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Kommissar Gerd Pocher wird im Austauschdienst nach Agde in Südfrankreich versetzt. Ein Traum, denn er liebt dieses Land sowieso. Und dann lernt er die Schleusenwärterin Michelle kennen, eine bildhübsche Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Die Gefühle scheinen auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Was hat sie mit dem Toten zu tun, der angeschwemmt wird? Schnell wird klar: Sie hatten eine Affäre. Man könnte meinen, das Wasser steht ihr bis zum Hals. Aber erst mal lässt man das Wasser der Schleusenkammer ab. Spurensuche ...
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 4
1. 5
2. 11
3. 13
4. 14
5. 17
6. 23
7. 26
8. 27
9. 32
10. 35
11. 40
12. 44
13. 47
14. 52
15. 55
16. 59
17. 62
18. 63
19. 65
20. 72
21. 74
22. 77
23. 79
24. 80
25. 83
26. 84
27. 85
28. 90
29. 91
30. 94
31. 106
32. 112
33. 115
34. 119
35. 123
36. 124
37. 125
38. 130
39. 133
40. 135
41. 138
42. 140
43. 142
44. 144
45. 146
46. 153
47. 156
48. 166
49. 170
50. 174
51. 176
52. 177
53. 178
54. 183
55. 187
56. 189
57. 192
58. 197
59. 198
60. 200
61. 201
62. 206
63. 207
64. 208
65. 210
66. 213
67. 218
68. 219
69. 221
70. 223
71. 225
72. 231
73. 233
74. 235
Impressum
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-210-9
ISBN e-book: 978-3-99131-211-6
Lektorat: Volker Wieckhorst
Umschlagfoto: Elko Laubeck
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1.
„Mensch, Pocher, Sie können doch leidlich Französisch“, platzte Schmidt in das Büro des Kriminalhauptkommissars. „Da hätte ich eine ganz spezielle Aufgabe für Sie.“ Gerd Pocher drehte sich nichts Gutes ahnend um und blickte seinen Vorgesetzten etwas verdutzt an. Er antwortete erst einmal ganz bescheiden, „Na ja, es geht so. Es reicht, um beim Schlachter fünf Scheiben Schinken zu bestellen,cinq tranches de jambon.“
Was ihn aber verblüffte und etwas verunsicherte, war, dass es Schmidt war, der sich nun ihm gegenüber vor seinem Schreibtisch aufbaute. Er war nicht sein unmittelbarer Vorgesetzter, sondern saß noch eine Etage darüber, er war die rechte Hand des Polizeidirektors, der für Personalangelegenheiten zuständig war und in engem Kontakt stand mit dem Innenministerium.
„Also“, holte Schmidt aus, „wir nehmen da an einem Austauschprogramm teil. Wir bekommen Verstärkung von einem französischen Kollegen. Dafür sollen wir einen Mitarbeiter nach Frankreich entsenden. Das ist die Chance, Pocher.“
War es eine Überlegung, um Pocher aus dem Bereich der Kölner Polizeidirektion loszuwerden, oder waren es Lob und Auszeichnung? Pocher musste einen Augenblick überlegen. Ihm ging es durch den Kopf, dass er vor zwei Jahren unter großem Erfolgsdruck bei zwei Mordfällen nicht den richtigen Riecher gehabt hatte, um den Mördern auf die Spur zu kommen, und wochenlang den falschen Mann im Verdacht gehabt hatte. Er hatte um Versetzung in ein anderes Dezernat gebeten. Es hatte wohl auch mit den Kollegen, vor allem mit einem, zusammengehangen und mit seiner privaten Lebenssituation. Er hatte sich beruflich nicht mehr gut im Kollegenkreis aufgehoben gefühlt, nach zwei ungeklärten Mordfällen, und privat auch nicht mehr in seiner Familie. Seine Frau und er hatten sich auseinandergelebt. Da war einfach nichts mehr gelaufen. Sie hatten sich nur noch wegen jeder Kleinigkeit in die Haare gekriegt, und die Kinder waren ja fast erwachsen.
Er war vor drei Jahren zu Hause ausgezogen und ein Jahr später in die Drogenabteilung gewechselt und hatte dort immerhin an einem größeren Polizeierfolg mitgewirkt, sodass er wieder Vertrauen in seine kriminalistischen Qualifikationen gewonnen hatte. Seine Ermittlungen hatten am Ende sogar zur Sprengung eines größeren internationalen Dealer-Rings beigetragen. Es hatte eine Razzia auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Rhein gegeben, die ziemlich großes Aufsehen erregt hatte, nicht nur, weil rund 100 Fahrgäste an Bord der MS Aroma festgehalten worden waren, sondern auch, weil in einer Kabine tatsächlich 25 Kilogramm reines Kokain sichergestellt werden konnten. Der Prozess war gerade abgeschlossen worden. Pocher hatte als Zeuge vor der Großen Strafkammer des Landgerichts ausgesagt. Insgesamt konnten 15 Personen ermittelt werden, die damit in Zusammenhang gestanden hatten, Hauptdrahtzieher und Weiterverkäufer zwischen Rotterdam und Basel. Die Beweislast hatte ausgereicht, um das Gericht von der Schuld zu überzeugen. Am Ende hatte es Haftstrafen zwischen 3 und 8 Jahren für alle gegeben, bis auf zwei Minderjährige, die noch mal mit Arbeitsstunden davongekommen waren.
„Ich gebe ja zu, dass ich gerne Urlaub in Frankreich mache, aber meine Französischkenntnisse reichen doch nicht, um da zu arbeiten, und dann in einer doch recht verantwortungsvollen und hoheitlichen Position“, stellte Pocher seine tatsächlichen Sprachkenntnisse unter den Scheffel.
„Das Austauschprogramm läuft ja bundesweit. Da kommen französische Beamte aus allen Regionen für zunächst drei Monate nach Deutschland. Es geht um Einblicke in die tägliche Arbeit, Erfahrungsaustausch und so. Für unsere Direktion wurde unter anderem ein Beamter aus Montpellier avisiert. Der fehlt dann natürlich in seinem Gebiet. Und den sollen Sie für die Zeit vertreten.“
„Montpellier?“
„Es können ja nicht alle nach Paris gehen.“
„Klar“, stimmte Pocher zu.
„Mensch Pocher, das ist, glaube ich, am Mittelmeer. Sie arbeiten quasi da, wo andere Urlaub machen.“
„Das tue ich doch auch hier in Köln“, lästerte Pocher.
„Hier in Köln?“
„Beim Städtetourismus ist Köln doch eine der beliebtesten Destinationen der Welt. Alle wollen den Dom sehen …“
Irgendwie beeindruckte Schmidt Pochers Schlagfertigkeit, und er ergänzte: „… und am Abend bei Früh ein Kölsch trinken.“
„Fünf bis zehn Kölsch“, korrigierte Pocher.
„Also, überlegen Sie es sich.“ Schmidt schritt um den Schreibtisch herum und klopfte Pocher auf die Schulter. „Außerdem weiß ich von Ihnen, dass Sie überzeugter Europäer sind, und das Austauschprogramm dient nicht zuletzt dazu, das Verständnis über die Grenzen hinweg zu verbessern“, verfiel er in einen ansatzweise hörbaren regionalen Akzent, „den europäischen Jedanken mit praktischem Leben zu erfüllen, jenau wie Sie jesacht haben, sogar in verantwortungsvoller und hoheitlicher Position.“
Da hatte Schmidt allerdings sein Herz getroffen, die Grundfesten all seiner politischen Einstellungen. In der Tat fühlte sich Pocher als Europäer, und seit seiner Jugend war er von dem Gedanken eines grenzenlosen Miteinanders fasziniert, obschon er gerade in der Drogenabteilung die Erfahrung gemacht hatte, dass Kriminelle die Grenzöffnung und Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union schamlos ausnutzten, davon profitierten, und die Polizeiarbeit durch nationale Zuständigkeiten eher behindert wurde. Mithin wäre genau eine intensivere, grenzüberschreitende Zusammenarbeit der nationalen Sicherheitskräfte die Antwort darauf gewesen, zusätzlich zu Frontex, Interpol oder Europol.
„D’accord“,sagte Pocher zustimmend nickend, „ich werde es mir überlegen.“
Schmidt hatte ein freundliches Lächeln aufgelegt. „Jut, kommen Sie morgen um neun Uhr in mein Büro. Da besprechen wir alles Weitere.“
Pocher wendete sich wieder seiner Arbeit zu, Routineangelegenheiten, Verfassen von Vernehmungsprotokollen, die Zuordnung aussagefähiger Fotos und eines Ausschnitts der Videosequenz einer Überwachungskamera an der U-Bahn-Station Neumarkt, auf der zu erkennen war, wie ein 17 Jahre alter Junge, er war inzwischen als Jürgen Pullheim identifiziert und vernommen worden, einem etwa 30 Jahre alten Mann Geldscheine in die Hand drückte und danach einen Beutel entgegennahm und in die Tasche steckte. Wie doof kann man nur sein, dachte Pocher, einen Drogendeal an einem Ort zu vollziehen, der bekanntermaßen von Kameras überwacht wird. Wie sich später herausgestellt hatte, waren in dem Beutel tausend Ecstasy-Pillen gewesen. Sie hatten den Jungen geschnappt, suchten aber immer noch nach dem vermeintlichen Verkäufer.
In Gedanken war Pocher mit einem Mal woanders. Er stellte sich vor, seinen Job an der südfranzösischen Küste auszuüben, befristet zwar, aber das hatte schon etwas Verlockendes! Ein solcher Tapetenwechsel würde ihm vielleicht guttun, ihn nach vorne bringen, ihm neue Lebensimpulse geben, er fühlte sich in einer emotionalen Sackgasse. Er machte mehr oder weniger Dienst nach Vorschrift, gab zwar sein Bestes, um Licht ins Dunkel der Kölner Unterwelt zu bringen, aber nach Feierabend zog er sich mehr und mehr zurück, vernachlässigte den Kontakt zu seiner Familie, den es trotz räumlicher Trennung immer noch gab. Er war zum Einzelgänger geworden, widmete sich seiner Musik, um nicht gänzlich zu veröden in seiner Isolation, suchte nach Auswegen aus der gefühlten Einsamkeit, obschon es immerhin noch Kontakte und Begegnungen gab mit seiner Familie und den Geschwistern und Eltern von Barbara. Seine eigene Lieblingsschwester, zu der er ein sehr vertrautes Verhältnis hatte, lebte in Neuseeland und hatte gerade selbst arge Probleme damit, dass ihr Mann einen heftigen Schlaganfall erlitten hatte. Und seine Kollegen wollte er nicht damit behelligen, dass er unter einem gewissen Leidensdruck stand, denn seit der Trennung von Barbara war er so gut wie nicht mehr mit dem anderen Geschlecht zu einer zufriedenstellenden Berührung gekommen.
Es hatte zwischenzeitlich nur eine Fast-Affäre gegeben, ausgerechnet mit einer Kollegin, aber kurz bevor er dazu bereit gewesen war, ihr ernsthafte Avancen zu machen, hatte sie sich versetzen lassen, ausgerechnet nach Düsseldorf!
Er war später in seiner kleinen Wohnung in Mülheim, in einem ziemlich heruntergewirtschafteten und unscheinbaren Mehrfamilienhaus auf der anderen Rheinseite. Die Mehrheit der Mieter, schätzte er, waren türkische Familien. Er ging im Wohnraum auf und ab und rief Barbara an, seine Noch-Frau. Nach mehrmaligem Tuten nahm jemand am anderen Ende der Leitung den Hörer ab. „Hallo?“, vernahm er die Stimme seiner Tochter.
„Hier ist der Papa. Ist die Mama da?“
Er hörte seine Tochter rufen: „Mama! Papa ist am Telefon!“ Außerdem vernahm er übliches Geschirrklappern, Musik und das Gerede seines Sohnes im Hintergrund. Es hörte sich an, als wenn noch mehr Leute im Haus wären. Dann gab es ein kratzendes Geräusch.
„Schön, dass du anrufst“, sagte Barbara, „hast du vergessen, dass du versprochen hattest, Jens vom Training abzuholen? Wer hat ihn wohl abgeholt? Ich natürlich. Außerdem hast du gesagt, dass du am Wochenende die Steuererklärung fertig machen wolltest. Und wo bist du geblieben? Ich sitze auf dem ganzen Scheißkram und warte vergeblich, dass du ein Lebenszeichen von dir gibst. Die Kinder brauchen dich, Mensch, die schlagen hier völlig über die Stränge. Jens weigert sich, seine Hausaufgaben für die Schule zu machen, Jasmin sitzt seit dem Abitur hier herum und weiß nicht, was sie nun anfangen soll. Du kriegst ja gar nichts mehr mit. Weißt du überhaupt, dass sie ein Bewerbungsgespräch beim Stadtanzeiger einfach hat platzen lassen? Und Jonas war neulich hier. Da habe ich ihn gebeten, ein paar Dinge einzukaufen. Nö, war die Antwort. Jonas hat ja eine Bude in Tübingen, aber ich habe ihn schon zurechtgestutzt, dass er hier auch im Sinne der Gemeinschaft Dinge zu erledigen hat, wenn er in Köln ist. Und wer räumt die Spülmaschine ein, wenn wir gegessen haben? Was meinst du? Alles bleibt an mir hängen. Und du verpisst dich einfach in deine Arbeit. Ich hasse dich! Vor zwei Wochen hattest du versprochen, dich um die kaputte Regenrinne zu kümmern. Was ist passiert? Nichts!“
„Ich hatte einen Sondereinsatz“, versuchte Pocher, dazwischenzukommen.
„Deine Sondereinsätze kannst du dir in die Haare schmieren. Wenn du dich nicht mehr um deine Kinder kümmerst, dann sind die weg vom Fenster. Jasmin ist einfach noch zu unentschlossen und weiß nicht, ob sie nicht doch lieber studieren möchte. Aber Jens ist am schlimmsten. Der hat alle Chancen und nutzt sie nicht. Statt Schularbeiten zu machen und sich aufs Abitur vorzubereiten, ist der nur noch am Chatten und Chillen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe Jens gesagt, er soll zu dir ziehen. Darauf hat er mich nur angegrinst und gesagt, okay, dann ziehe ich zu Papa. Willst du das? Willst du, dass aus Jens ein Versager wird, ein Totalverweigerer?“
„Nein“, wendete Pocher ein. „Natürlich nicht.“
„Wo bleibst du denn, um aus den Kindern fröhliche, erfolgreiche Menschen zu machen? Immer wieder muss ich erleben, dass deine Versprechen nicht eingehalten werden, dass du mit Jens Hausaufgaben machen willst, dass du mich unterstützt bei der Bewältigung des Alltagskrams und bei der Erziehung der Kinder. Das sind doch auch deine Kinder! Kannst du Jens nicht mal sagen, dass er jetzt seine Hausaufgaben erledigen soll?“
„Gib mir Jens ans Telefon“, sagte Pocher, obgleich er eigentlich etwas anderes mitteilen wollte. Nach einer Weile sprach er seinem Sohn ordentlich ins Gewissen, er versuchte es wenigstens. Und er bekam ihn in der Tat dazu, seine Freunde nach Hause zu schicken, der Sohn versprach, danach sich noch auf die Englischarbeit am nächsten Tag vorzubereiten. „Du weißt, wenn du nicht machst, was ich sage, schicke ich die Polizei“, fügte er noch scherzhaft an. „Gibst du mir noch einmal die Mama?“
Dann griff Barbara nach dem Telefonhörer: „Ja!“
„Ich bin versetzt worden“, fügte Pocher nach einer Kunstpause hinzu, und es gelang ihm nicht, es ganz sachlich auszudrücken, sondern er schlug unbewusst einen Neid weckenden Ton an. „Nach Südfrankreich!“
„Was? Du verpisst dich auch noch aus Köln? Wie soll ich das verstehen? Gut, Jens‘ Freunde sind gerade weg, und vielleicht macht er noch eine halbe Stunde Englisch. Du wirst hier gebraucht, verstehst du? Und jetzt sagst du mir, dass du nach Südfrankreich gehst.“
„Es ist eine Dienstreise, Anweisung von oben“, sagte Pocher.
„Geh doch dahin, wo der Pfeffer wächst!“
Er konnte durch den Telefonhörer spüren, dass seine Noch-Frau den Tränen nahe war, vor Wut und Verzweiflung.
„Verpiss dich doch, du Arschloch!“, sagte sie und legte den Hörer auf. Er hatte noch ein Kitzeln im Ohr, das er immer bekam, wenn er lange mit seiner Noch-Frau telefoniert hatte.
2.
Am nächsten Morgen klopfte Gerd Pocher pünktlich um neun Uhr an der Bürotür von Polizeioberrat Schmidt. „Ich mache das“, sagte er.
„Jut“, sagte Schmidt, „sehr gut.“ Er deutete Pocher an, Platz zu nehmen. „Sie helfen uns gewissermaßen aus der Verlegenheit. Wir hatten schon lange einen Kollegen für den Austausch vorgesehen. Aber der ist kurzfristig abgesprungen, gesundheitsbedingt.“ Schmidt beugte sich vor und ergänzte leise und ernsthaft. „Angeschossen.“
„O, tut mir leid, ist es ernsthaft? Wen hat es getroffen?“, fragte Pocher nach.
„Er wird durchkommen, Kriminalhauptkommissar Klaus-Peter Gimnich.“
Während Pocher etwas erschrocken und betroffen dreinschaute, Gimnich war nämlich der wesentliche Grund gewesen, um seinerzeit in die Drogenabteilung zu wechseln, kehrte Schmidt zum eigentlichen Thema zurück.
In fünf Wochen, Ende Juli, sollte es nämlich schon losgehen. „Wir werden die Kollegen in Montpellier informieren. Pocher, Sie machen diese Woche normal Dienst und Übergabe, die letzten Berichte und so weiter. Ab kommender Woche sind Sie freigestellt. Wir haben einen Crashkursus in Französisch für Sie gebucht und am 31. Juli einen Flug nach Montpellier. Dort wenden Sie sich bitte an eine Frau Lapin bei der Polizei Judizi-ähm …“
„D’accord“,sagte Pocher. „Police judiciaire, auf Deutsch: Kriminalpolizei.“
„Sie können ja doch mehr Französisch als fünf Scheiben Schinken“, lachte Schmidt. In Pochers Personalakte war freilich vermerkt gewesen, dass er während seines am Ende abgebrochenen Jurastudiums zwei Semester in Frankreich gewesen war.
Es war purer Zufall gewesen, dass Pocher im Treppenhaus in dem heruntergekommenen Mietshaus in Mülheim jenem Mann begegnet war, den er als den Ecstasy-Verkäufer vom Neumarkt identifizieren konnte. Er hatte unverzüglich seine Dienstwaffe gezückt, den offensichtlich überraschten Mann festgenommen und über Funk Verstärkung angefordert. Der Mann hatte offenbar in seiner Wohnung ein Labor zur Herstellung synthetischer Drogen betrieben. Für Pocher war der Fall abgeschlossen, und er hatte auch die Kollegen darüber informiert, dass er dafür jetzt nicht mehr zuständig sei.
Eine Woche später drückte er in Hürth die Schulbank, paukte Fachvokabular wie Mord und Totschlag, Struktur der Nationalpolizei, juristische Terminologie, was für ihn aber nur wie eine Wiedererinnerung an seine Zeit an der Uni von Nizza war, Verhörmethoden und aktuelle Politik. Zur Abwechslung gab es zwischendurch französischsprachige Krimikomödien zu sehen, unter anderem einen Filmklassiker mit Louis de Funès als Gendarm von Saint-Tropez.
Seine Noch-Frau hatte sich inzwischen offenbar damit abgefunden, dass er für drei Monate ins Ausland gehen würde. Die Kinder waren wieder etwas besser drauf. Inzwischen hatten auch für Jens die Sommerferien begonnen. Er wollte zusammen mit seiner Mutter und einem ihrer Arbeitskollegen an die Nordseeküste. Er dürfe auch einen Freund mitnehmen. „Wir haben in Büsum ein Appartement gebucht“, sagte Jens, als die Kinder an einem Wochenende bei ihm zu Besuch und sie zum Döner im Nachbarhaus gegangen waren. „Nächsten Samstag, glaube ich, geht es schon los. Und danach habe ich noch eine Woche Trainingslager im Sauerland.“
Jasmin und Jonas wussten noch nicht so genau, was sie mit den Sommerferien anfangen sollten. Nach Büsum wollten sie jedenfalls nicht. Pocher bot Jasmin an, dass sie so lange sein Auto, einen silberfarbenen Toyota, haben könnte. Sie müsse ihn dafür aber am Montag zum Flughafen bringen, zum Flughafen nach Hahn, ergänzte er. Offenbar hatte es von Köln aus keine passende Verbindung gegeben. Die Polizeidirektion hatte die Entfernung zu dem Flughafen im Hunsrück für zumutbar gehalten, und von dort gab es freitags und montags Direktflüge nach Montpellier, die zudem preisgünstig waren.
3.
Pocher ließ sich entspannt in den Sessel sinken, als die entsprechenden Zeichen zur Anschnallpflicht mit einem Signalton erloschen. Wenigstens versuchte er, sich zu entspannen. Der Kriminalhauptkommissar schwebte hoch über Europa einem neuen Aufgabengebiet entgegen. Er hatte keine Ahnung, was ihn dort erwartete. Es war schon einige Jahre her, dass er zuletzt in Frankreich gewesen war. Barbara, die Kinder und er hatten sich ein Wohnmobil gemietet und waren drei Wochen lang durch die Provence gefahren und an der Côte d’Azur entlang. Sie waren in Grasse gewesen, in Nizza, Cannes, Saint-Tropez und Sanary-sur-Mer.
In den vergangenen Jahren war er aber nicht mehr dazu gekommen zu verreisen. Seit er sich von seiner Frau getrennt und eine eigene Wohnung auf der anderen Rheinseite gemietet hatte, herrschte chronischer Geldmangel. Er hatte es sich einfach nicht mehr leisten können, innerhalb von zwei oder drei Wochen ein paar tausend Euro zu verjubeln. Außerdem unterstützten sie ihre anspruchsvollen Kinder finanziell, um ihnen einen angenehmen Start ins eigene Berufsleben, also unter anderem ein Studium, zu ermöglichen. Dazu waren die Kinder in einem Alter, in dem sie ohnedies nicht mehr mit den Eltern Urlaub machen wollten. Deshalb wunderte es ihn allerdings, dass Jens dann doch noch mal mit Barbara an die Nordsee gefahren war. Eine Notlösung vielleicht, dachte er, nach dem Motto: besser Nordseeurlaub als Köln wie immer.
Pocher ließ sich einen Kaffee einschenken, für den die Stewardess gleich 4,80 Euro abkassierte, und stellte den Becher auf das Ablagebrett. Er schaute aus dem Fenster. Mittlerweile mussten sie schon über Frankreich sein. Er versuchte, sich zu orientieren anhand der Flüsse und Autobahnen, die er ausmachen konnte. Die Wolkendecke war inzwischen aufgerissen, und Richtung Süden war leidlich klare Sicht.
4.
Es war einer der heißesten Tage des Sommers. Renée Lebrun hatte sich in einem dünnen Shirt mit Spaghettiträgern ins Büro gewagt. Monteure mit nackten Oberkörpern, die durch die Räume schlichen, starrten unverhohlen auf ihren roten, spitzenverzierten BH, der unter dem Spaghettiträger-Shirt kaum verborgen blieb. Der Kriminalbeamtin war es egal. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Die Klimaanlage war ausgefallen. Wenn es die Monteure nicht von ihrer Arbeit ablenkte, sollten sie sie ruhig einmal flüchtig anglotzen. Sie war nicht mehr die Jüngste, aber mit ihrer Figur brauchte sie nicht zu hadern.
Sie grübelte über eine Serie von Kindesentführungen. Drei Kinder waren spurlos verschwunden. Sie hatte noch keinerlei Hinweise auf ihren Verbleib.
Pierre Moulin kam herein, ein kurzärmliges Hemd über der behaarten Brust weit geöffnet. Er fragte seine Kollegin, wann die Verstärkung aus Deutschland kommen würde.
„Gerd Pocher“, sagte Commandante Lebrun, und der Nachname klang wie „Pocker“: „Er soll heute oder morgen ankommen. Commissaire Lapin hat es mir gesagt. Meinst du, dass er uns in den Entführungsfällen weiterbringen kann?“
„Vielleicht hat er ja eine Idee“, meinte Pierre. „Aber ich denke, er muss sich erst einmal mit den Örtlichkeiten in Agde vertraut machen. Er kann sich ja noch nicht hier auskennen.“
„Außerdem muss er sich noch akklimatisieren. Das wird nicht einfach sein, solange die Klimaanlage nicht wieder läuft.“ Renée Lebrun verschränkte ihre nackten Arme hinter dem Kopf, um etwas Luft an die verschwitzten Haare in den Achselhöhlen zu bekommen, vergeblich. In dem Büro stand die Luft trotz weit geöffneter Fenster. Erneut trampelten die beiden halbnackten Monteure durch den Raum und schleppten eine Art Schrank aus Edelstahl hinaus.
„Der Konverter auf dem Dach muss ausgewechselt werden“, sagte einer der Monteure und pfiff anerkennend durch die Zähne, als er erneut und ungeniert auf ihren Busen starrte, der sich dadurch, dass sie die Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte, aufgerichtet hatte, sodass der BH sich deutlich durch das verschwitzte Spaghettiträger-Top abzeichnete. Warum der Zugang zum Dach ausgerechnet durch ihr Büro führte, war ihr ein Rätsel. Aber offenbar war der Weg durch das Fenster und über eine Außentreppe einfacher als der offizielle Dach-Ausstieg vom Treppenhaus aus.
„Wir sollen am Anfang pfleglich mit ihm umgehen, aber wir sollen ihn auch nicht schonen. Der deutsche Kollege soll gleich in die Ermittlungsarbeit mit einbezogen werden“, sagte Renée. „Das hat Commissaire Lapin gesagt.“
Pierre hatte unterdessen Fotos von den Kindern besorgt und blätterte sie auf Renées Schreibtisch. „Lucas Grospièrre, 7 Jahre alt, aus Lyon, verschwunden am 22. Juli, er war in einem Ferienlager in der Nähe von Frontignan, zuletzt gesehen am 22. Juli in Frontignan.“
Das nächste Bild: „Hugo Martin, 5 Jahre alt, verschwunden am 24. Juli auf dem Weg von einer kirchlichen Veranstaltung, einer Kinderbibelwoche, in Agde. Er war auf dem Heimweg und ist von den Betreuerinnen zuletzt gesehen worden.“
Drittes Bild: „Raphaël Chapias, 7 Jahre alt, verschwunden am 25. Juli, ebenfalls auf dem Weg von einer Kinderbibelwoche nach Hause. Dort war er zuletzt gesehen worden. Seither fehlt von den Jungen jede Spur.“
„Wir haben den letzten Juli. Die Kinder sind also mehr als eine Woche verschollen“, resümierte Renée. „Meinst du, dass sie noch leben?“
„Ich habe ja manchmal wenig Phantasie“, sagte Pierre. „Aber ich befürchte, dass sie nicht entführt wurden, um Geld zu erpressen. Dann hätten sich die Verbrecher längst gemeldet. Außerdem ist bei den Eltern nicht viel zu holen.“
Renée betrachtete die Bilder der unschuldigen Kinder. „Sondern?“
„Missbrauch!“
Renée beugte sich wieder nach vorne und spürte, wie ihr angenehm kühlend ein paar Schweißperlen an Hals und Rücken hinunterrannen. „Du meinst Pädophilie?“
„Exactement“, meinte Pierre. „Ich mache mir Sorgen. Du weißt, ich habe selbst zwei kleine Kinder, bald drei.“
„Wie geht es Katja?“, fragte Renée beiläufig.
„Na ja, die Hitze setzt ihr schon etwas zu, aber sonst geht es ihr den Umständen entsprechend gut.“
„Wann ist es soweit?“
„Es kann jetzt jederzeit losgehen.“
„Wenn nicht augenblicklich diese verdammte Klimaanlage in Gang gesetzt wird, gebe ich uns hitzefrei.“ Renée versuchte sich mit dem Top Luft zuzufächern, indem sie es am unteren Saum auf und ab wedelte, was den Monteuren offenbar gefiel, die gerade wieder mit einem schrankähnlichen Teil durch das Büro stapften, um durch das Fenster nach draußen und aufs Dach zu verschwinden. „Wir brauchen jetzt einen kühlen Kopf. Drei Jungs in der Hand von Pädophilen. Wir gehen alle Fälle von Pädophilie der letzten Jahre noch einmal durch. Vielleicht kriegen wir doch noch einen Anhaltspunkt. Oft sind die Täter Personen aus dem familiären Umfeld, nahe Verwandte, zu denen die Kinder Vertrauen haben. Nimm dir noch einmal Francine Chapias vor, die Mutter des kleinen Raphaël. Sie steht der Kirche nahe, sie singt im Chor und ist mit einem Pastor befreundet. Nein, warte, das mache ich selbst. Oder wir machen es zusammen.“
5.
Pocher ahnte, dass diese Reise ein Aufbruch in ein neues Leben sein würde. Vor 25 Jahren war er zurückgekehrt zur Polizei und kurz darauf nach Köln gegangen. 25 Jahre hatte er versucht, Kölner zu werden, aber irgendwie war es ihm nicht gelungen. Seine Kinder waren alle in Köln geboren, ihnen würde es wahrscheinlich leichter fallen, Köln als ihre Heimatstadt zu verstehen. Aber ihm war es einfach nicht gelungen. Er fühlte sich mehr als Europäer, über den Dingen und über jegliche Kirchturmpolitik stehend, und außerdem hatte sich die Domstadt wieder mehr von ihm entfremdet, seit er aus ihrem Einfamilienhaus ausgezogen war.
Tatsächlich hatte er sich im Laufe der Jahre in der Stadt ausgekannt wie kaum ein anderer, war er doch beruflich bedingt mit vielen Hinterhöfen, U-Bahnhöfen, Friedhöfen und anderen Höfen vertraut. Er kannte die einschlägigen Lokale, in denen sich die Dealer trafen. Er kannte die Leute, die die Geschicke der Stadt bestimmten, den Karneval, den berüchtigten Klüngel, das Milieu der Kleinkriminellen und Prostituierten, die Treffpunkte der Obdachlosen, die gesitteten Fassaden der gehobenen Gesellschaft und die Intrigenspiele hinter deren Kulissen.
Vielleicht 10000 Meter unter sich konnte er tatsächlich Lyon ausmachen am Zusammenfluss von Rhône und Saône. Er folgte der Autobahn Richtung Süden, er erkannte unter sich den Flughafen Antoine de Saint-Exupéry. Die bergige Landschaft mit den Cevennen im Hintergrund kam allmählich näher. Sie befanden sich offenbar schon im Sinkflug. Pocher erkannte die Route du Soleil, die Autobahn, die sich wie ein endloses Band über die Hügel parallel zur Rhône schlängelte, er kannte die Strecke und die Orte an dem Fluss, Vienne, Valence, Montélimar, Orange, Avignon und Arles. Er erkannte die großen Kühltürme des Atomkraftwerks bei Montélimar. Weiter nach Osten war der Mont Ventoux auszumachen, dahinter im Dunst die Alpenkette.
Er hatte keine Vorstellung davon, wie ihm die neuen Kollegen begegnen würden, wie er eingeführt würde. Seine größte Sorge war, dass die Franzosen auf Distanz zu ihm blieben. Er schätzte sich selbst als umgänglichen, aufgeschlossenen Kollegen ein. Nicht dass er gerade extrovertiert wäre wie viele Kölner, aber er konnte gut auf Menschen zugehen. Das brachte der Job mit sich, aber auch im Privatbereich war er aufgeschlossen, Freunden zugewandt und eigentlich auch hilfsbereit. Trotz der Trennung von Barbara hatte er Kontakt zu den gemeinsamen Freunden behalten, auch zu ihrer Familie, ihrem Vater und ihren Geschwistern, ihren Neffen und Nichten, denn sie verstanden sich gut mit seinen Kindern. Sie hatten sich auch damit arrangiert, etwa, bei Geburtstagsfeiern oder anderen Familienfesten gemeinsam aufzutreten, wobei sie es allerdings vermieden, etwa an der Tafel nebeneinanderzusitzen. Es wurde spannend.
Eine Viertelstunde später – die Aufforderung, Sitze aufzurichten, Tische einzuklappen und sich anzuschnallen, war bereits erfolgt – war Pocher dann doch fasziniert von dem grandiosen Zielgebiet. Durchs Fenster erspähte er die Lagunenlandschaft am Mittelmeer, die endlosen Sandstrände der Camargue, die Badeorte mit ihren gewaltigen Wohnanlagen und Jachthäfen. Sein Herz pochte, als das Flugzeug in einer steilen Kurve die Richtung änderte und in dieser Lage auf der linken Seite durch das Fenster nur noch der blaue Himmel über dem Mittelmeer zu sehen war. Dann glitt der Flieger wieder in die Waagerechte. Er vernahm den Ruck, der immer durch das Ausklappen der Fahrwerke entstand, die Bremsklappen waren nun weit ausgefahren. Das Flugzeug schwebte dicht über der glitzernden Wasserlandschaft, ruckelte etwas und setzte schließlich auf der Landebahn von Montpellier auf.
In der Halle wurde sein Name aufgerufen:„Monsieur Pocher à l’information.“Sie hatten es völlig falsch ausgesprochen, aber damit hatte er schon gerechnet. Das gab ihm eine gewisse Sicherheit in der fremden Situation: Er wurde also tatsächlich erwartet! In solchen Situationen hatte er immer Angst, dass etwas hätte dazwischenkommen können und sie ihn einfach vergessen hätten. Gerd Pocher blickte sich um nach dem Informationsstand und ging dann, einen Rucksack geschultert und einen großen Rollkoffer an der Hand, darauf zu. Ein uniformierter Polizeibeamter sprach ihn an.„Monsieur Pocher?“
Dieser lächelte erfreut.„Oui, Gerd Pocher“,korrigierte er die Aussprache.
„Bien“,sagte der Beamte, stellte sich als François Leclaire vor, er habe den Auftrag, ihn ins Präsidium, insHôtel de Police, zu begleiten. Sie fuhren in die Stadt hinauf, was etwas mühsam schien, denn in der Innenstadt von Montpellier waren viele Straßen wegen Bauarbeiten gesperrt. Pocher bemerkte, wie er ins Schwitzen geriet. Er trug unter dem grauen Sweatshirt ein Unterhemd und hatte noch ein Blouson darüber. Seine Kleidung war beim Abflug im verregneten Hahn noch angemessen gewesen, aber jetzt bemerkte er, dass er darunter zu leiden begann. Er entschuldigte sich beim Fahrer, dass er kurz seinen Gurt löste und sich den Oberkörper freimachte. Am Ende blieb ihm aber nichts übrig, als das Sweatshirt wieder überzustreifen. Seine Sommersachen lagen im Kofferraum.
„Oh, da ist ja unser neuer Kollege aus Deutschland“, begrüßte ihn Marie-Louise Lapin. „Kommen Sie herein, Monsieur Pocher. Ab heute beginnt für Sie ein neues Leben.“ Pocher korrigierte die Aussprache seines Namens und stellte Koffer und Rucksack ab und trat auf ihren Schreibtisch zu.
„Bonjour, Madame.“Er klang etwas verlegen. Mit einer derart charmanten und attraktiven Empfangsdame hatte er nicht gerechnet.
Die Polizeibeamtin richtete sich auf und kam ihm entgegen.„Marie-Louise Lapin, Commissaire.“Sie war groß und schlank, brünett und trug eine knappe weiße Bluse, deren Knöpfe bis unter den Busen geöffnet waren, sodass man den BH darunter sehen konnte. Dazu trug sie einen eng geschnittenen schwarzen Rock, der ihr nicht ganz bis zu den Knien reichte, die nackten Füße steckten in Sandaletten. Sie trug goldene Armreifen am rechten Handgelenk. Pocher schätzte sie auf Mitte 40. Sie reichte ihm die Hand.„Bienvenu en France!“
Dann deutete sie Pocher an, Platz zu nehmen, und setzte sich wieder auf ihren Sessel. „Ich will mich kurz fassen. Wir haben für Sie ein Zimmer in Agde besorgt, im L’Avenue. Es liegt direkt gegenüber vom Bahnhof. Es ist natürlich schwierig, im Hochsommer noch etwas Passendes zu finden in dieser Region.“
Er werde im Team von Renée Lebrun mitarbeiten. Die hätten es gerade mit einem Fall von Kindesentführungen zu tun, bei der sie nicht wirklich vorankommen würden. Mehrere kleine Kinder seien in den vergangenen Wochen spurlos verschwunden. Dennoch dürften sie etwas Spiel haben, um sich um ihn zu kümmern und in den Arbeitsalltag bei der französischen Kriminalpolizei einzuführen. „Melden Sie sich gleich morgen gegen 8 Uhr bei ihr. Sie wird dann im Commissariat de Police in Agde sein. Und wundern Sie sich nicht, dass wir nicht so viele Leute sind, wie Sie vielleicht erwartet haben. Die Hälfte der Belegschaft ist im Urlaub.“
Außerdem seien viele Kollegen in die Touristenorte abkommandiert. „Südfrankreich ist voll. Und wir sind auch für die Küste zuständig, von Palavas-les-Flots bis Cap d’Agde. Da ist was los. Wir hoffen natürlich immer, dass wir eine ruhige Zeit und nichts zu tun haben. Aber das bleibt wohl immer ein frommer Wunsch, dass es keinen Mord und Totschlag mehr gibt, keine Schießereien, keine Rangeleien, keine Autoaufbrüche oder Diebstähle, keinen Drogenhandel und natürlich auch keine Bombenanschläge.“
Marie-Louise Lapin erläuterte ihm, dass er natürlich auch auf das französische Gesetz verpflichtet und in den nächsten Tagen alles Weitere schon erfahren werde. Ein französischer Dienstausweis sei in Vorbereitung, ob er auch eine Dienstwaffe bekomme, sei noch nicht entschieden.
Sie erledigten einige Formalitäten. Pocher setzte dienstbeflissen sein Autogramm auf die vorgesehenen Stellen. Darunter war auch ein amtliches Schreiben, das ihn als Mitglied der Nationalpolizei auswies. „Und wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne an mich wenden“, schob sie ihm ihre Karte zu. „So“, sagte sie, „es ist spät geworden. Gehen wir eine Kleinigkeit essen?“
„Warum nicht?“, antwortete Pocher.
„Ihren Koffer können Sie so lange hierlassen.“
Marie-Louise Lapin ging leichtfüßig die Treppe hinunter. Sie hatte ein dezentes Make-up aufgelegt. Dazu kam eine fröhliche, unbeschwerte Art, die sie regelrecht jugendlich wirken ließ. Unweit des Polizeipräsidiums setzten sie sich an einen Tisch auf der Straßenterrasse einer kleinen Brasserie. Es herrschte trotz der Mittagshitze reges Treiben auf den Straßen.
„Ihr habt es ja richtig heiß hier“, redete Pocher über das Wetter. „Ich glaube, daran muss ich mich erst noch gewöhnen. In Köln hat es heute Morgen noch geregnet. Entschuldigen Sie, wenn ich das frage, aber damit hatte ich einfach nicht gerechnet: Ist die französische Kriminalpolizei immer so charmant?“
Madame Lapin lachte und bedankte sich für das Kompliment. „Nun, wir machen unseren Job, und wir versuchen, trotzdem fröhlich zu sein, uns unser Leben nicht vermiesen zu lassen, obwohl wir in vorderster Front an den dunklen Abgründen menschlichen Daseins arbeiten, in der Verbrechensbekämpfung eben. Man muss dem ganzen kriminellen Sumpf, mit dem wir es zu tun haben, etwas entgegensetzen. Ja, ich lebe gern. Und ich bin äußerst zufrieden mit meinem Leben.“
Die Bedienung brachte Kaffee und zwei Stücke Quiche Lorraine.
„Ich glaube, ich habe schon angefangen, mich hier sehr wohlzufühlen, nach nur einer halben Stunde Montpellier“, sagte Pocher.
Während sie aßen, erläuterte Madame Lapin die Erwartungen an die nächsten Tage. „Die Woche scheint ruhig zu werden. Renée Lebrun und ihr Kollege Pierre Moulin hatten zuletzt in Sète ermittelt. Das ist ihr Haupteinsatzgebiet. Einige Fälle sind zwar noch nicht abgeschlossen, aber es liegen keine akuten Kapitalverbrechen vor. Ich denke, dass Sie mit ihnen gut klarkommen werden. Die sind sehr aufgeschlossen wie wir eigentlich alle hier. Moulin ist ein guter Kumpel und Lebrun ebenso. Unterstützen Sie sie bei der Suche nach den verschwundenen Kindern!“
„Die Quiche Lorraine ist ausgesprochen gut“, sagte Pocher beiläufig. Madame Lapin hatte eine gebräunte Haut, die leicht gewellten Haare umwehten ein Gesicht, das kleine Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln sympathisch wirken ließen. Sie hatte einen schlanken Hals und ein etwas spitzes Kinn, eine geradlinige Nase und dunkle Augen. Sie brauchte nichts zu verbergen.
„Sie sehen auch ausgesprochen gut aus“, sagte Marie-Louise Lapin. „Sie sind in den besten Jahren. Machen Sie was daraus! Ich hoffe, dass wir uns gut verstehen.“ Sie beugte sich etwas vor. Irgendwie erinnerte sie ihn an Barbara.
Sie plauderten noch eine Weile angeregt über Gott in Frankreich und die Welt und gingen dann ins Präsidium zurück. „Ich hoffe, wir sehen uns bald“, sagte Madame Lapin zum Abschied. „Leclaire bringt Sie noch zum Bahnhof. Nehmen Sie den nächsten Zug nach Agde. Die müssten jetzt eigentlich im Halbstundentakt fahren. Warten Sie noch einen Augenblick!“ Dann lehnte sie sich zurück in ihren Bürostuhl und rief den Fall mit dem mysteriösen Verschwinden der Kinder auf den Schirm ihres Rechners, inzwischen waren Bilder eingescannt. „Vielleicht wäre das Ihr Auftrag für den Anfang: Finden Sie Lucas Grospièrre, Hugo Martin und Raphaël Chapias!“
„Ich werde mir Mühe geben, Madame le Commissaire.“ Pocher lächelte seine neue Chefin etwas unsicher an. „Die verschwundenen Kinder?“
„Vom Erdboden verschluckt. Versetzen Sie sich in die Lage der Eltern, welche Not, welche Verzweiflung sie gerade erleiden und das Schlimmste befürchten.Je me réjouis de notre bonne coopération.“Die charmante Kommissarin reichte ihm zum Abschied die Hand. „Übrigens ist Commandante Sabine Fréjus ebenfalls heute Morgen in Köln angekommen. Sie ist unsere Kollegin, die am Austauschprogramm teilnimmt, allerdings war sie hier in Montpellier im Einsatz und hatte nicht viel mit dem Team um Renée Lebrun zu tun.“
„Je m’attacherai“, sagte Pocher. „Au revoir!“
6.
Renée Lebrun und Pierre Moulin waren zu Fuß in die Altstadt gegangen. Es war zwar heiß, aber außerhalb des Polizeigebäudes, das sich ohne Klimaanlage regelrecht aufgeheizt hatte, war die Luft erträglicher, immerhin ging ein leichter Wind. Francine Chapias hatte in der Altstadt eine kleine, bescheidene Wohnung.
„Haben Sie Neuigkeiten, haben Sie etwas gehört, wo mein Sohn abgeblieben sein könnte?“ Mit diesen Worten öffnete die Sängerin erwartungsvoll die Wohnungstür.
„Non, pardonnez-moi“,sagte Renée Lebrun.„Nous pouvons entrer quand même?“
„Entrez s’il vous plaît!“
Renée und Pierre folgten der jungen Frau, die in ein schlichtes schwarzes Kleid gehüllt war, in die Wohnküche und setzten sich an den Tisch.
„Café?“,fragte die Frau.
Die beiden Polizeibeamten nickten zustimmend.„Café au lait pour moi“,ergänzte Renée Lebrun.
„Ich will nicht darum herumreden“, sagte die Beamtin, als Francine Chapias den Kaffee zubereitet hatte. „Wir wissen immer noch nicht, wo Ihr Sohn abgeblieben ist. Aber wir haben einen Verdacht. Oftmals sind es nahe Verwandte oder Bekannte, die das Vertrauen der Kinder ausnutzen, um sie für ihre, sagen wir: perversen Lüste zu gewinnen. Entschuldigen Sie bitte, es klingt vielleicht sehr hart für Sie, aber es könnte uns vielleicht weiterbringen: Gibt es im Umkreis Ihrer Familie jemanden, dem man zutrauen könnte, Ihren Sohn entführt zu haben?“
„Non“, sagte Madame Chapias. „Non!Ich habe keine Familie. Meine Eltern sind früh verstorben. Ich habe eine Schwester. Sie ist mit einem Amerikaner verheiratet und lebt in den USA. Oh, ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Sie meinen, dass so versaute Schweine dahinterstecken, die es mit kleinen Kindern treiben, ihre Hilflosigkeit ausnutzen. Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!“
Pierre Moulin schaute sich in der Wohnküche um und bemerkte, dass einige Heiligenbildchen aufgehängt waren, Reproduktionen von biblischen Darstellungen berühmter Renaissance-Künstler, aber auch heidnische Szenen wie eine kleine Reproduktion der Geburt der Venus von Botticelli.
„Madame Chapias“, sagte Madame Lebrun. „Sie müssen uns schon helfen, wenn wir Ihren Sohn lebend wiederfinden sollen. Sie haben gesagt, dass Sie alleinerziehend seien, aber es muss doch einen Vater geben. Wer ist der Vater von Raphaël?“
Madame Chapias starrte die Beamtin entsetzt an.„Non“,sagte sie.„Non!“
„Sie können es ruhig sagen, im Vertrauen.“
„Non, j’ai juré par la Sainte Vierge Marie“,sagte Madame Chapias. „Niemals werde ich verraten, wer der Vater ist. Ich habe ein Gelübde darauf abgelegt. Aber Sie dürfen sich sicher sein, dass er für so etwas nicht infrage kommt.“
„Warum sind Sie sich so sicher?“ Renée Lebrun bemerkte, wie sich die Frau unwillkürlich das schwarze Kleid glatt strich und dabei über ihren Bauch fuhr. Sie schritt zum Fenster und blickte auf die Straße hinaus.
„Nein, der Vater des Kindes kann nicht sein Entführer sein“, sagte die Mutter. „Finden Sie Raphaël!“ Tränen standen ihr in den Augen.
Madame Lebrun erhob sich, schritt zu der Frau und schloss sie in ihre Arme. „Wir werden Raphaël finden“, versicherte sie.„Je jure par la Sainte Vierge Marie.“
Renée und Pierre kehrten zur Polizeistation zurück.
„Irgendwie ist es doch merkwürdig, mit welcher Beharrlichkeit sie sich weigert, die Identität des Kindsvaters preiszugeben“, sagte Renée. „Was meinst du?“
„Nun, sie wird ihre Gründe dafür haben. Vielleicht will sie die Erinnerung an den Vater aus ihrem Leben verdrängen“, sagte Pierre. „Meinst du nicht, dass sie ein wenig wie eine Nonne wirkt, auch mit ihrem schlichten schwarzen Kleid?“
„Das wird es sein“, sagte Renée. „Vielleich meint sie das damit, wenn sie sagt, dass sie ein Gelübde abgelegt hat. Vielleicht hatte sie sich ganz der Enthaltsamkeit verschrieben wie eine Nonne und schämt sich nun darüber, dass sie schwach geworden war und sich der fleischlichen Liebeslust hingegeben hatte, dass sie ein Kind bekommen hatte. Wer weiß, vielleicht ist sie ja sogar erneut schwach geworden.“
„Das verstehe ich jetzt nicht.“ Pierre blickte sie an, während sie nebeneinander durch die Stadt schritten.
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, sagte Renée. „Aber ich glaube, sie ist schwanger. Sie hat zwar keinen Babybauch, aber doch so eine gewisse Gestik und Mimik. Ist dir aufgefallen, dass sie sich immer wieder mal ganz zärtlich über den Bauch strich? Sie stellte die Kaffeetasse ab, strich sich über den Bauch, sie holte eine zweite Tasse Kaffee, strich sich über den Bauch. Na ja, und so eine kleine Wölbung hatte der Bauch schon, finde ich, ein wenig zeichnete sich schon ab durch das Tuch ihres Kleids.“
„Vielleicht war es der Heilige Geist“, scherzte Pierre. „Trotzdem: Kannst du dir vorstellen, dass unter den Geistlichen hier in Agde Männer sind, die es mit kleinen Jungs treiben? Immer wieder kommt es ja ans Tageslicht, dass katholische Priester ihnen anvertraute kleine Jungen, Ministranten, Schüler missbrauchen, um ihre pädophilen und auch homosexuellen Neigungen zu befriedigen.“
„Schon möglich“, sagte Renée. „Aber sie nutzen ihre Autorität und die Frömmigkeit der Kinder, niemandem davon zu erzählen, sie hüten es als ihr Geheimnis im Schutz der dicken Kirchenmauern. Nichts dringt nach außen, bis es im späteren Leben doch herauskommt, dass Männer als Kinder systematisch missbraucht worden waren. Nein, Raphaël ist seit Tagen verschwunden. Das passt nicht zum pädophilen Priester, der das Vertrauen der Kinder missbraucht und während der Bibelstunde an ihnen herumfingert. Die halten die Kinder nicht tagelang fest.“
„Trotzdem sollten wir mal einen Blick auf den Klerus von Agde werfen“, meinte Pierre. „Es ist unsere verdammte Pflicht, auch hinter die heiligen Gemäuer zu schauen, wenn es dort nach Unsittlichkeit riecht.“
Sie erreichten das Polizeigebäude und bemerkten bereits im Treppenhaus, dass es deutlich abgekühlt war. Die Klimaanlage funktionierte offenbar wieder.
7.
