Pollmeiers Amp - Guenther Leifeld-Strikkeling - E-Book

Pollmeiers Amp E-Book

Guenther Leifeld-Strikkeling

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Beschreibung

Es ist ein Uhr nachts. Ein alter, abgetretener Teppich auf dem Rasen dient Pollmeiers Rag-O-Billy Band als Bühne. Sie sind kurz vor den Zugaben. Eine Horde angetrunkener Endfünziger sitzt erwartungsvoll auf den Bänken des Biergartens. Pollmeiers kleiner, tweedbespannter Verstärker, ein etwa 80 Jahre alter Amp, macht seine Sache immer noch zufriedenstellend. Pollmeier und die Geschichte des kleinen Amps führen uns in die Welt leidenschaftlicher Provinz- und Straßenmusiker. Die Schicksale der vorherigen Besitzer, Musiker verschiedener Stilrichtungen, verweben sich mit Pollmeiers eigenen Erlebnissen zu einer Hommage an die Country- und Bluesmusik vergangener Zeiten.

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Musik ist ein weites Feld und das will beackert werden. Sei der Pflug auch noch so stumpf.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Hier und heute

Der Totengräber

Testphase 1

Herbert Lohmeier

Testphase 2

1939 Chicago, Illinois

The Blue Buskers.

Jack Allan and Sam Brokes

Die Steel Gitarre

Hillbilly Mountaineers 1941

Slippin’ and Slidin’

Bo Dowell - G.I. in Germany

Visionen und wenn ja, warum?

Broskamp

The Deadheads

Home Recording,ein Fass ohne Boden

Na kuck ma, geht doch

Vorwort

Mein Name ist Guenther Friederich Leifeld-Strikkeling.

Ich bin selbständiger Tischlermeister und leidenschaftlicher Musiker, denn irgendwie muss man ja schließlich sein Geld verdienen.

Ich muss zugeben, dass ich recht wenig gelesen und geschrieben habe in meinem Leben. Hauptsächlich waren es Angebote und Rechnungen. Na ja, hier und da hab ich mal einen Song geschrieben, der kein Hit wurde und an einen Liebesbrief kann ich mich auch noch erinnern.

Da könnte man sich zurecht fragen, was tue ich hier im Vorwort eines Buches und vor allem auf der falschen Seite. Nicht als Leser, sondern als Schreibender.

Der Grund ist er, dieser alte Gitarrenverstärker aus dem Jahre 1939. Auch wenn er noch gut erhalten ist, so ist er Zeitzeuge von mehr als 80 Jahren Musikgeschichte, die vor allem durch die Elektrifizierung der Instrumente so sehr geprägt wurde.

All seine Gebrauchsspuren, der leicht schmierige Belag, der sich durch die feuchte, rauchige Luft so vieler Musikclubs und Kneipen in seinem Inneren gebildet hat und vor allem dieser leicht süßliche, etwas moderige Geruch, den seine Bauteile verströmen, wenn sie sich erwärmen.

All das steckt voller Musik und Geschichten von Menschen, die er begleitet hat auf ihrer musikalischen Laufbahn.

Abseits vom großen Musikbusiness, denn er ist ja ein ganz kleiner Verstärker, nicht laut, ohne technische Raffinessen, oft belächelt, aber er war dabei. Mehr als 80 Jahre lang.

Wie eine Eingebung sah ich all diese Geschichten vor mir und ich wurde Teil dieser Geschichte seit ich ihn besitze und er mich begleitet.

Das musste ich aufschreiben und erzählen, auch wenn es sich manchmal holprig anhören mag.

Ich habe mir zunächst gewünscht, es würde jemand tun, der es gelernt hat Geschichten zu schreiben, die dann zu Bildern werden.

Aber es gab diesen Jemand nicht.

Diese Geschichten steckten in mir und waren nur mir zugänglich und es ist ein schönes Gefühl, jetzt ein Teil dieser gesamten Geschichte zu sein…

Nun, ich habe sie aufgeschrieben, die ganze Geschichte über diesen Verstärker. Von dem Tag an, an dem er gebaut wurde, bis zum heutigen Tag an dem er immer noch klingt und mich begleitet. Es geht vor allem um die Geschichten der Menschen, die ihn zum Klingen gebracht haben…

Und ich bin mir sicher, dass es so war und zwar genau so…

Hier und heute

„They furnished up an apartment with a two room roebuck sale“, dröhnte es aus unseren Gesangsboxen.

Kerbel, der mit richtigem Namen Karl Heinz Erbol hieß, aber von allen nur Kerbel genannt wurde, war gut drauf und noch einen Meter nach vorn gegangen, an den Bühnenrand.

Die Bühne bestand aus einem alten, abgetretenen Teppich, der auf dem Rasen ausgelegt worden war. So konnte man zumindest nicht von der Bühne fallen, wie Kalle Mossman damals. Nun, das lag nun schon einige Jahre zurück und war eine andere Geschichte.

Im Moment zumindest hatten wir das Publikum auf unserer Seite und wir konnten uns auf eine Zugabe einstellen, was ja auch nicht immer der Fall war.

Kerbel hatte im richtigen Tempo angezählt und das Ganze hatte den richtigen „Fuck“. So nannten wir es, wenn das Tempo saß, alle gut zusammen waren und das Ganze den nötigen Druck hatte.

Das hatte nichts mit dem Dauerbrenner der amerikanischen Umgangssprache zu tun und wurde auch nicht mit A wie Sack ausgesprochen, sondern mit U, wie Muckefuck. Fuck eben und ich konnte mir keinen besseren Ausdruck dafür vorstellen.

Mike‘s Bullenfiddle, so nannten wir seinen Kontrabass, donnerte in der Art und Weise, wie man sich einen Rockabilly-Bass nur wünschen kann.

Alles lief bestens und ich konnte mich ein wenig zurücklehnen, alles laufen lassen und gelegentlich einen Gitarrenlick einstreuen. Der Wechsel der zwei Akkorde dieses Stückes war kaum zu verfehlen. Alles lief rund.

Außerdem war das Kerbels Nummer. Er stand vorn als Sänger, führte das Stück und verteilte die Solos.

So hatte es sich in unserer Band eingespielt. Jeder war mal dran, mit dem Anteil der Songs, die er eingebracht hatte und die von den anderen Bandmitgliedern akzeptiert worden waren.

Ich mochte es nicht besonders, wenn Bands sich um einen Solisten gruppieren.

Schnell war mir langweilig, vor allem, wenn es nur einen Sänger oder eine Sängerin gab. Der oder die musste schon richtig gut sein, also richtig gut meine ich.

Bei uns war das anders. Wir wechselten die Rollen und manchmal sogar die Instrumente. Das brachte Abwechslung und jeder von uns führte die Band, indem er die Rolle des Frontmannes übernahm.

Jetzt war eben Kerbel dran und er machte es gut.

Und wo war ich, Frank Pollmeier, genannt Fränki, nun gelandet? Auf einem Teppich, der eine Bühne sein sollte, in einem Biergarten um ein Uhr nachts, vor einer Horde Endfünfziger, die gegen ihre guten Vorsätze noch ein paar getrunken hatten, obwohl sie genau wußten, dass sie Morgen darunter zu leiden haben.

Und das wegen uns und unserer Musik. Das ist doch was, worauf man stolz sein kann, oder?

„They baught a high fi phono, oh boy how they let it blast. 700 little records all of rock, rhythm and jazz“

Kerbel hatte sich zur dritten Strophe durchgerockt. Diese Passage mochte ich besonders, wahrscheinlich, weil die hier beschriebene Plattensammlung fast den gleichen Umfang hatte, wie meine eigene und da spürte ich was gemeint war. Zwar hatte sich meine Sammlung in den letzten Jahren deutlich zu Gunsten des CD-Formats verschoben, aber es gab doch eine beträchtliche Anzahl von Platten die noch nicht auf CD erschienen waren. Meine Bemühungen diese Platten in meinen Computer einzulesen waren aus Bequemlichkeit oder notorischem Zeitmangel im Sande verlaufen und beschränkte sich auf einige, wenige Sampler, die ich mir gebrannt hatte.

Ein kurzer Blick von Kerbel zeigte mir, dass ich ein Solo spielen durfte.

Irgendwo im Hinterkopf gab es eine ganze Reihe von Melodiefolgen, die abrufbereit waren und nur darauf warteten, aneinander gereiht, oder rhythmisch kombiniert zu werden.

Mit dem Einstieg war ich nicht so zufrieden, weil er etwas überraschend kam und somit etwas dahin gestoppelt wirkte. Im zweiten Takt lief es besser.

Ich hatte keine wirkliche musikalische Ausbildung genossen, mit Harmonielehre, Skalen oder anderen Zusammenhängen.

So basierten meine musikalischen Freiflüge auf Versuch und Irrtum.

Ich versuchte was und merkte mir, wenn es funktioniert hatte. Ich sehe noch heute die leidenden Blicke meiner damaligen Mitmusiker vor mir, als wir unsere erste Band gründeten.

Erstaunte und gequälte Blicke, oder ein ratloser Haufen, der verzweifelt versuchte, die Struktur des Stückes wiederzufinden oder zu halten, während ich ein Solo spielte.

Aber mit den Jahren war es deutlich besser geworden. Als die Wahrscheinlichkeit, im Schema zu bleiben und auch noch weitgehend schmerzfreie Tonfolgen zu spielen größer wurde, fing es an richtig Spaß zu machen.

Ich hatte mich durch den ersten Teil meines Solos gewühlt, wechselte zu G (Dur natürlich) und kramte aus der hintersten Ecke ein Riff, der dem Gitarrenstil von Chuck Berry ähnlich war.

Schaden konnte das nicht, denn schließlich war das Stück ja von ihm. Mein Ton gefiel mir heute besonders gut.

Oh man, da ist sie wieder. Diese alles bestimmende, immer im Raum stehende Frage eines jeden Musikers nach dem Ton.

Wenn ich die beantworten könnte, hätte ich wahrscheinlich ausgesorgt.

Eine Kette von Komponenten. Die Materialien, wie die Saiten, das Instrument, der Tonabnehmer, Kabel, die gesamte Elektronik, der Verstärker und der Lautsprecher. Dann der Raum. Die Schallgesetze mit den Reflexionen. Am Ende standen die Ohren mit der Frage ob sie auch vernünftig gewaschen waren und dann die Tatsache, ob die Masse zwischen den Ohren gut drauf war.

Zu Beginn jedoch stand das Wesen, das die Schwingungen auslöste. Ob, wie in diesem Fall, die Saiten grobmotorisch in Schwingung gebracht wurden oder gezielt und feinfühlig, genauestens berechnet, mit der wohl dosierten Kraft der Bewegung die Saite geschlenzt wurde, wohl wissend, dass genau dieser Ton entstehen würde.

Irgendwo dazwischen lag wahrscheinlich das Geheimnis.

Jedenfalls war ich in den Jahren zu der Erkenntnis gekommen, dass üben hilfreich war. Mehr als ein Kabel mit vergoldeten Steckern.

Natürlich hatte die Hardware ihren Anteil.

Anders als im HiFi Bereich, wo das Ziel, die naturgetreue Wiedergabe der Klangquelle war, sollten bei den Bands die Bauteile der Klangwiedergabe den Ton färben. Zunächst ging es wahrscheinlich um Lautstärke und dann wurde die, auf dem Weg entstehende Verzerrung, Mittel zum Zweck.

Deshalb hatten die Equipments unserer musikalischen Idole fast den gleichen Ruhm erlangt, wie sie selbst. Man kannte Marshall, Fender oder Gibson genauso gut, wie Hendrix, B.B. King oder Heinz Erhard, wobei ich jetzt überfragt bin, welchen Verstärker Heinz Erhard gespielt hat.

Eine verrückte Welt, die dazu führte, dass billige Nachbauten dieser Marken den Markt überschwemmten, da jeder Musiker dachte, wenn ich so gut sein will wie mein Idol muss ich erst mal, äääähhh die gleiche Unterwäsche tragen und den gleichen Verstärker spielen.

Klappt aber nicht. Hätte ich dir gleich sagen können.

Aber, man kann sich in Verstärker verlieben. Man kann mit Ihnen spielen, im Sinne von herumspielen. Im Einklang sein. Ein wunderbares Wort. Einklang!

Ein geben und nehmen, auch Feedback genannt.

Da stand er, mein kleiner Verstärker. Aufgebockt auf der Haube, die ich für ihn gebaut hatte. Eine Haube aus dünnem Sperrholz, die einfach als Schutz über den Verstärker gestülpt werden konnte. Sie hatte oben einen Schlitz, durch den der Tragegriff des Verstärkers heraus ragte. Abgenommen diente die Haube als Bock, um den eher kleinen Verstärker etwas höher zu stellen und besser hören zu können. Ich besaß diesen Amp nun schon seit einigen Jahren und hatte meinen Spaß daran. Die Narbe, die er hinterlassen hatte, brannte schon lange nicht mehr und es war eine wahre Freude, ihn zu spielen.

Was ich eben mit Ton meine, ist dieses nölige, singende Geräusch, das dieses Ding verbreitete.

Es war nicht die naturgetreue Wiedergabe des Tons der schwingenden Saite, sondern ein Ton, der mit unzähligen Obertönen und leichten harmonischen Verzerrungen angereichert war. Nicht etwa ein Bratsound, sondern nur ganz leichte Verzerrungen, die eine gewisse Wärme im Klang erzeugten.

Dieses leichte Wuckern, wenn sich die Pappe des Lautsprechers in Bewegung setzte, oder zurück schnellte, was die Anschlagdynamik unterstützte. Alles in allem, eine Freude, nicht laut, aber schön.

Mir gefiel es, wie dieser Amp den Ton verfärbte und modellierte und ich betrachtete ihn wie ein eigenständiges Instrument, mit einer eigenen Klangfarbe.

Herbert hatte ganze Arbeit geleistet. Herbert ist der beste Ampdoktor, den ich kenne und über den ich gerne später mehr berichten möchte. Er hatte meinen kleinen Verstärker wieder zum Leben erweckt. Es hatte zwar nicht auf Anhieb geklappt, aber schließlich ging es dann doch. Herbert ist nämlich ein ganz Großer.

Wir hatten Ces't la vie bravourös zu Ende gebracht, in einer Endlosschleife die Musiker nochmals vorgestellt und mit einem kurzen Solo die Applausphasen untermalt. Der lang anhaltende Beifall hatte uns noch zwei Zugaben abverlangt, die wir bereitwillig ableisteten und die Stimmung der etwa vierzig, kurz vor der Rente stehenden Zuschauer, war im Vergleich zur sonstigen westfälischen Zurückhaltung geradezu euphorisch.

Wir hatten anstandslos unsere Kohle kassiert und noch ein Hefeteilchen im Glas in gemeinsamer Runde gelehrt. Alle waren recht zufrieden, wenn auch zum umfallen müde.

Wir waren außerdem gut versorgt worden. In der Pause gab es Bratwurst mit Kartoffelsalat und ich dachte, für Bratwurst mit Kartoffelsalat würde ich glatt was schlechteres stehen lassen.

Kerbel sagte noch, jeden Tag könne er das auch nicht essen, aber so fünf bis sechs mal die Woche sei ok.

Die Anlage war bereits abgebaut und in meinem Auto verstaut und Mike hatte seinen riesigen, schwarzen, mit weißen Flammen verzierten Bass im Sack und in seinen Golf gestopft.

Wie das geht ist mir immer noch ein Rätsel, aber es guckte nirgends was raus und ausgebeult war die Karre auch nicht.

Es war bereits nach zwei. Ab nach hause, alles ausladen und noch in den Keller tragen. Gesangsboxen, Endstufe, Mischpult, Ständer und Kabelkoffer und jede Menge sonstiger Brocken.

Den kleinen Verstärker brachte ich ins Wohnzimmer. Er hatte dort einen besonderen Platz in der Ecke am Fenster. Kurz in die Küche, ein kleines Bier zum absacken und ab ins Bett. Gottseidank war Sonntag und ich konnte auspennen.

Der nächste Tag begann mit wach werden und das konnte dauern. Bei der dritten Tasse Kaffee gelang mir der Durchbruch und die vierte nahm ich mit nach draußen vor die Tür. Super Wetter und die erste Zigarette tat’s auch.

Ich ließ den Job noch mal Revue passieren und war alles in allem zufrieden. Hier und da hatte es gehakt, aber im Großen und Ganzen war alles gut gelaufen.

Thomas hatte ein paar witzige Ansagen gebracht und wenn auch nicht von allen verstanden, so hatten sie uns doch den Zugang zum Publikum erleichtert.

Der Amp hatte mir wieder Spaß gemacht. Im Prinzip konnte es so weiter laufen.

Wie unbewusst strich ich mit dem Finger über die Narbe auf meiner Stirn, aber nichts war. Seit einiger Zeit hatte ich Ruhe und die Schwindelanfälle waren auch weg. Auch gut, dachte ich, lehnte mich zurück, blinzelte in die Sonne, zog an der selbst gedrehten Zigarette und musste grinsen, als ich daran dachte, wie ich den kleinen Amp vor langer Zeit gekauft hatte.

Der Totengräber

Es lag wohl so ungefähr vier Jahre zurück. Ich traf Georg Raspe, oder besser er traf mich, in einer Kellerkneipe, wo sich regelmäßig Musiker trafen und wo an den Wochenenden oftmals Bands aus der Gegend spielten. Wir hatten dort auch einige Male gespielt, aber die Gage war so klein, dass man sie weder sehen noch spüren konnte. Der Club war jedoch ein begehrter Treffpunkt und lief gut.

Es kursierte das Gerücht, dass die Gagen für die Bands nach einem Punktesystem gestaffelt werden sollten. Man beginnt mit Minuspunkten und spielt so oft auf lau, bis man in den Pluspunkte Bereich kommt und dann heißt es. „Ne lass mal ihr wart schon so oft hier.“ Guter Trick eigentlich, ist aber nichts draus geworden.

Aber guten Kaffee hatten sie dort und einen davon hatte ich in der Hand. „Hey Fränki, wie siehts aus?“. Gefolgt von einem kräftigen Schlag auf die Schulter und der gute Kaffee schlug Wellen auf der Untertasse. „Hab einen guten Amp für dich, Original National, uraltes Teil. Klingt mit deiner Dobro bestimmt gut. Is authentisch weißte. Was panscht du denn mit deinem Kaffe rum?“ „War zu heiß“, sagte ich. „Und außerdem entfaltet sich das Aroma so besser“. „Ah, verstehe.“

„Is'n das für’n Amp?“ „Original National Dobro, muss uralt sein, so wie der aussieht, Tweed bespannt, so groß“. Raspe, so nannten ihn eigentlich alle, zeichnete mit den Händen die Umrisse einer Aktentasche nach. „Hab ich draußen im Auto. Stockmann hatte wohl Interesse, aber er is nich gekommen. Woll's ma eben gucken?“Wenn Georg Raspe einen Amp verkaufte, hatte er ihn natürlich getestet und für untauglich befunden. Das war mir auch klar, aber ansehen wollte ich mir das Teil schon gern.

Ich schüttete meinen Kaffee in Richtung Mandeln und wir gingen raus auf den schwach beleuchteten Parkplatz.

Raspe öffnete die Heckklappe seines Kombi's und schob die Sichtabdeckung zurück. Eigentlich war es da schon passiert. Ich durfte mir nur nichts anmerken lassen, von wegen:“Boah is der geil“, oder so was in der Art. Da hätte ich auch gleich sagen können: „Ich leg noch einen hunderter drauf“. Also sagte ich „Sieht interessant aus, müsste man mal antesten.“ Zugegeben, der Spruch war nicht originell, aber neutral. Ich hob das Teil, dass aussah wie ein tapezierter Volksempfänger aus Vorkriegszeiten aus dem Wagen, hielt es unter das Licht der Straßenlaterne und wusste ich wollte ihn haben.

Schien alles alt und original zu sein. Vorne prangte ein rundes Schild mit dem schüppenförmigen Emblem von Dobro und hinten auf dem Typenschild stand- National-Dobro Corp. Chicago. Ill.

„Er ist nicht sehr laut, aber funktioniert einwandfrei. Für meine Sachen ist er nicht so der richtige, aber für Dich ist er ideal. Echt authentisch“,hörte ich Raspe sagen. Der immer mit seinem authentisch. Wahrscheinlich meint er autistisch dachte ich.

„Und, wieviel?“Die Hausnummer, die Raspe nannte war in Ordnung und da wir am Wochenende erst gespielt hatten, war ich sogar flüssig. Ich gab ihm das Geld und verstaute den Amp unter einer Decke in meinem Auto, das am anderen Ende des Parkplatzes stand. „Komm wir nehmen noch einen, wa?“

Wir trotteten wieder die Stufen runter und bestellten uns ein Bier.

„Wo hast'n den Amp her?“wollte ich wissen. „Hab ihn letzte Woche in Olpe gekauft“, grinste Georg. „Alles klar, warste wieder auf Tour?“ „Jau, das war echt ne Nummer“.

Georg Raspe hatte bei uns den Spitznamen „der Totengräber“. Nicht, was man normalerweise unter Totengräber verstand.

Er kaufte von alten Witwen, deren verstorbene Männer Musiker waren, die zurückgebliebenen Musikanlagen auf. Dabei hatte er sich zu einem wahren Spezialisten entwickelt. Angefangen hatte es mit seiner Leidenschaft alte Mikrophone zu sammeln. Seine Sammlung umfasste mittlerweile über fünfhundert Mikrophone. Sowohl die Produkte der namhaften deutschen Hersteller glänzten in den Vitrinen und Regalen seiner Wohnung, wie auch die gesamte Palette der begehrten amerikanischen Rundfunk und Studiomikrophone. Die Formenvielfalt dieser, meistens glanzverchromten Sprechdosen reichte von Phallussymbol bis Ufo. Was an Technik gefehlt hatte, wurde durch die Form wieder wett gemacht. Mehrere Male war er mit einem Freund, der ebenfalls Mikrophone sammelte, nach Amerika geflogen. Hatte verkauft, was er doppelt hatte und eingekauft, was er kriegen konnte.

Hier in Deutschland versuchte er es mit Zeitungsinseraten. Zunächst etwa in der Art wie:“Hey Mucker, kaufe eure alten Mike's.“Das brachte aber nur ausgelutschte SM 58 Teile, wo der Schmant noch in den Drahtkörben saß. Schließlich wurden die Anzeigen seriöser und es funktionierte. „Ehrenhafter Sammler sucht alte Verstärker und Mikrofone. Zahle bar“. Und es lief.

Hallo? hallo?, Guten Tag, hier is Annemarie Klüsener. Sind sie derjenige der in der Zeitung stand? Wissen sie, mein Mann is verstorben, ach und der hat doch damals immer gespielt, mit dieser Kapelle da in diesem Dings da, na wie heißt dat noch, ach jetzt komm ich doch nicht drauf und das ganze Zeug steht ja noch im Keller. Ach Mensch wie hieß denn dat noch wo der immer war. Meistens Samstags und ab und zu auch Sonntags. Fällt mir doch nich ein. Und so Verstärker hatten die auch und ihre Gitarren, so richtig tolle Dinger woll. Und jetzt steht dat im Keller. Ach, man hat ja sowieso so wenig Platz und ich kann dat ja auch gar nicht mehr alles. Allet muss ich getz allein in Schuss halten, getz wo Hans-Herbert nicht mehr da ist. Also wenn sie da mal vorbei kommen wollen, aber eins sach ich sie gleich, verschenken tu ich dat nicht. Mein Hans-Herbert hat da so dran gehangen, dat war sein ein und alles. Er und seine Jungens. Also kommen se doch und schauen sich dat mal an. Bei Klüsener, woll, Annemarie Klüsener. Tschöö dann und kommen se doch ruhig. Tschöö.

„Halt“schrie Georg in den Telefonhörer, „Ich brauch noch ihre Adresse und ihre Telefon Nummer“. Das wäre bald schief gegangen.

So oder so ähnlich war es oft und was dabei zu Tage kam, reichte von Sondermüll bis komplette Gesangsanlagen aus den fünfziger Jahren, mit Originalverpackung, Schutzhüllen und Bandfotos im Postkartenformat. Die vier Tornados mit Babsie als Sängerin. Die Männer im Glitzersacko und Babsie mit Petticoat und hoch toupierten, blonden Haaren. Ob es Babsie war, die ihm nun alles verscherbelte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Möglich war's. Die Haare waren nicht mehr blond sondern aschfahl und alles, was auf dem Foto hoch toupiert und Prall erschien war der Erdanziehung zum Opfer gefallen. Das war sowieso eine von unseren Theorien. Mit zunehmendem Alter nimmt die Erdanziehung zu. Erst hängt alles nach unten und irgendwann wird die Erdanziehung so groß, dass sie einen komplett verschluckt. Zack, das wars und man kann gar nichts dagegen tun. Die Grabsteine, die dann auf einem stehen waren nur zur Sicherheit, falls die Theorie doch nicht stimmen sollte. Na-ja, Georg zahlte bar und sackte alles ein.

Ich kannte schon einige Geschichten dieser Art und auf seine neue war ich echt gespannt.

„Und? Wie war's in Olpe“.

„Au man, ich hab ne Anzeige gelesen -Alter Fender zu verkaufen-. Hab da angerufen, aber die Oma wusste nicht Bescheid und sagte ihr Sohn wäre um Fünf wieder da. Dann hat sie mir die Adresse gegeben und ich bin direkt nach der Arbeit über Olpe gefahren. Weisste, bevor mir da einer zwischen funkt. Himmelreichallee, oder wie das hieß, total versteckt.

Dann hab ich geschellt, einen anständigen Diener gemacht und gesagt, ich käme wegen dem Fender Verstärker. „Welcher Verstärker?“ Steht son Typ mit nem Blaumann vor mir, völlig irritiert. Ich sag „Die Zeitungsanzeige heute mit dem alten Fender Verstärker.“ „Der Fender liegt in der Garage, vom Verstärker weiß ich nix.“ Zeigt der mir son Gummischlauch für'n Boot, was er nich mehr hat. Das war total peinlich, aber irgendwie war der ganz nett. Hab ihm dann erklärt, dass Fender eine bekannte Verstärker Marke ist und er war ganz interessiert und meinte dann, es wären bestimmt Brüder. Der eine baut eben Verstärker und der andere Gummipuffer für Boote. Kann doch sein, oder? Klar, sach ich, so wird’s sein.

Naja, weißt ja wie das so ist. Wollte schon abhauen, aber meine Nase sagte mir warte noch, weiß nicht wie so.

Haben dann noch etwas darüber gelabert wie ich so über Anzeigen so manche alten Verstärker gefunden hatte, die natürlich keinen Wert mehr hätten. Eben, weil sie schon so alt sind. Raspe grinste verschlagen und plötzlich hätte der Typ in seinem Blaumann gesagt, dass auf seinem Dachboden wohl noch son Ding stehen würde.“Kär, dat is ne Schtorry für sich“, hätte er ausgeholt.

Er hätte letztes Jahr einen Mieter gehabt, der oben ein möbliertes Zimmer bewohnt hat. Frank Bauer. Wäre ein komischer Typ gewesen. Lange Haare, immer zum Zopf zusammengebunden. Wäre immer viel unterwegs gewesen, irgendwas mit Bühnenaufbau. Raspe schob ein, dass die einzige Bühne die der Blaumann wohl gesehen hätte, die vom Schützenfestzelt gewesen sein müsste. Jedenfalls sei der Typ plötzlich weg gewesen. Hals über Kopf abgehauen. Der Blaumann hätte sich erst nix dabei gedacht, da der Typ ja dauernd unterwegs war. Bis die Bullen gekommen wären mit Durchsuchungsbefehl. Die hätten das Zimmer durchsucht, weil der Typ wohl in Geldschwierigkeiten gesteckt hätte und irgendwelche Steuern nicht bezahlt hätte. Jedenfalls sei der abgehauen und dann hat der Blaumann wohl in einer Abstellkammer den Amp entdeckt, den wohl alle übersehen hatten.

„Ich sach dir, solche Ohren hatte ich plötzlich. Erst wollte er ihn mir gar nicht zeigen, wegen den Bullen und so, aber ich hab nicht locker gelassen, bis wir auf den Dachboden sind.

Jede Menge Gerümpel, alte Möbel, Bilder, Klamotten und der ganze Schrott und in son’em alten Kleiderschrank, in ein Kopfkissenbezug eingewickelt, stand dieser alte Amp. Ich dachte, ich trau meinen Augen nicht. Ne alte Musiktruhe aus den Fünfzigern stand da auch noch rum, aber bevor der misstrauisch wird, hab ich lieber meine Schnauze gehalten.

Ich hatte ihn gerade überredet, da kam seine Frau dazu.“

„Albert, den kannste doch nicht verkaufen, dat gibt bestimmt noch mehr Ärger“. Albert sagte aber nur, Mutti lass man, das geht schon in Ordnung, schließlich hat der Vogel ja seine Miete nicht bezahlt. „Und wenn er wiederkommt“, imitierte Raspe die hohe, ängstliche Stimme der Frau, dass ich lachen musste. „Der kommt bestimmt nicht wieder“, vertonte er den Blaumann. Dann wieder die hohe Fistelstimme der Frau. „Das will ich hoffen, hatte immer so ein komisches Gefühl. Wie der schon aussah mit seinen langen Haaren und dieser Tätowierung aufm Arm. Sah aus wie ne Leiter. Wer macht denn so was? Sich ne Leiter aufn Arm zu tätowieren. Aber sie, junger Mann, sie machen ja einen ganz vernünftigen Eindruck. Wir wollen nämlich keinen Ärger wissen sie“. Ich musste schrecklich Lachen. Raspe war immer schon ein guter Schauspieler gewesen und konnte die verschiedensten Charaktere nachmachen,

Im Großen und Ganzen war das die Geschichte.

„Das gibts doch gar nicht“, warf ich ein. „Doch, das gibts. Und ich möchte nicht wissen, wo noch überall die heißesten Dinger rum stehen“.

Wir tranken unser Bier auf, denn auf der Bühne machte sich eine Band bereit, die sich bereits in die Pluspunkte gespielt hatte und nochmal musste ich das auch nicht haben. Außerdem wollte ich den Amp antesten.

Georg und ich spielten seit einigen Jahren in einer dreier Formation und das mit zunehmendem Erfolg. Wir nannten

uns The Blue Buskers. Daher sprachen wir noch einige Termine ab wegen anstehender Musikjobs und schließlich begab ich mich auf den Heimweg.

Richtig glauben konnte ich die Geschichte noch nicht, aber ich wusste, dass es so was gab.

Testphase 1

Zuhause angekommen, bin ich gleich in den Keller und hab meine neueste Errungenschaft erst mal abgefingert. Der Verstärker hatte die Größe einer hochkant stehenden Bierkiste. Ich ließ meine Hände über das rundum mit Tweed bespannte Gehäuse streichen. Dieser, aus hellbraunen und dunkelbraunen Fäden bestehende, im Fischgrätmuster gewebte, diagonal verlaufende Bespannstoff war etwas gröber, als bei den neuen Verstärkern. Er war auch nicht so gelb sondern eher mittel braun und fleckig verfärbt. Bis auf einige kleine Stoßstellen und einer Macke in der Front, war er gut erhalten.

Vorn auf der Frontseite oben links war, groß wie ein Tennisball, das runde, leicht nach außen gewölbte Schild mit dem wappenförmigen Logo und der Aufschrift: National Trade Mark.

Dort wo der Lautsprecher saß hatte man eine Runde Öffnung in das Gehäuse gefräst und zwei Streben als Schutzgitter stehen gelassen. Auch die waren sorgfältig mit Tweed umklebt. Dahinter war ein dunkelbrauner Leinenstoff gespannt. Der Lautsprecher war mit vier sternförmig verzierten Schrauben in der Frontplatte befestigt.

Ein dicker, wulstiger und abgewetzter Ledergriff war oben mit zwei Metalllaschen auf das Gehäuse geschraubt.

Ich hatte ähnliche Verstärker gesehen auf den Covern meiner alten Platten oder auf den Fotos in manchen der CD-Inlays. Wie oft hatte ich diese Fotos akribisch nach versteckten Kleinigkeiten abgesucht aber diesen Amp hatte ich noch nie gesehen, wenigstens nicht bewusst.

Von hinten war das obere drittel abgeschrägt und bestand aus einer beigebraunen, militärfarbenen Metallplatte, die eingeschraubt war. In der oberen Hälfte dieser Metallplatte befand sich eine Öffnung, etwa groß wie ein Briefschlitz. Ein Gitter in gleicher, beigebrauner Farbe deckte die Öffnung ab und wurde durch zwei Rändelschrauben gehalten. Durch das Gitter konnte man zwei kleine und eine große, silbern beschichtete Röhre schimmern sehen.

Unter dem Gitterblech war das alu-silberne Bedienpaneel mit drei Klinkenbuchsen angebracht. Darüber stand in eingeprägten Buchstaben „Instruments“. Drei Stück dachte ich und sah vor meinen Augen wie sich eine ganze Band auf diesen kleinen Verstärker stürzt um ihre Gitarren einzustöpseln. Bei dem Gedanken tat der Kleine mir richtig leid.

Sonst war auf dem Paneel nur noch ein Kippschalter mit der Bezeichnung „ON/OFF“. Daneben eine Kontrollleuchte mit einer, wie ein Diamant geschliffenen Abdeckkappe, eine Sicherung und ein einziger Drehknopf mit der Bezeichnung „Volume“.

Schwarz eingeätzt stand auf dem Paneel: National Dobro Corp. Chicago Ill. Model 75, Serial Nr. 1607.

Der untere Bereich bestand aus einer angeschraubten, ebenfalls mit Tweed bespannten Rückwand. In diese Rückwand waren vier Schlitze gefräst als Lüftung, die von der Innenseite wieder mit dem gleichen braunen Leinenstoff bespannt waren.

So, dachte ich, jetzt lass mal was hören.

Ich steckte das weiße Plastikkabel welches unten aus der Rückwand geführt wurde in die Steckdose und dachte sofort, dass ich das als erstes auswechseln würde. Das war ein echter Stilbruch. Wenn es wenigstens ein schwarzes Kabel gewesen wäre. Ich würde mir ein, mit Stoff umwebtes Bügeleisenkabel besorgen. Das würde schon eher passen. Irgendjemand musste den Verstärker ja schon umgerüstet haben von 110 Volt der amerikanischen Netzspannung auf unsere 240 Volt. Dann hatte er eben ein Kabel genommen, das man heutzutage so hat und die sind eben weiß.

Kippschalter ON und die Kontrollleuchte brannte. Naja, Georg hatte ja gesagt, er würde tadellos funktionieren, und so richtig beschissen hatte er mich eigentlich nie in den ganzen Jahren, die wir uns kannten.

Ein leichtes Brummen setzte ein. Is normal, dachte ich, wenns nicht lauter wird. Alte Röhrenverstärker brummen immer etwas. Also, Klinkenkabel rein und die Testphase begann.

Mit verschiedenen Gitarren wie Strat, Dobro und was sonst noch so herumstand, betrug die Testphase ganze zehn Minuten. Nachdem meine erste Euphorie vorüber war, musste ich eingestehen, dass dieser Verstärker nicht die Bohne taugte und einfach beschissen klang.

Er war leise, zerrte auf unnatürliche Weise und entsprach nicht im geringsten dem Klangbild, dass ich von alten Plattenaufnahmen gewohnt war.

Ich hatte ja nicht erwartet, dass mich der Verstärker gleich umbläst, aber son kleines bisschen nach Röhrenamp hätte er ja schon klingen können.

Ich stöpselte meinen Vox-AC-30 ein, der sofort meine Hosenbeine zum flattern brachte und wie ein Bewegungsmelder funktionierte. Durch das Kellerfenster sah man die Lichter im Nachbarhaus aufflackern. 30 Watt sind beim Vox eben 30 Watt. Dieser Verstärker war mir meistens zu groß und ich benutzte ihn selten. Ich wollte nur mal eben einen Vergleich hören, auch wenn der Größenunterschied unfair war, aber das war eben Röhre.

Letztendlich musste ich nach weiteren zehn Minuten eingestehen, dass sogar mein 8 Watt, Vox-Escort Transistoramp im Batteriebetrieb noch besser klang, als diese neue, tweedbespannte Hutschachtel.

Ich war ratlos und zugegebenermaßen enttäuscht. Was tun sprach Beuys. Er war ja nicht kaputt ( den Verstärker mein ich). Jedenfalls tat's alles. Und alles, was er hatte war: An-Aus, Laut-Leise. Mehr war nicht. Aber, dass er im Original so geklungen haben sollte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Er hätte jeden Musiker blass aussehen lassen und wenn ich mir vorstellte, dass ein schwarzer Musiker den Amp gespielt hat, wusste ich gar nicht, ob das überhaupt geht, blass auszusehen meine ich.

Ich versuchte es am nächsten Tag wieder, aber das Ergebnis war das gleiche. An dem Ding herumzuschrauben hatte ich mir von vorn herein untersagt. Stecker löten, Potis anschließen oder einen Pickup anklemmen, das war Ok aber an einen Röhrenamp hätte ich mich nie rangetraut.

Diese Geräte hatten was geheimnisvolles. Plötzlich britzelte was, oder es rausche und fauchte wie ein altes Radio, dass sich nicht zwischen zwei Sendern entscheiden kann. Aber Röhrenamps hatten leider keine Sendersuchwahl, mit der man das Programm klar einstellen konnte. Ich drehte dann wahllos an den Potis herum, was meistens noch ein ohrenbetäubendes Knacken hinzufügte und schlug leicht mit der Faust aufs Gehäuse. Nochmal und wie durch ein Wunder war alles wieder auf das leichte fünfzig-Hertz Grundbrummen, an das ich mich schon gewöhnt hatte, reduziert.

Das sind die Röhren hieß es dann immer. Und wenn ein leichtes Klopfen widererwartend nicht ausreichte, half auch schon mal ein leichter Tritt mit dem Fuß, dessen Stärke durch die aufkommende Wut und durch die Ehrfurcht vor dem heiligen Gehäuse bestimmt wurde. Half das auch nicht, war die Probe gelaufen und man war froh, dass das nicht auf einem Gig passiert war.

Klar hatte ich schon mal die Rückplatte eines Röhrenamps abgenommen und die Grundplatte mit den Bauteilen herausgezogen. Diese Bauteile, die mit verschiedenfarbigen kleinen Drähten verbunden waren und in anscheinend zufälliger Anordnung auf der Metallplatte saßen, sahen für mich immer aus, wie die Miniaturausgabe einer riesigen Industrieanlage. Kleine silberne Zylinder, die wie Flüssigkeitstanks auf drei Beinen standen. Mehrfarbige, kleine Plastikröhrchen, nicht größer, als abgeknickte Streichhölzer und die, je nach Größe und Typ des Verstärkers unterschiedliche Anzahl von Glühbirnen mit silbrigem Überzug, oft von der großen Hitze geschwärzt. Dort, wo der quecksilberfarbige Überzug endete, konnte man im Innern dieser Röhren die gitterförmigen Drahtgebilde sehen, die bei Inbetriebnahme erst langsam und dann immer intensiver zu glühen begannen. Anders als bei herkömmlichen Glühbirnen war es ein gelbliches, rotes, warmes Schimmern. Diese Röhren waren das Herzstück dieser alten Amps.

Ich wagte höchstens mal diese Röhren auf ihren richtigen Sitz im Sockel zu prüfen, indem ich sie mit einem Taschentuch vorsichtig anfasste, an ihnen wackelte, um sie dann herunter zu drücken, natürlich bei abgeschaltetem Verstärker und nachdem sie sich abgekühlt hatten, Sie hatten unten einen Kranz von vielen Drahtstiften, die genau in die Löcher des Plastiksockels passten und den Strom leiteten.

Früher waren in jedem Radio solche Röhren, aber dann hatte man den Transistor erfunden und die durchaus anfälligen und vor allem großen Röhrenbauteile wurden vom Markt verdrängt.

Da stand ich also vor meiner Tweedkiste und wusste nicht weiter. Ich schraubte vorsichtig die Gitterplatte hinten ab und konnte durch die kleine Öffnung die drei Röhren sehen. Sie schimmerten hell und gleichmäßig. Mehr viel mir nicht mehr ein. Also, Deckel wieder drauf, Stecker raus und ab ins Regal. Dann holte ich ihn doch nochmal raus und öffnete die rückseitige Abdeckung. Einige Schrauben waren alt und noch mit Schlitz. Zwei, drei Schrauben hatten einen Kreuzschlitz und waren erneuert worden. Die obere, rechte Schraube hatte keinen richtigen Halt. Ich nahm die Platte ab und sah, dass die Leiste, die die Platte halten sollte, gesplittert war. Es war ein alter Bruch, der schon mit Flusen, Staub und Dreck überzogen war.

In der linken Ecke hatte man den Umspanntrafo angeschraubt mit dem weißen Netzkabel. Das andere Ende mit der niedrigen 110 Volt Spannung war an den alten, amerikanischen Stecker angeschlossen worden. Das freute mich. So war alles noch original.

Ansonsten konnte ich nichts feststellen. Kein loses Kabel und der Speaker war nicht beschädigt. Nur, dass in allen Ecken Staubfussel saßen und ein altes Plektrum schon verhungert und abgemagert auf dem Boden kauerte. Ich fischte es auf und dachte sofort, dass es vielleicht Robert Johnson gehört haben könnte. Als ich die Aufschrift „Peavey“las verwarf ich den Gedanken.

Doch plötzlich überkam mich ein merkwürdiges Gefühl. Ich starrte in die alte Kiste und spürte, wie nah ich meinen großen musikalischen Vorbildern war. Das alte Holz mit der Patina aus Schmutz und alten Kleberresten. Der alte Speaker. Die waren dabei gewesen. Echte Zeitzeugen. Wer hatte auf diesem Amp gespielt. Welche Musik war aus dem Lautsprecher gekommen und vor allem, wo war dieser Amp überall gewesen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Clubs ausgesehen haben mögen, wo dieser Verstärker auf der Bühne stand. Gute Gigs, scheiß Gigs. Wie hatte er geklungen?

Das brachte mich wieder zurück. So wie jetzt bestimmt nicht, dachte ich und schraubte mit einer gewissen Ehrfurcht den Deckel wieder zu. Schade dass die eine Schraube nicht mehr zog. Wegen dieser ge- oder beknackten Leiste. Ich stellte ihn zurück in das Regal und würde ihn reparieren lassen. Nicht irgendwo, sondern es gab nur eine Adresse und die hieß Herbert Lohmeier.

Mittlerweile war es ein Problem, jemanden zu finden, der sich mit dieser fast veralteten Technik auskannte und dazu auch noch eine Vorstellung davon hatte, wie diese Verstärker klingen mussten. Denn natürlich konnte man mit verschiedenen Bauteilen den Klang derart beeinflussen, dass nur das Gehäuse des Verstärkers ihn überhaupt als solchen erkennen ließen.

In meinem Bekanntenkreis gab es so jemanden. Eben Herbert Lohmeier.

Es eilte ja nicht und bei der nächsten Gelegenheit würde ich den Amp zu Herbert bringen. Bis dahin stand er als Ausstellungsstück in meinem Kellerregal neben unzähligem anderen Equipment, das sich in so einem Musikerdasein ansammelt.

Herbert Lohmeier

Es waren einige Wochen ins Land gegangen und wir hatten ein paar Jobs gespielt. Diesmal im Trio mit Georg Rapse, der mir den Amp verkauft hatte, Klaus Oppermann und ich. Wie schon erwähnt nannten wir uns Blue Buskers und spielten Country Blues in akustischer Besetzung. Georg mit Mundharmonika, Klaus mit Akustik Gitarre und ich mit Dobro, Banjo und Mandoline. Akustische Besetzung hieß hier aber nicht Zimmerlautstärke, sondern nur, dass die Töne durch akustische Instrumente erzeugt wurden und dann das gesamte Potential einer Aufbereitungsanlage durchliefen, von Vorverstärkern bis zum Powermixer und satten JBL Speakern, die weder vor einem Marktplatz noch vor einer Bigband Angst hatten. Unser größtes Potential war jedoch Klaus, der mit seiner Rhythmustechnik aus einer sechs saitigen Gitarre einen Teppich legte, der weder Schlagzeug noch Bass vermissen ließ. Ok, es war nicht immer authentisch, aber wirksam, und der Aspekt von Gage im Zusammenhang mit Aufwand an Musikern war hier nicht mehr zu toppen.

Georg und ich hatten im Duo 1989 angefangen und kurz darauf Klaus mit ins Boot genommen. Seit dem waren wir eine feste Formation und hatten jede Menge Jobs hinter uns gebracht.

Ich kam gerade von einem Stadtfest zurück, auf dem wir im Abendprogramm gespielt hatten. Auch wenn ich mich noch so anstrengen würde, gäbe es über diesen Job nicht viel zu erzählen. Waffelbude, Kinderkarussell, Bühne, Waffelbude, Kinderkarussell und Bühne 2, und dann Würstchenbude, wieder Kinderkarussell, dann keine Waffelbude, sondern Modeschmuck, Raupe, Pizzabude, Elternkindgruppe mit Waffeln und Bühne 3. Sollte ich was vergessen haben, so habe ich es wohl verdrängt, ist mir auch egal, jedenfalls hatten wir untereinander unseren Spaß und das hatte den Leuten wohl auch gefallen. Es hatte sich zumindest eine Traube vor Bühne 3 (die Bühne neben der Kindergruppe mit Waffelbude) gebildet.

Wir hatten zwar eine Genehmigung, mit der wir in die Nähe der Bühne fahren konnten, aber trotzdem trägt man Gitarren, Verstärker, Ständer und jegliches Zubehör durch eine Traube von Menschen, die von allem anderen fasziniert sind, außer von Musikern die Equipment schleppen. Entschuldigung, Achtung, kann ich mal vorbei, tut mir leid, Verzeihung, bitte Platz machen, einmal noch, können Sie einen Schritt zu Seite gehen, Danke schön…

Ich war jedenfalls froh zuhause angekommen zu sein und freute mich die verschwitzten Klamotten ausziehen zu können, oder glaubst du, wir hätten da eine Umkleidekabine gehabt? Und ich freute mich auf das erste Bier als Absacker.

Aber! Auch wenn ich mich wiederhole. Erst musste der ganze Kram in den Keller. Warum soll man sich nicht wiederholen, wenn sich in Wirklichkeit auch alles immer wiederholt. Mischpult, Boxen, Ständer, Kabelkiste und der ganze Kram in den Keller, wie immer. Naja, so ganz wie immer war es nicht gelaufen. Dieses mal war es nämlich besonders schön. Nachdem ich zum sechsten mal, voll bepackt die Stufen runter geeiert war, hatte ich alles unten und löschte das Licht. Oben angekommen sah ich die Kabeltrommel, die ich vergessen hatte und das Bier hatte ich auch nicht mit hoch gebracht.

Also, noch mal runter. Kein Licht gemacht, den Weg kenne ich ja. Durch den Vorkeller, wo das Bier steht, dann um die Ecke, Tür auf und ich befand mich im Musikkeller. Der war nur noch etwa einen Meter tief zu begehen, da alles, aber auch wirklich alles rum stand und nach aufräumen schrie und im Dunkeln konnte man das besonders laut hören. Ich hatte die Kabeltrommel gerade abgestellt, als ich hörte, wie etwas hinter mir ins Rutschen geriet und mit schepperndem Geräusch zu Boden knallte. Irgend so’n Mikroständer dachte ich und war schon wieder auf dem Weg in den Vorkeller, als sich plötzlich der gesamte Sternenhimmel mit samt Milchstraße in meinem Keller versammelt hatte. Ein stechender Schmerz, genau zwischen den Augen. Mein Kopf schlug zurück und ich taumelte rückwärts. Suchte, mit den Armen rudernd, irgendwo Halt. Bekam etwas zu fassen, was nachgab und fiel, wie ich viel später feststellte, über den Kabelkoffer in das Equipment einiger Provinzkapellen und landete mit dem Rücken auf der Kugelecke eines Vox-AC 30 Flightcase. Dann gab es einen dumpfen Ruck und?...

Ich mach hier mal ne Pause, denn erstmal war lange gar nichts mehr.

Ich wagte nicht die Augen zu öffnen und spürte einen starken Druck im Gesicht. Meine linke Gesichtshälfte schien wie gelähmt.

Langsam bewegte ich meinen Rücken und mir schossen Gedanken durch den Kopf wie, welches Instrument man im Rollstuhl am besten spielen konnte. Als erstes fiel mir Keyboard ein. Oh nee dachte ich, das ist es nicht. Dann eher Steelgitarre. Das gefiel mir schon besser. Ich fand es bemerkenswert, auf welche Gedanken man in solch einer Situation kommt. Meine Arme konnte ich bewegen. Ich versuchte mich aufzurichten und dann geriet ich mit den Fingern der linken Hand zwischen Standbein und Mittelstrebe eines Boxenständers. Je fester ich zudrückte, umso größer der Klemmeffekt. Im Vergleich zum Rest war das nur Spaß. Schließlich bewegte ich die Arme in Richtung Gesicht und fühlte, einen kistenartigen Gegenstand. Es roch nach Alt und Muff, leicht süßlich und ein bisschen nach Märklin Eisenbahn. Ich hob die Kiste zur Seite und spürte, wie mir eine warme Flüssigkeit auf den Nasenrücken zu lief und dann die Kurve in Richtung Augenhöhle nahm. Das brummen im Schädel würde ich im Nachhinein so um die 40 Herz einstufen, aber ich konnte mich bewegen. Vorsichtig stemmte ich mich aus meinem Zubehör und tastete mich zum Lichtschalter. Viel sehen konnte ich noch nicht, aber langsam wurde mir klar, was passiert war.

Ein Mikrofonständer war hinter der Tür umgefallen und hatte die Tür genau so gestellt, dass sie mit der Falzkante zwischen meine Augen gepasst hatte. Maßarbeit, und ich war, auf dem Weg nach draußen, drauf reingefallen. Ich war voll gegen die Türkante gesemmelt und zurückgeschlagen.

Dabei musste ich im Fallen den verdammten Tweedamp aus dem Regal geholt haben und hatte ihn auf die Rübe gekriegt.

Während ich, noch völlig benommen, den Raum verließ, hörte ich wie hunderte von Teilen schrieen: Aufräumen, aufräumen, aufräumen.

Auf dem Weg nach oben, nahm ich im Vorraum noch drei Flaschen Bier mit. Mein Gedächtnis funktionierte also noch.

Oben im Spiegel sah ich die Platzwunde auf der Stirn. Eine breite Blutspur war mir durchs Gesicht gelaufen. Das musste von der Tür stammen.

Und was war das? Ich hatte ein Tweedmuster auf der Backe. Oh nee, eindeutig. Ein fischgrätartiger Abdruck auf der Backe und einen üblen Kratzer über der rechten Schläfe. Eine richtige Klinke. Verdammte Scheiße.

Das kalte Wasser tat gut. Schließlich ging’s einigermaßen und die drei Absacker taten den Rest dazu.

Morgen, falls ich aufwachen sollte, würde ich den ganzen Krempel aufräumen, und zwar picobello. Das war mal klar.

Die Kopfschmerzen waren noch nicht ganz weg, oder hatten sich mit weiteren Absackern gefestigt.

Gegen Mittag wälzte ich mich aus dem Bett und fand, dass der Typ im Spiegel beschissen aussah. Außerdem hatte er ein gewaltiges Hörnchen zwischen den Augen mit einer länglichen Platzwunde und eine eiternde Bratze auf der Stirn. Eis war alle, hatte ich am Abend schon aufgebraucht, also musste es ein kalter Lappen tun. Irgendwann war ich es dann auch leid mit dem Gejammer und begab mich an den Ort des Geschehens.

Ich wusste einfach nicht, wie ich anfangen sollte. Es gab eben Sammler und Jäger und vom Jagen hielt ich nicht viel. Also hatte ich gesammelt, weil man eben nicht weiß wozu es mal gut sein konnte.

Das Regal an der rechten Wand war voll. Zwei Meter mit Gitarrenkoffern, der Rest mit Kleinteilen, wie Pick-ups, Schnallen, Stecker, Schräubchen, Potis und allen anderen Bauteilen, die sonst noch an Gitarren und Koffern dran waren. Alles sorgfältig in Stapelkisten sortiert, denn ich bin ja kein Chaot. Kisten mit Effektgeräten aus der Rubrik Sondermüll oder Elektroschrott. Kisten mit Kabeln, Adaptern, Kupplungen und ein Regal mit alten Kassettenrekordern, ausrangierten Phonoteilen, Lampen, ein alter Boss 6-Kanal Mischer und so weiter.

Andere Seite. Ein Regal mit Fachzeitschriften, Songbüchern, Katalogen. Eine Ecke mit original Kartons der Geräte, die ich in zwanzig Jahren gekauft hatte.

Eine Seite mit einer Arbeitsplatte, die zugestellt war mit Teilen, die sich in der Reparaturphase befanden.

In der Mitte des Raumes stand ein Schlagzeug, oder besser gesagt ein Haufen von Tonnen, die auf den ersten Blick so aussahen.

Das war schon eine Geschichte für sich.

Ich hatte vor Jahren die ersten Teile auf Flohmärkten zusammengesucht. Eine kleine Basedrum und ein HiHat. Diese Teile hatte ich damals umgebaut und mit einem Tragegestell versehen. Die Hi-Hat Mechanik war durch die Basedrum geführt. Mit zwei Bändern, die mit Ösen an die Hacken von meinen alten Wanderschuhen befestigt worden waren, konnte man das Ganze bedienen. Hatte man das Gestell auf dem Rücken, konnten die Bänder eingestellt werden. Trat man mit dem linken Fuß auf, straffte das Band den Fußhebel der Basedrum und es machte Bumm. Trat der rechte Fuß auf machte es Tsching, indem die beiden Hi-Hat Becken zusammenfuhren.

Es brauchte etwas Übung, aber funktionierte. Bumm, Tsching, Bumm Tsching, oder auch Bumm Bumm, Tsching.

Da ich jedoch ein geselliger Typ bin, kam das Teil nicht oft zum Einsatz. Eine One-man Band ist doch etwas für Einzelgänger.

Eines Tages kam ein Typ zu Besuch der zwei Straßen weiter in einer Wohngemeinschaft wohnte und wir hatten uns schon gut die Kante gegeben mit selbst gemachtem Pflaumenwein. Er erzählte, wie er früher mal Schlagzeug gespielt hatte und ich zeigte ihm meine Höllenmaschine.

Er war total begeistert und wollte sich das Ding unbedingt ausleihen. Ich willigte schließlich ein. Noch ein paar Gläser Wein und gegen drei Uhr morgens schulterte er schwankend meine Schießbude. Die Schuhe waren ihm etwas zu groß, aber er bestand darauf, sie gleich auszuprobieren und zwar mit Bändern. Mit lautem BuTschimmTschingbuBumm polterte er durch den Flur und konnte sich gerade noch an der Garderobe festhalten.

„Haahatte im immer sch'n ne Vo'liebe mitte Fills“, lallte er und ich schob ihn vorsichtig zur Haustür. Er versuchte, mich mit einer Umarmung zu verabschieden, die mit einem lauten Tsching Bumm Bumm untermalt wurde und dann schob er ganz langsam und konzentriert ab. Rechter Fuß, linker Fuß, Tsching Bumm, Tsching Bumm. Es war zwar nicht so ganz in der Time aber schön im Wechsel.

Ich blieb in der Haustür stehen und lauschte lachend der Schützenfest Kapelle, die grölend durch die Straße zog. Der Rhythmus wurde schneller, eierte zunehmend, wurde wieder langsamer und entfernte sich hallend zwischen den Häuserblöcken. Dann kam der erwartete Fill, nahezu akrobatisch. Ich hätte nicht gedacht, dass man mit zwei Schlagzeugteilen so einen Wirbel hinbekommt. Direkt danach kam der Break und es war totenstill in unserem Wohngebiet. Es dauerte eine Weile, bis man das leise Geschepper eines vor sich her getragenen Schlagzeugs hörte, ohne Gegröle.

Irgendwann hab ich die Teile wieder bei ihm abgeholt und noch ne Snaredrum dazu gekauft. Becken hab ich geschenkt bekommen und auf einen alten Mikroständer geschraubt. Die Basedrum und das Hi-Hat wurden wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. So stand es nun im Keller und ab und zu wurde drauf rum gehauen. Nur so aus Spaß.

Dadurch räumte sich der Keller aber auch nicht weiter auf.

Drei Verstärker standen noch da rum, unter anderem der bereits erwähnte AC-30 mit den mordlustigen Kugelecken, und natürlich das was ich regelmäßig rauf und runter schleppte.

Ich fing an, alles erst mal rauszustellen in den Vorraum und dann systematisch zu stapeln.

Irgendwann hatte ich auch die alte Tweed Kiste, die mir den Stempel verpasst hatte, in der Hand. Der Abdruck auf der Backe war fast weg. Das hätte mir noch gefehlt, mit dem ganzen Spott der Anderen. Tweedbacke war ja nicht gerade ein Spitzname, den man sich wünscht.

Die Bratze auf der Stirn brannte jedoch wie verrückt und hatte sich entzündet. Als ich die Kiste näher untersuchte, fand ich heraus, dass mir eine von den verzierten Nieten, mit denen der Speaker eingeschraubt war, diese Klinke verpasst haben musste. Das Scheißteil sollte sowieso zu Herbert.

Ich brachte den Verstärker nach oben und stapelte weiter meine Schätze. Nach einer guten Stunde hatte ich mehr als drei Quadratmeter Freiraum und eine Eingangstür die neunzig Grad aufging und dort blieb. Suuper.

Ich kochte Kaffee und rief Herbert an, der erst noch zur Kinder-Kommunion musste, aber abends wieder zuhause wäre. Es war also noch Zeit mich zu pflegen, und das ging am besten mit schlafen. Sofa, Hängematte, Sessel, in den Dingen war ich bescheiden und nicht wählerisch. Lieber im Stuhl einschlafen als im Schlaf einstuhlen, dachte ich.

Bevor ich los fuhr, versuchte ich meine entstellte Frontpartie noch etwas zu kaschieren. Das Stirnband sah albern aus und mochte bei Jimmy Hendriks oder diesen japanischen Kampffuchtlern funktionieren aber nicht bei mir. Die Kappe verursachte starke Schmerzen und ich musste sie dermaßen tief ins Gesicht ziehen, um die Delle zu verdecken, dass ich Angst hatte sofort gegen die nächste Tür zu rammeln. Also klassisch, mit Hansaplast, hautfarben und ohne Mickymäuse. So ging's. Nur die Entzündung bereitete mir einige Sorgen. Mit einer Blutvergiftung war nun mal nicht zu spaßen, aber soweit war’s ja noch nicht.

Es war kurz vor sechs abends, als ich an den kleinen Reihenhäusern im Eulengraben entlang fuhr. Gepflegte Häuser, die alle vor etwa fünfzig Jahren gebaut worden waren und in ihrer Bauart und Vorgartenkultur dermaßen gleich aussahen, dass ich jedes mal Mühe hatte das richtige zu finden. Die Hausnummer fiel mir auch erst dann wieder ein, wenn ich davor stand. Hier musste es sein. Nr. 24. Kleine Mauer, zwei Meter Rasen, mit Buchsbaum eingefasst. Waschbetonplatten, zum Teil etwas eingesackt, führten auf eine dreistufige Betontreppe mit Terrazzobelag zu. Eine eichene Haustür mit gelbgrüner Bleiverglasung, schmiedeeisernem Gitter und einem abgewetzten Posthorngriff aus brüniertem Alu.

Kaum war der schnarrende Ton der Schelle verklungen, öffnete eine kleine untersetzte Frau um die fünfzig in einem ballonseidenem Jogginganzug die Tür.

„Hallo, ist Herbert da“, sagte ich mit freundlichem Lächeln, um die Tür nicht vor die Nase geknallt zu bekommen. Ich weiß bis heute noch nicht, ob es die Schwester, Frau oder Schwägerin von Herbert ist und bevor sie kurz, „Is im Keller“, sagen konnte, war der Flur erfüllt von lautem Gekläff und dem Gekratze von etwa 30 Hundepfoten, die sich auf der glatten, eichenen Treppe rechts neben der Eingangstür den Weg nach unten bahnten. Nachdem mir jetzt die Tür wirklich vor die Nase geknallt wurde, sah ich durch die Scheibe ein weiß, graues Knäul durch den Flur toben und hörte die Frau keifend: „Ronnie, Ronnie, kommst du wohl hierher“. Die Tür unter dem Treppenaufgang, da wo immer die Kellertüren sind, öffnete sich und ich sah durch die grüne Bleiverglasung die Umrisse von Herbert auftauchen.“Ja was hat er denn, willst du wohl artig sein, Ronnielein“, hörte ich ihn säuseln. Erst nachdem das wuselige Wollknäul beherzt gepackt worden war und unter dem Arm der Frau eingeklemmt weiter kläffte, wurde die Tür wieder geöffnet und ein gedehntes „Hallooo, komm rein“, von Herbert brachte mich dem Keller von Herbert etwas näher. Denn da wollte ich schließlich hin. Aber erst musste man diese Hürde überwinden. Ich schluckte ein genervtes „Oh man“runter und sagte nur kurz: „Hi Herbert, brauche mal wieder deine Hilfe“. „Oh, bis'de wo gegen gelaufen“, deutete er auf meine Stirn. „Meistens hasse’s am Kopf, is bei mir auch immer“, sagte er noch und für mich hieß das, dass meine Macke doch auffälliger war als der Amp, den ich in der Hand hielt. Und das bei Herbert. Doch schließlich kam das erwartete:“Hey, was haste denn da Schönes“, oder so ähnlich, denn es ging durch das laute Gekläff des Zwergpudels unter. Herbert trug den gleichen ballonseidenen Jogginganzug mit blau-rosa Querstreifen, wie die Frau, die jetzt, nachdem die Haustür zu war, den Hund absetzte. Auch das noch und ehe ich mich versah hatte ich ihn erst am linken Bein und dann am rechten hängen, worauf hin er mit lautem Gekläff die Eichentreppe hoch wuselte, auf halbem Weg kehrt machte und mir plötzlich zwischen die Beine geriet, als ich gerade Herbert in den Keller folgen wollte. Ich wäre um Haaresbreite die extrem steile, geflieste Kellertreppe mit samt Amp heruntergeschossen und bekam gerade noch das Geländer zu fassen. „Ronnie, kommst du wohl her“rief Herbert und sagte dann noch: „Das macht er gerne, der alte Racker, da muss man aufpassen“.

Ich stellte fest, dass Ronnie so gut wie keine Beine hatte. Jedenfalls waren sie so kurz, dass ich ahnte woher der Spruch kam „Komm, lass uns um die Häuser ziehen“. Das kam wohl vom vielen herumschleppen aufm Arm. Da bildet sich sowas zurück.

Dong! Ich war mit dem Kopf von unten gegen die nach oben führende Holztreppe geknallt, unter der sich der Kellerabgang nach unten wendelte. Direkt über mein Hörnchen. Zwar nicht so wie gestern Nacht, aber für ein lautes“Scheiße“reichte es allemal.

„Lecker, lecker“, rief die Frau im ballonseidenen Jogginganzug und Ronnie verschwand unter lautem Kläffen nach oben.

Herbert war schon fasst unten und hatte es nicht mitbekommen, was mir eine Bemerkung seinerseits ersparte.

Der Vorraum, in den die Kellertreppe führte, war zum Teil mit Hifi - Phonoanlagen und Fernsehern neuerer Bauzeit zugestellt, neben den Wäscheständern, Getränkekisten und anderen Haushaltsgeräten, die sich in fast allen Haushalten in den Kellerräumen befanden.

Herbert schlängelte sich behände auf seinen Gummischlappen, die bei jedem Schritt das Geräusch von spärlichem Applaus machten, durch die Gänge. Klatsch, klatsch, klatsch, und ich folgte ihm in demütiger, stark nach vorn geneigter Haltung, immer darauf bedacht den Amp nicht gegen eine Waschmaschine oder sonstige Geräte knallen zu lassen. „Haben sie Flipflops?“ „Nein leider nicht. Wir haben nur noch ein Paar Klatsch Klatsch“. „Na gut, dann nehm ich die“, schoss es mir durch den Kopf.

Der Keller hatte eine Stehhöhe von ca. Einsneunzig, abzüglich der kreuz und quer unter der Decke verlaufenden Versorgungsleitungen. Herbert war etwa Einsachtzig groß und ging fast immer aufrecht. Er zog nur gelegentlich den Kopf ein,