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In der Morgenröte der Globalisierung erlebt die Pomp Internationale Spedition eine ungeheure Expansionsphase die sich auf fast alle Kontinente erstreckt. Das explosionsartige Wachstum erfolgt allerdings unkontrolliert, schlecht organisiert und unterfinanziert. Dazu kommen menschliche Schwächen. Wie die Selbstüberschätzung und Prunksucht der Inhaber. Ausnutzen der Organisationsschwächen durch (insbes. leitende) Mitarbeiter. unkontrollierte und regulierte Reisetätigkeit, Spesenrittertum das nur allzuoft im seichten Millieu endet. Bis hin zu aktiver Bestechung, Betrug und Unterschlagung. Ein Zustandbericht der internationalen Spedition in den sechziger und 70 Jahre. Mit illegalen Praktiken der am Transport beteiligten bis hin zu Betrug und Unterschlagung.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2023
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PROLOG
Im Osten geht die Sonne auf
Soll und Haben
Die Fieberkurve
Auf dem Rücken des Tigers
Up, Up and away!
Mehr als Seefrach
Around the clock
Wetterleuchten
Der Ursprung der Bewegung
Ein denkwürdiger (deutscher) Herbst
Sturm vor dem Orkan
Im Auge des Taifuns
Wenn Chaos Routine wird.
Spielball der Wellen
Im sicheren Hafen?
Die Übernahme
Die Welt dreht sich weiter
Ernüchterung?
Zu neuen Ufern
Schwierige Wiedergeburt
Die nackte Wahrheit
Ein Silberstreif am Horizont?
Alarm im Hafen
Chinesische Geheimnisse.
Hauen und Stechen
Fernöstliche Scharaden
Fakten schaffen Fakten
Jeder gegen jeden
Die Kernspaltung
Schall und Rauch
Brautschmuck
Es gibt immer noch eine Steigerung
Wer zuletzt lacht
Aufbruch ins Ungewisse
Fred stand an Deck der „Maria-Regina“. Schwer und feucht atmete sich die Luft. Die typische, schwüle Hitze Hongkongs war auch in den Abendstunden noch nicht gewichen. Von der Küste leuchteten die Lichter der Insel. Der Felsen, den schottische Kaufleute vor hundert Jahren dem chinesischen Kaiser abgerungen hatten. Nicht Geschütze, Soldaten und Gemetzel, nein, Kaufmannsgeschick, Freihandel und Wagemut hatten dies für die englische Krone erreicht.
Und mit diesen Kaufleuten, den Nachfolgern des Tai Pan, dominierend in der Kolonie und weltweit tätig, hat er heute einen großartigen Vertrag geschlossen. Wie vor hundert Jahren arbeitet Jardine Matheson erfolgreich unter dem Zeichen der schottischen Distel und der chinesischen Jade. „The Thistle and the Jade“, Flaggschiff des Kapitalismus, größter Grundbesitzer in Hongkong, dominierend in vielen Geschäften, hat mit ihm, dem aufsteigenden Spediteur aus der oberhessischen Provinz eine Joint Venture für das Luftfrachtgeschäft gegründet. Mit ihm, der aus dem seit zwei Generationen dahindümpelnden Fuhrkutschergeschäft eine international tätige, weit verzweigte Spedition gemacht hat.
Ja, er war der Macher. Durch seine Heirat ist eine glückliche Verbindung zustande gekommen. Der Schwiegervater ist nicht nur ein Pionier des deutschen Versandhandels, er hat auch als erster die Chancen im Import aus Fernost erkannt. Textilien, Spielzeug, Hartwaren aus Südchina, Elektronik aus Taiwan und Singapore, HIFI und Fernseher aus Japan. Immer mehr kaufte er in den sogenannten Tigerstaaten. Überall tauchten seine Einkäufer auf und andere Handelskonzerne folgten seinen Spuren. Trotz aller ideologischen Phrasen des Kalten Krieges war die rotchinesische Grenze für den Handel offen. Der Pragmatismus chinesischen Geschäftssinns unterschied sich deutlich vom Betonkopfdenken des real existierenden Sozialismus in Europa. Die Güter strömten unaufhörlich, Tag und Nacht auf Lastkähnen, Dschunken und Feeder-Schiffen in den Victoria Harbour. Der Funke war auch auf andere übergesprungen. Bald kamen Textilien aus den Philippinen und Thailand. Elektronik und Haushaltsgeräte aus Korea. An all diesen Plätzen wurden er sein Unternehmen, seine Mitarbeiter gebraucht, eröffneten sich Märkte und Chancen - lockten Gewinne.
Versonnen zieht er an seiner Parisienne. „Immer etwas Besonderes“ aus dem Duty Free. Schweizer Qualität. Stil muss man haben. Das beeindruckt selbst die hart gesottenen Schotten von Jardine Matheson.
Die Konsumgüter sprudelten aus den Fabriken Hongkongs und längst auch aus Shenzen, der südlichen Provinz des kommunistischen Chinas, in den Victoria Harbour. Dort mussten sie gebündelt werden. Vor einigen Jahren war die geniale Erfindung des Containers erfolgt. Eine gewaltige Dynamik im internationalen Seefrachtgeschäft ging davon aus. Die Waren konnten ab Fabrik in Komplett-Container gestaut werden. FCL – Full Container Load nannten das seine Fachleute. Ungeöffnet und damit ohne Beschädigungsrisiko für die Waren wurden die „Boxen“ auf die Schiffe gehoben. Kleinere Mengen von unterschiedlichen Fabrikanten wurden als sogenannte LCL-Ware (Less then Container Load) von seinen Leuten mithilfe von Subunternehmern zu Sammelcontainern konsolidiert. Das ganze Geschäft der Schiffsdokumente, Manifeste, Bill of Ladings, Konnossemente, Akkreditivhandling, all das beherrschten nur die europäischen Spediteure. Und er hatte die Besten! „People are my capital“, war sein ständiger Spruch. „Welches sonst?“ War der zynische Kommentar einiger spitzzüngiger Mitarbeiter.
Aber solche Kritteleien kamen nicht an ihn heran. Er sah Chancen überall. Mit dem Importvolumen seines Schwiegervaters konnte man Mengenrabatte aushandeln und so auch für andere Kunden günstige Konditionen bieten. Die Reedereien, die Russen von der Transsibirischen Eisenbahn überboten sich geradezu. Auch die Airlines offerierten „Vertrauliche Rückerstattungen“, Kick-backs, wie man das nannte, obwohl das eindeutig gegen die IATA-Statuten verstieß.
Noch ein letzter Schluck von seinem Campari Soda, hier an Deck der „Maria-Regina“. Natürlich gehörte die „Pleasure Dschunke“ zum Selbstverständnis des ersten unter den europäischen Spediteuren in der Kolonie. Man kreuzte vor der Repulse Bay. Hier waren die Amerikaner am Ende des Zweiten Weltkrieges gelandet und hatten die Japaner vertrieben. Das hatte ihm Mr. Norman, das malende Faktotum der Insel erklärt.
Selbstverständlich war der heute auch eingeladen. Aber die wirklich wichtigen Gäste waren die Herren von Dodwell, der Tochtergesellschaft von Jardine Matheson für die Luftfrachtgeschäfte in Hongkong. Dazu deren Kollegen von der A.S.A., dem englischen Zweig der Unternehmensfamilie. So ganz zufrieden war er nicht. Eigentlich hatte er mit dem Gouverneur gerechnet. Schließlich ist heute die FEI – Freight Express International aus der Taufe gehoben worden! Aber Mr. Dean von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Peat, Marwick, Mitchell hatte ihm versichert, dass der Abgesandte des Gouverneurs ein hochrangiger Beamter aus der Administration der Kolonie sei. Jetzt muss er zurück zu seinen Gästen und wundert sich über sich selbst. So lange ist er sonst selten allein. Da kommt man zu schnell ins Grübeln und leicht legt sich ein Schatten aufs Gemüt. Aber heute fliegen seine Gedanken nur in die Höhe. In den schwarzen Himmel über der Bucht, auf dem sich jetzt die ersten Sterne zeigen.
Er, der kleine Spediteur aus der „middle of nowhere“ wie manche Lästermäuler unter seinen Spezialisten den Stammsitz nennen. Die reiten alle auf der Peter Stuyvesant Welle „Der Duft der großen weiten Welt". Er hat heute eine Joint Venture mit den Vätern der Kronkolonie gegründet! Er hat sich schon längst aus dem Staub der Lagerhallen und den Auspuffgasen erhoben. Den Kisten und Kasten, die sein Bruder über Land transportiert. Ja, er, der Kleinere, der Jüngere der beiden. Mochte der Ältere noch so viel Wind machen mit seinen politischen Ämtern in der CDU und im Kreistag. Jeder wusste, dass er dort nur geduldet wurde wegen seiner Spenden und der Heirat ins erste und mächtigste lokale Handelshaus.
Nein, Fred atmete die Luft des internationalen Freihandels. Er war der Freigeist, der sich Avancen zur SPD leistete. Das war pikant. Das war extravagant. Das war wie von Amerongen, von Brauchitsch oder Beitz. Das war Hongkonger Jockey Club gegen Hinterwälder Kreistag. Oder Freihafen gegen Umschlaglager.
Jetzt durfte er aber nicht länger unhöflich sein und musste hinunter zu seinen Gästen. Auf der Treppe Käpt’n Dejkhoop. Ein Original. Ihm hatte man die Hinterländer Luftfracht Spedition (HLS) abgekauft und daraus das schnell wachsende Unternehmen PAS gemacht. Der „Käpt’n“ wie immer bei solchen Anlässen mit Hemd und Krawatte unter dem Jackett, aber dazu knielange Shorts und rautierte schottische Kniestrümpfe. Very british. Hier in diese Umgebung konnte ein solches Original passen. Man schrieb ihm die chinesische Übersetzung von Wasserklosett zu: „Ling Ling“, statt „Null Null“.
„Na Käpt’n Dejkhoop, alles im Griff"? „Ey, ey Sir, wir haben den Russen gestern noch abgefertigt. Jedes Mal ein hartes Stück Arbeit für die Leber. Wodka in Strömen. What shall’s. Der Kahn ist mit 500 Containern auf dem Weg nach Nachodka zur Trans-Sib“.
Fred betrat die untere Ebene. Man war von den Cocktails zu Wein und Bier übergegangen. Die Häppchen wurden gerade von eifrigen Händen aufgefüllt. Natürlich schaute alles auf ihn, erwartete einen Toast. Noch bevor ihm ein neues Glas gereicht wurde, hob er an: „Heute wird wieder einmal eine neue Seite in der Wirtschaftsgeschichte Hongkongs aufgeschlagen. Herr Wristband, sie als frischgebackener Geschäftsführer der neuen FEI, übersetzen Sie mal". Die deutsche Seite blickte etwas betreten um sich. Peter Greed, der sich mit dem üblichen Pokerface auf sein Bier zurückgezogen hatte, rettete die Situation „Today is a great day"!
Sein Schwager Dundale, Geschäftsführer für den internationalen Bereich und damit viel mehr als die rechte Hand von Fred, Mentor und väterlicher Berater, wich bei solchen Anlässen grundsätzlich geschäftlichen Themen aus. Umso mehr war er bemüht, sein Netzwerk zu knüpfen nach außen wie nach innen. Zwar wusste er, dass die Akteure im internationalen Transportgeschäft oft windig waren und ihren eigenen Vorteil suchten. Aber genauso war ihm bewusst, dass viele Geschäfte und Deals nur auf der Basis persönlicher Beziehungen möglich waren.
Hatte man nicht gerade wieder mit den Russen von Sowjusneshtrans außergewöhnlich gute Rabatte ausgehandelt? Da musste man schon bei Wodka und Kaviar mithalten, wenn es in den Verhandlungen in Moskau ernst wurde. Dabei hätte er dringend Rücksicht auf seine Diabetes nehmen müssen. „De Mudder würd schej schimpfn“, pflegte er bei solchen Gelegenheiten zu sagen, um sich gleichwohl in keiner Weise beim Essen und Trinken zurückzuhalten. Allerdings war die Verbindung zur russischen Staatsspedition äußerst profitabel. Aus Deutschland heraus teilte man sich in einer Monopolsituation das gesamte Import-Aufkommen der Sowjetunion mit zwei weiteren Spediteuren, denen man Luftfracht, Seefracht und Bahntransport überlassen musste. Man selbst war zuständig für alles, was per LKW ins Sowjetreich ging.
Sein Mantra war der „Konsolidierungsnutzen“. Gerade das Sammelgut, die LCL-Ware, war willkommen. Aus vielen kleinen Sendungen wurde ein Sammelcontainer zusammen"gebaut". Gegenüber dem Kunden rechnete man das Einzelgewicht ab. Gegenüber dem Frachtführer das Gesamtgewicht, was natürlich zu einem wesentlich besseren Preis pro Kilo führte. Den „Nutzen an der Fracht“ nannten das die cleveren Geschäftsfreunde von Lackner & Schwarz in Wien. Tüchtige, international erfahrene Spediteure, deren Vertrauen er gewonnen hatte. Noch immer war er stolz darauf, dass er diese mit allen Wassern gewaschenen Kaufleute zu einer engen Verbindung mit Pomp bewegen konnte. Paul und Benno Schwarz kamen aus der jüdischen Gemeinde in Rumänien. Nach dem Krieg war es ihnen gelungen, in Wien eine renommierte und ertragsstarke internationale Spedition aufzubauen. Paul, der Neffe, parlierte in sechs Fremdsprachen. Im jüdisch dominierten Textilgeschäft in Wien war man bestens vernetzt und als weitere Stütze gab es die Viehtransporte aus Osteuropa. Dazu den Weinexport aus allen großen Weinanbaugebieten in Europa, speziell nach Japan. Geködert aber hatte er die beiden mit den Textilimporten aus Fernost über die Transsibirische Eisenbahn. Das ersparte den Nachlauf aus den Seehäfen Hamburg, Bremen oder Rotterdam. Die Waggons wurden direkt an die österreichische Grenze geroutet. Paul hatte schließlich seinen Onkel davon überzeugt, dass es Vorteile hatte, sich einer großen Organisation anzuschließen, und so hatte man 60 % der Lackner & Schwarz Ges.mbH an Pomp verkauft.
In Gedanken rekapitulierte Dundale die Entwicklung der vergangenen Jahre, seitdem man auf der Basis des Pferdemann-Mail-Order (PMO) Einkaufsvolumens in das fernöstliche Abenteuer eingetreten war. Noch viel mehr wird jetzt über die Transsibirische Eisenbahn gehen. Dieser Verkehr ist eine Pionierleistung. Gemeinsam mit einem renommierten Schweizer Spediteur hat man diesen Weg zusammen mit den Russen zu einem zuverlässigen Dienst ausgebaut. Ganz neue Destinationen erreicht man so. Zum Beispiel aus der russischen Steppe heraus das ölreiche Persien. Schon denkt man an ein Unternehmen in Teheran. Für die skandinavischen Länder erspart man sich teure Nachläufe aus den Nordseehäfen. Dieses Transportkonzept hatte letztendlich die ausgebufften jüdischen Geschäftsleute überzeugt, mit denen er sich in einer gewissen Geistesverwandtschaft fühlte. Das hob seinen Stolz. Das genoss er ganz für sich allein. Tief im Innersten, in seinem Herzen, in dem das Spediteurblut pulsierte. Das war Routenoptimierung! Das war Transport-Engeneering! Das war weit weg vom Kohlenhof-Image mit dem Fuß auf der Waage. Ganz zu schweigen von den günstigen Frachten, die die Russen bieten. Einen „Vaterlandslosen Gesellen“ hat ihn Hallows, ein Vorstand der deutschen Reederei wegen der Geschäfte mit den Kommunisten genannt. Ein Ewiggestriger, der wohl noch immer glaubte, Russland müsse man mit dem Panzer erobern.
Dundale war sich ganz sicher: Jetzt kam es darauf an die Gunst der Stunde zu nutzen. Das Eisen schmieden, so lange es warm ist! Aufkommen sichern, Kunden binden, bevor die anderen wach werden. Ordnung zu schaffen wird leicht sein, wenn man erst einmal an den vielen neu gegründeten Plätzen aus den Anfängen heraus ist und aus dem Vollen schöpfen kann. In einer beispiellosen Kraftanstrengung hat man in den letzten Jahren Überseeniederlassungen in Deutschland gegründet und zeitgleich Luftfrachtspeditionen an allen wichtigen Flughäfen. Diese Organisation war aus der HLS, der Hinterwälder Luftfracht Spedition entstanden und trat als eigenständige GmbH auf.
In Hongkong war jetzt, nach Gründung der FEI der zweite Schritt getan. Im Überseegeschäft war man mit der PIFS, Pomp International Freight Service, auf Basis der Pferdemann (PMO) Importe dort längst absoluter Marktführer. Aber die Waren kamen mittlerweile auch aus den anderen Tigerstaaten. Hier musste man ansetzen und die Güter für die lange Strecke nach Europa zusammenführen. Richtig werden die Gewinne aber erst sprudeln, wenn das Netz fertig geknüpft ist. Wenn man sich gegenseitig die Kunden zuführt und so immer neues Frachtaufkommen generiert. Konsumgüter aus Fernost. Maschinen und Einrichtungen aus Europa. Vielleicht irgendwann auch Verkehre über den Pazifik zwischen Asien und Nordamerika. Aber Fernost war der Schlüssel. Hier spielte die Musik. Hier war Dynamik. Hier ging die Sonne des Freihandels gerade auf.
So seinen Gedanken nachhängend machte er es sich mit seinem Schwager Peter auf den Polstern im Basement der „Maria-Regina“ bequem. Die beiden beobachteten Fred in händeringender Konversation mit den Leuten von Dodwell und A.S.A.. Das Englisch von Fred war berüchtigt in der Organisation. Eine ganze Sammlung von misslungenen Konversationen machte die Runde. Peter blies die Backen auf und zeigte sein abgründigstes Kohlenpott-Grinsen. Mochten die jungen Leute den Boss heraushauen. Mr. Dean, der Wirtschaftsprüfer von Peat, Marwick, Mitchell, war da schon interessanter. Ihn zogen die beiden Schwäger ins Gespräch. Grundstückspreise in Hongkong, Investments, Schattenorders, die kürzlich erstmals durch die Zeitungen gegangene Idee eines neuen Flughafens auf Lantao. Eine Chance? Konnte man dort als Ausländer Grund und Boden erwerben?
Sie durften aber auch nicht unhöflich sein. Der Abend stand im Zeichen der FEI! Man ging auf die Partner in der neuen Joint Venture zu. Denen galt die Party zuallererst. Mr. Maxwell, von der A.S.A., war gerade dabei, die neuen Importquoten für Textilien seitens der Europäischen Union zu kritisieren. „Dies wird deutliche Auswirkungen auf das Frachtaufkommen und damit auf die Erträge in Luft- und Seefracht haben“. „Ich stimme Ihnen zu. Wir stellen zwar fest, dass die deutsche Textilindustrie dem Wettbewerb aus Südostasien immer weniger gewachsen ist – Peter übersetz das mal“, auch für Dundale war die englische Sprache ein Handicap, „aber auch wir wollen Freihandel! Als internationale Spediteure sehen wir beide Seiten der Medaille. Ausgehend aus Deutschland wollen wir keine Beschränkungen und Zollhindernisse für unsere Maschinen.“ „Wer Webstühle exportiert, darf sich nicht wundern, wenn Textilien zurückkommen“, fügte Greed hinzu. „Aber es gibt Wege“, ergänzte Dundale. Er zog den Mundwinkel hoch zu einem abgründigen Grinsen über sein ganzes massiges Gesicht, wie er es immer tat, wenn er glaubte, eine besonders pfiffige Idee zu haben. „Die Quoten gelten für jedes Land separat – ich kann mir nicht vorstellen, dass Italien zum Beispiel sein Kontingent schon voll auslastet. Wenn man denn eine Gesellschaft z. B. in Mailand gründete und dann von dort aus nach Deutschland weiterleitet…"? Die Herren von Dodwell und A.S.A. nickten anerkennend, man hatte verstanden. Hier war man nicht mit Greenhorns zusammengegangen.
Es war spät geworden. Die „Maria-Regina“ nahm Kurs auf die Küste. Die Lichter von Hongkong Island kamen näher. Die beiden überlegten, wie man am besten ohne weiteren Aufenthalt ins Bett gelangen könnte. An der kleinen Bar im Schiffsrumpf machten sie Fred aus. Er war auf Betriebstemperatur. Sie kannten diese Situation. Er war bei solchen Anlässen das Gegenteil von Dundale, der geschäftliche Themen um diese Stunde mied. Er hasste es, wenn Fred ausgerechnet nach dem zehnten Glas ins Grundsätzliche gehen wollte. Schon kam er angerauscht. Aber heute wurde die andere Platte gespielt: „So ein Tag, der muss gefeiert werden. Ich lade alle ein. Jetzt geht es nach Wan Chai". Die beiden und alle wussten, da gab es kein Entrinnen. In irgendeinem zweifelhaften Etablissement würde man schon landen. Auch die noblen Herren von Jardine Matheson waren keine Kinder von Traurigkeit. Andere Länder andere Sitten. Hier war man in Südchina und das Ende des Abends in den Armen eines „Ding-Dong“-Mädchens war fast schon obligatorisch zum Abschluss eines so bedeutenden Ereignisses………
Es war heiß in den ersten Tagen des Juli 1977. Kulpa schwitzte hinter seinem Schreibtisch. Wenn er das Fenster öffnete, drang von unten der unausstehliche Gestank des Baches herauf, in den die benachbarte Gerberei ihre Abwässer einleitete. Schloss er es, dann staute sich die Hitze. Sein Empfang hatte ihn schon etwas verwundert. Herr Dundale und Fred Pomp, seine jetzigen Vorgesetzten auf der speditionellen Seite waren außer Haus. Herr Spekul, der ihn zusammen mit Fred Pomp eingestellt hatte, war in wichtigen Sitzungen. Die Sekretärin brachte ihn an seinen neuen Arbeitsplatz. Er teilte sich ein Büro mit Herrn Weller, dem Leiter der Trans-Sibirien-Railway- Abteilung, hier in der Zentrale. Aber auch der war gerade auf Reisen. Auf dem Tisch ein Riesenstapel Akten und Schriftverkehr. „Sie sollen sich schon mal einlesen“, sagte Frau Moeller, die Sekretärin von Herrn Pomp.
Ein bisschen hatte es ihm schon zu denken gegeben, als Jakob Pomp die denkwürdige Management Tagung, vor ein paar Wochen eröffnete. Mit den Worten: „Wir sind nicht pleite"! Aus ganz Deutschland hatte man die Niederlassungsleiter und Manager zusammengetrommelt, um sie auf das neue Unternehmenskonzept einzuschwören. Über zwei Monate hatten die Unternehmensberater daran gearbeitet. Ihn, Kulpa, hatte man als den neuen Controller Ausland schon dazu geladen. Das neue Organigramm der Unternehmensberater mit einer Matrixorganisation wurde vorgestellt. In der Horizontalen die Bereichsleitungen, die ihre Sparten wie Luft, See, Lager, Inland usw. steuerten und in der Vertikalen die Niederlassungen, in denen die Niederlassungsleiter disziplinarische Verantwortung hatten. Das war ihm plausibel erschienen. Schließlich konnten im Prinzip alle Sparten in jeder Niederlassung vertreten sein. Über die Bereichsleitungen würden für die Geschäftsbereiche unabhängig vom Standort zentrale Geschäftspolitiken entwickelt und umgesetzt. Ausnahme war die Luftfracht, die mit der Pomp Air Service GmbH ihre eigene Rechtsform hatte. Es wurden auch Kostensenkungsprogramme vorgestellt. Ein wenig hatte er sich über den neuen Telefonaufkleber amüsiert „Fasse Dich kurz"! Soviel hatte er aus den Diskussionen schon entnommen, dass hier die Telefonkosten das wenigste waren, dass in den Griff genommen werden musste.
Unangenehm kam ihm auch ein Spruch hoch, den der Buchhalter seines vorherigen Unternehmens beim Abschied abgelassen hatte: „Zu denen wollen sie gehen? In die Buchhaltung? Die haben doch gar keine Buchhaltung"! Die Streitereien über Kontoabstimmungen, nicht gebuchte Rechnungen, Rückbelastungen, Standgelder, ausstehende Kommissionsabrechnungen und so weiter tauchten massenhaft aus seinem Aktenstapel auf. Das schien den Spruch nur allzu sehr zu bestätigen. Aber er arbeitete weiter. Vertiefte sich in den neuen Organisationsplan. Suchte sich in die Strukturen des Unternehmens einzudenken. Studierte die Finanzberichte, die ebenfalls in diesem Aktenberg hier und da versteckt lagen. Forderte die Personalakten an, um sich ein Bild von den handelnden Personen draußen in seinem neuen Arbeitsfeld als „Controller Ausland“ zu machen. Erstaunliches trat da zutage. Neben gestandenen Spediteuren mit solider Ausbildung, teilweise schon Auslandserfahrung außerhalb der Pomp-Gruppe, gab es Leute mit völlig sachfremden Berufswegen. Neben Eigengewächsen, die bereits als Lehrling die Pomp-Muttermilch eingesogen hatten, tauchten Manager auf mit großen Brüchen in ihren Lebensläufen. Es gab Leute, die ihre Anstellung einem zufälligen Treffen mit Dundale und Fred Pomp in der Senator-Lounge des Flughafens Seoul verdankten. Brandtner, Student der Asiatik, war auf diesem Weg Leiter der PI Korea geworden. Das war wohl der extremste Fall, aber nicht der einzig Unorthodoxe. Er würde sie alle kennenlernen.
Am Samstag ging er ein Stockwerk tiefer zu Spekul. Er brauchte sich nicht anzumelden. Das ging ganz unkompliziert. Immerhin war Herr Spekul Geschäftsführer Finanzen. Aber das hatte er im Laufe der Woche schon festgestellt: Hier war alles wohltuend unkonventionell. Die Türen standen offen. Was war das dagegen beim vorherigen Arbeitgeber ein Beamtenladen gewesen. Für einen Termin bei einem Bereichsleiter brauchte man Geduld und mehrere Anläufe. Hier ging man geradewegs über den Flur, um zum Beispiel Gerd Walters eine Frage zu seinem Überseebereich zu stellen.
„Na junger Mann“, fragte Spekul, „haben Sie schon ein bisschen Einblick genommen"? Ein bisschen?, dachte er und stellte noch im Stehen die Frage, die ihn im Laufe der Woche immer stärker bewegt hatte. „Gibt es hier im Haus eine Liquiditätsrechnung"? Das war für ihn die normalste Frage der Welt. Für Pomp vielleicht zu profan?
„Nehmen Sie doch erst mal Platz, junger Mann“. Er setzte sich in den alten Korbsessel vor Spekul’s Schreibtisch. Rechts und links vom Handlauf war das Korbgeflecht weg gepult. Auf diesem Stuhl war wohl schon so mancher gegrillt worden. Hinter seinem Schreibtisch saß Spekul aufrecht. Das leicht angegraute Haar sauber gescheitelt. Konservativ grau-schwarzer Anzug, weißes Hemd, gedeckte Krawatte. Die Seriosität in Person. Er hätte als Musterexemplar des ehrbaren hanseatischen Kaufmanns den Buddenbrooks entsprungen sein können. Spekul schaute lange auf seinen Besucher, zog dabei die Schreibtischschublade auf, nahm ein Pillendöschen und schluckte zwei Bellergal - ohne Wasser. Dann endlich, hob er an „Herr Kulpa, sind Sie Teil der Lösung oder Teil des Problems"? Mit jeder Antwort hätte er gerechnet – aber diese übertraf seine schlimmsten Erwartungen, die sich nach einer Woche Aktenstudium aufgestaut hatten. Es brauchte ein paar Sekunden, um sein Gehirn wieder normal arbeiten zu lassen.
Was folgte, war eine ausschweifende Erklärung zu Zahlungsströmen innerhalb der Pomp-Gruppe. Sagenhafte Gewinne in Hongkong, die man natürlich nicht transferierte, um sie der deutschen Steuer zum Fraß zu geben. Anfangsverlusten an vielen Plätzen, die aber auf Sicht Werte schaffen würden. Sicher gab es hier und da Probleme. Wachstumsstörungen einer enormen Gründungswelle über die letzten 10 – 15 Jahre. Aber da sei jetzt eben der Punkt erreicht, an dem man konsolidieren müsse. „Dabei setze ich auf Sie als nüchternen Betriebswirt, Mann aus der Industrie. Wissen Sie, die Spediteure berauschen sich an ihren Ideen. Es wurde auch einiges auf die Beine gestellt. Aber wir, die Finanzleute, das Korrektiv, das darf nicht fehlen. Sehen Sie, Herr Dundale, ihr neuer Vorgesetzter auf der Speditionsseite. Ein brillantes Gehirn. Manchmal fast zu intelligent und innovativ. Das mit dem CTI-Vertrag an sich eine großartige Idee“. Kulpa erinnerte sich, dass er in dem Aktenberg auch einige Telexe und Memos gesehen hatte, in denen CTI und Probleme in Containerdepots aufgeführt wurden. „Was hat das mit diesem Vertrag auf sich"? „Nun aufgrund unserer großen Importmengen aus Fernost hatte Herr Dundale die Idee, einen Teil der Container auf round-trip-Basis anzumieten. Das bringt bessere Einstandskosten und damit Vorteile gegenüber dem Wettbewerb". „Und, wo ist das Problem?“ „Das Problem ist, dass wir momentan noch nicht genügend Ladung in die andere Himmelsrichtung haben. Das heißt, die Container werden in Europa leer und gehen ins Depot, statt gleich zur nächsten Beladestelle. Im Depot laufen die Kosten für die Miete weiter und die Depotgebühren kommen dazu. Tag für Tag, das tickt wie beim Taxameter". Es dauerte nicht lange, bis bei Kulpa der Groschen gefallen war. Das hörte sich wie ein sattes Problem an. Aber war das der einzige Grund für dieses Finanzloch, das durch die Pomp-Welt geisterte?
Er ging nach oben. Dundale war ebenfalls an diesem Samstag im Büro. Auch hier kein langes Brimborium mit Termin oder Ähnlichem. Im Gegenteil, sein Zimmer war Wand an Wand mit Dundales Büro und es gab eine Durchgangstür. Er musste also noch nicht einmal über den Flur. Man klopfte an und ging hinein. Dundale saß wuchtig hinter seinem Schreibtisch. Das ganze Büro wirkte moderner als ein Stockwerk tiefer, Spekuls Refugium, hatte allerdings nicht ganz die Größe. Dunkler Schreibtisch an der Fensterseite. Neben der Tür zum Sekretariat ein Besprechungstisch mit drei Stühlen auf jeder Seite. Freundlich wurde er begrüßt. Mit einer kurzen Bewegung seiner großen Hand mit den fleischigen Fingern lud Dundale wortlos auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch ein. „Na, schon ein bisschen Pomp-Luft geschnuppert“, fragte er mit einem fast ironischen Lächeln. Dabei zog sich sein Mundwinkel über das massige Gesicht Richtung des linken Auges, das halb geschlossen wirkte. Erst etwas später würde ihn einer der neuen Kollegen darüber aufklären, dass Herr Dundale an starker Diabetes litt.
Das erklärte auch die fahrigen Bewegungen seiner Hände. Das Blatt Papier vor sich auf seiner Schreibtischunterlage, zeigte eine krakelige Handschrift. Auch das Auswirkung der Diabetes. Wie Kulpa erkennen konnte, hatte Dundale nur Namen auf das Papier gekritzelt. Das war seine Telefonliste. Dundale erledigte einen Großteil seines Jobs mit Telefonaten in alle Welt. Das würde Kulpa auch später immer wieder beobachten.
Dundale hatte bei seiner Einstellung nicht mitgewirkt. Bei der Managementtagung hatte er allerdings mit ihm am gleichen Tisch gesessen. In Erinnerung hatte er noch, wie Dundale Hadjuk, einen der beiden Münchener Niederlassungsleiter vor versammelter Tischgesellschaft wegen seiner Fettleibigkeit nicht etwa frotzelte, sondern ganz ernsthaft zur Rede stellt. Trotzdem spürte er jetzt schon vom ersten Moment an, eine geradezu uralte Vertrautheit und Offenheit, die ihn ohne Umstände zur Sache kommen ließ. „Ich komme von Herrn Spekul, weil ich beim Studium der Akten auf meinem Schreibtisch immer wieder ein Finanzloch vor mir sah, das um den Erdball kreist. Ich denke hier, im Unternehmen muss eine Liquiditätsrechnung erstellt werden“. „Jetzt übernehmen Sie sich mal nicht gleich. Als Controller Ausland haben Sie hier in meinem Bereich genug zu tun. Ich weiß zudem nicht, wie das gehen sollte über die vielen Sparten des Unternehmens. Mit unterschiedlichen Zahlungszyklen, sowohl auf der Kundenseite als auch auf der Lieferantenseite und erst recht auf der Partner- und Intercompany-Seite. Wie wollen Sie da eine einheitliche Liquiditätsrechnung erstellen"? Kulpa kannte die Liquiditätsrechnung nur als klar definierte Kennzahl aus der Bilanzanalyse. Liquidität 1. Grades: Zahlungsfähigkeit aus den flüssigen Mitteln, 2. Grades: Hinzurechnung der Forderungen, 3. Grades: Hinzurechnung der Vorräte. Nun, Vorräte gab es in einer Spedition nicht, das war ihm schon klar und Dundale würde ihm gleich klarmachen, dass man in diesem Gewerbe allenfalls in Kategorien des 2. Grades zu denken hatte. „Nehmen wir zum Beispiel unsere Seeverkehre aus Fernost. Wenn wir das b/l, die „bill of loading“, den Frachtbrief, so viel hatte Kulpa auch schon selbst aus dem Aktenstudium gelernt, „in Hongkong prepaid stellen, kassieren wir dort die Fracht vom Kunden. Unterwegs wechseln wir auf collect und zahlen dann nach vier Wochen an North German Lloyd. Rechnen Sie mal. Drei bis vier Wochen Seereise plus einen Monat Zahlungsziel, das ergibt schon eine ganz schöne Liquiditätsstrecke". So dachte man hier also. Ob die Kunden in Hongkong aber auch alle sofort zahlten? Und weshalb hatte er so viele Mahntelexe aus Hongkong an die Frankfurter Kollegen in seinem Aktenberg entdeckt? In seinem Kopf dreht sich alles im Kreis. Sein Blick ging ins Leere, auf die Bäume hinter Dundales Büro, auf die er durchs Fenster blicken konnte. Aber schon riss der ihn aus seinen trüben Gedanken. „Haben Sie alle Impfungen durchgeführt, die ich Ihnen auf der Managementtagung empfohlen haben"? „Alles erledigt". „Als Nächstes gehen Sie mal zu ihrem Dorfschulzen und lassen sich einen zweiten Pass ausstellen. Weller sagt Ihnen, wie das läuft. Sie können zum Beispiel nicht mit einem israelischen Sichtvermerk in ein arabisches Land einreisen und wer weiß, wo ihr Kerle euch sonst noch überall rumgetrieben habt". Das war nun wieder etwas, das genau das Fernweh und die Abenteuerlust traf, die ihn schon in jenem denkwürdigen Vorstellungsgespräch mit Fred Pomp und Spekul über alle Signale der Vorsicht hatten hinweghören lassen.
Übers Wochenende kreisten die Gedanken in seinem Kopf. Er hätte es wissen können! Schon ein Jahr vorher hatte er sich bei Pomp beworben. Aber was ihm da Spekul und sein engster Mitarbeiter Bakker, angeboten hatten, war der Posten des Chefbuchhalters in der PAS, der Luftfracht GmbH. Das war zum einen nicht seine Präferenz, die in Richtung Betriebswirtschaft ging, und zum anderen hatten ihn die Nixdorf-Magnetkonten Computer abgeschreckt, die er schon im Studium als vorgestrig abgelehnt hatte. „Man braucht drei Hände, um das Ding überhaupt anzustellen“, hatte er in Anbetracht der vielen Knöpfe, die man beim Start gleichzeitig drücken musste, immer gesagt. Trotzdem hatte er es zu einem Vertragsangebot kommen lassen. Das Haus in Mentershausen war jetzt fertig und so dicht waren die freien Stellen in der näheren Heimat nicht gesät. Schließlich schrieb man erst das dritte Jahr nach der Rezession in Folge der ersten Ölkrise. Was er dann erlebte, hätte ihm auch ein Jahr später noch zu denken geben sollen. Bakker, rief ihn zu den unmöglichsten Uhrzeiten in Frankfurt an. Zehn, Elf, halb zwölf am Abend waren kein Thema. Und der rief aus dem Büro an! Auf die Frage nach einem Jahresbonus kam die Antwort: „Da schauen wir uns mal tief in die Augen“. Die Offerte aus Gießen war um Welten seriöser. Hier zahlte man ohne tiefen Blick in die Augen, vertraglich geregelt, vierzehn Gehälter. Er konnte auf seinem Spezialgebiet arbeiten. Aufbau eines Kostenrechnungssystems an der Nahtstelle zwischen EDV und Betriebswirtschaft. Eine Aufgabe, für die er aus seinem Studium mit Schwerpunkt EDV alles mitbrachte und die er in seiner Erstanstellung in Frankfurt schon mit Bravour bewältigt hatte. Alles machte einen überaus ordentlichen Eindruck. Die Entscheidung war letztlich "ein Selbstgänger" für ihn gewesen.
Aber dann, ein Jahr später, passte so viel zusammen. Als ihn der Anruf von Herrn Spekul beim neuen Arbeitgeber erreicht, musste er auf den Flur gehen. Das kannte er aus seiner vorherigen Anstellung in Frankfurt nun wirklich nicht. Und diese Kontrollwut bei der privaten Telefonnutzung war nur ein Ausdruck einer generellen Kleingeisterei, die ihn und seine Frau, der man gleich auch eine Stelle als Chefsekretärin angeboten hatte, zum Verzweifeln brachte. Total unglücklich saßen die beiden oft in der Mittagspause im kleinen Park am Eingang des riesigen Werksgeländes und fragten sich: „Wo sind wir hier gelandet"? In dieser Situation nun der Anruf von Herrn Spekul. „Sind Sie eigentlich richtig zufrieden mit Ihrer neuen Stelle"? Er wusste gleich, worauf dieser Anruf hinauslaufen würde. Fühlte sich etwas geschmeichelt, dass man doch nach seiner sehr späten Absage im letzten Jahr immer noch Interesse an ihm zeigte. Aber Buchhalter? „Nein, nein, unser Herr Young ist ausgeschieden, wir brauchen dringend einen neuen Controller Ausland“. „Ausland"? „Ja für das Controlling unserer vielen Auslandsgesellschaften in Europa, aber auch in Fernost, den USA, Kanada". Seine Antennen glühten! „Das ist natürlich für mich ein Problem, nach einem Jahr schon wieder zu wechseln". „Wollen Sie sich die Angelegenheit nicht wenigstens einmal anhören? Am Donnerstagabend könnten wir mit Herrn Pomp zusammen ein Gespräch führen". Gleich mit dem Inhaber und diese Perspektiven, Hongkong, USA, Kanada, England. Er sagte zu.
Das Vorstellungsgespräch uferte aus. Abends schienen diese Leute nicht auf die Uhr zu schauen. In den schönsten Farben schilderte Fred Pomp, der sich als der für den internationalen Bereich zuständige der beiden Pomp-Brüder vorstellte, die Geschäfte. Speziell in Asien, die Expansionspläne, die Fähigkeiten seiner Speditionsspezialisten. Er war von Statur zierlich, von geringer Körpergröße. Das Haar mit viel Pomade gescheitelt über einem fast knabenhaften Gesicht. Nicht schlecht geschnitten und eine gewisse Vornehmheit ausstrahlend. Ein bisschen übertrieben wirkte seine Art. Wenn er sich mit seinen feingliedrigen, kleinen Händen natürlich aus silbernem Etui, wieder eine Zigarette ansteckte und seine Rede mit ausholenden Gesten begleitete. Kulpa störte auch dieses ständige „Sehen Sie verstehen Sie“. Halb Aufforderung, halb Frage. Er verstand schon ganz gut und fragte sich seinerseits, ob das ein Vorstellungsgespräch sei. Kaum konnte er zumindest etwas zu seinem beruflichen Werdegang und von seinen Stärken zu erzählen. Auch Spekul kam nicht zu Wort. Er gewann den Eindruck, dass man sich bereits für ihn entschieden hatte. „Ihren hervorragenden Werdegang kennen wir doch schon aus der Bewerbung im Vorjahr. Natürlich war die Buchhalterstelle nicht angemessen. Aber sehen Sie, verstehen Sie, dieses Controlling Ausland ist eine einmalige Chance für Sie. Sie gehören ins internationale Business. Sie müssen die Welt kennenlernen". „Bei den vielen Stellen, an denen Sie tätig sind, betreffen Sie ja täglich die Wirtschaftsnachrichten und überhaupt die Nachrichten rund um den Globus“, sagte anerkennend mit positivem Unterton Kulpa, der politisch interessiert war. Und hätte sich gleichzeitig ohrfeigen können. Das lockte denn doch bei Herrn Pomp ein ironisches Lächeln hervor und von Spekul glaubte er einen richtigen Stoßseufzer zu hören. „Wissen Sie, was ich Ihrem Lebenslauf entnommen habe"? Jetzt kommt‘s, dachte Kulpa. „Wir haben am gleichen Tag, dem 7. Mai Geburtstag und Sie kommen auch noch aus dem Ort, an dem mich der Kaplan Hoyle in der kleinen Klosterkapelle getraut hat. Kulpa kombinierte, das konnte nur aus der Unterstützung der katholischen Universität St. Georgen in Frankfurt durch den Schwiegervater resultieren. Spätestens hier hätten noch einmal die Alarmglocken in seinem Gedächtnis läuten müssen. Schließlich hatte er über Jahre den Niedergang des schwiegerväterlichen Unternehmens in der Wirtschaftspresse verfolgt. Und aus seiner früheren beruflichen Tätigkeit wusste er um die enge geschäftliche Verbindung zu Pomp. Immerhin hatte man dort als kleine Klitsche Kunststoffprofile aus eigener Produktion anliefern dürfen und sich über die großen Aufträge gefreut. Obwohl die späte Bezahlung und dann auch noch per Recta-Wechsel, immer ärgerlich war. Deutlich erinnerte er sich an das gute Geschäft, als man die ganze Lieferung für den Herbstkatalog wegen des großen Brandes im Lager zum zweiten Mal liefern durfte. Damals war er sogar mit seinem Boss schon in der PMO-Zentrale gewesen und hatte mit dem zuständigen Einkäufer verhandelt. Das war lange vor der Zeit gewesen, als man in der Zeitung von der Unternehmenskrise lesen konnte. Später raunte ihm mancher im Unternehmen die Frage zu, weshalb ausgerechnet an jenem Tag die komplette Führungsebene auf Geschäftsreisen gewesen sei. Schließlich seien nicht nur Kunststoffprofile verbrannt, sondern auch große Teile der Bevorratung für ein schlecht anlaufendes Weihnachtsgeschäft. Vermutungen, Unterstellungen, die er nicht an sich herabließ. Da hätte er viel zu tun gehabt und hätte seine Tage mit dem Schwall an Gerüchten füllen können. Ständig waberte der über die Werkstraße. Hin und her, zwischen den feinen Büros der internationalen Truppe und den Lagerhallen von Jakob.
Hier und jetzt aber tauchten die Erinnerungen an seine eigenen Erfahrungen mit PMO und die Pressenotizen aus seiner Zeit in Frankfurt nicht vor seinem geistigen Auge auf. Das alles war ausgeblendet. Er sah nur noch die große Welt weit offen und seine Chancen zum Greifen nah vor sich. Als ob sie auf dem silbernen Tablett vor ihm angerichtet wären, das den Besprechungstisch zierte, mit der fein säuberlich ausgerichteten Tabakgarnitur des Inhabers. Das hier war für ihn gelaufen. So viel hatte er schon erkannt. Diese Übereinstimmungen aus seinem Lebenslauf hatten längst die emotionale Entscheidung bei Fred Pomp ausgelöst. Auch Spekul schien er sympathisch zu sein. Außerdem war mehr als deutlich geworden, welche Not und die Dringlichkeit bei Pomp in der Neubesetzung der Stelle herrschte. Nun also, wenn schon ein Wechsel nach nur einem Jahr, dann musste es sich lohnen. Als es ans Eingemachte ging, da war er zumindest hellwach. Er nannte eine Gehaltsforderung, die fast beim Doppelten des vorjährigen Vertragsangebotes lag. Mit dem pflichtschuldigen Gesichtsausdruck, der gleich dem Biss in eine Zitrone ausdrückte, wie schwer man sich mit dieser Forderung tat, wurde ohne weitere Rückfrage zugestimmt. Er setzte nach. „Wie ist es mit dem Firmenwagen?“ „Sehen Sie verstehen Sie als Controller Ausland sind sie Bereichsleiter, da gehört der Firmenwagen zur Ausstattung". Er vermied zu sagen, dass er sich gerade einen neuen Audi 80 auf eigene Kosten bestellt hatte. Das würde er später mit Spekul regeln.
So war er bei Pomp gelandet. Und hier war er jetzt. Nach dem, was er gesehen und gehört hatte, war die Situation bei Pomp desolat. Das war seine Einschätzung. Dazu neu gebaut, mit kommoden, aber doch Schulden. Aber was sollte er tun? Mit dem Wechsel nach nur einem Jahr und den Anstellungen vor dem Studium waren schon ein paar Stationen zu viel in seinem Lebenslauf. Zurück zum vorherigen Arbeitgeber? Das hätte vermutlich Erfolg gehabt. Aber dahin? Zurück in diesen verstaubten Laden. Und außerdem hatte man auch seinen Stolz. „Mein Hut passt an jeden Nagel", pflegte er zu sagen. So entschloss er sich, Bestandteil der Lösung zu werden! Er beunruhigte seine Frau nicht allzu sehr. Man genoss die Vorzüge des neuen Firmenwagens übers Wochenende.
Zurück im Büro versuchte er ein bisschen Systematik in seine Arbeit zu bringen. Er bat Spekul um das Beteiligungsverzeichnis und erhielt den verschachtelten Organisationsplan der In- und ausländischen Tochter-und Beteiligungsgesellschaften, der eher einem Schnittmusterbogen glich. Die Gesellschaften im Ausland waren schließlich sein neues Betätigungsfeld. Aber schneller als er sich organisieren konnte, kamen neue Aufgaben hinzu. Dundale bat ihn zu einer Besprechung mit Ruler, dem Leiter der Luftfrachtorganisation. Es ging um das zehnjährige Jubiläum der PAS, das anstand. Man saß am Besprechungstisch im Ruler's Büro ein Stockwerk tiefer. Sehr schnell glitt das Gespräch ab. Er spürte förmlich, wie die Situation sich auflud. Dundale bohrte in den Wunden: Kelsterbach, Düsseldorf, Köln. Bei München rastete Ruler aus und brachte ein in Kulpas Augen geradezu lächerliches Argument: „Bedenken Sie auch mal die vielen billigen Airline-Tickets, die wir aufgrund der IATA-Lizenz der Organisation zur Verfügung stellen"! Er wunderte sich, dass Dundale nicht heftiger reagierte nach den alarmierenden Zahlen, die er zuvor gehört hatte, und begann seinerseits mit Fragen. Monatsabschlüsse, Ermittlungsmethodik der Umsätze und Erträge, Kostenrechnung, Budget. Innerbetriebliche Verrechnung, zum Beispiel zwischen der Consolidation-Abteilung in Kelsterbach und den Niederlassungen. Tonnagezahlen, Statistiken, Personalzahlen und so weiter. „Das hätte ich auch alles gerne“, fast schrie es Ruler über den Tisch, mit einer Stimme, die wie immer, wenn er sich aufregte, heiser und rau wurde. „Aber da kommt ja nichts von unserem großartigen Herrn Bakker, aus seinen EDV-Mühlen"! „Herr Kulpa, Sie müssen sich das mal ansehen“, war die Reaktion von Dundale. War er jetzt auch schon für das Controlling der PAS zuständig? Er wusste im selben Augenblick, dass er sich da nur eine rhetorische Frage stellte. In diesem Haus war so viel angebrannt, dass man nicht lange über die darüber diskutieren konnte, wer denn nun fürs Löschen zuständig war. Was ihm im nächsten Moment aber auch klar wurde: Er musste sich mit seiner Systematik beschränken. Hier war "Feuer unterm Dach", da war Krisenmanagement gefordert. Er konnte nicht den Aufbau von EDV-Systemen betreiben, sondern musste mit den Instrumenten steuern, die zur Verfügung standen. Und er musste sich mit seiner one-man-show, lediglich unterstützt vom treu zuarbeitenden Fräulein Reed, auf irgendeine Weise selbst multiplizieren. Das war nur möglich, indem man vieles gleichzeitig machte. Multitasking würde viel später ein positives Image bekommen. Hier war es reine Not. Vieles gleichzeitig, aber notgedrungen nicht allzu tiefgründig. „Wer hoch steht, sieht weit – aber nicht tief“, pflegte Dundale zu sagen. Doch diese Methode war die einzig Gangbare im Moment. Sie musste funktionieren, weil Besseres nicht nur nicht da, sondern auch in Lichtjahren Entfernung nicht zu sehen war. Wie sehr ihn diese ersten Jahre in seiner Arbeitsweise prägten, würde sich über die Zeit manifestieren. Und in einer immer hektischen Branche praktisch zur Berufskrankheit werden.
Aber wie wenig wirklich an betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstrumenten da war, würde ihm schon die nächste Sonderaufgabe vor Augen führen. Fred brachte sie ihm in einer seiner gefürchteten abendlichen Rücksprachen näher. Er hatte sich schon ein paar Mal gewundert, mit welch glühenden Absätzen Dundale so gegen fünf Uhr am Nachmittag aus dem Nebenzimmer verschwand. Er hatte ihn andererseits als absolut loyalen Vorgesetzten erlebt, für den Pomp praktisch sein Leben bedeutete und an dessen Einsatzbereitschaft es keinen Zweifel gab. Nach zwei, drei abendlichen Rücksprachen mit Fred war ihm der Grund klar: Das war reiner Selbstschutz. Fred kam morgens spät, blieb bis in die reguläre Mittagspause, die er aber vielleicht mit einem Schläfchen so bis vier Uhr am Nachmittag ausdehnte. Wer dann in seine Finger fiel, der konnte den Feierabend abschreiben. Zuerst war er erfreut gewesen. Rücksprache mit dem Inhaber! Aber sehr schnell merkte er, dass Fred gern lau badete. Es ging um Erfolge, Aussichten, Verbindungen zu den Großen der deutschen Wirtschaft, Grundig, Schickedanz, oft aus dem Reitermilieu. Um die Spezialisten, die er für sein internationales Geschäft gewonnen hatte, und auch um ganz einfache Mitarbeiter, die er ihm alle als wahre Weltmeister vorstellte. So wie den neuen Kontokorrentleiter der Pomp KG, der Wunderdinge in der Kontoabstimmung vollbringen sollte. In traulicher Runde, am Abend im Büro von Fred, zusammen mit Spekul, berichtete der, dass ihm im vorhergehenden Unternehmen schon nach kurzer Zeit das „i. A.“ verliehen worden sei. Was bei Kulpa seit eh und je als „ich A….“ verlacht wurde. Später hatte er eine einfache Methode, um die abendlichen Rücksprachen abzukürzen. Griffbereit hatte er immer eine Laufmappe mit unschönen Vorgängen aus seiner Korrespondenz. Unstimmigkeiten, Streitereien, Kontodifferenzen, Differenzen um das Profitsharing. Hierzu bat er um Entscheidungen. Das war unbequem für Fred, das verdarb ihm die Laune. Die Rücksprachen verkürzte es erfreulich. Zuletzt aber hatte Fred ihn um Unterstützung in einer Angelegenheit gebeten, der er sich nicht verweigern konnte. Zu klar war ihm, dass es hier um den Lebensnerv der Pomp ging. Aus der Zentrale in Düsseldorf hatten sich zwei leitende Mitarbeiter angesagt. Herr Monk und Herr Kernel hatten den Auftrag, die Geschäftsbeziehungen zwischen der Pomp-Gruppe und dem schwiegerväterlichen Unternehmen, das schon ein Jahr zuvor vom Düsseldorfer Konzern übernommen worden war, zu durchleuchten.
Für diesen Vorgang war es gar nicht so schlecht, dass die betriebswirtschaftlichen Unterlagen nicht viel hergaben. Es mussten die Hosen jetzt wirklich heruntergelassen werden! Steuben, der alte Haudegen des Lagergeschäftes, kam gewaltig ins Schwitzen. Aber andererseits war das, was dort als Betriebsergebnisse für einzelne PMO-Kostenstellen vorgelegt wurde, so pauschal und unscharf, dass es Kulpa erneut erschreckend klar wurde, wie viel in diesem Unternehmen im Argen lag. Spekul, der selbstverständlich an allen Besprechungen mit den beiden Herren teilnahm, erklärte ihm später unter vier Augen die Zusammensetzung der Ergebnisse. Relativ belastbar waren noch die Kostenzuordnungen, aber im Bereich der Erlöse und Speditionsaufwendungen gab es keine Verzahnung zur Buchhaltung. Das alarmierte ihn. So wurden Aufzeichnungen der Spediteure aus den Speditionsbüchern zur Grundlage für den Bruttospeditionsnutzen genommen. Bruttospeditionsnutzen war das, was man in der üblichen Handelskalkulation als Warenrohgewinn bezeichnen würde. Die Differenz eben zwischen dem Frachterlös, den man vom Kunden erzielte, und dem Speditionsaufwand, den man für den Einkauf der Frachten aufgewendet hatte. So viel hatte er schon gelernt. In den Reports der ausländischen Gesellschaft tauchte dieser Wert als „Gross Profit“ auf. Aber dass hier den Kosten aus der Buchhaltung einfach Zahlen aus irgendwelchen Aufschreibungen gegenübergestellt wurden, das weckte sofort sein Misstrauen. Bei den Lagerkostenstellen von Steuben mochte das noch angehen. Da wurden nur ein paar wenige Rechnungen für Miete und Handling im Monat geschrieben. Damit waren die Erträge relativ gut dokumentiert. Aber bei den Speditionskostenstellen?
Die Kostenstellen von Steuben zeigten denn auch ganz ansehnliche Erträge, was wiederum bei den Herren Monk und Kernel Stirnrunzeln auslöste. Spekul hatte dann Mühe, die „Umlagen“ zu begründen, die durch anteilige Zurechnung von internen Diensten wie Buchhaltung, EDV, Personalabteilung bis zur Geschäftsleitung die Ergebnisse herunterrechneten. Unter vier Augen klärte Spekul ihn allerdings darüber auf, dass diese Umlagen schon seit Jahren nicht verändert würden. Bei den sprunghaft gestiegenen Kosten der Zentralbereiche könne man den Abzug der tatsächlich angefallenen Overheadkosten den aktiven Managern nicht mehr zumuten. Kulpa fragte sich, was bei einem solch wackligen Zahlenwerk eine Zurechnung überhaupt sollte!
In den Gesprächen mit Monk und Kernel mochte zumindest der Versuch angebracht sein, die teilweise stolzen Ergebnisse aus den Geschäften mit dem schwiegerväterlichen Unternehmen so zu relativieren. Aber das war kein wirkliches Mittel in der Argumentation. Wie ein Schwefelgeruch lag das Misstrauen über dem Besprechungstisch. Man musste kein besonders empfindsamer Mensch sein, um sehr schnell zu der Überzeugung zu kommen, dass man hier gegen vorgefasste Meinungen keine Chance hatte. Dabei war man noch gar nicht bei den Ergebnissen der Niederlassung Frankfurt. Dort, wo der von Fred geradezu verehrte und stets protegierte Herr Pluhar wie ein Wegelagerer am Tor zum Betriebsgelände des Versandhauses saß. Ob eingehend oder ausgehend, jeder Fuhrknecht musste wie zu Raubritterszeiten seinen Wegzoll entrichten. Natürlich wurden die beiden Gäste jeden Mittag ins „Toskana“ zum Nobelitaliener geführt. Hier traf man immer Leute von Pomp. Böse Zungen sprachen von der eigentlichen „Pomp-Kantine“. Das ließen sich die beiden Herren gefallen, aber nicht die schulterklopfende Art von Steuben. Kein Kollege, Kunde oder Geschäftspartner, der von diesem großgewachsenen, stämmigen Franken nicht schon den kräftigen „Ritterschlag“ empfangen hätte. Aber bei diesen beiden war mit kumpelhafter Anbiederung nichts zu machen.
Die waren mit einem klaren Auftrag gekommen. Das war sein Eindruck. Da konnte auch Fred nicht mehr viel verderben, als er nach einem der Mittagsgelage im Besprechungsraum auftauchte und ungefragt feststellte. „Sehen Sie, verstehen Sie, wir haben nie irgendetwas Falsches abgerechnet, nur weil ein besonderes Verhältnis bestanden hätte".
Steuben verströmte immer wieder seinen urwüchsigen bayrischen Charme. Spekul versuchte, die Ergebnisse kleinzureden. Kulpa protokollierte für Fred und trachtete hier und da mit kostenrechnerischen Sophistereien einzugreifen. Die beiden Herren nickten dann anerkennend, blieben verbindlich, aber kalt. Fred versuchte noch einmal mit geschlossenen Fragen Wunschantworten zu bekommen, die ein positives Resümee in den Bereich des Möglichen geholt hätten. Die beiden Herren verabschiedeten sich höflich, aber zugeknöpft. Kulpa war klar, dass hier die gesamte Geschäftsverbindung auf dem Spiel stand. Aus Spekul's dürftigen Unterlagen hatte er immerhin zum ersten Mal in diesem Hause positive Ergebnisse entnommen. Das machte die Sache in seinen Augen noch bedrohlicher. Er ging zu Dundale. Nach einer Kaskade von Flüchen und Verwünschungen der Krämerseelen, Ausbeuter und Erpresser schaltete sein schnelles Gehirn wieder auf Leistung. Das Adrenalin schadet dabei zu solchen Anlässen nie. „Erpresser, ja Erpresser sind das"! Nach einer Pause. „Sie haben recht Herr Kulpa, Herr Pomp täuscht sich, da sind die Würfel längst gefallen. Diese Lumpen haben nur noch nach der Bestätigung der vorgefassten Meinungen gesucht". „Und jetzt"? „Noch ist Polen nicht verloren! Wie geht man mit Erpressern um? Man schlägt zurück"!
Dundale kannte die Mietverträge für die Lagerkomplexe, in denen man die schwiegerväterlichen Geschäfte abwickelte. Er hatte sie ganz wesentlich auch selbst gestaltet. Weller, der schon vom Elternhaus her die Leidenschaft für die Juristerei mitgebracht hatte, war immer der Meinung, dass an Dundale ein Jurist verloren sei. „Gehen Sie zu Spekul und lassen Sie sich die Mietverträge geben". Schon wieder eine Sonderaufgabe. Wann sollte er denn zu seinem eigentlichen Geschäftsfeld, der Auslandsorganisation kommen? Aber er wusste, hier gab es keinen Augenblick zu verlieren oder gar zu zögern. Noch konnte er nicht absehen, ob ein Potenzial in diesen Mietverträgen steckte. Gab es auch auf Pomp Seite ein Pfund, mit dem man wuchern, Druck ausüben konnte? Die Mietverhältnisse waren zumindest zahlreich. Zu seiner Überraschung lag das Schwergewicht noch nicht einmal so eindeutig am Hauptsitz mit dem Zentrallager. Vielmehr hatte Dundale immer dann aufgepasst, wenn Pomp aufgefordert war, den Expansionsplänen des Schwiegervaters zu folgen. München, Herford, Berlin, Hamburg an diesen Plätzen waren in den vergangenen Jahren wunschgemäß Lagerstandorte gegründet worden. Für die Auslieferung der großteiligen Katalogware, die sich nicht mehr für den Postversand eignete. Zuletzt in Hamburg-Wilhelmsburg.
Die Ordner, die ihm Spekul aushändigte, enthielten nicht nur die Mietverträge. Sie umfassten jeweils die komplette Entstehungsgeschichte am jeweiligen Standort bis hin zu den Einweihungsfeiern, an denen oft der Schwiegervater das Wort ergriffen hatte. Entsprechende Kopien seiner Elogen waren ebenfalls dort abgeheftet. Geradezu Sagen umwoben die letzte Eröffnungsfeier in Hamburg, zu der Pomp das ganze Plaza-Hotel angemietet hatte, wie ihm Kollegen berichteten. Böse Zungen behaupteten, dass zu später Stunde auch die Reeperbahn voll im Griff von Pomp und Gästen gewesen sei. An sich waren die Gründungen ein sicheres Geschäft. Die Mieten über langfristige Verträge gesichert, die Lagerung und Verteilung ebenfalls zu gut auskömmlichen Preisen dauerhaft vereinbart. Dass Pomp glaubte, an all diesen Plätzen auch nationale und internationale Stückgutverkehre betreiben zu können, war Teil des ungeheuren Anspruchs und der Hybris der Inhaber. Basierend auf dem schwiegerväterlichen Aufkommen ließ man keine Grenzen gelten. Ihr Anspruch zeigte sich nicht zuletzt darin, dass in jeder dieser Niederlassungen ein „Owners Office“ eingerichtet war. Für die seltenen Besuche der beiden, die sich so gut wie nie dort blicken ließen. Fred mit seinem Drang in die Ferne, schon mal gar nicht. Jetzt, mit dem Aufbau der Überseeverkehre, waren auch noch die entsprechenden Abteilungen von Walters dazu gekommen. Dabei waren schon die Ergebnisse der Landverkehrsabteilungen mehr als dürftig an diesen Plätzen. Eigentlich katastrophal. Woher sollte auch die Tonnage kommen? Da war kein Kilo, das nicht schon transportiert wurde, bevor Pomp mit seinem Verteillager auftauchte. Sollten die Platzhirsche wie Hellmann, Osnabrück, Ascherl in München oder Zippert in Hamburg sich jetzt vor diesem Newcomer in die Hose machen? Auch die Inlandsabteilungen der Zentrale, die dort am Stammsitz natürlich selbst Platzhirsch war, litten im Eingang unter den blutleeren Verkehren aus den neuen Lagerstandorten. Und im Ausgang an der mangelnden Frequenz und Qualität in der Zustellung an diesen Plätzen, die so gut wie keine Partner neben den eigenen Kollegen hatten. Mit dieser geringen Umschlagsmenge konnte man keine konkurrenzfähig Verteilung im Nahverkehr auf die Beine stellen. Ganz anders die Europa-Abteilung am Stammsitz. Sie profitierte geradezu davon, dass bis jetzt noch niemand auf den Gedanken gekommen war, auch in den Neugründungen in Holland, Belgien usw. eigene Europaverkehre einzurichten. Sehr gute und ertragreiche gegenseitige Verkehre konnten so mit marktführenden Kollegen in Westeuropa aufgebaut und betrieben werden. Ein Umstand, der für Kulpa jetzt noch im Dunkeln lag, der aber als Blaupause für das weitere Schicksal der Pomp-Gruppe später eine große Bedeutung bekommen sollte. Aber für die Ergebnisse der speditionellen Abteilungen in diesen „Lager-Niederlassungen“ waren andere zuständig. Das war nicht sein "Bier". Schließlich gab es einen „Controller Inland“. Herr Boyle, einer der Unternehmensberater, die den Sanierungsplan entwickelt hatten, war im Unternehmen geblieben. Kulpa fragte sich bei gelegentlichen Besuchen immer, wo auf diesem Schreibtisch der Platz zum Arbeiten war. Alles war sauber ausgerichtet. Federschale, Locher, Hefter, aber auch Pfeife, Streichholzschachtelhalter, Aschenbecher, Tabaksbeutel, Teekanne, Tasse, Zuckerdose, Milchkännchen, Wasserflasche, Wasserglas ….! Kulpa schien überhaupt der Einzige zu sein, der ständig mit irgendwelchen Rücksprachemappen und Klärungsvorgängen durch die Gänge der Hauptverwaltung hastete.
Nun aber interessierten ihn erst einmal nur noch die Mietverträge. Und die gaben wirklich etwas her! Am schwammigsten waren noch die Verträge für das Zentrallager am Hauptsitz. Da gab es Paragrafen, die es dem Mieter ermöglichten, die angemieteten Flächen dynamisch dem jeweiligen Bedarf anzupassen. Aber bei den Neubauten hatte man aufgepasst. Die Vertragslaufzeiten gingen über dreißig Jahre analog zur Finanzierung und Abschreibungsdauer! Dazu kamen opulente Preisgleitklauseln, die sich an der Entwicklung des Lebenshaltungskostenindex für einen Vier-Personen-Haushalt orientierten. Kulpa sichtete hektisch die restlichen Verträge, nach dem er diese Bedingungen im ersten Mietvertrag festgestellt hatte. Tatsächlich, die Konditionen waren einheitlich gestaltet. Er besorgte sich den Lebenshaltungskostenindex. Extrapolierte. Rechnete mit der Gaus‘schen Normalverteilung hoch. Staunte.
Überprüfte. Nochmals und weitere Male. Kam auf einen Wert von rund 50 Millionen Deutsche Mark als Gesamtwert für diese Verträge. Eigentlich hätte er sich denken können, dass die gleiche Rechnung jemand auf der anderen Seite in Frankfurt machte. Dundale zog skeptisch die Stirn in Falten. Dann ließ er sich von Kulpa die Rechenweise erklären, pfiff durch die Zähne und verlangte eine Zusammenfassung.
Kulpa hatte eine Übersicht der ihm vorliegenden Ergebnisse aus den Auslandsgesellschaften erstellt. Auf gelbem Tabellierpapier, wie er es von den Wirtschaftsprüfern aus Frankfurt kannte. Auch dort hatte Peat, Marwick, Mitchell für die US-Muttergesellschaft geprüft und er hatte größten Respekt vor dieser Organisation. Es war ein kleiner Vertrauensanker für ihn, dass die Berichte von Hongkong bis Singapore, selbst von der Transit Inc. in England alle den Stempel dieser Gesellschaft trugen. Außerdem erleichterte die einheitliche Darstellungsweise seine Konsolidierungsarbeiten. Auch die Berichte aus USA und Kanada folgten der Logik des angelsächsischen Berichtswesens. Selbst die von unterschiedlichsten Buchhaltungsbüros im restlichen Europa erstellten Abschlüsse zeigten im Grundsatz immer den gleichen Aufbau: Umsatz, Gross Profit, Kosten, Ergebnis. Sogar die Berichte aus Brasilien. Mit etwas Fantasie konnte man die Kontenbezeichnungen vom Portugiesischen ins Englische übertragen. Englisch sollte die Sprache seiner Berichterstattung im Controlling Ausland werden. Das hatte er von Anfang an beschlossen und das war auch folgerichtig, wenn er daran dachte, zusammengefasste Ergebnisse dem Auslandsmanagement erläutern zu müssen. Die Zusammenfassung war ernüchternd. Es gab ein paar regelrechte Perlen. PIFS Hongkong gehörte dazu, auch die FEI dort am Platz, aber leider nur zu 25 %. Die PEI in Teheran mit 50 %, Lackner & Schwarz in Wien mit 60 %. Schließlich die Gesellschaft in Belgien, von deren Erträgen allerdings 20 % an den dortigen Geschäftsführer Eager gingen. Aber der Rest! Er erstellte Kennzahlen. Offensichtlich konnten an bestimmten Plätzen bessere Bruttonutzenmargen erzielt werden. Wer mit schwachen Margen ein erträgliches Ergebnis erreichte, lieferte ein Indiz dafür, dass er zumindest die Kostenseite im Griff hatte. Für hoffnungslos erklärte er die Fälle, in denen die Kosten doppelt so hoch waren wie der Bruttonutzen. Da war für ihn die Gewinnschwelle schlicht zu weit weg, für die verbleibende Zeit, die sich inzwischen vor seinem geistigen Auge für die Pomp-Sanierung herausbildete. Die Konsolidierung musste sofort beginnen. Das Messer war unverzüglich anzusetzen. Gesundbeten und auf irgendwelche Wunder warten, das verbot sich, in seinen Augen. Zögern an bodenlosen Fässern würde die Rettung des Gesamtorganismus gefährden.
Pomp of Canada war einer dieser Fälle. Er nutzte eine der abendlichen Rücksprachen mit Fred, um seine Zahlen zu präsentieren. Einen Schock wollte er auslösen. Aber das Resultat war das Abschweifen in Geschichten, Perspektiven, exzellente Verbindungen, Kontakte zu höchsten Repräsentanten bei jeder Station. Am meisten ärgerte er sich über sich selbst. Bei der Umrechnung der Ergebnisse der PGCE, Manila hatte er nicht weiter geforscht und das Währungskürzel als „Pes(c)o“ interpretiert. Einige Male benutzte er diesen Ausdruck bei den Erläuterungen zu dieser Station und bemerkte zu spät das süffisante Grinsen von Fred. Er ärgerte sich maßlos, hatte Mühe nicht den Faden zu verlieren. Solche Nebensächlichkeiten fanden scheinbar großes Interesse, aber die ernüchternden Zahlen wurden nur zur Kenntnis genommen. Bei Kanada angelangt hatte er die Gelegenheit, seinen Ärger abzuleiten. Er wusste mittlerweile schon, dass Fred mit Herzblut an diesem Investment hing. Hatte es auch nichts gegeben mit der Olympiateilnahme seiner Frau, es blieb immer ein Faible für dieses weite, großzügige Land. Und seine Reiterfreunde. Angefangen von der der sportlichen Elite der dortigen Reiterei, bis zu Mr. Boysen, diesem zwielichtigen Lebemann. Gerade hatte er erst mit seiner Tiertransportgesellschaft in Haan bei Essen, den Transport der kanadischen Pferde zur Weltmeisterschaft und zurück organisiert. Fred malte mit vielen Worten bunte Girlanden um die miesen Zahlen. Das Geschäft mit dem Export von Fertighäusern nach Saudi Arabien. Das Projekt Hiram Walker, ein riesiges Lager für Whisky-Vorräte, das kurz vor dem Abschluss stand. Aber Kulpa blieb gnadenlos. Hier die Luftfracht in Montreal, meilenweit von der Gewinnschwelle entfernt, ebenso die Seefracht. Toronto wies praktisch nur Kosten auf. Und erst die teure Außenstelle am neuen Flughafen Mirabel. Fred knickte ein. Man würde Herrn Chipher zum Rapport bestellen.
Kulpa war noch nicht lange im Unternehmen, aber er hatte schon so viele Eindrücke aufgenommen, dass ihm davon manchmal schwindlig wurde. Da waren die absolut erstaunlichen speditionellen Innovationen wie der Transsibirien-Verkehr oder der Air-Sea-Verkehr von Fernost. Weltmarktführer als Kunden wie Kawasaki, Toshiba, Akai. Kontakte zu den Spitzen der deutschen Wirtschaftswunder-Elite. Da waren zum einen die imposanten Namen und Städte in seinem Organigramm der Auslandsorganisation. Und gleichzeitig niederschmetternde Ergebnisse an vielen Plätzen. Die Klagen der Protagonisten in der Zentrale und in den Außenstellen. Übereinander, über die Zustände in der Organisation und die geschäftlichen Schwierigkeiten im Allgemeinen. Vor allen Dingen aber dieses „Loch“, das scheinbar ständig um die Erde kreiste. Er hatte es schon entdeckt, als er den Stapel Post zur Einarbeitung durchgearbeitet hatte. Jeder wollte von jedem Geld. Und das Loch wurde scheinbar immer größer. Ihm schien es, als wäre es ein riesengroßer Schlund, in den die ganze Pomp-Organisation irgendwann hineingezogen würde. Die Nachrichten und Meldungen auf seinem Tisch erzeugten vor seinem geistigen Auge eine riesige Fieberkurve. Mal ein Ausschlag ins Positive, dann wieder ernüchternde Erkenntnisse ins Negative. Das Unternehmen schien ein einziger großer Patient zu sein, der sich in seinen Fieberschüben wälzte. Oft erschien es ihm, als ob die positiven Nachrichten nur die allseits bekannten Fieberfantasien wären.
Aber da waren auch die interessanten Menschen, die er inzwischen schon kennengelernt hatte. Die ihn durchaus beeindruckten. Von Anfang an hatte er einen offenen, liberalen Geist vor allen Dingen bei den Leuten aus der Auslandsorganisation wahrgenommen. Das tat ihm gut, der politisch interessiert an der Enge seiner Heimat oft verzweifelte. Man hatte zwar die sozialliberale Koalition, die Worte von Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen", aber die gesellschaftliche Realität war in Deutschland eine ganz andere. Da hatte Dundale mit seiner Mahnung an Hogman durchaus recht. Hier würden sich die Leute noch auf der Straße nach einer fremdländischen Gattin umsehen. Und auch Kulpa gegenüber sprach Dundale von seinen Sorgen, die er sich machte um die jungen Menschen, die man schon in so frühen Jahren in Auslandsabenteuer schickte. Auf den gemeinsamen Autofahrten, zum Beispiel nach Kelsterbach, in die Luftfrachtzentrale, erfuhr Kulpa manches an menschlichem und sozialem Hintergrund aus der Auslandsorganisation. In diesen Gesprächen beeindruckte ihn immer wieder die offene, unkomplizierte Art, die Diskussions- und Streitkultur, mit der auch Widerspruch hingenommen wurde und die Darlegung unangenehmer Wahrheiten gefahrlos schien. „Geh nicht zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen wirst“, diese alte Spruchweisheit verlor hier für ihn seine Bedeutung. Er fühlte sich sicher in seiner Position und hatte leicht zu argumentieren. Die Zahlen und Fakten, die er zusammen trug, hatten eine deutliche Sprache und in der Regel musste sich sein Gegenüber einen Großteil davon zurechnen. Das führte fast schon in die Nähe der Respektlosigkeit. Angesprochen von Dundale darauf, dass er samstags selten zu sehen sei, antwortete er schnippisch: „Für manche Leute wäre es besser, wenn sie ebenfalls zu Hause blieben. Dann machten sie wenigstens nur an fünf Tagen in der Woche ihre Fehler"!
Ihm reichten schon die ständigen Einladungen am Wochenende „zu Hofe“ bei Fred Pomp. Irgendwelche Japaner, Koreaner oder sonstige Gäste von weit her waren immer im Hauptquartier. Dann gab es die übliche Lagerbesichtigung und am Abend den Empfang in Fred Pomps Villa, die direkt neben dem Betriebsgelände errichtet worden war. Daneben im gleichen Stil, das Domizil von Jakob. Reithalle, Ställe und Reitplatz teilten sich die beiden. Noch härter traf es in der Regel Weller, der mit den Gästen den üblichen Ausflug in den Rheingau, Kloster Eberbach, Rüdesheim, Niederwalddenkmal absolvieren musste. „Ich bin doch nicht der Maitre de Plaisir,“ echauffierte der sich dann montags, „dem Japs habe ich ein ganz einfaches Schnitzel mit Pommes frites bestellt".
Aber da war dieses internationale Flair, dem durchaus nicht nur nüchterner Zahlenmensch, auch er sich nicht entziehen konnte. Ein ständiges Paradoxon. Die Visitenkarten von ausländischen Gästen, natürlich alle mit hochtrabenden Titeln Chairman, President, Vicepresident füllten immer mehr den Drehhalter, den er sich inzwischen standesgemäß nach amerikanischem Vorbild für seinen Schreibtisch besorgt hatte. Vicepresident, so viel hatte er allerdings schon in seinem Job in Frankfurt bei einem US-Tochterunternehmen mitbekommen, konnte im Zweifel auch „Frühstücksdirektor“ heißen. Natürlich war es für ihn am Anfang noch erhebend gewesen, in die Villa eingeladen zu werden. Ein bisschen aufregend auch. Sein mageres Englisch wurde auf harte Proben gestellt. Anfängerpech, als er sich gleich den ersten Schluck seines Campari-Soda-Aperitifs in den Hemdkragen schüttete. Aber die Gesellschaften hatten auch immer etwas Burleskes. Er registrierte, dass unter den Alteingesessenen so etwas wie ein blindes Verständnis herrschte, wenn es um die verbalen Ausritte von Fred ging. Auch beim großen Empfang für Mr. Icegaya den Präsidenten der Isewan-Gruppe in Japan, mit der man gerade eine wichtige Joint-Venture für das Seefracht-und Transsibiriengeschäft gegründet hatte. „Mary sprich englisch“, tadelte er ständig seine Frau und radebrechte dann mit einer Tischrede um letzten Endes in dem Satz „I will come to the Far East…, I will come to the Far East…, I will come tot he Far East….“ stecken zu bleiben. „Sooner or later“ half ihm schließlich Greed in seiner trockenen Art aus der Patsche. Zur allgemeinen Erleichterung oder war das
