Postfactum - Marcel Thebach - E-Book

Postfactum E-Book

Marcel Thebach

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Beschreibung

Kurz und knapp, ohne dabei auf Schnörkeleien zu verzichten, liefert "Postfactum" zwar keine endgültigen Antworten auf essentielle philosophische Fragen, regt dafür jedoch in kleinen Anekdoten dazu an, die Gedanken mutig und befreit von wissenschaftlichen Tatsachen um zentrale Themengebiete kreisen zu lassen. Wem es keine Schmerzen bereitet, die Welt mit einem Augenzwinkern zu betrachten, wird hier belohnt.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Entree

Das Internet der Dinge

Über die Diplomatie

Über die Arbeit

Über Religion

Das Universum

Über den technischen Fortschritt

Über Alkohol

Über soziale Netzwerke

Über Viren

Über die Bildung

Über Pharmazie

Über Kommunikation

Über Kunst

Über Kultur

Über Glück

Über den Tod

Entree

Im Jahr 2016 wurde der Begriff »postfaktisch« zum Unwort des Jahres gekürt. Ob diese Behauptung tatsächlich stimmt, hat im postfaktischen Zeitalter keinerlei Bedeutung mehr. Darüber hinaus verändert sich unsere Welt in einem derart rasanten Tempo, dass wir mit unseren Möglichkeiten sie kennenzulernen praktisch immer hinterherhinken. Die Wahrheit von heute ist bereits in dem Moment überholt, da wir glauben sie zu begreifen. Im Dschungel der massenhaft auf uns einprasselnden Falschmeldungen (neudeutsch: Fakenews) können wir uns diejenige als Wahrheit herausfischen, die uns am besten gefällt und uns darauf berufen zu sagen: Das Internet hat es so gesagt. Früher stand es in der Zeitung, kam es aus dem Radio, fand es in der (von mir aus) Tagesschau Erwähnung, was faktisch ist. Die Kanäle waren enger, rarer aber natürlich keinesfalls frei. Die Schlagzeile in der Tageszeitung war Fakt. Während die Boulevardpresse es verstand meist spektakulär in ihren Überschriften für Aufmerksamkeit zu sorgen, übte sich die Presse der eher intellektuellen Fraktion eher gemäßigt. Es mag auch der Schwerpunkt in der Berichterstattung zu einem Ereignis eine unterschiedliche Gewichtung erfahren haben. Im Kern jedoch ging es um eine Begebenheit, die als faktisch betrachtet wurde, jedoch streitbar im Miteinander diskutiert werden konnte. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen hierbei vornehmlich die eigenen Werte oder die eigene Sicht auf die Dinge. Das Ergebnis war Konstruktivität, geistiger Austausch und eine Gesellschaft, die sich im Miteinander formt. Ja, im heutigen postfaktischen Zeitalter darf ich romantisch in die Vergangenheit zurückblicken, sie idealisieren ohne hierfür Belege und Beweise anzuführen. Quellenangaben sind da nur Ballast. Allein meine Erinnerung an die Vergangenheit reicht aus, um sie in einem altmodischen Medium wie diesem Buche zur Wahrheit zu deklarieren. Früher war alles besser! Ob das wirklich so war, das ist unerheblich.

Im vergangenen Jahr (hier wieder 2016) wurde Adolf Hitlers Schundschmöker »Mein Kampf« in einer kritischen Neuauflage auf den Markt gebracht. Ein seinerzeit schon postfaktisches Werk benötigte also eine kritisch kommentierte Fassung, um in einer Gesellschaft, die gemeinhin überfordert ist jegliche Informationsflut zu verarbeiten, veröffentlicht werden zu können. Schlechter hätte man den Zeitpunkt gar nicht wählen können, was 85.000 verkaufte Exemplare der kritischen Fassung in einem Jahr belegen und Adolf Hitler posthum zum Bestsellerautor machen. Man verzeihe mir die ironische Bemerkung davon auszugehen, dass der größte Teil der Käufer ohnehin nur interessiert an den kritischen Fußnoten war. Und als Mensch, der ich neige zu sein, möchte ich eine Frage in den Raum werfen: Wer profitiert eigentlich vom Erlös der Buchverkäufe dieses wertlosen Papierbündels? – Und siehe da: Tatsächlich findet sich ein kleiner weltweit tätiger Onlineversand, der zukünftig wohl auch eine einzige Kiwi innerhalb von zwei Stunden an seinen Käufer per Drohne senden will, der bereit ist, den Erlös einem gemeinnützigen und wohltätigen Zweck zu spenden, während die Mitarbeiter des selbigen Unternehmens für die Einhaltung des Mindestlohns kämpfen müssen und unter widrigsten Bedingungen ihrer Arbeit nachgehen. Ich möchte es lapidar formulieren: Hier wird aus Scheiße Geld gemacht, um dieses dann werbewirksam zu spenden, mit dem Ziel den eigenen Profit anzukurbeln, um seine eigenen Mitarbeiter unter unzumutbaren Bedingungen noch härter arbeiten zu lassen. Postfaktisch ist meine hier aufgestellte These absolut korrekt. Ich muss sie nicht beweisen. Kritisch darauf angesprochen könnte ich später sogar behaupten sie nie aufgestellt zu haben. Wer diese Zeilen hier schreibt, das weiß sowieso keiner so genau. Und einen Namen auf das Deckblatt dieses Buches zu schreiben, das kann bekanntlich jeder. Kleiner Wortwitz: Dieses Buch kommt direkt aus der Lügenpresse!

Zum derzeitigen Zeitpunkt gehe ich davon aus, dass es mir eine gewisse Freude bereiten wird dieses Buch zu schreiben. Es ist endlich soweit. Meine Thesen und meine kleinen Weisheiten über das Leben (das Leben, wie ich es kennenlernen durfte) kann ich nun ungefiltert, unreflektiert und unter dem Deckmantel der Wahrheit fromm und frei in die Welt posaunen. Nun befinde aber auch ich mich allmählich in einem Alter, in dem es mir gar nicht mehr so wichtig erscheint, meine Meinung als Maß der Dinge zu präsentieren. Ich genieße es oftmals sogar als Spinner bezeichnet zu werden. An dieser Stelle kommt es zu einem kleinen Dilemma. Kommunikation besteht im Idealfall aus einem Sender und einem Empfänger, die im gegenseitigen Informationsaustausch ihre Rolle wechseln. Sie jedoch halten gerade ein Buch in der Hand und befinden sich in der permanenten Opferrolle des Empfängers. Als wirklich leidenschaftlicher Benutzer der sogenannten sozialen Netzwerke vermisse ich bereits an dieser Stelle Ihre Kommentare und gelegentlichen Likes zwischen meinen Zeilen. Für ein postfaktisches Machwerk wie dieses ist das eigentlich ein Unding. Wenn Sie sich ein paar Zeilen zurückerinnern und an meine Anlehnung an das Pamphlet »Mein Kampf« denken, können Sie sich sicherlich vorstellen, dass dieser Textteil – als Bestandteil eines Beitrags in einem sozialen Netzwerk- bereits einen Shitstorm zur Folge gehabt haben könnte. Nun müssen Sie die Füße stillhalten und dieses Buch zu Ende lesen, ohne Ihren Zeigefinger gegen mich zu erheben. Um diese Situation zu entschärfen und auch mir etwas mehr Ruhe beim Schreiben dieser kleinen Lektüre zu gewährleisten, möchte ich Ihnen noch ein paar kleine nützliche Tipps zum Umgang mit der Literatur in Ihren Händen mit auf den Weg geben:

Nutzen Sie die Chance, sich wieder ein klein wenig auf die analoge Welt und die entschleunigende Wirkung eines Buches mit monologer Kommunikation einzulassen.

Gehen Sie immer davon aus, dass ich ein Pazifist mit Neigung zum Philantrophen bin, der wirklich mit großem Eifer gegen sein Tourette-Syndrom ankämpft.

Erkennen Sie sich in diesem Buch, in der einen oder anderen Situation, wieder, vermuten Sie wahrscheinlich, mein Chef zu sein. In diesen Situationen halten Sie sich bitte stets vor Augen: Kein Mensch hat die Kraft dazu, mein Chef zu sein. Diejenigen, die es versucht haben sind durch sehr ominöse Fälle spontaner Selbstentzündung ums Leben gekommen.

Wenn Sie so richtig verzweifeln und mir dieses Buch zum Fraße am liebsten quer durchs Fressbrett ziehen wollen; klappen Sie es zu, atmen zwei- bis dreimal langsam und tief in den Bauch ein und aus, und nehmen dann wieder den Titel dieses Buches bewusst wahr. Er lautet:

Postfactum.

Alles muss; nichts kann.

Dieses Entree kann nur eine Idee dessen liefern, was ich mit meinem kleinen postfaktischen Kleinod zum Ausdruck bringen möchte. In erster Linie möchte ich Sie darauf vorbereitet haben, was Sie in etwa auf den folgenden Seiten erwartet.

Wollen Sie einen kompletten und totalen Einblick in unsere verlogene Welt genießen, so gehen Sie vor die Tür, steigen Sie in einen Bus, beobachten Sie Menschen beim Einkaufen, achten Sie auf den Flurfunk bei Ihrem Arbeitgeber, studieren Sie die Gesichter Ihrer Mitmenschen, schauen Sie fern, nutzen Sie soziale Netzwerke und vergessen Sie dabei eines bitte niemals: »McDonalds ist einfach gut!«

Bonn im Januar 2017, Marcel Thebach

Das Internet der Dinge

Als kleiner Junge, was rede ich da - als heranwachsender Jüngling- entschied ich mich irgendwann dazu, am Gymnasium ein für mich bis dato völlig neues Gebiet zu betreten. Meine Stärken lagen eher im sprachlichen, gesellschaftlich-sozialen und philosophischen Bereich. Das überrascht jetzt sicherlich. Jedoch war es mir nicht möglich über allein diese Interessen ein Paket zu schnüren auf dessen Basis ich mein Abitur hätte absolvieren können. Also krempelte ich die Arme hoch, schlug kräftig mit der Faust auf den Tisch und brüllte hinaus:

»Jetzt wird Informatik gewählt!« Wenn sich Menschen meines Jahrgangs an die Zeit um 1990 erinnern, werden sie wissen, dass es seinerzeit eher eine Seltenheit war, in konventionellen Haushalten einen Heimcomputer vorzufinden. Zu diesem Zeitpunkt stand ich mit der Mathematik auf Kriegsfuß. Uneinholbar hatte ich den Anschluss verpasst und konnte mich in diesem Fach auf Biegen und Brechen mit einem »ausreichend« durchboxen, wenn ich mein Verhandlungsgeschick mit dem Lehrkörper entsprechend einsetzte. Im Grunde genommen wartete ich nur noch auf den Augenblick, an dem es möglich war, Mathematik abzuwählen. In der Summe (!) sind das nicht die besten Voraussetzungen, sich auf die Informatik einzulassen. So motivierte ich mich selbst mit supervisionären Gedanken wie »nutze diese Chance«, »du weißt doch, dass du alles kannst, wenn du willst« etc. Der Informatikraum im ersten Obergeschoß war zeitgemäß ausgestattet. Zwölf Arbeitsstationen mit zweisechs- undachtziger Prozessor und Schwarzgrün-Moni-tor standen zur Verfügung und schwängerten die Luft mit der Atmosphäre eines brodelnden Ballsaales der Bits und Bytes. Wer sich in diesem Raum aufhielt, der war einerseits wichtig, andrerseits haftete ihm jedoch auch der Ruf des Sonderlings an. So ein Typ, der vor so einer komischen Kiste sitzt und da Hieroglyphen hineintackert, vor dem Hintergrund, dass dies alles völlig logisch wäre, war nicht zwangsläufig von diesem Planeten. Insgesamt ein Image, das mir gefiel und welches ich mir auch aneignen wollte.

Es war »Niki, der Roboter«, der mich in die Geheimnisse der Programmiersprache Pascal begleiten sollte. Mit Niki wurde eine Umgebung zur Verfügung gestellt, innerhalb derer es möglich war Felder zu initiieren und diese mit »Gegenständen« zu versehen, mit denen der Roboter »Aufgaben« erledigen konnte. Niki (der Roboter) wurde als kleiner v-förmiger Pfeil dargestellt, ähnlich eines heutigen Mauszeigers ohne Endstück. Mir schienen die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt und ich entwickelte eine phantasievolle Kreativität in der Gestaltung meiner Projekte. So entwickelte ich auch einen »Getränkemarkt«, der randvoll gefüllt mit Bierkisten (symbolisch dargestellt durch zwanzig rechteckig angeordnete Nullen im Format 4x5, da dies der Anzahl an Flaschen entspricht) daherkommt. Nikis Aufgabe war es nun, alle Bierkisten ausfindig zu machen, dabei eine Flasche nach der anderen zu öffnen und diese leerzutrinken. Niki war von mir mit einer Promille-Variablen versehen worden, deren Wert mit jeder geleerten Flasche stieg. Ab einem bestimmten Promillewert war es Nikis Aufgabe, den Getränkemarkt zu verlassen, um sich draußen zu übergeben (hierdurch sank der Wert der Promille-Variable), um anschließend wieder in alter Frische in den Getränkemarkt zurückzukehren und seine Arbeit fort zu setzen bis schließlich der gesamte Bestand aufgebraucht war. Auf solche Ideen kommt man aber auch nur, wenn man an einem Arbeitsgerät sitzt, welches über keinen Internetzugang verfügt. Das Internet gab es zu diesem Zeitpunkt schlichtweg nicht (was auch nicht ganz richtig ist, aber als postfaktische Wahrheit hier ausnahmsweise einmal so stehen bleiben darf) und an dieser Stelle bin ich auch schon an dem wichtigsten Punkt für meine Ausgangslage: Das nicht-Vorhandensein des Internets. Man möge mir verzeihen, dass ich zuvor die Situation missbraucht habe, eine kleine Anekdote aus der Schulzeit zu erzählen. Mir war mir einfach danach. Jetzt noch einmal, es mutet heutzutage schon fast grotesk an. Es gab kein Internet. Wie funktionierte da unser Alltag? Wie war es überhaupt möglich ein Leben zu führen ohne permanent mit der Urquelle unnützen Wissens vernetzt zu sein? Haben Sie schon einmal Ihre innere Panik reflektiert, wenn Ihr Router gerade nicht mitspielt? Kennen Sie vielleicht dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit, wenn Sie gerade einmal ein paar Minuten nicht online sind und sich die Frage stellen »Verflixt, was machen wir denn jetzt?« Möglicherweise handhaben Sie das ja so wie ich und haben irgendwo in Ihrem Wohnbereich versteckt einen Notizzettel angebracht auf dem Sie eine Hotline-Nummer und (ganz wichtig) die Kundennummer des Providers notiert haben. Freuen Sie sich dann auch bereits auf Ihren Feierabend, weil Sie wissen, dass Sie nun gute fünfundvierzig Minuten in der Warteschlange festhängen? Haben Sie jemals darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll wäre, heute Abend lieber das Schachbrett aufzubauen, um vielleicht eine gute Partie zu spielen, während Sie den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und sich der Hoffnung ergeben, dass diese Großstörung im Netz, weil einmal wieder ein zentraler Knotenpunkt ausgefallen ist, irgendwann von ganz alleine regelt? Nein? Dann geht es Ihnen so wie mir. Ich kann nicht mehr einfach so Schach spielen, wenn gerade kein Internet da ist. Das macht mich wahnsinnig und bereits nach drei bis vier Spielzügen wäre meine Dame weg. Abwarten und Tee trinken? Unmöglich. Vielleicht einfach nur körperliche Lustentladung bis wieder Netz da ist? Nein, das geht auch nicht, denn diese Option haben wir uns für den atomaren Erstschlag aufbewahrt und es ist jetzt wirklich nicht an der Zeit, die Notfallkonzepte, die für den bevorstehenden Untergang (an dieser Stelle postfaktischer Zusammenhang!) inflationär auszuüben. Wir machen uns ja unglaubwürdig, zuletzt sogar vor uns selbst.

Es fällt mir etwas schwer, nach dieser doch recht subjektiven und emotionalen Entgleisung wieder den Anschluss an dieses Kapitel zu finden. Ich schreib sonst nicht viel. Ich rede auch recht wenig. Dazu später mehr. Vielleicht. Ich glaube ich war zuvor an der Stelle hängen geblieben als ich bemerkte, dass unsere Rechner von »damals« unvernetzt waren und wir kein Internet hatten. Da fällt mir siedend heiß ein: Wir hatten ja auch gar keine Handys. Von Smartphones soll erst gar nicht die Rede sein. Und wenn ich zurückblicke, dann ist mir aus heutiger Sicht völlig unerklärlich, wie wir eine so geile Zeit verbringen konnten. Wie haben wir eigentlich zusammengefunden? Wie haben wir uns verabredet? – Es gibt hierfür eine ganz einfache Erklärung: Wir haben uns von einem beflügelnden und fruchtbringenden Miteinander leiten lassen. Wir kannten energetische Punkte (pauschales Beispiel: Marktplatz am Brunnen), zu denen es uns ohnehin gezogen hat. Insofern hatten wir auch ohne Internet ein funktionierendes neuralgisches Netz, welches uns zusammengebracht hat. Irgendwer brachte an diesen Ort immer eine Palette Hansa-Pils mit. Irgendwer hatte immer einen funktionierenden Ghettoblaster und Kassetten hatten wir alle dabei. Es gab einen fixen Termin: Ab fünfzehn Uhr brennt der Brunnen. Bist Du einen Tag nicht da, dann ist das okay, weil Du ja auch mal für Dich sein darfst. Bist Du zwei Tage nicht da, fragt man sich allmählich, wo Du bist. Bist Du den dritten Tag nicht da, dann wird etwas unternommen und nachgefragt und geforscht, weil man sich Sorgen macht. Heute jedoch verrecken Obdachlose auf offener Straße; sie erfrieren oder erleiden einen Schlaganfall, während unzählige Passanten an ihnen vorbeigehen, ohne von der Not des nächsten überhaupt Notiz zu nehmen. Es könnte ja sein, dass es Zeit kostet, den Notarzt anzurufen und da zu bleiben, bis er eintrifft. Aber vielmehr kommt etwas Anderes zum Tragen: Die Verwöhntheit. »Baby, mein Leben ist gerade so schön und ich habe echt fünf geile Tinder-Kontakte am Start, die noch auf Antwort von mir warten, Junge, Du verreckst hier zeitlich echt ganz ungelegen.« Niki, der Roboter hat einen strengen Auftrag. Er arbeitet seine Prozeduren ab. Auf Zwischenfälle ist er nicht programmiert. Je mehr wir uns auf Algorithmen verlassen, desto mehr formen wir unsere Verhaltensmuster nach ihnen. Ich greife aber vor in meiner Argumentation. Denn eigentlich fing alles so schön an: Im Jahr 1996 kaufte ich mir meinen ersten Personalcomputer mit einem 56k-Modem, um auf das Internet zugreifen zu können. Zu dieser Zeit war der Großteil der angebotenen Webseiten hauptsächlich darstellender Natur. Komplexe Interaktionen, wie sie erst das sogenannte Web2.0 ermöglichte, gab es schlichtweg nicht, wenn man einmal von den seinerzeit beliebten Gästebüchern oder den vergleichsweise primitiven Foren absieht. Hochmodern auch die Internetseiten, welche übersäht waren von bunten animierten GIFs. Bevor man das Internet nutzen konnte, musste man sich einwählen. Besaß man einen analogen Telefonanschluss, so war vom Augenblick der Einwahl die eigene Leitung besetzt. Das erforderte Absprachen in einem Mehrpersonenhaushalt. Oftmals, wenn ich mich aus reiner Neugier mit dem Netz verbunden hatte, stellte ich mir in der Folge die Frage »Und nun?« Im Großen und Ganzen war es einfach nett, die Gewissheit zu haben, dass man über das Internet verfügt, sollte es denn einmal erforderlich sein. Zwanzig Jahre später hat sich die Situation drastisch verändert. Der größte Teil unserer Gesellschaft ist mittlerweile dauerhaft mit dem Internet verbunden. Was zunächst ausschließlich auf Kommunikationsmedien wie dem Computer oder dem Smartphone beschränkt war, erhält mit dem Internet der Dinge nun schleichend Einzug in all unsere Gebrauchsgegenstände des Alltags. Formvollendung findet diese Entwicklung im Modell des Smarthomes. Heizung, Kühlschrank, Jalousien, Schließanlagen, Waschmaschine, Kaffeemaschine, elektrische Zahnbürste: kaum ein Gegenstand bleibt übrig, der zukünftig nicht nach einer Internetverbindung schreit. Für mich ist das eine grauenvolle Vorstellung. Uns spinne ich diese Vorstellung der Entwicklung für mich weiter, so entdecke ich mich oft dabei glücklich darüber zu sein, nicht ewig leben zu müssen. Meine Essgewohnheiten werden über meinen intelligenten Kühlschrank protokolliert und mit der drohenden Gefahr übermorgen keine Gewürzgurken mehr zu haben, brauche ich mich nicht mehr auseinanderzusetzen. Diese Gefahr existiert schlichtweg nicht mehr. Hatten wir noch zuvor die Möglichkeit gehabt selbst zu entscheiden, wann wir das Internet besuchen, wird uns diese Entscheidung nun abgenommen, denn das Internet kommt zu uns wann immer es will. Und es will immer. Verkauft wird uns dieses Prinzip als eine revolutionäre Erweiterung der Freiheit. Die Sprösslinge nachfolgender Generationen werden in einem System aufwachsen, welches ihnen nicht mehr ermöglicht, elementare Fähigkeiten der Orientierung und des Handelns zu erlernen und so wird man sich an Erklärungen wie » Ich kann mir nicht die Zähne putzen, wir haben gerade kein Netz« gewöhnen müssen. Natürlich, das ist nicht dramatisch, denn Zahnersatz kommt dann folglich aus dem 3D-Drucker.

So richtig spannend und aus meiner Sicht schon wieder amüsant kann es werden, seit wir begonnen haben mit unseren Gebrauchsgegenständen zu sprechen und uns permanent mit Abhöranlagen umgeben. Neben Siri, und Cortana hat derweil eine weitere Mitbewohnerin namens Alexa Einzug in unser Wohnzimmer gefunden. Beruflich ist Alexa in der Bestellannahme eines globalen Internetversandhauses tätig, welches bereits an anderer Stelle (Stichwort Kiwi) Erwähnung fand. Ein Nachrichtensprecher in den USA fand in seiner Berichterstattung im TV in einem völlig anderen Kontext genau die Schlüsselworte, die Alexa als eine Bestellung für ein Puppenhaus und kiloweise Kekse interpretierte. Hiernach gingen mehrere tausend Beschwerden der Zuschauer ein, die nun mit Stornierungen ihrer unerwünschten Bestellungen zu kämpfen hatten. Es ist von nicht zu unterschätzender Gefahr bei eingeschalteten Empfangsgeräten, die Kommunikation unserer Alltagsgegenstände mit sich selbst zu überlassen. Vielleicht eignen sich zur Eindämmung zukünftig Hausroboter, die sich als Moderator einschalten, um regulierend einzuwirken, während sie die verrichtete Notdurft unseres Hundes gleichmäßig im Haus verteilen und dabei der Meinung sind, gerade den Boden zu wischen. Möchte man sich gänzlich gegen eine aus den Fugen zu geraten drohende Kommunikation unserer Gegenstände absichern, ohne dabei komplett auf Komfort zu verzichten, könnte es alternativ ratsam sein auf sogenannte produktbezogene Dashbuttons, wie sie bereits angeboten werden, zurückzugreifen. Hierbei handelt es sich um klingelknopfähnliche Drucktaster, die an sinnvoller Stelle im Haus angebracht werden (für Waschmittel an der Waschmaschine, für Toilettenpapier über dem Wandhalter etc.) und auf Betätigung über das W-LAN ihre Produktbestellung an das Versandhaus übermitteln. Nach der nächsten Hausparty bleibt es jedoch auch hierbei sinnvoll seine Bestellungen zu überprüfen, nachdem die spaßhungrigen Gäste das Haus wieder verlassen haben.

Während das Internet der Dinge derzeit noch in den Kinderschuhen steckt, seine Möglichkeiten nicht vollständig ausgereift sind und auch noch keine flächendeckende Verbreitung gewährleistet ist, gehen einige Menschen jedoch bereits einen Schritt weiter. Sie lassen sich die Dinge des Internets in den eigenen Körper implantieren. Glaubt man den Prognosen, so steht der digitalen Währung Bitcoin eine »blühende« Zukunft bevor. Somit ist es völlig selbsterklärend, dass der Mensch das Bedürfnis verspürt, sich ein ebenso digitales Portemonnaie unter die Haut verpflanzen zu lassen. Hiermit steht dem modernen Anwender beim Verlassen des Smarthomes jederzeit ein flexibles Zahlungsmedium zu Verfügung, welches sich bequem jederzeit mit ausreichend Bitcoins aufladen lässt. Beim Bezahlvorgang reicht es nun völlig aus, den implantierten Chip an den Sensor zu halten, um die Transaktion durchzuführen und abzuschließen. An dieser Stelle wird es sogar für Cyber-Kriminelle wieder attraktiv, den digitalen Arbeitsplatz zu verlassen und mit durchweg analogen Werkzeugen wie KO-Tropfen und Skalpell vor die Türe zu gehen.

Man kann mir durchaus unterstellen, hier den Teufel an die Wand zu malen und ein Bild zu zeichnen, welches als übertrieben gewertet werden kann. Jedoch hat auch oftmals nur die explizite Übertreibung eine Signalwirkung mit der man Aufmerksamkeit erreicht. Retten werde ich sicherlich rein gar nichts. Ich möchte jedoch die völlig kritiklose und unreflektierte Verwendung jeglichen neuen Schnickschnacks deutlich in Frage stellen. Noch Ende der achtziger Jahre hagelte es harsche Kritik und eine massive Gegenbewegung zu einer bevorstehenden »Volkszählung«. Heutzutage tragen wir alle völlig selbstverständlich unsere digitalen Volkszähler in Form von Smartphones und Co. Jederzeit mit uns herum. Beim Fall der Grenze zwischen Ost und West sorgten die entdeckten Abhörzentralen des DDR-Regimes für einen massiven Wirbel. Mit Siri, Alexa und all unseren weiteren zukünftigen digitalen Freunden holen wir uns diese Möglichkeiten freiwillig ins Haus. Dessen muss man sich schlichtweg einmal einen kurzen Augenblick Bewusst werden. Und ist es nicht einfach traurig zu wissen, dass sich unsere Geräte bereits mehr miteinander unterhalten, als wir uns miteinander? Vielleicht bleibt mir in dem Augenblick da mir die ganze Angelegenheit zu viel wird ein schlichter Trost, einen Blick durch die rosarote VirtualReality-Datenbrille zu werfen und die Welt um mich herum für einen Moment zu vergessen. »Niki, der Roboter« mag zwar in vielen Bereichen nutzlos gewesen sein, aber er konnte meinen Geist bemühen und mich lernen lassen. In vielerlei Hinsicht ist mir das wesentlich sympathischer als zu verblöden, während meine elektronischen Gerätschaften um mich herum alles über mich studieren.

Über die Diplomatie

Bevor ich mit den Schreibarbeiten zu diesem Kapitel begann, hielt ich es für angebracht, eine Stunde zuvor eine kleine ärztlich verordnete Pille gegen Panikattacken einzunehmen. Wenn mir die Leser meiner vorangegangenen Werke eines immer im positiven Sinne anrechneten, dann war es meine Offenheit und Ehrlichkeit im Schreiben, wenngleich es natürlich oftmals Differenzen zum Inhalt gab. Sowohl an der Offenheit, wie auch an der Streitbarkeit meiner Texte, wird sich auch in dieser Niederschrift nichts ändern. Wohlwissend, dass mich das im Folgenden abgehandelte Thema in Angstzustände versetzen könnte, halte ich meine Entscheidung, mich in einen gewissen Zustand der Tranquilität zu versetzen für sehr vernünftig. Ein bisschen Losgelöstheit von der Angst, ein wenig Distanziertheit vom Wahnsinn, der mich – und uns alle umgibt- wird meinem Wortfluss in keiner Weise schaden. In seinen gesammelten Werken (Band 1), beschrieb seinerzeit auch Thomas Mann, wie er sich zu Beginn seines Schreibens in aller Seelenruhe eine Zigarette dreht und sich daran erfreut zuzusehen, wie die Tabakkrümel auf sein zu beschreibendes Blatt fallen. Mit Blick auf eines der kommenden Kapitel in diesem Buche, sei bereits jetzt angemerkt, dass man dies heutzutage auch nicht mehr so unverblümt schreiben dürfte, ohne sich eines darauffolgenden Shitstorms gewiss zu sein. Aber an dieser Stelle darf ich mich auch einmal ganz beruhigt fragen, was er mich denn kümmerte, dieser Shitstorm.

Mit diesen einleitenden Worten befinde ich mich aber im Grunde genommen schon auf einem recht guten Wege zur eigentlichen Thematik, die ich mir für diesen Aufsatz reserviert habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich an anderer Stelle den Begriff des Shitstorms noch einmal in anderem Kontext verwenden muss. So möchte ich mit einem Sprichwort einleiten, welches ich als Kind zuhauf zu Ohren bekommen habe:

» Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht! «

Messer, Gabel und Schere konnte ich als kleiner Junge sehr wohl den Gefahrenquellen zuordnen, da dies spitze und scharfe Gegenstände waren, von denen durchaus ein gewisses Gefahrenpotenzial ausgehen konnte. So klug war auch ich. Welche Gefahr hingegen vom Lichte ausging, dies entzog sich meiner Kenntnis. War es nicht so, dass mit dem Lichte der Tag begann? War es nicht so, dass man es als Kind als sehr beruhigend empfand, wenn im Flur das Licht eingeschaltet blieb, um so gegen die Schlafmonster