schaffen würde.
Ich holte tief Luft.
Ich würde diese Situation meistern. Egal wie.
Ich musste es für die zwölf Hunde, die gerade nur noch mich hatten.
»Du weißt, dass ich dir immer helfen würde, Mona. Und du weißt, wie begeistert ich von eurem Safe Heaven for Nordic Dogs bin.«
Hailey bedachte mich über die Tischplatte des Diners hinweg, mit einem beinahe schon wehleidigen Blick, und mir schoss ein einziger Gedanke durch den Kopf: Bitte nicht du auch noch!
Earls Diner war um die Mittagszeit gut gefüllt. Hailey musste extra etwas lauter sprechen, damit ich sie verstand, obwohl ich ihr genau gegenübersaß.
Geschirr klapperte und die Leute unterhielten sich angeregt und redeten wild durcheinander.
Aus der offenen Küche drang eine Duftmischung nach Burgern, Fritten, aber auch nach Pancakes und heißem Kakao. Es passte so gar nicht zueinander und ließ mir trotzdem das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Im ganzen Ort gab es kein besseres Essen als hier. Besonders die Cookies mit den verschiedenen Füllungen waren um diese Jahreszeit beliebt. Halb Healy hatte Earl bereits nach dem Rezept gefragt, doch er hüllte sich stets in grinsendes Schweigen.
Ich biss von einem ebendieser Cookies ab und schmeckte Erdnussbutter, Schokolade und einen Hauch Zimt, der den Geschmack perfekt abrundete. Und ich war mit einem Mal voll bei Earl: Ich würde über die Herstellung dieser Leckereien auch kein Wort verlieren.
Einer aus der Männergruppe direkt hinter uns lachte laut und grollend auf und genau in diesem Moment erinnerte ich mich wieder, weshalb ich mich trotz Earls vorzüglicher Speisen lieber mit Hunden statt mit Menschen umgab.
Die Arbeit mit Hunden war unaufgeregt, einfach. Wenn ich mit ihnen im eingezäunten Bereich unserer Auffangstation trainierte oder mit ihnen zwischen den Tannen unterwegs war, gab es niemanden, der mich störte. Nichts, das mich überforderte oder belastete. Lediglich Ruhe und Vertrauen.
Bei den Huskys konnte ich einfach nur Mona sein und das tat verdammt gut.
Aus diesem Grund bildete Tess die Vorhut der Auffangstation, während ich die Aufgaben im Hintergrund und abseits des Trubels erledigte.
Ich atmete tief durch und versuchte, mich darauf zu fokussieren, dass ich lediglich mit Hailey zu Mittag aß. Nicht mehr lange und ich könnte das Diner hinter mir lassen – jedoch wahrscheinlich mit einem anderen Ergebnis, als ich gehofft hatte.
Sie seufzte. »Aber ich kann dir gerade leider nicht helfen und ich fürchte, Cole ebenso wenig.«
Mit einem Mal sah sie so niedergeschlagen aus, wie ich mich aktuell fühlte. Ihre langen blonden Haare wirkten stumpf und die Haut um ihre Nase war unnatürlich blass.
»Hey, was ist los?«, fragte ich besorgt.
Egal wie niederschmetternd ihre Absage auch für mich war, noch schlimmer war es für mich, sie in diesem Zustand zu sehen.
Hailey und Cole waren beide herzensgute Menschen, die etwas außerhalb von Healy eine Husky-Ranch betrieben und geführte Touren für Touristen am Rande des oder im Denali-Nationalpark anboten. Und die mittlerweile auch schon zwei Hunde von unserer Auffangstation übernommen und ihnen ein gutes Zuhause geschenkt hatten.
Die beiden waren mehr als nur bloße Bekannte. Ich zählte sie mit zu meinen besten Freunden und Hailey derart ausgelaugt zu sehen, versetzte mir einen schmerzhaften Stich.
Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und verzog die Lippen. »Gerade ist es einfach alles etwas viel. Ich bin ganz alleine im Laden, weil meine Mitarbeiterin im siebten Monat schwanger ist und ich auf Teufel komm raus keinen passenden Ersatz finde. Zudem müsste ich Cole jetzt um diese Zeit mit den Huskys und den Touren helfen, aber ich fürchte, dass er das diesen Winter irgendwie alleine stemmen muss.«
Hailey lebte seit knapp zwei Jahren in Healy und war auch Inhaberin des Wild Snow, eines Geschäfts für Outdoorkleidung.
Sie hatte Cole ein paar Monate vor der Gründung der Auffangstation kennengelernt, als sie auf seiner Ranch über die Weihnachtszeit aushalf. Unglaublicherweise hatte sie diese Aufgabe bestens gemeistert, trotz ihrer panischen Angst vor Hunden.
Es hatte ordentlich gefunkt und sie hatte sich nicht nur in die Hunde und die Gegend, sondern auch in Cole verliebt.
Ihr bedeutete ihr Leben hier viel und wahrscheinlich war sie deshalb auch eine der Ersten gewesen, die uns kurz nach der Eröffnung der Auffangstation besucht hatten. Sie unterstützte uns von Anfang an immer wieder mit kleinen Spenden.
Doch ich mochte sie nicht nur deshalb so besonders.
Hailey war jemand, der seine Angst erfolgreich überwunden hatte und sich nicht unterkriegen ließ. In gewisser Hinsicht war sie damit ein echtes Vorbild für mich.
Ich wusste, sie würde mir auch jetzt helfen, wenn sie könnte, genau wie Cole. Dass sie ablehnte, bedeutete nur, wie prekär die aktuelle Situation auch bei den beiden war.
»Wenn ich irgendetwas tun kann, sag bitte Bescheid. Vielleicht kann ich dich ja mal für eine Schicht im Laden ablösen und …«, bot ich an, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie das gehen sollte. Schließlich hatte ich nicht den leisesten Schimmer, wie ich die nächsten Wochen selbst überstehen sollte.
Hailey griff über dem Tisch nach meiner Hand und hob die Mundwinkel zu einem ehrlichen Lächeln. »Ich danke dir, Mona, aber das kommt nicht infrage. Sorg du dafür, dass eure Schützlinge gut versorgt sind und die Auffangstation erhalten bleibt. Eure Arbeit ist so unfassbar wichtig.«
Ich erwiderte ihr Lächeln zaghaft. Ich konnte noch nie gut mit Komplimenten umgehen, während Tess stets die richtigen Antworten parat hatte. Doch ich kam nicht umhin, zuzugeben, dass es guttat, diese Worte von jemand anderem zu hören – besonders in diesem Augenblick, wo ich mich zusammen mit zwölf Vierbeinern und jeder Menge Weihnachtskitsch allein auf weiter Flur sah.
»Vielleicht gibt es ja noch jemand anderen, der dir die nächsten Wochen unter die Arme greifen kann?«, sprach Hailey ihre Gedanken laut aus und stach die Gabel in einen ihrer Pancakes, die ich ihr vor einer gefühlten Ewigkeit anlässlich ihrer Mittagspause spendiert hatte.
Ich musste immer wieder schmunzeln, mit welcher Hingabe Hailey diese Dinger verdrückte. Sie schien regelrecht süchtig nach ihnen zu sein.
»Ich fürchte, das wird ähnlich schwer, wie eine Aushilfe für deinen Laden zu finden«, antwortete ich und atmete lange aus.
»Ist so ein Job nicht eigentlich sehr beliebt?«
Ich hob eine Augenbraue. »Was genau daran? Das miese Gehalt, das ich ohnehin nicht zahlen kann? Das Wegmachen der Hundehaufen oder das Herummatschen in stinkenden Innereien beim Futterzubereiten?«
