Porta - Siegfried Otto Müller - E-Book

Porta E-Book

Siegfried Otto Müller

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Beschreibung

Asiatische Kampfkunst trifft auf deutsches Mittelalter.Jan Zeller hat eine Entdeckung gemacht, dass man innerhalb der Zeit reisen kann. in seinem Laboratorium macht er erste Versuche und landet im beginnenden 11. Jahrhundert. Dort wird er umgehend von zwei Rittern der nahegelegenen Burg Schreckstein gefangen genommen und in den Kerker gesteckt. Zum Glück konnte er noch eine Nachricht an seine Freunde Lin, Paul und Ronny absetzen. Die drei Kampfsportmeister sind nun gefordert, um Jan aus dem Kerker der Burg zu retten.Mit Hilfe der Geächteten aus einem Lager außerhalb Schrecksteins Machtbereich und dem Grafen von Meserich sowie König Heinrich können sie schließlich die Schrecksteiner überlisten, Heinrichs Truppen können die Raubgrafenburg stürmen und die drei können Jan endlich nach ein paar turbulenten Tagen aus dem Stinkenden Kerker der Burg herausholen.Ronny lernt in diesen Tagen seine große Liebe Frascha, eine Magd im Dienste eines leibeigenen Bauern Schrecksteins, kennen.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Siegfried Otto Müller

Porta

ISBN 9783988651969

Siegfried Otto Müller

Porta

Sudenburger.de

© 2023 Siegfried Otto Müller

Alle Rechte vorbehalten

Siegfried Mü[email protected]

Cover: Oksana Müller

Die ersten Versuche

Jan atmete tief durch, er ballte seine Hände zu Fäusten und stemmte sie fest in seine Hüften. Der kleine blonde Mann hatte es geschafft, die alte Wassermühle am Rande der Stadt so herzurichten zu lassen, dass sie wieder in vollem Glanz wie einst erstrahlte. Er stand vor dem alten Gemäuer, das schon Jahrhunderte gesehen hat und jetzt sein Laboratorium beherbergte. Der Weg war steinig und die Auflagen für das unter Denkmalschutz stehende Haus waren sehr hoch. Jetzt ist er endlich durch diesen Behördenwirrwarr durch. Das Werk ist vollbracht.

Der Ausbau der alten Wassermühle zu seiner eigenen Wirkungsstätte war sein lang gehegter Traum, endlich sein eigenes Ding als Wissenschaftler machen zu können. Sogar schon als Kind zog ihn das historische Gemäuer magisch an und er hatte schon früh die Idee, das verlassene Gebäude für sich zu entdecken. Doch lange musste er zurückstecken und für andere da sein, für die er eigentlich nicht da sein wollte.

Als er noch eine Professur an der hiesigen Universität innehatte, musste Jan das tun, was er von oben aufgetragen bekam und nichts anderes. Die Forschung als Auftrag füllte ihn nicht aus, bedeutete auch jeden Tag derselbe immer langweiliger werdende Kram. Prof. Dr. Jan Zeller, der Quantenphysiker, wollte seine eigene Forschung betreiben, wollte Experimente mit der Zeit machen, ja, mit der Zeit. Das war für ihn das ganz große Ding und es ging ihm nie aus dem Kopf, das war für ihn so wichtig wie die Luft zum Atmen. Man kann sagen, dass das sein langgehegtes Lebensziel, sein Lebenswerk war, nämlich in die Vergangenheit zu schauen, ohne im Erdboden buddeln zu müssen. Das bedeutete aus seiner Sicht eine Sternstunde der modernen Geschichtsforschung. Dazu wollte er ein großes Stück beitragen.

Für dieses Ziel saß er mitunter bis spät in die Nacht hinein in seinem kleinen Büro an der Universität und machte sich Gedanken, wälzte Bücher und schrieb Notizen in seine mit den Jahren schon sehr dick gewordene Heftung. Auch kleine Experimente führte er hier im Rahmen der Möglichkeiten durch. Experimentchen, wie er selber immer sagte, die ihm dabei helfen sollten, das Große später besser zu verstehen. Er deckte dabei so einige Geheimnisse auf, die ihm später weiterhelfen sollten, dieses Große zu bewegen, alle seine Forschungsergebnisse in die Wirklichkeit umzusetzen.

Seine Kollegen hänselten ihn gern deswegen, ob er gerade in der Zukunft war oder aus der Vergangenheit gekommen wäre. Das ärgerte ihn zwar etwas, aber er machte unbeirrt dieser Lästerei weiter und ließ sich durch nichts aufhalten oder einschüchtern – selbst wenn die Worte „Spinner“ oder „durchgeknallt“ fielen und Lachsalven ihn in seinem Inneren wie Gewehrkugeln trafen, prallte es von ihm ab. Für ihn ging es schnurstracks geradeaus, immer seinem Ziel entgegen. Schließlich wusste er schon einiges, was die anderen noch nicht einmal im Ansatz ahnten. Und wenn er seine Entdeckungen mal öffentlich machen würde, dann würden die Lästerer alle ihre Mäuler bis hinunter zum Bauchnabel aufreißen und nicht wieder zu bekommen. Dieser Gedanke brachte ihn immer zum Grinsen. Seine Selbstsicherheit wurde jedes Mal ein klein wenig mehr gestärkt. Und er bohrte sich immer tiefer in diese Materie hinein.

Es war schon von vorn herein klar, dass Jan mehr Platz benötigte, als sein kleines Uni-Büro hergab. Und er glaubte fest an sein Ziel und wich nie vom Weg ab, den er eisern eingeschlagen hatte. Ja, er wusste sogar, durch seine Forschungen die Zeit beeinflussen und so in die Vergangenheit schauen zu können. Das war sicher.

Dazu brauchte Jan aber mehr Geld als das Angesparte, um das alles durchführen zu können. Wovon sollte er sonst leben, wenn ihn keiner für seine so kostbare wissenschaftliche Arbeit bezahlte? Die Universität konnte er dafür nicht gewinnen. Von hier erntete er nur Häme. Er würde zwar mit seinem Ersparten ein kleines Stück weit problemlos überleben können, aber was dann? Dann bekäme er ein riesiges finanzielles Loch und somit das Ende.

Und so kam ihm der Umstand sehr nahe, dass sich die Gesellschaft politisch grundlegend geändert hatte. Der Kapitalismus ging unter an seiner eigenen Raffgier und den daraus folgenden Turbulenzen in der Finanzwelt. Das war schon lange so vorprogrammiert. Nun brauchte es nur noch eine moderne Regierung, die fern vom Konservativismus war und modern in die Zukunft dachte. Und so entwickelte sich dann auch alles. Konservative Kräfte hatten keine Chance mehr, in der Politik mitzumischen und so die Zukunft und die Gerechtigkeit auszubremsen. Exorbitanter Reichtum wurde umverteilt und Monopole gekappt und zu kleineren unabhängigen Firmen umgebaut, die für alle Menschen produzierten und nicht für die eigenen durchgeknallten Profite immer mehr Umwelt zerstörten.

Die Menschen konnten endlich selbstbestimmend leben und aus sich ihr Leben individuell gestalten. Arbeit war kein Synonym mehr für Gelderwerb, sondern beschrieb alle Tätigkeiten, die man ausführte – in einer Firma, privat zu Haus oder anderswo. Klar gab es immer noch Jobs für Geld. Aber da mussten sich viele Arbeitgeber gut anstrengen, um diese Jobs so attraktiv wie möglich zu gestalten, oder sie automatisierten alles oder machten es teilweise oder alles selber. Zu einem Scheißjob konnte jetzt jeder nein sagen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das war eben die neue Freiheit – ohne Wenn und Aber. Jeder konnte sich auch vom Staat Geld leihen, wenn er etwas Größeres vorhatte. Das gab so manchem einen gewaltigen Schub nach vorn.

Die Menschen hatten endlich alle Geld zum Leben, jeder bekam monatlich sein Bürgerfixum vom Staat ausgezahlt. Sie waren endlich alle frei, konnten ihr Leben so gestalten, wie sie es für richtig hielten. Die Gesellschaft begann sich besser zu entwickeln als vorher. Jeder achtete wieder jeden und Armut gab es nicht mehr. Die war endgültig und vollständig ausgelöscht. Kein einziger Mensch war mehr benachteiligt.

So frei war jetzt auch Jan. Er stand vor seinem Traum, den er mit drei jungen Menschen zusammen, die ihm sehr nahestanden, finanziert und wieder wie neu hergerichtet hatte. Alle vier konnten sehr stolz auf das Geschaffte sein.

Jan Zeller fuhr sich mit beiden Händen über seine kurzen blonden Haare und verschränkte im Nacken seine Hände. Er hatte sich noch nie so glücklich gefühlt wie jetzt hier und heute vor der alten Wassermühle. Sein Gesicht strahlte wie bei einem Lottogewinn. Und morgen sollte die endgültige Abnahme des Bauamtes erfolgen. Das wäre die letzte amtliche Hürde. Dann hatte das Behördenwirrwarr endlich ein Ende. Er konnte unbehelligt in seinem neuen Laboratorium arbeiten und die drei jungen Leute konnten jetzt ihr Kampfsport-Dojo herrichten. Das war auch für sie der Traum ihres Lebens.

Die alte Wassermühle am Stadtrand war kein kleines Häuschen. Das ehemalige Ausflugsrestaurant mit Beherbergung bestand aus Erd- und Obergeschoss mit jeweils mehreren Räumen. Es gab zwei große Räumlichkeiten und ein paar kleinere zu ebener Erde. Im Obergeschoss befanden sich noch mehr Zimmer, die früher für Übernachtungen genutzt wurden.

Das Haus war schon etwa 500 Jahre alt. Früher war es als Wassermühle an einem kleinen künstlich angelegten Flüsschen gebaut worden, der dann aber später versiegte. Im 19. Jahrhundert wurde das Gemäuer zu dem Ausflugslokal ausgebaut, das bis in die 1960er Jahre genutzt wurde und seither verfiel.

In einem der großen Räume hatte Jan sein Laboratorium eingerichtet. Als das Ausflugslokal „Wassermühle“ noch in Betrieb war, befand sich hier die große Küche mit all ihren Nebengelassen.

Die ehemaligen Restauranträume des Lokals waren für seine drei jungen Freunde als Dojo gedacht. Das hatte er ihnen versprochen gegen deren finanzielle Beteiligung am gesamten Objekt und deren Hilfe beim Ausbau.

Die drei Freunde waren Paul Zeller als sein Neffe und dessen Ehefrau Meilin Zeller, sowie Ronny Peters, ein enger Freund der beiden. Sie warteten schon sehnsüchtig darauf, die Räume, die Jan vorerst als Lager für seine Labortechnik nutzte, in Beschlag zu nehmen und sie für ihre Arbeit als Kampfsporttrainer herzurichten. Somit mussten sie nicht mehr die alte Schulsporthalle im Ortsteil nutzen. Und sie waren nicht mehr darauf angewiesen, zu warten, bis die Sporthalle mal frei war für ihre Trainingskurse.

Jedenfalls hatte Jan mit dem heutigen Tag das Laboratorium endlich fertiggestellt und konnte jetzt mit seiner eigentlichen Forschungsarbeit als Wissenschaftler beginnen, ohne von anderen daran gehindert zu werden. Das Große war geschafft und bereit für die ersten Experimente, die der Wissenschaftler schon lange herbeigesehnt hatte.

Paul, Lin, alle nannten die junge Chinesin bei ihrem Kosenamen, und Ronny hatten vor, heute das Training mit einem kleinen Höhepunkt zu beenden. Schließlich war das der letzte Trainingstag in der Schulsporthalle vor dem Umzug in das neue Dojo in der alten Wassermühle. Sie zeigten ihren Schülern zur Feier des Tages ihr ganzes Können. Wahrlich ein Höhepunkt, den es hier eher selten gab.

In der Halle bildeten die Schüler einen großen Kreis. Sie saßen auf den Matten am Boden mit verschränkten Beinen im Schneidersitz und warteten gespannt auf die kleine Show ihrer drei Trainer.

Die drei ließen nicht lange auf sich warten. Paul und Ronny begannen mit Langstöcken, eigentlich Bo genannt, zu kämpfen. Die Bos wirbelten durch die Luft und krachten blitzschnell aufeinander. Darauf folgten Kämpfe mit verschiedenen anderen Trainingswaffen. Und zum Ausklang der Vorführungen der Männer verwandelten sich die beiden in japanische Samurai, stiegen in ihre Kendo-Rüstungen, bewaffneten sich je mit einem Shinai, einem für diesen Kampf üblichen Bambusschwert, und kämpften so geschickt Mann gegen Mann.

Danach kam Lin an die Reihe. Ihr Einsatz begann gleich mit dem Kampf gegen die beiden Männer, die sie mit bloßen Händen und gekonnten blitzschnellen Attacken zu Boden brachte. Lin war unverkennbar die Beste von allen dreien, konnte enorm schnell zulangen und reagierte erstaunlich schnell auf alle Attacken der beiden Gegner. Schließlich hatte sie schon als Kind mit drei Jahren begonnen, die Kampfkunst zu erlernen. Ihr Vater hatte sie seither zu einer perfekten Kämpferin in originalen chinesischen Kampfstilen ausgebildet, die sie für sich weiterentwickelte.

Aber Lin war auch eine ebenso brillante Schwertkämpferin. Sie beherrschte das chinesische Jian wie kein anderer, so sicher und präzise und mit perfekter Leichtigkeit. Zuerst machte sie ein paar akrobatische Übungen mit dem Schwert, ließ es um sich wirbeln, ohne sich dabei zu verletzen. Dafür hatte sie extra für diese Vorführung das gefährlich scharfe Jian ihres Großvaters mitgebracht und nicht ein üblichen stumpfes Übungsschwert.

Nach dieser Vorführung wurden Ständer aufgebaut, auf denen Paul und Ronny Kerzen aufstellten und anzündeten. Geschickt wand sich Lin und löschte eine Kerze nach der anderen nur durch den Luftzug des darüber zischenden Schwertes. Das gleiche machte sie mit einer Kerze sogar mit verbundenen Augen – bravourös. Und immer wieder begeisterter Applaus und Wow-Rufe der jungen Zuschauer.

Jetzt kam der absolute Höhepunkt – eine absolute Schwierigkeit, die kaum ein anderer beherrscht. Paul, ihr Ehemann, legte sich einen Apfel auf den Kopf. Lin verband sich nochmals die Augen. Die Spannung stieg enorm. Alle waren still und konzentrierten sich auf Lin. Paul stand da wie eine Statue und rührte sich keinen Millimeter vom Fleck, denn das könnte sehr fatal für ihn ausgehen. Die Spannung knisterte bei allen. Es herrschte absolute Stille.

Lin war hochkonzentriert. Sie hielt das Schwert vor ihrer Nase, Paul nahm die Spitze des Schwertes zwischen beiden flachen Handflächen, um es die richtige Richtung zu geben. Nachdem er ist mit einem „Okay!“ freigab hob Lin es langsam höher und höher, holte zum Schlag aus. Dann ein schneller Ausfallschritt in Richtung Paul und zack spaltete sie den Apfel mit einem senkrechten präzisen Hieb ihres scharfen Jian auf Pauls dunklem Schopf, ohne ein einziges Haar davon abzutrennen und ohne ihren Mann zu verletzen.

Tosender Beifall entbrannte sofort. Lin nahm die Augenbinde herunter und lächelte den Schülern zu. Die Vorführung war somit gelungen beendet worden. Alle Anwesenden standen nach und nach auf und gingen zum Umkleiden aus der Halle.

In der Zwischenzeit ist Jan in sein nagelneues Forschungslabor zurückgekehrt und begann mit den ersten Versuchsreihen. Glücklich vor forscherischer Neugier und vor voller Freude machte er an seinen Geräten die ersten Einstellungen fertig für den ersten wichtigen Versuch, den ersten Schritt zur Öffnung der Tür zur Vergangenheit. Dann der erste entscheidende Tastendruck. Auch hier große Spannung. Jan pochte das Herz wie wild. Was wird wohl jetzt passieren? Wird es funktionieren wie es im kleinen Versuch funktioniert hatte, als er seinen Kugelschreiber aus dem Uni-Büro in die Vergangenheit schicken konnte.

In der Porta, Jan hatte das Modul seiner Anlage so genannt, weil es wie eine offene Tür aussah, tat sich etwas. Der leere Raum zwischen den beiden Pfosten vor der kahlen Wand füllte sich mit Licht. Jans Herz begann immer mehr zu rasen. In seinem Gesicht zeigte sich Jubelstimmung und Aufregung erfasste seinen ganzen Körper. Was hat er da nur geschaffen? Das Licht nahm Konturen an, eine Landschaft entstand wie von Geisterhand gemalt. Ein frischer Luftzug erfüllte dazu noch den Raum. Wohlmerklich kam die Luft aus diesem Modul. Der Wissenschaftler hatte es endlich geschafft! Das alles passierte in Sekundenschnelle wie ein Wunder. Wie versteinert stand der er einen kurzen Moment davor und konnte sich vor Glück nicht rühren. Ein unvorstellbares Glücksgefühl überkam ihm. Sollte er es endlich geschafft haben, eine andere Zeit erreicht zu haben? Das konnte er jetzt nur feststellen, indem er durch die Tür ging, durch die Porta.

Dann besann sich Jan seiner Situation und nahm den besten nächsten Gegenstand vom Tisch neben ihm und warf ihn durch dieses Modul. Eigentlich müsste die Wasserflasche gegen die Wand dahinter knallen und mit dem planschenden Wasser darin zu Boden fallen und im Laboratorium am Boden liegen bleiben. Aber das tat sie nicht. Sie landete genau im hohen Gras auf der anderen Seite in einer noch unbekannten anderen Welt. Phantastisch, dachte Jan, der erste gelungene Schritt eines sehr langen Traumes.

Sollte er es wagen, einen Schritt durch diese Tür, durch diese Tempus Porta zu machen? Würde er es überstehen? Käme er auf die gleiche Weise wieder zurück? Die Fragen, die noch unbeantwortet blieben, beschäftigten ihn jetzt quälend, solange er es nicht versuchte und auf die andere Seite ging.

Sein Herz pochte immer noch vor Aufregung mit kräftigen Schlägen. Etwas Angst mischte sich unter, Angst vor dem Ungewissen und sein Herz raste noch mehr. Jetzt war Jan schon so weit, jetzt wäre es eine Katastrophe, wenn hier plötzlich Schluss wäre. Er musste sich überwinden und es herausfinden. Die Flasche hatte es bereits unbeschadet überstanden. Warum sollte er nicht auch unbeschadet auf die andere Seite gelangen?

Er fasste all seinen Mut zusammen und schritt pochenden Herzens voran – einen Schritt, den zweiten Schritt, den dritten, noch einen vierten… Und plötzlich stand Jan auf der Wiese, die vor wenigen Augenblicken auf seinem Modul wie ein lebhaftes Gemälde aus Licht entstanden war. Die durch den Rahmen geworfene Wasserflasche lag vor seinen Füßen im hohen Gras. Er nahm sie und trank daraus einen kräftigen Schluck. Während er den Deckel wieder auf die Flasche schraubte, sah er sich um in der anderen Welt, fern seiner modernen Welt und doch so greifbar nahe.

Vor ihm lag ein flaches Tal mit ein paar Häusern – ein Dorf. Er sah Menschen in diesem Dorf, die emsig arbeiteten, die Kleider trugen aus einer längst vergangenen Zeit. Er sah Kühe, Schweine, Schafe, Ziegen und was sonst noch alles auf einem Bauernhof herumlaufen kann. Ein Hund kläffte in der Ferne. Und alles bewegte sich. Es war kein Bild, nein, es war wirkliches Leben, das er hier zum Greifen nahe vor sich hatte – Leben aus der Vergangenheit.

Ein Weg führte dicht an seinem Standort vorbei. Hinter Jan begann ein Wald und davor diese schillernde Porta, aus der der Wissenschaftler herausgekommen war und die er jetzt in ihrer wahren Pracht und Schönheit in Augenschein nehmen konnte. Ja, prachtvoll war sie. Und in der Porta konnte er deutlich das Innere seines Laboratoriums erkennen. Prächtig der Anblick und überglücklich der Wissenschaftler.

Die Flasche stellt er wieder ins Gras und holte sein Handy hervor. Er hatte es so eingestellt, dass er seine Geräte im Laboratorium darüber aus der Ferne steuern konnte. Dazu hatte er extra eine App entwickelt, die soeben vom Laboratorium aus funktioniert hatte.

Jetzt kam ein nächster entscheidender Moment, bei dem es ihm eiskalt den Rücken herunterlief. Kann er von hier aus ebenfalls alles steuern, auch wenn die Porta geschlossen ist? Sein Herz raste wieder wie verrückt. Was ist wohl, wenn sich die Porta schließt und sich nicht wieder öffnen lässt, weil das Handy durch die geschlossene Porta von seiner Welt abgeschnitten ist, die Funkverbindung weg ist? Dann müsste Jan wohl hierbleiben – für immer – und mit den Leuten hier leben. Vielleicht würde er dann Schafe hüten, Ställe ausmisten oder anderes ihm nicht sehr Wohles machen. Keine Option für einen Mann der Wissenschaft! Ihm blieb nur die eine Option, es hier und sofort herauszufinden.

Die Porta schloss sich, war plötzlich verschwunden, als er die entsprechende Taste gedrückt hatte. Eigentlich wollte er die Taste noch nicht drücken. Doch sein Daumen hatte sich vor Aufregung selbständig gemacht, er zitterte so, dass es eben passierte. Und es konnte jetzt schon zu spät sein. Ein tiefes Einatmen folgte und wieder dieses Herzrasen – wie nach einem großen Schock. Gab es jetzt kein Zurück mehr? Jetzt erst schoss ihm durch den Kopf, dass er keine Vorkehrungen getroffen hatte, seinem Neffen Paul Instruktionen zu hinterlassen, wie man die Porta aus dem Labor öffnen kann. Kalter Schweiß rann ihm über seine Stirn und in den Nacken. Für Sekunden stand er wie versteinert da, zu keiner Reaktion fähig.

Doch dann nach einer Weile schaffte er den Druck auf eine andere Taste und es baute sich die Porta glücklicherweise wieder auf. Also hat das Handy Funkkontakt aus der alten Zeit in seine neue Zeit – als wären es Parallelwelten, die in Verbindung stehen würden. Das bedeute auch, dass man von hier aus nach Haus telefonieren kann. Jan umschloss glücklich sein Handy und jubelte vor sich hin. Er war erleichtert, ein riesiger Felsbrocken stürzte von seinem Herzen. Dieser erste Schritt war geschafft.

Er atmete erfreut tief und beruhigt durch und ging wieder durch die Porta zurück in sein Laboratorium. Der erste Test des Ganzen war trotz der Aufregung wunderbar verlaufen. Die Porta schloss sich wieder und Jan war aus der alten Welt verschwunden wieder in seiner Zeit zurück. Nur die Wasserflasche lag noch da im hohen Gras am Wald- und Dorfrand neben dem Weg in der Vergangenheit.

Das war ein Erlebnis. „Prof. Dr. Jan Zeller – erster Zeitreisender der Menschheit“ las er in Gedanken schon in den Zeitungen und Magazinen in der ganzen Welt. Aber Ruhm war nicht so sein Ding. Er würde auch nicht mit seiner Entdeckung prahlen. Nein, erst wenn er seine Experimente vollständig abgeschlossen hätte, würde er an die Öffentlichkeit gehen.

Plötzlich merkte Jan, dass er schon träumte. Er riss sich aus seinen Gedanken und wendete sich wieder seinen Geräten im Laboratorium zu.

Eines der Geräte zeigte eine Verschiebung von 1024 Jahren an. 2029 minus 1024 sind 1005. Also hat Jan soeben das Jahr 1005 besucht, das war das beginnende 11. Jahrhundert. Wahnsinn, dachte er freudestrahlend!

Jetzt stellte er an seinem Gerät ein paar der Regler neu ein. Er wollte herausfinden, wie genau man die Zielzeit einstellen kann. Das Ergebnis war verblüffend. Man kann keine beliebige Zeit einstellen, um auf den Tag genau dann und dann in die Vergangenheit zu gehen. Das funktioniert nur in Form einer so genannten geometrischen Zahlenfolge, also ein Jahr, zwei Jahre, vier Jahre, acht Jahre, 16 Jahre, 32 Jahre, 64 Jahre und so weiter, immer in Verdopplung der Zahl. Das erklärt auch, dass er genau vor 1024 Jahren im 11. Jahrhundert gelandet war. Die Tages- und Jahreszeit schien mit der heutigen Zeit übereinzustimmen.

Bevor er noch einmal in die Vergangenheit ging, musste er sich absichern. Das erste Mal ging es gut, doch wenn es beim nächsten Mal schief gehen würde? Nein, das durfte er nicht riskieren. Er musste hier eine Sicherheit einbauen.

Jan setzte sich an seine Arbeitsplatte und schrieb alles genau auf, was zu tun ist, um die Porta zu öffnen. Falls etwas schief geht, sind die drei jungen Leute noch da, die dann nach seinen Aufzeichnungen vorgehen und helfen könnten, ihn wieder in die Gegenwart zurückzuholen, egal, was auf der anderen Seite auch passieren würde.

Den Bogen legte er auf seinen Arbeitstisch und darauf einen Stick mit dem Steuerprogramm für die Geräte, das als App auf einem Handy installiert werden muss – der leichteste Weg, die Porta von beiden Seiten zu bedienen.

Dann ging der strahlende Wissenschaftler erneut ins 11. Jahrhundert auf die Wiese neben dem Wald zu seiner Wasserflasche zurück und trank wieder einen Schluck. Es begann ihm vorzüglichen Spaß zu bereiten, die zeitlichen Seiten zu wechseln. Er war außer sich vor Freude.

Gefangennahme

Der Wissenschaftler Jan Zeller stand wieder auf der Wiese im hohen Gras zwischen Wald und Dorf. Hinter ihm die schillernde Porta, vor ihm der ausgetretene Weg, der den Wald mit der kleinen Wiese von einem angrenzenden Hof des Dorfes trennte.

Er drehte sich um, schloss die Porta, öffnete sie, ging zurück, schloss sie wieder und öffnete sie abermals. Das wiederholte er mehrmals und jedes Mal klappte es so wie immer wieder zuvor. Die Verbindung in die Vergangenheit war sicher, stellte Jan abschließend zu dieser Versuchsreihe fest. Er fühlte sich jetzt super!

Was aber Jan in seinem Eifer nicht bemerkt hatte: Durch das Öffnen und Schließen der schillernden Porta hat er einen neugierigen Beobachter angelockt. Noch in weiter Ferne dürfte das Schillern zu sehen sein, als wäre die Porta rings herum mit Edelsteinen bestückt. Das hatte wohl so manchen in diesem Dorf in der alten Welt neugierig gemacht. Wer wäre das nicht, wenn so etwas Ungewöhnliches und Schönes zu sehen ist.

Bauer Filmann jedenfalls, eine kleine von Hofarbeit verschmutzte Gestalt, näherte sich auf dem Weg im Schutz der Büsche der Stelle, auf der sich das vermeintlich glitzernde Wunder mit dem Fremden davor befand.

Der Bauer wusste nicht, was er von dem Ding halten sollte, das da vor ihm so knapp über dem Boden schwebte und aus dem ein Mann, vermutlich ein Zauberer, herauskam und wieder verschwand. Was hatte der wohl vor?

Er wartete einen Augenblick ab, in dem der blonde Zauberer wieder in der Porta verschwunden war und rannte wie vom Teufel gejagt daran vorbei in Richtung der Burg Schreckstein zu seinem Lehensherrn Alanus Conradus von Schreckstein, um von dem seltsamen Vorfall in der Nähe seines Hofes zu berichten. Er konnte nicht schnell genug laufen. Mehrmals stolperte er auf dem unebenen sandigen Weg zur Burg.

Inzwischen beschloss Jan, der noch einmal alle Einstellungen seiner Geräte durchgecheckt hatte, weitere Erkundungen in dem Dorf anzustellen und ging wieder durch die Porta zurück in die Vergangenheit, schloss sie sofort hinter sich und steckte sein Handy in die Brusttasche seiner Jacke. Jetzt fühlte er sich sicher und begann seinen Erkundungsgang durch die andere Welt.

Er betrat den Weg zwischen Wald und Dorf. Jetzt bemerkte Jan erst, dass ihn auch schon andere Menschen entdeckt hatten. Ein paar dieser Menschen schauten ihm aus nächster Nähe entgegen. Sie hatten von ihrer täglichen Arbeit auf dem angrenzenden Bauernhof abgelassen und dem Fremden neugierige Blicke entgegengeschickt und waren bis auf den Weg nähergekommen. Sie alle starrten ihn mit aufgerissenen Augen an voller stummer Neugier und mit großem Erstaunen.

Jan betrachtete die Menschen, die vorsichtig nähergekommen waren und in einem gewissen Abstand stehen geblieben sind. Es waren zwei Frauen und ein Mann. An den Kleidern erkannte Jan, dass er sich im Mittelalter befand, wie er bereits über das System herausgefunden hatte. Schnell rannten sie aber wieder davon, bevor er mit ihnen reden konnte. Irgendetwas hatte sie aufgeschreckt und verjagt.

Auf dem Weg hinter Jan war plötzlich Hufgetrappel zu hören, das sich schnell näherte. Jan drehte sich um. Und da schnitten sie auch schon seinen Weg – zwei Ritter hoch zu Ross, deren metallene Rüstungen in der Sonne glänzten. Neben ihnen lief der ängstliche Bauer Filmann, der den Vorfall beim Lehensherrn melden wollte und die beiden Ritter von der Burg Schreckstein auf dem Wege dorthin getroffen hatte. Ritter Halpertus und Ritter Balthasar kamen sofort mit ihm mit.

Jan schreckte zusammen und blieb wie versteinert stehen. Er wagte keinen Schritt weiter, schaute die beiden entgegenkommenden Reiter mit aufgerissenen Augen an, entdeckte an ihren Rüstungen die großen angsteinflößenden Schwerter.

„Sag, wer du bist. Bist du ein Zauberer?“ kam es aus einer der beiden Rüstungen. Die Visiere waren heruntergeklappt. So konnte Jan keiner der Gesichter erkennen und wer von den beiden zu ihm sprach.

„N… nein,“ stotterte Jan, „Ich bin W… Wissenschaftler und kein Z… Zauberer.“

Aus beiden Rüstungen schallte hohles Lachen. Daraufhin setzte sich das rechte Pferd in Richtung Jan in Bewegung. Das linke Pferd folgte sofort. Somit stand fest, dass der rechte Ritter von beiden das Sagen hatte.

Beide stiegen ab und schnappten sich Jan, der sich immer noch nicht bewegen konnte und somit den beiden blechernen Gestalten ein leichtes Spiel bot. Sie waren etwas grob und der Besucher des 11. Jahrhunderts bekam panische Angst, als er das Seil sah, das die Ritter von einem der Pferde hervorholten. Was hatten sie vor? Wollten sie ihn am nächsten Baum aufknüpfen? Weglaufen hatte keinen Sinn. Der Griff des Ritters war sehr fest und tat schon ganz schön weh.

Jans Hände wurden mit dem einen Ende des Seils fest zusammengebunden. Es musste schon oft benutzt worden sein. Es klebte vor Dreck. Das war ekelig. Und weh tat es auch. Aber der Gefangene konnte nichts tun, um sich aus der Fesselung wieder zu befreien. Er konnte sich nicht wehren, denn es wäre sinnlos. Die Ritter aus dem Mittelalter waren ihm weit überlegen.

Das andere Ende nahmen die beiden und banden es am Sattel des Ritters Halpertus fest, der hier den Ton angab. Als das Seil an beiden Seiten sicher und fest war, stiegen sie wieder auf ihre Rösser. Der Ritter, an dem jetzt Jan hing, Halpertus, drehte sich noch einmal um und befahl dem Bauern Filmann, der so lange demütig und ängstlich danebenstand, wieder an seine Arbeit zu gehen. Und der rannte auch sofort los in die Richtung seines Hofes gleich neben dem Weg, um nicht Demütigungen der Ritter seines Herren ausgesetzt zu werden, die bei Nichtbeachtung folgen würden. Die anderen Gestalten vom Bauernhof, die in weiterer Entfernung neugierig stehen blieben und abwarteten, gingen auch wieder an ihre Arbeit zurück.

Die beiden Reiter setzten sich mit dem Gefangenen in Bewegung in Richtung Burg Schreckstein. Jan sah sich noch einmal um zu seiner Porta, aber die war zum Glück zu. Da konnte nichts weiter geschehen, bis er wieder zurückkommen würde, wenn dieses scheinbare Missverständnis aufgeklärt sein würde.

Als die beiden Ritter mit ihrem Gefangenen im Schlepptau kurz vor der Burg waren, öffnete sich das große schwere Tor der Festung wie von selbst. Die Ritter zogen den Festgebunden am Seil hinter sich her, der hin und wieder über den unebenen Boden des Weges stolpern musste, bis auch er ebenfalls auf dem Burghof angekommen war. Dann schloss sich das Tor wieder krachend. Ein paar Wachleute schoben einen großen schweren Balken als Riegel davor. Das Tor war wieder zu und würde wohl jedem Angriff von draußen standhalten.

Etwas düster war es auf dem Burghof. Ringsherum waren die Mauern mehrere Meter hoch. Kaum ein Sonnenstrahl fand seinen Weg auf den mit Steinplatten ausgelegten Boden des Innenhofes der Burg. Die beiden Ritter erlösten Jan von dem ekligen Strick, der ihm die Haut über den Handgelenken fast aufgescheuert hatte. Es brannte an den Handgelenken, sie waren wund gescheuert. Er atmete auf, endlich von dem hässlichen Ding befreit zu werden. Aber was würde jetzt für Jan dem Wissenschaftler kommen? Hoffentlich nur Neugier und keine Feindseligkeiten. Das Ungewisse raubte ihm den Nerv. Er sah sich ängstlich um. Die beiden Ritter stellten sich links und rechts des Gefangenen auf und warteten auf etwas oder jemanden, folgerte Jan.

Einer der Wachleute ging ins Haupthaus. Es dauerte einige Augenblicke in denen auf dem Burghof Stille herrschte. Keiner rührte sich. Dann kam aus der Tür zum Hauptgebäude der Burg eine Gestalt, die etwas prunkvoller gekleidet war als die Menschen, die er im Dorf aus der Ferne gesehen hatte. Jan begriff sofort, dass er gleich einem Adligen aus längst vergangenen Zeiten gegenüberstehen würde. Die beiden Ritter standen mit ihren glänzenden Rüstungen immer noch links und rechts neben ihm und waren bereit, jeden Moment schnell zuzupacken. Also stand auch Jan still. Er würde es nicht riskieren wollen, davonzulaufen. Wohin auch?

„Wer bist du und was tust du hier auf meinem Land?“ fragte der Mann barsch. Und mit dem letzten seiner Worte stand er direkt vor Jan.

„Ich bin Dr. Jan Zeller und ich komme von sehr weit her.“ gab Jan zur Antwort. Was sollte Jan sonst sagen? Dass er aus dem 21. Jahrhundert kam? Das wäre wohl Verwirrung pur für diese Menschen. Das wäre für die ein Indiz für Zauberei.