Pretty Flamingo - Thomy Schallenberger - E-Book

Pretty Flamingo E-Book

Thomy Schallenberger

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Beschreibung

Kurt von Allmen wollte als Dragqueen berühmt werden. Bekannt wurde er jedoch, weil ihn ein Polizeifahrzeug auf der Jagd nach einem Dieb rammte und er dabei sein linkes Bein verlor. Der 14. März 2002 veränderte sein Leben - und das seiner Kunstfigur Beverly Stardust. In der Presse wurde er zum "Polizeiopfer" gestempelt. Der junge Mann startete jedoch mit grenzenlosem Optimismus in sein neues Leben. Aber würde seine Energie auch für Beverly reichen? In den Jahren vor dem Unfall feierte er erste Erfolge. Seine schwulen Freunde wollten ihn wieder auf der Bühne sehen und schrieben ihm dafür eine Revue! Rund um die wahren Begebenheiten vor zwanzig Jahren erzählt dieser Roman in einem Seiltanz aus Fiktion und Wirklichkeit von einem Mann, der kein Opfer sein wollte. Trotz jahrelanger Streitereien mit Behörden und schmerzhaften Niederlagen dachte er nicht ans Aufgeben. Gespickt mit lebhaften Anekdoten aus der Gay-Szene erzählt Thomy Schallenberger in seinem Debütroman ein kleines Stück Zürcher Geschichte.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Thomy Schallenberger & Kurt von Allmen

Pretty Flamingo

Roman nach der wahren Geschichte des Polizeiopfers Kurt von Allmen

Über die Autoren

Thomy Schallenberger, 1964 in Zürich geboren, war in der Schweiz bis Ende des Jahres 2000 eine in der LGBT-Szene fest verankerte Persönlichkeit. Als Mitbegründer der Zeitung Cruiser, Mitinhaber von Gayshops und bekannten Bars wie Pigalle oder Wildsau, war es ihm immer ein Anliegen, die kommerziellen Gaybetriebe mit Politikern an einen Tisch zu bringen und für schwule Rechte zu kämpfen.

Heute lebt er mit seinem Ehemann in der Nähe von Alicante in Spanien und betreibt dort eine kleine Finca mit Gästehaus. Mit dabei sind drei Hunde und eine Katze.

Er liebt neben seiner Arbeit alle Arten von Musik, er malt Bilder und schrieb „Pretty Flamingo“ als Debütroman.

Thomy sagt über sich selbst: „Ich kann alles, aber nichts perfekt.“

Kurt von Allmen, 1970 in Zürich geboren, arbeitet im Kundendienst einer Schweizer Versicherungsgesellschaft. Bereits in der Schulzeit entdeckte er sein komödiantisches Talent für Parodien. Er entwickelte die Kunstfigur Beverly Stardust, der in seiner Freizeit sein Hauptaugenmerk galt. Bis zu seinem Unfall im Jahr 2002 trat er mit Erfolg auf zahlreichen Travestiebühnen in der Schweiz auf.

Er lebt in Zürich und verbringt seine Freizeit mit dekorativen Handwerksarbeiten. Die Folgen des Unfalls beeinträchtigen sein Leben bis heute. Trotzdem sagt er: „Ich brauche kein Mitleid.“

Kurt hat als Co-Autor am Roman „Pretty Flamingo“ mitgewirkt.

© 2022 Thomy Schallenberger (thomys-artwork.com / fincaelromero.es)

Coautor: Kurt von Allmen (facebook.com/kurt.vonallmen)

Umschlag, Illustration, Buchsatz: Reto Rahm (rh2.ch)

Lektorat, Korrektorat: Petra Fiolka (petra-fiolka.com)

Hintergrundbild: Ricardo Gomez Angel, unsplash.com

Druck und Distribution im Auftrag des Autors/der Autorin:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

Paperback

978-3-347-54664-6

Hardcover

978-3-347-54675-2

e-Book

978-3-347-54681-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung

«Impressumservice», Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

www.pretty-flamingo.ch

facebook.com/PrettyFlamingoRoman

»Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.«

(Nelson Mandela)

Vorwort

Der folgenschwere Unfall von Kurt von Allmen jährt sich bei Erscheinen dieses Buches zum zwanzigsten Mal.

In den letzten Jahren hatte ich Kurt oft gedrängt, die Geschehnisse von damals niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Mehrere Anläufe, eine genaue Aufzeichnung in Form einer Dokumentation zu erstellen, wurden aus Zeitmangel, aber auch juristischen Gründen begraben.

Bei einem Gespräch mit der Journalistin Corine Turrini Flury entstand die Idee, die Geschichte als Roman zu erzählen.

Diese Form macht es möglich, die Tatsachen etwas freier zu interpretieren und auch die Atmosphäre der damaligen Zeit einzufangen.

Ich habe den Roman in enger Zusammenarbeit mit Kurt geschrieben und wir haben in unzähligen Telefonaten, Whatsapp-Nachrichten und Mails die Begebenheiten rund um den Unfall und seine Folgen zusammengetragen. Einiges erzählte er aus seinen Erinnerungen, anderes entnahm ich Presseberichten oder meinen Erinnerungen an damals.

Die Bar Pigalle und auch die darüberliegende Diskothek gab es bis ins Jahr 2013 wirklich, sie waren der lebhafte Mittelpunkt zahlloser kleiner Anekdoten.

Viele der im Buch geschilderten Schicksalsschläge sind geschehen und entsprechen, frei erzählt, den Tatsachen. Andere Vorkommnisse, wie zum Beispiel die Ausweisung von Kurts Partner, sind frei erfunden. Einige Personen aus der damaligen Szene haben mich bei diesem Roman unterstützt. Ihre Namen werden im Buch genannt, ihre Geschichten sind aber ebenfalls nur in meiner Fantasie geschehen.

Für mich war es eine tolle Erfahrung, ein Buch zu schreiben. Ich setzte mich hin und schieb naiv drauflos, vertiefte mich in die Geschehnisse von damals und begann zu recherchieren, alte Zeitungsausschnitte auszugraben. Ich sprach mit Freunden von damals und heute und wir erinnerten uns in zum Teil endlosen Telefonaten.

Kurt von Allmen gebührt mein ganz großer Dank, denn eigentlich haben wir dieses Buch zusammengeschrieben. Zusammen waren wir wie eine Blume, ich der Stängel und er die Blüte. Ich hoffe, wir werden auch in Zukunft noch lange die Freunde sein, die wir heute sind. Mir ist bei unserer Arbeit täglich bewusst geworden, dass Kurt von Allmen niemals aufgibt und er trotz aller Schicksalsschläge stets der optimistische, sympathische und herzliche Kerl bleiben wird, der er immer schon war.

Ein Leben auf einem Bein, mein Pretty Flamingo.

Thomy Schallenberger

Kapitel 1 – 13. März 2002

Daniel wartete ungeduldig auf Kurt, der in ein paar Tagen als Beverly Stardust bei ihm auftreten sollte. Ihm lief die Zeit davon, denn die Pigalle sollte pünktlich öffnen.

Er wischte im Innern der kleinen Bar den Tresen ab, als Kurt endlich an die Glastür klopfte und ihm ein schrilles »Füüütz!« zurief. Lachend öffnete Daniel die Türe und ließ den quirligen Sonnyboy eintreten. Der trat ab und zu in seiner Bar als Travestiekünstler im Fummel auf. Nächste Woche wollte er die große Katja Ebstein mit einer Showeinlage ehren, die seine Paraderolle war.

Daniel fiel wieder Kurts ausgefallener Kleidungsstil auf. Eine Uniformjacke zu perfekt sitzenden Reiterhosen und Sneakern, alles ganz in Weiß. Er liebte es, wenn die Leute sich nach ihm umdrehten und tuschelten.

»Ich habe ein paar neue Ide-en«, sagte Kurt und zog das letzte Wort künstlich in die Länge. Das war typisch für ihn. Wenn er etwas betonen wollte, unterlegte er es noch zusätzlich mit einer Melodie, begleitet einer theatralischen Armbewegung. Überhaupt war er immer in Bewegung.

»Drei Nummern habe ich vorbereitet! Verträgt das deine Riesenbühne?«

»Wie groß ist denn dein Ensemble?«, fragte Daniel ernst. Dann prusteten beide los, denn die Riesenbühne bestand aus einem halbrunden Brett, auf dem die Attraktion gerade mal alleine Platz hatte. Beverly stand knapp ein halber Quadratmeter zur Verfügung. Das gab ihr im besten Fall genug Platz für einen halben Tanzschritt, aber ganz sicher nicht genug Platz für ganz großes Theater.

Auf der Bühne wurde Kurt zum Perfektionisten. Er war stolz auf seine Bühnengarderobe und seine langen, perfekten Beine, die er durch High Heels optimal in Szene setzen konnte. Die Playbacks probte er stundenlang zu Hause vor dem Spiegel, bis er ganz mit sich zufrieden war. In der dämmrigen Pigalle war das zwar nicht so wichtig, doch Daniel wusste, dass er sich auf Kurt verlassen konnte. Beverlys Show war immer erstklassig und professionell. Damit konnte er sich ganz auf seine Gäste und den Umsatz konzentrieren.

Die Pigalle war eines der kleinsten Lokale in Zürich. Die Bar war stadtbekannt und gehörte zu Zürich wie das Großmünster, das nur ein paar Gehminuten entfernt lag. Sie war das Zuhause einer illustren Schar aus Schwulen und Lesben, Studenten, Prominenten und anderen Niederdorf-Originalen. Meist herrschte bis in die frühen Morgenstunden Hochbetrieb und die Leute grölten im Nebel der Zigarettenschwaden und stinkenden Bierfahnen bekannte Schlager.

»Natürlich darf Theater nicht fehlen«, verkündete Kurt und Daniel forderte dazu seine Lieblingsnummer Der Jäger.

»Klar, den muss ich nicht mehr proben. Im letzten Monat habe ich den jeden Abend im T&M auf der Bühne gemacht. Und das Lied heißt im Übrigen Es war einmal ein Jäger, nicht Der Jäger. Das habe ich dir schon x-mal gesagt!«, foppte Kurt ihn und hüpfte auf die Bühne, um sich über deren Größe lustig zu machen.

Das T&M war eine Disco im selben Gebäude, über der Pigalle. Dort trat Kurt auch ab und zu als Dragqueen auf und spielte die Beverly in einer gemeinsamen Show mit anderen Drags. Im Anschluss an die Besprechung in der Pigalle wollte er noch hoch ins T&M, um mit dem DJ den Ablauf der neuen Show zu besprechen.

»Du kommst dann morgen zum Hintereingang rein. Schminken kannst du dich oben in der Künstlergarderobe!«, sagte Daniel, doch Kurt meinte frech:

»Was ist denn nun mit meinem Hotelzimmer im Dolder Hotel? Das hast du mir als Gage versprochen und eine Stretchlimo dazu!« Er wedelte mit den Armen und tat fürchterlich entsetzt.

Daniel imitierte das schrille Getue von Beverly. »Die Stretch steck ich dir gleich hinten rein und eine Limo ist der ganze Lohn, den du verdienst!«

In der Tat bezahlte Daniel den Künstlern eine jämmerliche Gage, doch die Atmosphäre in diesem kleinen Raum, voll mit begeisterten Schlagerfans, war einzigartig. Die Künstler blieben immer auf Tuchfühlung mit den Gästen, von denen die meisten zu fortgeschrittener Stunde einen über den Durst getrunken hatten und alle Lieder textsicher mitsingen konnten.

»Komm dann pünktlich um zehn Uhr dreißig! – Und bitte, lass die Türe gleich offen, da warten schon die ersten Gäste!«, rief Daniel Kurt nach, der hastig die Bar verließ, um eine Etage höher den DJ zu treffen.

Daniel hörte noch das Beverly-typische »Ja-ha!« und schon war Kurt verschwunden.

»Ist schon offen?«, fragte der erste Gast, als er den Kopf durch die Türe steckte. Daniel verteilte die Aschenbecher auf dem frisch geputzten Tresen und fragte den Jungen, was er trinken möchte.

»Wir sitzen draußen. Ich weiß noch nicht, ich muss mal meinen Mann fragen.«

Die Pigalle wurde zu früher Stunde fast ausschließlich von schwuler Kundschaft besucht. Aber später am Abend mischten sich die Gäste zu einem bunten Haufen. Fast nie herrschte eine aggressive Stimmung in dieser Bar, die eine u-förmige Theke hatte und Wände mit alten Mosaiken von einer Straßenszene im Pariser Stadtteil Pigalle.

Daniel ging mit einem leeren Serviertablett nach draußen, doch die beiden Herren wussten immer noch nicht, was sie trinken wollten, studierten aber den Flyer, der den großen Katja-Ebstein-Abend in der Pigalle ankündigte.

»Beverly tritt an dem Abend auf?«, fragte der Gast.

»Ja. Aber wenn ihr kommen wollt, müsst ihr unbedingt reservieren«, sagte Daniel. »Es wird übervoll werden an dem Abend.«

»Arbeitet Urslä heute hinter der Bar?«, fragte der Gast weiter.

Urslä, auch ein Mann, der eigentlich Urs hieß, war der beliebte Mittelpunkt dieser Bar und schmiss den Laden Abend für Abend. Daniel hielt sich bewusst etwas im Hintergrund und ließ seiner Perle freie Hand. In beißendem St. Galler Dialekt hielt Urs die Gäste bei Laune. Nicht selten beleidigte er sie und zickte rum, doch diese liebten genau das und bestellten daraufhin gleich noch eine Runde. Urs sagte immer, dass seine Gäste das bräuchten. Alles Masochisten!

»Ja, heute arbeitet Urslä, aber erst etwas später!«, antwortete Daniel kurz, »und wenn nun die Damen ihre Bestellung vor Feierabend abgeben könnten, wäre das Personal sehr glücklich.«

»Wir kommen wieder, wenn sie da ist«, entschied der Eine und beide schoben lärmend die Eisenstühle zurück und standen auf. »Bis später«, sagten sie noch und schon waren sie um die Ecke.

Daniel drehte sich um und murmelte: »Weiber!«

Kurt hatte inzwischen mit Reto, dem Geschäftsführer und Show-Verantwortlichen und dem DJ die Nummern besprochen, die Beverly nächsten Monat aufführen sollte. Ihre inzwischen berühmte Puppennummer durfte auch diesmal nicht fehlen. Eine herzzerreißende Nummer zu Nobody loves me like you do von Whitney Houston und Jermaine Jackson. Das Publikum liebte sie über alles.

Stefan oder Steff, wie sie ihn nannten, war bei einigen Auftritten Beverlys Bühnenpartner, aber hauptsächlich bei Komik-Nummern. Dann radelten beide auf Dreirädern über die Bühne und bewegten die Lippen zu Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen.

Kurt wollte noch eine neue Nummer einstudieren und ging deshalb kurz zu Steff, der eben eine der Bars in der großen Diskothek vorbereitete. Steff war an diesem Abend aber nicht sehr empfänglich für Showbesprechungen und wies ihn schroff ab. Es war schon gegen einundzwanzig Uhr und die Türen des Lokals wurden in wenigen Augenblicken geöffnet. Es gab immer Gäste, die sich früh ins T&M verirrten. Gegen dreiundzwanzig Uhr war täglich die große Travestieshow angesagt, bei der sich drei bis vier Künstler auf der Bühne abwechselten und um die Gunst des Publikums buhlten. Einige der Paradiesvögel traten seit Jahren mit den ewig gleichen Sprüchen und Nummern auf, was das Publikum aber nicht störte. Beverly hatte jedoch einen anderen Anspruch. Sie versuchte, sich immer wieder neu zu erfinden und nahm seit einiger Zeit sogar Gesangsunterricht.

Das T&M, das nach den Besitzern Tamara und Marisa benannt war, aber von vielen entweder Tüll&Müll oder noch böser Teuer&Mies genannt wurde, war eine Disco, die bis spät in der Nacht geöffnet hatte. Einer der ältesten schwulen Tanzschuppen in der Stadt und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Kurt beschloss, noch etwas zu bleiben, weil sich das Lokal ungewöhnlich schnell füllte und rief seinen Freund João auf dem Handy an. »Du, ich bin noch im T&M und komme etwas später. Wahrscheinlich schaue ich mir noch die Show an.

Wider Erwarten klang João begeistert. »Dann warte auf mich, ich komme auch in ein bis zwei Stunden. Wir können dann zusammen nach Hause gehen.« Kurt freute sich, denn sein brasilianischer Freund begleitete ihn nicht oft ins schwule Nachtleben. Er war eher scheu und introvertiert, also genau das Gegenteil von Kurt.

An diesem Mittwochabend kamen mehr Besucher als sonst üblich. Meistens war die Diskothek nur am Wochenende gerammelt voll. Trotzdem spielte man täglich eine große Show mit mehreren Travestiestars, die aus ganz Europa anreisten, um in Zürich zu performen. Heute trat neben der Hausherrin Grande Dame Tamara auch die großgewachsene und bei den Gästen beliebte Sissi aus Wien auf.

Kurt saß in der ersten Reihe und genoss die Show. Er erlaubte sich zwei Wodka-Eistee, obwohl er mit dem Auto unterwegs war.

Kurz nach der Show traf João im T&M ein. Sie blieben noch etwa eine Stunde und vergnügten sich mit einigen anderen Nachtschwärmern. Jeder kannte Kurt, und alle wollten mit ihm noch ein paar Worte plaudern. Meist war er es aber, der immer etwas zu erzählen hatte und sein Gegenüber wie ein Wasserfall zuquatschte. Tamara huschte an ihnen vorbei und grüßte knapp. In der Hand hielt sie wie immer ein Cüpli, aus dem sie in großen Schlucken trank, um schnell ein neues Glas Champagner von einem Gast offeriert zu bekommen.

»Gehen wir? Ich muss morgen arbeiten«, fragte João und wusste, dass man Kurt immer fast zwingen musste, das T&M zu verlassen.

»Ja, gleich!«, sagte Kurt zögernd, doch als er João ansah, wusste er, dass sein Freund jetzt nach Hause wollte und das mit seinem Partner.

Also verabschiedeten sie sich und Kurt rief beim Hinausgehen noch einem anderen Gast zu: »Morgen dann in der Pigalle! Ich trete als Katja Schüttstein auf!« Kurt lachte gackernd und rannte die große Treppe hinunter, raus auf die hell erleuchtete Niederdorfstraße.

»Wollen wir ein Rennen machen?«, schlug Kurt seinem Freund vor. »Wer als Erster Zuhause ist? Du mit dem Velo, ich mit dem Auto?«

Sofort schwang João sich auf sein Rad, denn er kannte dieses Spiel bereits. Meistens gewann er, der Fahrradfahrer, doch zu so später Stunde waren nicht mehr viele Autos unterwegs.

Kurt spurtete um die Ecke, die kleine Gasse hoch zum Parkplatz. Dort stand sein neues Auto, direkt hinter der Disco, beim Gericht im Seilergraben.

Kapitel 2 – 14. März 2002

In der Polizeihauptwache Urania ging ein Notruf ein.

»Grüezi. Im Elektrogeschäft, hier im Niederdorf, wird gerade eingebrochen. Ich wohne gegenüber und kann alles sehen. Was, was soll ich tun?«, fragte eine aufgeregte Frauenstimme.

Der Beamte beruhigte die Dame. »Können sie den Einbrecher beschreiben?«

»Na, ich weiß nicht, das ging so schnell. Relativ groß, dunkelhaarig, schlank und dunkel gekleidet. Mehr weiß ich leider auch nicht. Jetzt ist der Mann im Laden!«

Im Hintergrund heulte eine Alarmanlage auf.

Der Polizist schickte erst eine Streife los und nahm dann die Daten der Frau auf. Der Elektroshop im Niederdorf war immer wieder das Ziel von Einbrechern, die leichte Beute suchten, um sie auf dem Drogenmarkt zu Geld zu machen. Wegen der Alarmanlage beeilten sich die Diebe und die Chance, dass die Polizei rechtzeitig beim Tatort ankommen würde, war gering.

Dies wusste auch der junge Polizist, der am Steuer eines Einsatzbusses saß. Er schaltete die Sirene und das Blaulicht ein und beschleunigte den Wagen.

Zwei Kollegen saßen mit ihm im Bus und einer sagte: »Wenn wir den erwischen, haben wir Glück. Wahrscheinlich ist er längst wieder über alle Berge!«

Die Zentrale gab ihnen die Täterbeschreibung durch und der Fahrer raste zum Tatort, denn diesmal wollte er den Täter unbedingt erwischen. Er stand kurz vor seiner Beförderung und wollte noch ein paar Punkte gutmachen. Dies hier schien ihm die Gelegenheit und er spürte, wie Adrenalin durch seine Adern schoss. Kurz vor dem Ziel stellte er Sirene und Blaulicht ab, um den Dieb nicht zu warnen.

Zur gleichen Zeit rannte Kurt die kleinen Gassen hoch zu seinem Auto. Er hatte die Autoschlüssel bereits in der Hand.

»Da vorne ist er!«, rief einer der Polizisten im Bus und der Fahrer beschleunigte den Wagen weiter.

»Den schnappen wir uns! Der haut nicht mehr ab! Den kriege ich!«

Der Fahrer steuerte den Einsatzbus direkt auf den vermeintlichen Dieb zu und bremste erst im letzten Augenblick.

Kurt hörte hinter sich ein schnell lauter werdendes Motorengeräusch und drehte sich um. Ein Polizeiwagen schoss frontal auf ihn zu und drückte ihn mit voller Wucht gegen eine Hauswand. Ein kurzer Stoß, Splitter, Lärm. Kurt blieb die Luft weg und seine Hände berührten die Frontscheibe des Polizeiwagens, als hätte er ihn damit aufhalten können. Ein kurzer Moment der Stille legte sich über die Szenerie.

Dann setzte der Fahrer den Einsatzwagen ganz langsam und vorsichtig zurück.

Hat der noch alle Tassen im Schrank, so ein Fahrmanöver hinzulegen? Der hätte mich umbringen können, dachte Kurt. Bulle hin oder her, dem werde ich jetzt so was von die Meinung geigen!

Doch so weit kam er nicht, denn als er zum ersten Schritt ansetzen wollte, drehte sich alles und er schlug auf dem Kopfsteinpflaster auf.

Himmel! Was ist denn jetzt los, schoss es ihm durch den Kopf.

Gefühlt dauerte es endlose Minuten, bis Kurt dämmerte, was geschehen war. Er spürte, wie sich eine immer größer werdende Blutlache unter ihm ausbreitete und blickte an sich herunter. Das linke Hosenbein seiner schneeweißen Jeans hatte sich knallrot gefärbt.

Gott, wo ist mein Fuß? Dann sah er die Misere. Seine Schuhspitze zeigte verdreht nach hinten. Nein! Oh Gott! What the fuck …

Bevor er eine Chance hatte, das Ganze irgendwie einzuordnen, waren bereits zwei Polizisten bei ihm, um Erste Hilfe zu leisten.

Der Fahrer setzte derweil den Wagen noch ein Stück weiter zurück, drehte den Zündschlüssel und stieg völlig benommen aus dem Bus. Wie in Zeitlupe wiederholte sich die von ihm provozierte Szene vor seinen Augen. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er Mist gebaut hatte.

»Es tut mir leid, das wollte ich nicht«, stotterte er hilflos, nachdem er sich neben Kurt niedergekniet hatte. Er zog seinen Gürtel aus den Hosenschlaufen und half dem Kollegen beim Abbinden des Oberschenkels. Dieser kniete ihm gegenüber und hatte bereits seine Faust in Kurts Leiste gedrückt, um die starke Blutung zu stillen.

»Ich hab das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt«, versuchte der Fahrer sich zu verteidigen.

Der dritte Polizist hob Kurts Tasche auf und schob sie dem Verletzten unter den Kopf, damit dieser es ein bisschen bequemer hatte. »Kann ich sonst noch irgendwas für dich tun?«, fragte er ihn besorgt.

Kurt antwortete ohne nachzudenken: »Ja, wenn du mich so direkt fragst … Ich nähme dann gerne noch einen Drink!« Gleichzeitig griff er in seine rechte Hosentasche, fischte in aller Seelenruhe sein kleines Nokia heraus und wählte die Nummer von João per Kurzwahltaste. Als wäre nichts passiert.

João machte sich bereits Sorgen, denn Kurt hätte schon seit Langem zu Hause sein müssen. Es musste etwas geschehen sein. Selbst wenn Kurt noch jemanden getroffen, sich wieder einmal verplaudert hätte. So lange wegzubleiben, ohne sich bei ihm zu melden, das würde er niemals tun. In diesem Moment klingelte das Handy und João wurde aus seinen Gedanken gerissen.

»Kurt! Wo bleibst du?«

»Tja, unser Rennen habe ich wohl definitiv verloren, João. Ich werde auch nicht nach Hause kommen. Ich hatte einen Unfall. Ich kann dir im Moment nicht alles im Detail erklären, João, aber mach dir bitte keine Sorgen. Es kommt alles gut. Mir gehts den Umständen entsprechend ganz ordentlich. Gleich werde ich in den Sanitätswagen verladen und ins Unispital gebracht. Im Laufe des Tages werde ich mich wieder bei dir melden, oder versuch du, ins Unispital zu kommen. Hab dich lieb.« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Kurt auf. João starrte fassungslos auf den Telefonhörer in seiner Hand.

Kurze Zeit später klingelte das Telefon bei Kurts Mama Manu, die er als seinen Notfallkontakt angegeben hatte. Es meldete sich die Polizeiwache Urania und eine neutrale Frauenstimme setzte Manu von dem Unglück in Kenntnis. Sie hörte beinahe apathisch zu. »Ich, … ich danke ihnen, dass sie mich informiert haben.« Manu legte auf, ohne sich zu verabschieden.

Dann kam wieder Leben in sie. Ich muss zu Kurt. So schnell wie möglich!

Nach rund zwanzig Minuten kam endlich die Ambulanz. Kurt war während der gesamten Zeit voll ansprechbar und tröstete sogar die Polizisten, die doch nur ihre Arbeit getan hätten, wie er betonte.

Im Krankenwagen leiteten die medizinischen Einsatzkräfte weitere lebensrettende Maßnahmen ein. Kurt beschloss ihnen dabei helfen. Also richtete er sich auf der Trage auf und begann seine Jacke und sein T-Shirt auszuziehen. Auch seine Ohrstecker und Kontaktlinsen entfernte er, bis die Sanitäter ihn auf die Liege zurückdrängten und fragten, was er da eigentlich mache.

»Ich bereite mich auf die OP vor,« sagte Kurt. »Schmuck und Sehhilfen sind doch nicht erlaubt, richtig?«

Die beiden Sanitäter schauten sich verdutzt an und dachten, das wäre ihnen auch noch nie passiert. Der Junge stehe bestimmt unter Schock.

In der Notaufnahme waren die Ärzte bereits informiert und erwarteten ihn. Ein erster Blick unter das blutverschmierte Laken ließ aber wenig Hoffnung aufkommen. Dies konnte Kurt dem besorgten Gesicht des Arztes entnehmen.

»Herr von Allmen, es tut mir leid, ihr Unterschenkel ist komplett zertrümmert und hängt nur nach an Hautfetzen. Hier können wir nichts mehr ausrichten. Wir werden ihnen den Unterschenkel amputieren müssen«, sagte der besorgte Arzt.

Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Obwohl Kurt schon eine Vorahnung gehabt hatte, kam die Bestätigung nun von ganz oben. Jetzt wurde Kurt zum ersten Mal richtig bewusst, was passiert war – und was die Konsequenzen daraus sein würden.

»Tja, Scheiße. Dann macht, aber macht schnell!«, war das Letzte, was er vor der Narkose sagte.

Kapitel 3 – 14. März 2002

In Daniels Bar herrschte wieder eine ausgelassene Stimmung und die Gäste sangen lauthals jeden Schlager mit. Plötzlich riss jemand von außen die Tür auf und stürmte in die Bar.

»Da ist ein schrecklicher Unfall passiert, gleich hier um die Ecke!«, rief er außer Atem.

Im gleichen Moment kam auch Reto aus der Disco in der ersten Etage rein und fragte, ob jemand wisse, was da draußen los sei.

»Großes Theater!«, rief der vor ihm hereingestürmte Gast und fuchtelte wild mit den Armen. »Alles abgesperrt. Man sieht gar nichts, überall Polizeiwagen.«

Schon konnten die ersten Gäste ihre Neugier nicht beherrschen und drängten raus zur Unfallstelle.

Blaulichter von Polizei- und Rettungsfahrzeugen blinkten unaufhörlich und immer wieder ertönten Sirenen. Die dunkle Nacht bot ein imposantes Schauspiel, doch wirklich erkennen konnten die Schaulustigen nichts. Polizisten hatten die Straße abgesperrt.

Irgendjemand meinte zu wissen, dass die Polizei einen Einbrecher erwischt hätte.

»Dann hat es ja den Richtigen getroffen«, sagte ein anderer, und bald schon verteilten sich die Zuschauer wieder im Dunkel der Gassen.

Unterdessen wurde in der Bar weitergefeiert. In einer Großstadt war so ein Vorfall nichts Außergewöhnliches und nachdem die erste Neugier befriedigt worden war, ging man schnell wieder zur Tagesordnung über. Einmal mehr klang aus der Musikbox Er hat ein knallrotes Gummiboot, zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Abend.

Daniel läutete die Glocke über dem Tresen und rief in die Menge: »Leute hört zu! Bald wird Wencke Myhre in der Pigalle sein!«

Die Gäste tobten und erhoben die Gläser, denn sie wussten bereits, was sie erwartete. Ein Stammgast würde sich zum ersten Mal auf die kleine Bühne wagen, um die Schlagersängerin mit dem Song Er steht im Tor zu parodieren.

»Karten für die Ebstein-Nacht sind total ausverkauft!«, schrie Daniel, um den Lärm in der Bar zu übertönen, »doch für die Wencke-Nacht gibt es noch ein paar Restkarten. Leute, jetzt zugreifen!«

Am nächsten Morgen erschienen die ersten Pressemitteilungen zum Unfall. Der Verletzte wurde zunächst als Täter hingestellt und der Unfallhergang nur sehr zögerlich beschrieben. Erst nach und nach kam der tatsächliche Ablauf ans Licht. Die Polizei räumte ein:

Da Herr von Allmen gerannt wäre, wollte der Fahrer ihm eigentlich nur den Weg abschneiden. Deshalb sei es zu diesem bedauerlichen Unfall gekommen. Der Polizist sei wegen des Vorfalls arbeitsunfähig und befände sich in psychologischer Betreuung.

Als Kurt aus der Narkose erwachte, schrie er vor Schmerzen. Sein ganzer Körper krampfte. Nie zuvor hatte er so etwas erlebt! Es fühlte sich an, als hätte man ihn an ein Stromkabel angeschlossen und die Leistung voll aufgedreht.

Kurt schlug um sich und erwischte den Kittel eines Arztes, der in der Nähe stand und riss daran. Scheppernd fiel dem Arzt sein Klemmbrett zu Boden. Erschrocken ordnete er daraufhin die Verabreichung eines weiteren starken Sedativums an. Innerhalb weniger Augenblicke wurde der immer noch schreiende Kurt wieder zurück ins Land der Träume befördert.

Ein paar Stunden später erwachte er erneut, diesmal völlig benommen, jedoch ohne höllische Schmerzen. Eine Krankenschwester stand an seinem Bett und erklärte ihm, dass er nun einen Klicker bekäme. Auf den solle er drücken, wenn die Schmerzen unerträglich würden. So bekäme er aus dem Apparat neben dem Bett eine Zusatzration Morphin. Nach einem erfolgten Klick sei dieser dann für sieben Minuten gesperrt.

In seiner Benommenheit kamen bei Kurt aber nur sieben Minuten und drücken an.

Woher zum Kuckuck soll ich denn wissen, wann die sieben Minuten um sind, fragte sich Kurt, doch er war zu schwach, um zu fragen. Also drückte er einfach immer mal wieder auf den Schalter in seiner Hand.

Die Schmerzen hatten nachgelassen, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. Seine Benommenheit schien wie weggeblasen.

Ich muss unbedingt meine Mama und meinen Chef anrufen! Er muss doch wissen, dass ich heute nicht zur Arbeit komme, dachte der besorgte Patient und verlangte nach einem Telefon.

»Ihre Mutter ist bereits informiert und auf dem Weg hierher. Sind sie sicher, dass sie jetzt mit ihrem Chef telefonieren wollen? Hat das nicht noch etwas Zeit?«, fragte ihn die verdutzte Schwester, worauf Kurt etwas bissig erwiderte:

«Hallo? Mein Chef wartet auf mich. Er muss doch Bescheid wissen. Ich will ihn anrufen.«

Kurt wählte die Nummer, die er auswendig kannte und sein Chef meldete sich umgehend.

»Turicum Versicherungen, Andreas Hodler.«

»Hier ist Kurt. Hallo Andreas.«

»Hast du verschlafen?«, fragte sein Chef.

Kurt überlegte, wie er ihm die Nachricht schonend übermitteln könnte. Dann entschied er sich jedoch für »Ich bin ein Bein kürzer.«

»Was? Entschuldige, ich verstehe nicht!«

»Ich liege momentan im Unispital im Aufwachraum. Ich hatte gestern Nacht einen Unfall und man musste mir ein halbes Bein amputieren.«

Am anderen Ende der Leitung blieb es zunächst still, dann rief Andreas in den Hörer: »Um Gottes Willen, Kurt! Wo liegst du? Ich komme vorbei. Ist das möglich?«

Kurt sagte: »Gerne, ja! Im Unispital, dann werde ich dir alles im Detail erzählen!«

Er freute sich auf diesen Besuch während er weiterhin fleißig auf dem Bonus-Knöpfchen seiner Morphininfusion rumklickte.

»Frau von Allmen?«, hörte Manu eine tiefe Stimme von hinten und drehte sich um. Ein Arzt, etwa Mitte dreißig, bat sie in einem angenehmen Hochdeutsch ihm zu folgen. Sie ging neben dem Arzt her und hatte das Gefühl, dass sie sich wie in Zeitlupe bewegte. Sie wollte endlich wissen, was los war.

»Wie geht es meinem Sohn? Was ist passiert?«, fragte sie aufgeregt.

»Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er ist schon wach und sie können ihn gleich sehen.«

Den Umständen entsprechend. Wie hasste sie diese nichtssagende Umschreibung. Am liebsten hätte sie den Kerl gepackt und geschüttelt.

Doch sie folgte ihm weiter in einen Besprechungsraum und er begann bereits, während sie sich noch einen Stuhl heranzog, zu beschreiben, was sich in den letzten Stunden im Operationssaal ereignet hatte.

»Frau von Allmen, ich muss ihnen leider mitteilen, dass wir das Bein von Kurt nicht retten konnten. Der Aufprall war so heftig, dass wir keine Chance hatten und eine Amputation unumgänglich war.«

Manu starrte wie blind vor sich auf die Tischplatte.

»Unterhalb des Kniegelenks mussten wir sein linkes Bein abnehmen. Der Eingriff verlief soweit erfolgreich.«

»Was meinen sie mit soweit?« Manu zitterte am ganzen Körper. »Ich will ihn sehen. Jetzt, bitte!«

»Haben sie ein bisschen Geduld, er ist gerade erst aufgewacht. Sie werden doch bestimmt noch viele Fragen haben. Danach kann ich sie dann hinbringen, wenn sie wollen.«

»Im Moment habe ich nur eine Frage: Was heißt nun soweit erfolgreich?«

»Nun, Komplikationen sind besonders bei einer solchen Operation nicht ausgeschlossen. Wir werden in einer Folgeoperation, die wir so schnell wie möglich machen, auch das Kniegelenk entfernen müssen. Die Abrissstelle ist zu nahe am Kniegelenk und um genügend Haut für einen sauberen und fachgerechten Verschluss des Stumpfes gewährleisten zu können, müssen wir diesen Schritt leider machen. Erst danach kann der Heilungsprozess beginnen.«

Dass das Gewebe an der Abrissstelle bereits nekrotisch wurde, also abstarb, sagte der Arzt ihr nicht.

»Der Verlauf ist leider nicht vorhersehbar und bei dem traumatischen Verlust eines Körperteiles ist der ganze Körper im Alarmzustand.«

»Was heißt das?« Manu tippte ungeduldig mit ihrem Autoschlüssel vor sich auf die Tischplatte. Ihr ging das alles viel zu langsam. Irgendwo in diesem Bunker lag ihr schwer verletzter Sohn und sie wollte endlich zu ihm gebracht werden.

»Wie gesagt, ich würde lieber abwarten, bevor ich ihnen mit Gewissheit sagen kann, wie es weitergeht. Erfahrungsgemäß dauert es in der Regel Jahre, bis der Patient in ein annähernd normales Leben zurückfindet.«

»Wie lange muss er hierbleiben?« Manu hatte plötzlich tausend Fragen, doch sie merkte, dass nun der Arzt ungeduldig wurde.

»Bitte stellen sie sich auf einen längeren Aufenthalt im Spital ein. Als erstes werden wir ihn auch psychisch beobachten und eine auf Amputationsopfer spezialisierte Fachkraft wird sich von Anfang an um ihren Sohn kümmern. Diese Hilfe braucht er dringend.«

Der Arzt erhob sich und bat Manu, noch kurze Zeit zu warten. Er würde sie dann persönlich in Kurts Zimmer bringen. Danach verließ er den Raum und Manu begann leise zu weinen. Sie war an und für sich eine selbstbewusste, starke Frau und hatte schon einige Schicksalsschläge hinter sich gebracht. Sie hatte früh die Eltern verloren und eine böse Scheidung durchlebt. Um ihre eigene Gesundheit war es seit Jahren nicht besonders bestellt, doch sie hatte immer mit beiden Beinen fest im Leben gestanden. Nun ging es um ihr einziges Kind. Sie war verzweifelt und wollte endlich zu ihrem Sohn. Beinahe hätte sie ihn wegen irgend so eines dämlichen Schmierlappens verloren.

Und wo bleibt eigentlich João, überlegte sie.

Da öffnete sich die Tür und der gut aussehende Freund ihres Sohnes, der sonst immer ein strahlendes Lächeln zeigte, wurde von einer Schwester ins Zimmer geführt.

Nichts in seinem Gesicht erinnerte an ein strahlendes Lächeln, stattdessen versteinerte Gesichtszüge mit fragenden Augen.

»Was ist mit Gurt?«

Kurt liebte es, wie João seinen Namen mit einem weichen G aussprach. Manu erzählte mit zitternder Stimme, was sie bisher in Erfahrung gebracht hatte. Während sie die Aussagen des Arztes zu wiederholen versuchte, wurde sie immer wütender. Wütend auf den Arzt, wütend auf den Fahrer, wütend auf die Polizei und überhaupt auf alles und jeden. Sie hätte am liebsten um sich geschlagen, ob der Ungerechtigkeit, die man ihrem Sohn angetan hatte. Ihre Stimme wurde immer lauter und schriller.

»Warum? Wer hat das meinem Sohn angetan? Ich will den sehen, will es ihm ins Gesicht sagen, was für ein hirnrissiger Idiot! Wie können die so unfähige Polizisten ausbilden?« Sie wurde regelrecht hysterisch, sodass eine Schwester in den Raum kam, beruhigend auf sie einsprach und sie in den Arm nahm. Manu fing laut an zu schluchzen.

João saß stumm daneben und wartete. Er schien immer noch nicht begriffen zu haben, was geschehen war.

Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, bis der Arzt endlich zurückkam. Er bat die beiden, ihn zu begleiten. Kurz vorher hatte sich Manu von der Schwester noch etwas zur Beruhigung geben lassen. Es schien schnell zu wirken, denn sie hatte sich wieder beruhigt und konnte dem Oberarzt nach draußen in den langen Spitalgang folgen. João trottete fast unbeteiligt hinterher, noch immer mit leerem Blick, ohne jedes Begreifen der Situation.

»Ihre Mutter und ihr Lebenspartner warten vor der Türe. Fühlen sie sich in der Verfassung, sie jetzt zu sehen?«

Kurt setzte sich auf und strahlte, um gleich darauf das Gesicht vor Schmerzen zu verziehen. »Aua! Das tut aber weh!«

Dann lachte er wieder. »Doch ja, super! Sie sollen kommen. Ich freu mich.«

Der Arzt ging raus zu den Wartenden.

»Frau von Allmen, ihr Sohn ist wach, doch bedenken sie, dass er sich immer noch in der Aufwachphase befindet und starke Schmerzmittel bekommt. Es ist möglich, dass er sich später an nichts erinnert und dass er sich der Schwere und Konsequenzen seines Unfalles noch nicht bewusst ist.«

Manu jedoch drängte den Arzt zur Seite und wollte nur noch ihren Sohn sehen.

»Was soll das denn, Hase!«, rief sie schon fast kreischend ihrem einbandagierten Sohn zu. Sie küsste ihn und kämpfte mit den Tränen. João stand etwas abseits hinter ihr.

»Schau mal, ich habe ein Bein weniger!«, sagte Kurt, fast als würde er ein Witz machen. Er hob die dünne Decke und präsentierte seinen Stumpf. Dieser war eingepackt in einen dunkelgrünen Sack, der Kurt ein wenig an einen US-Army-Reisebeutel erinnerte und es war auch irgendetwas in großen Buchstaben draufgeschrieben, das er aber nicht entziffern konnte. »Ist mehr als gewöhnungsbedürftig!« Er lachte tatsächlich, als er das sagte.

João wurde kreideweiß, als Kurt die Bettdecke anhob. Er stand wie verloren in der Ecke und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Kurt rief ihn zu sich.

»Hallo, mein Schatz, komm her, lass dich drücken! Es tut mir leid, dass ich nicht nach Hause gekommen bin. Ich hoffe, du hast dir keine allzu großen Sorgen gemacht.«