Mittelalte Frauen - Curtis Sittenfeld - E-Book

Mittelalte Frauen E-Book

Curtis Sittenfeld

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Beschreibung

Ehe, Freundschaft, Schriftstellerinnendasein: Die Frauen in Curtis Sittenfelds neuem Erzählband setzen sich mit den großen Themen des Lebens und der Lebensmitte auseinander. Sie sind in den Vierzigern und merken, dass ihre lang gehegten Überzeugungen nicht mehr tragen in einer Welt, die sich beständig ändert. Da gilt es, sie und sich selbst zu hinterfragen und sich aufzumachen zu neuen Ufern. Jill wird vermeintlich gecancelt. Ruth ist damit konfrontiert, dass sie als weibliche Autorin ganz anderen Kriterien ausgesetzt ist als ein Kollege. Jess besucht zwei Freundinnen, die sie seit ihrer Scheidung nicht mehr gesehen hat, und lotet ihre Beziehung neu aus. Bei Lee Fiora, der Protagonistin aus Sittenfelds hochgelobtem Debüt ›Prep‹, ist es das Abschlussjubiläum, das zu einer Auseinandersetzung mit dem früheren Selbst führt. Sittenfelds Geschichten sind unglaublich zeitgeistig, klug, lustig und voller Einfühlungsvermögen. Mit unverkennbarem Scharfblick schildert sie die inneren Konflikte ihrer Figuren, die oft zwischen gesellschaftlichen Normen und ihren persönlichen Wünschen hin- und hergerissen sind.

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Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ehe, Freundschaft, Schriftstellerinnendasein: Die Frauen in Curtis Sittenfelds neuem Erzählband setzen sich mit den großen Themen des Lebens und der Lebensmitte auseinander. Sie sind in den Vierzigern und Fünfzigern und merken, dass ihre lang gehegten Überzeugungen nicht mehr tragen in einer Welt, die sich beständig ändert. Da gilt es, sie und sich selbst zu hinterfragen und sich aufzumachen zu neuen Ufern.

Jill wird vermeintlich gecancelt. Ruth ist damit konfrontiert, dass sie als weibliche Autorin ganz anderen Kriterien ausgesetzt ist als ein Kollege. Jess besucht zwei Freundinnen, die sie seit ihrer Scheidung nicht mehr gesehen hat, und lotet ihre Beziehung neu aus. Bei Lee Fiora, der Protagonistin aus Sittenfelds hochgelobtem Debüt ›Prep‹, ist es das Abschlussjubiläum, das zu einer Auseinandersetzung mit dem früheren Selbst führt.

Sittenfelds Geschichten sind zeitgeistig, klug, lustig und voller Einfühlungsvermögen. Mit unverkennbarem Scharfblick schildert sie die inneren Konflikte ihrer Figuren, die oft zwischen gesellschaftlichen Normen und ihren persönlichen Wünschen hin- und hergerissen sind.

»Curtis Sittenfeld ist eine Liga für sich.«   The Guardian

© Jenn Ackerman

Curtis Sittenfeld, geboren 1975, veröffentlichte 2005 ihren Debütroman ›Prep‹. Sie ist die Autorin von insgesamt sieben Romanen und zwei Bänden mit Kurzgeschichten. Auf Deutsch erschien zuletzt ›Romantic Comedy‹ (2024). Ihre Werke standen auf der New-York-Times-Bestsellerliste und wurden in dreißig Sprachen übersetzt.

Stefanie Jacobs lebt und arbeitet als freie Übersetzerin in Wuppertal. Für ihre Übersetzungen von u. a. Miranda July, Lauren Groff und Edna O’Brien wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Pauline Kurbasik lebt und übersetzt in Bonn aus dem Englischen und Französischen, u. a. Neal Shusterman, Karine Lambert, Abbie Greaves und Lizzy Dent, und unterrichtet Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

CURTIS SITTENFELD

MITTELALTE FRAUEN

ERZÄHLUNGEN

Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs und Pauline Kurbasik

Von Curtis Sittenfeld sind bei DuMont außerdem erschienen:

Romantic Comedy

Prep

Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel ›Show Don’t Tell‹ bei Penguin Random House LLC, New York

Copyright © 2025 by Curtis Sittenfeld

E-Book 2026

© 2026 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzung: Stefanie Jacobs und Pauline Kurbasik

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Satz: Angelika Kudella, Köln

E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1184-8

www.dumont-buchverlag.de

 

Für Sarah Coyne Sittenfeld,

aus so vielen Gründen

SHOW DON’T TELL

Weil irgendwann mal ein reicher alter Mann namens Ryland W. Peaslee dem Studiengang eine enorme Summe gespendet hatte, hießen nicht nur die von ihm gestifteten Stipendien fürs zweite Studienjahr, sondern auch diejenigen, die sie bekamen, Peaslees. Man sagte also: »Er ist ein Peaslee« oder: »Sie ist eine Peaslee«. Jedes Jahr wurden vier dieser Stipendien vergeben. Es gab noch andere, aber keins davon war so hoch dotiert wie das Peaslee – mit achttausendachthundert Dollar. Außerdem war es das einzige Stipendium, das einen davon befreite, Kurse für Bachelorstudierende zu geben.

Die Dozentinnen und Dozenten unseres Studiengangs hielten sich bedeckt, wann genau die Stipendienbescheide für das zweite Jahr verschickt werden würden, aber es ging das Gerücht, sie kämen an einem Montag Mitte März, und das bedeutete, dass ich an diesem Tag, statt am Schreibtisch zu sitzen, den größten Teil des Vormittags vorn am Fenster meiner Wohnung sehnsüchtig nach dem Briefträger Ausschau hielt. Zu Mittag aß ich eine Schale Grape-Nuts mit Joghurt – montagabends nach dem Seminar trank ich meist besonders viel, sodass das Leben folglich das stärkste Flirtpotenzial bereithielt, deshalb aß ich an diesen Tagen gern leicht –, dann putzte ich mir die Zähne, duschte und zog mich an. Es war gerade mal zwei Uhr. Das Seminar begann um vier, und von meiner Wohnung zum Campus brauchte ich zu Fuß zehn Minuten. Ich wohnte im Obergeschoss eines kleinen, heruntergekommenen Dutch-Colonial-Hauses in einer Straße mit mehreren Studentinnenverbindungen und einem Co-op, in dem ich mir manchmal eine sündhaft teure Bio-Ananas gönnte und dann ganz allein aufaß. Ich hatte ein besonderes Talent zum Ananasaufschneiden und fühlte mich dabei stets wie eine glorreiche tropische Königin, nur dass es niemanden gab, der mir huldigte. Es war 1989, und ich war fünfundzwanzig.

Ich war so aufgeregt wegen des Stipendienbescheids, dass ich beschloss, schon einmal meine Sachen zu packen und draußen auf die Post zu warten, obwohl die Temperatur nur knapp über null lag. Ich setzte mich auf den mintgrünen Metallstuhl vorn auf der kleinen Veranda und schlug das Taschenbuch auf, das ich gerade las, schweifte aber nach ein paar Sätzen wieder ab. Die Zeit auf der Graduate School war die Phase meines Lebens, in der ich die meiste Freizeit und die wenigsten Verpflichtungen hatte, in der ich am meisten über Bücher diskutierte und die wenigsten las. Aber es war eben nicht leicht, sich auf etwas zu konzentrieren, wenn man wie ein verpupptes Insekt gerade dabei war, man selbst zu werden.

Während ich auf der Veranda saß, kam Lorraine, meine Nachbarin von unten, mit einer Zigarette in der Hand aus ihrer Wohnung; wahrscheinlich hatte sie die Tür gehört und gedacht, ich wäre weg. Unsere Blicke trafen sich, und ich grinste – unwillkürlich, falls das als mildernder Umstand gelten kann, aber wahrscheinlich nicht. Sie wollte etwas sagen, aber ich hob die Hand, stand auf und schüttelte den Kopf. Dann streifte ich meine Tasche über die Schulter und machte mich auf den Weg zum Campus.

Lorraine war Anfang fünfzig, und sie war in derselben Augustwoche wie ich in den Mittleren Westen gezogen, ebenfalls um ihren Master zu machen, aber in einem anderen Studiengang; sie schreibe an einem Memoir, erzählte sie mir. Ich war aus Philadelphia hergezogen, sie aus Santa Fe. Sie hatte dunkles Haar, trug Jeans und Türkisschmuck – mir kam sie eher wie eine Neuinterpretation der North-Eastern-WASP als eine echte Wüstenbewohnerin vor – und war auf eine Weise fürsorglich, die mich misstrauisch machte. Ich träumte von wilden Affären mit heißen Typen in meinem Alter, ich wollte nicht mit einer Zweiundfünfzigjährigen abhängen. Als ich Anfang September nach meiner ersten Nacht bei Doug gegen acht Uhr morgens verkatert und hochzufrieden mit mir nach Hause gekommen war, hatte sie mit einem Kaffee auf der Veranda gesessen. Auf mein »Guten Morgen« hin hatte sie gefragt: »Wie gehts?« Ich sagte: »Gut, und selbst?«, und sie sagte: »Ich denke gerade darüber nach, dass die englische Sprache kein adäquates Vokabular besitzt, um Trauer zu beschreiben.« Nach kurzem Zögern antwortete ich: »Ja, das stimmt wohl. Schönen Tag noch!«, und ging dann schnell rein.

Anfangs fiel mir gar nicht so wirklich auf, dass Lorraine rauchte, wahrscheinlich weil ich von Doug abgelenkt war und das mit uns so aufregend war. Später aber roch ich ihre Zigaretten bis in meine Wohnung und sah irgendwann sogar im Mietvertrag nach, ob darin nicht stand, dass Rauchen weder drinnen noch draußen gestattet war – genau das stand da –, unternahm dann aber doch nichts.

Doug und ich waren vier Wochen zusammen, als im Seminar am selben Tag über seine Arbeit und meine gesprochen wurde. Über meine überwiegend positiv und über seine überwiegend negativ, was mich beides nicht überraschte. Während wir am Abend zuvor nackt bei Doug im Bett gelegen hatten, waren wir auf die Idee gekommen, einander schon vorab Feedback zu geben. Meine Story habe ihm gefallen, sagte er, während er auf mir lag, nur der Anfang habe ihn etwas verwirrt. Woraufhin ich ihm in einem siebzehnminütigen Monolog darlegte, was er an seiner alles verbessern könnte, und als ich fertig war, stand er auf, ging nach nebenan und schaltete den Fernseher ein, obwohl wir noch gar keinen Sex gehabt hatten. In meinen Augen war ein siebzehnminütiger Monolog ein Akt der Liebe, und wenn ich ehrlich bin, sehe ich das immer noch so, aber der Unterschied zwischen meinem damaligen und meinem heutigen Ich ist der, dass ich heute grundsätzlich nicht davon ausgehe, dass jemand meine Meinung über irgendetwas teilt.

Am nächsten Abend zog es die meisten nach dem Seminar noch in die Bar; es war gerade mal acht, als Doug sagte, er habe Kopfschmerzen und wolle nach Hause. »Aber wir sind doch in diesem Studiengang, um uns mit Kritik auseinanderzusetzen, oder nicht?«, sagte ich. »Meine Kopfschmerzen haben nichts mit der Kritik zu tun«, sagte er. Als ich die Bar drei Stunden später verließ, ging ich zu Fuß zu seiner Wohnung. Ich klopfte bei ihm an, bis er schließlich aufmachte, in Boxershorts, T-Shirt und mit ärgerlicher Miene. »Mir ist heute Abend nicht nach Gesellschaft«, sagte er, und ich fragte: »Kann ich wenigstens hier schlafen? Es muss ja nichts laufen. Ich weiß, dass du« – ich zeichnete Gänsefüßchen in die Luft – »Kopfschmerzen hast.«

»Weißt du, was, Ruthie? Ich glaub, das mit uns funktioniert nicht.«

Ich fiel aus allen Wolken. »Machst du jetzt etwa Schluss?«

»Wir haben uns da einfach zu schnell in was reingestürzt«, sagte er. »Also beenden wir es lieber jetzt, bevor da irgendwas zu gären anfängt.«

»Ich glaube, ›gären‹ ist nicht ganz das richtige Wort«, sagte ich. »Es sei denn, du betrachtest das mit uns als faulige Birne.«

Er funkelte mich an. »Hör auf, mich zu workshoppen.«

Es war nicht so, dass mich das nicht getroffen hätte, zutiefst sogar, nur hinderte mich das nicht daran, eine Bemerkung zu dieser Satzkonstruktion zu machen. Ich ging nach Hause, verbrachte in der Woche darauf eine Menge Zeit mit Weinen und sah Doug zwischendurch immer wieder aus ein paar Metern Entfernung im Seminar, bei Lesungen und in Bars.

Außerdem klopfte ich in dieser Woche bei Lorraine, um ihr zu sagen, dass ich ihre Zigaretten bis in meine Wohnung rieche und sie höflich bitten würde, woanders zu rauchen. Sie entschuldigte sich, legte mir am Nachmittag eine Karte und eine Sonnenblume vor die Tür – ich war ganz aus dem Häuschen, als ich sie sah, weil ich dachte, sie wäre von Doug – und qualmte, dem Geruch nach zu urteilen, fröhlich weiter. Ich hinterließ ihr eine Nachricht, dass ich mich über die Blume gefreut habe, aber unsere Vermieterin kontaktieren würde, wenn sie nicht aufhöre. Als ich am nächsten Samstag um ein Uhr morgens nach Hause kam, saß sie draußen auf dem mintgrünen Stuhl und rauchte genüsslich eine Zigarette; vermutlich dachte sie, ich würde schlafen. Sie kicherte und sagte: »Das ist mir jetzt aber unangenehm«, und ich ging wortlos in meine Wohnung. Am nächsten Tag schrieb ich eine E-Mail an unsere Vermieterin. Danach rauchte Lorraine ziemlich sicher nicht mehr ganz so viel auf dem Grundstück, hörte aber auch nicht ganz auf. Ich ignorierte sie einfach weiterhin. Das heißt, ich sprach nicht mit ihr, nickte aber zurück, wenn sie Hallo sagte.

Ein weiterer Monat verging, und eines Nachmittags gab es in North Carolina einen Flugzeugabsturz, bei dem alle siebenundvierzig Passagiere und Crew-Mitglieder ums Leben kamen. Als ich am nächsten Tag die Wohnung verließ, saß Lorraine auf dem mintgrünen Stuhl und las die Zeitung. »Hast du schon von dem Flugzeugabsturz gehört?«, fragte sie, und ich sagte: »Ja«, und ging weiter, und als ich etwa drei Meter weit weg war, rief sie mir nach: »Sie sind eine blöde Kuh.« Ich war so verdattert, dass ich sie ansah und anfing zu lachen. Dann drehte ich mich wieder um und ging.

Wenig später lag wieder eine einzelne Sonnenblume vor meiner Tür, dazu noch ein Kärtchen: Dieser Ausbruch, das war ich nicht. Ich bewundere Sie sehr. Ich hatte bereits zwei Kommilitoninnen die Geschichte erzählt, wie mich meine mittelalte, mit Türkisschmuck behängte Nachbarin eine blöde Kuh genannt hatte, und ihre Nachricht ließ mich irgendwie enttäuscht und mit schlechtem Gewissen zurück. In den nächsten fünf Monaten, bis zu dem Nachmittag, an dem ich auf den Stipendienbescheid wartete, versuchte ich, Lorraine so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Dass ich mich auf die Veranda gesetzt hatte, zeigte natürlich, wie aufgeregt ich wegen des Stipendiums war. Auf dem Weg in die Stadt formulierte ich im Kopf schon einmal die E-Mail an meine Vermieterin. Sie würde das Wort »karzinogen« enthalten, beschloss ich.

Weil ich immer noch neunzig Minuten Zeit hatte, bis das Seminar begann, schaute ich im Buchladen vorbei. Ich traf einen Kommilitonen namens Harold, der neulich im Seminar gesagt hatte, meine Texte klängen irgendwie immer nach zehnjährigen Mädchen auf einer Pyjamaparty. Jetzt im Buchladen sagte Harold, die Stipendienbescheide würden heute wohl doch nicht kommen. Bei ihm sei die Post schon da gewesen, und bei dem einen, der neben ihm wohnte, Cyrus, auch; bisher hatte noch niemand seinen Stipendienbescheid bekommen, und jetzt hieß es, die Briefe würden am Mittwoch verschickt und kämen wahrscheinlich am Donnerstag an. Dann hielt Harold ein Paperback von Mao II hoch und sagte: »Wenn DeLillo nicht gerade der Gralshüter der amerikanischen Literatur ist, dann weiß ich nicht, wer sonst.«

»Ich hab ehrlich gesagt noch nie was von ihm gelesen«, sagte ich. Harolds Miene bekam etwas Verächtliches, und ich schob hinterher: »Wenn du mir das leihst, sobald du durch bist, lese ich es.«

»Gehört nicht mir«, sagte Harold. »Ich komme nur immer wieder her und lese zwanzig Seiten weiter. Aber jetzt mal im Ernst, Ruthie, nicht mal Weißes Rauschen?«

Am Freitag kam ein Mann Mitte vierzig, der in der allgemeinen Bevölkerung nicht bekannt, aber für mich und meine Kommilitonen eine Art Kultfigur war – ein Unterschied, der mir damals nicht klar war –, für eine Lesung zu uns auf den Campus, und ein paar aus dem zweiten Jahr, die in einem Haus auf der anderen Seite des Flusses wohnten, luden danach zu einer Party ein. Die Stipendienbescheide waren immer noch nicht da, zumindest glaubte ich das, als ich mich um halb sechs mit meiner Freundin Dorothy in einem Thai-Restaurant traf; wir wollten früh essen, um noch gute Plätze bei der Lesung zu ergattern, die in einem großen Hörsaal auf dem Campus stattfand. Aber als ich mich setzte, sagte Dorothy: »Ich habe ein Franklin bekommen. Und du, hast du ein Peaslee? Dann würde ich meinen Neid runterschlucken und mich für dich freuen.«

Ich hatte nach einem weiteren frustrierenden Tag des Wartens und Ausschauhaltens nach dem Briefträger noch gar keine Post bekommen. Als ich das Dorothy erzählte, fügte ich noch hinzu: »Oder meinst du, Lorraine hat meinen Brief gestohlen?«

»Ja klar, ganz bestimmt«, sagte Dorothy.

»Nein, im Ernst«, sagte ich.

»Nein«, sagte Dorothy. »Ich wette, jetzt ist er da. Sollen wir das Essen ausfallen lassen und nachsehen?«

Obwohl ich vor gerade mal fünfzehn Minuten aus dem Haus gegangen war, dachte ich kurz darüber nach. Dann sagte ich: »Ich habe jetzt die ganze Woche mit sinnlosem Warten vergeudet, und außerdem krieg ich sowieso kein Peaslee. Und wenn ich nicht nachsehe, kann ich bis nach der Party so tun, als hätte ich eins bekommen. Wie bei Schrödingers Katze.«

»Ha«, sagte Dorothy, und dann verzog sie das Gesicht, bekam feuchte Augen und sagte: »Es macht mir ja gar nichts aus, nächstes Jahr Komparatistik zu unterrichten, aber die letzten Wochen haben mich einfach so fertiggemacht. Als wäre das so eine Art Referendum über unser Schicksal.« Ich bewunderte Dorothy; sie bekam mehrmals täglich in meiner Gegenwart feuchte Augen und wahrscheinlich auch mehrmals täglich ohne mich. So einige in unserem Studiengang zeigten ihre nackten Emotionen auf eine Weise, die ich mir in der Kindheit so erfolgreich abgewöhnt hatte, dass sie mir heute wirklich quasi fremd war. Vor der Grad School hatte ich mich nie normal gefühlt, aber hier war ich so eine angepasste, gute Studentin, dass es fast schon langweilig war. Ich ging immer zu den Seminaren. Ich hielt mich an Deadlines. Ich sah meinem Gegenüber in die Augen. Natürlich war ich chronisch traurig, und natürlich schlummerten diverse Phobien in mir, aber nichts davon beherrschte mein Verhalten. Ich besaß nicht diese ganz spezielle, leicht wilde Ausstrahlung, nichts Rätselhaftes, und ich fragte mich oft, ob Charisma und Talent korrelierten, fand aber keine Antwort. Dorothy hatte recht, die Stipendienvergabe fühlte sich tatsächlich wie ein Referendum an.

Im Hörsaal fanden Dorothy und ich zwei Plätze ziemlich weit vorn, neben Jay und Bhadveer, die wir ohne ihr Wissen jeweils als Boyfriend-Ersatz bezeichneten. Jay war groß und dicklich und Bhadveer etwas kleiner und ziemlich schmächtig, und wir vier waren alle single und hingen oft zusammen herum. Statt einer Begrüßung sagte Jay: »Ich frage jetzt nicht, was für ein Stipendium ihr bekommen habt, und möchte auch nicht gefragt werden, und wer unbedingt darüber reden will, kann sich ja woanders hinsetzen.« Dorothy, die sich vor mir durch die Sitzreihe schob, drehte sich zu mir um und zog eine Augenbraue hoch, und als ich lautlos Rhetoric? sagte, nickte sie. Es war das schlechteste Stipendium, aber besser als gar keins, und manche bekamen tatsächlich gar keins. Wobei das Rhetoric vielleicht doch schlechter war als gar keins, denn ohne Stipendium konnte man sich immer noch einen anderen Job suchen, aber mit einem Rhetoric musste man für sechstausendvierhundert Dollar im Jahr fünf Tage die Woche unterrichten. Laut sagten Dorothy und ich: »Klar« und: »Nein, kein Problem«.

Der Hörsaal füllte sich, was bedeutete, dass um die fünfhundert Menschen gekommen waren, um den Mann zu hören, der eine Art Kultfigur war, ein Absolvent unseres Studiengangs. Er trug ein lockeres Hemd über Baggy Jeans und dazu ramponierte Wanderschuhe, und als er mitten in seiner Lesung über eine Zeile stolperte, die er ein Jahrzehnt zuvor geschrieben hatte, sagte er: »Scheiße, Mann, ich brauch einen Drink«, und ungefähr sieben Minuten später reichte ihm einer meiner Kommilitonen ein Sixpack auf die Bühne, und der Mann riss eine Dose an sich, öffnete sie knackend und goss sie zur Hälfte hinunter. »Herrlich!«, sagte er, und das Publikum applaudierte begeistert. Ich war fasziniert von ihm und schrieb mir drei seiner Erkenntnisse in mein Notizbuch, aber die Sache mit dem Bier gab mir irgendwie ein ungutes Gefühl, das ich erst zwei Tage beziehungsweise zwölf Jahre später so recht zu fassen bekam.

Nach dem Vortrag stand ich mit Jay in der rappelvollen Lobby des Gebäudes, als ich ein paar Meter neben mir Lorraine entdeckte. »Oh nein«, sagte ich. »Kann ich mich mal hinter dir verstecken? Da drüben ist meine durchgeknallte Nachbarin.«

»Die Raucherin?«, fragte Jay.

»Ja, die Frau in dem schwarzen Ledertrenchcoat.«

»Die Raucherin ist Lorraine? Die ist meine Tutorin im Writing Center. Sie ist ein bisschen übergeschnappt.«

»Ganz genau.«

»Das mit ihrer Tochter weißt du, oder?«

»Nein, sollte ich?«

»Sie hatte eine Tochter, die mit fünfzehn oder sechzehn an Magersucht gestorben ist. Noch gar nicht mal so lange her – vor zwei Jahren?«

»Oh Gott«, sagte ich. »Vielleicht bin ich wirklich eine blöde Kuh.«

»Nach so was würde ich auch anfangen zu rauchen.«

»Ich hab doch schon gesagt, ich fühle mich mies.« Wir schwiegen beide einen Moment – es war immer noch laut und voll in der Lobby –, dann sagte ich: »Das ist natürlich eine schreckliche Tragödie. Aber sind das nicht zwei vollkommen verschiedene Dinge, der Tod ihrer Tochter und dass sie mir ihren Rauch ins Gesicht bläst?«

Jay zuckte mit den Schultern. »Für sie vielleicht nicht.«

Es war fraglich gewesen, ob die Party danach wirklich stattfinden würde, wo doch so viele von uns deprimiert waren wegen ihres Stipendiums, aber in der Lobby sprach sich herum, dass es allmählich losging. Bevor wir hinfuhren, hielten Dorothy, Jay, Bhadveer und ich an einem Mini-Markt an.

»Ich werde heute Abend nichts trinken«, sagte ich zu Dorothy.

Sie schloss gerade die Glastür eines Kühlschranks, sah mich stirnrunzelnd an und fragte: »Warum nicht?«

Es lag daran, wie der Mann, der eine Art Kultfigur war, sich auf der Bühne das Bier reingeschüttet hatte, und an meinem neuen Wissen über Lorraines Tochter, was ich Dorothy unter anderen Umständen auch erzählt hätte – ich erzählte ihr alles –, aber irgendwie hätte ich zu weit ausholen müssen, und Jay und Bhadveer warteten an der Kasse. »Damit ich mich Doug nicht an den Hals werfe«, sagte ich.

»Aber wenn du nichts trinkst, wirfst du dich auch sonst niemandem an den Hals.«

»Wollen wir’s hoffen«, sagte ich. Doug und ich hatten seit der ersten Oktoberwoche kaum ein Wort miteinander geredet. Seit unserer Trennung hatten wir nur über schriftliche Kritiken zu unseren jeweiligen Arbeiten miteinander kommuniziert – unsere Dozentin bestand auf schriftlichen Kritiken –, und Doug schrieb mir üblicherweise einen einzelnen intellektuell distanzierten Absatz, den er mit Viele Grüße, Doug beendete, und ich dachte dann jedes Mal: Wie kann jemand, der in mir gekommen ist, seine Kritiken mit »Viele Grüße« unterschreiben? Meine Kritik an ihn nach unserer Trennung war drei Seiten lang, einfacher Zeilenabstand, und insofern unpersönlich, als meine Anmerkungen sich auf seine Story bezogen, aber dann auch wieder nicht, weil es eine autobiografische Geschichte war und er wusste, dass ich es wusste – er hatte mir von dem zugrunde liegenden Angelausflug mit seinem Stiefvater erzählt. (Meiner Ansicht nach würde der Text an Eindringlichkeit gewinnen, wenn sich der Protagonist seiner Rolle beim Untergehen des Bootes bewusster wäre und Verantwortung dafür übernehmen würde.) Danach schrieb ich ihm keine Kritiken mehr. Ich wollte ihn nicht wissentlich schlecht beraten, aber ich wollte ihm auch keine Liebe mehr schenken. Oder doch, ich wollte schon – alles, was ich wollte, war, mich zu verschenken –, aber es schmerzte einfach zu sehr, wo doch wahrscheinlich gerade meine Fähigkeit, seine Arbeit zu kritisieren, die Eigenschaft an mir war, die er zugleich am meisten liebte und hasste. Außerdem datete er seit Neuestem eine gewisse Brianna aus dem Bachelorjahrgang.

Draußen war es dunkel, und auf der Brücke über den Fluss ging ich schließlich neben Bhadveer, ein Stück hinter Dorothy und Jay. »Das mit Larry ist echt ein Ding, oder? Kannst du das glauben?«, fragte Bhadveer.

»Moment, Larry ist ein Peaslee?«

»Ja. Weißt du noch, diese schlimme Story mit dem Nazisoldaten?«

»Und wer ist noch ein Peaslee?«, fragte ich.

»Du meinst, außer dem Typen, der zwei Daumen hat und gern einen geblasen kriegt?« Bhadveer zeigte mit den Daumen auf sein Gesicht.

»Du?!«, fragte ich.

»Falls du deine Überraschung zu verbergen versuchst, gib dir ruhig ein bisschen mehr Mühe. Hast du auch eins bekommen?«

»Ich hab heute noch nicht in den Briefkasten geschaut, aber es würde mich wundern.«

»Ich wette, du warst nah dran«, sagte er, was ich großzügig fand, auch wenn ich den Eindruck hatte, er hätte es nicht gesagt, wenn er nicht selbst einer der Glücklichen gewesen wäre.

»Danke für dein Vertrauen.«

»Na ja, mindestens einer von den Peaslees muss ja auch weiblich sein, oder?«, sagte er. »Und so viele seid ihr ja nicht.« Das stimmte. Wir waren in unserem Jahrgang insgesamt zweiundzwanzig, aber es gab nur sieben Mädchen oder Frauen oder wie auch immer wir uns und die anderen nennen sollten – ich war, was das anging, selbst nicht konsequent.

»Also du und Larry plus zwei, die wir nicht kennen«, sagte ich.

Die Partys unseres Studiengangs arteten oft ziemlich aus – sie fanden zuweilen in einem Bauernhaus ein paar Kilometer außerhalb statt, das irgendwer gemietet hatte, und es kam schon mal vor, dass Gäste sich Acid einwarfen, sodass es nichts Ungewöhnliches war, wenn, sagen wir mal, dabei ein dreiundzwanzigjähriger Dichter aus San Francisco mit einem Abschluss an der Brown bei Frost in Unterwäsche durch ein Maisfeld vagabundierte –, aber kaum dass wir ankamen, wusste ich genau, dass diese Party besonders abgefahren werden würde. Einer aus dem zweiten Jahr, Chuck, stand mit einem PEZ-Spender mit Totenkopf obendrauf an der Eingangstür, bot jedem, der reinkam, ein Bonbon an und ließ es der Person mit einem »Memento mori« in die Hand fallen. Irgendeine Mischung aus Intuition und strategischem Umsehen verriet mir rasch, dass weder der Mann, der eine Art Kultfigur war, noch Doug da waren.

Während Dorothy in der Küche stand und wartete, dass sie ihr Sixpack in den Kühlschrank stellen konnte, drehte sich die Frau vor ihr, Cecilia, auf einmal um und zischte: »Kannst du dich verdammt noch mal aus meiner Intimdistanz-Zone verpissen?«

Dorothy und ich klinkten uns in ein laufendes Gespräch von fünf anderen Leuten mit ein, und bald stellte sich raus, dass einer von ihnen, Jonah, der dritte Peaslee war. Jonahs Mutter hatte in den Achtzigern in einer bekannten Late-Night-Soap mitgespielt, und in ausnahmslos allen seinen Geschichten spielte autoerotische Atemkontrolle eine Rolle, etwas, das ich zuvor nicht gekannt hatte und Dorothy mir erst erklären musste. Aber Jonahs Beschreibungen von autoerotischer Atemkontrolle waren sehr kunstvoll, sodass die Nachricht, dass er ein Peaslee war, meinen Gerechtigkeitssinn nicht verletzte.

Unser Grüppchen spekulierte, wer der oder die vierte Peaslee sein könnte, und wir einigten uns auf Aisha, eine von nur zwei Schwarzen Personen im ganzen Studiengang; sie war Ende dreißig und vorher Anästhesistin gewesen. Sie kam selten zu Partys, was ich bewunderte. Ich konnte ihnen einfach nicht fernbleiben – was, wenn irgendwas Aufregendes passierte und/oder Doug in der Stimmung für einen Neuanfang war? Rein theoretisch hätte die vierte Peaslee auch eine Frau namens Marcy sein können. Sie war Anfang dreißig, verheiratet und Mutter eines zweijährigen Kindes, das dauernd krank war. Allerdings waren sich so ziemlich alle einig, dass Marcy eine grottenschlechte Schriftstellerin war; ich hatte mehr als einmal die Vermutung gehört, sie sei nur wegen eines Verwaltungsfehlers für den Studiengang zugelassen worden.

Ich war gerade im Wohnzimmer, saß neben Bhadveer auf einer Fensterbank, als sich drei Mädchen-Frauen zu einer – und ich übertreibe nicht – fünfminütigen Gruppenumarmung zusammenfanden. Es waren außer Dorothy, Aisha, Marcy und mir die einzigen Frauen im Jahrgang. Sie hatten ziemlich viel Platz um sich herum, sodass wirklich jede und jeder Einzelne in den Randbereichen des Zimmers Zeuge dieser Umarmung wurde, was wohl teils auch Sinn und Zweck der Sache war. In den ersten Sekunden dachte ich: Okay, von euch ist schon mal keine eine Peaslee, was die Aisha-Theorie wahrscheinlicher machte – oder könnte ich es sein? War das möglich? Ob ich gehen und zu Hause in den Briefkasten schauen sollte? –, und als die Umarmung die Dreißig-Sekunden-Marke erreichte, dachte ich: Herrgott noch mal, wir habens kapiert, ihr seid starke Frauen und unterstützt euch gegenseitig, auch wenn das System euch fickt, und nach einer Minute verzog ich das Gesicht und hasste sie alle drei, obwohl ich unter normalen Umständen nur eine von ihnen nicht abkonnte, weil sie immer so demonstrativ tugendhaft war und einem ständig erzählen musste, was sie wieder für tiefschürfende Gespräche mit dem Hausmeister geführt oder was für ein gesundes, nahrhaftes Vollkornbrot sie am Nachmittag gebacken hatte.

Bhadveer sagte: »Ich überlege gerade, wobei ich mich unwohler fühle: wenn ich bei Gruppenumarmungen zusehe oder wenn ich mitmache.«

»Wenn du mitmachen würdest, könntest du wenigstens ein bisschen grapschen«, sagte ich.

»Mir gefällt, wie du denkst, Flaherty.« Bhadveer sprach mich immer mit meinem Nachnamen an. Dann fragte er: »Führen Genevieve und Tom eigentlich eine offene Ehe?« Genevieve war eine Dichterin aus dem zweiten Jahr und Tom ihr Mann, der einen Normalo-Job hatte, irgendwas mit EDV wahrscheinlich.

»Nicht dass ich wüsste«, sagte ich. »Warum?«

»Weil sie sich heute Abend voll an Milo ranschmeißt. Guck doch mal.« Jetzt, wo Bhadveer mich darauf aufmerksam gemacht hatte, sah ich, dass Genevieve und einer aus dem ersten Jahr namens Milo sehr nah beieinander auf einem Sofa uns gegenüber saßen und in ein intensives Gespräch vertieft waren.

»Ist ihr Mann auch da?«, fragte ich.

»Anscheinend nicht.«

Ich sah mich im Zimmer und auch weiter hinten im Flur um, wo alle ein, zwei Minuten noch mehr Leute zur Tür hereinkamen.

»Doug ist auch nicht hier, falls du in Wirklichkeit nach dem Ausschau hältst«, sagte Bhadveer.

»Übrigens halten alle Aisha für die vierte Peaslee, schon gehört?«

Bhadveer schnaubte verächtlich.

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Du meinst, abgesehen davon, dass ihre Texte scheiße sind?«

Ich war ernsthaft erstaunt. »Aishas Texte sind nicht scheiße. Aber selbst wenn sie es wären, Larrys Texte sind wirklich scheiße, und sie haben ihm trotzdem ein Peaslee gegeben.«

»Ich sag ja nicht, dass sie nichts in der Birne hat«, sagte Bhadveer. »Sie ist durchs Medizinstudium gekommen. Sie kann halt nur einfach nicht schreiben.«

Ich runzelte die Stirn. »Hat dieses Gespräch irgendwie einen rassistischen Subtext?«

»Nein, lässt sich aber einrichten, wenn du willst. Oh, weißes Vorstadtmädchen, klär mich auf.« Er trank einen Schluck von seinem Bier und fügte hinzu: »Aisha sieht toll aus, oder?«

Ich nickte.

»Große Literatur wurde noch nie von schönen Frauen geschrieben.«

Ich starrte ihn ein paar Sekunden an. »Das ist doch lächerlich.«

»Nenn mir ein Buch. Ich warte.«

»Virginia Woolf war doch echt ein Schnuckelchen.« Von den vielen dummen Sachen, die ich auf der Graduate School gesagt habe, verfolgt mich dieser Satz bis heute am meisten. Aber ich bereute ihn nicht sofort.

Bhadveer schüttelte den Kopf. »Du hast dieses eine Foto im Kopf, als sie um die neunzehn war. So halb im Profil, richtig? Um ihr langes Gesicht zu kaschieren. Warum so ein langes Gesicht, Virginia?«

Ich nannte ihm eine Schriftstellerin, die, zwei Jahre bevor wir angefangen hatten, unseren Studiengang absolviert und für ihren ersten Roman angeblich einen Vorschuss von einer halben Million bekommen hatte. »Hast du sie mal im echten Leben gesehen?«, fragte Bhadveer, und ich musste zugeben, dass nicht. »Sie macht das Beste aus sich«, sagte er, »aber eine Schönheit ist sie nicht.« Dann fügte er hinzu: »Versteh das nicht falsch, aber es scheint eine umgekehrte Korrelation zwischen dem Aussehen einer Frau und ihren schriftstellerischen Qualitäten zu geben. Das beste Beispiel ist George Eliot.«

»Also, das ist wirklich das Dümmste, was ich je gehört habe«, sagte ich.

»Weil man hungrig sein muss, um gut zu schreiben, und schöne Frauen sind nicht hungrig. Los, beweis mir das Gegenteil.«

»Joan Didion«, sagte ich. »Alice Munro. Louise Erdrich.« Aber es fühlte sich eher geschmacklos als befriedigend an, ihm Gegenbeispiele aufzuzählen. Ich stand auf. »Ich könnte jetzt sagen, ich hole mir noch was zu trinken, aber eigentlich will ich nur weg von dir.«

Als ich aus dem Wohnzimmer ging, löste sich die Gruppenumarmung endlich auf.

Inzwischen war der Mann da, der eine Art Kultfigur war, und wurde im Esszimmer von einer großen Menschentraube umringt. Ich stand neben einer von unserem Studiengang gesponserten Käseplatte. Näher als bis auf zweieinhalb Meter kam ich nicht an ihn heran, aber ich hätte sowieso nicht versucht, ihn anzusprechen.

»In Yaddo gibts Blech-Lunchboxen«, sagte er gerade. »Die Picknickkörbe waren in MacDowell.«

Irgendjemand stupste mich an. Bhadveer. »Er lässt sich gern von jungen Frauen einen blasen, hab ich gehört«, murmelte er. »Vielleicht meldest du dich freiwillig.«

»Warum sollte ich?«, flüsterte ich zurück.

»Weil er dir dann bei der Verlagssuche behilflich ist.«

»Also, erstens würde ich niemals einem Mittvierziger einen blasen«, sagte ich, noch immer im Flüsterton. »Jedenfalls nicht, bevor ich nicht selbst vierzig bin. Oder wenigstens Ende dreißig. Und zweitens bist du heute Abend ja wirklich besessen von Blowjobs.«

»Ich bin immer besessen von Blowjobs, Flaherty.«

Ich verdrehte die Augen.

»Du solltest mir dankbar sein für diesen Tipp.« Bhadveer stieß mit seiner Bierdose gegen meinen Plastikbecher mit Wasser.

»Danke«, sagte ich.

Bildete ich mir das nur ein, oder stand plötzlich die Frage im Raum, ob ich Bhadveer früher oder später einen blasen würde? Sollte das sein semiunbeholfener Flirtversuch sein, oder teilte er mir einfach nur mit, was er wirklich dachte?

»Hast du schon einen sitzen?«, fragte ich.

»Ja«, erwiderte er, aber es war schwer zu sagen, ob diese Information jetzt das eine oder das andere wahrscheinlicher machte.

Wir schwiegen, und ich hörte wieder dem Mann zu, der eine Art Kultfigur war und jetzt von einem Hundeschlittentrip erzählte, über den er vor Kurzem für ein Männermagazin geschrieben hatte.

»Warte«, murmelte ich Bhadveer zu. »Clarice Lispector.«

Bhadveer sah für einen Augenblick verwirrt aus, dann schüttelte er den Kopf. »Clarice Lispector war nichts Besonderes«, sagte er.

»Doug kommt heute Abend nicht«, sagte Dorothy. »Harold hat mir gerade erzählt, dass Doug denkt, du bist vielleicht eine Peaslee, und er keinen Bock hat, es von dir unter die Nase gerieben zu bekommen.«

»Wow«, sagte ich. »Sehr schmeichelhaft und sehr mies.«

»Ich wollte gerade zu dir kommen und dir sagen, dass du heute Abend doch was trinken kannst, da ist mir eingefallen, wie meine Story endlich funktioniert: Ich muss zu einer allwissenden Erzählperspektive wechseln. Findest du nicht auch? Dann kann ich die Vorgeschichte des Gastwirts mit einflechten, und man wundert sich nicht dauernd, woher die Hausangestellten die ganzen Details über ihn wissen.« Dorothy arbeitete seit August an ein und derselben Story. Sie spielte 1810 in Virginia und schwankte zwischen zwanzig und sechsundzwanzig Seiten, und jeder einzelne Satz war exquisit. Aber als Ganzes funktionierte sie einfach nicht so recht. Sie hatte sie schon mehrfach stark überarbeitet, und letztlich war sie jedes Mal genauso exquisit geblieben und genauso schwerfällig.

»Klar«, sagte ich. »Ich wüsste nicht, was dagegenspricht.«

»Das muss ich unbedingt gleich ausprobieren.«

»Jetzt?«

Dorothy nickte.

In einem anderen Leben – wenn ich noch auf dem College gewesen wäre – hätte ich protestiert. Aber hier war jedem klar, dass die eigene Arbeit, wann und wie auch immer man sie erschuf, vor allem anderen Vorrang hatte. Für diese Erkenntnis meiner Grad-School-Zeit bin ich am dankbarsten. »Sollen wir morgen zusammen frühstücken?«, fragte ich. »Dann kannst du mir erzählen, wie es gelaufen ist.«

»Unbedingt«, sagte Dorothy. »Und ruf mich nachher an, wenn du deine Post aufgemacht hast. Egal, wie spät es ist, ruf an.«

»Bhadveer ist der Meinung, Aisha ist zu hübsch, um eine gute Schriftstellerin zu sein. Er hat mir gerade erörtert, dass große Literatur noch nie von schönen Frauen geschrieben wurde.«

Dorothy verzog das Gesicht. »Aisha ist nicht hübsch«, sagte sie.

Weil unten vor der Toilette eine Schlange war, ging ich nach oben und öffnete die Tür zu einem der Schlafzimmer, von dem ich wusste, dass es ein Bad hatte. Dort brannte eine Stehlampe, und auf der Matratze lagen Genevieve und Milo – die verheiratete Dichterin aus dem zweiten Jahr und der aus dem ersten, der nicht ihr Mann war – ineinander verschlungen und knutschend. Hätte ich etwas getrunken gehabt, hätte ich mich wahrscheinlich entschuldigt und die Tür schnell wieder zugemacht. Aber nüchtern zu sein, während alle anderen immer betrunkener wurden, fühlte sich an, wie eine Art Tarnumhang zu tragen. Es war doch sicher nicht schlimm, wenn ich kurz nebenan pinkelte, während Genevieve und Milo beim Vorspiel waren?

Sie sahen tatsächlich nur kurz hoch, und ich bin mir nicht mal sicher, ob sie mich erkannt haben. Genevieve ließ sich kurz darauf scheiden, und sie und Milo heirateten schließlich, wurden Evangelikale und haben heute sechs – sechs! – Kinder. Obwohl ich die beiden jahrelang nicht gesehen habe, ahne ich, dass ich beim Urknall zugegen war, bei dem ihre Familie entstand, auch wenn die Familie wohl eher nicht an den Urknall glaubt.

Unten an der Treppe sah ich Bhadveer wieder. »Arundhati Roy?«, fragte ich. Ich hatte keine Ahnung mehr, ob ich das noch scherzhaft meinte.

Er warf mir einen abschätzigen Blick zu. »Lass gut sein.«

Gegen Mitternacht zeigte die Party erste Auflösungserscheinungen. Ein paar Leute tanzten im Wohnzimmer zu »Brick House«, und eine Teilnehmerin der Gruppenumarmung saß heulend in der Küche, aber immer mehr Gäste gingen. Die Gewissheit, dass ich am nächsten Morgen keinen Kater haben würde, war so schön, dass ich mich immer wieder bewusst daran erfreute, so als hätte ich einen gefundenen Zwanzigdollarschein in der Tasche. Warum hatte ich eigentlich jemals was getrunken?

Ich sprach gerade mit Cecilia, der Frau mit der Intimdistanz-Zone, als Jess, eine Bewohnerin des Hauses, auf mich zukam und sagte: »Stimmt es, dass du nichts getrunken hast?«

Als ich es ihr bestätigte, fragte sie mich, ob ich den Mann, der eine Art Kultfigur war, zu seinem Hotel fahren könnte. »Kannst meinen Wagen nehmen«, sagte sie, »ich hole ihn dann morgen ab.«

Im Wohnzimmer stellte sie mich ihm vor. »Ruthie ist dein Chauffeur«, sagte sie.

Er verbeugte sich ungeschickt.

Jess’ Auto war ein hellblauer Honda mit einer Plastik-Hula-Hoop-Tänzerin am Rückspiegel. Ich fragte mich natürlich, ob der Kultfigur-Mann es drauf anlegen würde, von mir einen geblasen zu bekommen. Aber ich wusste schon nach unseren ersten Sekunden allein zu zweit, dass nicht, und war erleichtert und auch ein ganz klein wenig beleidigt. Abgesehen davon, dass ich am Steuer saß, erinnerte mich die Situation an damals auf der Highschool, wenn mich nach dem Babysitten der jeweilige Dad nach Hause gefahren hatte.

»Bist du im ersten oder zweiten Jahr?«, fragte der Mann, während ich auf die Straße neben dem Park einbog.

»Im ersten«, sagte ich.

Der Mann lachte kurz auf. »Und darf ich fragen, ob du eine Peaslee bist?«

Um einen erfolgreichen Schriftsteller nicht mit den Details meiner noch nicht erhaltenen Post zu langweilen, sagte ich: »Nein. Als du in dem Studiengang warst, gab es noch keine Peaslees, oder?«

»Doch«, sagte er. »Ich habe vor gerade mal vierzehn Jahren hier meinen Abschluss gemacht. Und ich war ein Peaslee. Ohne damit prahlen zu wollen.« Der Mann hatte sechs Bücher geschrieben, von denen mehr als eins für wichtige Preise nominiert worden war. Er war in viele Sprachen übersetzt worden und hatte eine Festanstellung als Dozent an einer renommierten Uni in Kalifornien. Wir überquerten den Fluss, und er lachte noch einmal kurz und sagte: »Vierzehn Jahre, das klingt nach einer langen Zeit, was? Irgendwann nicht mehr.« Es war still im Wagen – ich glaubte ihm und irgendwie auch nicht –, und er fragte: »Gefällt es dir in dem Studiengang?«

»Sehr«, sagte ich. »Na ja, ein paar Leute nerven. Aber selbst das meist auf eine interessante Weise.«

»Sagt dir der Narzissmus der kleinen Differenzen was?«

»Nein, nicht so direkt, aber ich kann mir denken, was damit gemeint ist.«

»Freud hat den Begriff von einem englischen Anthropologen namens Ernest Crawley geklaut. Er erklärt die internen Streitigkeiten in Gruppen, deren Mitglieder sehr viel mehr verbindet als trennt. Ich habe immer gedacht, wenn zwei der Studierenden hier Kollegen in ein und derselben Firma wären, würden sie die besten Freunde werden. Sie wären überglücklich, jemanden gefunden zu haben, dem dieselben Dinge am Herzen liegen und der über die Welt nachdenkt, statt einfach nur schlafwandelnd durchs Leben zu gehen. Aber hier in diesem Studiengang hat man eine solche Fülle verwandter Seelen zur Auswahl, dass ebendiese beiden Menschen sich auch spinnefeind sein können.«

Ich dachte an die ach so tugendhafte Frau aus der Gruppenumarmung und dann an Bhadveer. War Bhadveer nach heute Abend bei mir unten durch, oder waren wir kurz davor, ein Paar zu werden?

»Bist du eine gute Schriftstellerin?«, fragte der Mann.

Ich lachte. »Das ist eine sehr subjektive Frage.«

»Glaubst du, dass du eine bist? Würdest du deine Texte gern lesen, wenn jemand anders sie geschrieben hätte?«

»Ja«, sagte ich. »Doch.«

»Das ist wichtig. Vergiss das nie. Ach, und heirate niemanden aus dem Studiengang. Sonst geht ihr am Ende beide fremd. Na ja, wobei du wahrscheinlich so oder so fremdgehst, wenn du eine gute Schriftstellerin bist, ganz egal, wen du heiratest. Aber du könntest immerhin die Wahrscheinlichkeit dafür senken.«

Weil ich am Steuer saß, hatte ich irgendwie das Gefühl, als eine Art Repräsentantin des Studiengangs zu fungieren, und in dieser Rolle fragte ich an der letzten Ampel vor dem Hotel: »Brauchst du noch irgendwas, was du nicht hast?« Ich meinte eine Zahnbürste oder so, aber kaum dass ich es ausgesprochen hatte, überlegte ich, ob ich ihm wohl gerade einen Blowjob angeboten hatte.

»Ach weißt du«, sagte er, und es klang eher traurig als lüstern, »der Tag hat nicht genug Stunden, um dir all das aufzuzählen, was ich brauche und nicht habe.«

Da ich kein Auto besaß, war es ein eigenartiges Gefühl, vor meiner Wohnung zu parken; es lenkte mich immerhin so weit ab, dass ich circa drei Sekunden nicht an meinen Stipendienbescheid dachte. Als ich den Briefkasten aufschloss, der außen an der Hauswand hing, zitterten meine Hände.

Darin lag nur ein Brief, sonst hatte ich keine Post bekommen. Er war weiß, die Anschrift der Universität in Schwarz links oben in die Ecke geprägt. »Liebe Ruth«, so begann das Schreiben. »Wir freuen uns, Ihnen für das Studienjahr 1998–1999 ein Ryland-W.-Peaslee-Stipendium in Höhe von $ 8800 gewähren zu können.«

Ich schrie auf, und dann wurde mir klar, was ich getan hatte, nämlich um ein Uhr morgens zu schreien. Außerdem ging mir – ganz im Ernst – durch den Kopf, dass ich Bhadveer jetzt wahrscheinlich nie einen blasen würde. Einem Peaslee einen zu blasen, das war offenbar doch nicht das Beste und Höchste, was ich erreichen konnte.

In den fast zwanzig Jahren, die seit dieser Nacht vergangen sind, habe ich sieben Romane geschrieben – und veröffentlicht. Bis auf die ersten beiden waren alle Bestseller. Meine Romane gelten als »Frauenliteratur«, ein Begriff, den sowohl Verlage als auch der Buchhandel verwenden und der inhaltlich nicht weit von »Klingt nach zehnjährigen Mädchen bei einer Pyjamaparty« entfernt ist. Mehrmals pro Jahr verreise ich und spreche vor einem Publikum von fünfhundert Menschen, von denen nur eine Handvoll Männer sind. Ab und zu verirrt sich nicht mal ein einziger Mann ins Publikum.

Während ich zwar sicher mehr Bücher verkauft habe, hat Bhadveer den Status erreicht, den wir damals alle anstrebten – seine Romane werden in namhaften Zeitschriften besprochen, er bekommt Preise (noch nicht den Pulitzer, aber das ist nur eine Frage der Zeit) und wird regelmäßig im Radio interviewt. Er ist die Art von Schriftsteller, über den die aktuellen Studierenden hitzige Debatten führen; ich bin die Art von Schriftstellerin, die ihre Mütter nach ihrer Knie-OP lesen. Damit das klar ist, ich mache mich hier weder über meine Leserinnen noch über mich selbst lustig – es hat lange gedauert, aber ich empfinde Frauen heute nicht mehr als lächerlich.

Vor ein paar Jahren hatten Bhadveer und ich zufällig am selben Abend eine Lesung in Portland, Oregon. Seine fand in einer unabhängigen Buchhandlung statt, meine in einer Bibliothek, und wir übernachteten beide im selben Hotel. Wir hatten keinen Kontakt mehr, aber ich bat meinen Verlag, bei seinem Verlag anzufragen, ob er danach noch etwas mit mir trinken gehen würde, und wir trafen uns an der Hotelbar. Bhadveer war ein gut aussehender Mann geworden – nicht mehr schmächtig, sondern trainiert und auch in Sachen Kleidung up to date –, und ich fand ihn ziemlich unerträglich. Er ließ jede Menge Namen fallen, von Zeitschriftenherausgebern, die ihn hofierten, berühmten Menschen, die Fans seiner Arbeit waren, und Festivals in China und Australien, an denen er teilgenommen hatte. (Ich sagte nicht, dass ich auch zu den internationalen Festivals eingeladen worden, aber nicht hingefahren war, weil meine Kinder damals noch klein waren.) Er gab alles, um mir zu vermitteln, dass er meine Bücher nicht gelesen hatte, aber das wäre gar nicht nötig gewesen; als Schriftstellerin erkennt man sofort diese bestimmte oberflächliche Art, mit der jemand über ein Buch spricht, das er nicht kennt. Es machte mich traurig, wie unsympathisch er mir war. Und es machte mich auch traurig, dass er mich nicht Flaherty nannte, nicht einmal Ruthie, sondern einfach nur Ruth.

Nach etwa einer Stunde, in der er drei Old Fashioned hinuntergegossen und ich ein Glas Rotwein getrunken hatte, sagte er: »Ist schon komisch, dass außer uns niemand groß rausgekommen ist, oder? Außer Grant natürlich.«

Sowohl Bhadveers Karriere als auch meine wurden von der von jemandem in den Schatten gestellt, der während des Studiums praktisch nicht existiert hatte, ein ganz stiller Typ, der später Drehbücher schrieb, für die er zweimal den Oscar bekam. Er begann dann auch, Regie zu führen, und dreht brutale Filme in einem sehr eigenen Stil, die enorm erfolgreich sind; wenn überhaupt Frauen darin vorkommen, werden sie mindestens vergewaltigt und oft auch enthauptet. Ich finde das alles ziemlich verwirrend, denn im Studium hatte ich den Eindruck, dass Grant meine Arbeit, meine Pyjamaparty-Geschichten, bewunderte, mehr als alle anderen meiner männlichen Kommilitonen. Obwohl wir fast nie ein Wort miteinander wechselten, waren seine schriftlichen Kritiken stets sehr positiv und ermutigend. Deshalb wünsche ich ihm trotzdem alles Gute, auch wenn sein Megaerfolg diesen misogynen Beigeschmack hat.

In der Hotelbar sagte ich zu Bhadveer: »Na ja, Harold hat doch diesen Erzählband rausgebracht. Und Marcy zwei Romane.«

»Die sich zusammen wie oft verkauft haben, so ungefähr zwölfmal? Ich habe Harold aus Mitleid ein Blurb geliefert, aber ich konnte mir nicht mal die erste Geschichte bis zum Ende antun.«

Ich überlegte, ob ich nett sein sollte oder ehrlich, und sagte dann: »Nein, ich auch nicht.«

»Jetzt überleg doch mal«, sagte Bhadveer. »Jay schreibt nicht. Dorothy schreibt nicht. Dein Schatzi Doug schreibt nicht. Und Aisha auch nicht.«

»Hast du von diesem Experiment in den Siebzigern gehört, mit den Schülern mit blauen Augen und denen mit braunen?«, fragte ich. »Vielleicht war das bei uns genauso.«

»Aber Jonah und Larry waren auch Peaslees, von denen ist heute keiner Schriftsteller.«

Wie gesagt, das ist schon eine Weile her. Es hat Monate gedauert, bis ich wusste, was ich gern geantwortet hätte, nämlich: Stimmt schon, du weißt, ob jemand etwas veröffentlicht hat. Aber ob jemand Schriftsteller ist, weißt du nicht. Der eine oder die andere arbeitet vielleicht gerade an einem Buch, das irgendwann fertig sein und sich verkaufen wird; einige haben wahrscheinlich seit Jahren nichts Belletristisches mehr geschrieben und werden es vielleicht auch nie wieder. Aber die Art und Weise, wie sie durch die Welt gehen, in ihr leben und sie wahrnehmen – selbstverständlich sind sie Schriftsteller.

Als ich vor langer Zeit um ein Uhr morgens den Brief öffnete, vergingen nach meinem Schrei vielleicht dreißig Sekunden, bevor Lorraine die Tür öffnete. »Alles in Ordnung bei dir, Ruthie?«

Ich hielt ihr den Brief hin. »Ich hab ein Peaslee! Ich bin eine Peaslee!«

Lorraine zögerte, und ich war perplex. Konnte es sein, dass die Bedeutung eines Peaslees nicht einmal innerhalb unserer Universität, nicht einmal über die vergleichsweise kleine Kluft zweier ähnlicher Studiengänge hinweg bekannt war?

»Das Stipendium!«, fügte ich hinzu. »Ich habe fürs nächste Jahr das bestmögliche Stipendium bekommen!«

»Ach, Ruthie, das ist ja wunderbar«, sagte sie, kam einen Schritt auf mich zu und umarmte mich fest.

FÜNF VOR ZWÖLF

Weil um sechs Uhr morgens Heathers Flug aus L.A. startet, hat sie sich den Wecker auf vier Uhr gestellt, und es ist kurz nach Mitternacht, als Maya sich übergibt. Heather hört sie auf dem Babyphon, geht in ihr Zimmer und riecht, was los ist, noch bevor sie das Licht angeschaltet hat. In Anbetracht der Umstände wirkt Maya ziemlich unbekümmert. »Ich hatte plötzlich Spucki im Mund«, sagt sie mit ernster Stimme.

Heather ruft Nick und bittet ihn, ihr das Thermometer zu bringen, das kein Fieber anzeigt. Während Nick das Bett neu bezieht, badet Heather Maya so schnell wie möglich. »Ist es schon morgens?«, fragt Maya, während Heather das Wasser einlässt. Nach einer halben Stunde liegt Maya wieder im Bett, das Licht ist aus, und auch Heather und Nick haben sich wieder hingelegt. Aber während Nick anscheinend gar nicht richtig wach geworden ist, liegt Heather hellwach da. »Wenn ich doch nur nicht nach Alabama müsste«, sagt sie.

»Ich glaube nicht, dass sie krank ist«, murmelt Nick. »Wahrscheinlich hat sie sich nur den Magen verdorben.«

»Aber es gab doch gestern Abend gar nichts Außergewöhnliches.«

Nick hatte auf der Veranda Würstchen gegrillt, Heather hatte Salat und Reis gemacht.

»Okay, Worst-Case-Szenario, und sie ist krank. Ich komm schon mit einer kotzenden Dreijährigen klar.«

»Du glaubst also, sie ist krank?«

»Herrgott noch mal«, sagt Nick. »Kann ich jetzt einfach weiterschlafen?«

Heather liegt bis halb drei wach, schläft von halb drei bis halb vier, wacht noch vor dem Wecker auf, sieht nach Maya (sie schläft ganz normal, und ihre Stirn ist nicht heiß), duscht sich, zieht sich an, geht noch einmal in Mayas Zimmer, setzt sich im Dunkeln auf den Sessel, weint, aber nur ganz kurz, bestellt ein Uber, steht auf, legt eine Hand auf die Brust ihrer Tochter unter der Steppdecke und geht dann nach unten. Ihr Koffer steht schon fix und fertig gepackt an der Tür.

Senior Vice President für Filmproduktion und -entwicklung, so nennt sich Heathers Position. Ein-, zweimal im Jahr hält sie einen Vortrag auf irgendeiner Women’s-Leadership-Konferenz, spricht über ihre Karriere und ihren aktuellen Verantwortungsbereich. Von ihrer Reise heute, denkt sie, während sie im Flugzeug den Sicherheitsgurt anlegt, wird sie den aufstrebenden weiblichen Führungskräften Amerikas mit Sicherheit nie erzählen.

Sie fliegt über Houston nach Mobile, Alabama, um sich mit dem Autor von Fünf vor zwölf zu treffen, ein Eheratgeber, der sich seit seiner Veröffentlichung vor vier Jahren zwanzig Millionen Mal verkauft hat und in zweiundvierzig Sprachen übersetzt wurde. Obwohl der Autor Theologie studiert hat und das Buch ein bisschen zu sehr den christlichen Geist atmet – hat Heather zumindest gehört, sie hat es noch nicht gelesen und will das im Flugzeug nachholen –, ist es über seine Ursprünge hinaus sehr populär geworden und hat im Mainstream eingeschlagen. Heathers Studio hat letztes Jahr eine Option auf die Verfilmungsrechte erworben und eine bekannte Regisseurin und einen renommierten Drehbuchautor mit ins Boot geholt. Der Film soll von drei Ehepaaren handeln, die alle in einer Straße wohnen und die Ratschläge des Buchs auf unterschiedliche Weise befolgen, so weit der Plan; sie wollen also mit überschaubarem Budget eine harmlose romantische Komödie daraus machen und auf der Erfolgswelle der Marke Fünf vor zwölf mitschwimmen. Heathers Ziel, der Grund für diese Reise: Sie will dem Autor, den sie noch nie persönlich kennengelernt hat, die Erlaubnis entlocken, dass eins der drei Filmpaare homosexuell sein darf; er hatte sich die Freigabe des Drehbuchs vorbehalten und bisher auf diplomatische, aber unmissverständliche Weise abgelehnt. (Heather war, als sie die Option erworben hatten, gegen sein kreatives Mitspracherecht gewesen, aber es waren noch zwei weitere Studios im Rennen, und ihr Einwand wurde abgetan.)

Die Ironie an der Sache ist, dass Heather zuerst von ihrer Schwester Tracy von Fünf vor zwölf gehört hat. Tracy wohnt mit ihrer Frau Sue und ihren achtjährigen Zwillingen in Boston und empfahl ihr das Buch bei einem der langen Telefonate, die sie oft am Wochenende führen, wenn Maya Mittagsschlaf macht und Nick beim Ultimate Frisbee ist. »Keine bahnbrechend neuen Ideen, aber die Regeln machen echt Sinn, und du hast das Buch in einer Stunde durch.«

Heather hatte es trotzdem noch nicht gelesen, als ihr Studio in Verhandlungen für eine Option auf die Filmrechte eintrat. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt nur die zwei Seiten mit der sogenannten Ehe-Doktrin gelesen. Der Autor, der Brock Lewis hieß, hatte sich für das zentrale Bild seines Buchs am Symbol der Atomkriegsuhr orientiert, das Wissenschaftler in den Vierzigern entwickelt hatten. Aber statt zu versinnbildlichen, wie nah die Menschheit einem nuklearen Krieg ist, indem ein Minutenzeiger sich aufgrund von technischen Entwicklungen, Vorfällen, internationalen Spannungen oder Abkommen vor- oder zurückbewegt, nähert sich der Minutenzeiger auf Brock Lewis’ Uhr dem Ereignis Scheidung oder entfernt sich davon, je nachdem, wie das Paar sich verhält. Folgt man seiner Doktrin, verspricht Brock Lewis, bleibt die Ehe intakt.

Nach dem Heather erfahren hatte, dass Brock Lewis sich gegen ein homosexuelles Paar im Film sträubte, schrieb sie ihrer Schwester: Er klingt ziemlich widerlich & konservativ.

Ja klar, schrieb Tracy zurück. Leitet er nicht irgendeine Megachurch in Mississippi?

Dann eine weitere Nachricht von Tracy: Aber an seinen Ehetipps kann ja trotzdem was dran sein.

In Wirklichkeit hat Brock Lewis nie einer Gemeinde vorgestanden; außerdem lebt er in einem Vorort von Mobile, Alabama. Heather und ihre Assistentin nennen Fünf vor zwölf seit einem Jahr – nur im Gespräch, nie in E-Mails – »Das Homophoben-Buch«; Brock Lewis nennen sie »den Homophoben«.

Nachdem das Flugzeug nach Houston abgehoben hat, stellt Heather fest, dass sie ihr gedrucktes Exemplar von Fünf vor zwölf zu Hause hat liegen lassen, und lädt sich das E-Book herunter. Tracy hatte recht: Man hat es in fünfzig Minuten durch. Heather liest noch einmal Brock Lewis’ Wikipedia-Seite, dann mehrere Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die ihre Assistentin ihr gemailt hat. Dann liest sie sich erneut die Ehe-Doktrin durch.

Zu diesen Regeln hat es jede Menge Spott und sogar einen Sketch bei Saturday Night Live gegeben. Sie sind peinlich detailliert, voll prüder Euphemismen, offensichtlichem Fatshaming, furzphobisch und heteronormativ simplifizierend und lauten wortwörtlich so:

1. Verbringen Sie mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin mindestens eine Stunde pro Woche wach, bekleidet und ohne Handy zu zweit.

2. Verleihen Sie mindestens einmal pro Woche Ihrer körperlichen Leidenschaft füreinander Ausdruck. Finden Sie Kompromisse, falls Ihr jeweiliger Wunsch nach leidenschaftlichem Erleben unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Ein Ehemann sollte sich nicht häufiger als einmal pro Woche der Onanie hingeben, eine Ehefrau sollte körperliche Leidenschaft höchstens einmal pro Woche ablehnen.

3. Geben Sie Ihrem Partner/Ihrer Partnerin jedes Mal, wenn einer von Ihnen geht oder zurückkommt, einen Kuss.

4. Formulieren Sie jeden Tag irgendetwas, das Sie an Ihrem Partner/Ihrer Partnerin schätzen.

5. Suchen Sie gemeinsam mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin einmal pro Monat die Begegnung mit dem Göttlichen – gehen Sie zum Beten in die Kirche, wandern Sie in der Natur, besuchen Sie ein Konzert oder pflegen Sie auf andere Weise Ihr spirituelles Leben.

6. Schreiben Sie Ihrem Partner/Ihrer Partnerin einmal pro Jahr, entweder an Ihrem gemeinsamen Jahrestag oder an seinem oder ihrem Geburtstag, einen Brief, in dem Sie erklären, warum Sie ihn oder sie lieben.

7. Blickkontakt ist wie Vitamin D. Legen Sie Wert darauf, Ihrem Partner/Ihrer Partnerin bei den Mahlzeiten stets gegenüberzusitzen, besonders wenn Sie Kinder haben.

8. Wenn Sie kleine Kinder haben, lassen Sie sie nicht in Ihrem Bett schlafen.

9. Wenn Sie Kinder egal welchen Alters haben, sprechen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin weiterhin mit seinem oder ihrem Vornamen an statt mit »Dad« oder »Mom«.

10. Verzichten Sie vor Ihrem Partner/Ihrer Partnerin auf jede Form der Körperpflege, die Sie nicht auch im Boardingbereich eines Flughafens vornehmen würden.

11. Gehen Sie nicht vor Ihrem Partner/Ihrer Partnerin auf die Toilette und lassen Sie in seinem/ihrem Beisein keine Darmwinde abgehen. Falls Sie beim Toilettengang Spuren in der Schüssel hinterlassen haben, beseitigen Sie diese umgehend.

12. Sofern Sie nicht unter einer Erkrankung leiden, nehmen Sie gemessen an Ihrem Gewicht bei der Hochzeit nicht mehr als fünf Kilo zu. Falls Sie bereits mehr als fünf Kilo zugenommen haben, stellen Sie Ihre Ernährung um und beginnen Sie mit sportlicher Betätigung.

Zusatz: Falls Sie noch keine Kinder haben, kann es überaus ratsam sein, auf die Anwesenheit des Ehemanns während der Entbindung zu verzichten. Falls er doch anwesend ist, sollte er maximal auf Schulterhöhe der Frau stehen. Viele Frauen empfinden den Beistand ihrer Mutter oder einer Schwester in dieser Situation als hilfreicher.

Der Flughafen von Mobile ist winzig, und während Heather mit der Rolltreppe hinunter zur Gepäckausgabe fährt, sieht sie einen Mann, der ein Blatt Papier mit ihrem Vor- und Zunamen in schwarzen Großbuchstaben vor sich hält. Heather bleibt nur eine Nacht und wird in einem Gästehaus auf Brock Lewis’ Anwesen direkt am Meer übernachten; weil sie nicht vorhat, selbst irgendwohin zu fahren, hat ihre Assistentin ihr eine Limousine bestellt, die sie abholt.

»Hallo«, sagt Heather zu dem Mann und deutet auf den Zettel. »Das bin ich. Ich habe nur Handgepäck.«

»Hallo, ich«, sagt der Mann und streckt die rechte Hand aus. »Willkommen in Mobile.«

Leicht erschrocken bemerkt Heather, dass der Mann Brock Lewis persönlich ist. »Oh! Tut mir leid! Ich habe nicht damit gerechnet – wow, das ist aber wirklich nett, dass Sie mich abholen. Heather Theisen.«

»Brock Lewis.«

Von Wikipedia weiß sie, dass er achtundvierzig ist – sechs Jahre älter als sie –, aber auf Fotos wirkt er gesetzter oder vielleicht einfach biederer als in echt. Er sieht gepflegt aus, in einem hellblauen Polohemd mit Kakishorts und Bootsschuhen. Er ist vom Körperbau und vom Kleidungsstil her zwar ein ganz anderer Typ als etwa Nick – Heathers Mann ist Bassist in einer Rockband, trägt am liebsten Skinny Jeans und hat einen blonden Man-Bun –, aber Brock Lewis gehört nicht, wie Heather erwartet hat, einer ganz anderen Generation an. Er wirkt auf sie fast wie ein Gleichaltriger.

»Sind wir nicht mindestens eine Stunde von Ihrem Zuhause entfernt?«, fragt Heather.

»Kommt auf den Verkehr an, aber ja, wir fahren über den Jubilee Parkway. Waren Sie schon mal in der Mobile Bay?«

»Um ehrlich zu sein, bin ich zum ersten Mal überhaupt in Alabama.«

»Das habe ich mir beinahe gedacht«, erwidert er und fügt dann mit warmer Stimme hinzu: »Und ich fand, wenn Sie schon so einen weiten Weg auf sich nehmen, obwohl es verlorene Liebesmüh ist, dann kann ich Ihnen ja wohl wenigstens ein wenig Südstaatenhöflichkeit entgegenbringen.« Er sagt das selbstverständlich in seinem Südstaatenakzent.

Heather muss unwillkürlich lachen. »Gar nicht erst um den heißen Brei herumreden, was? Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen. Aber ich muss Sie warnen, dass ich sehr überzeugend sein kann.«

»Daran habe ich keinen Zweifel.« Brock Lewis lächelt. »Und ich kann sehr resolut sein. In jedem Fall ist es schmeichelhaft, wenn sich eine Geschäftsfrau aus der großen Stadt ins Flugzeug setzt, um uns hier in unserem kleinen Provinznest zu besuchen.«

Kann es sein, dass der Homophobe – Mr. Fünf-vor-zwölf – mit ihr flirtet?

»Höre ich da etwa einen spöttischen Unterton?«, sagt Heather. »Ich bin mir sicher, wir beide werden uns blendend verstehen.«

Das ist derart schräg – es ist wirklich das Letzte, womit sie gerechnet hätte –, aber flirtet sie womöglich zurück?

Er fährt einen weißen Porsche-SUV mit cremefarbenen Ledersitzen. Sie hatte eigentlich gehofft, er würde irgendetwas Abstoßendes machen, beim Fahren Kirchenlieder oder irgendeine Art christlicher Rockmusik hören, aber aus den Autolautsprechern erklingt die Stimme von Johnny Cash. (Um ehrlich zu sein, war genau das – die Hoffnung, maximal angewidert zu sein – der Grund, warum sie ihre Assistentin Brocks Einladung zu sich nach Hause annehmen ließ, statt ein Hotel zu buchen.)

Nachdem Brock das Fenster runtergelassen und beim Parkwärter bezahlt hat, fahren sie in Richtung Osten auf den Highway. Es ist Ende September, und der Himmel ist blau und wolkenlos bei fünfundzwanzig Grad. »Also, damit wir das schon mal aus der Welt geschafft haben«, sagt Brock. »Ich persönlich habe kein Problem mit Homosexuellen. Als Theologe habe ich schon immer den Grundsatz ›Liebe den Sünder‹ gelebt. Aber für meine Basis, mein Kernpublikum wäre es ein Verrat an den zentralen Werten von Fünf vor zwölf, wenn im Film ein schwules oder lesbisches Paar vorkäme. Und das sind die Menschen, die mir auf lange Sicht die Treue halten werden, auch bei künftigen Büchern. Für die weltlichen Leser bin ich doch bloß eine Eintagsfliege.«

»Ich habe ungefähr sieben Einwände gegen das, was Sie gerade gesagt haben«, sagt Heather. »Ich überlege nur noch, womit ich anfange.« Und wieder nimmt das Gespräch eine andere Richtung, als sie erwartet hätte; sie ist davon ausgegangen, dass sie nicht als sie selbst sprechen, sondern sich vielmehr auf professionelle Schmeichelei verlegen würde, vorgetäuschte Nachsicht mit seinen Ansichten.

Brock lacht kurz. »Schießen Sie los.«

»Also, zuerst einmal sind Homosexuelle keine Sünder. Es gibt nichts zu vergeben. Kennen Sie homosexuelle Menschen?«

»Natürlich«, sagt Brock. »Wir haben 2015.«

»Und wen?«

»So spontan fällt mir zum Beispiel eine junge Frau ein, die Tochter eines Nachbarn.«

»Und finden Sie wirklich, sie lebt in Sünde?«

»Ich weiß, dass unser Schöpfer nicht vorgesehen hat, dass Frauen mit Frauen und Männer mit Männern zusammen sind. Das fügt Familien und auch der Institution der Ehe Schaden zu. Gott wollte, dass die körperliche Liebe ein Ausdruck Seiner Liebe ist, sie soll dem Zweck der Fortpflanzung dienen und nicht nur eine flüchtige Sache zwischen zwei Leuten sein, die im Internet Fotos voneinander gesehen haben.«

Wow, denkt Heather. Laut sagt sie leichthin: »Wenn Gott eine Meinung zum Internet hat, was glauben Sie, was Seine Lieblingswebsites sind?«

Brock schweigt einen Augenblick, und sie fragt sich, ob sie wohl zu weit gegangen ist. Dann sagt er: »Wahrscheinlich schaut er gern mal bei den Sportmagazinen rein, Bleacher Report und so.«

Heather lacht. »Da Sie ja offenbar mit den unterschiedlichsten Menschen Mitgefühl empfinden, warum geben Sie Ihren treuen Fans nicht einen gewissen Vertrauensvorschuss und halten sie für fähig, über sich hinauszuwachsen? Ist ein Hollywoodfilm aus einem der großen Studios nicht eine hervorragende Chance, einer marginalisierten Gruppe eine Stimme zu geben?«

»Was haben Sie doch für eine seidene Zunge, Miss Heather.«

»Ich meine es ernst. Es ist eine Chance, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.«

»In unserer Familie erzählen wir uns gern folgende Geschichte«, sagt Brock. »Als meine jüngere Tochter, die heute vierzehn ist, im Kindergarten war, versuchte meine Frau, sie eines Morgens zu überreden, ihre Schuhe anzuziehen, aber sie wollte nicht. Schließlich sagte meine Tochter mit der Bestimmtheit einer sturen Vierjährigen: ›Wir werden uns nicht einig, Mama, nur neinig.‹ Vielleicht müssen wir beide es heute auch dabei bewenden lassen.«

»Mag sein«, sagt Heather. »Aber ich habe Ihnen bisher nur zwei meiner sieben Argumente genannt.«

»Dann mal weiter. Wir fahren ja noch eine Weile.«

»Fünf vor zwölf hat sich zwanzig Millionen Mal verkauft, richtig? Obendrein haben wir Ihnen eine großzügige Summe für die Option auf eine Verfilmung gezahlt, und wenn der Film fertig ist, bekommen Sie noch mehr. Denn dann werden die Buchverkäufe natürlich in die Höhe schießen. Der Film wird eine Art mehrmonatige internationale Werbekampagne für das Buch sein, die weder Sie noch den Verlag einen einzigen Dollar kosten wird.«

»Das wiederum ist Musik in meinen Ohren.«