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Das Bergtal Prättigau liegt in Graubünden, einem Kanton in den Schweizer Alpen. Die Geschichten von Christian Hansemann führen den Leser in vergangene Jahrhunderte zurück, als das Leben in den Dörfern des Prättigaus noch hart und unerbittlich war. Hautnah erlebt man die Freuden und Ängste der einfachen Leute von damals. Die Geschichten handeln etwa in der dunklen Zeit der Hexenverbrennungen, sie schildern das unstete Leben der Vagabunden oder sie malen die Saaser Alpsaga des Schlangenbanners von Albeina aus. Christian Hansemann schafft es mit seiner phantasievollen und spannungsgeladenen Sprache, die alte Zeit aufleben zu lassen und den Leser direkt ins Geschehen zu ziehen.
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Seitenzahl: 475
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Christian Hansemann
wurde 1935 im Prättigau als Bauernsohn geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Chur, arbeitete als Realschulleher in Küblis und Saas und führte nebenher mit seiner Frau Renata und seinen sechs Kindern einen Kleinbauernbetrieb in Tälfsch. Sein Interesse gilt der Lokalgeschichte: Christian Hansemann schreibt Heimatbücher, Theaterstücke und Erzählungen, führt heute noch zwei Dorfarchive und erhielt 2002 für sein Schaffen den Prättigauer Kulturpreis der Anny Casty-Sprecher Stiftung.
Von Christian Hansemann erschienen sind beim Verlag AG Buchdruckerei Schiers das «Saaser Heimatbuch» (1995), das «Kübliser Heimatbuch» (1997) sowie das «Conterser Heimatbuch» (2002) und in Co-Autorenschaft beim Verlag Paul Haupt, Bern, «Das Prättigau» (1999). Als zweiter Erzählband erschien bei Bod «Was wird hier wohl alles schon geschehen sein» (2010) und im Buch «Prättigauer Dialekt, Wörter und Geschichten» (2014) eine Kurzgeschichte in Mundart, herausgegeben von der Druckerei Landquart/Pro Prättigau.
Marco Walli
wurde 1937 im Prättigau geboren. Er arbeitete nach der Schule im elterlichen Sägereibetrieb in Fideris-Strahlegg, ab 1970 machte er sich als Schnitzer, Bildhauer und Holzschneider selbständig. Als begeisterter Hobby-Skifahrer und Skilehrer betätigte er sich als Stuntman und wurde 1971 in zwei Disziplinen Schweizermeister der Berufsskilehrer.
Während 10 Jahren war Marco Walli Mitglied der Künstlergruppe Präkuscha. In 1300 Stunden Arbeit schuf er die beeindruckende Deckenrosette Graubünden, die seit 2003 im Besitze der Pro Prättigau ist. 1998 erhielt er den Prättigauer Kulturpreis der Anny Casty-Sprecher Stiftung.
Der Schlangenbanner von Albeina
Postillion Joseph Bihsig
Unter den Tanzlauben
Der Strondel
Erni
Ein glitzernder Sternenhimmel spannte sich über das verschneite Tal. Der ansteigenden Landstrasse hinter Küblis entlang strebte ein Wanderer taleinwärts dem nächsten Dorfe zu. Sein dunkler Mantel wurde um die Hüfte von einem Seil zusammengehalten. Der Kälte wegen hatte er seine Gelehrtenmütze tief in die Stirn gezogen. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen. Ungeduldig hob er den Kopf und mass die Entfernung zum hintersten Talkessel, wo er ein Klösterlein wusste.
«Nichtsnutzige Schlarpen!» murmelte er stehen bleibend und versuchte, mit klammen Fingern den Schnee aus seinen Schuhen zu bekommen. «Bis Klosters schaffe ich es heute nicht, selbst wenn die beste Pilgersuppe dampfend lockt und mir ein warmes Lager mit Decken und Kissen sicher wäre.»
Er stapfte weiter. «Wenn sich Frostbeulen bereits im Gehen ankündigen, tut Abhilfe Not, und sollte ich irgendwo einbrechen müssen, am besten wohl in einen warmen Stall, selbst auf die Gefahr hin, verprügelt zu werden. Andernfalls jagen mich die beim Ausheilen juckenden Beulen eine geschlagene Woche lang alle Wände hoch.»
Endlich hatte er die Gegensteigung hinter Küblis überwunden. In Rufweite vor ihm verschwand die Strasse zwischen den schwach erleuchteten Häusern eines behäbigen Dorfes. Unmittelbar daneben hob sich ein erhöht stehender Kirchturm deutlich vom Nachthimmel ab. Der Mann blieb verschnaufend stehen. Seine Blicke hingen an jedem Lichtlein, das eine geheizte Stube verriet, bis ihn die Kälte zum Weitergehen zwang.
Er schaute zum funkelnden Nachthimmel empor: «Ihr Sterne, in eurer unbeschreiblichen Schönheit und Pracht, euer Glanz ist kalt, und kalt ist der Tod. Das Leben braucht Wärme.»
Zielstrebig schritt er voran. «Soviel liegt auf der Hand: Ich benötige etwas Warmes in den Magen, ein geschütztes Plätzchen zum Schlafen und morgen einen Fetzen Leder samt etwas Schusterpech, um meine malträtierten Schuhe wieder auf Vordermann zu bringen. Notfalls wird mir mein Dukaten ein Türchen öffnen. – Was ist das?»
Er drückte sich seitwärts an die Bergmauer. Vor ihm stieg ein Mann über einen Zaunsteg in die Strasse herauf und schritt dem Dorfe zu, sorgsam darauf achtend, aus seinem Eimer nichts zu verschütten.
«Milch! Die Rettung naht! Halt die Ohren steif.»
Der Fremde ordnete seine Kleider und folgte dem Bauern rüstigen Schrittes. Beiläufig hustend brachte er ihn zum Stehen, güsste freundlich und stellte sich vor: «Ich bin ein fahrender Schüler und zum Kloster hinein bestellt, schaffe es aber heute mit dem besten Willen nicht. Wie heisst dieses stattliche Dorf, und habt ihr einen Priester hier am Ort?»
Der Bauer setzte seinen Weg fort, über die Schulter zurück Bescheid gebend: «Ihr seid hier in Saas. Priester haben wir keinen. Wenn's an dem ist, kommt jeweils ein Mönch aus dem Kloster heraus!»
«Schade», bedauerte der Scholar und lief eilfertig hinterher. «Wüsstet Ihr mir nicht zu raten, wie ich zu einem Trunk Milch und einer Schlafstatt komme? Ein Häufchen Riedgras in einem warmen Stall würde mir genügen.»
Der Bauer ging mit gleichmässig wiegenden Berglerschritten voraus. «Mein Ställchen beim Haus steht gegenwärtig leer, und zu Tisch kann ich Euch nicht bitten. Es sitzen schon zu viele daran, bei wenig Brot und getaufter Milch. Kehrt im Rathaus ein. Als Abgeordneten der Premonstratenser bewirtet man Euch dort lieber als gern, und es wird Euch an nichts fehlen.» Schon war das Dorf erreicht. «Ich muss da hinauf», sagte der Bauer und verabschiedete sich im Gehen.
Behüt Euch Gott.» Der fahrende Schüler gab den Gruss zurück und setzte seinen Weg fort.
«Das mit der Einladung ins Kloster war wohl nichts. Meistens hilft etwas in der Art. Dann also ins Rathaus!» Schon stand er davor. Aus mehreren Fenstern schimmerte freundliches Licht. Der Fremde stampfte den gröbsten Schnee von seinen armen Schuhen und stieg erhobenen Hauptes das Aussentreppchen empor. Mit festem Griff öffnete er die Türe zur Gaststube.
Wohlige Wärme schlug ihm entgegen.
«Guten Abend allerseits», grüsste er aufgeräumt in die Runde, hängte Mantel und Mütze an den Nagel und setzte sich umständlich in einer Ecke an den Tisch, seine durchgelaufenen Schuhe unauffällig unter der Bank verbergend. Erwartungsvoll blickte er dem Wirt entgegen.
Dieser kam, den fremden Gast musternd, zögernd näher, aber schon musste er aufpassen, von dessen umfangreicher Bestellung nichts zu verpassen: «Eine heisse Suppe wünsch' ich, oder sonst etwas Warmes aus Eurer guten Küche, ein ordentliches Stück Brot dazu und einen Becher Wein, vom Warmgestellten. Und ein Nachtlager bitte ich mir zu bereiten, wohlbestückt mit einem heissen Stein, wenn's Euch nichts ausmacht.» Der Wirt blieb unschlüssig stehen.
«Ach so!» fuhr der Gast bereitwillig fort, «sicher bin ich Euch fremd. Wie könntet Ihr Euch meiner erinnern! Es ist schon einiges Wasser die Landquart hinausgeflossen seit meiner letzten Reise durch dieses gesegnete Tal. Nun denn, ich bin ein fahrender Scholar, auf dem Weg zum Kloster, wohin man mich in dieser Jahreszeit zu bestellen geruht hat. Doch Euer Augenmerk richtet sich wohl vor allem auf den Stand der Dinge hinsichtlich meiner Zahlungsfähigkeit. Das ist mehr als verständlich.» Ein flinker Griff in die Tasche, und schon knallte eine glitzernde Münze vor dem verdutzten Wirt auf den Tisch. «Das muss Euch genügen.»
Das Geldstück verschwand in der Tasche, worauf der Wirt sich beeilte, den Wünschen dieses nicht alltäglichen Gastes zu willfahren, soweit es die Verhältnisse erlaubten. «Mit einem standesgemässen Nachtlager kann ich leider nicht dienen. Es ist kein Bett frei», bedauerte er, einen Becher Wein aufstellend.
Doch der Scholar liess sich nicht entmutigen. «Dann schlafe ich hier, auf dieser Bank oder am Boden, wie es für Gesellen auf der Walz ja auch üblich ist. Mir soll's genügen und Euer Schaden nicht sein. Ihr werdet doch kaum daran denken, einen ortsfremden Gast in die Kälte dieser Nacht zu schicken.» «Wenn Euch damit gedient ist, meinetwegen.»
Der Wirt setzte sich wieder zu seinen Landsleuten, wo das unterbrochene Gespräch seinen Fortgang nahm. Es ging um ihre Alp, die als Mittelpunkt ihres gemeinsamen Interesses offenbar auch hier nie versiegenden Gesprächsstoff lieferte.
Der Scholar hörte, ohne es sich anmerken zu lassen, aufmerksam zu. Bald wusste er Bescheid: In dieser Alp steckte buchstäblich der Wurm! Schlangen, Schlangen überall! Albeina, die schönste Alp weit und breit krankte an so einer Plage! Rat wusste ein jeder, aber keiner konnte die anderen überzeugen. «Im Frühling müsste man's angehen, wenn sich dieses Gezücht auf den warmen Steinen sonnt. Da wären die Luder mit grünen Haselstecken leicht zu erschlagen. Selbstverständlich könnte dieser Einsatz als Gemeinwerk angerechnet werden, warum denn nicht? Aber eben, vermutlich brächte man kaum jemanden zu einer derartigen Jagd auf die Beine. Ein bisschen in einem Lawinenzug herumrecheln ist gemütlicher und weniger gefährlich!»
«Nehmen wir an, es rückten einige in diesem Sinne aus, an einem warmen Morgen vielleicht, aber oben zieht es kühl, und die Schlangen bleiben in ihren Löchern, worauf unsere Jünger des heiligen Georg eher mit Spott denn mit Ruhm und Ehre überschüttet würden.»
«Sich dessen zu achten steht jedermann frei. Zu tun gäbe es da oben stets mehr als genug. Es wäre endlich der Melkplatz des Untersäss ordentlich zu pflästern, woran bei solchen Gelegenheiten gearbeitet werden könnte, und Knechte und Kühe bräuchten bei Regenwetter nicht mehr im Dreck zu versinken.»
«Das hat durchaus etwas in der Haut, aber eben auch seine Kehrseite. Was mich betrifft, so sehe ich die Tiere bei nassem Wetter mit aufgeweichten Klauen lieber im Dreck stehen als auf einem Steinpflaster. Sie bleiben besser auf den Beinen.»
«Nach meinem Dafürhalten müsste die Herde abends länger gehütet und nach dem Einnachten auf gründlich durchsuchten Lagerplätzen zusammengehalten werden, bis sich die meisten legen. Die Gefahr, von Schlangen gebissen oder gesogen zu werden, ist für die Kühe nie grösser als am frühen Morgen, wenn sie sich zum Aufstehen anschicken. Aber eben, wo fände man heute noch Küher, die dazu bereit wären. – Früher hätte man da nicht lange gefackelt, sondern deutsch und deutlich verlangt, was zu tun sei!»
«Zugegeben, aber so drei bis vier Stunden Nachtruhe musst du ihnen schon gönnen, sonst schlafen sie dir beim Melken ein.» Jetzt wurde das Gespräch unterbrochen, denn es stand Leben ins Haus. Mutwillige Sprüche und Gelächter im Flur kündeten eine Gesellschaft junger Leute an, fröhlich grüssend traten sie ein, steuerten den Ofen an und wärmten unter mannigfaltigen Äusserungen des Wohlbehagens ihre Hände. Ein kräftiger Bursche nahm mitten in der Stube Aufstellung und schlug seine Arme klatschend um den Leib, lauthals verkündend, das sei immer noch die schnellste Art, Wärme in die Finger zu bekommen.
Auch der fahrende Schüler bekam Gesellschaft an den Tisch. Die Wirtin trug seine Suppe auf, und er ass, langsam und mit Genuss, zwischendurch freundlich in die Runde blickend. Einige Mädchen hauchten immer noch in die Hände. Da und dort wagte ein Bursche, die eine darin zu unterstützen, mit mehr oder weniger Erfolg, alles sprach durcheinander, insbesondere vom Kranzen in der kalten Kirche und davon, es wäre das Heiraten bei solchem Wetter tunlichst zu verbieten, denn recht besehen stelle es doch kein gutes Omen dar, wenn sich zwei vor Kälte schlotternd das Jawort ins lange Jahr geben. Solches blieb nicht unwidersprochen. Ein bisschen der Schlotteri sei da durchaus am Platz, und so fort.
Bald verteilte die Wirtin dampfende, nach süssem Brandwein duftende Teller auf die Tische, und freudig wurde der vom Brautpaar gestiftete Krambambuli begrüsst und gelöffelt. Als die Teller leer und die jungen Gesichter wieder voller Farbe waren, kam etwas wie Ratlosigkeit auf. Die Frage lag in der Luft, wie sich der Abend nun weiterentwickeln sollte.
Da wandte sich einer der Bauern an den Burschen, der vorher die halbe Stube beanspruchend umsichgeschlagen hatte: «Mit dir können wir im kommenden Sommer doch wieder als Kleinküher rechnen? Eben haben wir darüber gesprochen, ob die Kühe nach dem Abendweiden nicht etwas länger auf den von Schlangen gesäuberten Lägern zusammengehalten werden sollten, um sie vor Schaden zu bewahren. Was sagst du dazu?»
«Was ich dazu sage?» brauste der Angesprochene auf. «Bevor ich mich nochmals in diese verwünschte Schlangenalp verdinge, esse ich ungesalzene Rindensuppe mit Tannzapfeneinlagen. So bin ich wenigstens meines Lebens sicher. Wie das?!» schrie er und machte Anstalten aufzuspringen, «sollen die Knechte auf Albeina künftig ganz ohne Schlaf auskommen, während sich die Herren Bauern in den warmen Heustöcken räkeln? Nein, unter diesen Umständen braucht ihr mit mir nicht mehr zu rechnen! Da könnt ihr einen andern Narren suchen. Vielleicht findet ihr einen, der so beschaffen ist, dass er den ganzen geschlagenen Sommer durchschinden kann, ohne einer Ruhepause zu bedürfen und darauf wie ein Murmeltier Winterschlaf hält. Ich bin kein Mungg und muss somit auf euer freundliches Angebot verzichten!»
«Na, na», suchte ein anderer Bauer den Aufgebrachten zu besänftigen, «so war es doch nicht gemeint. Wir waren ja durchaus zufrieden mit dir. Lass dich nicht ins Bockshorn jagen. – Gret! Bring den jungen Leuten eine Karaffe Wein, auf meine Rechnung! – Wir haben lediglich darüber nachgedacht, wie mit dieser verdammten Schlangenplage eher fertigzuwerden wäre. In einer Weise hast du ja recht; aber wie soll es da oben weitergehen? Das ist die Frage.»
Nun mischte sich ein älteres Männchen ins Gespräch: «Am Ende werden wir dazu gezwungen, das Übel von einer ganz anderen Seite anzugehen. – Ich frage mich schon lange, warum dieses Unglück gerade uns trifft, auf Albeina, einer Alp, um die uns alle Welt beneidet, mit gutem Grund. Immer mehr will mich bedünken, es gehe da nicht mit rechten Dingen zu.» Seine Augen ruhten nachdenklich auf dem fremden Ankömmling, der ihm, ruhig weiteressend entgegensah.
«Ihr seid ein fahrender Schüler, wie ich höre. Was sagt denn Ihr zu dieser Geschichte. Sicher habt Ihr mitbekommen, was auf unserer Alp los ist. Könntet Ihr uns nicht raten? Euch fahrenden Schülern wird doch dieses und jenes nachgeredet.»
Alles blickte auf den Fremden, der seinen Becher nachdenklich austrank und von sich schob. Hatte er am Ende gar auf diese Wendung der Dinge gewartet? Freundlich lächelnd nahm er den Gesprächsfaden auf: «Uns fahrenden Schülern wird tatsächlich dieses oder jenes nachgeredet. – Wem wird nicht dieses oder jenes nachgeredet? – Sei dem, wie ihm wolle. Soviel ich von Euren Gesprächen ungewollt mitbekommen habe, geht es um Eure Alp. Albeina heisst sie? Ein altehrwürdiger, schöner Name. An dieser Alp sei nichts auszusetzen, mit Ausnahme des Umstandes, dass es dort nicht nur Euren Kühen sondern auch allerlei Schlangen gefalle, die für Euch zur Plage werden. Sehe ich recht?»
Alle nickten. «Es ist so, wie Ihr sagt, leider. Eine Plage, und das ist nicht übertrieben!»
Der Scholar dachte nach und schüttelte gleichmütig den Kopf. «Nein, jetzt, mitten im Winter, ist diesem Übel in keiner Weise zu wehren. Soviel steht fest. Während der nächsten Monate liegt solcherlei Gewürm im Winterschlaf unter dem Schnee in der Erde und lässt sich nicht stören, geschweige denn bekämpfen. Derzeit weiss ich Euch keinen Rat, tut mir leid.» Als stumme Aufforderung, sich ins Unabänderliche zu schicken, hob der Fremde die Schultern und schob auch den leeren Suppenteller von sich.
Das konnte das Ende dieses Gespräches nicht sein. Von allen Seiten wurde er angegangen: «Aber im Frühling, nach der Schneeschmelze, könntet Ihr dann etwas dagegen tun?»
«Im Frühling», echote der Scholar. «Der nächste Frühling kommt bestimmt, glücklicherweise; aber wann? Ihr lieben Leute, wie stellt Ihr Euch das vor? Wovon sollte ich hier die ganze Zeit über leben?» Er schaute nachdenklich drein. «Gesetzt den Fall, es wäre Frühling: Da müsste ich zu allererst um die Beantwortung einer Frage bitten und darum, sie mir bei Eurer Ehre und Seligkeit wahrheitsgetreu zu beantworten.» Wieder machte er eine Pause.
«Und was wäre das für eine Frage?»
Das Gesicht des geheimnisvollen Fremden wurde sehr ernst, und er fuhr fort: «Es ginge um Folgendes: Hat jemand von Euch, oder jemand, den Ihr kennt, irgendwann irgendwo auf Albeina eine weisse Schlange erspäht oder auch nur davon gehört, dass früher einmal eine solche gesehen worden sei, oder anders gefragt: Kann mit letzter Sicherheit davon ausgegangen werden, dass auf Eurer Alp nie auch nur die Spur einer weissen Schlange bemerkt worden ist, und ich würde Euch, liebe Saaser, herzlich bitten, diese Frage erst zu beantworten, nachdem Ihr in Euch gegangen und Euer Gedächtnis gewissenhaft durchforscht und ausgeleuchtet hättet. – Aber eben, diese Frage müsste ich Euch im Frühling stellen, was besagt, dass sich Eure Antwort gegenwärtig erübrigt, denn einstweilen sieht es alles andere denn nach Frühling aus, leider.» Er lehnte sich behaglich zurück. Für ihn war die Angelegenheit offensichtlich erledigt.
Nicht so für seine aufmerksamen Zuhörer! Alles redete durcheinander: «Nein, weisse Schlangen gibt's da oben keine! Hat jemand schon von so etwas gehört?»
«Nein, nie, und ich kenne diese Alp wie meinen Hosensack. Das fehlte gerade noch!»
Endlich ergriff ein offenkundig betuchter Bauer das Wort und wandte sich an den Scholar: «Angenommen, wir können Eure Frage mit einem ehrlichen Nein beantworten, stünde es dann in Eurer Macht, nach der Schneeschmelze etwas im Guten an dieser leidigen Sache zu tun? Die Zeit vergeht schnell. Wäre es Euch nicht möglich, so lange in der Gegend zu verweilen? Einiges liesse ich mir's kosten, wenn nur die leiseste Hoffnung bestünde, dass diese Plage von uns genommen würde.»
Der fahrende Schüler lächelte verbindlich. «So auf Abruf irgendwo in der Gegend zu verweilen, fiele mir leider ziemlich schwer. Ich müsste mich da schon für so lange hier einquartieren können, und dergleichen lassen meine mir zur Verfügung stehenden Mittel gegenwärtig nicht zu. Einer bezüglichen Verhandlung mit dem Herrn Wirt sähe ich wenig zuversichtlich entgegen.»
Dieser liess sich jedoch nicht lumpen: «Wenn Ihr vorläufig mit einer Bank als Nachtlager zufrieden sein wollt, so soll's Euch nichts kosten.»
«Und ich komme für Eure Verköstigung auf», zog der Bauer nach. «Was meint Ihr dazu?»
«Was soll ich dazu sagen? Diese Wendung der Dinge kommt jetzt doch einigermassen überraschend. Wenn Ihr's durchaus so haben wollt. – Allerdings sehe ich mich unter diesen Umständen nun wirklich genötigt, Euch, liebe Leute, ernstlich zu bitten, meine Frage hinsichtlich einer etwaigen weissen Schlange auf Albeina reiflich zu bedenken und mir nach bestem Wissen und Gewissen anzuvertrauen, was Ihr darüber wisst. Könnt Ihr bei Eurer Aussage bleiben, so will ich im Frühling tun, was in meinen Kräften steht.»
«Abgemacht», beschloss der Bauer den Handel und lehnte sich selbstbewusst auf seinem Stuhl zurück. «Wir halten Euch frei bis im Frühling, worauf ihr Euer Möglichstes tut. Abgemacht. Gret, bring dem Mann noch einen Becher Wein!»
«Einverstanden», bestätigte dieser den Handel seinerseits und nahm den Trunk dankend in Empfang. Ein Weilchen blieb es still in der Schenke.
Dann wechselte eines der Mädchen beherzt das Thema und legte los: «Da haben wir nun also unsere Kirche ordentlich für eine Hochzeit geschmückt und sind nach Brauch und Sitte grosszügig bewirtet worden. Und worüber unterhalten sich unsere Mannsbilder? Über unsere Alp und ihre Schlangen! Das darf doch nicht wahr sein! Und ich habe mich darauf gefreut, endlich wieder einmal ein Tänzchen zu tun, ein erlaubtes! Sollte einer von euch Burschen wider Erwarten noch etwas anderes im Kopf haben als Schlangen, so gebe er sich gefälligst einen Ruck und rufe den Giger-Sepp. Wer meldet sich?»
Es meldete sich niemand. «Der schläft doch längst und ist nicht mehr vom Laubsack herunterzukriegen. Denk an seine Frau!»
So kam das Gespräch wieder in Gang, aber es drehte sich im Kreis. Niemand wollte den Gang zu Giger-Sepp wagen.
Vergeblich wetterte das Mädchen in gespieltem Zorn drauflos: «Um euch herum möchte einem das Heiraten verleiden. So reden wir halt weiterhin von Schlangen. Die tanzen auch nicht gern und passen somit zu euch.»
Da erhob sich der fahrende Schüler, trat zu seinen Sachen und zog eine kleine Querflöte aus der Reisetasche. «Falls ihr mit meiner bescheidenen Kunst Vorlieb nehmen wollt, spiele ich gern zu einem Tänzchen auf», anerbot er sich, und die Mädchen klatschten begeistert Beifall. Der Scholar stellte einen Stuhl auf seine Bank und kletterte hinauf. «Frauenwahl!» rief er fröhlich und setzte sein Pfeifchen an die Lippen.
Schon sahen sich die Burschen, ungeachtet ihrer Ausreden, es stehe mit ihren Tanzkünsten nicht zum besten, von den Sitzen gezerrt, und immer vergnügter tanzten die Paare zwischen den Tischen herum, indes die bestandenen Bauern mit schweren Schuhen den Takt dazu klopften. Scherze, Gelächter, alles geriet rundum in Schwung.
In der ersten Pause erschien ein betagtes Fraueli im Durchgang zur Wohnung, und unverzüglich nahm sich die Wirtin der Alten an: «Du kannst nicht schlafen, Mutter, bei diesem Lärm? Setz dich ein Weilchen in die Stube hinüber. Es dauert nicht mehr lange hier.»
Die Frau schwang ihren Stock und rief: «Ich, und nicht schlafen können! Ich will nicht! Ein bisschen Musik tut auch meinem Herzen gut.»
«Bravo!» rief der Musikant von seinem Bock herunter. «Den nächsten Tanz verehre ich der Grossmutter. Da ich aber tanzend leider nicht spielen kann, bitte ich Euch, liebe Frau, mit meinem guten Willen vorlieb zu nehmen. Gilt's?»
Das Frauchen drohte ihm lächelnd mit dem Zeigefinger: «Ich kenne das.»
Schon setzte der Scholar zu einer neuen Weise an, und hoppla, jetzt waren die Burschen dabei!
«Wie wenig es doch zu einem Festchen braucht», ging es ihm durch den Kopf, und vergnügt spielte er drauflos.
Während sich die Tänzer wieder einmal zu einer Verschnaufpause setzten, trat der Wirt ans Fenster und spähte zwischen den Vorhängen in die Nacht hinaus. «Zwei Pelzschlitten. Ich sehe Monturen! – Wer könnte das sein? Der eine Schlitten fährt weiter.»
Schon wurde die Haustüre aufgestossen, desgleichen die Türe zur Gaststube, und herein trat ein stattlicher Kriegsmann, seiner Aufmachung nach ein Offizier, gefolgt von einem Soldaten und zwei Burschen in einheimischer Tracht. Die unerwarteten Ankömmlinge sahen sich grüssend nach freien Stühlen um, worauf der fahrende Schüler von dem seinen herunterstieg und ihn dem Offizier anbot.
Dieser, augenscheinlich ein Werber, beherrschte das Feld. «Wein!» rief er, «Wein für alle! Heute habe ich meinen spendablen Tag! – Wir kommen von Klosters und fahren nach Küblis. Von dort aus werde ich morgen mit einigen wackeren Burschen aus eurem Tal ausziehen, auf Flössen und Schiffen den Rhein hinunter bis zu seiner Mündung ins unendliche Meer, nach Flandern, wo diese Gesellen im Dienste unseres Königs ihr Glück machen können. Keine Angst! Wir sind nicht darauf aus, jemanden wider Willen zu verpflichten», wandte er sich den Burschen zu, die nicht recht wussten, ob sie den Gratistrunk annehmen sollten, «dessen bedürfen wir nicht, denn da Handgeld und Sold stimmen, haben wir Zulauf genug. Auch aus eurem Dorf ist einer dabei. Er hat sich mir förmlich an den Hals geworfen.»
Der fahrende Schüler versorgte sein Instrument und setzte sich zur Grossmutter an den Ofen. Sie musterte ihn mit freundlichen Blicken.
Der Offizier knallte seinen leeren Becher auf den Tisch und wies seinen Begleiter an, die ganze Zeche zu bezahlen. «Wie gesagt, wir feiern in Küblis ein kleines Fest. Zwei Pfeifer und ein Trommler spielen auf. Kommt ihr mit? In unserem Schlitten ist noch Platz. Ein kleines Gedränge schadet bei dieser Kälte nicht.»
Er stand auf. «Ihr seid alle geladen! Frau Wirtin, Herr Wirt, meine Herren, gute Nacht!»
Damit stapfte er festen Schrittes durchs Vorhaus in die kalte Nacht hinaus, gefolgt von seinen Leuten und, nach kurzem Besinnen, auch von den übrigen Burschen und Mädchen, die es nicht über sich brachten, eine solche Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.
«Mach keine Dummheiten!» rief ein Bauer in Romanisch seinem Buben nach, und dieser gab über die Schulter zurück: «Keine Sorge, ich weiss Bescheid!»
Wie aus weiter Ferne ertönte Gejole und Gelächter von draussen in die vereinsamte Wirtsstube zurück, das Pferd trabte an, und bald verklang sein Geröll in den Häusern dorfauswärts. Die Grossmutter schüttelte missbilligend den Kopf.
Wirtin und Wirt setzten sich zu den wenigen ihnen verbliebenen Gästen, um die Lage zu besprechen. «Ein Saaser soll Handgeld genommen haben! Wer könnte das sein?»
Der Scholar versuchte, die Dinge ins rechte Licht zu rücken: «Die Jugend strebt hinaus in die Welt. Das war immer schon so und wird wohl immer so bleiben.» Es wollte nicht verfangen. «Mir ist der Abend verdorben», brummte einer der Bauern und stand auf. «Ich verkrieche mich ins Nest.» Die andern brachen ebenfalls auf.
Die Wirtin reichte der Grossmutter den Arm, um sie in ihr Schlafgemach zu geleiten. Mitten in der Stube blieb die Alte jedoch eigenwillig stehen, um sich vom Scholar zu verabschieden: «Ich danke Euch für Eure Musik. Sie hat mich erfreut. Die Zeche habt Ihr selbstverständlich frei. Gute Nacht.»
«Herzlichen Dank, liebe Frau. Es war mir ein Vergnügen.»
Im schwachen Lichtschein eines im Hausgang hängenden Unschlittlämpchens bereitete der Fahrende auf der Bank sein Nachtlager vor und machte es sich bequem. «Dem Herrgott sei Dank. Dieser Winter ist so gut wie durchgestanden.» Bald senkte sich der Schlaf schwer auf seine Lider.
Aber bald war es mit der Ruhe vorbei. Jemand klopfte aufgeregt ans Fenster, ausdauernd und immer lauter. Da half kein Überhören. Der Scholar verliess seine Liegestatt und öffnete das Fenster einen Spalt breit.
Flüsternd redete er in die Nacht hinaus: «Die Wirtsleute schlafen. Niemand ist noch auf. Was ist Euer Begehr?»
Eine aufgeregte Frauenstimme antwortete aus Dunkelheit und Kälte: «Verzeiht! Ich hörte, ein fahrender Schüler sei hier abgestiegen. Seid Ihr's?»
«Ja. Was wollt Ihr von mir?»
«Ihr müsst mir helfen, ich bitte Euch um Christi Willen. Mein Töchterchen ist krank, und nichts schlägt mehr an! Ich weiss weder ein noch aus. Ihr scheusslicher Husten!»
Der Scholar dachte nach. Dann öffnete er das Fenster ganz und sprach mit fester Flüsterstimme in die Gasse hinunter, wo er die Frau vermutete: «Jetzt, in der Nacht, kann ich mit Sicherheit nichts für Euch tun, und keine vier Pferde bringen mich noch aus dieser Stube hinaus. Holt mich morgen Vormittag ab. Dann werde ich Eure Tochter besuchen. Gute Nacht.»
Damit schloss er das Fenster und zog sich auf seine Bank zurück. «Jetzt wird geschlafen, selbst wenn das ganze Dorf um die Wette hustet und niest!»
Doch nun floh ihn der Schlaf. «Wenn's aber die Auszehrung ist? Ob ich das der Obrigkeit melden müsste? – Lassen wir's an uns herankommen. Des Nachts sieht alles schlimmer aus, als es sich im Lichte des Tages darstellt. Morgen schaue ich mir die Geschichte in Ruhe an. 'Sorget nicht den morgenden Tag. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe,' und seine eigene Freude, nicht zu vergessen.» Er faltete die Hände über der Brust und gab sich dem wohligen Gefühl des Einschlafens hin.
Aber schon wurde er wieder gestört. Fast krampfhaft suchte er sich dem ihn umfangenden Schlummer in die Arme zu werfen. Es half nichts. Das zaghafte Knarren der Haustüre aus dem Flur war nicht zu überhören, und richtig, schon ging auch die Stubentür auf.
Ein Mädchen trat ein und flüsterte: «Wieso brennt hier das Licht? Ob sie nicht noch herunterkommt?»
Das Mädchen behändigte eine Kerze, entzündete sie am brennenden Lämpchen und stellte sie vor sich auf einen Tisch, mit glänzenden Augen ins Flämmchen schauend.
Der fahrende Schüler gab das Einschlafen auf und blickte ruhig zur nächtlichen Besucherin hin, die plötzlich in sich zusammensinkend den Kopf in die Arme vergrub und schluchzte: «Hilf mir, lieber Gott.»
«Was hast du, Mädchen?» fragte er leise.
Erschrocken sprang sie auf und stand zitternd in der Stube. Der Mann richtete sich ebenfalls auf und blickte dem Mädchen freundlich ins Gesicht.
«Was tut Ihr hier?» fragte sie verdattert, und er gab bereitwillig Auskunft: «Ich bin ein fahrender Schüler und hier zu Gast. Was aber führt dich zu nachtschlafener Zeit in diese Stube? Bist du eine Tochter des Hauses?»
Sie schüttelte den Kopf: «Ich sah noch Licht und hoffte, die Grossmutter hier zu finden. Sie bleibt öfters länger auf.»
«Wenn das deine Grossmutter ist, bist du hier doch irgendwie daheim», fuhr der Scholar fort, um wenigstens etwas zu sagen.
«Nein, wir nennen sie alle so.»
«Ich begreife. Du brauchst ihren Rat. Willst du dich nicht wieder setzen? Überlegen wir einmal in Ruhe, was sich machen lässt. Ob wir es wagen dürfen, sie zu wecken?»
Die junge Frau setzte sich gehorsam, mit hängendem Kopf. Bald legte es ihn wieder in die Arme und weinte leise.
«Na, na.» Der Scholar stand auf und ging um den Tisch herum. Gedankenverloren wollte er die Hand auf ihre Schulter legen, zog sie aber zurück und stützte die Arme auf den Tisch. «Ist es denn so schlimm? Willst mir nicht sagen, was dich bedrückt? Manch eine Last verliert an Gewicht, wenn man sie deutlich beim Namen nennt. Meinst nicht?»
Das Mädchen schüttelte den Kopf und jammerte: «Er hat Handgeld genommen. – Mein Liebster hat Handgeld genommen und zieht aus, morgen schon.»
Der fahrende Schüler kehrte lächelnd an seinen Platz zurück. «Das scheint mir ein Unglück von jener Sorte zu sein, bei dem nicht sicher ist, ob es später einmal als solches betrachtet werden muss, und worüber Gras zu wachsen pflegt. In Ruhe besehen hat die Lage, in der du dich befindest, möglicherweise auch ihr Gutes. Spätestens nach ein paar Jahren kehrt er zurück, und dann weist es sich, ob eure Liebe mehr als ein Strohfeuer war, worauf ihr gegebenenfalls noch lange heiraten könnt. Meinst nicht?»
Das Mädchen schwieg und wich seinen Blicken aus.
«Wenn ich dich so betrachte», versuchte es der Alte anders herum, «will mir scheinen, es fände sich für diesen Burschen gegebenenfalls leicht Ersatz. Wer weiss, einer der mir nichts dir nichts davonläuft, verdient dich am Ende gar nicht.»
Das Mädchen schüttelte nur immer wieder stumm den Kopf und versuchte, die Tränen zu verbergen. Der Scholar schwieg und wartete.
Unvermittelt fragte er: «Wann ist es so weit? – Wann erwartest du das Kleine?»
Das arme Ding erschrak und sank zu einem Häufchen Elend zusammen. «Im Sommer. Mein Vater schlägt mich tot.»
Der Alte trat hinter das verzweifelte Mädchen und legte ihm nun doch die Hand auf die Schulter. Väterlich versuchte er es zu beruhigen: «Nur immer langsam. In solcher Lage pflegen die Eltern ihre Suppe nicht so heiss zu löffeln, wie sie von ihnen gekocht worden ist. Gehen wir die Sache einmal der Reihe nach durch. Wer weiss, vielleicht sehen auch hier vier Augen mehr als zwei.»
«Aber das arme Würmchen! Ein uneheliches Kind, Zeit seines Lebens verachtet und gemieden!»
So ging es nicht. Sie hatte recht, leider! Der fahrende Schüler legte seine Hände auf den Rücken und ging in der Stube auf und ab. «Weiss der Vater deines Kindes überhaupt Bescheid?»
«Nein.»
«Ach so. – Hast du ihn lieb?»
Das Mädchen nickte.
«Hat er dich lieb?»
«Ja.»
«Wieso läuft er denn davon?»
«Seine Mutter musste einen Teil ab ihrem Häuschen verkaufen. Jetzt kann sie nicht zinsen und wird ihr Heim verlieren.»
«Aha. Das leuchtet ein. Hast du ihn wirklich lieb?»
Das Mädchen nickte wieder.
Der Mann setzte seine Wanderung zwischen den Tischen fort. Dann blieb er stehen und sagte einfach: «Ihr müsst heiraten, noch in dieser Nacht.»
«Aber das geht doch nicht! Peter weiss ja von nichts, und Priester ist auch keiner im Dorf! Auch würde er dazu niemals Hand bieten!»
«Von wem redest du jetzt? Vom Priester oder von Peter?»
«Vom Priester.»
«Einen solchen habt ihr tatsächlich nicht im Dorf. Davon musste ich mich bereits überzeugen. – Vorhin hast du gebetet: ‘Lieber Gott, hilf mir.’ Vielleicht will er dir in der Tat helfen, wenn auch durch einen Unwürdigen, durch mich. Hör mir zu: Ich habe etliche Zeiten in Klöstern zugebracht, die für mich immer wieder von entscheidender Bedeutung waren. Muss ich noch deutlicher werden?»
«Ihr seid…?» stammelte das Mädchen ausser Fassung, «ein Priester, ein Mönch?»
Schon lag es vor ihm auf den Knien, doch er wehrte ab: «Steh' auf und beruhige dich. Ich mag das nicht.» Er schritt weiter in der Stube herum. «Behalten wir einen klaren Kopf, so wird sich ein Weg finden. Wo ist dein Peter jetzt? In Küblis?»
«Nein, daheim.»
«Gut. – Du gehst jetzt zu ihm und klärst ihn über deinen Zustand auf, was du längst hättest tun müssen. Falls er keinerlei Ausflüchte macht,» der Alte betonte jedes Wort, «sondern es im Gegenteil ehrlich bedauert, unter diesen Umständen fort zu müssen und alles daran setzen will, seinem Kind der rechtmässige Vater und dir ein treuer Gatte zu werden, wenn es so ist, und nur dann, nun, so sprecht mit seiner Mutter und deinen Eltern und kommt alle miteinander hieher, worauf wir uns zur Trauung in die Kirche begeben. Einverstanden?»
«Das ist leider alles nicht möglich», jammerte das Mädchen und blieb sitzen. «Seine gebrechliche Mutter geht kaum noch aus dem Haus, und meine Eltern wohnen beim Kloster drinnen. Ich diene hier als Magd.»
Der Alte überlegte. «Sei's drum. Das macht der Katze auch keinen Buckel. Zeugen werden sich finden. Hörst du, da kommt jemand. Geh' jetzt, schnell, sprich mit deinem Liebsten und bring ihn gegebenenfalls her. Geh!» Entschlossen packte er das zaudernde Mädchen beim Arm und schob es in den Hausflur hinaus.
Langsam öffnete sich die Verbindungstüre zur Wohnung, und darin stand die Grossmutter, unerschrocken nach der Ursache dieses andauernden Geflüsters Nachschau haltend.
Schon stand der Scholar vor ihr: «Euch schickt der Himmel, liebe Frau. Bitte tretet ein und hört mich an.» Ohne Umschweife führte er sie an ihren Platz am Ofen. «Eben wurdet Ihr von einem verzweifelten Mädchen Eures Dorfes gesucht, dessen Liebster Handgeld genommen hat und morgen schon auszieht, obschon er Vater wird. Wir wagten nicht, Euch zu wecken.»
«Wer ist es denn?» fragte sie kopfschüttelnd, aber der sonderbare Mann musste sie enttäuschen: «Jetzt habe ich sie nicht einmal nach ihrem Namen gefragt: Soviel bekam ich immerhin mit: Sie dient hier als Magd, ist eine Klosterserin, und der Bursche heisst Peter. Hilft Euch das weiter?»
«Und ob! Oh je, die Lisi und der Peter – hab ich mir's doch gedacht.» Die Alte schüttelte kaum merklich ihr weisses Haupt. «Und nun reisst er aus. Das hätte ich eigentlich nicht von ihm erwartet. So kann man sich täuschen.»
«Oder auch nicht», widersprach der Scholar und setzte sich ihr gegenüber. «Dieser Peter weiss nichts von den Umständen, in denen er sein Mädchen zurücklässt. Eben konnte ich das arme Ding dazu überreden, ihn endlich darüber aufzuklären.»
Die Grossmutter faltete ratlos die Hände. «Das macht den Ofen jetzt auch nicht mehr warm. Was sollte sich da noch einrenken lassen, wenn er morgen schon auszieht?»
«Heiraten», antwortete der Scholar bestimmt und stand auf. «Wenn sich die beiden einig sind, sollen sie in Gottes Namen heiraten, noch in dieser Nacht. Das ist meine Überzeugung und mein Rat.»
«Und wie stellt Ihr Euch das vor? Wir haben keinen Priester hier.»
«Ich weiss, liebe Frau.» Er blieb vor ihr stehen und fuhr nach kurzer Pause fort: «Es will mich bedünken, die Zeit wäre reif, Euch gegenüber ein Geheimnis zu lüften, da Ihr Euch dessen würdig erweist. Ich selbst habe des öftern in Klöstern Einsitz genommen und Zeiten darin verbracht, die für mein Leben von entscheidender Bedeutung waren. Mehr möchte ich nicht verraten, glaube aber, der Herrgott hätte kaum etwas dagegen, wenn ich mir anmasse, unter den waltenden Umständen seinen hiesigen Diener zu vertreten. Wie denkt Ihr darüber?»
«Ihr seid ein Priester, ein Mönch?» Die gute Frau faltete die Hände vor ihrem Gesicht und blickte entgeistert zu ihm auf.
Er legte den Finger an die Lippen und wehrte ab: «Falls mich nicht alles täuscht, kommen die beiden binnen kurzem hieher. Alsdann reden wir mit ihnen und verfügen uns gegebenenfalls in die zufällig hochzeitlich geschmückte Kirche hinüber, wo ich die beiden als Mann und Frau zusammengebe. Dazu benötige ich jedoch Eure Hilfe, denn es müssen Zeugen zugegen sein. Könntet Ihr nicht Euren Sohn und dessen Frau dazu überreden?»
«Und ob ich das kann!» Erstaunlich rüstig kam die alte Frau auf die Beine.
Doch der Scholar hielt sie zurück: «Es fehlt noch was, die Ringe. Irgend etwas in der Art sollten wir auftreiben.»
Die Frau überlegte. Sinnend blickte sie auf ihre Linke, an der zwei dünne Eheringe glänzten. Kurz entschlossen streifte sie beide ab und legte sie in seine Hand. «Mein Leben neigt sich dem Ende zu. Ich brauche diese Zeichen der Zweisamkeit nicht mehr, und mein seliger Mann würde es zweifellos billigen, dass ich sie dem jungen Paar auf den Weg mitgebe. Er hatte ein gutes Herz.» Tapfer suchte sie ihrer Gefühle Herr zu bleiben.
Der Scholar verneigte sich gerührt vor der Frau, nahm ihre Hände und drückte einen Kuss darauf.
Allein gelassen, widmete er sich umgehend dem Studium seines bevorstehenden pastoralen Einsatzes.
«Nur kein unsicheres Gestammel!»
Auf- und abgehend deklamierte er flüsternd: «Unser Vater im Himmel spricht: Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Liebe anhangen, und die zwei werden sein ein Leib. Willst du, Söldner Peter von Saas in Bünden, die hier anwesende Magd Elisabeth von Klosters als dein Weib annehmen, sie in Treue lieben und ehren, bis dass der Tod Euch scheidet? Und umgekehrt. In Nomen domini, figli et spirito sanktus erkläre ich Euch als Mann und Frau. – So müsste es gehen. – Unser Vater im Himmel spricht:…ach was! Nicht schon wieder. Ich lese gescheiter etwas vor. Da gibt es doch diese schönen Verse in einem Brief des Apostels Paulus.»
Er zog eine abgegriffene Bibel aus seiner Reisetasche, blätterte darin und las: «‘Wann ich mit Menschen- und Engelszungen redete, hätte aber der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle, und wann ich weissagen könnte, auch alle Geheimnisse und alle Erkanntnus wüsste, ja wenn ich allen Glauben hätte, also dass ich auch Berge versetzte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein Nichts. Und wenn ich all mein Hab zur Nahrung aufteilte und liesse meinen Leib brennen, hätte aber der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.' – Gut. Aber wie komme ich zu einem würdigen Schluss? Mit dem Segen des Aron natürlich! 'Der Herr segne und behüte Euch, er lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch und schenke Euch seinen Frieden. Amen.' Ja, das ist gross und schön. Damit werde ich schliessen.»
Müde setzte er sich an einen Tisch und faltete die Hände um die Bibel: «Herr, vergib, dass ich mir anmasse, Deinen geweihten Diener zu vertreten, und nimm mich gnädig als Dein Werkzeug an. Amen.»
Zufrieden blieb er noch ein Weilchen sitzen, erhob sich dann und schob die Bibel in die Tasche zurück. «Der Zweck heiligt die Mittel. – Wer weiss, gelegentlich doch?»
Da ging leise die Haustüre, dann zögernd auch jene der Stube, und herein trat Lisi, einen etwas verstörten Burschen hinter sich herziehend.
«Willkommen!» grüsste der fahrende Schüler aufgeräumt. «Es freut mich, dass ihr euch einig seid. Setzt euch hier hin, an den Ofen. Wärme ist Leben, und ihr habt es noch vor Euch, das Leben zu zweit! Ich darf doch davon ausgehen, dass ihr eines Sinnes geworden?»
Die beiden nickten und schauten in schüchterner Erwartung zu ihm auf. Glücklicherweise kehrte die Grossmutter zurück. Das Mädchen sprang auf und fiel ihr um den Hals.
«Na, na, es wird ja alles gut.»
Indessen erschien auch der Wirt unter der Türe, mit seinen Hosenträgern beschäftigt. Er wusste nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. «Wenn's denn durchaus sein muss! Ganz wohl ist mir bei dieser überstürzten Geschichte nicht!»
Der Scholar führte ihn geschäftig zu einem Stuhl: «Bitte nehmt Platz. Sein müssen wäre tatsächlich schlecht. Wir jedoch dienen dem freien Willen dieses Paares. Darum bitte ich Euch in aller Form, als Zeuge anwesend zu sein, auf dass alles seine Richtigkeit habe. Kann ich mit Euch rechnen?»
Der Wirt blickte fragend seiner Frau entgegen, die, ihren Schal über der Brust verknotend ebenfalls auf den Plan trat und nickte. Der rätselhafte Fremde geleitete sie höflich zum Stuhl neben ihrem Mann, trat feierlich einen Schritt zurück, sammelte sich mit gefalteten Händen und hub zu predigen an: «Gottes Wege sind unergründlich und wunderbar. Sie führen die Menschen zusammen, auseinander und wieder zusammen. Uns selbst bleibt es anheimgestellt, aus jeder Lebenslage das Beste zu machen, zu tun, was gottgefällig ist und gut. Diese zwei jungen Menschen trafen zusammen, und schon morgen müssen sie wieder auseinandergehn, um sich, so Gott will, dereinst wieder zu treffen und den Weg zu gehen, für den sie sich jetzt vor Gott und uns als Zeugen entscheiden, den Lebensweg zu zweit.»
Die Grossmutter wischte mit dem Saum ihrer Schürze über die Augen, und alle schauten gläubig ergriffen zu ihm auf, der die heimliche Suche nach einem würdigen Schluss seiner Ansprache gedankenvollen Blickes überspielte.
Er redete entschlossen weiter: «So wollen wir uns denn in die Kirche begeben, um diesen Ehebund zu besiegeln und Gottes Segen dafür zu erflehn. Wir tun dies zu ungewohnter Stunde und in ungewohnter Manier, aber guten Gewissens, denn Christus spricht: 'Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.' So erhebet Euch denn, liebe Brautleute, und folget mir vor den Altar, auf dass ich, als unwürdiger Diener im Weinberg des Herrn, aber im Bewusstsein seiner unerschöpflichen Gnade, Euch das heilige Sakrament der Ehe spende.» Theatralisch schlug er seinen Mantel um, griff nach der Bibel und schritt voraus.
Die Wirtin neigte sich fürsorglich der Grossmutter zu: «Für dich ist der Weg zur Kirche hinüber sicher zu beschwerlich. Leg dich zur Ruhe.»
«Ich komme mit!» bestimmte die Alte, und sie reichte ihrer Schwiegertochter den Arm.
Tags darauf sprach die Mutter des kranken Mädchens zeitig im Rathaus vor und erkundigte sich nach dem fahrenden Schüler. Er wurde gerufen und ging ohne weiteres mit.
Das Mädchen war in die Stube gebettet, neben den lauwarmen Ofen, die Luft zum Zerschneiden dick. Der Scholar grüsste die Kranke, zog einen Stuhl ans Bett und setzte sich, ohne abzulegen.
«Du habest einen bösen Husten, sagt deine Mutter», begann er und legte ihr die Hand auf die Stirn.
Da ging’s schon los. Das arme Kind wurde von einem scheusslichen Hustenanfall gepackt und geschüttelt, und es dauerte entsetzlich lange, bis es endlich, nach Atem ringend und halb ohnmächtig zur Ruhe kam.
Der Scholar sass stumm daneben.
Die Mutter lief jammernd in der Stube herum. «So geht's nun schon seit drei Wochen, und nichts will helfen!»
«Habt Ihr jemanden im Dorf, der Heilkräuter sammelt?»
«Einiges an Wurzeln und Kräutern hatte ich selbst, aber nichts schlug an. In der ärgsten Not wenden wir uns jeweils an die Mönche drinnen, doch habe ich das noch hinausgeschoben, da mir Geld gegenwärtig mangelt, und ich wüsste an Zahlung zu geben ausser den zwei Ziegen, von denen wir mehr oder weniger leben. Wenn allerdings Hoffnung bestünde, Maria wäre damit zu helfen, gäbe ich gerne die eine oder beide her. Was ratet denn Ihr? Könnt Ihr uns nicht helfen?»
Wieder erlitt das Mädchen einen Hustenanfall.
Der Scholar wartete dessen Ende ab und reichte der Kranken den Spucknapf. Aufmerksam betrachtete er den Auswurf. Dann stand er auf.
«Euer Mann muss sogleich den Weg zum Kloster hinein unter die Füsse nehmen, dort dem erfahrensten der Mönche das Krankheitsbild Eures Kindes schildern und sich alle Heilkräuter geben lassen, die jener bestimmt. Dann sehen wir weiter.» «Ich gehe selbst», sagte die Frau nach kurzem Besinnen, «und nehme gleich eine der Ziegen mit.»
Während sie sich für den beschwerlichen Weg durch Wälder und Töbel bereitmachte, begann der fahrende Schüler unschlüssig mit seiner Goldmünze zu spielen.
Schliesslich schlug er vor, den Handel versuchsweise anders anzugehen: «Schiebt den Verkauf Eurer Ziege einstweilen hinaus und sucht die Ware auf Abzahlung zu bekommen, indem Ihr hiermit Eure Zahlungsfähigkeit beweist.» Er drückte ihr die Münze in die Hand. «Es ist ein Golddukaten und für solche Einsätze wie geschaffen, denn es kennt kaum jemand seinen Wert. Falls Ihr jedoch nicht um eine sofortige Bezahlung herumkommt, denkt daran, dass dafür zumindest eine gute Kuh zu haben wäre, und lasst Euch ordentlich herausgeben. Viel Glück!»
Die Frau dankte mit vielen Worten und glänzenden Augen, küsste ihre Tochter zum Abschied auf die schweissnasse Stirn und machte sich auf den Weg.
Der Scholar hängte Mantel und Mütze nun doch an einen Nagel und setzte sich wieder ans Krankenbett.
«Arme Mutter», seufzte das Mädchen, «jetzt läuft sie für mich den weiten Weg durch den Schnee. Ob sie dort wirklich etwas bekommt, was mir helfen kann? «
«Der Herrgott lässt manch heilkräftiges Kräutchen wachsen. Vergiss das nicht», suchte der Mann das Kind aufzumuntern und erhob sich.
«Deck dich warm zu, ich möchte die Stube lüften.»
Da er keine Decke fand, breitete er seinen Mantel über das Bett. «Du brauchst frische Luft, und dennoch muss es warm sein hier drinnen. Also müsst ihr ausgiebiger heizen.»
Er kniete vor dem Ofen nieder, legte Holz nach und blies in die schwache Glut.
«Wir sind knapp an Brennholz und müssen einteilen», sagte das Mädchen, aber der Mann schüttelte den Kopf und pustete ausdauernd ins Feuerloch. «Es ist jetzt nicht die richtige Zeit für euch zum Holzsparen. Vielleicht lässt sich diesem Mangel abhelfen. Du brauchst saubere, warme Luft.»
Das Mädchen schwieg und schaute ihm bei seinen Hantierungen zu.
Unvermittelt fragte es: «Muss ich sterben?»
Der Mann erschrak heimlich und schloss langsam den Ofen. Schnell fasste er sich, stand auf, schloss das Fenster wieder und setzte sich an seinen Platz zurück. «Wir alle müssen sterben. Das ist das einzige, was uns mit Sicherheit bevorsteht.»
Das Mädchen wandte sein Gesicht von ihm ab.
Er hob entschuldigend die Schultern und beugte sich vor: «Schau mich an. Ich weiss, dass ich deiner Frage ausgewichen bin. Du möchtest von mir wissen, ob du jetzt schon, also vor der Zeit sterben müssest.»
Jetzt schlug das Mädchen ihre Augen fragend zu ihm auf.
«Meine ehrliche Antwort ist: ich weiss es nicht.» Er musste bei der Wahrheit bleiben. Dieses abgezehrte Menschlein zwang ihn dazu.
«Dann könnt Ihr mir nicht helfen, wie es Mutter erhofft?»
«In der Weise, wie sie es hofft, leider nicht.» Sofort riss er sich aber zusammen und redete mit fester Stimme auf die Kranke ein: «Du darfst dich nicht mit solchen Gedanken plagen, musst leben wollen und dich nicht unterkriegen lassen. Frische Luft, ein sauberes, warmes Bett, regelmässig ein paar Schlucke eines Abgusses aus heilkräftigen Kräutern, gesundes Essen und guter Lebensmut, das hält Leib und Seele zusammen. Glaube mir.»
Das Mädchen drehte sein Gesicht zum Ofen und flüsterte: «Ich habe Angst.»
«Angst? Wovor denn?»
«Vor dem Tod.»
Er griff nach dem heissen Händchen auf der Decke und hielt es fest.
«Schau mich an», bat er, «und hör' mir zu: Du sollst leben wollen, aber zu fürchten brauchst du dich nicht vor dem Tod.»
«Aber was ist dann? Das Fegefeuer, die Hölle!» Das Mädchen entzog ihm seine Hand und schob sie unter die Decke. «Ich, ein sündiger Mensch, in Unehre vaterlos geboren. Nicht einmal meine Grosseltern wollen etwas zu tun haben mit meinem Bruder und mir. Grossvater hat Mutter einmal eine Hure genannt.»
«Du hast einen Bruder? Wo ist er denn?»
«Irgendwo in der weiten Welt, als Reisläufer. Wer weiss wo. Als unehelich Geborener konnte er nirgends unterkommen. Nicht einmal im Bergwerk St. Jakob am Casanner wurde er eingestellt, wo sonst doch jeder entlaufene Hörige willkommen ist und sogar die Freiheit bekommt, wenn er sich ordentlich hält. Aber unser Hans durfte nicht arbeiten dort. Das verstosse gegen die Vorschriften, hiess es. Dabei hätte er willig jede Schinderei und Drecksarbeit auf sich genommen. Die Enttäuschung hat ihn dermassen verletzt und erzürnt, dass ich heimlich froh war, als er davonlief, ohne seine Drohungen wahrgemacht zu haben. Der Mutter drückte es fast das Herz ab. Er war erst fünfzehnjährig. Sie ist ihm weinend bis über Dalvazza hinaus nachgelaufen. Seither warten wir auf seine Heimkehr, aber ich fürchte mich auch davor. Wer weiss denn, ob er nicht immer noch auf Vergeltung sinnt.»
Der Mann versuchte das arme Kind aufzurichten: «Du darfst die Welt nicht zu schwarz sehen. Die meisten unserer Sorgen erweisen sich als unnötig. Immerhin bist du jetzt schon seit einiger Zeit von keinem Hustenanfall mehr gepackt worden, obschon du doch recht viel geredet hast. Das ist auch schon etwas, meinst nicht?»
Er legte Holz nach. «Ruh' dich aus und hör mir zu. Schau, es gibt eben überall engherzige, irrende und dumme Leute. Leider zählen deine Grosseltern offensichtlich dazu, und das ist ihre Sünde, nicht die deine. Aber du musst zugeben, es gibt auch Menschen anderer Art, und an die kannst du dich halten. Denk an deine Mutter, die eben jetzt für dich durch den verschneiten Wald läuft. Letzte Nacht lernte ich einige deiner Dorfgenossen kennen, und es war eine gute Nacht, so hoffe ich. Oh ja, es gibt überall auch gute Menschen, zu unser aller Glück. – Was deinen Bruder betrifft, sei unbesorgt. Eines Tages steht er da in dieser Türe, vielleicht als Fähnrich gar oder so, ist in der Welt herumgekommen, hat vieles erlebt und vieles vergessen, wird geachtet, ja beneidet gar, und alles renkt sich ein, wer weiss.»
«Wer weiss», wiederholte das Mädchen. «Ihr seid sicher ein guter Mensch und weit in der Welt herumgekommen, habt sogar an hohen Schulen studiert, wie die Mutter sagt und wisst über vieles Bescheid. Was geschieht denn mit uns, wenn wir sterben? Wisst Ihr das auch?»
Der Scholar schaute dem Kind lächelnd und mit grosser Zuneigung in die Augen: «Nein, das weiss ich nicht und niemand, denn es ist noch niemand aus dem Jenseits wieder zurückgekommen, ausser Christus selbst, und der versprach, uns im Himmel eine Stätte zu bereiten. – Allerdings kommt es immer wieder vor, dass Menschen, die hart an der Schwelle des Todes gestanden, ins Leben zurückkehren oder zurückkehren müssen, und sie reden von einem grossen Licht, von Freude und himmlischer Musik. Gar so schrecklich braucht das Sterben offenbar nicht zu sein. – Was dich betrifft, so sei gewiss: sollte deine Zeit tatsächlich schon gekommen sein, so wird Gottes Freundlichkeit deiner warten. Davon bin ich überzeugt, wie von seiner Wirklichkeit selbst. Darum sollst du mir glauben.»
Er schaute sich nach einem Tüchlein um, dem Mädchen den Schweiss von der Stirne zu tupfen, fand aber nichts und tat es mit seiner Mütze.
Hierauf setzte er sich wieder ans Bett und fragte: «Soll ich dir etwas aus meinem Leben erzählen? Ermüdet es dich nicht zu sehr?»
«Nein, ja, bitte.»
Des Mädchens Augen hingen förmlich an den Lippen des gütigen Mannes, und dieser begann: «Vor vielen Jahren, – aber sollte ich dich dennoch ermüden, schlaf ruhig ein, versprich mir das. Ich bleibe gerne hier, bis die Mutter zurückkommt, – also: Vor langer Zeit hörte ich einen Seemann erzählen, im hohen Norden sei das Meer der unheimlichen Kälte wegen das ganze Jahr über zugefroren, und auf der dicken Eisdecke leben tatsächlich auch Menschen, hauptsächlich von der Jagd auf Seehunde und Eisbären, deren Pelze sie tragen. Als Unterkünfte bauen sie runde Schneehütten, die sie nur mit ihren Tranlampen heizen. Diese Menschen also, man nennt sie Eskimo, hätten noch nie Krieg geführt gegeneinander, ja in ihrer Sprache gebe es für das, was wir Krieg nennen, wo die Leute planmässig aufeinander losgehen, ohne sich persönlich überhaupt zu kennen, nicht einmal ein Wort.
Ich wollte dieses Volk kennenlernen und heuerte auf einem Schiff an, das auf Walfang auslief. Ein Wal ist ein riesiges Tier, das grösste der Welt, sein Kopf allein fände in dieser Stube bei weitem nicht Platz, sieht aus wie ein dicker Fisch, ist aber keiner, denn dieser schwimmende Meeresriese atmet mit Luft, durch ein einziges Nasenloch auf seiner Stirn und jagt beim Ausatmen kirchturmhohe Dampffontänen gen Himmel, bevor es wieder tief einatmet und für die Zeit mehrerer Vaterunser in der Tiefe des Ozeans verschwindet. Nun denn, auf diese Wale machten wir Jagd, und gelegentlich gingen wir vor dem Polareis, wo wir Schneehütten von Eskimos ausmachten, vor Anker und ruderten zu ihnen hinüber.
So lernte ich sie kennen. Es sind die liebenswürdigsten Leute, die du dir denken kannst. Sie nahmen uns stets freudig auf, teilten mit der grössten Selbstverständlichkeit alle ihre Habseligkeiten und Lebensmittel mit uns und machten sich ebenso selbstverständlich über die unseren her, wundrig wie kleine Kinder. Es war zum Lachen, und sie lachten gerne herzlich mit. – Natürlich kommt es auch unter ihnen gelegentlich zu Reibereien, aber nie für lange. Im allgemeinen leben sie in dieser eisigen Hölle friedlich zusammen. Im Winter ist es dort monatelang dunkel, denn während die Sonne bei uns tiefere und kürzere Bahnen zieht, so dass auch unsere Tage kürzer werden, geht sie dort gar nicht mehr auf.
Ja, ja, es gäbe viel von den Eskimos zu erzählen, doch will ich es für heute bei dem bewenden lassen, was mir den grössten Eindruck gemacht hat: Diese Menschen fürchten sich nicht vor dem Tod, im Gegenteil, sie glauben, ihre Seelen leben danach im Himmel auf dem Nordlicht weiter. Das Nordlicht ist eine fantastische Naturerscheinung: Unabsehbare Flammengarben schiessen lautlos durch den nächtlichen Himmel, breiten sich in allen Farben schillernd aus, fallen in sich zusammen, um sogleich wieder fächerartig vom ganzen Firmament Platz zu ergreifen, sich in den unendlichen Eiswüsten spiegelnd, die in allen Farben zu glitzern beginnen, als wären sie von Milliarden funkelnder Diamanten übersät. In dieser überirdischen Pracht wissen die Eskimos die Seelen ihrer Verstorbenen daheim, und dorthin zu kommen ist ihre freudige Zuversicht. So trauern sie denn auch nicht um sie, im Gegenteil, sie gratulieren ihnen und feiern ein Freudenfest zum Einzug eines Dahingeschiedenen ins leuchtende Reich der Seligen. – So versteht es sich fast von selbst, dass ihre Alten, wenn sie ihre Kräfte schwinden und sich in der Gemeinschaft nutzlos fühlen, ihrer Sehnsucht nachgeben und hinausgehen aufs todbringende Eis, worin sie keinerlei Sünde erblicken. Sie scheiden in Wahrheit hin.»
Der Alte versank in Erinnerungen, den Kopf in die Hände gestützt.
Auch das Mädchen brachte ihre Gedanken nur langsam aus dieser unglaublichen Welt in die Wirklichkeit zurück und fragte dann leise: «Warum seid Ihr nicht bei diesen Menschen geblieben?»
«Ja, warum? Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich bin eben keiner von ihnen.»
«Ich freue mich, dass Ihr nicht bei den Eskimos geblieben seid. – Könntet Ihr nicht hier bleiben, bei uns?» Die Kleine wurde vor Aufregung rot im Gesicht. «Mutter und ich würden Euch aufnehmen wie einen lieben Onkel, der aus der Fremde heimgekehrt ist! Müsst Ihr wieder fort?»
Der Scholar bettete sie sanft ins Kissen zurück. Dann legte er Holz nach und antwortete vom Ofen her: «Einstweilen bleibe ich einmal hier, bis in den Frühling hinein, und ich brauche niemandem zur Last zu fallen, da ich im Rathaus freigehalten werde. Nichts ist mir lieber, als euch öfters zu besuchen.»
Er setzte sich an seinen Platz zurück.
Das Mädchen schaute ihm schweigend ins Gesicht. «Warum müsst Ihr immer weiterziehen?»
«Ja, warum. Das müsstest du unseren Herrgott fragen, der mich so geschaffen und auf diesen Lebensweg gewiesen hat. Weisst, es gibt in der weiten Welt, in den vielen Ländern, Dörfern und Städten so manches, was ich erfahren möchte oder meine, wissen zu müssen, und überall sind auch Menschen, die kennen zu lernen Gewinn und Glück bedeutet für mich, wie eben jetzt die Bekanntschaft mit dir. Gegenwärtig gibt's für mich nichts Wichtigeres, als deine Genesung, und soviel verspreche ich dir: bis du gesund bist, bleibe ich hier. Ist dir das recht?»
«Ich möchte am liebsten, dass du immer hier bleibst, dass Ihr immer hier bleibt, wollte ich sagen.»
Er fasste nach der Hand des Mädchens. «Duze mich ruhig weiterhin, Maria. Ich heisse Ambrosius. Du kannst mich Ambrosi nennen, wie es hier Brauch ist. Nun aber versuch zu schlafen. Ich fürchte, das lange Reden tut dir nicht gut. Darum lasse ich dich jetzt allein und setze mich in die Küche hinaus, bis deine Mutter heimkehrt. Versuch zu schlafen.» Er stand auf, konnte sich aber nicht dazu entschliessen, sogleich wegzugehen, denn das Mädchen blickte ihm unentwegt ins Gesicht.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, fragte er: «Soll ich so etwas wie dein Pate sein, Maria? Wäre dir das recht?»
«Ja!» rief das Mädchen und setzte sich freudig ruckartig auf, doch das war schlecht. Ein fürchterlicher Hustenanfall liess die Kranke kaum noch zu Atem kommen, bis ihr Gesicht blau anlief und der Mann vor Mitleid nicht mehr wusste, wo ein noch aus. Endlich war es vorbei.
«Wenigstens kein Blut, Gott sei Dank», ging es ihm durch den Kopf. «Ein Blutsturz wäre das Ende.»
Er setzte sich, wartete eine Weile und redete dann leise auf das erschöpfte Mädchen ein: «Sprich jetzt nicht, liebe Maria. Bleib ruhig und versuch zu schlafen.» Fürsorglich deckte er sie besser zu. «Der Schlaf ist eine gute Medizin. Darum gehe ich jetzt. Es ist besser so. Richte deiner Mutter aus, der Golddukaten, oder was von ihm übrig ist, sei mein Patengeschenk für dich. Sie möge ihn zu deinem Besten ausgeben, für Brennholz, neues Bettzeug, das häufig gewechselt und ausgekocht werden muss, für alles, was sie gut findet und dich freut. Die grösste Hoffnung dürfen wir in die Heilkräuter aus dem Kloster setzen. Die Premonstratenser sind dafür bekannt, viel davon zu verstehen. Ihr müsst euch genau an ihre Anweisungen halten. Du brauchst gutes, gesundes Essen, allerlei Gedörrtes, Früchte und Obst oder was du sonst gerne magst. Und jetzt ruh dich aus, schlaf lange, ruhig und tief. Ja, so ist's recht», wiederholte er und fuhr in gedämpftem Sing-Sang fort: «Schon spürst du, wie der Schlaf wohlig über dich kommt. Gib dich ihm hin. Schlaf lange und gut, schlaf dich gesund.»
Der Mann schwieg und stellte an den ruhigen Atemzügen des Kindes fest, dass es friedlich eingeschlummert war.
Leise stand er auf. «Es kommt vor, dass ich es bedaure, über keine besonderen Kräfte zu verfügen», flüsterte er und verliess auf Zehenspitzen das Haus.
Es wurde wärmer, und die Dachtraufen gingen Tag und Nacht. Schlug das Wetter um, mischte sich Regen in den grossflockigen Schnee. Langsam kündete der Frühling sich an.
Die Söldner waren längst über alle Berge. Die eigenartige Trauung zu mitternächtlicher Stunde gab zu reden. Kam es im Rathaus dazu, wusste die Grossmutter die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Sie verhehlte ihre Achtung vor dem geheimnisvollen Fremden nicht, im Gegenteil!
Diesen sah man bald hier, bald da, des öftern auch tagelang nirgends, dann tauchte er wieder auf, sass halbe Nächte bei der Grossmutter am Ofen und redete mit ihr über Gott und die Welt. Immer wieder weilte er auch am Bett der kranken Maria, die sich wider Erwarten langsam erholte, und ihre Mutter rühmte den Scholar über alle Massen, wo immer sie Zuhörer fand. So wurde der fahrende Schüler Ambrosius – sein Name hatte sich indessen herumgesprochen – da und dort zu Rate gezogen, und immer nahm er sich Zeit.
