Poser tanzen nicht - Peter Weisenseel - E-Book

Poser tanzen nicht E-Book

Peter Weisenseel

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Beschreibung

"Ein wirklich unterhaltsam geschriebener Roman verknüpft mit einem ernsten Thema zu einer viel diskutierten ethischen Frage in Deutschland." (derm 1/2022) Inhalt: 1986. Der 19-jährige Skip ist ein selbsternannter Poser aus Heidelberg. Sein Leben dreht sich um die Pflege seiner Lockenmähne, zu enge Jeans, Hardrock und Abstürze beim Feiern. Auch um ein Mädchen wiederzusehen, nimmt er eine Zivildienststelle auf Sylt an. Dort lernt er Mathilda kennen, eine zerbrechliche ehemalige Sängerin. Die beiden freunden sich an, bis Mathilda ihn um einen großen Gefallen bittet, der Skip vor eine unerwartete Gewissensfrage stellt. Die beiden begeben sich auf einen schicksalhaften Trip, mit dessen Ausgang keiner von ihnen rechnen konnte. "Wer Rockmusik liebt und von Nena träumt kann kein schlechter Mensch sein" (Autor)

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Edith

Inhalt

Kapitel 1 – »IVIZ«

Kapitel 2 – Der Nena-Ständer

Kapitel 3 – Sylter Tiefdruck

Kapitel 4 – Eine stürmische Nacht

Kapitel 5 – Weniger Wind, mehr Windeln

Kapitel 6 – Helbing-Cola

Kapitel 7 – Ein Versprechen nach oben

Kapitel 8 – Strand mal anders

Kapitel 9 – Jetzt erst recht

Kapitel 10 – Eine Brille für Poseidon

Kapitel 11 – Katerstimmung

Kapitel 12 – Hilfestellung

Kapitel 13 – Das Testament

Kapitel 14 – Post aus Holland

Kapitel 15 – Vor dem Soundcheck

Kapitel 16 – Strandbar-Filmriss

Kapitel 17 – Ein Grieche auf Sylt

Kapitel 18 – Noch einmal schlafen

Kapitel 19 – Achterbahn

Kapitel 20 – Tribute to Herbert

Kapitel 21 – Kuchen hilft

Kapitel 22 –Erste Etappe

Kapitel 23 – Nicht auf der Reeperbahn nachts um halb eins

Kapitel 24 – Da waren‹s nur noch zwei

Kapitel 25 – Screaming Mathilda

Kapitel 26 – Tag X

Kapitel 27 – Screaming Mathilda reloaded

Kapitel 28 – Schmerzlinderung

Kapitel 29 – Tournee-Ente

Kapitel 30 – Zurück in den Norden

Kapitel 31 – Ein großer Auftritt

Epilog

Kapitel 1 – »IVIZ«

Heidelberg 1986. Die Junisonne fiel durch den schmalen Spalt im Dachfenster und zog eine gleißende Schneise durch den muffigen Raum. Seit einigen Minuten hatte das Lichtband die weiße Raufasertapete der Dachschräge verlassen und erreichte nun den abgewohnten Schüler-Schreibtisch mit den Spuren der vergangenen Nacht: mehrere leere Dosen Bier, eine leere Flasche Afri Cola. Eine halbvolle Flasche Asbach Uralt streute das Licht wie ein billiges Prisma im Raum. Für einen Moment spielte die Sonne glitzernd mit dem Silberpapier einer zerknüllten Zigarettenschachtel und übergoss dann langsam das Cover des Theatre-of-Pain-Albums von Mötley Crüe auf der verklebten Haube des Plattenspielers.

Das minimalistische Schauspiel seiner Umgebung hatte Skip, der bäuchlings und regungslos auf dem Bett lag, nicht wahrgenommen. In seinem Kopf beugte sich der Ringrichter über ihn und hielt seine rechte Hand mit abgespreiztem Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger unscharf vor sein Gesicht. »Drei!«, dröhnte es aus dem Mund des Ringrichters, wobei alles klang wie aus einem rostigen Dosentelefon. »Eins« und »zwei« des Angezählt-Werdens musste er in seinem Zustand apathisch verpasst haben. Das Bild des Ringrichters erschien Skip beim Aufwachen fast nur dann, wenn er aus seinem selbst herbeigeführten Koma wieder in den Alltag zurückkehren sollte. »Vier…«, zerrte es an Skips Schläfen. Bei »fünf« versuchte er seine Zunge zu bewegen, die eingetrocknet am Gaumen festklebte. Der Ringrichter mit Hulk-Hogan-Statur und -Frisur schrie und zeigte nun mit zwei Händen »sechs«. Meist schaffte es Skip, vor der »Zehn« auf der Bettkante zu sitzen und damit das erste K.O. des Tages zu verhindern.

Das rechte Auge, welches nicht durch das zusammengeknautschte Kopfkissen verdeckt war, zog das Oberlid langsam hoch, wie ein bleischweres Garagentor. Skip rasterte mit verschwommenem Blick seine Umgebung. Das beige Spannbett-Laken neben seinem Kopf hatte sich von der benachbarten Ecke der Matratze gelöst und dabei einige undefinierbare Flecken und Tabakkrümel eingerollt. »Sieben« klang nun bereits leiser und entfernter. Er schob seine Wange vom Kissen über das Laken bis über den Rand der Matratze. Als sein Blick einige D.C.-Comics und vertraute Plattencover auf dem unverwechselbaren und geschmacklosen auberginefarbenen Teppich erreichte, seufzte er beruhigt. Er war zuhause. Irgendwie war er aus dem Kellergewölbe des CRASH wieder nach Hause gekommen. Oder Apo hatte ihn nach Hause gebracht. Oder alles war nur eine Kulisse, um ihn mal wieder reinzulegen.

Er drehte sich im Zeitlupentempo auf die Seite, blickte an sich herunter: nackter Oberkörper, ohne offensichtliche Spuren der letzten Nacht. Weiter unten seine abgewetzten Röhrenjeans. Nach einer ungelenken Bewegung hatte er es in die Rückenlage geschafft. Am rechten Fuß leuchtete ein grau-weißer Tennissocken, der linke steckte noch in der dunklen Stiefelette mit Schlangenleder-Optik.

Sein Blick fiel auf eine halb vertrocknete Yucca-Palme hinter dem Fußende des Bettes, über der seit zwei Wochen das schwarze »Abi 1986«-T-Shirt hing. Eines von zwei schwarzen Exemplaren. Eine Sonderanfertigung sozusagen. Alle anderen in der Abschluss-Stufe hatten hellblaue Shirts, doch Skip und Apo tragen keine hellblauen Shirts. Dass der farbliche Alleingang zu dramatischen Diskussionen beim harmoniefixierten Nachwuchs des lokalen Establishments geführt hatte, war eingeplant und rang ihm nun abermals ein kurzes Grinsen ab.

Quälender Durst und anschwellende Kopfschmerzen verdrängten nun auch erfolgreich den imaginären Ringrichter. Skip tastete mit fast geschlossenen Augen nach etwas Trinkbarem auf dem Nachttisch. Die Fingerspitzen erfassten zunächst den vollen Aschenbecher, dann eine Wasserflasche. Leer. Der nächste unbeholfene Griff ergatterte ein halbvolles Dosenbier, doch erschien dies im desolaten Zustand als Durstlöscher wenig attraktiv, zumal er aufgeweichte Zigarettenkippen in nächtlichen Bierresten durch einschlägige Erfahrungen als reelle Bedrohung abgespeichert hatte. Die Vorstellung daran ließ seine Magensäure nach oben schwappen und rief umgehend eine brennende Übelkeit hervor.

Die Zeiten, in denen seine Mutter nach einer durchzechten Nacht noch liebevoll ein Tablett mit belegten Broten, einer Tablette Alkaselzer und einer Flasche Apfelschorle neben das Bett gestellt hatte, waren lange vorbei.

Der Radiowecker zeigte 11:27 Uhr. Da es hell war, musste dies noch Vormittag sein. Gut, der Tag war noch jung. Aber nicht jung genug. Eigentlich hatte er den Wecker auf 7:00 Uhr gestellt, bevor er gestern aus dem Haus ging. Er musste ihn im Tiefschlaf überhört haben, dachte er zäh. Erst Tage später würde er herausfinden, was der eigentliche Grund hierfür war. Wie dem auch sei. Heute musste er noch einige Dinge erledigen. Heute Abend würde er im Zug zu seinem neuen Lebensabschnitt fahren. Was genau er noch erledigen musste, würde ihm schon wieder einfallen, sobald er wieder ganz auf der Höhe war.

Eins nach dem anderen. Erstes Projekt des Tages: Aufrecht sitzen, ohne umzufallen oder zu kotzen. Das gelang nach einer kurzen Stabilisierungsphase besser als gedacht.

Dadurch ermutigt, wagte er sich schwankend den Flur hinunter ins Badezimmer. In der kleinen Nasszelle mit grünen Kacheln betrachtete er sich nun im Spiegelkasten über dem Waschbecken, während er im Stehen seine Blase entleerte.

Wie erwartet, war sein Teint nicht in Höchstform, aber sonst war er mit sich optisch recht zufrieden. Die hellbraunen, professionell gelockten Haare dünsteten geduldig die Einflüsse der gestrigen Keller-Club-Nacht aus und fielen mit letzter Spannkraft auf die leicht gebräunten, nackten Schultern. Sein schlanker Oberkörper mit spärlichem Brusthaar verriet nicht, dass Poser wie Skip aus Prinzip jeglichen Sport verweigern. Die Augenlider waren leicht geschwollen und verliehen Skip einen rockigen, verwegenen Touch, fand er in diesem Moment. Ansonsten hatte Skip rundliche, weiche Gesichtszüge und eine gerade Nase, auf die er immer sehr stolz war. Sein Oberlippenflaum wurde von vereinzelten Bartstoppeln an den Wangen flankiert. Kurz vor dem Abschütteln bemerkte er am Kinn einen jungfräulichen Pickel, der ganz sicher gestern noch nicht Teil seines Spiegelbildes war. Darum musste er sich später kümmern.

Mit noch offener, aber hochgezogener Hose wollte er aber zunächst den trockenen schalen Geschmack aus dem Mund verschwinden lassen. Er beugte den zur Seite gedrehten Kopf zum laufenden Hahn und nahm einige Schluck kaltes Wasser zu sich, bis ihm schwindlig wurde und er sicher wieder aufrichten musste.

Er wischte sich mit nassen Händen die Haare aus der Stirn. Dort stand mit schwarzem Filzstift »IVIZ« in schiefen Großbuchstaben. Fuck. Irgendein Idiot, im Zweifelsfall Apo, hatte im Laufe der Nacht »ZIVI« auf seine Stirne geschrieben.

Skip versuchte sich zu konzentrieren. Soweit er sich erinnern konnte, verlief der Abend bis zu seinem Filmriss wie die meisten Samstage: Apo, also Apostoulos Zervakis, kam zum Vorglühen zu ihm nach Hause. Nach dem ersten schnellen Bier und einer Zigarette am Dachfenster musste die Atari 2600 Spielkonsole herhalten. Space Invaders war nüchtern der Favorit. Pac Man war etwas zugedröhnt ganz weit vorne. Die meisten anderen in der Stufe hatten mittlerweile einen Commodore C64, für den es viel abgefahrenere Spiele gab. Doch der Commodore wäre zu teuer, sagte seine Mutter, und der Atari funktionierte doch noch einwandfrei. Irgendwo hatte sie damit auch recht und nach der zweiten Runde Asbach-Cola fraßen Skip und Apo behäbig im Idiotenlabyrinth Punkte und Gespenster.

Apo und Skip verstanden sich auch ohne große Worte blendend. Mit wenigen Silben kam man so für einige Stunden aus. Was unter angehenden Männern den Zusammenhalt stärkte, war jedoch bei der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht nicht hilfreich. Sie waren beide Single, natürlich, und fanden diesen Status nach außen hin extrem cool. So hatten sie immer freie Auswahl in der Damenwelt und hätten jeden Abend eine andere abschleppen können. Theoretisch. Praktisch verlief das meist weniger geschmeidig.

Mit perfektem Styling und glasigen Augen standen sie dann leicht breitbeinig im Club, meist im CRASH, seit einem Jahr eigentlich nur im CRASH, tranken, rauchten und nickten gelegentlich zur Musik.

Poser tanzen nicht, hatten sie sich geschworen. »Poser« war für sie ein stimmiges Gesamtkonzept, das weit mehr als lange Haare, Metal-Sounds und zu enge Jeans bedeutete. Eine hart antrainierte Coolness bildete das Rückgrat ihres Auftretens. Ihre Anziehungskraft auf Mädchen war wie Dynamitfischen, dachten sie. Die Mädchen wussten die Fangmethode der beiden selbst nach deren lallenden, wortkargen Erklärungen nur sehr selten zu schätzen.

»Apo, du Wichser«, fluchte er und versuchte, den Filzstift mit Nagellackentferner seiner Mutter abzureiben. Apo hatte die meisten guten und weniger guten Ideen aus irgendwelchen Filmen.

Als er das letzte Mal von seinem besten Kumpel in volltrunkenem Zustand nach Hause gebracht worden war, hatte Apo ihm die Schnürsenkel seiner Adidas-Allrounder zusammengebunden. Nach dem Aufwachen war Skip hilflos beim Aufstehversuch hingefallen. Den Sturz hatte er elegant mit der Stirne am Heizkörper abgefangen. Die kleine Platzwunde über der rechten Braue wurde mit drei Stichen genäht und war Wochen später schon bestens verheilt. Kleine Späße erhalten die Freundschaft, sagt man. Seine Mutter und der Arzt in der chirurgischen Ambulanz sahen das natürlich etwas anders.

Skip war regelmäßiger Kunde in der nahgelegenen Klinik. In der Kindheit wegen seiner Ekzeme und gelegentlicher Asthmaanfälle, seit der Pubertät dann meist wegen kleiner Unfälle – mit dem Mofa, mit dem Bunsenbrenner, mit zu viel Alkohol im Blut, mit Apo zusammen oder wegen Apo.

»Herr Kipplinger, oder darf ich noch Steven zur dir sagen?«, begann der Arzt dann meistens – seit Skip Schamhaare hatte. »Steven, wenn du so weitermachst …« Blablabla. Gehört hatte Skip das und dazu stets brav genickt. Der gewünschte Lerneffekt hielt sich in seinem Kopf aber nie länger als der Desinfektionsgeruch in seinen Haaren.

Skips Stirn inklusive der feinen Narbe war durch das kräftige Reiben gerötet, aber ohne Schriftzug. Er entsorgte die nach Nagellackentferner stinkenden Kleenex-Tücher im Mülleimer unter der Küchenspüle. »Auch schon aufgestanden, Skippy?« hörte er hinter sich. Er wuschelte sich die Haare wieder in die Stirn und stand bemüht gerade. »Klar, Mum. Bin topfit.« Sie lächelte so verständnisvoll wie möglich. »Ich hab’ dir Kaffee gemacht, ist ja ein großer Tag heute.«

Früher hatte seine Mutter noch nachts vor dem Fernseher gewartet, bis Skip vom Feiern nach Hause kam oder hatte besorgt den Hausmüll nach Joint-Resten oder Spuren anderer Laster ihres Sohnes durchsucht. Aber irgendwann hatte sie akzeptiert, dass er sein Leben selbst in die Hand nehmen musste und sie ihn nicht vor allen Fehlern bewahren könne. Ab heute Abend würde er sehr weit weg gehen und sie würde in den nächsten Monaten dann meist allein in der Wohnung sein.

Sie streichelte Skip über den müden Kopf und goss ihm eine Tasse Kaffee mit einem Schuss Milch ein. Skip schob normalerweise ihre Hand genervt weg, wenn sie seine Haare berührte, aber heute ließ er sie gewähren. Einerseits war er noch zu schlapp, andererseits war heute ein besonderer Tag. Abschied lag in der Luft.

Skip hatte sich die Zivildienststelle auf Sylt ganz bewusst gesucht. Apo hatte er erzählt, er möchte dem einfältigen Dialekt und seiner spießigen Umgebung entfliehen. Seiner Mutter hatte er es damit begründet, dass er eine Zeit lang am Meer leben möchte. Das war nicht einmal gelogen.

In seiner Kindheit war er wegen seines leichten Asthmas und seiner Neurodermitis zweimal auf Norderney zur Kur gewesen. Er warf sich damals immer so lange in die salzige kalte Brandung, bis er am ganzen Körper zitterte und seine Lippen tiefblau waren. Aus dem Fenster seines Zimmers sah er dann im Klinik-Pyjama über die die grünen Dünen hinweg noch stundenlang aufs Meer hinaus. Bei einer bestimmten Windrichtung hörte er während des Einschlafens auch den Rhythmus der Wellen, wenn das Fenster geöffnet war.

Aber einen sehr wichtigen Grund hatte er bisher allen verschwiegen: seine kleine Hoffnung, die unbekannte Blondine mit den stahlblauen Augen wiederzutreffen, die er im Jahr zuvor auf einer Klassenfahrt nach Hamburg am Elbstrand getroffen hatte. Marie konnte Bier mit dem Feuerzeug aufmachen und trank Astra aus der Flasche. Das Gesamtpaket hatte Skip damals mächtig beeindruckt. Sie erzählte ihm, dass sie im Sommer oft auf Sylt Windsurfen geht und ihre Eltern dort ein Ferienhaus haben. Leider war Skip damals so dämlich, nicht nach ihrer Telefonnummer zu fragen.

Er hatte somit insgesamt ausreichend viele und gute Gründe, um nach Sylt zu gehen. Welche Wendungen sein Leben auf dieser Insel nehmen würde, konnte er an diesem verkaterten Mittag noch nicht ahnen.

Bis zum Nachmittag hatte er seine Sachen auf Autopilot in einen großen Rucksack gepackt, ging dann noch einmal alles durch und packte zur Sicherheit eine Unmenge an Batterien für den Walkman ein. Den obligatorischen Abschiedsbesuch bei seiner Patentante musste er aus zeitlichen Gründen gegen ein Telefonat eintauschen. Statt, wie geplant, im Kino mit seiner Mutter »Top Gun« anzusehen, aßen sie auf dem Küchenbalkon einen gekauften Erdbeerkuchen und sagten wenig.

Seine Mutter fuhr Skip dann sehr rechtzeitig mit ihrem roten Panda zum Bahnhof, wo schon Apo auf ihn wartete. Im Zeitschriftenladen spendierte seine Mutter ihm ein PopRocky-Magazin und er kaufte sich selbst noch ein kühles Sixpack für die Fahrt. Seine Mutter wollte ihn auf dem Bahnsteig kaum loslassen. »Viel Glück, gute Fahrt und meld’ dich, sobald du angekommen bist.«

Apo umarmte ihn kurz, aber fest und schenkte ihm ein selbst zusammengestelltes Mixtape. »Hör mal rein und grüß’ die norddeutschen Bräute von mir.« »Und wegen letzter Nacht telefonieren wir noch«, fügte er grinsend hinzu.

Kapitel 2 – Der Nena-Ständer

Im bisher locker gefüllten Nachtzug nach Hamburg hatte sich Skip einen Fensterplatz gesichert. Im sommerlich überwärmten Sechser-Abteil saß außer ihm bisher nur ein älteres Paar auf den Plätzen am Gang gegenüber. Die Schiebetür war geschlossen, das Fenster leicht heruntergeschoben, um die stehende Luft etwas zu bewegen.

Es roch so, wie ein alter Zug im Sommer roch: eine undefinierbare Mischung aus speckigen Kunstledersitzen, altem Öl, rostigen Bahnschwellen, hin und wieder nach gemähtem Gras und in diesem Fall sogar nach Bier.

Um den Zustieg von weiteren Reisenden in das Abteil zu minimieren, hatte Skip auf dem Sitz gegenüber seinen massigen Rucksack platziert und neben sich das Sixpack arrangiert. Die erste Dose hatte er noch vor dem unsanften Anrucken des Zuges kurz vor 20 Uhr zischend geöffnet. Einerseits hatte das Bier dann noch eine optimale Trinktemperatur, andererseits sollte die biergeschwängerte Luft das Abschreckungskonzept komplettieren.

Die Kassette im Walkman surrte leise und leitete blechern über die orangen gepolsterten Kopfhörer ein präzises Gitarrensolo an seine Trommelfelle. Er drehte das Rädchen des Lautstärkereglers höher, bis es alles zur vorbeirumpelnden Umgebung vor dem Fenster passte.

Aus dem Augenwinkel sah er ein leichtes Kopfschütteln der weißhaarigen Dame. Durch ein lautes offensives Rülpsen hätte er das Paar vielleicht aus dem Abteil vergraulen können. Aber die beiden waren aus seiner Sicht willkommene und stille Platzhalter.

Der größte anzunehmende Mitfahrer-Unfall auf einer langen Zugfahrt wäre eine Großfamilie mit mehreren Schreihälsen, die ihre Popel, Kekskrümel und UNO-Karten überall im Abteil verteilen würden und aus der Reise ein Inferno machen könnten. Deshalb nickte er den beiden nur zu und deutete durch ein minimales Anheben der fast leeren Dose ein freundliches Prosten an.

Mit dem nagelneuen Zivildienstausweis konnte er kostenfrei zwischen seiner Heimatstadt und Sylt hin- und herfahren, wann und sooft er wollte. Vor seiner ersten Fahrt hatte er Apo und seiner Mutter fest versprochen, dass er mindestens zweimal pro Monat nach Hause kommen würde. Daran glaubte er bis zur Abfahrt sogar selbst.

Bis Frankfurt am Main hatte die seitlich durch die Fenster scheinende Abendsonne den Wagon weiter aufgeheizt und es stiegen viele neue Reisende ein. Einzelne Zugestiegene blickten vom Gang aus in das Abteil, nahmen auch den Griff der geschlossenen Schiebetür in die Hand, ließen dann aber wieder los und gingen weiter. Skip war mit seinem optischen und olfaktorischen Bollwerk sehr zufrieden.

Der Inhalt der dritten Dose Bier war nun auf Raumtemperatur, schmeckte also nicht wirklich, half aber enorm, sich weniger Gedanken über alles zu machen. Einfach mal die Nervenenden flattern lassen.

Auf dem kleinen Klapptisch am Fenster hatte er die Unterlagen abgelegt, die ihn auf seinen Zivildienstjob vorbereiten sollten. Er hatte sie nur überflogen und hoffte, dass die Stelle bei der Gemeindeverwaltung von Westerland nicht zu einem kompletten Reinfall würde.

Im Telefonat mit der dortigen Leiterin hatte diese ihm vorgeschwärmt, wie sein Vorgänger alle Veranstaltungen und Konzerte vor Ort »so toll« mit organisiert und betreut habe. Skip hatte seine Qualifikationen für die Stelle etwas geschönt. Auf die Frage, ob er musikalisch sei und sich mit Konzerten auskenne: Klar, zwei Instrumente beherrsche er und habe schon viele Jahre in der Musikbranche gearbeitet. Letzteres stimmte sogar etwas, da er manchmal samstags in einem Musikgeschäft ausgeholfen hatte. Wenn er im Lager fertig war, hing er gerne noch im Verkaufsraum ab. Um die jüngeren weiblichen Kunden zu beeindrucken hat er sich selbst drei Gitarrenriffs beigebracht, die er gerne zum Besten gab, bis der Besitzer mit einer strengen Falte zwischen den Augenbrauen signalisierte, dass es genug war.

Noch viel früher hatte er die Mundharmonika für sich entdeckt. Ein ganzes Wochenende lang hatte er als Kind in das chromfarbene Geschenk seines Vaters gepustet und daran gezogen, bis er davon eine eitrige Mandelentzündung hatte.

Aber Musik war ihm sehr wichtig, auf jeden Fall. Und sobald sich eine laute Band in die Nähe seiner Heimatstadt wagte, pogten er und Apo meistens mittendrin vor der Bühne.

In den Unterlagen war auch ein Foto der muschelförmigen Bühne an der Strandpromenade von Westerland. Mit der richtigen Anlage könnte man hier durchaus einen ordentlichen Sound erzeugen, war Skip überzeugt.

Sylt und Hamburg lagen auf der Deutschlandkarte seines Diercke Weltatlasses fast nebeneinander. Musiker aus Hamburg könnten dann ja rasch mal auf die Insel kommen. Er würde Sylt schon wachküssen. Und er würde die Bands betreuen und anmoderieren und dann würde ihn Marie früher oder später auf der Bühne sehen. Dann würde er Marie in den Backstage-Bereich mitnehmen und sie wäre dann natürlich schwer beeindruckt. Naja, also mit hoher Wahrscheinlichkeit jedenfalls.

Draußen dämmerte es und die Landschaft wurde im Vorbeifahren zu einem verschwommenen Rotbraun mit einer glimmenden dunkelorangen Aura am Horizont. Nur hin und wieder warfen Autoscheinwerfer oder Straßenbeleuchtungen kurze Lichtfetzen vorbei.

Der Walkman wurde still und es klackte, als die Kassettenseite durchgelaufen war. Skip hatte dösig die Augen geschlossen und hörte neben sich die gemeinsamen Anstrengungen des Paares, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Sie: »Fränkischer Hausflur mit drei Buchstaben …?« Er: »ERN«. Sie: »Sicher? Denn dann wäre deutsche Popsängerin mit vier Buchstaben, erster Buchstabe N und als letztes ein A …?« Er: »NENA«. Sie blickte misstrauisch auf: »Woher weißt du denn sowas?« Er: »Die war mal in der ZDF-Hitparade, so ne junge Flippige, und die Tochter von unserer Nachbarin läuft immer mit einem T-Shirt von ihr rum, so eins ohne Ärmel.« Sie: »Soso, da hast du aber ganz genau hingesehen.«

Skip hatte genug gehört. Er wendete die »Under-the-Blade«-Kassette von Twisted Sister und legte die Füße auf den Sitz gegenüber, soweit es der Rucksack zuließ.

Er wollte nicht, dass die Gruftis noch mehr über Nena sprachen. Zu Nena hatte er ein spezielles Verhältnis. Bevor er nur noch Hard Rock und Metal als einzig wahre Musikrichtungen auf dem Planeten für sich entdeckte, hatte er als Einstiegs-Teenager durchaus musikalische Orientierungsschwierigkeiten. Auf seinem Radiorecorder mit doppelten Kassettenlaufwerk hatte er sich mehrere Dutzend Mixtapes zusammengestellt. Songs konnten direkt aus dem Radio aufgenommen werden. Die hohe Kunst dabei war, die An- und Abmoderation nicht mitzuschneiden. Das gelang trotz maximaler Konzentration mal mehr, mal weniger gut. Besser war es, Songs gezielt von einem fertigen oder auch kommerziellen Tape auf ein anderes Tape im gleichen Gerät zu kopieren. Dabei entstand im Laufe der Zeit einige wilde Mischung mutwillig beschrifteter Kassetten quer durch alle Stilrichtungen inklusive David Bowie, Cat Stevens, Miami Sound Maschine, Run DMC und eben auch Nena.

Eine sehr kurze Zeit hing sogar ein DIN-A4-Nena-Poster aus der BRAVO an der Dachschräge über seinem Bett. Die Musik fand Skip immer so lala. Aber Nena sprach auf seltsame Weise seine heranrauschenden männlichen Hormone an. Was er nie jemanden erzählt hatte, nicht einmal Apo, der ja nichts lange für sich behalten konnte: Mindestens ein Jahr lang dachte er beim nächtlichen Masturbieren unter der Bettdecke regelmäßig an Nena. Kein Witz. Es war immer die gleiche Szene.

Nena hatte gerade die letzte Zugabe bei einem schwülwarmen Open-Air-Konzert gespielt. Völlig verschwitzt und aufgeputscht lief sie seitlich von der Bühne, griff dort Skips Hand und ging mit ihm durch den Backstage-Bereich in ihre Garderobe. Sie schubste Skip auf einen Stuhl, setzte sich lachend auf seinen Schoss und warf ihre Haare zurück. Er spürte ihre warme, feuchte Haut. Er schob seinen Kopf komplett unter ihr Shirt und folgte im Dämmerlicht den Schweißtropfen am Bauch nach oben zu deren Ursprung zwischen ihren wunderschönen Brüsten. Also eben so, wie sich Skip Nenas Brüste vorstellte, da er sie leider noch nie gesehen hatte.

An dieser schwülen Vorstellung konnte auch Twisted Sister gerade nichts ändern und Skip musste sich etwas anders setzen, um die Beule in seiner engen Jeans zu verdecken.

Das Kreuzworträtsel-Duo war aber viel zu sehr mit waagerecht und senkrecht beschäftigt, um die Auswirkungen seines pubertären Kopfkinos zu bemerken.

Er beschloss, sich Richtung Waggon-Toilette zu begeben, um dort seine volle Bierblase zu entleeren, die seine Erektion noch verstärkte. Dazu musste er aber an den beiden weißhaarigen Türsitzern vorbei. Seine Lende wäre dann genau auf deren Augenhöhe. Daher griff er sich die ZIVIUnterlagen vom Klapptisch und hielt sich diese vor den Schoß. Skips Nena-Ständer schwebte hinter der Sylter Musikmuschel an den Gesichtern des Paares vorbei, die sich höflich bis vorsichtig nach hinten in ihre Sitze drückten.

Die Toilette war erstaunlicherweise frei und Skip begann sofort nach dem Verriegeln der Tür an seinem Reißverschluss zu zerren.

Mit einer Erektion Wasser zu lassen war immer schwierig. Unter der Dusche zuhause ging das zur Not noch. Aber um dieses Gartensprenkler-Szenario in der Deutschen Bahn zu vermeiden, musste er sich also erst einen runterholen, dann etwas warten, dann pinkeln. Trotz der ungewohnten Umgebung ging ihm der erste Teil flink von der Hand. Bloß die Erschlaffung danach ließ auf sich warten. Um die Zeit sinnvoll zu überbrücken, setzte er sich auf das WC, nachdem er den Sitz mit mehreren Lagen grauen Toilettenpapiers abgedeckt hatte, steckte sich eine Zigarette an und blätterte in den Unterlagen. »Smokin’ in the boys room …« ging ihm situationsgemäß durch den Kopf.

Die Pulverseife aus dem Drehspender am Waschbecken war alle, demnach musste das lauwarme Wasser-Rinnsal reichen, um die letzten Minuten reinzuwaschen. Bei der Gelegenheit hatte er auch endlich Muße, den gereiften Pickel am Kinn umständlich, aber erfolgreich auszudrücken. Der Weg zurück ins Abteil gelang wesentlich entspannter als der Hinweg.

Der Rest der Fahrt bis Hamburg Hauptbahnhof verlief ereignislos. Skip hatte die Sitzflächen unter sich in der Mitte zusammengeschoben und konnte so fast flach liegen, fiel aber trotzdem erst weit nach seinen beiden Mitfahrern in einen unruhigen Schlaf.

Der Zug ruckelte frühmorgens sanft in den Hamburger Hauptbahnhof ein. Es war schon hell, aber dunkle Wolken dominierten den Himmel.

Im Eilzug nach Sylt biss er in ein zimtsüßes Franzbrötchen, das er sich beim Umsteigen auf dem Bahnsteig-Kiosk gekauft hatte. Das erinnerte ihn an die damalige Klassenfahrt und er fühlte sich gleich viel norddeutscher.

»Moin Moin«, sagte er etwas später genüsslich kauend zum Schaffner, der seinen Zivildienstausweis skeptisch musterte. »Moin reicht hier im Norden, min Jung. Moin Moin is schon Gesabbel.« Er gab ihm den Ausweis zurück, ohne eine Miene zu verziehen.

Der Himmel zog sich weiter zu, doch das konnte Skips guter Laune keinen Abbruch tun. Der Zug ratterte über den Hindenburgdamm. Der Regen klatschte aus tiefhängenden Wolken mit kräftigen Böen an das Fenster und lief in tanzenden Säulen am Glas herunter. Es war Ebbe und Skip blickte mit Herzklopfen auf die Wellenmuster, die der Wind auf dem dunklen flachen Wasser vor sich hertrieb.

Die Insel selbst war erst kurz vor dem Ende des Damms zu sehen, als der Regen etwas nachließ und die Wolken ein wenig höher zogen. Keitum. Westerland. Endstation.

Kapitel 3 – Sylter Tiefdruck

Skip schob sich mit den anderen Fahrgästen auf dem Bahnsteig entlang zum Hauptgebäude. Um ihn herum waren viele Pendler, die auf der Insel arbeiten, aber auf dem Festland wohnen, Tagestouristen, die sorgenvoll zu den Regenwolken hochschauten, und Inselbewohner, die versuchten, ihre Koffer und Einkaufstüten trocken nach Hause zu schaffen.

Nach Durchqueren des Bahnhofgebäudes hatte Skip Mühe, die kleine Karte aus seinen Unterlagen im nassen Wind ruhig zu halten, lief dann entschlossen in die Richtung, in der das Kreuz die Gemeindeverwaltung markierte.

Nach einigen Minuten wurde der Regen noch stärker, und so hingen seine Haare feucht und strähnig herab, als er die Tür zum Verwaltungsgebäude aufdrückte.

Am Informationsschalter beäugte ihn eine Dame mit 60er-Jahre-Styling sehr zurückhaltend und bat ihn, kurz zu warten.

Zehn Minuten später saß er am Schreibtisch von Frau Jansen im ersten Obergeschoss. Mit Frau Jansen hatte er rund sechs Monate zuvor telefoniert und seine sozialen und musikalischen Fähigkeiten angepriesen. Sie stellte Skip ein Glas Wasser hin, lächelte unaufhörlich und blickte auf seine jungfräuliche Personalmappe.

Am Telefon hatte er Frau Jansen auf Vierzig geschätzt, jetzt packte er noch einmal zwanzig Jahre und einige Kilos drauf. Sie hatte dunkelbraune Haare, vermutlich gefärbt, ein rundes, sympathisches Gesicht und einen kleinen Mund mit schmalen roten Lippen. Ein knielanges dunkelgrünes Kleid wurde zum kurzen Hals hin von einer Perlenkette abgeschlossen.

An dieser Kette spielte nun eine Hand von Frau Jansen. Sie lächelte höflich: »Wir freuen uns so sehr, dass Sie die nächsten 20 Monate bei uns helfen werden, Herr Kipplinger. Ihr Vorgänger ist seit einem Monat wieder weg und die Saison ist schon in vollem Gange. Trotz unseres kleinen Budgets ist Westerland ja überregional bekannt für seine Musikkonzerte und Veranstaltungen.« Skip nahm den Ball auf: »Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Frau Jansen. Vielen Dank, dass Sie gerade mich ausgewählt haben. Wir werden hier zusammen sicher spektakuläre Konzerte veranstalten. Ich habe da auch schon eine Liste von Interpreten und Bands im Kopf, die wir unbedingt bald zusammen durchgehen sollten.«

Frau Jansen nickte höflich bei jedem Satz, den Skip von sich gab. »Das können wir gerne machen, Herr Kipplinger, aber diese Saison ist natürlich schon genau geplant.« Skips Enthusiasmus schwand um eine Zehnerpotenz.

»Ach und Herr Kipplinger, ich weiß ja, wie sehr Sie als Vollblutmusiker sich auf die Konzerte freuen … und deswegen ist es mir jetzt auch ein bisschen unangenehm, das zu sagen …« Frau Jansens Fingerspitzen nestelten nervös an der Perlenkette.

»In den nächsten Wochen werden gar keine Konzerte stattfinden können. Vorletzte Woche hat sich ein Herr auf der Zuschauertribüne bei der Musikmuschel die Hüfte gebrochen. Eine Steinplatte war lose und er hat nun die Gemeinde verklagt. Dass der Herr nicht ganz nüchtern war, spielt leider keine Rolle. Nach aktuellem Stand der Dinge müssen große Teile des Zuschauerbereichs saniert werden, um derartige Unfälle in Zukunft sicher zu vermeiden. Wir hoffen, dass in sechs bis acht Wochen alles abgeschlossen und abgenommen ist. Aber der genaue Zeitplan liegt natürlich nicht in meiner Hand.«

Für Skip fühlte sich das an wie ein Leberhaken in der ersten Runde. Draußen regnete und stürmte es noch heftiger.

»Na gut, dann helfe ich eben bei den anderen Veranstaltungen mit, oder?« Er sprach sich damit etwas Mut zu.

»Das haben wir uns zunächst auch gedacht Herr Kipplinger. Aber zum einen haben wir aktuell nur sehr wenig Projekte, die ausschließlich von der Gemeinde organisiert werden, zum anderen hatte ihr Vorgänger die laufende Saison ja schon sehr gut vorbereitet. Aktuell wäre also in diesem Bereich eigentlich nicht viel für Sie zu tun.«

Skip sank noch tiefer in den Stuhl.

»Gut, dann komme ich eben in einigen Wochen wieder, wenn die Sanierung abgeschlossen ist«, sagte er und saß gedanklich schon wieder im Eilzug zurück aufs Festland.

Frau Jansen nickte verständnisvoll. »Das können Sie gerne machen, aber wir können aktuell ja nicht genau sagen, wie lange alles dauern wird. Außerdem verschiebt sich ihre Zivildienstzeit dann entsprechend nach hinten.«

Skip wusste noch nicht, ob und was er studieren würde, mit einem Abitur von 2,4 hatte er sicher so einige Optionen an der Hochschule. Und studieren wäre schon cool. Wenn sich die Zivi-Zeit nun um Wochen bis Monate nach hinten verschieben sollte, könnte er wohl erst ein Semester später mit dem Studium anfangen. Nicht schlimm, aber auch nicht optimal. Zuhause würde in diesem Sommer nicht viel passieren, Apo war auf dem Weg zu seinen Verwandten in Griechenland. Außerdem könnte er Marie dann in dieser Saison gar nicht treffen, da die Windsurf-Saison auf Sylt vermutlich nur bis in den Herbst hinein ginge.

Frau Jansen sah den unglücklich grübelnden jungen Mann vor sich und nutzte den Augenblick:

»Herr Kipplinger, jetzt habe ich vielleicht doch noch eine gute Nachricht für Sie: Wir suchen gerade händeringend einen Zivildienstleistenden für unsere bezaubernde Seniorenresidenz in Westerland. Dort sind durch Schwangerschaften und Krankheitsfälle Lücken entstanden. Und da Sie mir ja damals am Telefon erzählt haben, dass Sie sich immer gerne sozial engagieren, wo auch immer Sie gebraucht werden, könnten Sie doch vorübergehend dort einspringen!?« Sie blickte ihn erwartungsvoll an.

Seniorenresidenz. Das klang nach Brotkrustenabschneiden für Gebissträger, Bingo-Nachmittagen und Ärscheabwischen. Genau das wollte er auf keinen Fall im Zivildienst machen. Eigentlich wollte er gar keinen Zivildienst machen. Bund natürlich noch weniger. Aber trotz aller Anstrengungen und ärztlichen Atteste hatte es nicht zu einer Untauglichkeit gereicht. Ein Diplomatensöhnchen aus der Klassenstufe wurde wegen einer Kiwi-Allergie – ja, wegen einer verfickten Kiwi-Allergie! – untauglich geschrieben. Aber Skips Vorgeschichte mit Asthma und Neurodermitis zählte bei der Musterung keinen Heller. Und jetzt saß Skip am nördlichsten Punkt der Republik mit feuchten Haaren und sollte mehrere Wochen inkontinente Rentner versorgen.

»Frau Jansen, das klingt alles sehr verlockend, aber ich würde gerne einmal darüber nachdenken, wenn ich darf.«

Er verabschiedete sich förmlich von Frau Jansen und ging mit hängenden Schultern und Haaren durch den peitschenden Regen zurück zum Bahnhof. Er wollte nach Hause. Starke Böen rissen ihn mit dem Rucksack fast um, und er musste sich schräg gegen den Wind lehnen, um einigermaßen geradeaus gehen zu können.

Am Bahnhof fragte er triefend vor Nässe am Schalter nach der nächsten Verbindung nach Hamburg. Der Bahnmitarbeiter erklärte höflich, aber bestimmt, dass an diesem Tag wegen der Sturmwarnung keine Züge mehr über den Damm fuhren und auch der Fährbetrieb bereits eingestellt war. Technischer K.O., dachte Skip. Das war᾽s.

Nach kurzer Überlegung blieb Skip nichts anderes übrig, als sich durch den Sturm wieder zurück zu Frau Jansen zu kämpfen.

»Ach, Sie Armer! Das ist wohl nicht Ihr Tag, nich’?«, sagte Frau Jansen und holte zum notdürftigen Trockenlegen ein kariertes Tuch aus der Verwaltungs-Küche.

»Am besten, Sie bleiben bis morgen einfach mal im Wohnheim, und dann sehen wir weiter, ja?« Durchgenässt, müde und enttäuscht sah Skip hierzu keine brauchbare Alternative.

Das Wohnheim für Zivildienstleistende und Gäste der Gemeinde war zum Glück im Gebäude direkt nebenan.

»Dein Zimmer ist auf der zweiten Etage und das Badezimmer ist auf dem Flur, min Jung«, sagte der Hausmeister kurz angebunden zu ihm, steckte die Bescheinigung von Frau Jansen ein und gab Skip den Zimmerschlüssel.