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Lee Fiora, Tochter eines Matratzenhändlers aus Indiana, ist vierzehn, als ihr der Hochglanzprospekt einer Bostoner Eliteschule namens Ault in die Hände fällt. Beeindruckt von der Welt der Reichen und Schönen, bewirbt sie sich um eines der raren Stipendien – mit Erfolg. Doch bald muss sie feststellen, dass die Realität im Internat anders aussieht als in ihren Träumen: Zu Hause gilt sie als lustig, talentiert, selbstbewusst, in Ault ist sie ein Niemand. Die Eltern fast aller ihrer Mitschüler sind obszön reich, und Lee versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie kein Geld hat. Angezogen und zugleich abgestoßen von ihren privilegierten und selbstsicher wirkenden Mitschülern wird sie zur Außenseiterin, zur Expertin im Unsichtbarsein. Dabei beobachtet sie ihre Umgebung genau. Nach und nach schließt sie Freundschaften und verliebt sich sogar, doch ausgerechnet kurz vor dem Abschluss droht ihr alles zu entgleiten. Messerscharf schildert Curtis Sittenfeld die Abgründe des Teenagerdaseins und was es heißt, seinen Platz im Leben zu finden.
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Seitenzahl: 852
Veröffentlichungsjahr: 2026
Lee Fiora, Tochter eines Matratzenhändlers aus Indiana, ist vierzehn, als ihr der Hochglanzprospekt einer Bostoner Eliteschule namens Ault in die Hände fällt. Beeindruckt von der Welt der Reichen und Schönen bewirbt sie sich um eines der raren Stipendien – mit Erfolg. Doch bald muss sie feststellen, dass die Realität im Internat anders aussieht als in ihren Träumen: Zu Hause gilt sie als lustig, talentiert, selbstbewusst, in Ault ist sie ein Niemand. Die Eltern fast aller ihrer Mitschüler sind obszön reich, und Lee versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie kein Geld hat. Angezogen und zugleich abgestoßen von ihren privilegierten und selbstsicher wirkenden Mitschülern wird sie zur Außenseiterin, zur Expertin im Unsichtbarsein. Dabei beobachtet sie ihre Umgebung genau. Nach und nach schließt sie Freundschaften und verliebt sich sogar, doch ausgerechnet kurz vor dem Abschluss droht ihr alles zu entgleiten.
Messerscharf schildert Curtis Sittenfeld die Abgründe des Teenagerdaseins und erzählt davon, was es heißt, seinen Platz im Leben zu finden.
© Jenn Ackerman
Curtis Sittenfeld, geboren 1975, veröffentlichte 2005 ihren Debütroman ›Prep‹. Sie ist die Autorin von insgesamt sieben Romanen und zwei Bänden mit Kurzgeschichten. Ihre Werke standen auf der New-York-Times-Bestsellerliste und wurden in dreißig Sprachen übersetzt.
Verena von Koskull, Jahrgang 1970, studierte Italienisch und Englisch für Übersetzer sowie Kunstgeschichte. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt u. a. mit dem Preis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung.
Curtis Sittenfeld
Prep
Roman
Aus dem Englischen von Verena von Koskull
Von Curtis Sittenfeld sind bei DuMont außerdem erschienen:
Romantic Comedy
Mittelalte Frauen
Neuausgabe in aktualisierter Übersetzung
In Deutschland erstmalig erschienen unter dem Titel ›Eine Klasse für sich‹ (2006) bei Aufbau, Berlin.
E-Book 2026
DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten.
Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Copyright © 2005 by Curtis Sittenfeld
Die englische Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel ›Prep‹ bei Random House, New York.
© 2026 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]
Übersetzung: Verena von Koskull
Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln
Umschlagabbildung: Courtyard Walk © Tiffany Soto
Satz: Fagott, Ffm
E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN E-Book 978-3-7558-1201-2
www.dumont-buchverlag.de
Für meine Eltern Paul und Betsy Sittenfeld,
für meine Schwestern Tiernan und Josephine
und für meinen Bruder P. G.
1
Diebe
Freshman-Herbst
Ich glaube, alles oder zumindest der Teil von allem, der mich betrifft, begann mit einem Missverständnis in römischer Architektur. Alte Geschichte war meine erste Stunde nach der Morgenandacht und der Anwesenheitsprüfung, die eigentlich keine Anwesenheitsprüfung war, sondern eine Art morgendliche Mitteilungsversammlung, die in einem riesigen Saal mit sechs Meter hohen palladianischen Fenstern und endlosen Reihen aufklappbarer Schulpulte und Mahagonitafeln an den Wänden stattfand, in die die Namen sämtlicher Abgänger seit der Schulgründung 1882 eingraviert waren. Die Morgenversammlung wurde von zwei Aufsichtsschülern, den Senior Prefects, geleitet, die auf einem Podium hinter einem Katheder standen und aufriefen, wer sich zuvor mit einer Mitteilung angemeldet hatte. Da die Sitzplätze nach dem Alphabet verteilt waren, saß ich direkt vor dem Podest, und weil ich mit meinen umsitzenden Klassenkameraden nicht redete, brachte ich den Leerlauf vor Beginn der Morgenversammlung damit zu, den Prefects zuzuhören, die sich mit ein paar Lehrern und Schülern besprachen. Die Prefects hießen Henry Thorpe und Gates Medkowski. Es war meine vierte Woche in Ault, und obwohl ich noch nicht viel darüber wusste, so doch immerhin, dass Gates der erste weibliche Prefect der Schulgeschichte war.
Die Bekanntgaben der Lehrer waren knapp und geradeheraus: »Bitte denkt dran, dass ihr eure Beratungsanträge bis Donnerstagnachmittag abgeben müsst.« Die der Schüler dagegen langatmig – je länger die Morgenversammlung dauerte, desto kürzer wurde die erste Stunde – und gespickt mit Zweideutigkeiten: »Das Jungenfußballtraining findet heute auf dem Coates Field statt, das ist hinter dem Haus des Direktors, falls ihr’s nicht wissen solltet. Solltet ihr tatsächlich nicht wissen, wo das ist, fragt Fred. Fred, wo bist du? Kannst du mal die Hand heben, Mann? Da ist Fred. Hat ihn jeder gesehen? Okay, also Coates Field. Und denkt dran – Taschenbillard ist nichts dagegen.«
Als alle Mitteilungen gemacht waren, drückte Henry oder Gates auf einen seitlich am Pult angebrachten Klingelknopf, ein Läuten gellte durch das Schulgebäude, und alle schlurften in ihre Klassen. In Alter Geschichte mussten wir zu verschiedenen Themen Referate halten, und an dem Tag war ich an der Reihe. Aus einem Buch der Bibliothek hatte ich mir Bilder vom Kolosseum, dem Pantheon und den Thermen des Diokletian herauskopiert, sie auf eine Pappe geklebt und die Konturen mit grünen und gelben Markern nachgezeichnet. Am Abend vorher hatte ich mich zum Üben im Gemeinschaftsbad vor den Spiegel gestellt, doch dann war jemand hereingekommen, und ich hatte so getan, als würde ich mir die Hände waschen, und war gegangen.
Ich war die Dritte; vor mir kam Jamie Lorison dran. Mrs van der Hoef hatte vorn ein Stehpult hingestellt, und nun stand Jamie dahinter und umklammerte krampfhaft seine Karteikarten. »Dem Genie römischer Architekten ist es zu verdanken«, fing er an, »dass viele der vor mehr als zweitausend Jahren von ihnen erdachten Bauwerke bis heute von uns besichtigt und bewundert werden können.«
Mir rutschte das Herz in die Hose. Das Genie römischer Architekten war mein Thema, nicht Jamies. Obwohl mir einige Sätze bekannt vorkamen, konnte ich ihm kaum folgen: die Aquädukte, die als Wasserleitungen dienten … das Kolosseum, welches ursprünglich Amphitheatrum Flavium hieß …
Mrs van der Hoef stand links neben mir, und ich beugte mich zu ihr hinüber und flüsterte: »Entschuldigung.«
Sie schien mich nicht zu hören.
»Mrs van der Hoef?« Ich streckte meine Hand aus, um – rückblickend empfand ich diese Geste als besonders demütigend – ihren Unterarm zu berühren. Sie trug ein kastanienbraunes Seidenkleid mit Kragen und einem spillerigen braunen Gürtelchen, und obwohl meine Fingerspitzen die Seide nur streiften, zuckte sie zurück, als hätte ich sie gekniffen. Kopfschüttelnd starrte sie mich an und trat ein paar Schritte zur Seite.
»Nun würde ich gern noch ein paar Bilder herumgeben«, hörte ich Jamie sagen. Er hob einen Stapel Bücher vom Boden. Als er sie aufschlug, waren darin dieselben Bauwerke in Farbe zu sehen, die ich schwarz-weiß kopiert und auf Pappe geklebt hatte.
Dann war er mit seinem Referat fertig. Bis zu jenem Tag hatte ich zu Jamie Lorison, einem rothaarigen, dürren, geräuschvoll atmenden Jungen, keinerlei Meinung gehabt, doch als er sich nun mit milde selbstgefälliger Miene wieder setzte, hasste ich ihn.
»Lee Fiora, soweit ich weiß, sind Sie jetzt dran«, sagte Mrs van der Hoef.
»Ja, also, die Sache ist die«, fing ich an, »ich glaub, es gibt da ein Problem.«
Ich spürte, wie meine Klassenkameraden mich mit wachsender Neugier musterten. Unter anderem rühmte sich Ault seines Lehrer-Schüler-Verhältnisses, und unsere Klasse bestand nur aus zwölf Leuten. Doch als alle Augen plötzlich auf mich gerichtet waren, erschien mir das alles andere als wenig.
»Ich kann einfach nicht«, brachte ich schließlich heraus.
»Wie bitte?« Mrs van der Hoef war Ende fünfzig, groß, dünn und hatte eine knochige Nase. Angeblich war sie die Witwe eines berühmten Archäologen, soweit es denn berühmte Archäologen gibt.
»Na ja, mein Thema ist – oder war eigentlich – ich dachte, ich sollte über – aber jetzt, wo Jamie schon, ist das vielleicht –«
»Ich kann Ihnen nicht folgen, Miss Fiora«, sagte Mrs van der Hoef. »Bitte drücken Sie sich klarer aus.«
»Wenn ich meinen Vortrag halte, dann sage ich das Gleiche wie Jamie.«
»Sie haben doch ein ganz anderes Thema.«
»Aber ich rede auch über Architektur.«
Sie ging zu ihrem Pult und fuhr mit dem Finger durch eine Liste. Während unserer Unterhaltung hatte ich sie die ganze Zeit angesehen, und jetzt, da sie sich abgewandt hatte, wusste ich nicht, wo ich meinen Blick lassen sollte. Meine Mitschüler starrten mich noch immer an. In diesem Schuljahr hatte ich in der Klasse bisher nur den Mund aufgemacht, wenn ich gefragt worden war, und das war nicht oft gewesen. Die anderen Ault-Schüler brachten sich mit Begeisterung ein. In meiner Junior High School daheim in South Bend, Indiana, hatte der Unterricht oft eher einem angeregten Zwiegespräch zwischen mir und dem Lehrer geähnelt, derweil der Rest der Klasse vor sich hingedöst und Männchen gemalt hatte. Hier hingegen war meine Teilnahme am Unterricht nichts Besonderes. Ich selbst war hier nichts Besonderes. Und jetzt offenbarte ich mich in meiner bislang längsten Rede auch noch als abartig und bekloppt.
»Sie reden nicht über Architektur«, sagte Mrs van der Hoef. »Sie reden über Leichtathletik.«
»Leichtathletik?«, wiederholte ich. Nicht im Traum hätte ich mich für so ein Thema gemeldet.
Sie hielt mir ein Blatt hin, auf dem in ihrer Handschrift mein Name stand: Lee Fiora – Leichtathletik, direkt unter James Lorison – Architektur. Wir hatten uns mit Handzeichen für ein Thema gemeldet, und offenbar hatte sie mich missverstanden.
»Ich könnte auch Leichtathletik machen«, sagte ich unsicher. »Morgen vielleicht.«
»Wollen Sie damit sagen, dass die morgigen Referenten wegen Ihnen auf einen Teil ihrer Redezeit verzichten sollen?«
»Nein, nein, natürlich nicht. Aber vielleicht ein anderes Mal, oder vielleicht – jederzeit. Nur nicht heute. Heute kann ich nur über Architektur reden.«
»Dann reden Sie eben über Architektur. Bitte, treten Sie nach vorn!«
Ich glotzte sie an. »Aber das hat Jamie doch schon gemacht.«
»Miss Fiora, Sie vergeuden wertvolle Unterrichtszeit.«
Als ich aufstand und mein Heft und die Schaupappe zusammenraffte, kam mir der Gedanke, dass es ein riesiger Fehler gewesen war, nach Ault zu kommen. Ich würde niemals Freunde finden. Bei meinen Mitschülern konnte ich allenfalls auf Mitleid hoffen. Dass ich anders war als sie, hatte ich schon längst kapiert, doch hatte ich gehofft, so lange in Deckung bleiben zu können, bis ich sie einigermaßen durchschaut hatte und mich anpassen konnte. Jetzt war ich aufgeflogen.
Ich klammerte mich an das Stehpult und starrte auf meine Notizen. »Eines der bekanntesten Beispiele römischer Architektur ist das Kolosseum«, fing ich an. »Man vermutet, dass sein Name auf eine große Statue des Kolosses von Kaiser Nero zurückgeht, die ganz in der Nähe stand.« Ich sah von meinen Stichpunkten auf. Die Gesichter meiner Klassenkameraden waren weder freundlich noch unfreundlich, weder ermunternd noch abweisend, weder interessiert noch gelangweilt.
»Im Kolosseum hielten der Kaiser oder andere Adlige Spiele ab. Am beliebtesten war –« Ich brach ab. Seit meiner frühesten Kindheit spürte ich es immer zuerst im Kinn, wenn ich heulen musste, und in diesem Moment bebte es. Doch auf keinen Fall wollte ich vor Fremden in Tränen ausbrechen. »Entschuldigung«, murmelte ich und stürzte aus dem Klassenraum.
Auf der anderen Seite des Flurs war ein Mädchenklo, doch dort hätte man mich bestimmt sofort gefunden. Also floh ich ins Treppenhaus, rannte die Stufen hinunter ins Erdgeschoss und schlüpfte durch eine Seitentür hinaus. Draußen war es sonnig und kühl, und da fast alle Unterricht hatten, war der Campus angenehm leer. Ich stolperte zu meinem Wohnhaus. Vielleicht sollte ich einfach abhauen: Ich würde bis nach Boston trampen, dort in einen Bus steigen und nach Indiana zurückfahren. Der Herbst im Mittleren Westen wäre schön, aber so schön nun auch wieder nicht – nicht wie in Neuengland, wo man Laubwerk statt Blätter sagte. Daheim in South Bend würden meine kleinen Brüder abends im Hof herumkicken und nach Jungenschweiß riechen, wenn sie zum Abendbrot reinkämen. Sie würden sich Halloween-Kostüme ausdenken, und mein Vater würde den Kürbis aushöhlen, dabei mit dem Messer herumfuchteln und mit verzerrter Fratze nach meinen Brüdern ausholen, die kreischend ins nächste Zimmer flüchteten, und meine Mutter würde sagen: »Hör auf, ihnen Angst zu machen, Terry!«
Ich erreichte den Hof. Das Broussard-Haus war eines von acht quadratisch angeordneten Wohnheimen auf der Ostseite des Campus, vier Jungen- und vier Mädchenhäuser, in deren Mitte mehrere Granitbänke standen. Von meinem Fenster aus konnte ich bei den Bänken oft Pärchen sehen: Der Junge sitzend, mit gespreizten Beinen, dazwischenstehend das Mädchen, die Hände flüchtig auf seine Schultern gelegt, um sie im nächsten Moment auflachend wieder zurückzuziehen. Jetzt war nur eine der Bänke besetzt. Ein Mädchen in Cowboystiefeln und einem langen Rock lag dort auf dem Rücken, ein Bein halb angezogen, einen Arm über die Augen gelegt.
Als ich vorbeikam, hob sie den Arm. Es war Gates Medkowski.
»Hey«, sagte sie.
Fast hätten sich unsere Blicke getroffen, aber nur fast. Ich war mir nicht sicher, ob sie tatsächlich mich meinte. So ging es mir oft, wenn ich angesprochen wurde. Ich lief weiter.
»Hey«, sagte sie noch einmal. »Was glaubst du, mit wem ich rede? Außer uns ist hier weit und breit niemand.« Doch ihre Stimme klang freundlich dabei; sie machte sich nicht über mich lustig.
»Entschuldige«, sagte ich.
»Bist du ein Freshman?«
Ich nickte.
»Bist du gerade unterwegs auf dein Zimmer?«
Ich nickte wieder.
»Vielleicht weißt du’s noch nicht, aber während des Unterrichts ist es verboten, aufs Zimmer zu gehen.« Sie schwang die Beine von der Bank und setzte sich auf. »Das gilt für uns alle. Aus unerfindlichen, mir vollkommen schleierhaften Gründen. Seniors dürfen sich zwar frei bewegen, aber nur draußen, in der Bibliothek oder in der Poststelle; total albern.«
Ich schwieg.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie.
»Ja«, antwortete ich und brach in Tränen aus.
»Ach du liebes bisschen, ich wollte dir keine Angst machen. Komm, setz dich hierher!« Sie klopfte auf den Platz neben sich, stand auf, kam auf mich zu, legte mir den Arm um die Schultern – meine Schultern bebten – und führte mich zurück zur Bank. Als wir saßen, drückte sie mir ein blaues, nach Räucherstäbchen duftendes Stofftaschentuch in die Hand, und obwohl ich vor Tränen kaum aus den Augen gucken konnte, fand ich es einigermaßen erstaunlich, dass sie so etwas bei sich hatte. Ich traute mich kaum, mir die Nase zu putzen – Gates Medkowskis Taschentuch wäre voll gewesen mit meinem Rotz –, doch mein ganzes Gesicht schien zu zerlaufen.
»Wie heißt du?«, fragte sie.
»Lee.« Meine Stimme klang dünn und zittrig.
»Was ist denn passiert? Warum sitzt du nicht im Unterricht oder im Lesesaal?«
»Gar nichts.«
Sie lachte. »Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie nehme ich dir das nicht ab.«
»Die van der Hoef spielt gern den Drachen«, sagte sie, als ich ihr erzählte, was vorgefallen war. »Keine Ahnung, wieso. Vielleicht sind’s die Wechseljahre. Aber eigentlich ist sie ziemlich in Ordnung.«
»Ich glaub, sie kann mich nicht leiden.«
»Ach, mach dir keinen Kopf. Das Schuljahr hat doch gerade erst angefangen. Im November hat die das alles längst vergessen.«
»Aber ich bin einfach aus dem Unterricht gerannt«, sagte ich.
Gates wischte mit der Hand durch die Luft. »Vergiss es! Die Lehrer hier haben schon alles erlebt. Wir halten uns immer für ganz besondere Individuen, aber in ihren Augen verschmelzen wir zu einem einzigen Klumpen pubertären Elends. Weißt du, was ich meine?«
Ich nickte, obwohl ich so gut wie keinen Schimmer hatte; noch nie hatte jemand, der nicht viel älter war als ich, so mit mir geredet.
»Ault kann ziemlich hart sein«, sagte sie. »Vor allem am Anfang.«
Sofort schossen mir wieder die Tränen in die Augen. Sie wusste Bescheid. Ich blinzelte mehrmals.
»Das geht jedem so«, sagte sie.
Ich sah sie an und bemerkte zum ersten Mal, wie attraktiv sie war: nicht wirklich hübsch, aber apart, irgendwie gut aussehend. Sie war fast einen Meter achtzig groß, mit heller Haut, feinen Zügen, verwaschen blauen, beinahe grauen Augen und einer hellbraunen, langen, stufig geschnittenen drahtigen Mähne, die im Sonnenlicht golden schimmerte. Während wir uns unterhielten, band sie das Haar zu einem lockeren Knoten hoch, aus dem einzelne kürzere Strähnen herausfielen und ihr Gesicht umrahmten. Wenn ich einen so perfekt wuscheligen Knoten hinkriegen wollte, bedeutete das eine gute Viertelstunde Herumgefummel vor dem Spiegel. Bei Gates wirkte alles total mühelos.
»Ich bin aus Idaho, und als ich hierherkam, war ich ein echtes Landei«, sagte sie. »Ich bin praktisch auf dem Traktor vorgefahren.«
»Ich komme aus Indiana.«
»Siehst du, du bist bestimmt viel cooler als ich, immerhin ist Indiana näher an der Ostküste als Idaho.«
»Aber die Leute hier waren doch alle schon mal in Idaho, zum Skifahren.« Ich wusste das, weil Dede Schwartz, eine meiner Zimmergenossinnen, ein gerahmtes Foto auf dem Schreibtisch stehen hatte, das ihre sonnenbebrillte Familie mit Skistöcken in der Hand auf einer verschneiten Piste zeigte. Als ich sie gefragt hatte, wo das sei, war die Antwort Sun Valley gewesen, und als ich Sun Valley dann in meinem Atlas nachgeschlagen hatte, hatte ich festgestellt, dass es in Idaho lag.
»Stimmt«, sagte Gates. »Aber ich komme nicht aus den Bergen. Wie dem auch sei, was du unbedingt im Kopf behalten musst, ist, warum du dich überhaupt in Ault beworben hast. Es ist wegen der Fächer, stimmt’s? Ich weiß nicht, wo du vorher warst, aber gegen Ault kann die staatliche High School bei mir zu Hause nicht anstinken. Und was die politischen Ansichten hier betrifft: Was soll man machen? Hier gibt’s ’ne Menge Rumgepose, aber am Ende steckt kaum was dahinter.«
Ich war mir nicht ganz sicher, was sie mit Rumgepose meinte – ich sah eine Reihe Mädchen in langen weißen Nachthemden vor mir, die kerzengerade dastanden und dicke Bücher auf ihren Köpfen balancierten.
Gates sah auf ihre Uhr, eine sportliche Männeruhr mit schwarzem Plastikarmband. »Also«, sagte sie, »ich muss jetzt los. Ich hab Griechisch in der zweiten. Was hast du als Nächstes?«
»Algebra. Aber ich hab meinen Rucksack in Alter Geschichte gelassen.«
»Geh ihn einfach holen, wenn’s klingelt. Und mach dir keinen Kopf wegen der van der Hoef! Du kannst später mit ihr reden, wenn ihr euch beide wieder ein bisschen eingekriegt habt.«
Sie stand auf, und ich folgte ihr. Langsam schlenderten wir zum Schulgebäude zurück – es sah also nicht so aus, als würde ich nach South Bend zurückkehren, zumindest nicht heute. Wir kamen am Morgenversammlungssaal vorbei, der während der Unterrichtsstunden als Lesesaal fungierte. Ich fragte mich, ob irgendein Schüler wohl gerade aus dem Fenster blickte und mich mit Gates Medkowski vorbeigehen sah.
Es war kurz nach der Abendkontrolle, als Dede die Entdeckung machte. Sie hatte gerade ihre Garderobe für den nächsten Morgen rausgelegt. Jeden Abend drapierte sie ihre Sachen in Menschenform auf dem Fußboden: Schuhe, Hose oder Strumpfhose und Rock, dann ein Hemd und darüber einen Pulli oder eine Jacke. Unser Zimmer war nicht gerade groß – wir teilten es uns zu dritt, obwohl ich gehört hatte, dass es in den Jahren davor als Doppelzimmer genutzt worden war –, aber Dede ließ sich nicht davon abbringen. Unsere andere Zimmergenossin Sin-Jun Kim und ich mussten um Dedes Kleiderarrangement herumsteigen, als läge dort ein echter Mensch. Doch weil wir uns in den ersten Schultagen nicht dagegen gewehrt hatten, war an Dedes Gewohnheit nicht mehr zu rütteln.
Am Abend von Dedes Entdeckung war es in unserem Zimmer bis auf das leise Dudeln ihrer Stereoanlage und das klickende Öffnen und Schließen der Kommodenschubladen still. Sin-Jun saß an ihrem Schreibtisch und las, und ich lag schon im Bett. Wenn ich vom Lernen die Nase voll hatte, verkroch ich mich immer ins Bett – ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte – und lag mit geschlossenen Augen und dem Gesicht zur Wand unter der Decke. Jeder, der hereinkam, um Dede zu sehen, redete erst in normaler Lautstärke, bemerkte mich dann und flüsterte »Oh, sorry« oder »Huch!«, und ich fühlte mich merkwürdig geschmeichelt. Manchmal bildete ich mir ein, ich läge in meinem Bett in South Bend, und die Geräusche im Zimmer wären die Geräusche zu Hause – die Klospülung war mein Bruder Joseph und das Lachen auf dem Flur meine Mutter, die mit ihrer Schwester telefonierte.
Seit unserem Zusammentreffen in der vergangenen Woche musste ich häufig an Gates Medkowski denken. Ich beobachtete sie vor der Morgenversammlung, und manchmal sah sie direkt zu mir herüber. Wenn sich unsere Blicke trafen, lächelte sie mir zu oder sagte: »Hey, Lee«, ehe sie wieder woanders hinsah, und ich wurde rot und fühlte mich ertappt. Nicht, dass ich unbedingt wieder mit ihr hätte reden wollen, denn das hätte vielleicht verkrampft gewirkt, aber ich wollte mehr über sie wissen. Gerade überlegte ich, ob Gates wohl einen Freund hatte, als Dede rief: »Ach du Scheiße!«
Weder Sin-Jun noch ich sagten etwas.
»Also, heute Morgen lagen in meiner obersten Schublade noch vierzig Dollar, und die sind jetzt nicht mehr da«, sagte Dede. »Die hat nicht vielleicht eine von euch genommen, oder?«
»Natürlich nicht.« Ich drehte mich um. »Hast du in deinen Taschen nachgesehen?«
»Das Geld war hundertprozentig in meiner Schublade. Jemand hat’s geklaut. Ich fass es nicht.«
»Ist nicht in Schublade?«, fragte Sin-Jun. Sin-Jun kam aus Korea, und mir war noch immer nicht klar, wie gut sie eigentlich Englisch verstand. Sie hatte keine Freunde, genau wie ich, und genau wie ich war sie für Dede meistens Luft. Manchmal gingen wir zusammen in den Speisesaal, was immer noch besser war, als allein zu gehen.
Obwohl Dede alles daransetzte, sich von uns abzugrenzen, indem sie vor uns zur Morgenandacht oder zum Essen aufbrach, war sie ebenfalls nicht wirklich cool. In meiner Junior High School hätte sie zur Crème de la Crème gezählt, aber hier war sie offenbar weder reich noch hübsch genug, um durchschlagend beliebt zu sein. Sogar ich konnte sehen, dass Dedes Nase im Vergleich zu den bestaussehenden Mädchen in Ault ein bisschen zu knubbelig, ihre Waden ein bisschen zu stramm und ihre Haare ein bisschen zu, na ja, braun waren. Sie war eine Mitläuferin, und das im wahrsten Sinne des Wortes – wie oft sah ich sie hinter zwei oder drei Mädchen herrennen. Es war mir richtig unangenehm, wie krampfhaft sie sich abmühte.
»Ich habe doch schon gesagt, dass es nicht in der Schublade ist. Du hast es dir nicht etwa geliehen, oder Sin-Jun? Du hast es nicht vielleicht genommen und wolltest es mir später wiedergeben? Wenn’s so wäre, wär’s völlig in Ordnung.« Das war ausgesprochen nett von Dede.
Doch Sin-Jun schüttelte den Kopf. »Nicht geliehen.«
Dede schnaubte empört. »Na toll«, sagte sie. »Wir haben einen Dieb im Haus.«
»Vielleicht hat sich irgendjemand anders das Geld geliehen«, sagte ich. »Frag doch mal Aspeth.«
Aspeth Montgomery war das Mädchen, dem Dede am inbrünstigsten an den Fersen hing. Sie wohnte am anderen Ende des Flurs, und ich ging davon aus, dass Dede es als besonders harten Schlag empfand, mit Sin-Jun und mir statt mit Aspeth zusammenleben zu müssen.
»Aspeth würde sich nie Geld leihen, ohne zu fragen«, sagte Dede. »Ich muss Madame Bescheid sagen.«
Spätestens jetzt glaubte auch ich, dass das Geld tatsächlich gestohlen worden war, oder zumindest glaubte ich, dass Dede das glaubte. Nachdem Madame Broussard am nächsten Abend kurz vor der Nachtruhe unsere Anwesenheit kontrolliert hatte, sagte sie: »Zu meinem großen Bedauern muss ich euch mitteilen, dass es einen Diebstahl gegeben hat.« Durch ihre katzenaugenförmigen Brillengläser, die (da war ich mir nicht ganz sicher) entweder unmodern oder retroschick waren, blinzelte Madame – unsere Hausleiterin, Leiterin des Französischressorts und gebürtige Pariserin – in die Runde. Sie war knapp über vierzig und trug Nahtstrümpfe, braune Highheels mit Knöchelriemchen und lederbezogenen Knöpfchen und Röcke und Blusen, die ihre schmale Taille und ihren alles andere als schmalen Hintern zur Geltung brachten. »Ich werde nicht sagen, um wie viel Geld es sich handelt oder wem es gestohlen wurde«, fuhr sie fort. »Solltet ihr irgendetwas über diesen Vorfall wissen, bitte ich euch, vorzutreten. Ich erinnere euch daran, dass Diebstahl ein schwerer Disziplinarverstoß ist und mit Schulverweis bestraft werden kann.«
»Wie viel Geld war’s denn?«, fragte Amy Dennaker. Amy gehörte zur Unterstufe, hatte eine raue Stimme, rote Locken und breite Schultern und war mir nicht geheuer. Ich hatte erst einmal mit ihr geredet; ich hatte im Gemeinschaftsraum am Münztelefon angestanden, und sie war hereingekommen, hatte den Kühlschrank aufgerissen und gefragt: »Wem gehören die Diet Cokes?« – »Ich weiß nicht«, hatte ich gesagt, und Amy hatte sich eine geschnappt und war die Treppe hinaufgestapft. Vielleicht war sie die Diebin, überlegte ich.
»Die Höhe des Betrages spielt keine Rolle«, sagte Madame. »Ich habe euch nur von dem Vorfall erzählt, damit ihr die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen treffen könnt.«
»Sollen wir etwa unsere Türen abschließen oder so?«, fragte Amy, und die anderen lachten. Die Türen hatten keine Schlösser.
»Ich rate euch dringend, keine größeren Geldbeträge in euren Zimmern aufzubewahren«, sagte Madame. »Zehn oder fünfzehn Dollar sind genug.« In dem Punkt hatte sie recht – in Ault brauchte man kein Bargeld. Zwar strotzte der ganze Campus vor Geld, doch das war meistens unsichtbar. Manchmal blitzte es hier und da verstohlen auf, in glänzenden Dingen wie der Motorhaube des Mercedes unseres Direktors, der goldenen Schulhauskuppel oder den langen, glatten blonden Haaren einer Schülerin. Aber niemand trug Brieftaschen bei sich. Musste man ein Heft oder ein Paar Trainingshosen im Campus Store bezahlen, schrieb man einfach seine Schülerausweisnummer in ein Formular, und dann bekamen die Eltern die Rechnung zugeschickt. »Sollten euch im Haus irgendwelche Unbekannten begegnen«, fuhr Madame fort, »so teilt mir das bitte mit! Hat sonst noch jemand etwas zu sagen?«
Dedes Freundin Aspeth hob die Hand. »Ich wollte nur sagen, wer auch immer seine Schamhaare im Waschbecken liegen lässt – wär’s wohl möglich, die wegzumachen? Das ist echt widerlich.«
Mit der Ansage kam Aspeth alle paar Tage. Tatsächlich fanden sich des Öfteren schwarze drahtige Härchen in den Waschbecken, doch Aspeths Beschwerden änderten daran rein gar nichts. Vielleicht beschwerte sie sich deshalb so gern, weil sie ihre ablehnende Haltung gegenüber Schamhaar im Allgemeinen klarmachen wollte.
»Wenn es sonst nichts mehr gibt«, sagte Madame, »ist die Abendkontrolle hiermit beendet.« Alle erhoben sich von den Sofas, Stühlen und dem Fußboden und reichten ihr die Hand, ein Ritual, an das ich mich bereits gewöhnt hatte.
»Würde der Schülerinitiativenausschuss uns die Gründung eines Wachtrupps finanzieren?«, fragte Amy laut.
»Ich weiß nicht genau«, sagte Madame unsicher.
»Keine Sorge«, sagte Amy, »wir wären auch ganz friedlich.« Ich hatte Amy schon mehrmals in Aktion erlebt – oft ahmte sie Madame nach, indem sie sich bestürzt an die Brust griff und Sachen rief wie: Zut alors! Jemand hat sich auf mein Croissant gesetzt! –, aber ihr Humor ließ mich immer wieder ratlos zurück. Im Gottesdienst sprachen der Direktor und der Kaplan von Bürgerpflichten und Redlichkeit und vom Preis, den wir für unsere Privilegien zu zahlen hätten. In Ault ging es nicht allein darum, nicht schlecht und unmoralisch zu sein, sondern man hatte auch nicht gewöhnlich zu sein, und Klauen war weit mehr als das: Es war ungehörig, unfein und zeugte von einer Gier nach Dingen, die man nicht sowieso schon besaß.
Auf dem Weg hinauf zu den Zimmern fragte ich mich, ob ich womöglich der Dieb sein konnte. Was, wenn ich Dedes Schublade im Schlaf aufgezogen hatte? Oder wenn ich an Amnesie oder Schizophrenie litt und nicht wusste, was ich tat? Es kam mir zwar unwahrscheinlich vor, dass ich das Geld gestohlen hatte, aber vollkommen ausgeschlossen schien es dennoch nicht.
»Wir werden der Sache tout de suite auf den Grund gehen«, hörte ich Amy sagen, und dann, als ich oben angekommen war, raunzte jemand dicht hinter mir: »Die Kuh ist ja total übergeschnappt.«
Ich drehte mich um. Little Washington stand eine Stufe tiefer. Ich kommentierte ihre Bemerkung mit einem neutralen Grunzen, obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie nun Amy oder Madame meinte.
»Die hat vielleicht ’nen Ton drauf!«, schob Little hinterher, und da wusste ich, dass es auf Amy gemünzt war.
»Amy blödelt halt gern rum«, sagte ich. Ich hätte nichts dagegen gehabt, mich auf Amys Kosten kurzzeitig mit Little zu verbünden, aber bestimmt nicht auf dem Gang, wo uns alle hören konnten.
»Sie ist nicht witzig«, sagte Little.
Ich wollte ihr beipflichten – nicht, weil ich wirklich ihrer Meinung war, sondern weil ich tatsächlich über die Möglichkeit nachdachte, mich mit Little zu befreunden. Das erste Mal war sie mir aufgefallen, als wir gleichzeitig von einem offiziellen Abendessen zurückkamen; kaum waren wir wieder im Gemeinschaftsraum, hatte sie einfach so ins Leere gesagt: »Ich muss aus diesen Schuhen raus, sonst bringen meine Quanten mich um!« Little kam aus Pittsburgh, sie war das einzige schwarze Mädchen im Haus, und es hieß, sie sei die Tochter eines Arztes und einer Anwältin. Sie war ein echtes Cross-Country-As und angeblich noch besser in Basketball. Als Schülerin im zweiten Jahr hatte sie ein Einzelzimmer, was normalerweise kein gutes Zeichen war – ein Einzelzimmer bedeutete, dass man niemanden hatte, der mit einem das Zimmer teilen wollte –, doch Littles Hautfarbe enthob sie dem aultschen Sozialgefüge. Allerdings nicht im negativen Sinne. Vielmehr konnte sie außen vor bleiben, ohne als Loser dazustehen.
»Schon komisch, dieser Diebstahl, hm?«, sagte ich.
Little grunzte verächtlich. »Ich wette, die ist sogar froh darüber. Jetzt steht sie wenigstens im Mittelpunkt.«
»Wer?«
»Wie, wer? Deine Zimmergenossin!«
»Du weißt, dass es Dedes Geld war? In diesem Haus bleibt wohl nichts geheim.«
Little schwieg einen kurzen Moment. »In der ganzen Schule bleibt nichts geheim«, sagte sie.
Ich verspürte ein flaues Gefühl im Magen; ich hoffte, sie hatte Unrecht. Wir standen vor ihrer Tür, und ich überlegte kurz, ob sie mich hineinbitten würde.
»Bist du gern hier?«, fragte ich. Das war mein Problem: Weil ich nicht wusste, wie ich mich mit Leuten unterhalten sollte, stellte ich ihnen Fragen. Manche fanden das seltsam, und andere waren so froh, über sich selbst reden zu können, dass es ihnen gar nicht auffiel, doch schleppend machte es die Unterhaltung allemal. Während mein Gegenüber die Lippen bewegte, dachte ich fieberhaft über die nächste Frage nach.
»Manche Sachen sind gar nicht so übel«, sagte Little. »Aber glaub mir, jeder hier schnüffelt in anderer Leute Angelegenheiten.«
»Dein Name gefällt mir. Heißt du wirklich so?«
»Das musst du selbst herausfinden und meine Theorie unter Beweis stellen.«
»Na gut«, sagte ich. »Ich werde dir Bericht erstatten.«
Sie sagte nichts, was einer Erlaubnis gleichkam, wieder mit ihr zu reden, etwas, auf das man sich freuen konnte. Offenbar wollte sie mich trotzdem nicht hineinbitten – sie hatte die Tür aufgemacht und war schon fast in ihrem Zimmer.
»Vergiss ja nicht, dein Geld zu verstecken«, sagte ich.
»Na klar.« Sie schüttelte den Kopf. »Die Leute sind echt durchgeknallt.«
All das spielte sich noch am Jahresanfang ab, während meiner ersten Zeit in Ault, als meine Gehemmtheit und mein sehnlicher Wunsch, möglichst nicht aufzufallen, mich in einen Zustand dauernder Erschöpfung versetzten. Beim Fußballtraining hatte ich Angst, den Ball nicht zu treffen; wenn ich den Bus zu Auswärtsspielen bestieg, hatte ich Angst, neben jemandem sitzen zu müssen, der nicht neben mir sitzen wollte; im Unterricht hatte ich Angst, etwas Falsches oder Dämliches zu sagen. Ich hatte Angst, mir beim Essen den Teller zu voll zu laden, oder das Essen, das alle anderen scheußlich fanden, nicht scheußlich zu finden – Kroketten und Lemonpie –, und nachts hatte ich Angst, Dede und Sin-Jun könnten mich schnarchen hören. Ständig hatte ich Angst, jemand könnte mich bemerken, und wenn es dann keiner tat, fühlte ich mich einsam.
Ault war meine Idee gewesen. Ich hatte mich in der Stadtbibliothek über Internate informiert und eigenhändig Broschüren angefordert. Auf den Hochglanzseiten waren Teenager in Wollpullis abgebildet, die in der Kapelle sangen, Lacrosse-Schläger schwangen oder, in eine Rechenaufgabe vertieft, vor der Tafel saßen. Für diese Hochglanzwelt hatte ich meine Familie verkauft. Ich hatte immer vorgegeben, es sei wegen des Lehrangebots, aber das war es nie gewesen. Die Marvin-Thompson-High-School, auf die ich in South Bend gegangen wäre, hatte blassgrüne Linoleumflure, schmuddelige Schließfächer und Jungs mit fettigen Haaren, die mit schwarzem Edding die Namen von Heavy-Metal-Bands hinten auf ihre Jeansjacken schrieben. Internatsjungen dagegen, zumindest die aus der Broschüre mit den Lacrosse-Schlägern, die hinter ihrem Mundschutz hervorgrinsten, waren echt süß. Und clever dazu, denn immerhin gingen sie aufs Internat. Ich stellte mir vor, ich würde South Bend verlassen, einem sportlichen, sensiblen Jungen begegnen, der genauso gern las wie ich, und an trüben Sonntagen würden wir zusammen in unseren Wollpullis spazieren gehen.
Während der Bewerbungsphase hatten meine Eltern nicht gewusst, was sie sagen sollten. Das einzige Internatskind, das wir kannten, war der Sohn eines Versicherungsvertreters in dem Büro, in dem meine Mutter als Buchhalterin arbeitete, und dessen Internat war ein eingezäunter Berggipfel in Colorado, etwas für verkrachte Existenzen. Meine Eltern hatten den dringenden, wenn auch durchaus wohlmeinenden Verdacht, dass die Schulen, an denen ich mich bewarb, mich niemals nehmen würden; sie hielten meine Internatsbegeisterung für ein ähnlich kurzlebiges Hobby wie Stricken (in der sechsten Klasse hatte es zu einem Drittel Mütze gereicht). Als ich angenommen wurde, sagten sie mir, wie stolz sie seien und wie leid es ihnen täte, dass sie nicht dafür aufkommen könnten. Am Tag, als die Mitteilung aus Ault ins Haus geflattert war, ich bekäme das Eloise-Fielding-Foster-Stipendium, das mehr als drei Viertel meines Schulgeldes abdecken würde, war ich in Tränen ausgebrochen, denn nun stand fest, dass ich von zu Hause fortgehen musste, und plötzlich war mir die Idee gar nicht mehr so toll vorgekommen – ich begriff, dass ich, genau wie meine Eltern, nie damit gerechnet hatte, genommen zu werden.
Mitte September, als die Schule in South Bend für meine Brüder und meine ehemaligen Klassenkameraden schon seit Wochen angefangen hatte, fuhr mich mein Vater nach Massachusetts. Als wir durch das schmiedeeiserne Tor auf den Campus einbogen, erkannte ich die Gebäude von den Fotos wieder – acht Ziegelbauten plus eine gotische Kapelle mit einer runden Rasenfläche in der Mitte, von der ich bereits wusste, dass sie fünfzehn Meter im Durchmesser hatte und nicht betreten werden durfte. Überall sah man Autos mit geöffneten Heckklappen, sich begrüßende Kinder und kistenschleppende Väter. Ich trug ein langes Kleid mit Pfirsich- und Lavendelblüten und Spitzenkragen, und sofort fiel mir auf, dass die meisten Schüler in ausgewaschenen T-Shirts, weiten Khakishorts und Flip-Flops herumliefen. Ich begriff, wie viel Arbeit Ault für mich werden würde.
Als wir mein Haus gefunden hatten, kam mein Vater mit Dedes Vater ins Gespräch, und als der fragte: »South Bend? Dann unterrichten Sie wohl an der Notre Dame?«, gab mein Vater fröhlich zurück: »Nein, Sir. Ich bin im Matratzengeschäft.« Dass mein Vater Dedes Vater Sir nannte, war mir peinlich, sein Job war mir peinlich, unser verrosteter weißer Datsun war mir peinlich. Ich wollte, dass mein Vater so schnell wie möglich vom Campus verschwand, damit ich wenigstens versuchen konnte, ihn zu vermissen.
Wenn ich morgens unter der Dusche stand, dachte ich: Ich bin seit vierundzwanzig Stunden in Ault. Ich bin seit drei Tagen in Ault. Ich bin seit einem Monat in Ault. Ich führte Selbstgespräche und bildete mir ein, meine Mutter würde das Internat für eine Superidee halten und mit mir reden: Du machst das toll. Ich bin so stolz auf dich, LeeLee. Manchmal weinte ich beim Haarewaschen, aber das war’s ja, das war ja das verflixte Ault – irgendwie hatte ich mit meinen Vorstellungen gar nicht mal falsch gelegen. Der Campus war wunderschön: die sanften, dunstigen Berge in der Ferne, die sich im Abendlicht blau färbten, die perfekt rechteckigen Sportplätze, die gotische Kathedrale (sie Kapelle zu nennen, war reine Yankee-Tiefstapelei) mit ihren bunten Glasfenstern. All diese Schönheit verlieh selbst dem banalsten Heimweh noch etwas Edles und Glamouröses.
Manchmal erkannte ich einen Schüler von einem der Fotos aus der Broschüre wieder. Es war verwirrend, so musste es sein, wenn einem in New York oder Los Angeles plötzlich eine Berühmtheit über den Weg lief. Diese Menschen lebten und atmeten, sie aßen Bagels im Speisesaal, schlenderten mit Büchern unterm Arm die Flure entlang und waren ganz anders angezogen, als ich es mir vorgestellt hatte. Sie gehörten zur echten, lebendigen Welt; ehe ich gekommen war, hatte ich das Gefühl gehabt, sie gehörten mir.
Holt die Fummel aus dem Schrank!!! stand in großen Lettern auf den roten Aushängen und darunter, etwas kleiner: Wozu? Zum Abtanzen! Wann? Diesen Samstag! Wo? Im Speisesaal! Dazu war eine Fotokopie von Mr Byden, dem Direktor, in Frauenkleidern abgebildet.
»Das ist ’ne Dragparty«, hörte ich Dede eines Abends zu Sin-Jun sagen. »Da geht man als Tunte hin.«
»Als Tunte«, wiederholte Sin-Jun.
»Mädchen verkleiden sich als Jungs, und Jungs verkleiden sich als Mädchen«, erklärte ich.
»Ohhh«, sagte Sin-Jun. »Sehr gut!«
»Ich leih mir einen Schlips von Devin«, sagte Dede. »Und ’n Basecap.«
Schön für dich, dachte ich.
»Dev ist so witzig«, sagte sie. Sehr selten, und auch nur, weil ich gerade da war und im Gegensatz zu Sin-Jun fließend Englisch sprach, ließ Dede mich an ihrem Leben teilhaben. »Von wem leihst du dir was?«, fragte sie.
»Weiß ich noch nicht.« Ich würde mir von niemandem etwas leihen, ich würde nämlich gar nicht hingehen. Ich kriegte es kaum fertig, mit meinen Klassenkameraden zu reden, und tanzen konnte ich erst recht nicht. Auf der Hochzeit meiner Cousine hatte ich es einmal versucht, und die ganze Zeit über hatte ich nichts anderes denken können als: Ist das die Stelle, an der ich die Arme hochreißen muss?
Am Tag der Party – selbst samstagvormittags gab es Morgenversammlung und Unterricht, was, so begriff ich bald, für viele Leute zu Hause allemal ein Grund zum Abhauen gewesen wäre und sie in dem Verdacht bestätigte, zwischen Internat und Knast bestehe so gut wie kein Unterschied – waren weder Gates noch Henry Thorpe am Pult, als die Glocke zur Versammlung läutete. Ein Mädchen aus der Oberstufe, dessen Namen ich nicht kannte, drückte die Klingel und stieg vom Podest. Plötzlich erklang Musik, und das Schülergemurmel verebbte. Es war Discomusik. Ich kannte das Lied nicht, viele andere jedoch offenbar sehr wohl, denn es gab allgemeines Gelächter. Ich drehte mich um und sah, dass die Musik aus zwei Lautsprechern tönte, die von zwei Oberstufenschülern hochgehalten wurden – bei der Morgenversammlung reichten die Pulte nicht für alle, und so standen die Juniors und Seniors hinten an der Wand. Die Blicke der Seniors waren auf die Hintertür gerichtet. Ein paar Sekunden später hatte Henry Thorpe seinen Auftritt. Er trug ein kurzes schwarzes Satinnachthemd, Netzstrümpfe und schwarze High Heels und tanzte auf das Katheder zu, an dem er und Gates normalerweise standen. Viele Schüler, besonders die Seniors, formten die Hände zu Trichtern und feuerten ihn an. Manche sangen mit und klatschten im Takt.
Henry streckte den Zeigefinger aus und krümmte ihn mit lockenden Bewegungen. Ich reckte den Kopf, um zu sehen, worauf er zeigte. Durch eine zweite Tür auf der anderen Seite, wo die Lehrer standen, kam Gates herein. Sie trug Footballklamotten mit Schulterpolstern, die sich unter dem Jersey wölbten, und hatte sich schwarze Balken auf die Wangen gemalt. Trotzdem hätte sie niemand für einen Kerl gehalten: Ihr Haar hing offen herab, und ihre Knöchel – sie trug keine Socken – waren schlank und anmutig. Tanzend hielt sie die Arme in die Höhe und wippte mit dem Kopf. Als die beiden das Podest bestiegen, tobte der ganze Saal. Sie kamen aufeinander zu und umkreisten einander. Ich sah zu den Lehrern rüber; die meisten standen mit verschränkten Armen da und machten ungeduldige Gesichter. Gates und Henry ließen sich los, wandten einander die Rücken zu, und Gates wackelte fingerschnippend mit den Hüften. Ihre Unbefangenheit machte mich sprachlos. Es war helllichter Tag, es war Morgen, und sie stand einfach da, vor mehr als dreihundert Menschen, und tanzte.
Sie gab den Leuten hinten ein Zeichen, und die Musik verstummte. Dann sprang sie mit Henry vom Podest, und drei Seniors, zwei Mädchen und ein Typ, stiegen die Stufen zum Pult hinauf. »Heute Abend um acht Uhr …«, hob eines der Mädchen an.
»… findet im Speisesaal die elfte jährliche Dragrevue statt«, sagte das andere.
»Also, lasst es krachen!«, rief der Junge.
Wieder brach der Saal in Jubel und Beifall aus. Die Musik dröhnte los, und Gates schüttelte grinsend den Kopf. Die Musik brach ab. »Tut mir leid, aber die Show ist vorbei«, sagte sie, und die Schüler buhten, doch selbst das Buhen klang warmherzig. »Danke, Leute«, sagte Gates, an die drei Seniors gewandt. Sie griff nach dem Klemmbrett mit der Liste derer, die eine Mitteilung machen wollten, und sagte: »Mr Archibald?«
Mr Archibald erklomm das Podest. Er wollte gerade anfangen, als ein Junge von hinten rief: »Gates, tanzt du mit mir?«
Gates lächelte schmal. »Bitte, Mr Archibald«, sagte sie.
Es ging um leere Getränkedosen im Mathe-Flügel.
Gates reichte Henry das Klemmbrett.
»Dory Rogers«, rief Henry, und Dory verkündete, dass das Amnesty-International-Treffen am Sonntag von sechs auf sieben verschoben werde. Die ganzen fünf oder sechs folgenden Bekanntmachungen lang wartete ich auf weitere Showeinlagen – ich wollte Gates noch einmal tanzen sehen –, doch offenbar war die Show tatsächlich vorbei.
Nachdem Henry auf die Klingel gedrückt hatte, ging ich nach vorn ans Podest. »Gates«, sagte ich. Sie stopfte gerade ein Heft in ihre Tasche und sah nicht auf. »Gates«, wiederholte ich.
Diesmal blickte sie mich an.
»Du hast wirklich super getanzt«, sagte ich.
Sie verdrehte die Augen. »Es ist immer ein Spaß, zuzusehen, wie andere Leute sich lächerlich machen.«
»Aber du hast dich doch gar nicht lächerlich gemacht. Kein bisschen. Alle fanden’s toll.«
Sie lächelte, und ich begriff, dass sie das schon längst gewusst hatte. Doch hatte sie es nicht auf ein Kompliment abgesehen, so wie ich, wenn ich mich bescheiden gab. Es war eher – das wurde mir in dem Moment klar –, als wollte sie einfach normal sein. Obwohl sie etwas Besonderes war, tat sie so, als wäre sie genauso wie wir.
»Danke«, sagte sie. »Das ist nett von dir, Lee.«
Am Abend herrschte im Hof und in unserem Haus aufgekratzte Geschäftigkeit. In unserem Gemeinschaftsraum tauchten Jungs aus den umliegenden Häusern auf – außerhalb der Besuchszeiten durften sie nicht auf unsere Zimmer – und riefen nach irgendwelchen Mädchen. Besonders groß war die Nachfrage nach Aspeth, was mich nicht sonderlich überraschte, und meistens trottete Dede hinterdrein. Sie brachten den Jungs Handtaschen, Nagellack und BHs hinunter, die sie ihnen unter großem Gekreisch und Gelächter über die T-Shirts zogen. Ich wusch gerade Wäsche, und während ich zwischen Keller und erstem Stock hin- und herzuckelte, konnte ich die fortschreitenden Partyvorbereitungen beobachten. Der Gedanke, ein Junge könnte meinen BH über seinem T-Shirt tragen, war einfach grauenhaft: die schlaffen Körbchen, der Stoff, der sich um seinen Brustkorb dehnt oder – schlimmer noch – nicht dehnt, die Vorstellung, er könnte beim Ausziehen die Größe entdecken, ihn auf dem Fußboden seines Zimmers liegen lassen und beim Ins-Bett-Gehen drauftreten. Allerdings wurde mir ziemlich schnell klar, dass mein Entsetzen eher in der Tatsache begründet lag, dass ich keine besonders hübschen BHs besaß. Meine waren aus beigefarbener Baumwolle, mit einem beigefarbenen Schleifchen zwischen den Körbchen; meine Mutter hatte sie im Sommer mit mir zusammen bei JCPenney gekauft. Die BHs, die hier und jetzt zum Vorschein kamen, waren dagegen aus Satin oder Seide, schwarz oder rot oder mit Leopardenmuster, Modelle, wie ich sie bisher nur bei erwachsenen Frauen vermutet hatte.
Als es im Haus ruhig wurde – sogar Sin-Jun war mit einem Wimperntuscheschnauzbart zur Party gegangen –, lernte ich ein bisschen Spanischvokabeln und ging dann runter in den Gemeinschaftsraum, um mir die alten Jahrbücher anzusehen, die ein ganzes Regal füllten. Ich liebte diese Jahrbücher; sie waren wie ein Atlas der Schule. Die, die in unserem Gemeinschaftsraum standen, gingen bis 1973 zurück, und in den vergangenen paar Wochen hatte ich mich fast bis zur Gegenwart vorgearbeitet. Die Aufmachung hatte sich in all den Jahren nicht geändert: zuerst Schnappschüsse, danach Clubs, Sportmannschaften, Häuser und ganze Klassen. Für die zehnte Klasse eines Jahres zum Beispiel gab es eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse, die sich zwischen September und Juni abgespielt hatten, und dazu eine scherzhafte Bemerkung zu jeder Person: »Könnt ihr euch Lindsay ohne ihren Lockenstab vorstellen?« Dann folgte der beste Teil, die Seniors, jeder mit einer eigenen Seite. Neben den üblichen Danksagungen an Familienmitglieder, Lehrer und Freunde sowie den teils wehmütigen, teils literarischen, teils unverständlichen Zitaten waren sie vollgepackt mit Fotos. Bei den Jungen gab es Action-Schnappschüsse von Spielen; die Mädchen sah man meist Arm in Arm zusammen auf dem Bett sitzen oder am Strand. Außerdem hatten sie eine Schwäche für Kinderbilder.
Hatte man Zeit und Muße, kam man dahinter, wer in welchem Jahr mit wem befreundet, wer mit wem gegangen und wer beliebt, sportlich, komisch oder unscheinbar gewesen war. Nach und nach kamen mir die Abiturienten wie entfernte Verwandte vor – ich wusste, welche Spitznamen sie hatten, welchen Sport sie machten und welchen Pulli oder welche Frisur sie zu verschiedenen Gelegenheiten getragen hatten.
In den drei jüngsten Jahrbüchern entdeckte ich mehrere Fotos von Gates. Sie spielte Hockey, Basketball und Lacrosse, hatte die ersten beiden Jahre als Freshman und Sophomore im Elwyn-Haus und ihr Junior-Jahr im Jackson-Haus gewohnt. Der kleine Scherz zu ihrem Sophomore-Jahr lautete: »Die Kristallkugel weissagt, dass Henry und Gates ein Haus mit einem weißen Lattenzaun kaufen und zwölf Kinder haben werden.« Der einzige Henry in Ault war Henry Thorpe, und der, so wusste ich, war zurzeit mit einer zickig aussehenden Sophomore namens Molly verbandelt. Ich fragte mich, ob Henry und Gates wirklich einmal ein Paar gewesen waren und, wenn ja, ob zwischen den beiden noch irgendeine Art von guter oder schlechter Spannung herrschte. Als sie während der Morgenversammlung miteinander tanzten, hatte es nicht so ausgesehen.
Ganz am Ende des aktuellen Jahrbuchs, dem von Gates’ Junior-Jahr, stieß ich schließlich auf das Bild. Auf den letzten Seiten hinter dem Senior-Teil waren Fotos der Abschlussfeierlichkeiten abgedruckt: die Senior-Mädchen in weißen Kleidern, die Jungen in weißen Hosen, marineblauen Jacken und mit Kreissägen auf dem Kopf. Auf manchen Bildern sah man sie bei der Verleihung sitzen, auf einem war der Festredner abgebildet (ein Richter des Obersten Gerichtshofs), auf anderen Schulabgänger, die sich in den Armen lagen. Auf einem davon – ich hatte gar nicht damit gerechnet und es beinahe überblättert – war Gates allein zu sehen. Es zeigte sie von der Hüfte aufwärts in einem weißen, kurzärmligen Button-down-Hemd. Sie trug einen Cowboyhut, und ihr schimmerndes Haar fiel unter der Krempe hervor über ihre Schultern. Eigentlich hätte es eine Profilaufnahme werden sollen, aber offenbar hatte der Fotograf, wer auch immer es gewesen war, ihren Namen gerufen, als er abgedrückt hatte, und sie hatte sich umgedreht. Es sah aus, als würde sie lachend protestieren und etwas sagen wie: »Ach, komm!«, allerdings zu jemandem, den sie sehr mochte.
Ich starrte so lange auf das Foto, dass ich, als ich wieder aufsah, überrascht war, die knubbeligen orangefarbenen Sofas und die cremefarbene Wand des Gemeinschaftsraums zu sehen. Ich hatte mich völlig vergessen, und ich hatte Ault vergessen, zumindest die echte, dreidimensionale Version davon, in der ich eine Rolle spielte. Es war kurz nach zehn. Ich beschloss, mich zeitig bei Madame abzumelden und ins Bett zu gehen, und stellte die Jahrbücher weg.
Oben im Waschraum stand Little im pinkfarbenen Bademantel vor einem der Waschbecken und massierte sich Öl ins Haar.
»Hey«, sagte ich. »Wie war die Party?«
Sie verzog den Mund. »Ich geh doch nicht zu ’ner Dragparty.«
»Wieso nicht?«
»Und wieso warst du nicht da?«
Ich grinste, und sie grinste zurück.
»Siehst du?«, sagte sie. »Aber deine Zimmergenossin konnt’s wahrscheinlich kaum erwarten. Wenn ich mit der zusammenwohnen müsste, hätte ich ihr bestimmt schon eine gescheuert.«
»So schlimm ist sie gar nicht.«
»Hmhm.«
»Du spielst Uni-Basket, nicht?«, fragte ich.
»Jepp.«
»Dann bist du mit Gates Medkowski in einer Mannschaft, oder?«
»Klaro.«
»Wie ist Gates denn so? Ich frag nur, weil sie doch der erste weibliche Prefect ist, und das ist ja ’ne ziemlich große Sache.«
»Sie ist genauso wie alle anderen hier.«
»Echt? Sie wirkt irgendwie anders.«
Little stellte die Ölflasche auf das Bord, lehnte sich ganz nah vor den Spiegel und musterte forschend ihre Haut. »Sie ist reich. So schaut’s aus. Ihre Familie hat ’nen Haufen Geld.« Sie trat einen Schritt zurück, sog die Wangen ein, riss die Augenbrauen hoch und schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse. So etwas hätte ich allenfalls gemacht, wenn ich allein gewesen wäre, aber bestimmt nicht in Gesellschaft. Doch irgendwie gefiel es mir, dass Little mich nur am Rande wahrzunehmen schien; es machte mich weniger befangen.
»Ich dachte, Gates sei auf einer Farm groß geworden«, sagte ich.
»Eine Farm, die halb so groß ist wie Idaho. Die bauen Kartoffeln an. Hättest du wohl nicht gedacht, dass so ein hässliches kleines Gemüse so viel wert ist.«
»Ist Gates gut in Basketball?«
»Nicht so gut wie ich.« Little grinste in den Spiegel. »Hast du was über meinen Namen rausbekommen?«
»Noch nicht. Die Ermittlungen laufen noch, aber bisher haben meine Spuren zu nichts geführt.«
»Verstehe. Ich sag dir, warum. Ich bin ein Zwilling.«
»Echt?«
»Jepp. Ich bin die kleinere, und rate mal, wie meine Schwester heißt.« Sie schwieg, und ich begriff, dass ich wirklich raten sollte.
»Es liegt eigentlich zu sehr auf der Hand, aber heißt sie Big?«
»Erraten, und das gleich beim ersten Versuch«, sagte Little. »Das Mädel hat ’nen Preis verdient. Inzwischen bin ich größer als Big, aber solche Sachen bleiben nun mal an einem hängen.«
»Das ist ja cool. Und wo geht Big zur Schule?«
»Zu Hause. Pittsburgh. Warst du mal in Pittsburgh?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Das ist was ganz anderes als hier, so viel kann ich dir verraten.«
»Big fehlt dir bestimmt.« Jetzt, wo ich wusste, dass Little eine Zwillingsschwester hatte, die auch noch weit weg war, fragte ich mich, ob sie nicht eine Freundin brauchte.
»Hast du Schwestern?«, fragte sie.
»Nur Brüder.«
»Ah. Ich habe auch ’nen Bruder. Ich hab drei Brüder. Aber das ist nicht das Gleiche.« Sie steckte die Ölflasche in ihren Eimer – am ersten Abend in unserem Haus hatte Madame Broussard uns allen Eimer für unsere Kosmetika gegeben – und sah mich an. »Du bist in Ordnung«, sagte sie. »Die meisten Leute hier sind nicht echt. Aber du bist echt.«
»Oh, danke.«
Als sie weg war – beim Hinausgehen sagte sie »G’nighty!« –, kramte ich Zahnbürste und Zahnpasta aus meinem Eimer. Als ich die Bürste unter den Wasserhahn hielt, sah ich, dass im Becken nebenan, an dem Little gestanden hatte, ein paar kurze, drahtige schwarze Haare lagen. Es waren also Kopfhaare, Littles Kopfhaare. Ich zog ein Papierhandtuch aus dem Spender und wischte sie weg.
Als Nächstes wurde ein Hundert-Dollar-Schein gestohlen, den Aspeth von ihrer Großmutter zum Geburtstag bekommen hatte. Er hatte in ihrer Brieftasche auf ihrem Schreibtisch gelegen. Es kam am Sonntag nach der Party heraus. Zwar ließ Madame Broussard bei der Abendkontrolle nichts über den Betrag oder den Besitzer durchblicken – auch diesmal blieb sie durch und durch diskret –, doch ich erfuhr es von der aufgebrachten Dede.
»Offenbar hat’s jemand auf mich und meine Freundinnen abgesehen«, sagte sie, als wir wieder auf unserem Zimmer waren. »Jemand will uns fertigmachen.« Sie bückte sich und legte einen roten Kaschmirpulli über eine schwarze Hose auf den Boden. Dann richtete sie sich wieder auf und rümpfte die Nase. »Irgendwas stinkt hier.«
Scheinbar überrascht schnupperte ich in die Luft. Sie hatte recht – es stank tatsächlich. Es stank schon seit ein paar Tagen, und zuerst hatte ich gedacht, der fischige Geruch sei Einbildung, aber dann war er stärker geworden. Wenn Dede und Sin-Jun nicht im Zimmer waren, schnüffelte ich unter meinen Achseln und zwischen meinen Beinen, dann an meinem Bettzeug und an meiner schmutzigen Wäsche. Nirgends hatte sich eine zunehmende Fischigkeit feststellen lassen, aber weniger war sie auch nicht geworden. »Stimmt, irgendwie riecht es komisch«, sagte ich.
»Hey, Sin-Jun, nimm mal ’nen Zug«, sagte Dede. »Riecht übel, oder?«
»Zug nehmen?«
»Riechen«, sagte ich. Ich tat so, als würde ich tief einatmen. »In unserem Zimmer riecht es komisch«, sagte ich. »Nicht gut.«
»Ahh«, sagte Sin-Jun und vertiefte sich wieder in ihre Aufgaben.
Dede sah mich an und verdrehte die Augen.
»Vielleicht kommt es aus dem Bad«, schlug ich vor. Das war unwahrscheinlich.
Dede öffnete die Zimmertür und trat auf den Flur. Dann kam sie wieder herein. »Nein, es ist im Zimmer. Es ist todsicher hier im Zimmer. Was habt ihr beide für Essen hier?«
»Nur das da.« Ich zeigte auf das Bord über meinem Schreibtisch, auf dem ein Glas Erdnussbutter und eine Packung Cracker standen.
»Was ist mit dir, Sin-Jun?«, fragte Dede.
»Wie kommst du eigentlich darauf, dass wir es sind? Vielleicht bist du’s ja«, sagte ich, ehe Sin-Jun antworten konnte.
»Ich bin nicht diejenige, die hier einen ganzen Lebensmittelladen hortet«, gab Dede zurück, und tatsächlich bewahrte Sin-Jun unter ihrem Bett, in ihrem Schreibtisch und im Schrank einen Haufen Kartons und Schachteln auf.
»Aber woher willst du denn wissen, dass es was zu essen ist«, sagte ich. »Vielleicht sind es deine Schuhe.« Ich griff nach meinem Eimer.
»Was machst du?«, fragte Dede.
»Ich mach mich bettfertig.«
»Willst du mir denn nicht suchen helfen?« Entrüstet ließ Dede den Unterkiefer heruntersacken, sodass ich ihr am liebsten etwas in den Rachen gestopft hätte – den Griff meiner Zahnbürste oder einen Finger.
»Tut mir leid«, sagte ich.
»Und wie«, hörte ich sie sagen, bevor die Tür hinter mir zufiel.
Der Dezember kam. (Ich bin seit achtundsiebzig Tagen in Ault.) Einmal, als alle anderen ausgegangen waren, spielten Little und ich einen ganzen Samstagabend lang Boggle im Gemeinschaftsraum, und Sin-Jun sah zu. Ein anderes Mal waren wir nur zu zweit, schauten uns eine Crimeshow im Fernsehen an, und Little machte verbranntes Popcorn, das wir trotzdem aßen. (»Ich hab noch immer Hunger«, sagte ich, als es alle war, und Little sagte: »Hunger? Mein Magen bricht mir gleich die Wirbelsäule.«) Es gab zwei weitere Diebstähle, die Madame während der Abendkontrolle bekanntgab. Ich war mir nicht sicher, wessen Geld es diesmal gewesen war, aber Dedes Freundinnen hatte es nicht getroffen. Der Geruch in unserem Zimmer nahm zu; er entwickelte sich zu einem Gestank, und obwohl ich wusste, dass er nicht von mir ausging, hatte ich Angst, meine Anziehsachen und ich selbst könnten danach riechen. Während des Unterrichts und selbst an der frischen Luft nach der Andacht kriegte ich ihn manchmal ganz plötzlich in die Nase. Wenn jemand in unser Zimmer kam, witzelte Dede verlegen herum oder brachte fadenscheinige Entschuldigungen.
Als ich in der letzten Woche vor den Weihnachtsferien eines Morgens während der Pause die Poststelle durchquerte, sah ich, wie Jimmy Hardigan, ein Senior, mit der Faust gegen die Wand schlug. Mary Gibbons und Charlotte Chan, ebenfalls Seniors, standen daneben und lagen sich in den Armen. Charlotte weinte. Normalerweise war während der ersten Pause in der Poststelle viel los, doch diesmal war es ruhig. Ich überlegte, ob wohl jemand gestorben war – kein Lehrer oder Schüler, aber vielleicht jemand aus der Verwaltung.
Ich ging zu der Wand mit den goldfarbenen Fensterbriefkästen. Man konnte immer sehen, ob man Post hatte, weil die Briefe schräg an der Briefkastenwand lehnten, und noch Jahre später, als ich längst nicht mehr in Ault war, träumte ich manchmal von diesem schmalen, länglichen Schatten.
Mein Briefkasten war leer. Als ich mich umdrehte, sah ich rechts neben mir Jamie Lorison aus Alter Geschichte stehen. Er atmete schnaufend. »Jamie, warum ist es so still?«, fragte ich.
»Die Seniors, die sich vorzeitig in Harvard beworben hatten, haben gerade Antwort bekommen, aber dieses Jahr hat’s keiner gepackt.«
»Sie haben keinen einzigen genommen?« Vor langer Zeit, als es in Ault noch keine Mädchen gegeben hatte, waren die Jungen am Tag vor dem Abitur zum Haus des Direktors gegangen und hatten Harvard, Yale oder Princeton auf einen Zettel geschrieben; an der Uni, die sie draufgeschrieben hatten, waren sie dann auch gelandet.
»Bis jetzt nur zwei«, sagte Jamie. »Nevin Lunse und Gates Medkowski. Der Rest ist zurückgestellt.«
Ich verspürte ein Kribbeln in der Brust, meine Lungen spannten sich. Ich ließ den Blick durch die Poststelle wandern und hoffte, Gates zu entdecken, um ihr zu gratulieren, doch sie war nicht da.
Schließlich sah ich sie am selben Abend im Speisesaal. Es war ein normales Abendessen, kein formelles, zu dem man sich ordentlich anziehen und an bestimmten Tischen sitzen musste. Ich wollte meinen schmutzigen Teller gerade auf das Geschirrband stellen, da entdeckte ich sie in der Schlange vor der Essensausgabe. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich fuhr mir mit dem Handrücken über den Mund, schluckte und ging auf sie zu.
Ich war keine drei Meter von ihr entfernt, als Henry Thorpe aus der entgegengesetzten Richtung auftauchte. »Komm schon, Medkowski«, sagte er.
Gates drehte sich um.
»So ist’s recht.« Henry hielt eine Hand hoch. »Gimme five, du Rockstar.«
Gates schlug ihre Handfläche gegen seine. »Danke, Mann!«
»Wie fühlst du dich?«
Gates grinste. »Als hätte ich riesiges Schwein gehabt.«
»Mit Schwein hat das nichts zu tun. War doch klar, dass du’s packen würdest.«
Ihr lässiger Umgang miteinander machte es mir unmöglich, sie anzusprechen, jedenfalls nicht vor all den Leuten. Selbst wenn ich Gates ein Kompliment machte, würde ich eine klägliche Figur abgeben. Ich beschloss, ihr stattdessen eine Karte zu basteln, die ich ihr in den Briefkasten stecken oder vor die Tür legen konnte.
Als ich wieder in meinem Zimmer saß, schrieb ich HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, GATES! und wechselte bei jedem Buchstaben zwischen einem blauen und einem roten Stift. Dann schrieb ich Viel Glück in Harvard! und malte lila Sternchen drumherum. Weil das Blatt noch einigermaßen nackt aussah, umkränzte ich die Wörter mit Blätterranken. Jetzt fehlte nur noch die Unterschrift. Ich wollte Alles Liebe, Lee schreiben. Aber was, wenn sie das irgendwie komisch fand? Mein Name allein sah irgendwie zu kurz aus, und Freundliche Grüße oder Beste Grüße klang klemmig und beknackt. Mit dem blauen Filzstift in der Hand verharrte ich über dem Papier und schrieb dann Alles Liebe, Lee. Ich würde die Karte in einen Umschlag stecken und ihr vor die Tür legen. Höchstwahrscheinlich wäre dann niemand dabei, wenn sie ihn finden würde.
Da am nächsten Abend formelles Abendessen war, würden die meisten nach dem Training in der Turnhalle duschen und von da aus direkt zum Speisesaal gehen. Wenn ich mich beeilte, konnte ich schnell in mein Zimmer flitzen, die Karte holen und sie abgeben. Ich war sowieso nicht gern zu früh beim formellen Abendessen, denn dann stand man nur blöd herum.
Als ich den Hof erreichte, fing ich an zu laufen. Inzwischen wurde es sehr früh dunkel, und zum Glück würde mich niemand sehen und sich fragen, weshalb ich in Rock und flachen dunkelblauen Schuhen durch die Finsternis galoppierte. Im Broussard-Haus war es still. Ich hastete die Stufen in den ersten Stock hinauf. Als ich die Tür zu unserem Zimmer aufriss, stieß Dede hektisch eine Schublade zu und wirbelte herum, und ich begriff – schlimm genug, dass ich das sonst nie bemerkt hätte und mich allein ihre panische Reaktion darauf brachte –, dass sie nicht vor ihrer eigenen Kommode stand, sondern vor Sin-Juns.
»Es ist nicht so, wie du denkst«, sagte sie.
Ich wich zurück, und sie kam auf mich zu.
»Ich versuche nur, herauszufinden, wo der Geruch herkommt«, sagte sie. »Wir sind es nicht, also muss es Sin-Jun sein, stimmt’s?«
»Wenn du glaubst, er kommt von ihr, hättest du sie fragen sollen, ob du ihre Sachen durchsuchen darfst.«
»Ich will sie doch nicht vor den Kopf stoßen.« Dede klang gereizt. »Lee, es ist doch wohl klar, dass ich nicht der Dieb bin, immerhin bin ich zuerst beklaut worden.«
Wir starrten einander an.
»Ach, komm schon«, sagte sie. »Glaubst du, ich würde mich selbst beklauen?«
Ich wich weiter zurück Richtung Tür.
»Erzählst du Madame davon?«, fragte sie. »Da gibt’s nichts zu erzählen. Ich lüge nicht, Lee. Vertraust du mir nicht?«
Als ich noch immer nichts sagte, machte sie einen hastigen Schritt auf mich zu und packte mich bei den Oberarmen. Mein Herz stockte. Sie stand so dicht vor mir, dass ich ihr Parfum riechen und die kleinen nachwachsenden Härchen ihrer Brauen sehen konnte. Hätte ich vorher gewusst, dass sie ihre Augenbrauen zupft, dachte ich, hätte ich sie fragen können, wie das geht. Aber solche Zimmergenossinnen würden wir sowieso nie werden.
»Lass mich los«, sagte ich.
»Was hast du vor?« Obwohl sie versuchte, gelassen zu klingen, zitterte ihre Stimme leicht. »Wirst du was sagen?«
»Ich weiß nicht.« Ich versuchte, mich loszumachen, aber sie hielt mich fest.
»Was soll ich tun, damit du mir glaubst, dass ich die Wahrheit sage?«
»Lass los«, sagte ich noch einmal.
Sie nahm ihre Hand weg. »Ich werde Madame selbst sagen, dass ich in Sin-Juns Kommode geschaut habe«, sagte sie. »Glaubst du mir dann?«
Ohne ein Wort zu sagen, ließ ich die Tür hinter mir zufallen.
Ich war noch nicht aus dem Haus, da bemerkte ich, dass ich Gates’ Karte vergessen hatte. Ich beschloss, das Abendessen sausen zu lassen – ich würde mich in der Telefonzelle im Gemeinschaftsraum verstecken, bis Dede in den Speisesaal gegangen war, und dann wieder nach oben schleichen. Außerdem konnte ich dann in Ruhe darüber nachdenken, was ich wegen Dede tun sollte.
In der Telefonzelle war es heiß, es roch nach Schweißsocken, und mein Puls raste. Am liebsten hätte ich Hampelmänner gemacht, so aufgekratzt war ich. Stattdessen hockte ich mich auf den Stuhl, zog die Füße auf den Sitz und schlang die Arme um die Knie. Kaum war mir das Foto in den Sinn gekommen, war es, wie im Wohnzimmer zu sitzen und zu wissen, dass in der Küche Kuchen steht. Man musste ihn nur holen. Tu’s nicht, dachte ich. Sonst hört Dede dich noch. Aber sie weiß ja nicht, wer es ist, dachte ich dann. Ich spähte durch das von Fingerspuren verschmierte Telefonzellenfenster, drückte behutsam die Tür auf und schlich quer durch den Gemeinschaftsraum zum Regal. Mit zitternden Fingern zog ich das letzte Jahrbuch heraus und schlich zur Telefonzelle zurück.
