Post von Dornröschen - Blaes, Renate - E-Book

Post von Dornröschen E-Book

Blaes, Renate

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Beschreibung

Auf der Hochzeitreise bricht Daniel zusammen und stirbt wenige Wochen später an einem Gehirntumor. Seine Witwe, die Journalistin Charlotte, vergräbt sich in tiefer Trauer in ihren vier Wänden. Doch es gibt drei Menschen, die wollen, dass Charlotte wieder am Leben teilnimmt: Ihr Chefredakteur, der sie mit seinem Freund Fabian verkuppeln möchte. Ihr Mutter, die sie mit dem Neffen ihrer Freundin verkuppeln möchte. Und ihre Freundin Regine, die meint, den Traummann im Internet zu finden, sei die leichteste Sache der Welt.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Blaes, Renate

Post von Dornröschen

Eine Liebesgeschichte im Internet

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Impressum neobooks

Kapitel 1

Charlotte drehte den Kopf in Richtung Wecker und spähte missmutig auf das Zifferblatt. Natürlich. Kurz vor sechs, wie immer. Gleich würden die ersten Glockentöne des Morgengeläutes aus dem nahen Kirchturm dringen, danach war an Schlaf nicht mehr zu denken. Oft genug hatte sie versucht, wieder einzuschlafen, mit allen Tricks. Autogenes Training, Meditation, von hundert rückwärts zählen. Nichts zu machen. Alles vergeblich. Unabänderlich wach lag sie da und lauschte ihrem Pulsschlag hinterher, der dumpf in die Matratze pochte.

Widerwillig warf sie die Decke zurück, schüttelte das Kopfkissen auf und stieg aus dem Bett. Gähnend schlurfte sie durch das Halbdunkel zur Treppe und tappte mit vorsichtigen Schritten hinunter, die rechte Hand um den Handlauf des Geländers geschlungen. Ein einziges Mal hatte sie es – trotz diffuser Vorahnung – nicht getan, war prompt auf dem oberen Drittel der Treppe ausgerutscht und mit Karacho die vierzehn blank polierten Holzstufen hinunter gedonnert. Sie hatte sich schon mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus gesehen, war aber mit ein paar Prellungen davon gekommen. Seitdem hielt sie sich sorgfältig fest.

In der Küche angelangt, öffnete sie als erstes die Büchse mit dem Trockenfutter, weil ihr Kater Max wie jeden Morgen mit hoch erhobenem, erwartungsvoll zitterndem Schwanz um ihre Beine strich und penetrant miaute.

„Man könnte meinen, du hättest wochenlang nichts zu futtern gekriegt, du kleiner Fresssack“, lächelte sie, kraulte ihn zwischen den Ohren und ließ Futter in den Napf rieseln, über das er sich umgehend hermachte und Körnchen für Körnchen krachend zerbiss.

Den verschmusten und sich faul-genüsslich durch die Tage schnurrenden Kater hatte Charlotte von Daniel geerbt, und sie liebte das Tier mit der gleichen Hingabe wie sie ihren Mann geliebt hatte.

Während die Kaffeemaschine lautstark gluckerte, begab sie sich ins Badezimmer, warf ihrem Spiegelbild einen unfreundlichen Blick entgegen und stieg in die Duschkabine. Dort brachte sie ungefähr zehn Minuten zu, weniger um sich zu säubern, sondern um den unangenehmen Nachgeschmack ihrer Träume wegzuspülen. Seit Daniel nicht mehr lebte, träumte sie von ihm, mehrmals die Woche. Unmittelbar nach dem Aufwachen fühlte sie sich leicht und glücklich, sobald ihr aber bewusst wurde, dass das wunderschöne Erlebnis mal wieder nur ein Traum gewesen war, verfiel sie schlagartig in einen depressiven Zustand. Sie spürte förmlich die Schwermut, wie sie ihren Körper in Besitz nahm - einer fetten, gierigen Krake ähnlich - und ihr allmählich die Luft abdrückte.

Die Augen geschlossen und den Griff der Dusche in der Hand, ließ Charlotte das warme Wasser erst auf Kopf und Gesicht plätschern, führte es dann in kreisenden Bewegungen langsam über Arme, Schultern, Brüste, Bauch und Beine, und wieder zurück. Dieser Vorgang war in den vergangenen Monaten zum allmorgendlichen Ritual geworden, und sie wiederholte ihn solange, bis sie sicher war, auch das letzte Restchen Schwermut durch den Abfluss gespült zu haben.

Nach dem kargen Frühstück mit zwei Tassen Kaffee und einer mit Käse belegten Scheibe Vollkornbrot begab sich Charlotte zur Bahnstation um nach München zu fahren. Sie hatte ihre wöchentliche Verabredung mit dem Verlag, bei dem sie als freie Journalistin ihre Brötchen verdiente. Für diese Termine benutzte sie schon lange nicht mehr mit das Auto, denn es war absolut müßig, in der Nähe des Verlagsgebäudes einen Parkplatz zu suchen – es gab keine. Keine freien zumindest. Und sich irgendwo auf einen Gehsteig oder gar ins Halteverbot zu stellen, war eine teure Angelegenheit. Bestenfalls war sie dreißig Mark los, im schlechtesten Fall wurde der Wagen abgeschleppt. Dann mussten über zweihundert Mark berappt werden, von den ganzen Umständen, den fahrbaren Untersatz wieder zu beschaffen, ganz abgesehen. Ein einziges Mal hatte Charlotte diese zeitraubende Prozedur mitgemacht und danach beschlossen, Bahn zu fahren.

Pünktlich auf die Minute rollte der Zug in den Bahnhof ein. Ächzend und quietschend hielt er an und öffnete mit leisem Zischen seine pneumatischen Türen. Menschen mit müden, schlecht gelaunten Gesichtern drängten hinein und nahmen hässliche, schmutzfreundlich gemusterte Kunststoffpolster in Beschlag. Einige vergruben sich hinter der Tageszeitung, andere schlugen ein Buch auf, die meisten aber starrten nur ausdruckslos vor sich hin und machten den Eindruck, als vermuteten sie resigniert, einem ereignislosen Tag entgegenzufahren.

Charlotte wartete, bis die Meute saß, quetschte sich dann auf ein freies Plätzchen neben einer bullernden Heizkonsole und schaute gedankenverloren aus dem Fenster, in die von dicken Regenwolken verdunkelte Spätsommerlandschaft, wo heftige Sturmböen dabei waren, Bäume und Sträucher durchzurütteln und auf die unwirtliche Jahreszeit einzustimmen.

Die Redaktionskantine des großen Verlagshauses war erfüllt von dem Geruch nach frischem Kaffee, geröstetem Speck und Zigarettenrauch, ausgestoßen von übernächtigten, graugesichtigen und stoppelbärtigen Redakteuren.

Charlotte saß mit ihrer Freundin Regine an dem kleinen Tisch in der Ecke und ließ ein Stück Zucker durch den Schaum ihres Cappuccinos plumpsen.

„Du musst jetzt endlich wieder unter die Leute!“, sagte Regine mit resoluter Stimme. „So kann’s nicht weitergehen.“ Sie trank einen Schluck Kaffee und biss genüsslich in ein Blätterteighörnchen. „Du kannst dich nicht für alle Zeiten in deiner Wohnung vergraben“, fügte sie kauend hinzu.

„Wieso denn nicht?“ Charlotte rührte mit einem abgenutzten Kaffeelöffel unkonzentriert in ihrer Tasse herum. „Daniel ist auch vergraben“, murmelte sie vor sich hin, „passt also.“

„Deinen Sarkasmus finde ich überhaupt nicht witzig, aber ich verstehe dich.“

„Gar nichts verstehst du“, erwiderte Charlotte schroff. „Man kann nur verstehen, was man selbst kennt und erlebt hat.“

Regine runzelte die Stirn. „Das glaube ich nicht. Wenn dem so wäre, würde man herzlich wenig verstehen.“

„Genau so ist es auch!“ knurrte Charlotte. „Niemand versteht, was der andere fühlt oder denkt. Derartige Beteuerungen sind einfach nur daher geschwätzt. Small Talk! Außerdem ist es mir auch scheißegal, ob mich irgend jemand versteht … was hätte ich schon davon?“ Sauertöpfisch blickte sie vor sich hin. „Nichts, rein gar nichts.“ Sie formte das Einwickelpapier des Zuckerstücks zu einem Kügelchen und kickte es mit dem Zeigefinger über die Tischplatte.

Regine musterte Charlotte. „Mein Gott, bist du heute mies drauf! Was kann ich denn nur tun, damit es dir wieder besser geht?“

„Gar nichts! Lass mich einfach nur in Ruhe.“

„Freunde sind dazu da, dass man seine Sorgen mit ihnen teilt und nicht, dass man sie in Ruhe lässt, wenn‘s ihnen schlecht geht. Und ich bin schließlich deine Freundin, und will dich auf andere Gedanken bringen.“

„Ich will gar nicht auf andere Gedanken kommen.“

„Das glaube ich dir aufs Wort. Aber wenn du dich ständig nur selbst bemitleidest, bringt dich das auch nicht weiter. Im Gegenteil.“

„Ich bemitleide mich überhaupt nicht. Ich hab einfach nur schlechte Laune.“

„Das ist nicht zu übersehen! Aber so kann es doch nicht weitergehen. Das grenzt doch schon an Masochismus … so wie du dich einigelst. Seit Daniel gestorben ist, triffst du kaum Freunde, hängst nur noch in deiner Bude herum oder arbeitest. Menschenskind, das ist doch kein Leben! Und dadurch, dass du dich total zurückziehst, machst du ihn auch nicht lebendig.“ Regine legte ihren Arm um Charlottes Schulter. „Sorry, das klingt pietätlos, aber so ist es einfach. Außerdem fehlst du mir. Wir sehen uns in der letzten Zeit so selten, und reden tun wir auch viel zu wenig miteinander.“

„Ach, rede doch mit deinen Liebhabern!“ gab Charlotte unwirsch zurück.

„Das ist es doch gerade …“ Regine legte eine bedeutungsvolle Miene an den Tag. „Aber ich will nicht mit meinen Liebhabern reden, sondern mit dir, und zwar genau über diese Liebhaber.“

Sie legte eine kleine dramaturgische Pause ein und grinste. „Ich hab nämlich eine neue Methode entdeckt“, sagte sie mit vielsagendem Blick.

Charlotte stutzte. „Eine neue Methode? Für was?“

„Männer kennenzulernen.“

„Natürlich, was für eine Frage! Das hätte ich mir ja denken können.“ Charlotte seufzte. „Um was für eine Methode handelt es sich denn?“

„Ich sage nur ein Wort: Internet.“ Regine schaute Charlotte listig an.

Charlotte schaute verständnislos zurück. „Wie … Internet?“

„Mensch, bist du heute schwer von Begriff!“ Regines Tonfall wurde ungeduldig. „Ich lerne Männer übers Internet kennen.“

„Übers Internet?“ Charlotte verstand immer noch nichts.

„Ganz genau. Ich hab eine Kontaktanzeige aufgegeben.“

„Wie bitte? Eine Kontaktanzeige? Im Internet?“

„Richtig.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“ Charlotte starrte Regine ungläubig an. „Du lernst doch Männer in Hülle und Fülle kennen, an allen möglichen und unmöglichen Orten. Wozu - um Gottes Willen - suchst du sie jetzt auch noch im Internet?“

„Männer sind das Salz des Lebens“, verteidigte sich Regine.

„Deines Lebens vielleicht … außerdem verdirbt zu viel Salz das beste Essen.“ Sie bedachte Regine mit dem für sie typischen Oberlehrerblick. „Und abgesehen davon – wie du bei deinen unüberschaubaren Männermassen überhaupt noch Zeit zum arbeiten findest, ist mir ein Rätsel.“

„Alles nur eine Frage der Organisation“, grinste Regine. „Apropos arbeiten …“, sie erhob sich, trank im Aufstehen ihren Kaffee aus und wischte sich ein paar Blätterteigkrümel vom Pullover. „Ich muss jetzt gehen, in einer halben Stunde ist Redaktionskonferenz. Und ich hab noch ein paar Unterlagen vorzubereiten. Musst du denn nicht auch los? Soweit ich weiß, hast du einen Termin mit Spocky. Der hat übrigens ein Thema für eine Reportage für dich, das hat er gestern zumindest gesagt. Was für eins, darüber schweigt er sich geheimnisvoll aus.“

Charlotte warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ja, gut, dass du mich daran erinnerst. Er wartet bestimmt schon.“ Sie erhob sich.

„Halt, halt, nicht so schnell.“ Regine packte Charlotte am Ärmel ihrer Jacke. “Was hältst du denn davon, wenn ich dich am Wochenende besuche. Du könntest doch mal wieder für uns kochen. Deine berühmten Spaghetti in Zitronensoße zum Beispiel. Dazu trinken wir ein Fläschchen Trebbiano oder zwei. Und als Nachspeise backst du diesen göttlichen Apfelkuchen. Na, was hältst du davon?“

Charlotte schaute Regine unschlüssig an und meinte dann gedehnt: „Na gut, einverstanden.“

„Fein! Ich besorge den Wein, und dann können wir endlich mal wieder ausführlich miteinander quatschen. Ich hab dir so viel zu erzählen.“

„Ja, ja, ich kann mir schon vorstellen, was. Die üblichen Männergeschichten - du wirst dich wohl nie ändern, befürchte ich.“ Sie grinste gequält.

„Oooch, man soll die Hoffnung nie aufgegeben.“ Regine grinste vergnügt zurück und küsste Charlotte auf die Wange.

Regine und Charlotte waren Freundinnen seit der Schulzeit und beide vierzehn, als sie sich das erste Mal über den Weg liefen. Regines Vater war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, die Mutter löste den Haushalt in Düsseldorf auf, zog zu ihrer Familie nach Süddeutschland, und so landete Regine in Charlottes Internat, wurde ihre Klassenkameradin und Zimmergenossin.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Die beiden Mädchen verstanden sich blind. Sie lachten über dieselben Witze, vergossen gemeinsam Tränen bei amerikanischen Schmacht-Schinken, schwärmten für Paul Newman und stießen angesichts seiner blauer Augen kleine, hysterische Schreie aus, strickten Pullover aus Schafwolle, die sie dann nicht trugen, weil sie so pieksten, verzehrten täglich zwei Familienpackungen Kartoffelchips und lasen sich verlegen kichernd erotische Textstellen aus Liebesromanen vor, die sie der Bibliothek entwendet hatten.

Sie waren fast wie Zwillinge, nur in einem Punkt unterschieden sich die beiden Mädchen. Charlottes Interesse an Jungs war sehr mäßig, weshalb sie sich gegenüber deren Annäherungsversuchen zurückhaltend bis ablehnend verhielt. Regine dagegen startete bereits mit sechzehn ihren ersten Deflorierungs-Versuch. Das war im Urlaub an der Costa Brava. Ihren Galan, einen spanischen Jüngling, der kein Wort deutsch sprach, hatte sie in der Diskothek aufgegabelt. Vielleicht hatte er auch sie aufgegabelt, das lässt sich nicht genau sagen. Auf alle Fälle versuchte der junge Mann in einer von Mondlicht durchfluteten Nacht am Strand sein Bestes um sie zu entjungfern. Dummerweise wollte es ihm trotz größter Anstrengung nicht gelingen, ein Kondom überzuziehen. Die Tatsache, dass Regine sein ergebnisloses Bemühen mit neugierigem Blick verfolgte und sich dabei prächtig amüsierte, unterstützte ihn in seinem Vorhaben nicht, sondern brachte es endgültig zum Scheitern. Die Erektion des armen Kerls ging ultimativ flöten.

Wieder zu Hause, überredete Regine ihre Mutter, ihr die Pille zu besorgen und stürzte sich in ein reges Liebesleben. Interessierte Jungs zu finden war nicht schwierig, die lungerten massenweise in den Diskotheken herum und gierten nach Beute, an der sie ihre hormongesteuerten Triebe ausleben konnten. Dass nicht Regine die Beute war, sondern umgekehrt, spielte letztendlich keine Rolle.

Während Regine um die Häuser zog, frönte Charlotte ihrer Leidenschaft, verfasste kleine Glossen und Artikel und schickte kurz vor dem Abitur eine Auswahl davon an die örtliche Tageszeitung. Mit geschultem Blick erkannte der Chefredakteur ihr Talent und bot ihr spontan ein Volontariat an. Charlotte, die von ihrem Vater die Intelligenz, nicht aber seinen Ehrgeiz geerbt hatte, war über diese Chance hoch erfreut. Sie wollte nicht studieren, sondern so schnell wie möglich Journalistin werden.

Für ihren Vater, der trotz seines Erfolges als Strafverteidiger voller Minderwertigkeitskomplexe steckte, war das ein herber Schlag. Umsonst das teure Internat, in das er sie gegen ihren Willen gesteckt hatte, als sie gerade mal zehn Jahre alt war.

Verzweifelt hatte sie damals an seinem Jackett gezerrt, geweint und gebettelt. Vergeblich. Er hasste Gefühlsausbrüche, und Tränen waren für ihn erst recht ein Gräuel. Lieblos hatte er ihre Finger aus dem Kaschmir gelöst und gemeint, sie solle sich zusammenreißen. Schließlich wolle er nur ihr Bestes, und für jedes intelligente Kind sei nun mal das Beste die Erziehung in einem Internat. Jeder andere würde sie darum beneiden.

Den Gedanken, dass er damit lediglich seinen eigenen, nicht erfüllten Herzenswunsch zu kompensieren versuchte, ließ er nicht zu. Denn als Zwölfjähriger, und auch Jahre später noch, hätte er sonst was darum gegeben, ein Internat besuchen zu dürfen. Sein ärmliches Zuhause war ihm peinlich, und er hatte jene Mitschüler grenzenlos beneidet, die im Laufe der Zeit in irgendeinem dieser renommierten Häuser verschwanden, in den Ferien mit hoch erhobenem Kopf, pomadisiertem Haar, blitzblank gewienerten Schnürschuhen und scharf gebügelter Internatsuniform durch die Straßen der Innenstadt stolzierten, in Eis-Cafés herumsaßen, französische Zigaretten ohne Filter rauchten, sich dünkelhaft und herablassend gaben und weiß Gott nicht mit jedermann redeten. Vor allem nicht mit ihm, dem Klassenprimus, der sein Superhirn weiterhin in dem kleinstädtischen Gymnasium vergeuden musste, Intelligenzquotient hin, Intelligenzquotient her. Es tat ihnen gut, ihn links liegen zu lassen. Das war ihre Revanche für seine permanent besseren Noten und die seufzenden Bemerkungen der Lehrer, dass es wenigstens einen Menschen mit Denkvermögen in der Klasse gäbe.

Die Sache mit dem Internat nagte massiv an seinem Selbstbewusstsein und hing ihm derart in den Knochen, dass es überhaupt keine Frage war, seine Tochter genau dort hin zu schicken. Ob sie wollte oder nicht.

Charlottes Tränen flossen also vergeblich in den teuren Stoff, sie landete in dem Nobelinternat am Bodensee. Es hatte den besten Ruf und war in den Augen ihres Vater genau das richtige Ausbildungsinstitut für sein einziges Kind. Obwohl er Menschen einerseits verachtete, war ihm andererseits enorm wichtig, was sie von ihm hielten. Und das sollte nur das Beste sein. Kein Mensch sollte jemals wieder auf ihn herabsehen. Nach oben sollten sie schauen, nur nach oben.

Als Charlotte nach bestandenem Abitur ihren Vater mit ihrem Entschluss konfrontierte, drohte er mit Rausschmiss, was von ihr mit gleichmütigem Grinsen und dem Hinweis auf ihre Volljährigkeit quittiert wurde. Das Volontariat war abgemachte Sache, da gab es für sie nichts zu rütteln, und Drohungen jeglicher Art hatten sie ohnehin noch nie beeindruckt. Nach kurzem verbalen Kampf gab ihr Vater klein bei. Charlotte hatte seinen Durchsetzungswillen geerbt und würde ganz genau das machen, was sie wollte. Mit seiner Einwilligung aber auch ohne. Das wusste er.

Da Regine nichts Besseres einfiel, bewarb sie sich auch bei der Tageszeitung, und die beiden jungen Frauen absolvierten das Volontariat gemeinsam, wechselweise in verschiedenen Redaktionen. Kaum hatten sie das Zeugnis in der Tasche, zogen sie nach München, ins olympische Dorf, wo jede von ihnen ein Einzimmer-Apartment mietete.

Mit ihrer leichten, flotten Schreibe kam Charlotte schnell voran. Vor allem ihre monatliche Kolumne in einer Frauenzeitschrift fand großen Zuspruch, weil sie ironisch, treffsicher und äußerst anschaulich die kleinen Unannehmlichkeiten des ganz normalen Alltags beschrieb. Abbrechende Nippel an Katzenfutterdosen zum Beispiel. Oder Preisetiketten, die sie nur mühselig oder gar nicht ab bekam, weil der Klebstoff des Etiketts mit dem Gegenstand, auf dem er pappte, bereits ein Bündnis fürs Leben eingegangen war. Oder Bedienungsanleitungen, deren Inhalt sie erst verstand, wenn sie von allein herausgefunden hatte, wie das Gerät funktionierte. Oder Männer, die im Stehen pinkelten und die Klobrille oben ließen. Oder plärrende kleine Kinder, deren Eltern mit 68er Mentalität und verständnisvoll lächelnder Miene die antiautoritäre Erziehung ihrer Bälger in Speiselokalen demonstrierten. Und so weiter, und so weiter. Über Themen brauchte Charlotte sich schon lange nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, das übernahmen die Leser für sie. Täglich bekam sie Post von Menschen, die sie ausreichend mit Stoff versorgten.

Nach ein paar Jahren hatte sie sich in der Branche einen so guten Namen erworben, dass verschiedene Verlage sie fest einstellen wollten, mit verlockendem Gehalt und verantwortungsvollem Posten winkten. Charlotte überlegte ein paar Tage, entschied sich dann aber für das Freiberufler-Dasein. Um sich in ein Korsett zwängen lassen war sie zu eigenwillig.

Regine hingegen bevorzugte das Angestelltendasein und wurde Redakteurin bei einem Frauenmagazin.

„Wie bitte?! Eine Reportage über Kontaktanzeigen im Internet?!“ Charlotte glaubte nicht richtig gehört zu haben. „Warum denn ausgerechnet ich? Kann das denn nicht jemand anderes übernehmen, Regine zum Beispiel? Die macht das bestimmt mit Begeisterung.“ Missbilligend schaute sie ihr Gegenüber an. „Außerdem hat sie mit diesem Medium bereits hinlänglich Erfahrungen gesammelt.“

Das Gegenüber hieß Otto Gabriel und war Chefredakteur. „Ich weiß, ich weiß“, sagte er und grinste. „Sie erzählt es ja überall herum. Aber, nein … das soll nicht Regine machen, sondern Sie! Glauben Sie mir, ich hab mir schon was gedacht dabei.“

„Aber ich bin für das Thema überhaupt nicht geeignet“, gab Charlotte widerborstig zurück. „Und außerdem hab ich gar keine Zeit, weil ich mit dem Bericht über diese Heilkräuter-Tante aus dem Allgäu beschäftigt bin.“

„Dieser Bericht hat Zeit.“ Der übergewichtige Mann zog die Schublade seines Schreibtisches auf, holte eine Pfeife heraus, stopfte sie bedächtig, hielt ein Feuerzeug darüber, paffte geräuschvoll und lehnte sich in seinen Ledersessel zurück. „Außerdem sind Sie ganz hervorragend geeignet für dieses Thema.“ Er grinste noch breiter.

„Das sehe ich aber gar nicht so. Und Sie wissen auch genau, warum.“ Charlotte lehnte mit dem Hintern an der mit Papierstapeln übersäten Tischplatte und sah Otto Gabriel (von seinen Mitarbeitern aufgrund seiner riesigen Ohren „Mr. Spock“ oder liebevoll „Spocky“ genannt) unwillig an. „Weil ich – im Gegensatz zu Regine – gar keinen Mann suche. Weil ich nämlich keinen brauche!“

Otto Gabriel klemmte die Pfeife zwischen den Zähnen fest und klatschte zufrieden in die Hände. „Sehen Sie, meine liebe Charly, genau das ist der Grund dafür, dass genau Sie die Richtige für diese Aufgabe sind.“ Er wurde zusehends heiterer.

„Das soll ich aber nicht verstehen. Oder etwa doch?“ Charlotte bohrte ihren Blick in seine Brillengläser.

„Ist doch ganz einfach. Sie haben Abstand zu der Sache, gehen mit Verstand und nicht mit Emotionen an die Sache heran. Und mal ganz abgesehen davon …“, er rollte vergnügt mit den Augen und legte eine vielsagende Pause ein, „vielleicht fällt ja tatsächlich ein Mann dabei für Sie ab.“

„Ich habe Ihnen gerade eben gesagt, dass ich keinen Mann suche!“, erwiderte Charlotte in scharfem Ton.

„Das glaube ich Ihnen ja, meine liebe Charly. Aber Sie brauchen einen. Wie jede Frau einen Mann braucht. So wie umgekehrt jeder Mann eine Frau braucht. Das ist nun mal so. Evolutionsbedingtes Naturgesetz sozusagen.“

„Anachronistischer Quatsch!“ Unwillig fegte sie mit der Hand durch die Luft. „Das war vielleicht früher mal so. Und außerdem wissen Sie genau, warum ich keinen Mann will.“

„Ja, liebe Charly, ich weiß das … und ich verstehe Sie auch sehr gut.“

„Ich möchte gern wissen, wieso mich heute jeder zu verstehen glaubt“, grummelte Charly. „Man kann nur verstehen, was man selbst erlebt hat. Das habe ich eben auch versucht, Regine beizubringen.“

Mr. Spock zog an seiner Pfeife, paffte und sagte: „Ich gebe Ihnen vollkommen recht.“

Von einer Rauchwolke eingehüllt, schaute Charlotte ihn irritiert an.

„Ja, ich verstehe Sie“, wiederholte der Chefredakteur freundlich. „Warum, das erkläre ich Ihnen ein anderes Mal.“ Er legte seine Pfeife im Aschenbecher ab, wuchtete sich aus dem Sessel, ging auf Charlotte zu, nahm sie in die Arme und drückte sie an seinen weichen, voluminösen Bauch.

„Also, wie gesagt, liebe Charly, ich verstehe Sie … aber finden Sie nicht, dass Sie lange genug um Daniel getrauert haben?“

„Nein!“

Sie spuckte das Wort aus wie ein Insekt, das sich in ihren Mund verirrt hatte. Und dabei spürte sie plötzlich dieses Gefühl in sich auftauchen, von dem sie geglaubt hatte, es vor ein paar Stunden durch den Abfluss der Dusche gespült zu haben.

„Ich kann ihn nicht vergessen“, sagte sie leise und schluckte, „und ich will ihn auch nicht vergessen.“

„Das sollen Sie auch nicht, Kindchen“, murmelte Otto Gabriel mit väterlicher Stimme. „Er wird immer in Ihrem Herzen bleiben. Aber dieses Organ ist so groß, da hat ganz bequem noch ein anderer Platz. Ohne Ihren Daniel zu verdrängen.“ Er strich mit dem Rücken seiner fleischigen Finger leicht über Charlottes Wange. „Jetzt gehen Sie zu meiner Sekretärin, die hat die neueste Internet-Software für Sie parat. Die installieren Sie auf Ihrem Computer, texten eine wunderschöne Kontaktanzeige und geben das Ganze ins Netz und dann warten wir einfach mal ab, was passiert.“ Aufmunternd zwinkerte er ihr zu.

„Was soll da schon passieren … ein paar kranke Zeitgenossen werden mich mit unmoralischen Angeboten nerven.“ Charlotte hatte ihre Fassung wiedergefunden. „Ich kann mir lebhaft vorstellen, was für ein Gesocks sich über derartige Medien präsentiert.“ Griesgrämig blickte sie auf das Fenster an der Wand hinter dem Schreibtisch. Dicke Regentropfen hämmerten an die Scheiben. „Da ist alles so schön anonym, da kann man volle Pulle den inneren Schweinehund raus lassen …“, räsonierte sie weiter. „Soll ich diese Typen etwa auch noch treffen?“

„Das überlasse ich Ihnen, Charly. Außerdem wird sich das von allein ergeben. Und dann schreiben Sie über das Ganze eine hübsche kleine Reportage. Witzig und ein bisschen ironisch, wie von Ihnen gewohnt. In Ordnung?“

Sein Telefon klingelte. Er drehte sich um, griff zum Hörer und lauschte. „Alle schon da? Ah ja, gut. Wir kommen.“

Er griff nach seiner Pfeife und wandte sich wieder Charlotte zu. „Also, keine Sorge, Sie werden das Kind schon schaukeln Und jetzt müssen wir uns tummeln, die Redaktionskonferenz fängt gleich an.“ Mit zielsicherem Griff zog er eine abgegriffene, mit Papieren gefüllte Mappe aus einem Aktenstapel.

„Los, kommen Sie!“ Mit qualmender Pfeife und unter den Arm geklemmter Mappe verließ er das Zimmer.

Mit gerunzelter Stirn heftete Charlotte sich an seine Fersen.

„Job ist Job“ murmelte Charlotte am späten Nachmittag, als sie wieder Zuhause war, an ihrem Schreibtisch saß und sich mit Widerwillen ans Werk machte.

Die Internet-Software war schnell installiert, jetzt musste noch der Text für die Anzeige formuliert werden. Sie verfuhr so wie immer, ohne jegliche Struktur und ohne groß nachzudenken. Das war ihre Stärke. Sie fing einfach an und tippte drauf los. Das hatte sie früher schon so gemacht, beim Aufsätze schreiben. Die Ergebnisse hatten sich ausnahmslos sehen lassen können und waren schlimmstenfalls mit einer Zwei benotet worden. Meistens aber war „sehr gut“ unter ihrer Arbeit gestanden. Geschmückt mit einem Ausrufungszeichen.

„Autonomie und Nähe“, tippte sie. „Diese Worte würde ich gern mit Leben füllen. Zusammen mit einem Mann so bis Mitte vierzig, der Herz und Verstand besitzt, die italienische Küche und ferne Länder liebt, gern diskutiert und philosophiert, selbstkritisch, erwachsen und liebevoll ist, lachen kann und sich zu seinen Schwächen bekennt. Ich bin 36, neugierig, nachdenklich, manchmal etwas ungeduldig und verdiene meine Brötchen als freiberufliche Journalistin. Außerdem ich koche gern und gut und lebe mit meinem Kater Max an einem See westlich von München.“

Jetzt brauchte sie noch ein Pseudonym.

„Charly“ tippte sie. „Der von Ihnen gewählte Name ist schon vergeben“ sagte der Computer. Auch mit „Charlotte“ war er nicht zufrieden, mit „Klara“, dem Vornamen ihres Kindermädchens, auch nicht. Sie überlegte. Plötzlich kam ihr der Kosename den Sinn, mit dem Klara sie gerufen hatte. „Dornröschen“ tippte sie. Der Computer war’s zufrieden. Jetzt noch das Passwort. „Mäxchen“ gab sie ein, und los ging es.

Sie klickte sich durch die Rubriken und landete bei „Treffpunkt“. Stirn runzelnd las sie ein paar der Anzeigen. „Es ist wirklich nicht zu fassen!“, schimpfte sie leise vor sich hin. „Ich möchte gern mal wissen, was diese Menschen sich dabei denken. Nichts, vermutlich. Sonst könnten sie nicht derart blöde Texte verfassen.“

Sie öffnete das Fenster „Kontaktanzeige aufgeben“, kopierte ihren Text hinein, fügte das Foto hinzu, auf dem sie sich ganz passabel fand und das Regine bei einer Geburtstagsfeier in der Reaktion geschossen hatte. Mit einem Glas Wein in der Hand war Charlotte in einer Ecke gesessen und hatte überlegt, ob es nicht vernünftiger wäre, jetzt nach Hause zu gehen. Die meisten der Anwesenden waren bereits angeheitert, manche schon deutlich mehr als das, und aus jahrelanger Erfahrung war allen klar, wie der Abend enden würde. Mit einem unkontrollierten Massenbesäufnis, bei dem einige der Damen und Herren sich in die hinteren Zimmer zurückziehen würden, um dort auf oder unter den Schreibtischen das zu tun, an das sie sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern würden können (oder wollen).

Regine strich mit dem Fotoapparat in der Hand durch die Gegend, knipste drauf los und bannte so auch Charlotte auf das Celluloid. Ergebnis war die Ablichtung einer jungen Frau mit gleichmäßigen, schmalen Gesichtszügen, aufmerksam dreinblickenden, dunklen Augen mit melancholischem Ausdruck, mittelblonden, leicht gewellten Haaren bis über die Ohren und einem sensibel ausgeprägten Mund, dessen leicht nach oben gezogene Winkel ein Lächeln andeuteten, so verhalten, dass es fast schon schüchtern wirkte.

Charlotte schickte Text und Foto ins Internet und schaltete den Computer aus.

„Na, jetzt bin ich mal gespannt, was für Typen da antworten“ murmelte sie und verzog das Gesicht. „Wahrscheinlich nur Schrott. Entweder man begegnet dem Mann seines Lebens per Schicksalsfügung oder gar nicht. Gell Mäxchen?“

Sie ging in die Küche. Dort briet sie zwei Spiegeleier, ließ sie über den Pfannenrand auf eine Scheibe Vollkornbrot rutschen, fläzte sich damit auf das Sofa, schaltete den Fernseher an und zappte kauend durch die Programme. Schließlich blieb sie bei einer Talkshow hängen, in der ein über und über tätowierter und gepiercter Mann, so um die dreißig, auf einer Bahre lag und eine Frau mit Prinz-Eisenherz-Frisur sich mit einem Skalpell an seinem Oberarm zu schaffen machte. Er war offensichtlich lokal narkotisiert, denn während die Frau an ihm herum schnippelte, grinste er fröhlich in die Kamera, und jedermann konnte sehen, dass ihm der rechte Eckzahn fehlte.

Die blonde Moderatorin mit dem engen Pullover, der ihren Schwimmreifen um die Taille unvorteilhaft zur Geltung brachte, stand ein paar Meter weiter und schielte mit angewidertem Gesichtsausdruck zu den beiden hinüber. Prinz Eisenherz erklärte aufgeräumt, dass sie jetzt eine Tasche in den Arm des Tätowierten schneiden und anschließend einen Ring hinein schieben würde.

Wie das Publikum die Aktion beurteile, wollte die Moderatorin nun wissen, und hielt einer jungen Zuschauerin das Mikrophon vors Gesicht.

„Ich find das geil“, meinte das Mädchen. Es war ungefähr siebzehn und gepierct an Unterlippe, Nase und beiden Augenbrauen. Auch am Rand ihres linken Ohres steckten von unten bis oben silberne Ringe. Die schwarzen Haarzotteln wurden von einer türkisfarbenen Strähne geziert, an der das Mädchen herum kaute.

„Was findest du denn daran geil?“, fragte die Moderatorin. Das Mädchen ließ die Strähne aus dem Mund fallen, überlegte angestrengt und erklärte dann: „Ehm … is halt mal was anderes. Anders als normal, mein ich.“

„Das klingt logisch“, sagte die Moderatorin in sarkastischem Ton und hielt einem älteren, akkurat gekleideten Herrn mit Hornbrille das Mikrophon vors Kinn. Der Herr räusperte sich und sagte energisch: „Also, ich finde das unmöglich. Wenn das mein Sohn wäre … den würde ich aus dem Haus jagen. Nicht wahr, das würden wir?“ Zustimmung heischend drehte er seinen Kopf zu der neben ihm sitzenden Frau, augenscheinlich seine Gattin. Die Gattin nickte, das Publikum buhte vergnügt und trampelte mit den Füßen.

Sichtbar angeekelt näherte sich die Moderatorin wieder dem Mann auf der Bahre, die Kamera schwenkte in Großaufnahme auf seinen Arm. Die Frau mit dem Skalpell tupfte gerade Blut ab und teilte mit, dass sie so weit sei.

„Sie schieben jetzt also tatsächlich den Ring da rein?“, fragte die Moderatorin und machte ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

„Ja, die Tasche ist groß genug“, antwortete Prinz Eisenherz, griff mit kautschukbezogenen Fingern nach dem Ring und drückte ihn in den Schnitt. Danach tupfte sie noch einmal Blut ab und nähte die Wunde zu. Sie tat dies mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, als würde sie nicht an einem lebenden Menschen herumsticheln, sondern einen Riss in ihrem Wintermantel flicken.

Danach trat eine Frau auf, so Mitte dreißig, und erzählte freudestrahlend, sie habe sich vor ein paar Tagen die Zunge spalten lassen.

„Wie bitte?!“ Mit fassungslos aufgerissenen Augen starrte die Moderatorin die Frau an. „Sie haben sich die Zunge spalten lassen?!“

„Ja“, lachte die Frau und streckte ihre Zunge der Kamera entgegen, die direkt darauf zoomte. Tatsächlich, in der Zungenspitze befand sich ein ungefähr zwei Zentimeter langer Spalt, noch nicht ganz verheilt und an den Rändern braun verkrustet.

„Warum haben Sie das denn gemacht?“ Die Moderatorin war vollkommen perplex.

„Mit einer gespaltenen Zunge macht das Küssen mehr Spaß.“

Der Moderatorin rang sichtlich nach Worten. Nach einigen Sekunden hatten sie sich jedoch wieder gefasst, und wollte wissen, ob denn ein Mann da sei, der diese These testen wolle. Mit listigem Gesichtsausdruck drehte sie sich im Kreis und schaute suchend ins Publikum. Tatsächlich, da stand einer auf und ging verlegen grinsend auf die zwei Frauen zu.

„So, so, Sie wollen also die Dame küssen.“ Die Moderatorin schien es kaum glauben zu können.

„Ja“, erklärte der Typ, „ich bin grundsätzlich ein neugieriger Mensch und für alle Neue ausgeschlossen.“

„Ah ja, fein. Dann küssen Sie mal!“, forderte die Moderatorin ihn auf, und er tat es prompt. Legte seine Arme um die Frau mit der Schlangenzunge und küsste sie.

Während die Moderatorin sich würgend abwandte, schob Charlotte sich den letzten Bissen Vollkornbrot in den Mund. „Mäxchen“, meinte sie kauend, und streichelte ihrem Kater, der schnurrend neben ihr lag, den Kopf, „wir sind umzingelt von Idioten.“

Sie zappte durch mehrere Programme und blieb in einem Sportkanal hängen. Dort schaute sie den letzten Satz eines Tennisturniers mit André Agassi und einem schlaksigen Schweden an. Agassi spurtete von links nach rechts wie ein Wiesel, verlor aber trotzdem und verließ mit nicht besonders glücklichem Gesichtsausdruck den Platz. Der Schwede hingegen drehte sich freudestrahlend um die eigene Achse und warf kleine Küsschen in die frenetisch klatschende Menge.

Otto Gabriel saß auf einem mit rosa geblümten Polstern ausgestatteten Plastikklappstuhl auf seiner Terrasse. Die von Schafwollsocken gewärmten Füße ruhten auf einem Schemel, über die Beine hatte er eine uralte Wolldecke gelegt, deren ehemalige Farben man nur noch ahnen konnte. Violett vermutlich, mit gelben und grünen Streifen.

Die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, hielt er sein aufgeschlagenes Laptop auf dem Schoß, öffnete das Internet und suchte nach den Kontaktanzeigen. Ungeduldig blätterte er von Rubrik zu Rubrik und fand dann endlich, was er suchte.

„Aha, Dornröschen nennt sie sich, die kleine Kratzbürste … na, der Name passt ja zu ihr“, murmelte er grinsend und fing an zu lesen. Als er fertig war, nickte er zufrieden, klickte auf „Mail schreiben“ und ließ seine Wurstfinger über die Tastatur wirbeln. (Vor Jahren hatte er mal einen Schreibmaschinenkurs belegt, was ihm in seinem Beruf sehr zugute kam.)

„Lieber Fabian, wie geht es dir, im fernen Venezuela? Alles im grünen Bereich? Hier zieht allmählich der Herbst heran, und offen gestanden beneide ich dich um deinen Standort, an dem jetzt vermutlich hochsommerliche Temperaturen herrschen. Nun ja, jeder kriegt, was er verdient, und dir als meinem Freund gönne ich von Herzen den eisgekühlten Martini, den du dir wohl allabendlich auf einer von tropischen Gewächsen umgebenen Terrasse genehmigst.

Nun, genug der neidischen Vorreden. Was ich dir mitteilen möchte, ist folgendes: du kannst loslegen. Es ist mir nämlich gelungen, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Du weißt schon … die Sache mit der Anzeige. Du findest sie bei ‚Topflirt‘ unter dem Stichwort ‘Dornröschen‘.

Also, mein lieber Freund, mach dich an die Arbeit. Es lohnt sich, ich hab ein Gespür für solche Sachen. Und hier noch ein Tipp: geh nicht wie ein Holzhacker an die Sache ran. Auch wenn sie sich im allgemeinen ein wenig ruppig gibt - Charly ist sehr sensibel, so ganz nach dem Motto: harte Schale, weicher Kern.

Also, viel Glück wünscht dir dein alter Freund Otto aus good old Germany.“

Wie immer wachte Charlotte in aller Herrgottsfrühe auf und machte sich, in Bademantel eingewickelt, mit Filzlatschen an den Füßen und einer Tasse Kaffee in der Hand, auf den Weg zum Computer. Sie war nun doch neugierig.

„Willkommen!“ sagte eine weibliche Stimme mit einstudierter Freundlichkeit. „Sie haben Post.“

Charlotte klickte auf den Button. Ja, tatsächlich, sie hatte Post. Post von MSEuropa, von XYZ345, von LastSmoker, von HardyPS, von FraFro49, von MoreFUN, von LinzTo, von PingPong, von CatDog, von Frohsinn, von AlterEgo, von MostLuck, von GerSouth, von 1234567, von PRConsult und von Yearsago.

„Was die alle für Namen haben“, murmelte Charlotte vor sich hin, nahm einen Schluck Kaffee und klickte eine Zuschrift nach der anderen an.

MSEuropa lebte in Hamburg, war ehemaliger Kapitän, angeblich einundfünfzig, sah aber auf dem beigefügten Foto aus wie einundsechzig. Und das lag nicht nur an der Halbglatze.

XYZ2345 lebte in Stuttgart, verkaufte Immobilien und war verheiratet. Noch, wie er ausdrücklich betonte. Es sei nur eine Frage der Zeit.

LastSmoker lebte in der Nähe von Pforzheim, war Anwalt, begeisterter Motorradfahrer, Fan von Wagner-Opern und Raucher.

HardyPS lebte in Hamburg, war Hobby-Rennfahrer, und wollte mit Charlotte eine Runde auf den Nürburgring drehen.

FraFro49 lebte in Hannover, war Unternehmer in Sachen Damenunterwäsche, fand Charlottes Anzeigentext „ganz außergewöhnlich“ und beschrieb auf fünf (!) Seiten sein ereignisloses Leben.

MoreFUN lebte in Passau, war Sportjournalist und ganz eindeutig Verbalerotiker.

LinzTo lebte in Linz und begab sich wöchentlich in eine indianische Schwitzhütte um seine negativen Energien ins Nirwana zu entlassen.

PingPong lebte in München, verdiente seine Brötchen als Tennislehrer und hatte keine Ahnung von deutscher Grammatik.

CatDog lebte in Ulm, war Besitzer von einem Dutzend Katzen und genauso vielen Hunden und gab seiner festen Überzeugung Ausdruck, dass eines Tages die Tiere die Weltherrschaft übernähmen.

FrohSinn lebte am Bodensee und war ein älterer Herr im zweiten Frühling.

AlterEgo lebte in einem Vorwort von Wiesbaden, war Unternehmensberater und Hobbyphilosoph und zitierte Kant.

Bei MostLuck handelte es sich um einen Mathematiklehrer, der über alle Massen unter der Trennung von seiner Frau litt. Sie hatte ihn wegen einem Jüngeren verlassen, und er wünschte sie zum Teufel.

GerSouth beabsichtigte auszuwandern und benötigte dazu noch eine finanzkräftige Partnerin.

1234567 war Trambahnfahrer und schickte ein selbst verfasstes Liebesgedicht.

PRConsult war Manager bei einem großen Konzern, verwitwet und lud Charlotte zu einem Kennenlern-Wochenende in der Toscana ein. Er schickte ein Foto, auf dem er aussah wie der Zwillingsbruder des Loriot-Männchens.

Yearsago ernährte sich rein vegetarisch, trank keinen Tropfen Alkohol und war stolzer Besitzer einer Käfersammlung. Alle selbst erbeutet, wie er ausdrücklich betonte.