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Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Toni hatte seine Anna nach Kirchwalden gefahren. Dort traf sie sich mit Heidi, Leos Frau, um einen Einkaufsbummel zu machen. Gegen Mittag setzten sie sich in einen Biergarten und bestellten sich eine herzhafte Brotzeit. »Leo hat mir gestern etwas erzählt. Du wirst es kaum glauben, Anna. Er hat Ruppert Schwarzer mit einer Blondine gesehen. Ein ganz tolles Weib. Schwarzer habe sie sehr verliebt angesehen. Er hat sie wohl zu ihrem Auto gebracht. Bevor sie einstieg, haben sie sich lange geküsst.« Anna lachte laut auf, bei der Vorstellung, wie ihr alter Erzfeind verliebt herumturtelt. »Ich denke nicht, dass sie so toll war. Sonst hätte sie nicht mit so einem unguten Typen wie Ruppert Schwarzer angebändelt.« »Anna, warum sollten sich Schwarzer und diese Blondine nicht verliebt haben? Es heißt ja: ›Jeder Topf findet sein Deckelchen‹. Aber ich gebe zu, dass Leo und ich auch verwundert waren.« Anna gab zu bedenken: »Ruppert Schwarzer war immer ein eingefleischter Junggeselle. Er ist viel zu geizig, Frau und Kinder will er nicht, die kosten nur Geld. Er hat sich nie für Frauen interessiert. Seine Leidenschaft ist das Geld.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Toni hatte seine Anna nach Kirchwalden gefahren. Dort traf sie sich mit Heidi, Leos Frau, um einen Einkaufsbummel zu machen. Gegen Mittag setzten sie sich in einen Biergarten und bestellten sich eine herzhafte Brotzeit.
»Leo hat mir gestern etwas erzählt. Du wirst es kaum glauben, Anna. Er hat Ruppert Schwarzer mit einer Blondine gesehen. Ein ganz tolles Weib. Schwarzer habe sie sehr verliebt angesehen. Er hat sie wohl zu ihrem Auto gebracht. Bevor sie einstieg, haben sie sich lange geküsst.«
Anna lachte laut auf, bei der Vorstellung, wie ihr alter Erzfeind verliebt herumturtelt. »Ich denke nicht, dass sie so toll war. Sonst hätte sie nicht mit so einem unguten Typen wie Ruppert Schwarzer angebändelt.«
»Anna, warum sollten sich Schwarzer und diese Blondine nicht verliebt haben? Es heißt ja: ›Jeder Topf findet sein Deckelchen‹. Aber ich gebe zu, dass Leo und ich auch verwundert waren.«
Anna gab zu bedenken: »Ruppert Schwarzer war immer ein eingefleischter Junggeselle. Er ist viel zu geizig, Frau und Kinder will er nicht, die kosten nur Geld. Er hat sich nie für Frauen interessiert. Seine Leidenschaft ist das Geld. Wo Menschen sonst ein Herz haben, da hat der Schwarzer eine Registrierkasse, in der er sein Vermögen hortet. Wenn normale Menschen von Liebe und Zärtlichkeit träumen, träumt er von noch mehr Geld. So ist er eben, Heidi!«
»Vielleicht steckt Geld dahinter? Gleich und gleich gesellt sich gern. Das weißt du, Anna.«
»Stimmt! Schwarzer wird sich nur mit jemand einlassen, der so berechnend ist wie er. Sie hat vielleicht die gleichen Interessen wie er. Oder sie hat etwas, was Schwarzer haben will. Deshalb heuchelt er ihr seine Liebe vor. Wenn er sein Ziel erreicht hat, dann ist sie schnell abserviert. Es ist das alte Spiel. Auf der anderen Seite gibt es Frauen, die nur am Bankkonto des Mannes interessiert sind.«
»Ja, Geld soll ja erotisch sein«, grinste Heidi und verdrehte die Augen.
Die Bedienung brachte ihnen die Brotzeit. Sie aßen.
»Dass Geld für viele Leute sehr erotisch ist, das kann ich bestätigen, Heidi. Ich habe früher in der Bank genug Kunden beraten. Da gab es einige, die sahen aus wie Verliebte, wenn sie ihre Renditen ansahen.«
»Der liebe Gott hat einen großen Tiergarten, Anna.«
»Das stimmt! Vergessen wir Schwarzer! Ich wünsche ihm, dass er die Liebe findet, heiratet, einen Stall voll Kinder bekommt, die ihn auf Trab halten, damit er keine Zeit mehr hat für krumme Dinge.«
Sie lachten.
»Anna, denke an die armen Kinder! Ruppert Schwarzer zum Vater zu haben, das wünsche ich niemandem.«
»So gesehen hast du auch wieder recht, Heidi! Aber jetzt ist Schluss mit den Spekulationen. Was geht uns das Liebesleben Ruppert Schwarzers an? Wir essen zu Ende, dann gehen wir weiter einkaufen!«
»Genauso machen wir es«, lachte Heidi.
Sie prosteten sich zu und tranken.
Toni stand in der Küche am Herd und rührte den Eintopf um. Es regnete, deshalb waren nur wenige Hüttengäste da. Sie saßen im Wirtsraum und spielten Karten.
Der alte Alois saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. »Toni, du gefällst mir heute nicht. Du bist so brummig und verschlossen. Hast du unterwegs mit Anna gestritten? Als ihr zusammen aufgebrochen seid, warst du noch fröhlich. Aber seit du zurück bist, bringst du kaum ein Wort über die Lippen.«
Toni seufzte. »Es gibt da etwas, was mich sehr beschäftigt. Ich kann an nichts anderes denken.«
»Das habe ich mir schon gedacht«, sagte der alte Alois. Er warf eine geschälte Kartoffel in den Eimer mit Wasser. »Du magst nicht drüber reden, oder?«
Toni seufzte. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Entweder tue ich das Ganze als ein Hirngespinst ab und versuche, es zu vergessen. Oder ich sehe schwarze Wolken über der Berghütte, die drohen, sich in einen Sturm zu verwandeln, der hier alles hinwegfegt. Ich bin hin- und hergerissen, Alois.«
»Schwarze Wolken sind nur über dem Gipfel des ›Höllentors‹ bedrohlich. Wenn dunkle Wolken über der Berghütte stehen, sind es ganz gewöhnliche Regenwolken. Die regnen sich aus, und dann ist es wieder gut, danach scheint die Sonne vom blauen Himmel.« Der alte Alois lächelte Toni an. »Toni, nun red schon! Dann ist es dir wieder leichter ums Herz.«
»Na gut«, seufzte Toni. Er ging zum Schrank und holte eine Flasche von Alois’ Selbstgebranntem und zwei Gläser.
»So schlimm?«, fragte Alois.
»Des kannst du gleich selbst entscheiden. Aber halt dich besser schon mal fest! Auf dem Rückweg von Kirchwalden habe ich kurz bei meinen Eltern angehalten. Sie haben mir erzählt, dass über Anna geredet wird. Das heißt, über sie und mich und wahrscheinlich auch dich.«
»Mei, Toni, mach es net so spannend«, brummte Alois.
Toni seufzte wieder. »Gut«, sagte er. »Aber ich warne dich. Du wirst dich aufregen.«
»Herrschaftszeiten, Toni! Red endlich!«
»Am Stammtisch wurde darüber geredet, dass Anna Schwarzgeld schmuggelt.«
Alois, der eine Kartoffel schälte, legte sie behutsam hin. »Wie bitte? Was wurde getratscht? Des musst du wiederholen, Toni! Deine Anna soll Schwarzgeld schmuggeln?«
»Du hast mich also doch verstanden, Alois. Genauso ist es.«
»Schwachsinn! Wer behauptet denn so etwas?«
»Alois, wer des Gerücht verbreitet hat, weiß niemand mehr oder keiner wollte etwas sagen. Jedenfalls soll Anna dabei helfen, illegal große Geldsummen in die Schweiz zu schaffen.«
»Mei, müssen die gestern Abend besoffen gewesen sein, Toni. Jedem muss doch klar sein, dass Anna so etwas nie tun würde und auch schon lange nix mehr mit der Bank zu tun hat, bei der sie mal gearbeitet hat.«
»Sicher, Alois, so ist es. Aber jeder in Waldkogel weiß, dass Anna einige sehr vermögende Privatkunden beraten hatte. Sie hatte Geld für sie angelegt.«
»Und? Das war ihr Beruf. Das war damals in Hamburg. Jetzt ist sie auf der Berghütte und ist hier die Hüttenwirtin und das macht sie gut. Außerdem, wer Anna kennt, weiß, dass sie nie etwas Unrechtes tun würde.«
Toni schenkte zwei Obstler ein. Sie schauten sich an und tranken.
»Und wie soll das gehen mit dem Schwarzgeld?«
Toni nickte. »Genau das wollte ich auch wissen. Deshalb bin ich zu den Bollers gefahren. Du weißt, dass nix in Waldkogel passiert, ohne dass Veronika Boller darüber informiert ist. Ich habe hinter mir den Laden zugeschlossen und von Veronika verlangt, dass sie mir alles erzählt! Alles, wovon sie gehört hat – und das war eine Menge!«
»Mei, mach es nicht so spannend, Toni! Was hat sie erzählt?«
»Es wird gemunkelt, das Schwarzgeld würde im Rucksack über die Berge in die Schweiz gebracht, und Anna würde ihre saftige Provision dafür gleich in der Schweiz lassen.«
»So ein Schmarrn! Um das zu tun, müsste man besser klettern können als die Anna. Also, mach dir nix draus! Da hat sich einer mit zu viel Bier das Gehirn vernebelt und ist dabei auf saudumme Gedanken gekommen.«
Toni schüttelte den Kopf. »Es heißt, Anna würde es nur einfädeln für die reichen Leute aus Hamburg, die sie von früher kennt. Sie geben ihr das Bargeld. Und ich bringe es über die Berge. Anna fährt mit dem Auto ganz normal in die Schweiz. Dort treffen wir uns, und Anna bringt das Geld auf die Bank. Sie hätte dort gute Verbindungen, aus ihrer Zeit bei der Bank in Hamburg.«
»Und wer hat diesen gefährlichen Blödsinn behauptet?«
»Das wusste Veronika nicht«, sagte Toni. »Jedenfalls wird hinter vorgehaltener Hand gesagt, wir führten die Berghütte nur als Tarnung. In Wirklichkeit verdienten wir mit diesen Nebengeschäften viel Geld.«
»Was soll der Schwachsinn?«, stieß der alte Alois hervor. »Du und ich, wir wissen, dass des net so ist, Toni. Das ist übelste Nachrede!«
»Das ist es, Alois! Aber es kommt noch viel mehr hinzu. Die Phantasie geht mit den Waldkogelern durch, net mit allen, aber mit vielen. Sie wissen plötzlich, warum Anna mir damals geholfen hatte, deine Berghütte zu übernehmen.«
»Aus Liebe!«, stieß der alte Alois hervor.
»Du weißt es, ich weiß es, und noch ein paar Leute wissen es. Erinnerst dich, wie damals in Waldkogel gewettet wurde, dass aus Anna und mir kein Paar würde? Warum sollte die feine, studierte Bankerin aus Hamburg den Toni nehmen? Ich habe nie einen richtigen Beruf erlernt und bin ein einfacher Bergler. Jetzt kennen sie angeblich den Grund: Anna wollte ein ruhiges Plätzchen haben, damit sie ungestört ihre Geschäfte abwickeln kann. Das sei der Grund dafür gewesen, dass sie mich geheiratet hat, hat Veronika von den Leuten gehört.«
Toni trank einen Obstler. Er seufzte. »In deren Augen spricht alles dafür, dass wir uns für eine Zweckehe zusammengetan hätten. Ich hätte Anna geheiratet, weil ich Hüttenwirt werden wollte, aber kein Geld hatte. Und Anna hätte eine einfache Möglichkeit gefunden, Geld in die Schweiz zu schmuggeln.« Toni schenkte sich noch einen Obstler ein.
»Dich nimmt die Sache ganz schön mit, Toni, wie?«
Toni nickte und trank. Er wischte sich mit dem Handrücken die Lippen ab. »Das tut es, Alois. Aber es kommt noch schlimmer. Veronika sagt, dass die Leute noch mehr reden. In Wirklichkeit wären wir gar kein richtiges Ehepaar. Dass wir Franziska und Sebastian adoptiert haben, das sei nur Tarnung. Anna und ich könnten keine eigenen Kinder haben, weil wir nur auf dem Papier eine Ehe führen. Du kannst dir denken, was sie damit meinen.«
Toni wollte sich noch einen Obstler einschenken.
»Es reicht jetzt, Toni!«, sagte der alte Alois und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Du lässt dich net volllaufen, wegen so einem Schmarrn! Denkst du, ich schaue dabei zu und kann die ganze Arbeit alleine machen, bis Anna gegen Abend kommt. Nix da!«
Der alte Alois stand auf und nahm Toni die Schnapsflasche aus den Händen. Er holte einen Becher und schenkte Toni einen Kaffee ein. »Toni, ich verstehe, dass dieses boshafte Gerede dich tief getroffen hat. Wenn ich wüsste, wer so einen Schmarrn verbreitet, dem würde ich eine Abreibung geben, wie er sie noch nie in seinem Leben bekommen hat. So ein Schmarrn!«
»Es ist Unsinn, Alois. Dennoch hat sich das jemand fein ausgedacht. Es passt alles zusammen: Annas damaliger Job im Anlagegeschäft, ihre überraschende Entscheidung für ein Leben bei mir auf der Berghütte, unsere Ehe ist kinderlos und wir haben recht bald die Kinder adoptiert. Das stimmt ja alles.«
»Das stimmt, Toni! So gesehen passt alles zusammen. Es greift nahtlos ineinander, wenn es einer so deuten will.« Der alte Alois seufzte. »Bargeld im Rucksack in die Schweiz zu schmuggeln, des ist möglich, Toni. Es gibt viele Wege, hochalpine Touren, die nur Einheimischen bekannt sind. Ich denke, zumindest die Älteren in Waldkogel kennen sie.«
»Hinzu kommt, dass die Steuerfahndung im Augenblick überall am Werk ist. Die Zeitungen sind voll davon. Da passt dieses Gerede gut hinein. Der Zoll ertappt jeden Tag Leute an der Grenze, die große Mengen Bargeld in die Schweiz schmuggeln wollen. Aber meine Anna und ich, wir haben doch damit nix zu tun. Ich überlege, ob ich Anzeige wegen übler Nachrede stellen soll. Ich kann es kaum erwarten, bis Anna heute Abend wieder hier ist. Ich wollte sie nicht anrufen und ihr den schönen Tag mit Heidi verderben.«
Der alte Alois schüttelte den Kopf. »Bist du narrisch, Toni? Willst du noch Öl ins Feuer gießen? Nix machst du! Ich bin mir sicher, dass die Anna das auch so sieht. Geht einfach drüber weg und tut so, als ginge euch dieser Blödsinn gar nichts an.«
»Das ist einfach gesagt, Alois. Ich koche innerlich vor Wut und Zorn.«
»Das glaube ich. Es ist auch ein Schlag unter die Gürtellinie. Entweder ist die Sache wirklich im Suff entstanden ...«, der alte Alois rieb sich das Kinn, »... oder jemand hat das Gerücht bewusst in Umlauf gebracht.«
»Warum? Warum tut jemand so etwas?«, fragte Toni mit Verzweiflung in der Stimme.
Der alte Alois lachte. »Was soll die Frage, Toni? Die kannst du dir doch selbst beantworten. Neid ist es! Neid und Missgunst sind die Triebfedern für so manche Gemeinheit. Jeder sieht es euch an, wie glücklich ihr seid. Basti und Franzi fühlen sich wohl bei euch. Sie wollten, dass ihr sie adoptiert. Sie wollten, dass sie Baumberger heißen. Die beiden sind gut in der Schule und überall beliebt. Das wurmt einige Leut. Ich glaube an das Gute im Menschen, aber ich sage dir auch, dass es einige Zeitgenossen gibt, die net aus einer guten Kinderstube stammen. Sie sind faul, missgönnen und neiden aber jedem sein Glück und seinen Familienfrieden.«
Toni nickte und trank einen Schluck Kaffee.
Der alte Alois seufzte. »Leider ist es auf der Welt so, dass man immer zuerst dem glaubt, der am lautesten schreit«, sagte Alois. »Das ist das Elend, Toni. Wer am lautesten brüllt, dem laufen alle hinterher – wie dem Rattenfänger von Hameln.«
»Willst du damit sagen, dass die meisten Waldkogeler es glauben?«
Der alte Alois zog die Stirn in Falten und wiegte den Kopf hin und her. »Des kann schon möglich sein. Die Geschichte hört sich ganz logisch an.«
»Aber jeder hier in Waldkogel kennt mich doch, seit ich ein kleiner Bub war. Sie wissen, dass ich mir nie etwas zuschulden habe kommen lassen. Und sie kennen Anna.«
Der alte Alois holte sich ebenfalls einen Becher Kaffee. »Ach, Toni, vielleicht hört das Gerede bald auf. Jede Woche wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Das Getratsche wird ihnen irgendwann langweilig werden und abebben. Du und Anna, ihr müsst Geduld haben, viel Geduld.«
Toni runzelte die Stirn. Er sah dem alten Alois in die Augen. »Du meinst, das kann dauern?«
»Ja, das will ich damit sagen. Es wird immer Leut geben, die die Sache wieder aufwärmen. Aber des sollte an euch beiden abperlen. Ihr habt ein reines Gewissen, und das ist bekanntlich ein sanftes Ruhekissen, Toni.«
»So sagt man, Alois. Im Augenblick bin ich gar nicht ruhig, weiß Gott. In meinem Kopf dreht sich alles.«
Der alte Alois stand auf. Er legte einige Holzscheite in den Küchenherd und rührte den Eintopf um. Dann schaute er aus dem Fenster.
»Es hat aufgehört zu regnen, Toni. Gleich kommt die Sonne heraus.«
»Es kann ruhig weiter regnen. Das passt zu meiner Stimmung«, brummte Toni.
In dem Augenblick verzogen sich die letzten Wolken und die Sonne strahlte über den Bergen von Waldkogel.
Der alte Alois setzte sich wieder. Er trank einen Schluck Kaffee.
»Toni, was sagst du den Hüttengästen, wenn sie Kummer haben?«
Toni zuckte mit den Schultern. »Was soll ich schon sagen? Ich weiß nicht, was du meinst.«
Der alte Alois schüttelte den Kopf. Er war erschüttert.
»Dann steht es wirklich sehr schlecht um dich, Toni, wenn du dich nimmer erinnerst, was du den Hüttengästen predigst.«
Der alte Alois stand auf, ergriff einen der Proviantsäcke, die an der Wand hinter der Tür hingen und legte ihn auf den Tisch.
»Toni, du schickst jeden in die Berge und gibst ihnen Proviant mit. Du sagst, sie sollen auf die Stimme der Berge hören. Die Berge geben Ruhe und Frieden ins Herz. Das sage ich jetzt dir. Du nimmst dir jetzt Proviant und gehst rauf zum ›Pilgerpfad‹! Das ist ein guter, heiliger Weg. Auf ihm sind, über viele Jahrhunderte, die Pilger mit Kummer, Sorgen und Nöten im Herzen entlanggewandert, auf dem Weg in die Heilige Stadt. Ich bin sicher, dass sie bereits unterwegs den Frieden im Herzen gespürt haben. Jetzt ist es dein Weg, Toni. Meinetwegen kannst du auch in einer Schutzhütte am ›Pilgerweg‹ übernachten und heute Nacht den Engeln auf dem ›Engelssteig‹ dein Herz ausschütten.«
Er stellte sich neben Toni und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Toni, ich komme hier schon zurecht, und am Abend ist Anna da. Ich rede mit ihr, wenn die Kinder im Bett sind. Du gehst jetzt ein bisserl wandern.«
Toni wollte etwas einwenden. Aber der alte Alois bestand darauf, dass er ging.
