Politik - Friedrich Dürrenmatt - E-Book

Politik E-Book

Friedrich Dürrenmatt

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Beschreibung

»Sätze für Unterdrückte: Sage jedem, was du nicht denkst. Versuche, wenigstens anständig auf den Hund zu kommen. Das Gift im Haus erspart den Henker. Auch mit dem Hut in der Hand kommt man in ein Konzentrationslager. Zeuge keine Kinder.«

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Friedrich Dürrenmatt

Politik

Essays, Gedichte und Reden

Diogenes

Politik

Sätze für Zeitgenossen

1947/48

Daß Dummheit schadet, ist ein eminent politischer Satz.

 

Die Menschheit hat eine Diät nötig und nicht eine Operation.

 

Daß man schon wieder an Kriege denkt, muß doch auch an den Politikern liegen.

 

Nicht jeder verdient die Freiheit, der Geld verdient.

 

Das Peinlichste am jetzigen Weltkonflikt ist, daß er nicht ganz überzeugt.

 

Wer einen Diktator einen Dämon nennt, verehrt ihn heimlich.

 

Es hat viele entmutigt, daß ein Trottel wie Hitler an die Macht kommen konnte, aber auch einige ermutigt.

 

Daß es nicht öfter donnert, ist ein Wunder.

 

Wenn nur alle Frauenzimmer siebzig Jahre nicht gebären wollten, könnte die Natur wieder frisch von vorne anfangen.

 

Ich bin eigentlich nur dann vom Weltuntergang überzeugt, wenn ich Zeitungen lese.

 

Es gibt jetzt nichts Billigeres als den Pessimismus und nicht leicht etwas Fahrlässigeres als den Optimismus.

 

Bei der Menschheit kommt zuerst der Krach und dann der Blitz.

 

Wenn die Atombombe kommt, muß die Ohrfeige eingeführt werden.

 

Nach den Reden der Staatsmänner zu schließen, müssen ihre Zuhörer darüber einschlafen.

 

Das allermerkwürdigste scheint mir, daß viele an einen Gott glauben, den man photographieren kann.

 

In Klubsesseln kann man eben auch morden.

 

Die Kultur ist keine Ausrede.

 

Leider ist die Ausbeutung schon lange nicht mehr das alleinige Vorrecht der Kapitalisten.

 

Ein Sowjeter kommt ebenso schwer ins Paradies wie ein Bankier in den Himmel.

 

Ich finde die Methode, mit der sich die Menschheit umzubringen anschickt, nicht mehr originell.

 

Es ist schon ein großes Kunststück, noch an den dogmatischen Marxismus zu glauben.

 

Daß die Lehre des Christentums die Welt nicht gebessert hat, daran sind die Christen schuld, nicht die Kommunisten.

 

Die Menschen unterscheiden sich darin von den Raubtieren, daß sie vor dem Morden noch beten.

 

Es ist ein großer Jammer, daß die Völker so durchaus Pech mit ihren Führern haben.

 

Daß so wenige rot werden, wenn sie von der Freiheit reden, ist kein gutes Zeichen.

 

Es wird immer schwieriger werden davonzukommen.

 

Von den Idealen redet man so viel, weil sie nichts kosten.

 

Mit den ungeborenen Enkeln pflegt man oft alles zu entschuldigen.

 

Wenn die Russen auch noch das Pulver erfinden, ist der Friede gesichert.

 

Nichts kommt die Menschheit teurer zu stehen als eine billige Freiheit.

 

Oft ist es Pflicht, boshaft zu sein.

 

Von allen Biestern ist der Brutalität am schwersten beizukommen.

 

Daß man sich auch durch den Tod aus dem Staube machen kann, ist manchmal ungerecht.

 

Das Beste an der heutigen Weltlage ist noch, daß die Schriftstellerei wieder anfängt, gefährlich zu werden.

Das Schicksal der Menschen

1950

Das Schicksal der Menschen wird davon abhängen, ob sich die Politik endlich bequemt, das Leben eines jeden heilig zu nehmen, oder ob die Hure weiterhin für jene auf die Straße geht, denen nichts heilig ist. Die Dame muß sich entscheiden. Was die Staatsmänner, auf die es heute ankommt, mit ihr treiben, ist ein Hohn, welcher der Vernunft die Schamröte ins Gesicht treibt und der alle jene in ständige Furcht versetzt, auf die es nie ankommt: Auf die übrigen zwei Milliarden, die diesen Planeten bewohnen. Die sture Ungerechtigkeit der Politik, mit der sie sich über jeden Einzelnen hinwegsetzt, indem sie nach der ewigen Weise der Dummköpfe nur als wirklich ansieht, was eine Abstraktion ist, die Nationen nämlich, denen sie alle jene Beweggründe in die Schuhe schiebt, die der Einzelne nie hat, verhindert endlich, ihr gegenüber immer noch nachsichtig zu sein und mit Engelszungen zu reden. Es gilt jetzt vor allem, von dem nichts zu verstehen und nichts zu begreifen, was sich da abspielt; der Unsinn der heutigen Politik ist allzu deutlich. Die Art, wie man auf beiden Seiten mit einem dritten Weltkrieg spielt, läßt sich, da ein Krieg nicht nur ein wahnwitziges Verbrechen ist, sondern auch eine ebenso große Dummheit, mit nichts mehr entschuldigen. So gibt es denn heute für den Einzelnen zwei Dinge zu tun: Die Kunst zu lernen, mit Riesensauriern umzugehen, deren Hirn von jeher die Größe jenes eines Spatzen hatte und denen gegenüber nie Nachsicht, sondern nur Vorsicht am Platze ist, und zweitens die Wahrheit zu sagen, ja, wenn nötig zu schreien, so lange dies überhaupt noch möglich ist, denn die Gestalt, die es zu warnen gilt, die da vorne, blind und betrunken zugleich, dem Abgrund zutaumelt, in dessen Tiefe wir bald fahle Schinderhütten, bald den immer höher steigenden Pilz der Atombombe ahnen, ist die Menschheit, sind wir selber.

Es hat jedoch keinen Sinn zu protestieren, wenn es nicht deutlich ist, wofür man protestiert. Die Menschheit muß wissen, was möglich ist, was sie von der Allgemeinheit zu erwarten hat und was nur der Einzelne vermag. Sonst wird sie das Unmögliche wollen und Gefahr laufen, an den Sonderinteressen Einzelner zu scheitern oder aus Langeweile Selbstmord zu begehen, indem sie im Krieg entweder ein Universalheilmittel oder ein Abenteuer sieht, von jenen, die in ihm ein Geschäft erblicken, ganz zu schweigen, sie sprechen für sich selbst. Doch ist immer die Chance einer Zeit ebenso groß wie die tödliche Gefahr, in der sie schwebt. Daß heute Wirklichkeit und Möglichkeit wie noch nie auseinanderfallen, ist eine Binsenwahrheit, doch versteht es unsere Zeit wie keine zweite, Binsenwahrheiten zu mißachten. Wie noch nie ist die Möglichkeit da, den Planeten als ganzen zu organisieren und gerechte Lebensbedingungen für alle zu schaffen, eine Aufgabe, die sich um so dringender stellt, als auch der chinesische Bauer und der argentinische Hirte in unser Bewußtsein aufgenommen sind: Wir sind zusammengerückt. Doch dazu ist eine Politik notwendig, die endlich einmal zur Wissenschaft wird und nicht nach den Sternen greift. Was heute eine Sache des Machttriebs ist, soll eine Sache der Vernunft werden. Es geht nicht mehr darum, Machtzentren zu organisieren und sich um Grenzen zu streiten. Die Aufgabe der Politik ist neu abzustecken. Die einen erwarten alles von ihr, die andern nichts mehr. Einige haben eine Metaphysik aus ihr gemacht, andere ein Geschäft, es gilt aus ihr ein Werkzeug zu machen, das den Menschen nicht vergewaltigt und ausbeutet, sondern sichert. Es heißt eine Wirtschaft aufbauen, die ihr Gefälle nicht mehr vom Umstand bezieht, daß der eine Teil der Menschheit im Wohlstand und der überwiegende andere in erbärmlicher Armut lebt. Der Tanz um das Goldene Kalb ist aus dem Repertoire der Menschheit zu streichen, die Musik dazu wird immer unerträglicher, doch wird immer wieder da capo gegeben, und auf anderen Bühnen tanzt man schon um neue Kälber weiter. Die Aufgaben der Politik liegen in der Gegenwart, nicht in der Zukunft, es geht um uns, nicht um die ungeborenen Enkel, in deren Namen die heutigen getötet werden. Die Mißverständnisse sind groß. Die totalen Staaten haben das Mißtrauen in die Organisationen hineingetragen, weil sie den Einzelnen zerstörten, und die Einzelnen haben es in die Freiheit gesät, weil sie die Freiheit mißbrauchten. Es gilt abzuklären, was des Kaisers und was des Einzelnen ist. Nur so kann die Chance der Völker, die sich vermindert, weil die Idee des Vaterlandes, die ihnen die Schwungkraft verlieh, notgedrungen verblaßt, durch die Chance des Einzelnen wettgemacht werden, die sich im gleichen Maße vergrößert.

Dies zu behaupten grenzt an Hohn, denn vor allem ist für den Einzelnen in einer Zeit, in der Geist oft ein Todesurteil bedeutet, die Chance gestiegen, den Kopf zu verlieren. Und dennoch kündet sich, wenn auch noch zögernd, eine ptolemäische Wendung an. Hat der Einzelne bisher versucht, seine Pflicht von einer allgemeinen Weltanschauung abzuleiten, oder wenigstens gehofft, einmal eine solche zu finden, um darum wie die Erde um die Sonne zu kreisen, so wird er nun wieder zur Mitte, notgedrungen, denn nach dem Zusammenbruch der philosophischen Systeme bricht auch jenes der Naturwissenschaft zusammen, ja, immer mehr häufen sich die Anzeichen, daß die Naturwissenschaft überhaupt keine Weltanschauung zu geben vermag. Das Geheimnis der Welt bleibt unangetastet. Es ist heute leichter, an die Auferstehung zu glauben als an das Weltbild des dogmatischen Marxismus, mit dessen Problem nur noch die Gegenwart beschäftigt ist, wie immer weit hinter den Erkenntnissen zurück, und eben dabei, auch in diesem Examen durchzufallen.

So sind wir denn als Einzelne ohnmächtig und mächtig zugleich. Die Geschichte scheint ohne unser Dazutun abzulaufen, und doch haben wir geheimnisvoll Fäden in der Hand. Die Möglichkeit des Glaubens ist ungebrochen, und die Schule der Naturwissenschaft hat unser Urteil geschärft. Wir sind gleichsam mit größeren Voraussetzungen begabt. Die Zukunft der Menschheit liegt im Ungewissen, wir können immer noch den Augenblick festhalten. Der Friede wird hart sein, sei es nun der nach einem sinnlosen Krieg oder jener ohne diesen Umweg, denn Friede bedeutet Alltag, und das Alltägliche, das Gewöhnliche, das Langweilige wird immer mehr zunehmen. Unsere Intensität wird entscheiden, ob sich die Güter dieser Erde in unseren Händen zu Gold oder zu Staub verwandeln. Die Abenteuer der alten Art wird sich die Menschheit immer weniger leisten können, von den Fahrten auf den Mond wird sie enttäuscht heimkehren, es gilt die neuen Abenteuer zu finden, es sind dies jene des Geistes. Die Politik wird im günstigsten Falle sozial gesicherte Räume errichten, sie zu erhellen wird die Sache des Einzelnen sein, sonst wird die Erde zu einem Gefängnis. Eine Organisation muß schematisieren, allein der Einzelne ist imstande, einen Iwan wichtiger als die Sowjetunion zu nehmen und so die wahre Größenordnung wieder herzustellen. Von der Politik haben wir Vernunft, von den Einzelnen Liebe zu fordern. Es ist Sache der Politik, dafür zu sorgen, daß aus der Chance Einzelner die Chance der Einzelnen wird.

›Heller als tausend Sonnen‹

Zu einem Buch von Robert Jungk 1956

Ein Journalist hat es unternommen, der Geschichte der Atomforscher nachzugehen. Es ist ein spannendes Buch entstanden und ein wichtiges. Eine notwendige Information. Es tut gut zu wissen, wie weit der Ast angesägt ist, auf dem wir sitzen. Eine Chronik vom Untergang einer Welt der reinen Vernunft. Robert Jungk verzichtet darauf, den Gegenstand der bedenklichen Forschung näher darzustellen, um die es hier geht, die Verhaltensweisen kleinster Teile von Materie, er zeichnet die Akteure.

Die Story: Der Verdacht, es liege im Bereich des menschlich Möglichen, eine Atombombe zu konstruieren, taucht als eine vorerst mehr absurde Idee mitten in den großen Erfolgen einer neuen Wissenschaft auf, der Kernphysik. Viele halten die Idee für unmöglich, so Einstein, so Rutherford, und Hahn, der Entdecker der Kernspaltung, meint: Das kann doch Gott nicht wollen. Hitler kommt an die Macht, die strohblonde Dummheit der Rassentheorie vernichtet die Internationalität der Wissenschaft, bedeutende Physiker emigrieren, bedeutende bleiben, das Mißtrauen wächst auf beiden Seiten, doch dringt die Möglichkeit der Höllenbombe noch nicht zu den Politikern, und im Sommer 1939 hätten noch zwölf Menschen durch gemeinsame Verabredung deren Bau verhindern können (Heisenberg). Sie taten es nicht. Der ungarische Physiker Szilard veranlaßt im Krieg Einstein, sich an Roosevelt zu wenden, aus der Furcht heraus, Hitler konstruiere eine. So wird die Waffe aus einem Wettrüsten heraus entwickelt, das in Wahrheit nicht stattfindet: die deutschen Physiker lassen die Nazis nicht auf die Idee kommen. Vergeblich versuchen Einstein und Szilard, wie der Krieg gegen Deutschland zu Ende ist und sich keine deutsche Atombombe findet, ihren Vorschlag rückgängig zu machen. Der Schreibtischgeneral Groves hat die Sache schon in die Hand genommen und durchgepeitscht, riesige Fabrikanlagen sind entstanden, die Atomforscher unter Anführung Oppenheimers in die Macht der Militärs geraten, kaserniert und überwacht, zwei Milliarden Dollars sind aufgewendet, und so wird am 16. Juli 1945 ›Trinity‹ zur Explosion gebracht, und im August fallen ›Thin Boy‹ und ›Fat Boy‹ auf ein schon kapitulationsbereites Japan.

Der weitere Verlauf ist noch tragischer. An die Stelle des fingierten Wettrüstens USA­-Deutschland tritt das wirkliche USA­-Sowjetunion, eingeleitet durch den irrsinnigen Versuch, die Atombombe geheimzuhalten, Wissenschaft als ein Staatsgeheimnis zu behandeln, kalter Krieg und Verrat, um endlich, wie beide Mächte die Bombe besitzen, mit dem Bau der Wasserstoff- und der Dreistufenbombe – Waffen ohne Grenzen, ermöglicht durch die Elektronen-Rechenmaschine ›Maniac‹ = ›Wahnsinniger‹, – die Menschheit als solche zu gefährden.

Die Aktualität dieses außerordentlichen Buches liegt jedoch nicht so sehr in der Chronik der Ereignisse, sondern im Umstand, daß gezeigt wird, inwiefern Wissen Macht sein kann und, vor allem, wie aus Wissen Macht wird. Das ungeheuerlichste Machtmittel der Gegenwart beruht auf einem so sublimen Wissen, daß die Frage lautet: Wie war es möglich, daß sich dieses spezielle und durch die Schwierigkeit seines Verstehens an sich geschützte Wissen in Macht umwandeln konnte, daß sich auf der menschlichen Ebene etwas Ähnliches ereignete wie auf der physikalischen, in der sich Materie in Energie verwandelte?

Dieser Prozeß wurde mittels der Zertrümmerung einer internationalen Elite von Wissenschaftern durch die Politik ausgelöst. Der Gedanke, welcher der Atombombe zugrunde liegt, die tiefe Einsicht in die Struktur der Materie, ist ein Gedanke der Menschheit, gleichsam vertreten durch eine kleine Elite von Forschern, und nicht von einer Nation zu pachten. Auch gibt es keine Möglichkeit, Denkbares geheim zu behalten. Jeder Denkprozeß ist wiederholbar. Das Problem der Atomkraft – die Atombombe ist nur ein Sonderfall dieses Problems – kann nur international gelöst werden. Durch Einigkeit der Wissenschaftler. Daß diese Voraussetzung schon durch Hitler zerstört wurde, schuf das Verhängnis. Es zwang die Physiker, ihr Wissen an eine Macht zu verraten, aus dem Reiche der reinen Vernunft in jenes der Realität überzusiedeln.

Ein Trost kann gewagt werden. Wenn wir die Atombombe überstehen, werden wir die Atomkraft einmal nötig haben. Auch die Elektrizität wurde zu einer Zeit entdeckt, als sie noch nicht ›nötig‹ war. Was wir Technik nennen, ist etwas biologisch Notwendiges, doch muß der Mensch, der Einzelmensch, logischerweise, seine Erfindungen und Entdeckungen oft vor ihrer allgemeinen Notwendigkeit machen. Ein Teil der Technik ist immer vorweggenommene Zukunft. Was biologisch einmal notwendig sein wird, um das Leben der Menschheit zu ermöglichen, erscheint jetzt noch als Störfaktor, als eine Bedrohung des Lebens, aber gerade dadurch als Zeichen, daß die Politik und ihr letztes Mittel, der Krieg, nicht mehr stimmen, daß das menschliche Zusammenleben neu überdacht werden muß, die Organisation dieser Welt.

Das Prinzip, das der Wasserstoffbombe zugrunde liegt, entdeckte Houtermans, indem er über Vorgänge in der Sonne nachdachte. Das Pech Houtermans’ besteht darin, in einer Welt zu leben, in der eine gewisse Art von Denken offenbar gefährlich ist, wie das Rauchen in einer Pulverfabrik. Nun ist es unmöglich, die Pflicht, ein Dummkopf zu bleiben, als ethisches Prinzip aufzustellen. Die Frage lautet, wie sich die Physiker in der heutigen Welt verhalten müssen, und nicht nur die Physiker – Denken kann vielleicht überhaupt in Zukunft immer gefährlicher werden. Die Elite, von der Jungk berichtet, wäre dann nur ein Vorposten. Sie hatte insofern Erfolg, als sich ihre Berechnungen durch die Atombombe bestätigten, doch ihr Erfolg war ihr Versagen, denn sie konnte die Atombombe nur bauen, indem sie sich den Politikern und Militärs auslieferte. Ihr Fehler war es, daß sie nie als Einheit handelte, daß sie im Grunde die einmalige Stellung nie begriff, in der sie sich befand, daß sie sich weigerte, Entscheidungen zu fällen. Das Wissen fürchtete sich vor der Macht und lieferte sich deshalb den Mächten aus. Aus dieser Schwäche heraus hoffte diese Elite, daß die Politik der Atombombe gewachsen sein werde, daß die Politik realisiere, was sie selber nicht vermochte. Doch war die Welt auf alles, nur nicht auf die Atombombe vorbereitet. Diese Waffe stellte nicht nur neue Aufgaben, die noch niemand vorher überdacht hatte, sondern auch Vorbedingungen, die nicht nur nicht erfüllt, sondern auch nie geplant waren. Alle Resolutionen der Wissenschafter – auch der Frank-Report – kamen zu spät, oder besser gesagt: richteten sich an eine Menschheit, die gar nicht in der Lage war, diese Forderungen zu realisieren: es sind Forderungen an eine imaginäre Welt, Forderungen, nicht zu sündigen nach dem Sündenfall. Über die Atomkraft verfügen nun die, die sie nicht begreifen. Es ist daher nicht zu bestreiten, daß die Elite versagte. Der Ausspruch des Mathematikers Hilbert, den Jungk überliefert, daß die Physik für die Physiker zu schwer sei, bestätigte sich auf eine gespenstische Weise. Wie dieses Versagen bei den Hauptakteuren zutage tritt, zeigt Jungk erschütternd: der Abwurf der Bomben auf Japan, ja auch der Bau der Wasserstoffbombe hätten vermieden werden können. Im Grunde wußte niemand, was er tun sollte. Was ›technisch süß‹ war, verführte die meisten, und oft war es einfach nicht möglich, schuldlos zu bleiben. Daß alles menschlich verständlich ist, macht die Geschichte teuflisch. So entsteht schließlich der Eindruck, daß all diese apokalyptischen Bomben nicht erfunden wurden, sondern sich selber erfunden haben, um sich, unabhängig vom Willen Einzelner, vermittels der Materie Mensch zu verwirklichen.

Sätze für Unterdrückte

1956 [ca. 1950–52]

Sage jedem, was du nicht denkst.

 

Versuche, wenigstens anständig auf den Hund zu kommen.

 

Das Gift im Haus erspart den Henker.

 

Auch mit dem Hute in der Hand kommt man in ein Konzentrationslager.

 

Zeuge keine Kinder.

 

Wer viel vergewaltigt, muß viel schlafen.

Die verhinderte Rede von Kiew

1964

Meine Damen, meine Herren,

Ich spreche nicht als Vertreter der Schweiz. Die Schweizer sind ernste Leute, und ich schreibe Komödien. Ich rede zu Ihnen als Vertreter der bürgerlichen Dekadenz. Meine Damen und Herren, es geht hier überaus würdig zu. Die Reden sind feierlich, und Sie werden es vielleicht verstehen, wenn ich mich als Komödienschreiber etwas fehl am Platze fühle. Doch inzwischen habe ich mir etwas Mut gemacht. Ich erinnere mich, daß vor mehr als zweitausend Jahren in Athen auch ein Symposion stattfand, und zwar über die Liebe, bei dem der Komödienschreiber Aristophanes aufgefordert wurde, das Wort zu ergreifen. Kein Geringerer als der weise Sokrates forderte Aristophanes auf, und der große Komödiant erzählte bei dieser Gelegenheit dann auch eine der ersten surrealistischen Geschichten, die wir kennen, ob zur Freude des Athenischen Schriftstellervereins oder nicht, wissen wir nicht. Meine Damen und Herren, meine Lage hat ebenfalls etwas Surrealistisches. Ich muß in einer Sprache, die vor Ihnen zu sprechen ich unwillkürlich etwas Hemmungen habe, über einen Dichter reden, dessen Werk ich nicht kenne, weil ich seine Sprache nicht verstehe. Und so kann ich mich denn nicht an das Werk Schewtschenkos halten, sondern nur an seine Persönlichkeit. Man nennt ihn ein Genie. Nun, mit einem Genie ist eigentlich nichts anzufangen. Ein Genie ist in den literarischen Himmel entrückt. Genie ist für mich – entschuldigen Sie – ein bürgerlich unexakter Begriff. Man staunt davor und denkt nicht mehr nach. Nein, Schewtschenko ist für mich mehr: ein ganz bestimmter Mensch, ein ganz bestimmtes Schicksal, ein Individuum mit einer Biographie, ein Einzelwesen, das durch keine Gewalt, durch keine Organisation und durch keinen Staat zu unterdrükken war, ein Mann, der litt, liebte, weinte und lachte, ein Mann, den Ihr liebt, weil er Euch nicht fremd, sondern weil er einer von Euch ist, und den ich nur lieben kann, weil Ihr ihn liebt, denn Eure Liebe zu ihm überzeugt mich. Sein Werk kann ich nur ahnen. Begehen wir nicht den Fehler, aus Schewtschenko oder aus Shakespeare – den wir ja dieses Jahr auch feiern – Götter zu machen? Machen wir aus ihnen Menschen – auch in der Literatur darf es keinen Personenkult geben. Schewtschenko ist nicht der größte Dichter, aus dem einfachen Grund, weil der Begriff eines größten Dichters zum literarischen Küchenlatein gehört. Er ist ein wahrer Dichter. Feiern wir denn Schewtschenko richtig. Ziehen wir aus ihm nicht falsche literarische Axiome, mit denen sich ja immer am bequemsten hinrichten läßt. Er war etwas Lebendiges, nicht eine Theorie. Wen man liebt, den soll man nicht verallgemeinern, sonst mordet man ihn. Schewtschenko ist einer der populärsten Dichter, populär wie etwa La Fontaine für die Franzosen. Nun ist populär zu sein kein literarisches Programm. Ich kann mich nicht hinsetzen und mir vornehmen: Mensch, werde populär. Schlager schließlich sind auch populär und noch lange keine Kunst. Nein, Schewtschenko ist kein Kunstprogramm, sondern ein Naturphänomen. Den Dnjepr kann man nicht nachmachen. Solche Dichter sind einmalig. Sie mahnen uns, sie mahnen vor allem den Kritiker. Auch Schewtschenko wurde in seiner Zeit nicht nur geliebt. Der herrschenden Klasse war er ein Ärgernis, ein negativer Dichter. Die Zeit hat ihn gerechtfertigt. Aber als Dichter gehört er zu allen Dichtern, ist er einer der ihren, sitzt er an einer Tafel mit Homer und Kafka, und als Dichter wird er auch einmal Beckett und Ionesco die Hand drücken. Nun erzähle ich doch eine surrealistische Geschichte. Die Literatur ist nicht für die Literatur da, sie ist in ihrer Gesamtheit das Gewissen der Menschheit, eine ihrer Dokumentationen. Die einzelnen Stimmen mögen manchmal irren, oft ungerecht sein, was tut’s? Es sind menschliche Stimmen, wir haben sie zu akzeptieren, dem Ganzen zuliebe. Die Menschheit spiegelt sich in der Literatur, muß sich in ihr spiegeln, um nicht zu erblinden. Wagen wir den Blick in diesen Spiegel. Verstellen wir ihn nicht. Allzuleicht verzerrt er sich, pfuschen fremde Hände an ihm herum. Seien wir vor allem als Kritiker Wissenschaftler. Schreiben wir der Kunst nichts vor, sondern spüren wir ihr nach. Die sogenannten Quasi-Sterne, diese unvorstellbar fernen, riesenhaften Explosionen, die russische und amerikanische Astronomen jüngst entdeckten, mögen für unsere physikalischen Systeme unbequem sein, sie sind nun einmal da. Große Tote feiert man nicht ungeschoren, sie sind keine Monumente, sie nehmen einen beim Wort. Meine Damen und Herren, es gilt den lebendigen Schewtschenko zu feiern, ihn nicht nur zu lieben, sondern auch seine Härte und seine Wildheit zu spüren, denn nur so, als ein Unbequemer, ist er ein Hüter seines Volkes, seines Staates und kein totes Denkmal.

Israels Lebensrecht

1967

Es gibt den jüdischen Staat, weil es Hitler gab. Der Grund dieses Staates liegt in Auschwitz, in den Vernichtungslagern, doch liegt er nicht nur in unserer Zeit, er liegt in den Judenmetzeleien, in den Pogromen und Schikanen der Vergangenheit, er liegt im Christentum, das im Juden den Christusmörder sah, er liegt im Ressentiment, im Rassendünkel und im Fremdenhaß aller Zeiten, er liegt aber auch bei den Gleichgültigen, den Allzuvorsichtigen, den Neutralen, er liegt bei uns, die wir statt eines Herzens einen Rothmund besaßen, kurz, der Grund liegt in den Demütigungen, Verfolgungen und Leiden, die den Juden immer wieder zum Juden stempelten und formten.

Der jüdische Staat ist aus einem Naturrecht heraus geboren, aus einem Recht der Geächteten auf eine Heimat, die ihnen die Freiheit wiedergibt und ihre Ächtung auslöscht, auf eine Heimat, die – da die Juden überall, wo sie sich niederließen, gezeichnet waren – nur die Urheimat sein konnte: Israel. Aus solchem Recht entstanden, braucht der jüdische Staat keine andere Begründung seiner Existenz, seinen Grund bildet nicht irgendeine Machtkonstellation, seine Existenz ist mit einem Axiom der Menschlichkeit hinreichend begründet.

Doch konnte die Geburt eines Staates aus dem Naturrecht heraus nicht in einem leeren Raume geschehen, sie war nicht möglich, ohne selber ein Naturrecht zu verletzen. Naturrecht steht gegen Naturrecht. Israel wurde in einer Umwelt gegründet, die sich selber neu gründete und zu einer neuen Einheit strebte, die den neuerstandenen jüdischen Staat als einen Fremdkörper empfand. Um diese Erkenntnis kommen wir nicht herum, wollen wir nicht die Wahrheit unterdrücken, eine Wahrheit, die um so schmerzlicher ist, weil die Notwendigkeit, Israel inmitten der arabischen Welt zu errichten, durch unser Versagen entstand und nicht durch jenes der Araber, hat sich doch dieses Volk in seiner Geschichte den Juden gegenüber weitaus toleranter verhalten als die Christenheit. Nun müssen wir mit schlechtem Gewissen von ihm verlangen, was uns das Gewissen vorschreibt, ja was wir in anderer Hinsicht noch nicht getan haben, denn noch sind die Grenzen Polens nicht anerkannt, auch sie erstanden aus einem Naturrecht heraus, als Resultat des Versuches, Polen auszurotten.

Doch beschämt uns diese Wahrheit nicht nur, sie könnte uns auch weiterhelfen. Wo beide im Recht sind, wo ein neues Recht gegen ein altes steht, vermöchten allein die praktische Vernunft und die Zeit eine solche Wunde zu heilen. Doch die Unordnung unseres Planeten ließ den Frieden nicht zu. Die Großmächte setzten im Kampf ums tägliche Öl die Araber und die Israeli als Figuren ins Schachspiel der Weltpolitik, man handelte an beiden bedenklich und trieb beide in ein Wettrüsten. Auch unser Land machte mit im großen Geschäft. Wie die Vereinigten Staaten in Vietnam in einen Krieg hineinschlitterten, von dem sie jetzt aus Prestigegründen nicht mehr abzulassen wissen, so engagierte sich die Sowjetunion immer unvorsichtiger bei den arabischen Völkern.