Popcorn Melody - Emilie de Turckheim - E-Book

Popcorn Melody E-Book

Émilie de Turckheim

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Beschreibung

Tom Elliott ist der Besitzer eines kleinen Ladens in Shellawick, einem amerikanischen Städtchen inmitten einer schwarzen Steinwüste, umgeben von endlosen Maisfeldern. Die meisten der 1.100 Einwohner arbeiten in der Popcornfabrik Buffalo Rocks, die die ganze Gegend beherrscht. In Toms Laden gibt es nur das Allernotwendigste zu kaufen, die »Trilogie des Glücks«, wie er es nennt: etwas zu essen, etwas zum Waschen und etwas gegen Fliegen. Tom hat eigentlich Literatur studiert und schreibt Haikus in alte Telefonbücher. Voller Humor und Selbstironie meistert er den Alltag, nimmt seinen Kunden im alten Barbierstuhl seines Vaters gewissermaßen die Beichte ab und versucht sich an einem Roman. Als eines Tages Buffalo Rocks direkt gegenüber einen riesigen Supermarkt eröffnet, beginnt Tom zu kämpfen: für die Würde und für die Liebe. Der Roman erzählt eine moderne Aussteigergeschichte, abgedreht und unterhaltsam, bevölkert von liebenswerten, leicht durchgeknallten Charakteren. Und wie beiläufig geht es auch um Recht und Unrecht, um Reichtum und Glück, Freundschaft und Liebe.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Aus dem Französischen von Brigitte Große

Die französische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel Popcorn Melody bei Éditions Héloïse d’Ormesson in Paris.

Dieses Buch wird herausgegeben im Rahmen des Förderprogramms des Institut français.

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Förderung ihrer Arbeit.

Die vier Gedichte All things swept sole away, Schau freundlich auf die Zeit zurück, Sie brauchen mich wohl nicht und With thee, in the Desert werden zitiert nach:

Emily Dickinson. Sämtliche Gedichte. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Gunhild Kübler, Hanser, München 2015

E-Book-Ausgabe 2017

© Éditions Héloïse d’Ormesson 2015

© 2017 für die deutsche Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung Julie August unter Verwendung eines Verpackungsdesigns der Popcornmarke Boy-o-Boy, USA.

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 9783803142276

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3289 5

http://www.wagenbach.de/​

Für Fabrice

All things swept sole away

This – is immensity –

Wischt alles man beiseit –

Bleibt – Unermesslichkeit –

Emily Dickinson

Es war einer dieser Sommermorgen in der tiefsten Wüste, an denen die Sonne vom Horizont direkt in den Himmel schießt und gleich die ersten Stunden des Tages zur Weißglut bringt, obwohl man sich von ihm Kühle erhoffte und das langsame Abstottern der noch nicht richtig gelben, noch nicht richtig braunen, noch nicht richtig beigen Schattierungen, so, als würden auch die Farben sanft erwachen, allmählich tiefer werden und an Glanz und Härte gewinnen, bis sie schließlich zu Mittag ihren dummen, geheimnislosen Schlusston erreichen.

Ein völlig betrunkener Mann kam in meinen kleinen Supermarkt gelaufen. Ich schlug das Telefonbuch irgendwo auf und schrieb:

Laufend stinkend

wird es todtraurig Tag

für einen Indianer

Er ließ sich in den Sessel vor meiner Registrierkasse fallen. Sein Gesicht schwitzte Dry Corny, einen einheimischen Fusel aus vergorenem Mais. Da er sich nicht mehr rührte, dachte ich, er sei in dem mit Klauenöl imprägnierten, abgewetzten braunen Ledersessel mit dem herzförmigen alten Blutfleck ohnmächtig geworden, da richtete er sich plötzlich kerzengerade auf, kreuzte die dünnen Beine zum Schneidersitz und forderte, ohne die Augen zu öffnen, mit schwerer Zunge: »Los, Worte!« Ich sei nicht übertrieben gesprächig, erwiderte ich, wenn er aber Lust habe, mir irgendetwas zu erzählen, zum Beispiel von der durchwachten Nacht, die hinter ihm liege, oder von seinen Sorgen, dann habe er seinen Hintern am allerbesten Platz von ganz Shellawick hingepflanzt. Ein Violinschlüssel war auf seinen Hals tätowiert, verwackelt und unscharf, wie man sich so etwas mit Kugelschreiber und Nadel im Gefängnis selbst zufügt. Als ich ihn fragte, ob er Musiker sei, bellte er: »Worte! Du! Worte!« Erst jetzt sah ich das große Messer mit einem Griff aus Metall und Horn, dessen Klinge er an seinem Handgelenk entlang aus dem Ärmel zog und das so glänzend herauskam, als hätte er es poliert. Ich steckte die Hand in die Tasche, und als meine Finger die vertraute Form und sanfte Wärme des glatten Steins fühlten, der darin wohnte, beruhigte ich mich sofort.

Der Indianer – Grandpa, wie man in der Wüste sagt – begann, eine unverständliche, verworrene Geschichte zu erzählen, in der vor allem geschlachtete Tiere vorkamen – sechzig Millionen geschlachtete Tiere. Seinen dumpfen Redeschwall untermalte er mit blitzschnellen kreisförmigen Bewegungen des Messers, bei denen die Klinge in regelmäßigen Abständen unsichtbar wurde. Ich durchkämmte die Luft mit meinen Blicken, um sie um ihn herumwirbeln zu sehen, sah aber nur in regelmäßigen Abständen einen Funken im Leeren aufblitzen. Je länger der Grandpa redete, desto weniger betrunken wirkte er. Ich begriff allmählich, dass er Okomi hieß und dass ich für seine Musikgruppe aus einem Flötenspieler, einem, der für Klapper und Trommel zuständig war, und ihm, der sang und die Rassel bediente, einen Songtext schreiben sollte. Er nahm eine Art Maraca mit Lederkopf aus seiner Tasche, die anscheinend mit Nägeln gefüllt war, und schüttelte sie. Ohne dass es mir gelang, meine Erinnerung festzuhalten, wusste ich, dass ich dieses körnige Rasseln schon einmal gehört hatte. Ich solle die Augen schließen und dem Hämmern der Hufe in der Prärie lauschen, schrie Okomi … Dann steckte er sein Instrument wieder weg und sagte, er habe in Tahoneck von einem Typen im Supermarkt von Shellawick gehört, der Schriftsteller sei. Also sei er um fünf Uhr morgens in Tahoneck aufgebrochen, mit einer Flasche Dry Corny in der Hand und dem Messer in der anderen, und habe zu Fuß vierzehn Meilen schwarzer Wüste durchquert. Und das alles nur, um mich zu treffen. Etwas dümmlich bedankte ich mich bei ihm.

»Gedichte schreibst, keine langen.«

»Yep, Dreizeiler … Wenn einer hier durch die Tür kommt, schreib ich die ohne nachzudenken ins Telefonbuch rein … Ich schreib auch gern über was schon Geschriebenes. Meine Gedichte sind wie Haikus, um Dinge im Flug zu erwischen.«

»Gut. Schreib!«

Er hielt sein Messer an der Klinge und bedrohte mich mit dem Griff.

»Okay, und worum geht es in deinem Song?«

»Fabrikarbeit.«

»Fabrikarbeit? Ganz sicher? Und das soll den Leuten gefallen?«

»Wird es.«

»Willst du nicht lieber was anderes … Liebe zum Beispiel? Herz und Schmerz? ›Komm wieder, Babe, ich hab den Blues‹… Weißt du eigentlich, dass es in neunzig Prozent aller Songs heißt ›Komm wieder, Babe, ich hab den Blues‹? Aus Fabrikarbeit einen Song zu machen ist gar nicht so leicht …«

»Fabrikarbeit.«

»Okay, es ist dein Lied, mein Freund.«

Okomi war aufgestanden und beugte sich zu mir herüber, während ich so leserlich wie möglich auf eine Telefonbuchseite schrieb. »Das ist der Titel? Guter Titel!« Seine Hände zitterten. Immer, wenn ich mit einer Zeile fertig war, spießte er sie mit der Messerspitze auf. Ich sollte vom Karamellgestank erzählen, der dir den Magen umdreht und dich bis ins Bett verfolgt; von den Maiskörnern, die millionenfach im Ofen explodieren und sich anhören wie ein Hagelsturm über der Wüste von Tahoneck, ein Lärm, der dich fast taub macht; von den Gummihandschuhen, die dir an den Handgelenken das Blut abschnüren, die jucken wie Krätze und vom kochenden Speiseöl Löcher kriegen und schmelzen. Das Messer scharrte über die Theke. Nicht zu vergessen die mörderische Hitze an den Laufbändern, wo die vom Frittieren geplatzten Maiskörner hopsen wie kleine Gehirne. Die Klinge blitzte vor Zorn und schärfte sich im Augustlicht.

Es wurden vier Strophen und ein Refrain. Okomi riss die Seite aus dem Telefonbuch, knüllte sie in seiner Faust zusammen und stopfte sie sich in die Tasche. Er stand auf, ging ein paarmal auf den Boden stampfend und sehr laut singend um den alten Stuhl herum und ließ sich dann wie ein Sack Körner wieder hineinfallen. Dann nahm er sein Messer an sich und murmelte: »Ich sag nicht Danke.« Und wirklich ging er, ohne sich zu bedanken oder wenigstens eine Dose Kansa-Cola oder Bziter-Fliegenstreifen zu kaufen.

Für einen durchreisenden Fremden war unsere Wüste, der Schuttfuß, rußfarben und mausetot. Aber für uns war sie lebendig, sie atmete, kaute den ganzen Tag lang mit ihren Steinen an der Sonne herum und spuckte sie mitten in der Nacht glutheiß wieder aus. Je nach Tageszeit zeigte der Schuttfuß tausend verschiedene Nuancen, und wie jede Mutter ihre Kinder auseinanderhalten kann, kannten wir jeden einzelnen Schwarzton dieser Geröllhalde ganz genau. Wir waren schließlich mitten in diesem unübersehbaren Schwarz geboren, im Mark der Schwärze, in der Wüste von Tahoneck. Im Frühjahr grollten Hagelgewitter in unseren Knochen. Wie schon unsere Eltern hatten wir keine Angst vor den Tornados, die Krater aussaugten und auf unserem quarzschimmernden schwarzen Mond tanzten. Keiner beklagte sich, dass er mit dem »Passagierdampfer«, einem blauen Bus, in dem es nach Schweiß stank und der Staub einem Hals und Waden verklebte, dreißig Meilen durch die Steinwüste nach Norden fahren musste, um nach Cornado zu kommen, in die Buffalo-Rocks-Popcornfabrik, in der die Hälfte der Einwohner von Shellawick und den benachbarten Flecken Tahoneck, Princebourgh, Pessahee, Dundrove und New Paselina arbeitete. Niemand wollte hier weg. Wir lebten in pechschwarzer Ruhe auf messerscharfen Edelsteinen.

Trotzdem starb Shellawick allmählich aus. Erst beschuldigten wir die Sonne, weil sie immer heißer auf uns niederbrannte und uns mit ihren sengenden Daumen vorsätzlich erdrückte. Dann den Schuttfuß, weil er mit seinen Steinen auf der Straße von Shellawick nach Cornado gern Murmeln spielte, sodass die Leute aus dem Bus steigen und die Straße räumen mussten, was ihre Fahrzeit zur Popcornfabrik oft verdoppelte. Natürlich beschuldigten wir auch die Tornados, die mit ihren langen schlanken Leibern den Staub aus der Wüste saugten und über Shellawick verstreuten, nur um uns zu ärgern und mit dem Resultat, dass wir ständig mit gekrümmtem Rücken fegen mussten. Aber keiner dieser vom Himmel gefallenen Gründe war der wahre. Eigentlich ging es damit los, dass die drei Snackbars schlossen. Und die Pizzeria. Und das Bowlingcenter, vor dem man in einer frittierölgetränkten, von Weiß nach Eisgrau changierenden Papiertüte die besten Maiskrapfen der ganzen Steinwüste bekam. Die Stadt leerte sich wie eine umgedrehte Sanduhr, geräuschlos, Körnchen für Körnchen. Die meisten zogen nach Cornado, neben die Buffalo-Rocks-Fabrik, und ließen ihre Hunde in Shellawick zurück. Wenn man die, die nicht flohen, gefragt hätte, warum sie blieben, hätten sie geantwortet: »Weil ich da herkomme, dummer Lull!« Einige hätten geschworen, dass sie nur wegen der Schönheit des Schuttfußes blieben. Und andere hätten gesagt: »Um die Gelben, die Maiskönige, zu ärgern.« Ich gehörte zweifelsfrei zur letzten Kategorie.

Es gab noch zwei, drei halb leere Lebensmittelgeschäfte in Shellawick, aber mein Laden war der einzige, der den Namen Supermarkt verdiente, weil er über zwei Einkaufswagen verfügte, eine maispflanzenhohe Säule Körbe und vier Gänge mit allem, womit man glücklich und alt werden konnte. Ich verkaufte nur, was man brauchte, um nicht zu verhungern, sich zu waschen und Fliegen zu töten. Als ich klein war, gab es zwei andere Supermärkte in Shellawick, einen ganz im Osten der Stadt, einen mehr im Süden. Beide mussten zusperren, als der Exodus nach Cornado sich beschleunigte. Nachdem das Bowlingcenter und die Snackbars geschlossen hatten, veranstalteten die Leute ihre Abschiedsfeste in meinem Laden. Sie drängten sich um den alten Ledersessel, der vor der Registrierkasse stand, tranken Dry Corny, stopften Maiskuchen in sich hinein, irgendwer behauptete, auf der Fahrt nach Tahoneck einen Kojoten gesehen zu haben, alles staunte, wahrscheinlich war es ja doch nur ein gewöhnlicher Köter gewesen, das wollte man aber genauer wissen und löcherte den Mann mit Fragen – aber keiner redete darüber, dass wieder einer der Unsrigen wegging, oder erwähnte Cornado, die Menschenfresserstadt. Dabei wussten alle, dass es in Shellawick bald mehr leere Häuser geben würde als bewohnte. Staub verklebte die Maschen der Fliegengittertüren und die Polster der Hollywoodschaukeln, auf die sich niemand mehr setzte, um den violetten Sonnenuntergang im Westen der Steinwüste zu betrachten. Alle Blicke waren gen Norden gerichtet, auf die hohen, verchromten Schornsteine von Buffalo Rocks.

Matthew Southridge, voll brauner Flecken wie ein oxydierter Apfelbutzen, versäumte kein einziges Abschiedsfest. Mit bösem Blick fixierte er diejenigen, die es wagten, Shellawick zu verlassen. Er sprach mit niemandem, schlug sich den Bauch mit Krapfen voll und gab von Zeit zu Zeit bissige Kommentare von sich: »Viermal zu lang im Ofen!« »Zu wenig Zucker!« »Kann denn keiner mehr Krapfen backen in dem vertornten Lullenkaff?« Matthew besetzte den einzigen Sitzplatz und gab ihn für niemanden frei. Manchmal nickte er ein, dann wurden seine entlang des Körpers ausgestreckten Arme steif, und er sah aus wie tot, verschluckt von dem großen Drehstuhl aus unbeugsamem Leder, der einmal meinem Vater gehört hatte, dem Barbier von Shellawick, dessen Vater auch schon Barbier gewesen war wie sein Großvater und wie wahrscheinlich sämtliche Elliotts seit Erfindung des Rasiermessers.

Mein Vater verabscheute Angeber und war davon überzeugt, dass sich das Leben jedes anständigen Mannes in einer Zahl zusammenfassen lasse, die ihm besser gerecht würde als sämtliche Grabreden. Seine eigene Zahl war die Zwölf – sie entsprach den Meilen an Bart, die er nach seinen Berechnungen im Lauf der Zeit abgeschnitten hatte. »Handle so, dass du dich am Ende deines Lebens nicht für deine Zahl schämen musst, mein Sohn! Macht nichts, wenn sie nicht allzu hoch ist. Nur verzetteln darfst du dich nicht! Nimm die ganze Kraft zusammen, die dir die Natur in den Leib gepflanzt hat, und arbeite an deiner Zahl! Das Wichtigste ist, eine zu haben, die du zum Wachsen bringen kannst, mein Sohn. Und die soll auf deinem Grabstein stehen, sonst nichts! Keine Tukanitäten wie Name und Geburts- und Sterbedatum wie bei der Königin von England – eine Zahl genügt. Die Guten werden’s verstehen, und die Lullen werden sagen, dass es Grabschändung ist und dass es für alles Regeln gibt, auch wenn einer stirbt … Aber da pfeifen wir drauf, sind ja bloß Lullen!«

Ich bestellte also bei einem Kerl, der vier abgebrochene Schneidezähne hatte mit nur ein paar Millimetern Schmelz über den Wurzeln, wie ein Hund, der sein Leben lang an Knochen genagt hat, eine Zwölf für das Grab meines Vaters. Der Kerl hieß Larry und stellte sich spuckesprühend als Generalbestattungsdirektor von Shellawick vor. In seiner Bescheidenheit vergaß er zu erwähnen, dass er außerdem für das Sekretariat, das Fegen, die Buchhaltung und das Ausheben der Gräber zuständig war. Seine Frau kümmerte sich um den Blumenschmuck und die Einbalsamierung der Leichen. Da in der günstigsten Sterbepauschale neunzehn Zeichen enthalten seien, wie mir der zahnlose Bestatter mit dem Taschenrechner in der Hand versicherte, wäre es eine Beleidigung meines Vaters und eine unsägliche Verschwendung, nur zwei Ziffern in den Grabstein zu gravieren. Das sei ihm in den ganzen dreißig Jahren seiner Berufstätigkeit noch nie passiert, dass jemand von ihm verlangte, einen Toten über den Tisch zu ziehen, er sei schließlich kein Leichenfledderer. Ein ferner Gedanke hatte seinen Blick verdunkelt. Der Totengräber wäre nämlich gern Schauspieler geworden, einer von denen, die Menschen zum Lachen bringen, nicht so ein Langweiler wie der Schuttfuß. Er hob den Blick, um herauszufinden, ob er mich mit seinen Scherzen zum Lachen bringen könnte, aber ich lächelte nicht einmal. Er habe immer davon geträumt, erzählte er, von Stadt zu Stadt zu ziehen und in den Bars von Pessahee, Tahoneck, Princebourgh und dem ganzen Rest des Landes »seinen Nächsten zum Lachen zu bringen«. Dann habe er sich doch dafür entschieden, seinen Nächsten unter die Erde zu bringen. Und zwar seiner Frau zuliebe, weil sie von Kindesbeinen an davon geträumt habe, Thanatopraktikerin zu werden. Da er aber sein spaßiges Wesen nicht gänzlich habe verleugnen können, habe er seine Firma »Der lachende Geier« genannt. Seine Frau habe an seinen zweifelhaften Scherzen vor den Klienten stets etwas auszusetzen: Wenn das so weiterginge, würden sie wegen dem Quatsch noch die ganzen Toten verlieren. Doch Larry ließ sich nicht so leicht entmutigen und benutzte jede neue Witwe, die die Schwelle zum »Lachenden Geier« überschritt, als Übungsobjekt: »Mrs.Webster! Jetzt kann aber keiner mehr sagen, Ihr Mann wird uns noch alle überleben, stimmt’s?«

Seufzend und grimassierend versuchte Larry, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Das Grab meines Vaters müsse unbedingt aussagekräftiger werden, sonst könne sich in fünf Jahren keiner mehr an den Inhalt des Sarges erinnern, nicht einmal meine Mutter und ich. Die Untergrenze, das Sterbensminimum sozusagen, seien Geburts- und Todesdatum sowie der Taufname meines Vaters. »Weniger heißt, sich über Leute lustig machen, die sich nicht mehr wehren können!« Jedes Mal, wenn Larrys schmale Lippen sich öffneten, um »seinen Nächsten zum Lachen zu bringen«, sah ich in dem schwarzen Loch ohne Zähne das Endprodukt seiner Arbeit: ein abgrundtiefes Grab. Und dachte an seine Zahl, die vielen Meilen, die er in den steinigen Boden von Shellawick gegraben hatte.

»Löcher bohren, in die man Tote legt – ein Beruf von strenger Poesie!«, befand Mr.Takemo, mein Linguistikprofessor, als ich ihm Larrys bodenlosen Mund beschrieb. Ja – und das war durchaus bemerkenswert für einen Bewohner Shellawicks und Sohn eines Barbiers –, ich hatte an der Universität von Princebourgh am australischen Ende der Geröllhalde, wo die kränklichen Prärien in kleinen grünen Flämmchen wiederauflebten, vier Jahre Literatur und Linguistik studiert. Diese vier Jahre veränderten alles und nichts in meinem Leben. »Und das ist doch genau das, was man sich von einem geliebten Wesen erwartet«, sagte Mr.Takemo.

»Die Toten können mich seit Ewigkeiten nicht mehr erschrecken. Ich mach ihnen schön das Bett und deck sie zu, wie eine Mutter bin ich zu die!«, spuckte Larrys schwarzes Loch aus. Ich begann zu lachen, abgehackt und kieksend wie eine zerkratzte Schallplatte. Dann ließ ich mich vom Automatismus einer Heiterkeitsattacke im Nacken packen und durchschütteln – wie damals, als ich unter den sengenden Scheinwerfern mit einer Popcornpackung von Buffalo Rocks in der Hand auf Befehl lachen musste. Als ich den Ausdruck verblüffter Dankbarkeit auf Larrys Gesicht erkannte, wusste ich, dass es richtig gewesen war, ihm etwas vorzuspielen, um ihm eine Freude zu machen. Eigentlich könne er doch genauso gut eine Eins und eine Zwei in den Grabstein meines Vaters gravieren, verkündete Larry speichelspritzend, und mir für den ersparten Schweiß zwanzig Prozent Nachlass gewähren. Mir war vollkommen klar, dass das nichts mit dem Schweiß zu tun hatte – ich verdankte es meinem Lachen. Befreit und leichten Herzens kehrte ich nach Hause zurück.

Meine Mutter hatte die gesamte Kleidung meines Vaters aus dem Schrank genommen und in zwei Haufen sortiert: auf der einen Seite die guten Sachen, die sie der Kirche spenden wollte, auf der anderen die, die ich eine Stunde später erben sollte. Ich hatte sie eine Weile lang durch die Zimmertür beobachtet und dabei mein Tigerauge in der Tasche gerollt. Ihre Tränen schimmerten sehr hell, wie die glänzende Narbe auf ihrer Stirn. Ihre Haut war mit den Jahren nachgedunkelt. Die geraden Linien der Adlernase und der hohen Wangenknochen wirkten wie mit dem Lineal gezogen.

An diesem Abend schlug ich das Telefonbuch auf, das ich gerade zur Hand hatte, und schrieb in eine Spalte mit Namen, die alle mit »Lar« begannen wie Larry:

Ein Ziffern- und Lettern-Händler

zahnlos

der Tote nicht über den Tisch zieht

Mein Vater notierte immer in einem Register, wie viel Millimeter Haar er im Lauf des Tages abgeschnitten hatte. Im Sommer lächelte er unter seinem dicken roten Schnauzer, wenn eine bestimmte, für den Schuttfuß typische Art sehr dünner Männer mit langem, wolligem Bart seinen Salon betrat und sich dabei kräftig die Hände rieb, was immer Gutes verhieß.

»He, Sam, mach mir das ganze Gestrüpp da weg, dass eine Ruhe ist!«

Mitchell EMERSON: 150mm.

War einer unentschieden (»… den Bison scheren oder bloß auslichten?«), dachte mein Vater nur an sein Register. »Auslichten? Quatsch, vertornter! Das wächst doch wie Unkraut!« Eine verblüffende Metapher in einer Gegend, wo nichts wuchs und jedes Kraut ein so rares Gut war, dass es nie und nimmer zum Unkraut werden konnte, wo ein paar winzige, in einem Loch zwischen den Reißzähnen des Schuttfußes sprießende Halme Grund genug für einen Spaziergang waren und Gesprächsstoff für den ganzen Tag: Ob es doch Wasser unter der Steinwüste gab? Ob man ums Haus herum vielleicht sogar Mais pflanzen könnte? Was Gott uns wohl sagen wollte durch das kleine grüne Büschel? Oder hat es nur irgendein Lausbub am Lake Paselina ausgerissen und hier eingepflanzt, um uns zu verlullen? Von allen Beichten im Barbierstuhl waren mir die Geschichten von Pflanzen im Schuttfuß am liebsten. Fast alle meine Kunden erzählten mir irgendwann den gleichen Traum: Barfuß oder in Schuhen spazieren sie über spitze Steine, bis sie im Schlick eines Kraters oder direkt vor ihrer Haustür, mitten auf der Small Fox Road, plötzlich Aug in Auge einer Blume gegenüberstehen, einem dieser tapferen Soldaten im weißen Blütenkleid, der in der Hand eines brüllenden Tornados als Samenkorn den Schuttfuß überflogen hat und ohne Aufsehen, ohne Wasser und ohne Gesellschaft aus einem Riss im Asphalt emporwuchs. Mit dem erhobenen Kopf und dem zarten Körper gleicht die Blume einer jungen Hexe, die zum Scheiterhaufen geführt wird, aber weder auf die böse Menge schwarzer Steine achtet noch auf den Henker da oben im Himmel, der sie pünktlich verbrennen wird. Sie strahlt – und fängt deshalb Feuer.

Meine Kunden wussten nicht, dass sie alle das Gleiche träumten, wenn die flötenden Seufzer der Kojoten im Dunkel erstarben. Die Leute erzählten einander nie von ihren Blütenträumen – was hätten denn die anderen denken sollen?

An einem Frühlingsmontag saßen Mr.Takemo und ich im Schneidersitz auf dem in beige-schwarzem Schachbrettmuster verlegten Boden der Eingangshalle und beobachteten, von Bratwurstduft umflort, die Studenten, die vor der Hotdogbude Schlange standen, redeten, gähnten, sich zum Mittagessen auf den Stufen niederließen und sich auf unterschiedlich anmutige oder tollpatschige Art wieder davon erhoben. Um unsere kontemplative Sitzung nicht zu stören, blieb ich sitzen, obwohl das Geröhr in meinem Bauch die seltsamsten Geräusche von sich gab, und traute mich nicht, selbst hinzugehen und einen dieser hochmuttriefenden Hotdogs zu erwerben, der sich, als wolle er mich verhöhnen, in meinen Mund drängte; in Gedanken biss ich schon in das weiche Brötchen, fühlte den elastischen Widerstand der Wursthaut, die Temperaturdifferenz zwischen der lauwarmen Molle und dem heißen Brät und wie der Senf meinen Gaumen entflammte. Mr.Takemo folgte meinem Blick – aber vielleicht reime ich mir da was zusammen, und er hat nur meinen Magen singen gehört – und sagte mit einem melodiösen Lachen: »In gewissem Ausmaß ist Mangel doch ein Segen!«

Oft blieben wir eine ganze Weile so sitzen, und da mich Hunger schläfrig machte, schloss ich die Augen und erinnerte mich daran, wie ich mit sieben oder acht immer unter einem Resopaltischchen voller Kämme, Scheren und Elektrorasierer hockte und aus diesem Winkel meinem Vater bei der Arbeit zusah. Die Lederscheide für das Rasiermesser hing an einem Nagel am anderen Ende des Raumes, wie um zu demonstrieren, dass zwischen dem Königsinstrument des Meisterbarbiers und den groben Werkzeugen der Friseurgehilfen, die mein Vater so wenig wie möglich benutzte, Welten lagen. Ich machte mich gern ganz klein, verkroch mich gleichsam in mir, damit nichts über mein Versteck hinausstand, und war sehr stolz auf meine Tarnung. Dabei streichelte ich das Tigerauge, das mir mein Lehrer geschenkt hatte, in meiner Tasche. Nichts war zu hören außer dem Wind draußen auf dem Schuttfuß und dem Schaben des Rasiermessers, das sich anhörte wie eine Katze, die über einen Zuckerteppich schleicht. »Wann ist wieder Jahrmarkt?«, fragte ich aus meinem Versteck, und mein Vater antwortete, Überraschung heuchelnd: »Wie, du bist da? Spionierst du uns aus? In einem Monat und vier Tagen! Das hat sich seit heute früh nicht geändert!« Dann sprang ich auf, schnappte mir den Besen und kehrte den Wüstenstaub Richtung Eingangstür, und zwar so hopplahopp, dass ich damit ständig gegen die Scheuerleisten stieß. Ich trug einen Geschwindigkeitswettbewerb aus, dessen Regeln nur ich kannte. Ich ging in die Knie, um besser unter die Möbel zu kommen. Mein Schweiß kitzelte im Rücken. »Will dein Sohn Blumenverkäufer werden?«, fragte der dicke Mann mit der viel zu breiten weißen Stirn und dem roten Piratentuch über dem linken Auge aus dem Barbierstuhl. Mein Vater zwinkerte mir zu und fuhr mit der Klinge über den Adamsapfel des Mannes, dessen Namen er abends im Register notieren würde.

Jeff WOOLSEN: 25mm.

Das Wort »Blumen« hallte in meinem Kopf nach. Ich sah mich in der Prärie oder dem, was ich mir darunter vorstellen konnte, also auf einer Geröllhalde voll struppigem Gras, die aussah, als ob die Steine Bart trügen. Dazwischen sprossen wilde Blumen, zum Pflücken bereit, ohne Angst, gesehen zu werden, aus purem Glück, blau oder weiß zu blühen. Mein Besen schrubbte wie irre über den Linoleumboden. Frisch geschnittene Haare wirbelten im grauen Staub, und alles stob und flog Richtung Ausgang. Außer Atem fragte ich mich, ob Blumenverkäufer wohl irgendwann der Blumen überdrüssig würden. Das erschien mir so unvorstellbar, wie sich in der Geisterbahn zu langweilen, einer der Attraktionen des Jahrmarkts, der alljährlich von September bis November auf dem Wohnwagenstellplatz stattfand. Ich hätte die Frage gern einem Blumenverkäufer gestellt, aber in Shellawick hatte es noch nie einen gegeben. Dafür nannte man einen, der den Verstand verloren hatte, bei uns »Blumenverkäufer« – das war die Vorstellung, die wir uns hier vom Wahnsinn machten.

Auf allen Fensterbänken standen künstliche Blumen. Sie hatten Plastikstängel und Blätter aus gestärktem Stoff, die verstaubten und verblichen. Zurück blieben blutleere Köpfe, eine täppische Blässe und ein unnatürliches Schwanken ohne Anmut, wenn der Wind darüberstrich.

Jedes Mal, wenn ich zu Mr.Takemo sagte, dass ich den Schuttfuß liebte, auf dem ich geboren war, mir aber die Pflanzen fehlten, zeichnete er eine Form ins Leere und sagte: »Ein Ahorn erscheint, wenn man die Augen schließt, und es ist ein echter Ahorn.« Manchmal ersetzte er Ahorn auch durch Bergahorn oder Kirschbaum. Den Sinn dieses Satzes habe ich nie verstanden, aber als ich mich Jahre später weigerte, in meinem Supermarkt Kunstblumen zu verkaufen, hatte ich das Gefühl, auf diese Weise seinem Geist die Ehre zu erweisen. Bei mir gab es nicht nur keine Kunstblumen, auch sonst war in den Regalen fast nichts zu finden. Meine Kunden sparten sich die Spucke, mich zu fragen, wo denn Brillenputztücher, Erdnussbutter oder Schokoladenmarshmallows einsortiert seien, weil sie die Antwort schon kannten: nirgends. Mit der Zeit lernten sie, auf all die fantastischen Dinge zu verzichten, die es überall anders gab – in Supermärkten, die ihren Namen verdienten. Anfangs, als sich die Leute noch über die Leere in den Regalen aufregten, hängte ich ein Schild mit der Aufschrift »SUPERMARKT, DER SEINEN NAMEN NICHT VERDIENT« über die Kasse. Meine Kunden fanden das witzig. Leute aus Shellawick lachen fast nie, haben aber einen Sinn für Humor. Sie lachen oder lächeln innerlich und machen ein ernstes Gesicht dabei. Nur die Pendler aus Tahoneck, Pessahee oder Dundrove, drei weiteren Einsprengseln im Schuttfuß, beklagten sich weiterhin über die Lücken im Sortiment. Sie hielten vor meinem Supermarkt, bevor sie die schwarze Ebene nach Norden Richtung Cornado durchquerten. Diese Fremden hatten nur zwei Gründe anzuhalten: Sie wollten pinkeln und Popcorn kaufen. Pinkeln war einfach, die Tür zu meinen Toiletten stand allen offen. Mit dem Popcorn verhielt es sich komplizierter. »Wie, es gibt kein Popcorn? Willst mich verarschen, Rotschädel? Verkauft der kein Popcorn! Weißt du eigentlich, wo du wohnst, du Lull?!« Dann zeigte ich auf das Schild über der Kasse. Manchmal nahmen die Meckerer dann mit Cashewnüssen vorlieb, manchmal aber begannen sie herumzubrüllen, bekamen rote Augen und eckige Kiefer und Fäuste. Einmal spuckte sogar einer aus. Der schaumige Speichel tropfte auf die Seite des Telefonbuchs, auf die ich ein paar Minuten vorher geschrieben hatte:

Marderschnauze

kampfbereit

Popcornfresser, wetten?

Im Allgemeinen erklärten mich die Unzufriedenen schlicht für verrückt. Gelegentlich flogen auch Flüche wie »du Zampel von einem Kojatz!« oder »vertornte Lulle!« über meinen Barbiersessel. In den ganzen sieben Jahren hatte mir nur ein Einziger zu meinem Entschluss gratuliert. Alec war um die zwanzig, zwei Meter groß, mit einer platten, verdrehten Nase. Er hatte ein Jahr in der Popcornfabrik gearbeitet und hundertfünfzig Arbeiter überreden können, eine Petition zu unterschreiben, dass die Arbeitshandschuhe zum Schutz vor Verbrennungen alle zwei Tage ausgewechselt werden sollten. Danach war er wegen »vorsätzlicher und wiederholter Beschädigung von Sicherheitsmaterial« von Buffalo Rocks entlassen worden. Zwei maskierte Typen mit Sturmhauben und den blauen Caps der Los Angeles Dodgers hatten ihm mit Alu-Baseballschlägern im Parkhaus der Fabrik aufgelauert und ihm Kiefer, Schlüsselbein und Nase gebrochen. Alec beugte sich über meine Registrierkasse, umarmte mich und schlug mir dreimal kräftig auf den Rücken. Er bewundere meinen Kampf gegen Buffalo Rocks, die Firma, die die Bewohner der Wüste von Tahoneck schwitzen und sich für einen Hungerlohn totschuften ließ. Alec hatte ja keine Ahnung. Das Einzige, wogegen ich kämpfte, war mein Bild. Der kleine rothaarige Junge mit dem sommersprossigen Gesicht auf den Popcornschachteln war nämlich ich. Mir graute vor meinem Riesenlächeln mit der Affenlücke zwischen den damals noch spangenbewehrten Zähnen. Dieses Kind wollte ich nicht in meinem Supermarkt haben. Überall sonst aber hielten die Gelben, die Maiskönige, die nie einen Schutzhandschuh getragen hatten, mein Gesicht auf der metallicroten Verpackung fest in ihren fetten weißen Pratzen.

Als ich meinen Supermarkt an der Small Fox Road eröffnete, in dem Laden, in dem mein Vater sein Leben lang Bärte gestutzt hatte, gab es bei mir noch alles zu kaufen. Ich beugte mich den Wünschen meiner Kunden. Bestellte ständig neue Produkte, die einander den Platz in den überfüllten Regalen streitig machten. Aber je mehr Waren ich führte, desto mehr Neues verlangten die Leute, auch wenn es sich kaum vom Sortiment unterschied. Was ich auch tat, immer fehlte irgendetwas. Statt zufriedener zu werden, machten meine Kunden einen immer gequälteren Eindruck. Ich besuchte Mr.Takemo in der Universität von Princebourgh. Im Schneidersitz bewunderten wir einen Jaguar, der in einer schwarz gekiesten Allee auf dem Campus parkte. Mit seiner gütigen und leicht spöttischen Gurrestimme sagte Mr.Takemo: »Ein gewisser Mangel ist auf jeden Fall ein Segen.« Das fehle meinen Kunden nämlich: ein gewisser Mangel. Wenn ich sie weiterhin so verwöhnte, würden sie nie dieses Segens teilhaftig werden. Also beschloss ich, meine Gewohnheiten zu ändern und meine Bestellungen auf die Trilogie des Glücks zu beschränken: genug zu essen, sich zu waschen und Fliegen zu töten. Das SUPERMARKT-Schild über der Eingangstür nahm ich ab, drehte es um und malte in roten Lettern DAS GLÜCK darauf. Das K verzierte ich in Erinnerung an meinen Vater, den Barbier, rundum mit Haaren, aber da viele Kunden mich fragten, warum ich aus dem K ein Paar Eier gemacht hätte, stieg ich noch einmal auf die Leiter und rasierte sie wieder ab. Der Großteil des Sortiments war aus den Regalen verschwunden. Fast alle Kunden ertrugen den Entzug, ohne mich zu beschimpfen oder zu bespucken. Die wenigen, die mir den Rücken kehrten und ihre Besorgungen lieber im Supermarkt von Tahoneck machten, was sie fünfzig Minuten Autofahrt über den Schuttfuß kostete und eine Benzinrechnung, die dem Preis eines Bziter-Fliegenstreifens entsprach, ließen sich an den Fingern einer Hand abzählen.