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Erwachsenwerden in einer westdeutschen Kleinstadt der 1960er- und 70er-Jahre: sonntägliche Familienbesuche, Geschichten aus dem Krieg und subtil bedrohliche Begegnungen. Dann wird alles anders. Jan entdeckt die Musik: Pop, Rock, Schlager, Jazz, ein Radio, ein Poster, eine LP, Konzerte, Festivals und immer neue Sounds von neuen Bands und alten Helden. Jan lernt Menschen kennen, die ihn beeindrucken und inspirieren – oder über die er einfach nur an ein paar gute Platten rankommt. Er taucht ein in eine schillernde Welt, die ihn fasziniert, anzieht, mitreißt. Doch irgendwann dreht ihm jemand permanent die Musik leiser. Jemand, den er gelegentlich mal eingeladen hatte, der aber jetzt bleiben möchte, der ihm die Freiheit wieder nimmt. Irgendwann ist es nur noch ein Kampf. Mit Soundtrack. Eine höchst authentische Geschichte vom ewigen Rise and Fall, über die Liebe zur Musik und von Sucht und Wahnsinn, über Offenbarung und Euphorie – und von den Abgründen.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2024
JAN URBANEK, geboren 1961 in Trèves, ist Kulturwissenschaftler, Autor, Fotograf und Musiker.
POPSOG ist sein Debüt als Erzähler – und sein erstes Buch, das kein Fachbuch ist. Er lebt mit einer Katze und ihrer Angestellten in der Nähe von Köln.
janurbanek.de
Jan Urbanek
Popsog
subkultur.de
In diesem Buch kommen, neben Album- und Songtiteln, zahlreiche Bandnamen, Künstlernamen und Eigennamen von Clubs und anderen Institutionen vor. Zudem Slang- und Fachbegriffe. Wir haben einiges probiert, um dies kenntlich zu machen, haben aber wegen deren Menge schlussendlich ganz darauf verzichtet.
Song- und Albumtitel sind in einfachen Anführungszeichen. Alle anderen Begriffe und Eigennamen wurden im Interesse des Leseflusses in der Standardschrift belassen.
Das Lektorat
JAN URBANEK: „POPSOG“
1. Auflage, April 2024, Edition Subkultur Berlin
© 2024 Periplaneta - Verlag und Medien / Edition Subkultur
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
subkultur.de
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Coverfoto und alle weiteren Bilder: Jan Urbanek
Lektorat, Satz & Layout: Thomas Manegold
Buch ISBN: 978-3-948949-37-2
eBook ISBN: 978-3-948949-38-9
Mein Vater ist gestorben. Meine Katze ist gestorben. David Bowie ist gestorben. Lemmy Kilmister ist gestorben. Herman Brood ist gestorben. Langsam verlerne ich zu leben, wenn ich nicht aufwache.
Ich sitze in einem leeren Regionalzug, der mich nach zwei Stunden und 39 Minuten in einen ebenso menschenleeren Vorortbahnhof entlässt, sechs Kilometer von meinem Ziel entfernt. Montag, Mittwoch und Freitag gibt es hier gegen Mittag keine Taxis. Alle vorgebucht von Dialyse-Patienten, für lange Fahrten in die nächste Großstadtklinik. Und zurück.
Ich stehe am Gleis. Die immer rauchende Besitzerin der Kneipe „Am Bahnhof“ ist gestorben. Alle haben geraucht in diesem Laden. Nie wieder Currywurst und Pommes draußen, auf der Terrasse, neben der in einem kleinen Glaskasten, hinter Spinnweben versteckten und vom schwarzgrauem Abrieb der Zugbremsen kaum noch lesbaren Speisekarte. Auf dem Boden tote Insekten bzw. das, was die Verwesung und andere, noch lebende kannibalische Kreaturen von ihnen übrig gelassen haben.
Ich habe „Am Bahnhof“ immer als „A-Moll Bahnhof“ gelesen, Musikerkrankheit. Rein klanglich assoziierte ich aber einen E-Moll-Akkord mit sich verzweifelt reibender großer Septime, gespielt von einer ganz tief runtergestimmten E-Gitarre. Vielleicht Bm/maj7. Clean, mittig, nur mit einem ganz kurzen Raum-Sound. Kein Hall.
Wenn ich versuchte, diese Stimmung, diese Farbe, diese Verlassenheit zu fotografieren oder zu filmen, scheiterte ich jedes Mal. Nein, es war eigentlich kein Scheitern – es passierte nur nicht das, was ich erwartete. Jedes Mal schlich sich von hinten, unten, irgendwo eine Wärme in diese Bilder, und die Enge war verschwunden. Ich hatte an diesem Bahnhof traurige Nachrichten gelesen, mich gestritten, mich alleine gefühlt, mich befreit gefühlt und Angst gehabt. Er gehörte zu jenem Ort, den ich seit vierzig Jahren verlassen wollte, und in den ich immer wieder gerne zurückkehrte.
Der Bahnhof war immer nur Übergang, aus oder in diese Kleinstadt, die sich inzwischen leblos geschrumpft hatte, in der ich bei jedem Besuch weniger Menschen traf, die ich kannte, bald auf der Straße niemanden mehr. Dann schloss die letzte von unseren Kneipen. Das „unser“ war schon lange tot. Nach zehn Jahren war ich Besucher, und irgendwann übernachtete ich auch mal in einem Hotel. Aber es war anders, als ich mir das als Kind vorgestellt hatte: Ich wollte immer mal als Fremder in der Stadt ankommen, später mal, mich dann einsam in Erinnerungen verlieren, in einem kleinen Zimmer mit dunklen Möbeln und einem schmalen Bett trinken. Jetzt übernachtete ich einfach nur, hatte ein mieses Frühstück und ging zur überfüllten Wohnung meiner Eltern, wo alle Schlafplätze von Nichten, Neffen und deren Anhang belegt waren. Diese Episode war genau so aus jeder Authentizität gefallen wie die ganze Stadt.
Nur der Bahnhof war Jahrzehnte immer gleich geblieben. Ein altes Sandsteingebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, das aussah wie ein kleines Schloss, eine düstere Unterführung zu Gleis 2, die nach feuchtem Keller roch. Irgendwann wurden die alten Mauern gereinigt, und an der gegenüberliegenden Bahnsteigkante kamen eingearbeitete Reliefs zutage. Große Rauten mit Hakenkreuzen. Ich dachte oft daran, dass alle Menschen, die diese Embleme früher gesehen hatten – damals, als man sie sehen sollte – auch in der ganzen Zeit nach 1945, in der Moos über die Sache wuchs, sie sicher nicht ausgeblendet haben konnten. Irgendwann in den späten 80ern waren sie dann weg. Erst die Rauten, dann sicher auch diese stummen Bedarfsblinden. Die Moosgucker.
Nach einer Stunde hält ein Bus. ∞
Ich wurde Jan Jerzy Lotar getauft. „Lotar? Da könnt ihr ihn auch gleich Lumumba nennen“, soll der Vater meines Vaters seinem Sohn mit auf den Weg ins Krankenhaus der Niederkunft gegeben haben. Patrice Lumumba, kongolesischer Politiker, war auf den Tag genau fünf Monate vor meiner Geburt ermordet worden, angeblich von belgischen und britischen Kolonialisten. Welcome. Und die in Schwarz gekleideten alten Tanten, deren Verwandtschaftsbeziehung zu uns sich mir nie erschloss, kleine betagte Frauen mit winzigen Gebetsbüchern, sollen ähnlich entsetzt gewesen sein und haben mich immer nur Jerzy genannt. Jerzy ist die polnische Version von Georg, einem Heiligen. Lotar oder germanisiert Lothar war für sie bestenfalls ein Kaiser. Was so nicht stimmte. Ich erinnere mich düster daran, dass sehr früh etwas nicht stimmte mit meinem Namen, und dass die düsteren Frauen mich kleines Kind nicht mochten. Sie standen oft reglos wie Skulpturen vor dem Haus meiner Oma, um sich dann in Zeitlupe auf mich zu zu bewegen. Ich habe nie mit ihnen gesprochen.
Es ist lange her. Die dunklen Tanten waren schon verschwunden, bevor die ebenfalls dunklen Telefone gegen die grauen Modelle mit transparenter Wählscheibe ausgetauscht wurden. Sofern es was zu tauschen gab.
Mein Leben war schwarzweiß. Es begann 16 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, und ich möchte gar nicht wissen, wem ich als Kind so alles über den Weg gelaufen bin. Was der herrisch bellende alte Schwimmlehrer fünfundzwanzig Jahre früher getrieben hatte, und warum Menschen sich nach drei, vier Schnäpsen bereiterklärten, „das mit den Baader-Meinhof-Terroristen“ selbst zu erledigen, wenn man sie nur ließe. Ich war zehn Jahre alt, hasste Gewalt und spürte die bedrohliche Kompetenz der ehrenamtlichen Vollstreckungsgehilfen.
Viel später erfuhr ich auch mehr über den immer düster dreinblickenden Herrn mit breitkrempigen Hut, der jeden Morgen im langen Mantel und mit Aktentasche aus seinem schlammfarbenen VW-Käfer stieg, um zu unterrichten. Wir lebten im Dachgeschoss einer Landwirtschaftsschule, und sein Volkswagen stand zwischen neueren roten und alten grünen Treckern, die man ab 16 fahren durfte. Ich habe ihn nie reden gehört. Herr D. nickte Erwachsenen nur kurz zu und wirkte konstant wächsern. Nicht bedrohlich, nicht traurig. Konzentriert, starr, vielleicht doch düster. Er entfernte sich immer sehr schnell von seinem Auto, das vor dem rechten Flügel der Schule parkte, die für ein paar Jahre in einem alten Barockschloss untergebracht war. Nachmittags kam er wieder aus dem Gebäude, ging zielstrebig zu seinem Fahrzeug und fuhr los. Der Motor seines VW klang sehr merkwürdig für uns, und wir Kinder hofften immer, er würde mal explodieren. Das passierte aber nie.
Als Kind hatte Herr D. mitmarschieren gedurft. Er überlebte den Wahnsinn. Im Leben danach wurde er nicht wirklich alt. Ich habe so oft gerätselt, was das Geheimnis des Mannes mit dem dunklen VW sein könnte. Vielleicht hatte er ja keine Geheimnisse.
Viele, die ich nach anderen, schöneren Geschichten hätte fragen können, sind jetzt nicht mehr da. Nach spannenden Geschichten, oder nach Erklärungen für als Kind aufgeschnappte Halbsätze, die gegen Ende leiser wurden und in die von Kohleöfen überheizte Sonntagnachmittags-Wohnzimmer der späten 60er-Jahre eine unerträgliche Spannung reinbrachten. Es war dann immer einen Moment lang still. Solche Momente sammelten sich und sie klebten zusammen. Ich wollte dann immer rausgehen. Da war etwas, das mich von meiner Familie trennte. Es gab Geheimnisse.
Mein Leben wurde früh bunt. Es begann sechs Jahre vor dem Summer of Love und ,Jimi Plays Monterey’, Ereignisse, die etwas später bei uns ankamen, wie alles aus Übersee. Meine Mutter las damals eine Zeitschrift, die „Underground“ hieß. Der Titel des schwarzen Magazins sah für mich spannend aus. Es war eine Jugendzeitschrift, die von 1968 bis 1970 im Handel war. Es war die Zeit der Studentenbewegung, ich war jetzt acht Jahre alt, meine Mutter Ende 20.
Ich habe nach dem Tod meines Vaters ein paar Kisten voller Fotos gefunden, auch Briefe, Notizen und leere Umschläge. Ich habe alles sortiert, versucht zu verstehen, mich an unbekannten Orten gesehen. Ein Trip durch das Leben meiner Eltern, meiner Geschwister und meiner ganzen Großfamilie. Durch mein Leben. Die Beschäftigung damit war bewegend, beunruhigend. Fragen konnte ich nur noch meine Mutter. Was dabei immer klarer und bedrohlicher wurde und als Schatten geblieben ist: Ich kann nicht mehr so weit nach vorne blicken, wie ich zurückschauen kann.
Die Geschichten aus der Vergangenheit klingen wie lange, kratzige Samples im klassischen Loewe-Opta-Röhrenradio-Sound.
Meine Mutter hat nicht nur zwei unterschiedliche Geburtsdaten in diversen Dokumenten, sie hat auch mehrere Namen: Ihr deutscher Geburtsname Elisabeth Anna wurde 1940 in Luxembourg als Elise Anne dokumentiert – aus ihrer Mutter Franziska wurde damals Francoise, mein polnischer Großvater Jan wurde in Deutschland Johann genannt, in Luxembourg hieß er amtlich Jean. Bureaukratiewski.
Die einzigen Worte meines Großvaters, an die ich mich erinnern kann, sind „Gute Morgen, Jungsch“. Vielleicht hat er das so auch nur dreimal zu mir gesagt, aber diese Worte haben sich eingebrannt. Denn sonst hat er nichts zu mir gesagt. Wenn ich bei meinen Großeltern in Ferien war, auf dem Dorf, waren die Wiesen, die ich auch vom Rand der Kleinstadt kannte, größer, grüner, und lagen direkt hinter dem Haus. Ungemäht. Im Stall waren kleine Schweine, und ich mochte ihren Geruch. Wenn ich morgens wach wurde, ging ich die merkwürdig verrundeten Stufen der verzogenen und knarrenden Holztreppe runter in die Küche. Halb links, gegenüber der Tür, stand ein alter Herd, der zum Heizen und Kochen genutzt wurde. Ein Kohle- und Holzofen, mit mehreren Klappen und Schubladen, einer altweißen Emaille-Front, eingerahmt und gehalten von einem blitzenden Stahlrohr-Skelett. Dieses Möbelstück faszinierte mich. Ich hatte mir schon als Zweijähriger die Finger verbrannt, als meine ersten Laufversuche regelmäßig direkt vor dem Herd endeten. Einmal suchte ich Halt und schrie. Ich habe dieses Kraftwerk trotzdem weiter geliebt.
Schaute ich nach dem Eintreten nach rechts, wurde ich vom Licht, das durch ein kleines rechteckiges Fenster fiel, geblendet, denn es waren immer Sommertage. Großvater saß rechts am Küchentisch, vor sich sein Landewyck-Tabak, Blättchen, ein Aschenbecher und ein Schnaps. Das kleine, leicht konische Glas war mir vertraut, denn darin gab es Hustentropfen mit Zucker und etwas heißem Wasser, wenn ich krank war. Das war immer angenehm. „Gute Morgen, Jungsch.“ Habe ich ihm jemals geantwortet? Vermutlich brav mit einem kurzen Satz wie aus einem Heidi-Film.
Er war in meiner Erinnerung ein ruhiger Mann, und irgendwann, nach all den Fotos, fragte ich meine Mutter, ob er denn mit seinen Kindern mehr geredet habe. „Ja, schon“, meinte sie. „Und wir haben ihn ja auch gut verstanden. Andere nicht.“ Andere schätzten dafür, dass er auf jeder Baustelle gerne mithalf und gut zupackte. Für eine Flasche Schnaps habe er mal alleine einen riesigen Querbalken in ein auszubauendes Obergeschoss gehievt und dann über einer Fensteröffnung eingesetzt.
Mein Großvater war mit 17 Jahren zusammen mit zwei Freunden aus Polen geflohen. Sie wollten nicht zum Militär, erzählten meine Verwandten immer. Es war nicht nur das Militär. Nach dem ersten Weltkrieg folgte der fast vergessene Polnisch-Sowjetische Krieg von 1919 bis 1921, mit mehr als 600.000 Toten, parallel wütete die Spanische Grippe und bei über tausend Pogromen wurden 60.000 Juden, von Polen und Russen gleichermaßen gehasst, getötet. Der Friedensvertrag von Riga kam 1921 zustande, der Einfluss des Militärs wuchs trotzdem weiter. Mein Großvater und sein Freund wollten also weder registriert noch eingezogen werden und landeten so 1921 in Frankreich. Sie zogen dann weiter nach Luxembourg wo sie Arbeit fanden.
Dort lernte Jan 1935 meine Oma kennen, die damals 20 war. Sie wurde schnell schwanger. Meine Mutter erzählte, wie sie als junges Mädchen das Hochzeitsdatum ihrer Eltern mit dem Geburtsdatum ihres ältesten Bruder Hermann abgeglichen hatte, woraus sich eine, für katholische Verhältnisse, extrem kurze Schwangerschaftszeit ergab.
Sie blieben in Luxembourg, das kurz nach der Geburt meiner Mutter, am ersten Tag des Westfeldzugs von Nazi-Deutschland, dem 10. Mai 1940, besetzt wurde – an der Westgrenze stand schon die französische Armee. Die Bevölkerung des Kantons Esch-Alzette wurde je zur Hälfte nach Frankreich und in den Norden von Luxembourg evakuiert, wo auch meine Großeltern eine Zeitlang nahe der belgischen Grenze lagerten. Dann konnten sie mit ihren beiden Kindern nach Deutschland ausreisen und kamen bei Verwandten unter. Hier hießen sie dann wieder Franziska, Elisabeth, Hermann und mein Großvater Jan wurde Johann. Auch in Luxembourg hätte man sie re-germanisiert, denn dort wurde nach dem Überfall alles Nicht-Deutsche getilgt, also auch die französische Sprache verboten, Vor- und Nachnamen wurden eingedeutscht und die Avenue de la Liberté zur Adolf-Hitler-Straße. Als die Bombardierung der vorrückenden Alliierten einsetzte, versuchten meine Großeltern vergeblich, mit ihren Kindern zurück nach Luxembourg zu kommen, weil sie sich dort sicherer gefühlt hatten. Ihr Zug wurde angegriffen, ein Weiterkommen war unmöglich.
Meine Mutter erzählte dann später, die SS habe meinen Großvater noch kurz vor dem Einmarsch der Alliierten, vermutlich schon auf ihrem Rückzug, eingezogen. „... die SS hat ihn eingezogen“, sagte sie leise. Da war sie schon über 80. Sie hatte ihr Leben lang daran geglaubt, ihr Vater wäre gezwungenermaßen SS-Mann geworden. Diese festgesetzte Idee konnte auch nicht dadurch relativiert werden, dass man ihn, wie sie erzählte, aufgrund von Hinweisen anderer Verschleppter, Wochen später nur zehn Kilometer von ihren Wohnort auffand. Abgemagert, krank, psychisch ein Wrack. Als schlecht Deutsch sprechender und durch seinen Nachnamen als Pole identifizierbarer Mann von 40 Jahren, hatte man ihn einfach nur als Arbeitskraft entführt und dabei ungefragt als Zeuge irgendwelcher schrecklicher Dinge missbraucht, über die nie geredet wurde.
Über zwanzig Jahre später war mein Großvater wieder krank. Es stand immer ein Nachttopf auf der Treppe, den seine Frau auf halbem Weg vom Schlafzimmer abgestellt hatte. Die Treppe knarrte, ich roch den warmen Urin und war beunruhigt. Meinen Großvater sah ich nie wieder. „Der Opa ist gestorben.“ Ein Satz ohne Bilder. Alles weg.
In jenem Winter waren wir oft bei meiner Oma. Alle saßen im Wohnzimmer, in der guten Stube – nur Sonntags geöffnet. Die Erwachsenen redeten anfangs wenig, weil meine Oma Depressionen hatte, wie ich später erfuhr. „Sie weint oft“, hieß das damals. Ich schlich im verwinkelten Haus herum oder spielte draußen vor den Ställen im Schnee. Wir spielten gerne so lange, bis wir die Kälte nicht mehr aushielten und uns dann im Stall oder daneben im Schuppen aufwärmten.
Ich bekam die Lederhose nicht schnell genug runter, weil meine Finger unbeweglich verfroren waren und ich die Schnallen nicht öffnen konnte, als ich vor der Toilette stand. Ich hasste diese Hose sowieso, es war eine dreiviertellange Trachtenhose, Bavarian-Style, mit Schnallen über den Waden und rechts und links, in Höhe der Beckenknochen, einem Latz und den entsprechenden Trägern. Das Leder sah für mich immer schmierig, wie ein vermooster Sandstein aus, der modrige, leicht säuerliche Geruch passte nicht zu einem Kleidungsstück, denn er hatte eher etwas Tierisches. Jetzt lief alles aus mir raus und die lange Unterhose, die ich ebenfalls hasste und die darüber gezogene Strumpfhose, die ich noch mehr hasste, sogen sich voll und verhinderten, dass die Katastrophe sichtbar wurde. Ich roch mich, ich sagte nichts mehr, ich setzte mich nicht hin und stand vorsichtig im eiskalten Flur des alten Hauses. „Ich möchte nach Hause.“ „Ja, wir fahren jetzt gleich“, antwortete mein Vater. Es war schon dunkel. Ich saß hinten im Auto und verzweifelte, musste wenigsten keine Angst um das Polster haben, denn der Ford 17M meiner Eltern hatte mit schwarzem Kunstleder überzogenes Sitzmobiliar. Das roch im Sommer, wenn die Sonne darauf brannte, immer sehr künstlich. „Nach Plastik“, sagten wir. Und es wurde auch extrem heiß und verbrannte dann die Unterseite meiner Oberschenkel.
“Was ist los?“, fragte mein Vater, nachdem wir die Wohnung betreten hatten. Alles brach aus mir raus, ich weinte, erzählte, betonte, dass das doch absehbar gewesen sei und dass ich diese Hose jetzt nie wieder anziehen würde.
Mein Vater nickte, zog mich aus, setzte mich in die Wanne und ich musste diese Hose nie wieder anziehen. Der Geruch ist immer noch da. Bis heute ist der Geruch von Urin und der von schmierigem Wildleder für mich der gleiche. An dem peinlichen Outfit mochte ich eigentlich nur die von meiner Oma gestrickten, dicken, grünen Wollstrümpfe. Und ich hasste Pullunder, Pullover mit Gürtel, Sandalen. Auch kurze Hosen mochte ich schon damals überhaupt nicht. Ich hatte trotzdem immer kaputte Knie und bevorzugte von Fahrradstürzen angerissene, verdreckte lange Jingler-Jeans mit leichter Blutbefleckung im Beinbereich – das hatte so ein dezentes Drama. ∞
Der Tag, an dem ich aus den Radionachrichten von der Manson-Bande und ihrem Massaker an Sharon Tate und deren Freunden erfuhr, war ein Sonntag. Es war im Wohnzimmer von Tante Anni und Onkel Peter, das, so wie alle Sonntagnachmittagsbesuch-Wohnzimmer meiner Verwandtschaft, extrem überheizt war. Trockene Ölofen-Luft mit einem Hauch Tankstelle, wenn die Kanne getropft hatte.
Das Massaker war bereits am Samstag, den 9. August 1969 geschehen – aber sogar Radiomeldungen brauchten damals mehr Zeit. Ich trug ein weißes Hemd und vermutlich eine dieser lächerlichen Kinderkrawatten, die rund um den Hals und davor nervten. Gummizug, Metallclip und dann der Stoffknoten am Kehlkopf. Was für ein unnützes Teil, es hielt noch nicht mal eine Hose – und Hosenträger gehörten meiner Meinung nach ins selbe Gulag. Gulag. Das Wort kannte ich von meinem Vater, der Alexander Solschenizyn gelesen hatte.
Unsinn, „Der Archipel Gulag“ von Solschenizyn erschien erst am 28. Dezember 1973 in Frankreich, in Deutschland noch später. Ich bleibe trotzdem dabei: Hosenträger gehörten meiner Meinung nach ins selbe Gulag wie Kinderkrawatten.
Später träumte ich immer wieder von den in den Radionachrichten angedeuteten „Pig“-Schmierereien, Graffiti aus Blut, die Sharon Tates Villa und in Gedanken auch mein weißes Hemd entweiht hatten. Manson war Ekel für mich, schon als Achtjähriger. Noch später, mit 12 oder 13 Jahren, kaufte ich mir das angeblich mitverantwortliche ,White Album‘ der Beatles. Es ist unschuldig. Ich liebe es bis heute. Nicht wegen ,Piggies‘, sondern alleine schon für ,Revolution #9‘
Als Dekaden danach irgendwelche Hipster-Mitmarschierer und Alternative-Trendsturmabteilungsleiter Charles Manson als Ikone of Whatever feierten, musste ich sie als Pop-Faschisten erkennen und benennen. Wie ihre Mao-Jacken tragenden Eltern und deren von nichts gewusst habende Erzeuger. Die immergleiche Faszination des abseitigen, weirden Führers war offensichtlich.
Am 19. November 2017 starb der Mann mit dem Hakenkreuz auf der Stirn. Am 19. Februar 2021 leitete das Los Angeles County Sheriff‘s Department ein Ermittlungsverfahren gegen Marilyn Manson wegen häuslicher Gewalt ein. Ich habe anscheinend nie über den Stricher-Namen von Brian Hugh Warner nachgedacht. ∞
Wir waren vielleicht acht Jahre alt, standen auf dem Hof der kleinen Grundschule zusammen, ein paar Jungs, und einer fing an, von seinem Albtraum der vergangenen Nacht zu erzählen. Von einem Monster, das ihn verfolgte, einem Abgrund und einem dunkel gekleideten Mann mit Beil, und dass alles ganz schrecklich war. Er wirkte wirklich angeschlagen und dann zugleich befreit, weil er sein Erlebnis geteilt hatte. Die beiden anderen hatten so etwas Ähnliches auch schon geträumt und ich spürte, wie ich langsam einen Meter von ihnen weggezogen wurde, wie eine staubige alte Steppdecke, wie jene, von deren Geruch ich immer Erstickungsängste bekam, mich erst abtrennte, alle Worte dumpf und geräuschhaft werden ließ, und mich dann komplett bandagierte. Ich war allein.
Meinen Traum konnte ich damals noch nicht erzählen. Wenn ich davon aufwachte, befand ich mich immer in einem anderen Raum, meistens im Bad. Meine Eltern waren bei mir, ich weinte, alles schmerzte und an meinem Hirn, meinem Sein war immer noch ein Zug zu spüren, irgendwohin, irreal, unverständlich. Auch meine Verzweiflung verstand ich nicht, aber ich spürte sie an meinem ganzen Körper. Am folgenden Tag musste ich dann nie zur Schule, manchmal waren es auch zwei Tage, die ich mit mir auf der Flucht vor dem Erlebnis verbrachte, das ich nicht beschreiben konnte.
Meine Mutter erzählte mir später, ich sei in diesen Traumnächten immer durch die Wohnung gelaufen und habe „Indianergesänge“ von mir gegeben. Oder Geheul. Für mich waren Indianergesänge kein Geheul, und als Karl-May-Kind hatte ich auch keine Angst. Von meinem Gefühl her muss es Geheul gewesen sein, nicht von mir, nur durch mich. Ich sei dann immer eiskalt gewesen, und sie hätten mich oft einfach nicht wach bekommen. Sie hatten Angst um mich.
Die Tatsache, dass ich nicht zur Schule musste, zeigte mir die Bedeutung meines Erlebnisses – auch für jene, die eigentlich nichts wussten. Ich brauchte die Zeit wirklich, um zurück in die Welt zu kommen. Ins Leben. Körperlich und dadurch erinnert, hatte ich oft noch eine Woche lang das Gefühl, noch nicht ganz zurück zu sein. Das Gefühl des Wegseins, des Anderen war da – des Unbeschreiblichen, des Nichts.
Ich hatte diesen Traum zum ersten Mal an einem späten Nachmittag. Ich war fünf Jahre alt, wir kamen von einen Ausflug zur Burg Eltz zurück. Eine für mich lange Autofahrt, Kurven, Höhenunterschiede, helle Weinberge, dunkler Wald, der Weg zur Burg, dann durch die Räume, eine für mich beunruhigende Führung, bei der ich das Gefühl hatte, etwas Verbotenes zu tun: nur hier sein zu können, weil die Besitzer gerade mal weg waren und die Führung einen Schlüssel hatte oder die Tür aufstand. Es gab enge Treppen, kleine Räume, spitze Türme und, wie man mir später erzählte, angeblich auch einen Folterkeller, der mich aber im Detail nicht besonders beeindruckt zu haben schien, denn ich hatte nie ein Bild davon. „Es war der Folterkeller“, diagnostizierte meine Mutter zwanzig, dreißig Jahre später gelegentlich. „Vielleicht sollten wir da noch mal hinfahren.“
Ich war nie wieder dort. Damals bin ich auf der Rückfahrt im Auto eingeschlafen, und als wir nach anderthalb Stunden wieder zu Hause waren, legte man mich ins Bett. Ich muss auffällig gewesen sein. Man legte mich sonst nie tagsüber ins Bett. Damals kam der Traum zum ersten Mal. Der Rest des Tages ist in meiner Erinnerung zerrissen, es gibt keinen Abend, keine Nacht, keine Zeit.
Nur Kälte und Nichts.
Wenn ich mal krank war, brachte mir mein Vater oft kleine Spielzeugautos aus der Stadt mit, ganz einfache, kleine Plastikautos, die ich liebte. Ich freute mich immer still und mir wurde warm.
Ein Jahr später kam der Traum wieder, exakt so, wie beim ersten Mal – nur verstand ich jetzt mehr. Vor allem bekam ich Angst, dass er jetzt jedes Jahr, immer Anfang Juni, zurückkommen könnte. Oder früher, um mich zu täuschen und zu überwältigen. Denn ich hatte als Strategie, mich bis nach Mitternacht wachzuhalten, weil er dann, das hatte ich mir einfach gesagt, nicht mehr in mich reinkam. Das funktionierte. Dann wieder nicht. Zwei Jahre später war er zurück. Der Traum hatte keinen Soundtrack, keine Stimmen, kein Geräusch, eigentlich war da Stille. Dieses Nichts war aber metallisch, eiskalt und laut, unfassbar, es war laut. Es war eine kalte, unendlich lange Hallfahne von Stille.
Wir waren also acht Jahre alt, standen auf dem Hof der kleinen Grundschule zusammen, und sie redeten über ihre Albträume. Ich war raus. Mein letztes Erlebnis konnte noch nicht weit zurückliegen, denn ich erinnere mich daran, ihnen später doch noch erzählt zu haben, dass ich mir ihre Träume wünschte, weil sie so spannend waren und ja immer gut ausgingen – denn die Träumer waren ja noch da und sie konnten erzählen. Sie sagten dann oft nichts mehr und wir spielten Fußball.
Vermutlich angeregt durch ihre Geschichten hatte ich meinen ersten Comic-Traum, in dem ich hinten rechts im Auto von Superman, Batman oder He-Man saß, lässig den Arm über die Tür des Cabriolets legte, der dann immer weiter rechts fuhr, bis meine Jacke die scharfkantige, felsige Steilwand berührte, sie zerfetzte, zerfräste, meinen Arm aufriss bis Sehnen raushingen, vom Fahrtwind nach hinten gezogen wurden und Knochensplitter schräg aus dem dunklen Fleisch ragten. Alles Comic, alles gezeichnet. Ich wachte irgendwann auf und war laut und fröhlich am Lachen. Ich war begeistert. Was für ein Trip! Ich hatte nie Batman- oder Superman-Comics gelesen, ich fand sie albern. Diese Autofahrt war trotzdem großartig. Eine Realtime-Graphic-Novel. Und mein Arm war OK. Ich fühlte ein paar Mal nach und tastete ihn grinsend ab. Es war unglaublich. Ich habe bis heute Bilder von diesem Traum. Nur weiß ich nicht, wie ich selbst darin aussah, ob ich gezeichnet war oder fotorealistisch, dreidimensional eingeblendet. Aber ich weiß, dass da Sound war, Musik: irgendwie klang sie nach 50s, hatte einen ,77 Sunset Strip‘-ähnlichen Retro-Groove. Easy Listening Dreaming.
